Die Sprache der Herrschaft – und der Ohnmacht Lektion 24 – 2: Der Stählerne – von Trotzki über Goebbels und Wlassow zu Chruschtschow

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Mag­Ma publi­ziert von nun an in regel­mä­ßi­gen Abstän­den die bis­her seit 2012 als Video vor­lie­gen­den und basie­rend auf Über­le­gun­gen von Anfang der 90er Jah­re ent­stan­den Lek­tio­nen zur »Spra­che der Herr­schaft und der Ohn­macht« von:

malcom.z

der wei­ße nig­ger aus deutsch-nordost

ein ehe­ma­li­ger mensch der ehe­ma­li­gen DDR

Bis­her lie­gen vor (nicht alle ursprüng­lich als Video­pod­cast ver­fass­ten Lek­tio­nen eig­nen sich zur schrift­li­chen Ver­öf­fent­li­chung, woher die Lücken in der Num­me­rie­rung herrühren):

Lek­ti­on 9: Arbeit­ge­ber – Arbeitnehmer

Lek­ti­on 10: Rät­sel­haf­te Herzinfarkte

Lek­ti­on 11: Alt­kanz­ler, Alt­bun­des­prä­si­dent, Alt­ei­gen­tü­mer & Diktatur

Lek­ti­on 14: So wahr mir Gott helfe

Lek­ti­on 15: Buß­geld­be­scheid und Bußgeldverfahren

Lek­ti­on 18: Ein­fahrt frei! Der tag­täg­li­che Ari­sie­rungs- Ghetto-Terror

Lek­ti­on 19: Indi­rek­te Behaup­tun­gen und Beweise

Lek­ti­on 20: Die Wei­ber wer­den gefickt, die Ker­le krie­gen die Eier abgeschnitten

Lek­ti­on 21: RECHT: DAS Recht, (DIE) Rech­te / EIN Recht / MEI­NE Rech­te / MEIN Recht, recht – rechts

Lek­ti­on 22: »Ras­sen­theo­rie« und »Tota­li­ta­ris­mus­theo­rie«

Lek­ti­on 23: Natür­li­cher Tod – Frei­tod – Selbst­mord – Schuldeingeständnis

Lek­ti­on 24 – 1: Der Stäh­ler­ne – als Antichrist

Lektion 24 – 2: Der Stählerne – von Trotzki über Goebbels und Wlassow zu Chruschtschow

Die drei­tei­li­ge Lek­ti­on 24 gilt dem fünf­tei­li­gen Buch Der Stäh­ler­ne und des­sen Erklä­rung bzw. einer Ein­füh­rung. Sie­he gern auch: http://​lexi​kon​.wiki​dot​.com/​d​e​r​-​s​t​a​e​h​l​e​rne

Was den Stäh­ler­nen von vie­len Zeit­ge­nos­sen und spä­te­ren Füh­rern unter­schied und was als Pos­ti­tiv-Qua­li­täts- und Unter­schei­dungs­merk­mal nie in den anti-»stalinschen« Dis­kur­sen auch nur erwähnt wer­den darf: ER SCHRIEB!

Also selbst. Also nicht – wie heu­ti­ge Pop­stars aller Berei­che, ledig­lich sei­nen Namen auf Auto­gramm­post­kar­ten. Son­dern in der Par­tei­pres­se und spä­ter auch als Obers­ter Befehls­ha­ber der Roten Armee. Wäh­rend des Gro­ßen Vater­län­di­schen Kriegs z. B. Waf­fen­ge­brauchs­richt­li­ni­en… Und jede Men­ge Tages­be­feh­le sowie­so. In den Zei­ten vor dem Fern­se­hen wur­den die Revo­lu­ti­ons­füh­rer popu­lär und erwar­ben sich das Ver­trau­en der Arbeits­schaft und der Revo­lu­tio­nä­re und vie­ler Men­schen dar­über hin­aus vor allem mit­tels Arti­kel- und Buch­ver­öf­fent­li­chun­gen. Die sie selbst schrei­ben muß­ten; Ghost­wri­ter gab es damals in die­sen Regio­nen des Gesell­schaft­li­chen nicht.

Trotz­ki schrieb auch. Aber im Ver­gleich zu Lenin und Sta­lin war und ist bei ihm nicht all­zu viel, womit man ihn prei­sen könn­te. Womit er den bei­den erst­ge­nann­ten halb­wegs das Was­ser rei­chen könn­te. Umso mehr müß­te eigent­lich auf­fal­len, daß und wie weni­ges von Trotz­ki mit Wich­tig­keit auf­ge­bla­sen wird, wäh­rend die rie­si­ge sta­lin­sche Gesamt­aus­ga­be gleich­zei­tig unter den Pro­pa­gan­da-Tisch fällt.

In der mili­tä­ri­schen Ver­tei­di­gung der Revo­lu­ti­on gegen die Wei­ßen, die abtrün­ni­gen Polen, gegen die Inter­ven­ten, die zwar unter Aus­nut­zung der Schwä­che der Revo­lu­tio­nä­re und mit Betrei­ben durch die Deut­schen zur Abtren­nung Polens, der bal­ti­schen Ter­ri­to­ri­en und gro­ßer west­ukrai­ni­scher und west­be­la­rus­si­scher Ter­ri­to­ri­en führ­te, doch aber auch zur Zurück-Gewin­nung der ter­ri­to­ria­len Inte­gri­tät des größ­ten Staats der Erde, erwarb sich der Stäh­ler­ne sei­ne Epau­let­ten als mili­tä­ri­scher Füh­rer und eben auch sei­nen Ehren­na­men: Der Stählerne.

Aller­dings ist den Deutsch-Mut­ter­sprach­lern, die über kei­ne oder wenig Rus­sisch-Kennt­nis­se ver­fü­gen, nor­ma­ler­wei­se nicht klar, daß der Name Sta­lin vom rus­si­schen Wort für Stahl abge­lei­tet ist. Denn im Rus­si­schen gibt es kein »H«. Also sehen die bei­den Wör­ter ein­an­der zu unähnlich.

Der Stäh­ler­ne wur­de Josef Wis­sa­ri­o­no­witsch ob sei­ner Ver­diens­te u. a. um die Ver­tei­di­gung der Wol­ga-Stadt Zari­zyn, die in Erin­ne­rung sei­nes Ver­tei­di­gungs­bei­trags dann in »Sta­lin­grad« umbe­nannt wur­de. Daß die Stadt, die sei­nen Namen trug, irgend wann ein­mal ihm zu Ehren umbe­nannt wor­den war, darf der Deutsch­trot­tel­un­ter­tan gera­de noch wis­sen, näm­lich zu dem Zweck, ihm den soge­nann­ten Per­so­nen­kult zu »bewei­sen«, ihm die­sen plau­si­bel zu machen. War­um aber die­se Stadt die­sen Namen trug, wel­chen Ver­tei­di­gungs­bei­trag der Stäh­ler­ne geleis­tet hat gegen die Inter­ven­tio­nis­ten und Vater­lands­ver­rä­ter, darf der west­welt­li­che Unter­tan kaum noch wis­sen. Auch nicht, wie vie­le Städ­te in der Sowjet­uni­on die Namen rus­sisch-sowje­ti­scher Revo­lu­tio­nä­re und Huma­nis­ten erhiel­ten. Und daß das nicht mehr und nicht weni­ger als ein Zei­chen der neu­en Zei­ten und neu­en Gerech­tig­keit war, darf er schon gar nicht den­ken: Bis dahin waren Städ­te nach Zaren und sons­ti­gem ade­li­gem Geschmack benannt. Ob Peter oder Katha­ri­na, ob Zaren­tum oder Wla­di­mir. Und so ergibt sich auch hin­sicht­lich der mili­tä­ri­schen Ver­diens­te die sel­be erzäh­le­ri­sche Asym­me­trie zuguns­ten Trotz­kis: Wäh­rend die Pro-Trotz­ki-Pro­pa­gan­da nicht müde wird, einer­seits die Ver­diens­te Trotz­kis um die Schaf­fung der Roten Armee zu wür­di­gen, um gleich­zei­tig die angeb­li­chen Ver­bre­chen die­ser Armee Sta­lin anzu­las­ten und dabei Lenin fast völ­lig her­aus­zu­hal­ten, kommt Sta­lin als Armee­füh­rer und Mili­tär­be­fehls­ha­ber die­ser Zeit gar nicht erst vor. Um die Legi­ti­mi­tät des Nach­fol­gers Trotz­ki plau­si­bel zu machen.

Wie auch die in den 1950ern ein­ge­führ­te Erzäh­lung, die Benen­nung von Orten nach Revo­lu­tio­nä­ren zu deren Leb­zei­ten – haupt­de­nun­zia­to­risch mit »Sta­lin­grad« plau­si­bel gemacht – sei sta­li­nis­tisch, nicht die Fra­ge erlaub­te: Wann wur­de und war­um eigent­lich die US-Haupt­stadt Washing­ton benannt? Anstatt die­se Fra­ge zu beant­wor­ten wur­de in Ber­lin, Haupt­stadt der DDR, z. B. das Wal­ter-Ulb­richt-Sta­di­on in Ber­lin umbe­nannt. Die Hon­ecker-Leu­te hat­ten sich dem west­li­chen Pro­pa­gan­da-Druck gebeugt. Waren aber nicht die Pro­pa­gan­da-Unter­wer­fungs-Haupt­schul­di­gen, die saßen in Mos­kau, und gegen deren Dik­ta­te konn­ten die deut­schen Ein­heits­par­tei­ler den Anti-»Stalinismus« nicht igno­rie­ren. Und wie nach dem Sturz der Sta­lin­denk­mä­ler auch die Lenin­denk­mä­ler umge­stürzt und Lenin­stra­ßen und ‑Plät­ze umbe­nannt wur­den, und wenn 20 bis 30 Jah­re dazwi­schen lagen – in Ber­lin war das dann Anfang der 1990er auf Dik­tat der Besat­zer fäl­lig, die Anwoh­ner und DDR-Ber­li­ner moch­ten das Kunst­werk -, so ver­schwand das »Sta­di­on der Welt­ju­gend«, das der­einst das Wal­ter-Ulb­richt-Sta­di­on gewe­sen war, nach dem Anschluß der DDR nach den hit­ler­schen Polit-Sze­na­ri­en von 1938 eben­falls. Sowohl als Ort wie der Name. Heu­te ist dort die Geheim­dienst-Zen­tra­le der Besatzer.

Wenn der soge­nann­te Per­so­nen­kult erzählt wird, müs­sen die­ser Fakt und die­se Zusam­men­hän­ge selbst­ver­ständ­lich ver­schwie­gen wer­den. Des­halb wur­de nie die Fra­ge beant­wor­tet, ja nicht ein­mal öffent­lich gestellt, war­um die Benen­nung Sta­lin­grads nach sei­nem sieg­rei­chen Ver­tei­di­ger Per­so­nen­kult gewe­sen sei, nicht aber die Namen Lenin­grad und Washing­ton, Kali­nin­grad, Gor­ki. Oder Sankt Peters­burg. Und wie sieht es mit der Hel­mut-Schmidt-Uni­ver­si­tät in Ham­burg aus? Und was schlimm dar­an sei, daß der Sie­ger im Kampf im eine Stadt von ihren Bür­gern der­art geehrt wur­de. Und war­um der Per­so­nen­kult um Ade­nau­er, Eli­sa­beth und Dia­na, Brandt, Schmidt-Schnau­ze, Clin­ton, den Micro­soft- und Apple-Begrün­der, Mick Jag­ger und Udo L. öffent­lich nicht so hei­ßen dür­fen, soll auch nie­mand wis­sen. Und daß die Kor­rek­tur des »per­so­nen­kul­ti­gen« Namens Lenin­grad mit­tels Kult um den Zaren Peter geschah, fällt auch gar nicht erst auf oder ein. Mir ist kei­ne Stadt bekannt, um die Trotz­ki sich so ver­dient gemacht hät­te, daß sie nach ihm benannt wurde.

Kurz und schlecht: Weil Sta­lin der lang­jäh­rig-erfolg­reichs­te sozia­lis­tisch-kom­mu­nis­ti­sche Revo­lu­tio­när aller Zei­ten war, des­we­gen und aus kei­nem ande­ren Grund hat er das heu­ti­ge Image. Er wird nicht schwarz­er­zählt, weil er der behaup­te­te schlimms­te Mas­sen­mör­der und Ver­bre­cher gewe­sen ist, viel­mehr muß er als Ver­bre­cher erzählt wer­den, weil die Welt­herr­schafts­krie­ger der­ma­ßen viel Dreck am Ste­cken und Blut und Schand­ta­ten in ihren Anna­len haben und ihn nicht zuletzt des­halb so böse gezeich­net haben wol­len. Zur nach­träg­li­chen Ver­nich­tung ihres Ver­nich­ters, zur Umschrei­bung der Geschich­te vom Sieg der Gerech­ten. Zur Plau­si­bel­ma­chung des ange­maß­ten Rechts der west­welt­li­chen End­sie­gers, den Staat zu ver­nich­ten, der sich unter sei­ner Füh­rung der­ma­ßen erfolg­reich ent­wi­ckelt und unter sei­nem Obers­ten Befehl ver­tei­digt hat. Denn für eine sol­che tag­täg­li­che Ver­dam­mung über nun schon weit über ein hal­bes Jahr­hun­dert hin­weg muß man Grün­de ange­ben. Indem sein Bei­trag zum Wer­den und Wach­sen und Kämp­fen und Über­le­ben in ein Ver­bre­chen umge­dich­tet wur­de, schlug und schlägt das brau­ne Regime min­des­tens zwei brau­ne Flie­gen mit einer goeb­bel­schen Klap­pe: Die ver­gan­ge­nen Sie­ge der Revo­lu­tio­nä­re wer­den mies- und unkennt­lich und ver­ges­sen gemacht und zukünf­ti­gen wird vor­ge­beugt. Der tota­le End­sieg über den Sieger.

Fidel Cas­tro hat die cuba­ni­sche Revo­lu­ti­on zwar län­ger geführt, und sei­ne Ver­diens­te sind hoch zu loben, und zwar auch und nicht zuletzt nach den neu­tra­len Regeln der UN-Men­schen­rechts­de­kla­ra­ti­on, aber er hat nicht mit sei­nen Kampf­ge­fähr­ten und Genos­sen als Obers­ter Befehls­ha­ber die größ­te Armee des Welt­im­pe­ria­lis­mus zer­schmet­tert, und ana­lo­ges gilt für Mao und andere.

Die Krux und Effek­ti­vi­tät die­ser Nega­tiv-Zerr­bild-Pro­pa­gan­da ergibt sich vor allem dar­aus, daß sein Nach­fol­ger Niki­ta Ser­ge­je­witsch Chruscht­schow die­ses Bild zwar nicht in die Welt gesetzt, aber über­nom­men und als das sei­ne aus­ge­ge­ben hat. Frei­lich ohne zu sagen, daß es das Feind­bild der Nazis war, er hat es, den­ke ich, wahr­schein­lich nicht ein­mal gewußt. Und Niki­ta hat damit die revo­lu­tio­när oder auch nur fort­schritt­lich ein­ge­stell­ten Men­schen die­ser Welt in ein Dilem­ma gere­det und geführt. Sich ent­schei­den zu müs­sen zwi­schen der Wahr­heit und der »Wahr­heit«. Zwi­schen dem, was wahr ist, weil es so war, und dem was »wahr« sein muß­te, weil es der obers­te Hier­arch sag­te und man sich selbst ins Abseits stell­te, wenn man die eine Wahr­heit höher stellt, als die ande­re »Wahr­heit«. Ein wirk­li­ches Dilem­ma für jeden, der sei­ner­zeit für die Revo­lu­ti­on und den Sozia­lis­mus war und für die­sen ein­tre­ten woll­te. Eine Ent­schei­dung, an der so vie­le ver­zagt und geschei­tert sind. Und letzt­lich das gan­ze Pro­jekt. Ein ewi­ges Pro­blem des Her­den­tiers, des zoon poli­ti­con Mensch überhaupt.

Immer mehr auf­rech­te Huma­nis­ten erken­nen seit Jah­ren und Jahr­zehn­ten Mensch­heits-Irr­weg und ‑Sack­ga­se der anti-»stalinischen« Fal­sch­er­zäh­lung; Men­schen inner­halb mar­xis­ti­scher Dis­kur­sho­ri­zon­te nen­nen es Revi­sio­nis­mus. Die­ses Wort aber ist zu schwach ange­sichts der in dem Buch Der Stäh­ler­ne vor­ge­stell­ten und vom Regime aller­höchst­ta­bui­sier­ten Erkennt­nis, daß Niki­ta 1956 auf dem XX. Par­tei­tag nach­re­de­te, was Adolf Hit­lers SS zwölf (= 1000) Jah­re zuvor einen Vor­red­ner pro­pa­gan­da-schwa­feln ließ: Den Mas­sen­mör­der-Gene­ral Wlas­sow in Prag, und zwar im Jahr 1944. Sei­ne anti­sta­lin­sche Vom-Tyrannen-»Befreiungs«-Rede ist in dem erwähn­ten Buch Der Stäh­ler­ne eben­falls doku­men­tiert und kommentiert.

Nach dem Ende des Mas­sen­mor­dens wur­de Wlas­sow auch für die­se Rede und deren Ideo­lo­gie gerech­ter­wei­se hin­ge­rich­tet. Was zwar nicht als ein kon­kre­tes Sta­lin-Ver­bre­chen mehr erzählt wird, aber Wlas­sow ist einer der Mil­lio­nen, die Sta­lin angeb­lich umge­bracht hat. Obwohl jeder auch nur ein wenig his­to­risch Gebil­de­te weiß, daß kei­ner der sowje­ti­schen Mili­tär­rich­ter im Som­mer 1945 einen Sta­lin-Befehl für das Todes­ur­teil gebraucht hat. Zwölf Jah­re spä­ter hat­te die­se Nazi-Ideo­lo­gie die Füh­rung der Par­tei und Uni­on längst infi­ziert. Was die west­li­che Welt­herr­schaft dem Chruscht­schow heu­te noch dankt. Indem sie sei­ne poli­ti­sche Will­kür, sei­ne sowjet­schäd­li­chen Eska­pa­den, sei­ne Polit-Clown-Show, sei­ne Wirt­schafts-Desas­ter-Poli­tik in einem gera­de­zu mild-war­men Licht erschei­nen läßt.

Lek­ti­on 24 – 2 als Video:

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