Imperialismus und Great Reset: Die Krise des Neoliberalismus (Teil 5)

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Dies ist der fünf­te Teil einer acht­tei­li­gen Serie von Jan Mül­ler zur aktu­el­len Impe­ria­lis­mus­de­bat­te in der kom­mu­nis­ti­schen Bewe­gung. Sie beinhal­tet fol­gen­de­ne Teile:

1. Ein­lei­tung & Marx­sche Methode

2. Klas­si­scher Impe­ria­lis­mus (1895 – 1945)

3. Der Spät­ka­pi­ta­lis­mus (1945 – 1989)

4. Die expan­si­ve Pha­se des neo­li­be­ra­len Kapi­ta­lis­mus (1989 – 2007)

5. Der Neo­li­be­ra­lis­mus in der Kri­se (seit 2007)

6. Chi­nas Auf­stieg und der Abstieg des Wes­tens (bis 2020)

7. Eine vier­te impe­ria­lis­ti­sche Epoche?

8. Schluss­fol­ge­run­gen zum Imperialismus

Der Neoliberalismus in der Krise (seit 2007)

5.1. Die große Weltwirtschaftskrise von 2007 bis 2009 und ihre Folgen

Die glo­ba­le Welt­wirt­schafts­kri­se von 2007 bis 2009 been­de­te die 1989 begin­nen­de lan­ge Wel­le mit einer expan­si­ven Ten­denz und mar­kier­te den Umschlags­punkt zu einer deut­lich kri­sen­haf­te­ren Ent­wick­lung des Kapi­ta­lis­mus. Wie in der Zwi­schen­kriegs­zeit häuf­ten sich seit­dem Kri­sen und Krie­ge. Die Kri­se brach in der Finanz­sphä­re aus, aber es ist davon aus­zu­ge­hen, dass ihre Ursa­chen woan­ders lie­gen. Denn die Funk­ti­on der Finanz­spe­ku­la­ti­on ist es, den Aus­bruch der Kri­se durch den Kre­dit künst­lich hinauszuschieben.

Haupt­ur­sa­che für den kapi­ta­lis­ti­schen Auf­schwung nach 1989 war die plötz­li­che Ver­füg­bar­keit bil­li­ger, in der Regel gut aus­ge­bil­de­ter Arbeits­kräf­te auf dem Welt­markt nach dem Zusam­men­bruch des Sozialismus.

Die­se Fak­to­ren, die den kapi­ta­lis­ti­schen Auf­schwung begüns­tig­ten, ver­lo­ren in den 00er Jah­ren an Wirk­sam­keit. In Ost­eu­ro­pa wur­den mit Bei­tritt der ehe­ma­li­gen RGW-Län­der zur EU lang­sam die Arbeits­kräf­te knapp. Einer­seits wegen der Arbeit­neh­mer­frei­zü­gig­keit inner­halb der EU, aber auch, weil die Indus­trie­pro­duk­ti­on in Ost­eu­ro­pa nicht mehr wie in den 90er Jah­ren rapi­de zurück­ging, son­dern in eini­gen Län­dern, hier vor allem in Ungarn, Tsche­chi­en und der Slo­wa­kei lang­sam wie­der anstieg und schließ­lich das Niveau von 1989 über­traf. Des­halb ver­bes­ser­te sich das Kräf­te­ver­hält­nis zwi­schen Kapi­tal und Arbeit zuguns­ten der Arbei­ter. Ihre Gewerk­schaf­ten konn­ten nun teils beträcht­li­che Lohn­er­hö­hun­gen erreichen.

Prä­si­dent Wla­di­mir Putin gelang es nach 2000, den rus­si­schen Staat zu sta­bi­li­sie­ren und die Olig­ar­chen in ihre Schran­ken zu wei­sen. Der hier­mit ein­her­ge­hen­de Wirt­schafts­auf­schwung führ­te auch in Russ­land zu einem steil anstei­gen­den Lebens­stan­dard und höhe­ren Löh­nen. Begüns­tigt wur­de die­se Ent­wick­lung durch die glo­ba­le Hoch­kon­junk­tur in den Jah­ren vor der gro­ßen Welt­wirt­schafts­kri­se von 2007 bis 2009. Russ­land konn­te sei­ne Ein­nah­men aus dem Öl- und Gas­ver­kauf wesent­lich steigern.

In den 00er Jah­ren waren auch die chi­ne­si­schen Arbei­ter nicht mehr bereit, für die glo­ba­len Kapi­ta­lis­ten zu Hun­ger­löh­nen zu arbei­ten. Teils mili­tan­te Streiks nah­men stark zu und gin­gen häu­fig in Stra­ßen­de­mons­tra­tio­nen über. Bau­ern pro­tes­tier­ten eben­falls mili­tant gegen die ihnen von loka­len Behör­den ille­gal auf­er­leg­ten Steu­ern und Abga­ben. Mit die­sen Aktio­nen konn­te der Abwärts­trend der Löh­ne gestoppt wer­den. Auch in Chi­na stie­gen die Löh­ne; zunächst eher lang­sam, aber nach 2010 sehr deutlich.

Das neue chi­ne­si­sche Arbeits­ver­trags­ge­setz von 2008 ori­en­tier­te sich an ILO-Kern­nor­men und ver­bes­ser­te die Lage der Arbei­ter deut­lich, auch wenn der Natio­na­le Volks­kon­gress gegen­über den mas­si­ven Ver­la­ge­rungs­dro­hun­gen der US- und EU-Unter­neh­men ein­ge­knickt ist und das Gesetz verwässerte.

Die Arbei­ter betrach­te­ten das neue Gesetz jeden­falls als Ermu­ti­gung für ihre Anlie­gen und streik­ten jetzt erst recht. Die Volks­re­pu­blik Chi­na wur­de das streikin­ten­sivs­te Land der Welt, obwohl oder weil die offi­zi­el­len Gewerk­schaf­ten nicht mit­ma­chen. In den 10er Jah­ren gab es hun­dert­tau­sen­de spon­ta­ne Streiks, orga­ni­siert von Akti­vis­ten und zuneh­mend unter­stützt von Betriebs­grup­pen der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei.1

Zwi­schen 2005 und 2016 ver­drei­fach­ten sich die durch­schnitt­li­chen Stun­den­löh­ne der chi­ne­si­schen Arbei­ter und zwar umge­rech­net von 1,2 Dol­lar auf 3,6 Dol­lar. Damit hat die Volks­re­pu­blik die klas­si­schen Schwel­len­län­der wie Bra­si­li­en (2,7 Dol­lar), Thai­land (2,20) und Mexi­ko (2,10) hin­ter sich gelas­sen. In Indi­en lie­gen die Stun­den­löh­ne seit Jahr­zehn­ten bei 0,7 Dol­lar. Die Min­dest­löh­ne in Chi­na sind inzwi­schen höher als in den EU-Staa­ten Bul­ga­ri­en, Rumä­ni­en, Litau­en, Lett­land, Ungarn, Kroa­ti­en, Tsche­chi­en, der Slo­wa­kei und Polen.2

Die Ent­wick­lung der Streiks in Chi­na war im Wes­ten durch­aus bekannt. Weil aber die chi­ne­si­sche Regie­rung eine unab­hän­gi­ge Orga­ni­sie­rung der Arbei­ter unter­band, schien es so, als wären die­se Streiks weit­ge­hend erfolg­los. Aber die­se Ana­lo­gie zur Ent­wick­lung der west­li­chen Arbei­ter­be­we­gung ist falsch. Es macht wohl doch einen Unter­schied, ob ein Land von einer halb­feu­dal-halb­ka­pi­ta­lis­ti­schen Aris­to­kra­tie geführt wird, wie Deutsch­land vor 1918 oder ob eine kom­mu­nis­ti­sche Par­tei an der Regie­rung ist. Obwohl die KPCh in hohem Maße Wege, Metho­den und in bestimm­tem Maße sogar das Ziel der Pro­duk­ti­on vom neo­li­be­ra­len Kapi­ta­lis­mus über­nom­men hat­te, konn­te sie Arbei­ter­un­ru­hen doch nicht so bru­tal nie­der­schla­gen, wie es einem rein kapi­ta­lis­ti­schen Regime mög­lich gewe­sen wäre. Mit der Wahl von Hu Jin­tao zum Gene­ral­se­kre­tär der KPCh im Jahr 2002 wur­de der Aus­gleich der star­ken sozia­len Span­nun­gen zur offi­zi­el­len Poli­tik. Die­se Ten­denz ver­stärk­te sich noch mit der Wahl von Xi Jin­ping im Jahr 2012.

Da die Lohn­hö­he in Chi­na einen star­ken Ein­fluss auf den Wert der Ware Arbeits­kraft im Welt­maß­stab hat, kam nun das Gesetz des ten­den­zi­el­len Falls der Pro­fi­tra­te wie­der voll zum Tra­gen. Auch in Chi­na und Ost­eu­ro­pa wur­den mensch­li­che Arbeits­kräf­te ver­stärkt durch Maschi­nen, vor allem durch Indus­trie­ro­bo­ter ersetzt. Dadurch sank ten­den­zi­ell der zu ver­tei­len­de Mehr­wert im Ver­gleich zum ange­wen­de­ten Kapi­tal. Hier­in lie­gen die tiefs­ten Ursa­chen der Welt­wirt­schafts­kri­se. Aller­dings zei­gen sich auf­grund der Umver­tei­lung des Mehr­wer­tes kri­sen­haf­te Ent­wick­lun­gen nicht pri­mär in den­je­ni­gen Bran­chen mit dem höchs­ten Auto­ma­ti­sie­rungs­grad. Sie zeig­ten sich zudem weni­ger in Chi­na, da dort die orga­ni­sche Zusam­men­set­zung des Kapi­tals immer noch nied­ri­ger ist als im Welt­durch­schnitt und das Land einen gro­ßen Bin­nen­markt mit einer gro­ßen, noch nicht befrie­dig­ten Nach­fra­ge nach dau­er­haf­ten Kon­sum­gü­tern wie Autos hat.

Die gro­ße Welt­wirt­schafts­kri­se von 2007 bis 2009 brach, wie oben ange­deu­tet, zunächst im Finanz­sek­tor aus. Bereits in der Mit­te des Jah­res 2006 began­nen die vor­her in den USA um mehr als 80% ange­stie­ge­nen Immo­bi­li­en­prei­se rapi­de zu fal­len und die­ser Wert­ver­fall mach­te die durch die Immo­bi­li­en besi­cher­ten Hypo­the­ken und deren Deri­va­te zuneh­mend notleidend.

Um die Jah­res­wen­de 2006/07 griff die Immo­bi­li­en­kri­se auf den Finanz­sek­tor über. Der Absturz der Immo­bi­li­en­prei­se und der Anstieg der Hypo­the­ken­zin­sen trie­ben immer mehr Fami­li­en­haus­hal­te und Klein­be­trie­be in die Zah­lungs­un­fä­hig­keit. Dies wie­der­um lös­te die welt­wei­te Hypo­the­ken­kri­se aus. Invest­ment­fonds und Hypo­the­ken­ban­ken gerie­ten durch mas­si­ve Abschrei­bun­gen in die Ver­lust­zo­ne. Zunächst die ame­ri­ka­ni­sche Bank HSBC, dann die schwei­ze­ri­sche UBS und die US-Invest­ment­bank Bear Stearns. Da ver­brief­te US-Hypo­the­ken welt­weit ver­kauft wor­den sind, geriet im Som­mer 2007 das glo­ba­le Bank­sys­tem in eine schwe­re Kri­se. Auch in Deutsch­land sind um die­se Zeit die ers­ten Ban­ken mit Steu­er­gel­dern »geret­tet« wor­den, so zum Bei­spiel die Lan­des­bank Baden-Würt­tem­berg.3

Ab Sep­tem­ber 2007 folg­ten zahl­rei­che Schief­la­gen und Bank­zu­sam­men­brü­che, so die US-Hypo­the­ken­ban­ken Fan­nie Mae und Fred­dy Mac, die bri­ti­sche Hypo­the­ken­bank Nort­hern Rock, erneut Bear Stearns, Leh­man Bro­thers, Mer­ryl Lynch, die islän­di­sche Glit­nir-Bank, die deut­sche Hypo Real Esta­te, die US-Ver­si­che­rung Ame­ri­can Inter­na­tio­nal Group (AIG), die Dresd­ner Bank und zahl­rei­che wei­te­re. Die Schock­wel­len gin­gen bis zum Früh­jahr 2009 wei­ter.4

Im Sep­tem­ber und Okto­ber 2008 kam es zu einem Absturz an den Akti­en­märk­ten. Der DOW-Jones Index fiel von über 14.000 Punk­ten auf unter 7.000 im Jahr 2009. Bis zum Ende des Jah­res 2008 büß­ten die auf den Akti­en­märk­ten notier­ten Unter­neh­men zwi­schen 35 und 40% ihres Wer­tes ein. Man muss von einer effek­ti­ven Ver­nich­tung von einem Drit­tel des Wer­tes des welt­weit gehan­del­ten Akti­en­ka­pi­tals aus­ge­hen.5

Seit dem Som­mer 2007 kam es zu mas­si­ven Tur­bu­len­zen auf den Devi­sen­märk­ten. In der ers­ten Kri­sen­pha­se ver­lor der Dol­lar deut­lich an Wert, um die­se Ent­wick­lung nach einer Ach­ter­bahn­fahrt im Som­mer 2008 umzu­keh­ren. Schwei­zer Fran­ken und Yen wur­den stär­ker, wäh­rend das Pfund und der Euro 20% ihres Wer­tes ver­lo­ren. Die Auf­wer­tung des Dol­lars zeigt, dass sich die Wäh­rungs­re­la­tio­nen von den rea­len Kri­sen­pro­zes­sen abge­kop­pelt hat­ten. Von irgend­wel­chen Ten­den­zen, die Welt­leit­wäh­rung zu ent­thro­nen, konn­te trotz des dra­ma­ti­schen Ein­bruchs der US-Öko­no­mie kei­ne Rede sein.6

Gleich­zei­tig waren die Wäh­run­gen der Schwel­len- und Ent­wick­lungs­län­der einem mas­si­ven Abwer­tungs­druck aus­ge­setzt. Die Wäh­run­gen Ost­asi­ens, Ost­mit­tel­eu­ro­pas und Latein­ame­ri­kas muss­ten Kurs­stür­ze zwi­schen 35 und 45% hin­neh­men. Hin­ter die­sem Wäh­rungs­kol­laps stand eine abrup­te Umkeh­rung der Kapi­tal­strö­me. Wur­de in den Jah­ren vor der Kri­se viel Kapi­tal in die­sen Län­dern ange­legt, so wur­de es nun abge­zo­gen und in die USA trans­fe­riert. Dabei kam nicht nur der lang­jäh­ri­ge Car­ry Tra­de zu einem plötz­li­chen Ende, son­dern es wur­den auch Akti­en­pa­ke­te, Staats­an­lei­hen und Kapi­tal­be­tei­li­gun­gen aller Art abge­sto­ßen. Es erfolg­te also ein Rück­zug der Kapi­tal­ver­mö­gens­be­sit­zer in die ent­wi­ckel­ten Zen­tren des Welt­sys­tems, zum einen, weil sie dort gro­ße Ver­lus­te gemacht hat­ten, die aus­ge­gli­chen wer­den muss­ten, zum ande­ren, weil sie die Metro­po­len trotz allem noch für sta­bi­ler hiel­ten als die nun kri­sen­ge­schüt­tel­ten Schwel­len- und Entwicklungsländer.

Im Ver­lauf des Juli 2008 kam es zu einem Absturz der Lebens­mit­tel- und Ener­gie­prei­se. In die­sem Monat war ein durch­schnitt­li­cher Preis­rück­gang zwi­schen 12 und 13% zu ver­zeich­nen. Erd­öl ver­bil­lig­te sich um 18%, von 147 Dol­lar pro Bar­rel Mit­te Juli auf 120 Dol­lar am Ende des Monats. Zu Beginn des Jah­res 2009 fiel der Erd­öl­preis auf nur noch 40 Dol­lar. Im Okto­ber 2008 gin­gen auch die Prei­se für Basis­me­tal­le wie Kup­fer, Zink, Nickel und Zinn stark zurück (um 25 bis 50%). Dies ist ein deut­li­ches Anzei­chen für einen Rück­gang der Indus­trie­pro­duk­ti­on.7

Im Jahr 2008 brach auch eine Kri­se in der Auto­mo­bil­in­dus­trie aus. Die Unter­neh­men Gene­ral Motors, Ford und Chrys­ler muss­ten 2009 von der US-Regie­rung unter Oba­ma geret­tet wer­den. Eine Bedin­gung dafür waren Mas­sen­ent­las­sun­gen, eine mas­si­ve Lohn­ab­sen­kung und eine Ver­schlech­te­rung der Arbeits­be­din­gun­gen für die ver­blei­ben­den Arbeiter.

Im Herbst 2008 griff die Kri­se auf Toyo­ta, BMW, Daim­ler, Fiat, Peu­got und Renault über. Deut­lich weni­ger betrof­fen war Volks­wa­gen. Im Unter­schied zu den USA wur­den durch Kurz­ar­beit und Kün­di­gung aller Zeit­ar­bei­ter Mas­sen­ent­las­sun­gen der Kern­be­leg­schaf­ten ver­mie­den. Noch här­ter betrof­fen waren die Arbei­ter der Pro­duk­ti­ons­stand­or­te der Auto­mo­bil­in­dus­trie in Ost­mit­tel­eu­ro­pa.8

Alle die­se Nach­rich­ten signa­li­sier­ten einen rapi­den Ver­fall der Pro­fi­tra­ten im Kern­be­reich der indus­tri­el­len Pro­duk­ti­on. Mit den Pro­duk­ti­ons­ein­schrän­kun­gen kor­re­spon­dier­ten auch Akti­en­ab­stür­ze der Auto­mo­bil­kon­zer­ne. Ihre Kurs­ver­lus­te über­tra­fen oft­mals die­je­ni­gen der Groß­ban­ken. Die Aus­wir­kun­gen der Bran­chen­kri­se auf die Zulie­fe­rer waren noch här­ter. Es kam zu abrup­ten Betriebs­schlie­ßun­gen und Beleg­schafts­ent­las­sun­gen. Auch die Bran­chen, die als Pro­duk­ti­ons­vor­stu­fen der Auto­mo­bil­in­dus­trie fun­gie­ren, wie der Maschi­nen- und Anla­gen­bau, die Che­mie- und die Stahl­in­dus­trie erleb­ten dras­ti­sche Pro­duk­ti­ons­rück­gän­ge von 30% oder mehr.

Im Früh­jahr 2008 bün­del­ten sich die ver­schie­de­nen Teil­kri­sen im Kre­dit- und Finanz­sek­tor, auf den Akti­en- und Devi­sen­märk­ten, im Bereich der Roh­stoff­er­zeu­gung, der inter­na­tio­na­len Trans­port­ket­ten und der Indus­trie zu einer Welt­wirt­schafts­kri­se.9 Dies zeigt sich unter ande­rem an einem Rück­gang des rea­len BIP in der BRD im Jahr 2009 um 5,9% und in den USA um 2,6%. In Chi­na ging das BIP-Wachs­tum zwar von 14,25% in 2006 auf 9,45% in 2009 zurück, aber es lag immer noch weit im posi­ti­ven Bereich10. Auch der Welt­han­del ging 2009 stark zurück und zwar um 10,5%. Seit die­ser Zeit wächst er deut­lich lang­sa­mer als vor der Kri­se und auch lang­sa­mer als die indus­tri­el­le Pro­duk­ti­on.11

Die Welt­wirt­schafts­kri­se ging in die bis heu­te wei­ter­schwe­len­de Euro­kri­se über. Die­se hat ihre Ursa­chen in der Fehl­kon­struk­ti­on der Gemein­schafts­wäh­rung Euro. Aber erst in der Welt­wirt­schafts­kri­se wur­den die gro­ßen Ungleich­ge­wich­te sicht­bar. Nach der Euro­ein­füh­rung im Jahr 1999 ström­te auch in die süd­eu­ro­päi­schen Län­der viel über­schüs­si­ges Kapi­tal vor allem aus den ent­wi­ckel­ten Indus­trie­län­dern im Nor­den des Kon­ti­nents. Denn die Besei­ti­gung der Abwer­tungs­ri­si­ken führ­te auch zu einer dras­ti­schen Zins­sen­kung für Kre­di­te der Süd­län­der. Vor Beginn der Kri­se hat­ten Ban­ken und ande­re Finanz­in­sti­tu­tio­nen aus Kern­eu­ro­pa 2,2 Bil­lio­nen Euro nach Spa­ni­en, Grie­chen­land und Por­tu­gal ver­lie­hen. Emp­fän­ger waren mit 567 Mil­li­ar­den die Staa­ten, die damit ihre Haus­halts­de­fi­zi­te finan­zie­ren konn­ten, Ban­ken mit mehr als einer Bil­li­on Euro und Unter­neh­men mit 534 Mil­li­ar­den.12

Mit die­sem Geld wur­de in Spa­ni­en und Grie­chen­land die Infra­struk­tur ver­bes­sert, in Por­tu­gal das Bil­dungs­sys­tem aus­ge­baut und in Ita­li­en die Indus­trie­for­schung ange­kur­belt. Zudem lös­ten Kre­di­te in Spa­ni­en einen Bau­boom im Pri­vat­sek­tor aus.13

Wie oben beschrie­ben, ver­sieg­ten Mit­te 2008 die Kapi­tal­zu­flüs­se an die Peri­phe­rie­staa­ten inner­halb von Tagen. Ihre Aus­ga­ben stie­gen jedoch wegen der Ban­ken­ret­tun­gen steil an. Bereits mit der Euro­ein­füh­rung wur­den zudem Abwer­tun­gen der Lan­des­wäh­run­gen unmög­lich. Dies ermög­lich­te es der deut­schen Indus­trie, ihre Wett­be­wer­ber in den Süd­län­dern nie­der­zu­kon­kur­rie­ren. Spa­ni­en, Por­tu­gal, Grie­chen­land, Ita­li­en und Frank­reich wur­den zwi­schen 1999 und 2008 rich­tig­ge­hend deindus­tria­li­siert.14

Die eigent­li­che Euro­kri­se begann im Jahr 2009 in Grie­chen­land, als die neu gewähl­te sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Regie­rung unter Minis­ter­prä­si­dent Papan­dre­ou fest­stell­te, dass die Staats­ver­schul­dung deut­lich höher war, als von der Vor­gän­ger­re­gie­rung ange­ge­ben. Das Defi­zit für das Jahr 2008 betrug 7,7 und nicht wie behaup­tet 5% des BIP. Die Neu­ver­schul­dung 2009 wur­de auf 12,5% her­auf­ge­setzt. Spä­ter stell­te sich her­aus, dass sie mit 13,6% noch höher lag.15

Schlag­ar­tig schos­sen auf den Finanz­märk­ten die ver­lang­ten Zins­sät­ze für grie­chi­sche Staats­schul­den in die Höhe. Ende April 2010 lagen sie bei 10,6% für Anlei­hen mit drei­jäh­ri­ger Lauf­zeit und bei 8,9% für Anlei­hen mit 10-jäh­ri­ger Lauf­zeit. Grie­chen­land war damit fak­tisch plei­te und hät­te den Staats­bank­rott erklä­ren müs­sen. Das aber hät­te vor allem die Inter­es­sen der deut­schen und fran­zö­si­schen Ban­ken ver­letzt, die mas­sen­haft grie­chi­sche Staats­an­lei­hen auf­ge­kauft hat­ten. Also wur­de Grie­chen­land »geret­tet«, das heißt, es wur­de dem Land von den EU-Mit­glieds­staa­ten in Form der Euro­päi­sche Finanz­sta­bi­li­sie­rungs­fa­zi­li­tät (ESF) bzw. des Euro­päi­schen Sta­bi­li­täts­me­cha­nis­mus (ESM) neue Kre­di­te zur Ver­fü­gung gestellt. Mit drei Hilfs­pa­ke­ten, die Grie­chen­land 2010, 2012 und 2015 gewährt wur­den, wur­de ihm ein Kre­dit­spiel­raum von 368,6 Mil­li­ar­den Euro eröff­net. Aus­ge­schöpft wur­den davon bis 2015 nur 215,9 Mil­li­ar­den und im Staats­haus­halt ange­kom­men sind nur 10,8 Mil­li­ar­den, also weni­ger als 5 Pro­zent. Der Rest floss in Schul­den­til­gung bzw. Umschul­dung, also in einen Risi­ko­trans­fer von pri­va­ten Ban­ken zu öffent­li­chen Trä­gern (EU, EZB, IWF, ESM).

Die Kre­di­te waren mit här­tes­ten Auf­la­gen für Grie­chen­land ver­bun­den. Durch bru­ta­le Spar­pro­gram­me, Lohn­sen­kun­gen, Libe­ra­li­sie­run­gen, Dere­gu­lie­run­gen und Pri­va­ti­sie­run­gen soll­te das Land zu inter­na­tio­na­ler Kon­kur­renz­fä­hig­keit zurück­fin­den. Mit der Über­wa­chung der Umset­zung der Maß­nah­men wur­de die Troi­ka beauf­tragt. Sie bestand aus Ver­tre­tern der EZB, der EU-Kom­mis­si­on, des IWF und – spä­ter – des ESM. Grie­chen­land wur­de gezwun­gen, drei Memo­ran­den zu unter­zeich­nen, die unter ande­ren zu einem umfang­rei­chen Abbau sozia­ler Rech­te, sowie zu einer Kür­zung von Löh­nen und Ren­ten führ­ten. Das Drit­te Memo­ran­dum war das umfang­reichs­te und här­tes­te. Es ver­lang­te auch noch, dass alle Geset­ze der Troi­ka – spä­ter den Insti­tu­tio­nen – vor­zu­le­gen sind und sie nur mit deren Erlaub­nis ver­ab­schie­det wer­den kön­nen. Grie­chen­land ist damit auf den Sta­tus einer Halb­ko­lo­nie her­ab­ge­sun­ken.16

Die Ret­tungs­pa­ke­te zeig­ten trotz­dem kei­nen Erfolg. Im Gegen­teil: Die Staats­schuld stieg trotzt eines Schul­den­schnitts im Früh­jahr 2012 wei­ter an und erreich­te im vier­ten Quar­tal 2016 179 %. Die Wirt­schafts­leis­tung ist dage­gen stark gefal­len, so dass Grie­chen­land ein Vier­tel sei­nes Brut­to­in­lands­pro­duk­tes ein­ge­büßt hat. Das Zusam­men­strei­chen staat­li­cher Inves­ti­tio­nen, die Absen­kung der Löh­ne sowie die Kür­zung von Sozi­al­leis­tun­gen und Ren­ten um 30% und mehr haben dem Land Kauf­kraft ent­zo­gen und zu zahl­rei­chen Unter­neh­mens­zu­sam­men­brü­chen mit der Fol­ge wei­te­rer Steu­er­aus­fäl­le geführt.17

Haupt­ziel der Troi­ka war aber auch nicht die kurz­fris­ti­ge Rück­kehr zum Wirt­schafts­wachs­tum. In ganz Süd­eu­ro­pa soll­te der Wert der Ware Arbeits­kraft lang­fris­tig abge­senkt wer­den, so dass die­se Regi­on zu einem attrak­ti­ven Bil­lig­lohn­stand­ort wer­den soll­te, der mit Chi­na kon­kur­rie­ren kann. Hier­durch soll­te auch der Druck auf die Löh­ne in Nord­eu­ro­pa stei­gen. Aber auch die­ser Plan ist nicht auf­ge­gan­gen. Nach kata­stro­pha­len BIP-Ein­brü­chen zwi­schen 2007 und 2016 mit einem maxi­ma­len Rück­gang um 10,15% im Jahr 2011 wuchs das BIP ab 2017 wie­der gering­fü­gig, um dann frei­lich 2020 erneut um 9,02% abzu­sa­cken. Das grie­chi­sche BIP erreich­te 2006 mit 352 Mil­li­ar­den Dol­lar sei­nen bis­her höchs­ten Wert. Davon ist der Stand 2021 mit 216,38 Mil­li­ar­den weit ent­fernt.18

Die zwei­te Säu­le zur Sta­bi­li­sie­rung des Euro war neben dem ESM das OMT-Pro­gramm (Out­right Mone­ta­ry Tran­sac­tion). Im Mit­tel­punkt steht dabei das Ver­spre­chen der Zen­tral­bank, Staats­pa­pie­re der Kri­sen­län­der im Not­fall unbe­grenzt auf­kau­fen zu wol­len. Die­se Zusa­ge gab EZB-Prä­si­dent Mario Draghi auf einer Pres­se­kon­fe­renz am 26. Juli 2012. Bis­her bedurf­te es nicht mehr als die­ses Ver­spre­chens. Allein dar­auf­hin kehr­te das Ver­trau­en der Inves­to­ren in die Boni­tät der Kri­sen­län­der zurück. Sie haben die Risi­ko­prä­mi­en im Zins gesenkt und den Kri­sen­län­dern, aber auch Ita­li­en und Spa­ni­en mehr Luft zum Atmen gege­ben.19

Unter dem Namen Quan­ti­ta­ti­ve Easing (Quan­ti­ta­ti­ve Erleich­te­rung) wur­de ab 2015 erneut ein Auf­kauf­pro­gramm auf­ge­legt, bei dem nicht nur Staats­pa­pie­re, son­dern auch Anlei­hen euro­päi­scher Insti­tu­tio­nen und sogar Fir­men auf­ge­kauft wur­den. Ein wei­te­res Instru­ment zur Sta­bi­li­sie­rung der Euro­zo­ne war die meh­re­re Jah­re von der EZB ver­folg­te Nied­rig­zins bzw. Null­zins­po­li­tik. Nur dadurch konn­te Län­dern wie Ita­li­en, Por­tu­gal und Spa­ni­en der Zugang zu Kre­di­ten mit noch trag­ba­ren Zin­sen offen­ge­hal­ten werden.

Aber die­se Nied­rig­zins­po­li­tik hat­te schäd­li­che Neben­wir­kun­gen. Der hier­durch ange­fach­te Immo­bi­li­en­boom ließ die Kos­ten für Häu­ser und Woh­nun­gen und damit auch die Mie­ten in die Höhe schnel­len. Sie übte zudem Druck auf Spar­ver­mö­gen, Ren­ten und Stif­tungs­ei­gen­tum aus.20

Durch ver­schie­de­ne fis­ka­li­sche (Folter-)Werkzeuge wie dem so genann­ten Six­pack und dem Fis­kal­pakt wur­de die fis­ka­li­sche Dis­zi­plin der Euro­staa­ten ab dem Dezem­ber 2011 dras­tisch verschärft:

  • Schmerz­haf­te Sank­tio­nen und Geld­straf­ten kön­nen gegen ein­zel­ne Staa­ten bei Ver­let­zung des Sta­bi­li­täts- und Wachs­tums­pak­tes nun qua­si auto­ma­tisch und unab­hän­gig von den Ent­schei­dun­gen des Rates der Finanz­mi­nis­ter in Kraft treten.
  • Mit­glieds­staa­ten, die einen Gesamt­schul­den­stand von mehr als 60% des BIP auf­wei­sen, wer­den ver­pflich­tet, ihn zu ver­rin­gern, und zwar auch dann, wenn ihr jähr­li­ches öffent­li­ches Defi­zit unter dem Refe­renz­wert von 3% des BIP liegt.
  • Ein Land, gegen das ein Defi­zit­ver­fah­ren läuft, kann zu ver­zins­li­chen Ein­la­gen in Höhe von 0,2% des BIP ver­pflich­tet werden.
  • Der im März 2012 ver­ab­schie­de­te Fis­kal­pakt soll bei Län­dern zur Anwen­dung kom­men, deren struk­tu­rel­les jähr­li­ches Defi­zit 0,5% des BIP oder deren Gesamt­schul­den­quo­te 60% des BIP über­schrei­tet. Die Unter­zeich­ner­staa­ten müs­sen in die­sem Fall der EU-Kom­mis­si­on Maß­nah­men zum Abbau der Ver­schul­dung vor­le­gen. Die deut­sche Schul­den­brem­se wur­de damit in die EU expor­tiert. Eine akti­ve keyne­sia­ni­sche Wirt­schafts­po­li­tik des Defi­cit Spen­ding wur­de auf die­se Wei­se unmög­lich gemacht.

Mit den oben beschrie­be­nen Maß­nah­men konn­te immer­hin ver­hin­dert wer­den, dass wei­te­re Euro­län­der wie Spa­ni­en und Ita­li­en zu aku­ten Kri­sen­fäl­len wur­den.21

Die gro­ße Welt­wirt­schafts­kri­se von 2007 bis 2009 und die auf sie fol­gen­de Euro­kri­se lös­ten auf der gan­zen Welt eine bis­her nie dage­we­se­ne Pro­test­wel­le aus.

Bereits im Jahr 2010 fan­den in Grie­chen­land und Spa­ni­en meh­re­re Gene­ral­streiks gegen die Aus­teri­täts­po­li­tik statt, wobei die Regie­run­gen – gestützt von der EU – jede Kon­zes­si­on verweigerten.

Im Dezem­ber 2010 begann der »Ara­bi­sche Früh­ling«. Die Welt­wirt­schafts­kri­se ver­schlech­ter­te auch die Lebens­be­din­gun­gen der Men­schen in der ara­bi­schen Welt. Dage­gen pro­tes­tier­ten Men­schen­mas­sen zunächst in Tune­si­en und Ägyp­ten. Zwar konn­ten sie ihre auto­ri­tä­ren Regie­run­gen stür­zen, aber an ihrer kata­stro­pha­len öko­no­mi­schen Situa­ti­on änder­te sich nichts. Im Früh­jahr 2011 nutz­te der Wes­ten dann die all­ge­mei­ne Pro­test­stim­mung in Ara­bi­en aus, um in Syri­en und Liby­en, den »ehe­ma­li­gen sowje­ti­schen Kli­en­tel­re­gi­men«, Isla­mis­ten zu bewaff­nen und sie in den Kampf gegen die säku­la­ren Regie­run­gen zu schi­cken. Mit Erlaub­nis des UNO-Sicher­heits­ra­tes inter­ve­nier­te der Wes­ten dann in Liby­en und stürz­te die Regie­rung von Muammar al-Ghad­af­fi. Eine ver­gleich­ba­re Stra­te­gie gegen Syri­en schei­ter­te am Veto Russ­lands im UNO-Sicher­heits­rat. Den­noch brach in die­sem Land der Bür­ger­krieg voll aus. So ging der hoff­nungs­vol­le ara­bi­sche Früh­ling in einem Blut­bad unter, wäh­rend sich die öko­no­mi­sche Lage der Bevöl­ke­rung wesent­lich verschlimmerte.

Aller­dings wur­den die Pro­tes­te in Ägyp­ten zum Vor­bild wei­te­rer Kri­sen­pro­tes­te vor allem im Spa­ni­en und Grie­chen­land. Im Mai 2011 ent­stand die 15M-Bewe­gung, die über­all in Spa­ni­en zen­tra­le Plät­ze besetz­te und Demons­tra­ti­ons­zü­ge orga­ni­sier­te. Nur weni­ge Tage spä­ter kam es zu einem wei­te­ren Gene­ral­streik und Mas­sen­de­mons­tra­tio­nen in Grie­chen­land, der die Beset­zung des Syn­tag­ma-Plat­zes am 25. Mai in Athen folg­te. Im Unter­schied zum Jahr 2010 pro­tes­tier­te jetzt nicht nur die orga­ni­sier­te Arbei­ter­klas­se, son­dern gro­ße Tei­le der Bevölkerung.

Anlass waren die Memo­ran­den der Troi­ka, die eine sozia­le Kahl­schlags­po­li­tik durch­setz­te. Haupt­for­de­rung der Pro­tes­tie­ren­den war, dass alle Poli­ti­ker abtre­ten soll­ten. Inner­halb kur­zer Zeit setz­te sich auf den Voll­ver­samm­lun­gen jedoch eine weit­aus poli­ti­sche­re Agen­da durch. Kern­punk­te waren:

  • Ver­hin­de­rung der Ver­ste­ti­gung des ers­ten Memo­ran­dums durch Gesetze
  • Umkrei­sung des Par­la­ments am Tag der Abstimmung
  • Auf­for­de­rung zum Generalstreik

Die Ver­samm­lung der Arbei­ter und Arbeits­lo­sen for­der­te zudem alle Gewerk­schaf­ter auf, die Beset­zung der Betrie­be vor­zu­be­rei­ten, denen die Schlie­ßung droht. Neu­wah­len oder eine Volks­ab­stim­mung wur­den abge­lehnt. Fak­tisch lief die­ses Pro­gramm auf eine sozia­le Revo­lu­ti­on hin­aus. Auf dem Syn­tag­ma eta­blier­te sich die Vor­form einer poli­ti­schen Doppelmacht.

Die Regie­rung spiel­te auf Zeit. Die Abstim­mung wur­de ver­scho­ben und dann in der hei­ßen Som­mer­zeit Ende Juli 2011 nach­ge­holt. Zeit­gleich wur­de der Syn­tag­ma­platz mit unglaub­li­cher Bru­ta­li­tät von der Poli­zei und bewaff­ne­ten faschis­ti­schen Ban­den geräumt. Damit wur­de der Pro­test­be­we­gung das Rück­grat gebro­chen.22

In Spa­ni­en kam es eben­falls zu Platz­be­set­zun­gen, aber hier waren die Pro­tes­te schwä­cher als in Grie­chen­land. Sie flau­ten gegen Ende 2011 ab.23

Im Herbst 2011 erfass­ten die Pro­tes­te mit der Occu­py-Bewe­gung dann auch die USA und Kana­da, nach­dem es in Wis­con­sin bereits im Früh­jahr mas­si­ven Wider­stand gegen die Kür­zungs­po­li­tik der dor­ti­gen Regie­rung gege­ben hat­te. Auch in Groß­bri­tan­ni­en, Isra­el, Ita­li­en und Deutsch­land (hier im Zusam­men­hang mit dem Bau von Stutt­gart 21) kam es zu Unru­hen. In den süd­ost­eu­ro­päi­schen Län­dern Bul­ga­ri­en, Rumä­ni­en, Slo­we­ni­en, Kroa­ti­en und Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na ent­stan­den brei­te Bewe­gun­gen, wobei sich die­je­ni­ge in Bos­ni­en auch dezi­diert gegen die poli­ti­sche Akzen­tu­ie­rung eth­no-natio­na­ler Spal­tungs­li­ni­en richteten.

Noch am 15. Okto­ber 2011 fand ein Glo­ba­ler Akti­ons­tag mit dem Ziel der Ver­net­zung des gesam­ten Pro­test­ge­sche­hens statt.

2013, als die Pro­test­wel­le vie­ler­orts schon abebb­te, ent­fal­te­te sich in der Tür­kei mit der Gezi-Park-Bewe­gung noch ein­mal ein neu­er Schub in der Pro­test­kon­junk­tur.24

Zwar wur­den in Grie­chen­land die Syn­tag­ma-Pro­tes­te gewalt­sam nie­der­ge­schla­gen und die von der Troi­ka instal­lier­te Tech­no­kra­ten-Regie­rung lehn­te trotz wei­te­rer Gene­ral­streiks jedes Zuge­ständ­nis an die Bevöl­ke­rung ab. Aber als Reak­ti­on dar­auf wur­de die Par­tei Syri­za, die Koali­ti­on der radi­ka­len Lin­ken, in der Par­la­ments­wahl am 25. Janu­ar 2015 mit mehr als 36% zur stärks­ten Kraft und konn­te die Regie­rung bil­den. Aber nach nur einem hal­ben Jahr ver­riet sie ihre Wäh­ler und setz­te das drit­te Memo­ran­dum durch – das bru­tals­te von allen. Da die EU-Finanz­mi­nis­ter zu kei­ner­lei Kon­zes­sio­nen gegen­über Grie­chen­land bereits waren, wäre die ein­zi­ge Alter­na­ti­ve der Aus­tritt Grie­chen­lands aus dem Euro und die Wie­der­ein­füh­rung der Drach­me gewe­sen. Davor aber schreck­te die Syri­za-Regie­rung unter Alexis Tsi­pras zurück. Sie befürch­te­te, dass es dann zu einem unkon­trol­lier­ten Absturz der Drach­me und zu hef­ti­gen Spe­ku­la­ti­ons­at­ta­cken gegen die neue Wäh­rung kom­men könn­te. Zudem gab es 2015 außer­halb des Wes­tens kei­ne Macht, an die sich Grie­chen­land hät­te anleh­nen können.

Die ein­zi­ge Mög­lich­keit zur Lösung der Euro­kri­se wäre, dass die Süd­län­der und Frank­reich aus der Gemein­schafts­wäh­rung aus­tre­ten und ihre natio­na­len Wäh­run­gen wie­der ein­füh­ren wür­den. Die­se hät­ten sie dann im Fal­le von Wirt­schafts­kri­sen abwer­ten kön­nen. Der immer noch bestehen­de Wech­sel­kurs­me­cha­nis­mus II (WKM II) hät­te als Auf­fang­netz gegen Spe­ku­la­ti­ons­at­ta­cken die­nen kön­nen. Die EZB hät­te mit­tels Inter­ven­tio­nen am Devi­sen­markt dafür sor­gen kön­nen, dass die neu­en Wäh­run­gen nicht ins Boden­lo­se fal­len. Außer­dem hät­te ein gere­gel­tes Ver­fah­ren für einen Euro-Aus­tritt eta­bliert wer­den müssen.

Aller­dings lag die aktu­el­le Kon­struk­ti­on des Euro im Inter­es­se der deut­schen Kapi­ta­lis­ten. Denn die Teil­nah­me der Süd­län­der bewirk­te eine im Ver­gleich zur deut­schen Wirt­schafts­stär­ke rela­ti­ve Unter­be­wer­tung des Euro, was ihren Expor­ten nütz­te. Des­halb kam es nicht zu einer sol­chen Lösung und die Euro­kri­se schwelt wei­ter.25

In den fol­gen­den Jah­ren ver­schob sich der Schwer­punkt mili­tan­ter Pro­tes­te nach Frank­reich. Hier gab es zwi­schen 2016 und 2020 hef­ti­ge sozia­len Unru­hen als Reak­ti­on auf die Deindus­tria­li­sie­rung des Lan­des und den zuneh­men­den Sozi­al­ab­bau. Ein vor­läu­fi­ger Höhe­punkt des Pro­test­ge­sche­hens war die Gelb­wes­ten­be­we­gung in den Jah­ren 2018/19. Die Bewe­gung gegen die Ren­ten­re­form nahm zur Jah­res­wen­de 2019/20 Züge eines all­ge­mei­nen Auf­stan­des an. Im Jahr 2020 stand Frank­reich kurz vor einer sozia­len Revolution.

Der Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Kees van der Pijl stell­te fest, dass ab 2008 alle Rekor­de für sozia­le Unru­hen gebro­chen wur­den. »Nach 2011 gab es einen star­ken Anstieg der Streiks, als sich ihre Zahl nach Jah­ren des Rück­gangs in einem Jahr ver­drei­fach­te; 2015 wur­de der bis­he­ri­ge Rekord (1988) gebro­chen. Auch die Zahl der regie­rungs­feind­li­chen Demons­tra­tio­nen nahm nach 2010 rapi­de zu, und die Zahl der Unru­hen stieg nicht min­der spek­ta­ku­lär an (nach 2011 ver­sechs­fach­te sie sich) und brach 2013 den Rekord von 1968/69. Das Ver­trau­en in die Regie­rung und noch mehr in ‚offi­zi­el­le‘ Infor­ma­tio­nen nahm in allen Län­dern ab.«26

Letzt­lich blie­ben aber alle Pro­tes­te erfolg­los. Die Regie­run­gen und Kapi­ta­lis­ten waren zu kei­ner­lei Kon­zes­sio­nen mehr bereit. Das wie­der­um bedeu­tet, dass eine wesent­li­che Ver­bes­se­rung der Lebens­be­din­gun­gen der Men­schen nur durch eine sozia­le Revo­lu­ti­on und eine Ent­eig­nung der Kapi­ta­lis­ten mög­lich ist. Dem stan­den aller­dings gro­ße Pro­ble­me im Weg. Zum einen gab es kei­ne glaub­wür­di­ge Alter­na­ti­ve zum neo­li­be­ra­len Kapi­ta­lis­mus und zum ande­ren konn­ten die viel­fäl­ti­gen sozia­len Bewe­gun­gen kei­ne erfolg­rei­che Stra­te­gie zu sei­ner Über­win­dung ent­wi­ckeln. Zudem hiel­ten die Repres­si­ons­kräf­te Armee und Poli­zei den Herr­schen­den die Treue.

Den­noch waren die Kapi­ta­lis­ten auf höchs­te alar­miert. Der US-Ame­ri­ka­ni­sche Glo­bal­stra­te­ge Zbi­gniew Brze­zinski sprach sogar von einem neu­en 1848. Schein­bar waren die Ängs­te der herr­schen­den Klas­se um ihre Besitz­stän­de weit­aus grö­ßer, als sie in der Öffent­lich­keit zuge­ben woll­te.27

Erst­mals in einem Pro­test­zy­klus nutz­ten vor allem jun­ge Leu­te Smart­pho­nes und sozia­le Netz­wer­ke wie Face­book zur poli­ti­schen Mobi­li­sie­rung. Das war Anlass für den Wes­ten, die­se sozia­len Netz­wer­ke scharf zu zen­sie­ren.28

5.2. Der Aufstieg von Blackrock und Co.

Nach der gro­ßen Welt­wirt­schafts­kri­se von 2007 bis 09 ist die Welt­wirt­schaft in eine lan­ge Wel­le mit depres­si­vem Grund­ton ein­ge­tre­ten. Im Wes­ten herrscht säku­la­re Sta­gna­ti­on. Unter­neh­men sind in den Inves­ti­ti­ons­streik getre­ten, Staa­ten las­sen ihre Infra­struk­tur ver­kom­men und der Anteil der Löh­ne am Natio­nal­ein­kom­men wird seit 2007 beschleu­nigt abge­senkt. Das angeb­li­che Wirt­schafts­wachs­tum in den USA beruht zu einem gro­ßen Teil auf sta­tis­ti­schen Tricks. Armut, Arbeits­lo­sig­keit und Unter­be­schäf­ti­gung gras­sie­ren in der gesam­ten west­li­chen Welt.29

Die­se dys­to­pi­schen Zeit erleb­te den Auf­stieg neu­er Kapi­tal­markt­ak­teu­re, von denen die Schat­ten­bank Black­rock der mäch­tigs­te ist.

Die­se neu­en Akteu­re las­sen sich in vier Grup­pen gliedern:

  1. Schat­ten­ban­ken vom Typ Blackrock
  2. Inves­to­ren vom Typ Pri­va­te Equi­ty (»Heu­schre­cken«), Hedge­fonds und Wagniskapitalisten
  3. Die fünf apo­ka­lyp­ti­schen Rei­ter des Inter­net Goog­le, Apple, Micro­soft, Face­book, Ama­zon (GAM­FA)
  4. Unter­neh­men der digi­ta­len Platt­form-Öko­no­mie Uber, Deli­ver­oo, Upworks, Flix­bus30

Invest­ment­ban­ken, Pri­vat­ban­ken und tra­di­tio­nel­le Groß­ban­ken sind durch die Welt­wirt­schafts­kri­se 2007 bis 2009 ange­schla­gen und muss­ten zum Teil hohe Ver­lus­te ver­kraf­ten. Ihre Bedeu­tung ging zurück. Sie sind aber wei­ter­hin wich­tig als Dienst­leis­ter für die neu­en Kapitalmarktakteure.

Black­rock wur­de 1988 von Law­rence »Lar­ry« Fink als Hedge­fonds gegrün­det, erlang­te aber erst in den 00er Jah­ren grö­ße­re Bedeu­tung. Fink gilt als Erfin­der der Wert­pa­pie­re aus ver­brief­ten Immo­bi­li­en- und ande­ren Kre­di­ten, die die Finanz­kri­se von 2007 aus­lös­ten. Den­noch pro­fi­tier­te Black­rock ganz erheb­lich von die­ser Kri­se, denn er wur­de von US-Prä­si­dent Barack Oba­ma beauf­tragt, die Finanz­kri­se zu mana­gen und stieg damit zur welt­weit größ­ten Kapi­tal­sam­mel­stel­le auf.

Dies hat damit zu tun, dass Black­rock in Wen­at­chee, Staat Washing­ton, USA, eine Com­pu­ter­an­la­ge mit 6.000 (!) Groß­rech­nern betreibt. Auf die­ser läuft das Pro­gramm Alad­din (=Asset Lia­bi­li­ty and Debt Deri­va­ti­ve Invest­ment Net­work). Offi­zi­ell soll die­ses Pro­gramm den Han­del mit Wert­pa­pie­ren unter­stüt­zen, in dem alle auch nur denk­ba­ren Fak­to­ren zur Kurs­vor­her­sa­ge genutzt wer­den. Dazu gehö­ren nicht nur im enge­ren Sin­ne öko­no­mi­sche Daten, son­dern auch Regie­rungs­wech­sel, Krie­ge, Mili­tär­ak­tio­nen, Erd­be­ben, Kli­ma­schwan­kun­gen, Streiks- und Oppo­si­ti­ons­be­we­gun­gen, Wech­sel von Kon­sum­ver­hal­ten, Insol­ven­zen und Image­kam­pa­gnen. Der Han­del fin­det dann völ­lig auto­ma­ti­siert statt.

Auf der gan­zen Welt gibt es nichts nur annä­hernd Ver­gleich­ba­res. Allein durch Alad­din hat Black­rock eine uner­mess­li­che Macht ange­häuft.31

Black­rock ist zudem Mit­ei­gen­tü­mer der wich­tigs­ten Bör­sen der west­li­chen Welt, der NYSE, des Nasdaq, der Lon­do­ner Bör­se und der Deut­schen Bör­se in Frank­furt am Main. Black­rock und Co. orga­ni­sie­ren gleich­zei­tig ein nicht-öffent­li­ches, nicht gere­gel­tes Par­al­lel­sys­tem. Das sind die Dark Pools, außer­börs­li­che Han­dels­plät­ze für Akti­en und Wert­pa­pie­re aller Art. In die­sen schwar­zen Löchern ver­mit­telt ins­be­son­de­re Black­rock den direk­ten Kon­takt zwi­schen Käu­fern und Ver­käu­fern. Alle Teil­neh­mer blei­ben nach außen anonym. Schät­zungs­wei­se fan­den im Jahr 2014 schon 40% aller Akti­en­ge­schäf­te in den USA außer­halb der tra­di­tio­nel­len, regu­lier­ten Bör­sen statt.32

Black­rock, Van­guard, Sta­te Street und Co. sind auch Mehr­heits­ak­tio­nä­re in den bei­den Rating-Agen­tu­ren S&P und Moo­dys. Zum einen ver­dient Black­rock als Agen­tur-Mit­ei­gen­tü­mer an den hoch hono­rier­ten Bewer­tun­gen mit, zum ande­ren hat Black­rock so die Mög­lich­keit eines pri­vi­le­gier­ten Ein­blicks in die­se Kon­zer­ne und kann als Mit­ei­gen­tü­mer zudem ein bevor­zug­ter Infor­ma­ti­ons­lie­fe­rant für die beauf­trag­te Agen­tur sein.33

So kom­bi­niert Black­rock die größ­te Daten­ver­ar­bei­tungs­ka­pa­zi­tät der west­li­chen Finanz­bran­che mit der Funk­ti­on als größ­ter Finanz- und Wirtschaftsinsider.

Black­rock hat welt­weit nur 13.000 Beschäf­tig­te. Tra­di­tio­nel­le Ban­ken dage­gen beschäf­ti­gen trotzt aller Spar­or­gi­en immer noch um Grö­ßen­ord­nun­gen mehr Men­schen, so die Deut­sche Bank 100.000. Dies ist mög­lich, weil Black­rock nur super­rei­che Kun­den zu betreu­en hat, die so genann­ten Ultra High Net Worth Indi­vi­du­als. Die Min­dest­ein­la­gen­grö­ße beträgt 50 Mil­lio­nen Dol­lar.34 Die­ser welt­weit reichs­ten Indi­vi­du­en bil­den die trans­na­tio­na­le kapi­ta­lis­ti­sche Klas­se. Nur Black­rock und Co. ken­nen die Namen ihrer Kun­den. Black­rock ist damit auch eine rie­si­ge Anonymisierungsmaschine.

Von allen Kun­den zieht Black­rock Gebüh­ren ein. Den­noch fällt im Durch­schnitt für die selbst unter­neh­me­risch täti­gen Kun­den ein höhe­rer Pro­fit ab als bei ihrem eige­nen Geschäft.

Das von Black­rock kon­trol­lier­te Ver­mö­gen ent­wi­ckel­te sich wie folgt:

Tabel­le 5.2.1. Von Black­rock kon­trol­lier­tes Ver­mö­gen35

Neben Black­rock exis­tie­ren noch wei­te­re Schat­ten­ban­ken. Die fünf größ­ten waren im Jahr 2017:

Tabel­le 5.2.2. Die fünf größ­ten Schat­ten­ban­ken 201736

Black­rock nutzt exten­siv alle wich­tigs­ten Finan­z­oa­sen. Dort sind die aller­meis­ten Ein­zel­fonds ange­sie­delt, die recht­lich als Aktio­nä­re der von Black­rock gehal­te­nen Fir­men gel­ten. Sei­ne 5% RWE-Akti­en teilt Black­rock bei­spiels­wei­se auf 154 Fonds­ge­sell­schaf­ten und Finanz­in­stru­men­te auf, die ihren Sitz in den Finan­z­oa­sen haben. Black­rock grün­det für das Kapi­tal jedes Kun­den eine Unter­neh­mens­hül­le wie zum Bei­spiel Black­rock Hold­co 2 Inc., Black­rock Hold­co 4 LLC, Black­rock Hold­co 6 Inc. Aber die Schat­ten­bank selbst und nicht die ein­zel­nen Kun­den tref­fen alle unter­neh­me­ri­schen Ent­schei­dun­gen.37

Die häu­figs­ten genutz­ten Finan­z­oa­sen sind der US-Bun­de­staat Dela­ware, Luxem­burg, die Nie­der­lan­de, Jer­sey, die Kai­man­in­seln, Groß­bri­tan­ni­en, Sin­ga­pur, Aus­tra­li­en und Kana­da. Black­rock hat sei­nen ope­ra­ti­ven Haupt­sitz in New York, den recht­li­chen Sitz aber in Delaware.

Wie kom­men die­se beträcht­li­chen Pro­fi­te zustan­de? Black­rock nutzt hier­zu eine Rei­he von Methoden:

1. Spe­ku­la­ti­on mit Aktien

Black­rock hält pro Unter­neh­men eine bestimm­te Zahl an Akti­en, meis­tens unter 10%. Aber die Schat­ten­bank spe­ku­liert auch mit ihnen. Des­halb ändert sich die genaue Anzahl der gehal­te­nen Akti­en häufig.

Bei­spiel: Im Jahr 2016 kauf­te Black­rock ande­ren Aktio­nä­ren für eine begrenz­te Zeit ein Fünf­tel aller Luft­han­sa­ak­ti­en ab. Die Schat­ten­bank spe­ku­lier­te dar­auf, dass wegen der Angst vor Ter­ror­an­schlä­gen und wegen des Bre­xits weni­ger Flü­ge gebucht wer­den. Das pas­sier­te auch und die Luft­han­sa-Akti­en stürz­ten um 14% ab. Black­rock und Co. gaben die Lei­hak­ti­en nach eini­gen Wochen an ihre eigent­li­chen Eigen­tü­mer zurück und kauf­ten im Wert gesun­ke­ne Luft­han­sa­ak­ti­en auf – mit Gewinn, denn die Kur­se stie­gen wie­der (Leer­ver­kauf).

Black­rock ist aber nicht nur ein Spe­ku­lant, son­dern auch Haupt­ak­tio­när der Luft­han­sa. Wenn die Spe­ku­la­ti­on mehr ein­bringt als das Hal­ten der Akti­en und die jähr­li­che Divi­den­de, dann wird spe­ku­liert. Black­rock und Co. set­zen stän­dig Tei­le ihrer Akti­en von Luft­han­sa, Daim­ler, Sie­mens, Coca-Cola, Gold­man Sachs etc. zur Spe­ku­la­ti­on ein.38

2. Kar­tel­le, Fusio­nen und Übernahmen

Fusio­nen und Über­nah­men sind Ren­di­te­trei­ber. Ein Bei­spiel ist die Über­nah­me des US-Bio­tech­kon­zerns Mon­s­an­to durch Bay­er. Es han­del­te sich nicht um eine feind­li­che Über­nah­me. Sie wur­de von den Groß­ak­tio­nä­ren bei­der Fir­men ange­scho­ben. Und das sind die­sel­ben: Black­rock, Van­guard, Capi­tal World, Deut­sche Bank. Black­rock ist auch der Groß­ak­tio­när des Bay­er-Mit­ei­gen­tü­mers Deut­sche Bank. Nach dem glei­chen Mus­ter ver­lief die Fusi­on von Lin­de mit Praxair.

Fusio­nen und Über­nah­men zie­hen sich über Mona­te und Jah­re hin. Das ist eine wich­ti­ge Zeit für das von Black­rock und Co gesteu­er­te Auf und Ab der Bör­sen­wer­te der zunächst noch getrenn­ten Unternehmen.

Außer­dem ver­die­nen die von Black­rock her­an­ge­zo­ge­nen Kre­dit­ge­ber, die etwa für Bay­er den Kauf­preis von Mon­s­an­to in zwei­stel­li­ger Mil­li­ar­den­hö­he auf­brin­gen. Zum Bei­spiel die Ban­ken Credit Suis­se, Mor­gan Stan­leym Gold­man Sachs. An allen die­sen Ban­ken sind Black­rock und Co. wie­der­um als Groß­ak­tio­nä­re beteiligt.

Bei Fusio­nen und Über­nah­men ver­die­nen vie­le Bera­ter an den Trans­ak­ti­ons­kos­ten. Der Ver­kauf von Paten­ten, Grund­stü­cken und Unter­neh­mens­an­tei­len muss arran­giert, Poli­ti­ker, Gewerk­schaf­term, Medi­en und Kar­tell­be­hör­den güns­tig gestimmt wer­den. Die Hono­ra­re für Kanz­lei­en wie Fresh­fiel­ds, Wirt­schafts­prü­fer wie PwC und PR-Agen­tu­ren wie Fins­bu­ry belau­fen sich bei einer Fusi­on wie der von Bay­er und Mon­s­an­to auf etwa 2 Mil­li­ar­den Dollar.

Wie immer bei Fusio­nen und Über­nah­men wer­den anschlie­ßend mas­sen­haft Arbeits­plät­ze abge­baut, was die Pro­fi­ta­bi­li­tät der neu­en Fir­ma wei­ter erhöht.

3. Her­un­ter­fah­ren des Wettbewerbs

Black­rock und Co. sind bei vie­len gro­ßen Unter­neh­men der­sel­ben Bran­che gleich­zei­tig Aktio­nä­re. So kommt der Wett­be­werb zwi­schen die­sen Unter­neh­men zum Erlie­gen, wäh­rend die Unter­neh­mens­ge­win­ne stei­gen. Von die­sen pro­fi­tie­ren haupt­säch­lich US-Ame­ri­ka­ni­sche Inves­to­ren, die so immer wei­ter­wach­sen kön­nen. Black­rock und Co. höh­len damit die Fun­da­men­te der Markt­wirt­schaft aus.

In den USA haben zum Bei­spiel die von Black­rock und Co. kon­trol­lier­ten Ban­ken Kar­tel­le gebil­det. Die Gebüh­ren wur­den erhöht und gleich­zei­tig die Gut­ha­ben­zin­sen gesenkt.39

4. Sub­stanz­ver­wer­tung von Unternehmen

Black­rock und Co. ver­wer­ten regel­mä­ßig die Sub­stanz der Unter­neh­men, in die sie ein­stei­gen ohne neue Wer­te zu schaf­fen. Denn sie set­zen die Pro­fi­te der Unter­neh­men ein, um den Wert von deren Akti­en zu stei­gern. Die Kon­zer­ne, an denen Black­rock und Co. betei­ligt sind, kau­fen von Klein­ak­tio­nä­ren mög­lichst vie­le Akti­en zurück und neh­men sie vom Markt. Denn weni­ger Akti­en ver­knap­pen das Ange­bot und trei­ben den Kurs. Oben­drein erhöht sich der zukünf­ti­ge Gewinn pro Aktie, weil er sich auf weni­ger Anteils­schei­ne ver­teilt. Damit wer­den Aus­ga­ben für For­schung und Ent­wick­lung, aber auch für die Ver­bes­se­rung des Pro­duk­ti­ons­ab­lau­fes zurück­ge­fah­ren. Im Grun­de genom­men betrei­ben Black­rock und Co. schon seit Jah­ren eine glo­ba­le Plünderungswirtschaft.

Black­rock und Co. drin­gen bei den ihnen gehö­ren­den Unter­neh­men dar­auf, die Stel­lung der Beschäf­tig­ten zu ver­schlech­tern und die Löh­ne abzu­sen­ken. Aus­la­ge­run­gen, Ein­satz von Leih­ar­bei­tern auf Abruf und Kün­di­gung von Betriebs­rä­ten gehört zu ihrem Geschäfts­mo­dell.40

Black­rock ist seit Jah­ren an allen DAX-Kon­zer­nen betei­ligt. Der Akti­en­an­teil schwankt regel­mä­ßig sehr stark. Er war im Juni 2022 wie folgt:

Tabel­le 5.2.3 Antei­le von Black­rock an den DAX-Kon­zer­nen 202241

Der Ein­fluss von Black­rock und Co. wird über die in der Lis­te genann­ten Betei­li­gun­gen noch dadurch ver­stärkt, dass Black­rock, Van­guard, JPMor­gan Cha­se, Sta­te Street, Fide­li­ty und Capi­tal Group gleich­zei­tig noch Mit­ei­gen­tü­mer ande­rer Kon­zer­ne wie der Deut­schen Bank und der Alli­anz sind, die eben­falls noch Akti­en­an­tei­le an den DAX-Kon­zer­nen besitzen.

Die DAX-Kon­zer­ne sind für Black­rock der stra­te­gi­sche Anker. Dar­über hin­aus sind Black­rock und Co. noch in hun­der­ten wei­te­rer Unter­neh­men in Deutsch­land Mit­ei­gen­tü­mer, zum Bei­spiel bei Rhein­me­tall, Hoch­tief, Jen­op­tik, Deli­very Hero, Kali und Salz etc. Sie sind zudem Mit­ei­gen­tü­mer von tau­sen­den US-Kon­zer­nen wie Apple, Goog­le, Micro­soft, Ama­zon, die in Deutsch­land und der EU eben­falls Poli­tik und Wirt­schaft mitgestalten.

Black­rock und Co. sind die größ­ten Pri­vat­ei­gen­tü­mer von Miet­woh­nun­gen. Sie besit­zen gro­ße Antei­le an den Mie­ten­kon­zer­nen Vono­via und Deut­sche Woh­nen. Die­se Kon­zer­ne haben wesent­lich zur Mie­ten-Explo­si­on in Deutsch­land bei­getra­gen. Mit den Mie­ten stie­gen auch deren Pro­fi­te in exor­bi­tan­te Höhen.42

Vie­le Beob­ach­ter kön­nen sich nicht vor­stel­len, wie Black­rock mit Akti­en­an­tei­len von 3 bis 10% eine so gro­ße Gestal­tungs­macht haben kann.

Black­rock und Co. las­sen die Vor­stän­de der ihnen zum Teil gehö­ren­den Kon­zer­ne regel­mä­ßig in einer Road­show antre­ten und machen Druck: Für höhe­re Pro­fi­te und gerin­ge­re Löh­ne sowie Entlassungen.

Black­rock und Co. ent­sen­den grund­sätz­lich kei­ne Ver­tre­ter in die Auf­sichts­rä­te, son­dern setz­ten sie infor­ma­to­risch aufs Tro­cke­ne. Sie üben Ein­fluss durch direk­ten Kon­takt mit den Kon­zern­vor­stän­den aus. Dadurch hin­ter­trei­ben sie auch die Mitbestimmung.

Black­rock besitzt dar­über hin­aus fol­gen­de Mög­lich­kei­ten der Einflussnahme:

  1. Black­rock und Co. wis­sen über alle wich­ti­gen Unter­neh­men der jewei­li­gen Bran­che Bescheid.
  2. Black­rock und Co. sind auch Mit­ei­gen­tü­mer der wich­tigs­ten Unter­neh­men und Ban­ken der wich­tigs­ten west­li­chen Volkswirtschaften.
  3. Black­rock und Co. sind Mit­ei­gen­tü­mer der wich­tigs­ten Ratingagenturen.
  4. Die Unter­neh­men sind von Dienst­leis­tun­gen abhän­gig, die Black­rock und Co. erbrin­gen (Risi­ko­ana­ly­sen, Finanzmanagement)
  5. Black­rock und Co. beein­flus­sen die Wert­ent­wick­lung der Unter­neh­mens­ak­ti­en und setz­ten damit Vor­stand und Auf­sichts­rat unter Druck, deren Leis­tung am Akti­en­wert gemes­sen wird. Außer­dem hängt davon der Wert des per­sön­li­chen Akti­en­de­pots der Vor­stän­de ab.
  6. Vor allem die drei Kapi­tal­or­ga­ni­sa­to­ren Black­rock, Van­guard und Sta­te Street koor­di­nie­ren ihr Abstim­mungs­ver­hal­ten bei den Aktio­närs­ver­samm­lun­gen und ihre sons­ti­gen Maßnahmen.

Damit kön­nen die Schat­ten­ban­ken den Kurs der Unter­neh­men auch bei einer gerin­gen Betei­li­gung wesent­lich bestim­men.43

Spa­ni­dis behaup­tet, Black­rock hät­te gar kein Inter­es­se dar­an, detail­lier­te unter­neh­me­ri­sche Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, weil das Res­sour­cen bin­den wür­de.44 Im Unter­schied zu Pri­va­te Equi­ty-Inves­to­ren, den berüch­tig­ten Heu­schre­cken, müs­sen Black­rock und Co. das auch gar nicht. Denn es geht Black­rock nicht um kurz­fris­ti­ge Maxi­mal­ren­di­ten, die nur durch Sub­stanz­aus­zeh­rung erreicht wer­den kön­nen. Trotz­dem macht die Schat­ten­bank durch­aus Druck in Rich­tung höhe­rer Pro­fi­te. Die von Black­rock ange­wand­ten Metho­den wie Akti­en­spe­ku­la­ti­on, Kar­tel­le, Fusio­nen und Über­nah­men, Her­un­ter­fah­ren des Wett­be­werbs und Akti­en­rück­kauf bewir­ken lang­fris­tig auch eine Sub­stanz­aus­zeh­rung. Dies ins­be­son­de­re durch ein Zurück­fal­len des Wes­tens im glo­ba­len Wett­be­werb gegen­über dyna­mi­sche­ren Wirt­schafts­räu­men wie China.

In Zwei­fels­fall wird Black­rock natür­lich die US-Inter­es­sen durch­set­zen, allein schon des­halb, weil die Schat­ten­bank dort viel stär­ker inves­tiert ist als in allen euro­päi­schen Stand­or­ten. Das kann erklä­ren, war­um die deut­sche Indus­trie im Jahr 2022 nicht gegen den selbst­mör­de­ri­schen Wirt­schafts­krieg gegen Russ­land pro­tes­tiert hat. Und das ist entscheidend.

Die fol­gen­de Tabel­le gibt den aus­län­di­schen Akti­en­be­sitz an den DAX-Unter­neh­men an:

Tabel­le 5.2.4. Aus­län­di­scher Akti­en­be­sitz an DAX-Unter­neh­men45

Es fand also ein rich­tig­ge­hen­der Aus­ver­kauf statt, wobei der der Anteil des aus­län­di­schen Akti­en­be­sit­zes von 20 auf 58% stieg. Die­se Akti­en gelang­ten schließ­lich direkt oder indi­rekt schließ­lich in die Hän­de der US-Ame­ri­ka­ni­schen Kapi­tal­or­ga­ni­sa­to­ren. Ähn­li­che Ent­wick­lun­gen spiel­ten sich in Frank­reich unter dem Sozia­lis­ten Hol­lan­de, in der Schweiz, Groß­bri­tan­ni­en und Ita­li­en ab.46

Vom Volu­men her sind die Antei­le von Black­rock und Co. an Unter­neh­men und Ban­ken in den USA aber ungleich grö­ßer als in Euro­pa. Dabei sind die Kapi­tal­or­ga­ni­sa­to­ren stark kon­zen­triert. Black­rock, Van­guard und Sta­te Street domi­nie­ren die Sze­ne. Von den 500 größ­ten US-Unter­neh­men sind die gro­ßen Drei in 450 die größ­ten Ein­zel­ak­tio­nä­re, dar­un­ter bei Apple, Coca-Cola, Exxon, Ford, Gene­ral Motors, Gene­ral Electric, Goog­le, Gold­man Sachs, Ama­zon, Face­book und Micro­soft (Stand 2017). An 1.200 wei­te­ren Unter­neh­men haben die gro­ßen Drei zusam­men min­des­tens 40 % aller Eigentumsanteile.

Black­rock hat 70 Nie­der­las­sun­gen in 30 Staa­ten vor allem in den USA und der EU. Schon 2012 war Black­rock Groß­ak­tio­när in 282 der 300 größ­ten west­li­chen Kapi­tal­ge­sell­schaf­ten, gefolgt von Van­guard (267), Sta­te Street (247), Fide­li­ty (239), JPMor­gan Cha­se (219) und Capi­tal Group (172).

Black­rock war 2017 Mit­ei­gen­tü­mer in 17.309 Unter­neh­men, Ban­ken und ande­ren Kapi­tal­or­ga­ni­sa­to­ren. Hin­zu kommt, dass Black­rock auch Mit­ei­gen­tü­mer von Sta­te Street und Van­guard ist und umge­kehrt.47

Goog­le, Apple, Micro­soft, Face­book und Ama­zon, abge­kürzt GAM­FA, wer­den auch als die fünf apo­ka­lyp­ti­schen Rei­ter des Inter­nets bezeich­net. Ihr Bör­sen­wert gehört zu den höchs­ten der Welt.

Die ers­ten vier Kon­zer­ne erbrin­gen immer­hin sinn­vol­le Leis­tun­gen, aber grei­fen dafür alle ver­füg­ba­ren Daten ab, die sie bei ihren Kun­den bekom­men kön­nen und stel­len sie den US-Geheim­diens­ten zur Ver­fü­gung. Goog­le und Face­book haben in ihren unter­schied­li­chen Diens­ten inzwi­schen auch har­te Zen­sur­maß­nah­men ein­ge­führt und die Ver­brei­tung von Infor­ma­tio­nen unter­bun­den, die für den Wes­ten nach­tei­lig sein können.

Ama­zon mit ope­ra­ti­vem Haupt­sitz in Seat­tle, recht­li­chem Haupt­sitz in Dela­ware und mit 560.000 Beschäf­tig­ten welt­weit wur­de in zwei Jahr­zehn­ten zum größ­ten west­li­chen Kon­zern für Online-Ver­sand­han­del. Grün­der Jeff Bezos wur­de 2018 mit 147 Mil­li­ar­den Dol­lar Pri­vat­ver­mö­gen zum reichs­ten Mann der Welt.48

Die Beschäf­tig­ten wer­den abhän­gig von Regi­on, Staat und Kräf­te­ver­hält­nis extrem aus­ge­presst. Befris­te­te Ver­trä­ge, Teilzeit‑, Leih- und Sai­son­ar­beit mit mög­lichst nied­ri­ger Bezah­lung herr­schen vor. In allen Staa­ten lehnt Ama­zon Tarif­ver­trä­ge mit Gewerk­schaf­ten ab. Die gro­ßen Lager­hal­len wer­den in struk­tur­schwa­chen Regio­nen mit bil­li­gen und wil­li­gen Arbeits­kräf­ten ange­sie­delt. Die Chefs för­dern gegen­sei­ti­ge Denun­zia­tio­nen, »Min­der­leis­ter« und Kran­ke wer­den bru­tal her­aus­ge­mobbt. Ama­zon prak­ti­ziert eine sekun­den­ge­naue, dis­zi­pli­nie­ren­de Über­wa­chung der Beschäf­tig­ten.49

Mit Ama­zon Ale­xa und Ama­zon Echo wei­tet der Kon­zern die­se Über­wa­chung auch auf sei­ne Kun­den aus. Ama­zon wer­tet ohne Betei­li­gung der Aus­ge­späh­ten deren intims­tes Pri­vat­le­ben aus und baut dar­auf sei­ne Stra­te­gie einer wei­te­ren All­tags­durch­drin­gung.50

Aggres­si­ver noch als die fünf apo­ka­lyp­ti­schen Rei­ter des Inter­nets wol­len die Platt­form-Kapi­ta­lis­ten Uber & Co bis­he­ri­ge Geset­ze und Regeln bre­chen. Dis­rup­ti­ve Inno­va­ti­on ist ihr Mot­to. Bis­he­ri­ge Geset­ze, Regeln, Ver­fah­ren, Pro­duk­te, Dienst­leis­tun­gen sol­len unter­bro­chen und voll­stän­dig ver­drängt werden.

Als Ube­ri­sie­rung wird der Pro­zess bezeich­net, bei dem Unter­neh­men mit­hil­fe von Inter­net, Smart­pho­ne, Tablet den Kon­takt zwi­schen Ver­brau­chern und Anbie­tern von Pro­duk­ten ver­mit­teln. Am bekann­tes­ten ist der Taxi­dienst­leis­ter Uber, der Ver­mitt­ler von Pri­vat­woh­nun­gen und Hotel­zim­mern AirBnB, die Essens­aus­lie­fe­rer Deli­ver­oo und Deli­very Hero, die Arbeits­ver­mitt­ler Upwork, Wework und Mecha­ni­cal Turk, der Rei­se­ver­mitt­ler Boo​king​.com und der Bus­ver­mitt­ler FlixBus.

Der welt­weit größ­te Taxi­be­trieb Uber besitzt kein ein­zi­ges Taxi, son­dern wälzt die Kos­ten der Fahr­zeu­ge auf die Fah­rer und Eigen­tü­mer ab. Die Mil­lio­nen Taxi­fah­rer von Uber sind Schein­selb­stän­di­ge. Sie wer­den so knapp und recht­los gehal­ten wie nur irgend möglich.

Der Essens­lie­fer­dienst Deli­ver­oo ver­langt von sei­nen ange­schlos­se­nen Restau­rants 25% des Essen­be­tra­ges. Er zieht zusätz­lich pro Kun­de zwi­schen 2,5 Euro und 4,9 Euro ein. In Zukunft möch­te Deli­ver­oo das Kochen selbst über­neh­men. Die mensch­li­che Arbeits­kraft soll aus die­sem Pro­zess ganz aus­ge­schal­tet und das Kochen von Auto­ma­ten geleis­tet werden.

Bis­her machen die Platt­form­ka­pi­ta­lis­ten Ver­lus­te. Sie spe­ku­lie­ren aber auf ein Mono­pol in der Zukunft, wo sie sich für die heu­ti­gen Ver­lus­te schad­los hal­ten können.

Die Platt­form­kon­zer­ne ver­schär­fen die Pra­xis der working poor hin zu einem noch ärme­ren digi­ta­len Pre­ka­ri­at. Ihr glo­ba­les Mil­lio­nen­heer besteht aus Stück­lohn­emp­fän­gern, schein­selb­stän­di­gen Free­lan­cern, Auf-Abruf-Bereit­ste­hern und indi­vi­dua­li­sier­ten Nied­rig­löh­nern. In Deutsch­land haben die Platt­form­kon­zer­ne etwa eine Mil­li­on Beschäf­tig­te. Den Sozi­al­ver­si­che­run­gen ent­ge­hen so jähr­lich Mil­li­ar­den Euro. Die­se Ent­wick­lung führt zu einer Epi­de­mie der Obdach­lo­sig­keit. Sie erreicht in Kali­for­ni­en, dem Zen­trum der Platt­for­m­öko­no­mie, immer neue Höchst­stän­de. Uber und Co. tra­gen somit zu einer wei­te­ren mas­si­ven Ver­ar­mung der Gesell­schaft bei.51

Black­rock und Co. sind auch nur Dienst­leis­ter für die eigent­li­che glo­ba­le Kapi­tale­li­te. Die kri­sen­haf­te Ent­wick­lung der Welt­wirt­schaft ab 2007 bewirk­te nicht nur eine Explo­si­on der Armut und Obdach­lo­sig­keit im Wes­ten, son­dern spie­gel­bild­lich dazu eine Explo­si­on des Reich­tums der weni­gen Mil­li­ar­dä­re, wie die jähr­li­chen For­bes-Lis­ten zei­gen. Das Ver­mö­gen von Bill Gates hat sich seit 2005 mehr als ver­drei­facht auf 129 Mil­li­ar­den Dol­lar. Die ande­ren bekann­ten Mil­li­ar­dä­re und aggres­si­ven Inter­net­ka­pi­ta­lis­ten wie Elon Musk (219 Mil­li­ar­den), Jeff Bezos (171, Ama­zon), Lar­ry Page, Ser­gey Brin (111 und 107, bei­de Goog­le) und Marc Zucker­berg (67, Face­book) sind über­haupt erst in den 10er Jah­ren ganz nach vor­ne vor­ge­sto­ßen in die Lis­te der reichs­ten Män­ner der Welt. Ihr Ver­mö­gen hat sich in der Kri­sen­pe­ri­ode des Kapi­ta­lis­mus mehr als ver­zehn­facht.52

Wenn sich die­se Ent­wick­lung fort­setzt, wird es in eini­gen Jah­ren Bil­lio­nä­re geben. Die Anzahl der Super­rei­chen der ers­ten Liga ist inzwi­schen auf eini­ge 100 geschrumpft. Das sind Dimen­sio­nen, wo per­sön­li­che Abspra­chen mög­lich sind. Dies pas­siert in den zahl­rei­chen Eli­ten­zir­keln, von denen das World Eco­no­mic Forum nur das mäch­tigs­te, aber bei wei­tem nicht das ein­zi­ge ist. Natür­lich mag es in Detail­fra­gen Mei­nungs­un­ter­schie­de zwi­schen ein­zel­nen Olig­ar­chen geben. Aber dar­über ist sehr wenig bekannt. Die­se Mei­nungs­un­ter­schie­de haben jedoch nichts mehr mit inner­ka­pi­ta­lis­ti­scher Kon­kur­renz zu tun. Die zahl­rei­chen mit­ein­an­der ver­bun­de­nen Kapi­tal­sam­mel­stel­len fun­gie­ren de fac­to als ein rie­si­ges glo­ba­les Monopol.

Hier zeigt sich unver­hüllt das Wir­ken der kapi­ta­lis­ti­schen Bewe­gungs­ge­set­ze: Akku­mu­la­ti­on von Reich­tum an einem Pol und Akku­mu­la­ti­on von Armut und Elend am ande­ren. Der gan­ze Reich­tum der Welt wird sich bald in den Hän­den von eini­gen 100 Per­so­nen kon­zen­trie­ren, wäh­rend der Rest im wahrs­ten Wort­sinn nichts mehr besit­zen wird. Ob die Men­schen des­halb glück­lich sein wer­den, wie eine Wer­be­bot­schaft des World Eco­no­mic Forums behaup­tet, darf bezwei­felt werden.

Das von Marx im berühm­ten 23. Kapi­tel des Kapi­tals – Band 1 beschrie­be­ne all­ge­mei­ne Gesetz der kapi­ta­lis­ti­schen Akku­mu­la­ti­on53 wirkt in Rein­form nur dann, wenn es kei­ne Gegen­kräf­te wie die Arbei­ter­be­we­gung gibt. Wie schon im his­to­ri­schen Faschis­mus wur­de im Wes­ten nach 1989 die Arbei­ter­be­we­gung ent­we­der zer­schla­gen oder kor­rum­piert. Das erlaub­te es dem Kapi­tal, die Real­löh­ne unter dem Druck von Arbeits­lo­sig­keit und Kri­se bedeu­tend zu senken.

Die Ent­wick­lung hin zu einem glo­ba­len Mono­pol ist auch die Basis für die trans­at­lan­ti­sche Aus­rich­tung der Medi­en in Euro­pa. Wie der Medi­en­wis­sen­schaft­ler Uwe Krü­ger bereits 2014 in sei­nem Buch Mei­nungs­macht her­aus­ge­fun­den hat, wird die Medi­en­eli­te der EU durch US-geführ­te Stif­tun­gen ori­en­tiert, was die Militär‑, Außen- und Wirt­schafts­po­li­tik betrifft.

In Deutsch­land sind aktiv:

  • die Atlan­tik­brü­cke
  • das Ame­ri­can Insti­tut for Con­tem­pora­ry Ger­man Stu­dies (Washing­ton)
  • der Ger­man Mar­shall Fund of the United States
  • das Aspen Institute
  • die Tri­la­te­ra­le Kommission
  • die Ame­ri­can Academy
  • das Ame­ri­can Coun­cil on Germany

Zu den von ihnen ver­an­stal­te­ten Kon­fe­ren­zen – mit Poli­ti­kern, Mili­tärs, Kon­zern­chefs – wer­den Jour­na­lis­ten der öffent­lich-recht­li­chen wie der pri­va­ten Leit­me­di­en ein­ge­la­den: ZDF, ARD, Die Zeit, FAZ, taz, Die Welt, Süd­deut­sche, Spie­gel, Focus.54

Im Zwei­fels­fall ver­tre­ten die so ein­gen­or­de­ten Redak­teu­re pri­mär die Inter­es­sen der US-Eli­ten und nicht mehr der ein­hei­mi­schen Kapi­ta­lis­ten. Das zeig­te das Jahr 2022 zur Genü­ge. Gäbe es die Deutsch­land AG noch, wür­den die Vor­stän­de etwa der Deut­schen Bank dafür Sor­ge tra­gen, dass die Jour­na­lis­ten pri­mär im Inter­es­se der deut­schen Kapi­ta­lis­ten agie­ren. In die­sem Sin­ne hat noch der legen­dä­re Vor­stands­spre­cher Her­mann Josef Abs Ein­fluss auf die Pres­se­ent­wick­lung der Nach­kriegs­zeit genommen.

5.3. Die Flüchtlingskrise von 2015

Im Jahr 2015 ström­ten mehr als eine Mil­li­on Flücht­lin­ge vor allem aus dem ara­bi­schen Raum nach Euro­pa und hier vor allem nach Deutschland.

Dies führ­te nicht nur dazu, dass die Löh­ne beson­ders im Nied­rig­lohn­sek­tor nied­rig und die Mie­ten hoch blie­ben. Mit einer hohen Migra­ti­ons­ra­te wird offen­bar auch das Ziel ver­folgt, den teil­wei­se noch star­ken sozia­len Zusam­men­halt in Euro­pa auf­zu­kna­cken. Denn die­ser Zusam­men­halt wird als Hin­der­nis für die Erhö­hung der Aus­beu­tungs­ra­te ein­ge­schätzt.55

Das ist auch zum gro­ßen Teil gelun­gen. In den euro­päi­schen Groß­städ­ten leben inzwi­schen einer­seits die so genann­ten Kader, also die geho­be­ne Mit­tel­klas­se, die in den Sek­to­ren Finan­zen, Ver­wal­tung, Leh­re und For­schung, PR und Wer­bung sowie Jour­na­lis­mus tätig ist. Ideo­lo­gisch sind sie Anhän­ger des Links­neo­li­be­ra­lis­mus und ihr wich­tigs­tes Anlie­gen ist die Iden­ti­täts­po­li­tik. Ihr Habi­tus ist der­je­ni­ge der Bobos und Hipster.

Dem steht ein Immi­gran­ten-Sub­pro­le­ta­ri­at gegen­über, das ein­fa­che Dienst­leis­tun­gen ver­rich­tet. Es wird durch die Iden­ti­täts­po­li­tik auf Kos­ten der ein­hei­mi­schen Bevöl­ke­rung mora­lisch auf­ge­wer­tet, aber öko­no­misch knapp gehalten.

Die Kader und das Immi­gran­ten-Sub­pro­le­ta­ri­at domi­nie­ren die Groß­städ­te. Ein­hei­mi­sche Indus­trie­ar­bei­ter, mitt­le­re Ange­stell­te und die Bau­er­schaft leben vor allem in den abge­wer­te­ten Indus­trie­re­vie­ren wie dem Ruhr­ge­biet, in Ost­deutsch­land, in Klein- und Vor­städ­ten und auf dem Lan­de. Die unte­ren Klas­sen der ein­hei­mi­schen Bevöl­ke­rung wer­den mora­lisch von den »Kadern« mas­siv abge­wer­tet – »Wei­ße alte Män­ner« sind für sie der größ­te Abschaum – und in Deutsch­land öko­no­misch durch Hartz IV lang­sam aus­ge­hun­gert – direkt oder indirekt.

Die­se Tei­le der Bevöl­ke­rung sind durch den Ver­lust von Indus­trie­ar­beits­plät­zen und den Nie­der­gang der damit ver­bun­de­nen Mit­tel­schicht z.B. aus Laden­be­sit­zern einer­seits und durch das Anwach­sen der qua­li­fi­zier­ter Wis­sens­öko­no­mie sowie der Unter­schich­ten ande­rer­seits in die Zan­ge genom­men und an den Rand gedrückt wor­den.56

In Deutsch­land ste­hen die »lin­ken« Par­tei­en SPD, Grü­ne und Lin­ke für ein Bünd­nis zwi­schen den »Kadern« und dem Immi­gran­ten-Sub­pro­le­ta­ri­at. Sie ver­tre­ten die ein­hei­mi­sche werk­tä­ti­ge Bevöl­ke­rung nicht mehr. Die ein­hei­mi­sche Bevöl­ke­rung wird als »rechts« und »rechts­ex­trem« geschmäht, wenn sie ihre Stim­me erhebt. Die Arbei­ter­klas­se ist damit nahe­zu voll­stän­dig zum Ver­stum­men gebracht und von jeder poli­ti­schen Mit­wir­kung abge­schnit­ten wor­den. Die geho­be­ne Mit­tel­schicht dage­gen hat einen enor­men poli­ti­schen und kul­tu­rel­len Ein­fluss akkumuliert.

Der sechs­te Teil dreht sich um Chi­nas Auf­stieg und den Abstieg des Westens.

Verweise

1 Vgl. Rüge­mer 2020, S. 278f

2 Vgl. Rüge­mer 2020, S. 280

3 Vgl. Karl-Heinz Roth: Die glo­ba­le Kri­se, Ham­burg 2009, S. 19f

4 Vgl. Roth 2009, S. 20ff

5 Vgl. Roth 2009, S. 26

6 Vgl. Roth 2009, S. 28ff

7 Vgl. Roth 2009, S. 30

8 Vgl. Roth 2009, S. 37ff

9 Vgl. Roth 2009, S. 44

11 Vgl. Leo Mey­er: Glo­ba­ler Kapi­ta­lis­mus vs. Pro­tek­tio­nis­mus, in: Kri­se des Glo­ba­len Kapi­ta­lis­mus und jetzt wohin?, isw-Report 109, Mün­chen 2017, S. 4f

12 Vgl. Andre­as Wehr: Euro­pa, was nun?, Köln 2018, S. 13 und 16

13 Vgl. Wehr 2018, S. 15

14 Vgl. Wehr 2018, S. 16

15 Vgl. Wehr 2018, S. 19

16 Vgl. Wehr 2018, S. 20ff

17 Vgl. Wehr 2018, S. 25

19 Vgl. Wehr 2018, S. 26

20 Vgl. Wehr 2018, S. 28ff

21 Vgl. Wehr 2018, S. 31ff

23 Niko­lai Huke und Olaf Tiet­je: Gewerk­schaft­li­che Erneue­rung in der Euro­kri­se. Neue Orga­ni­sa­ti­ons­for­men der spa­ni­schen Gewerk­schaf­ten wäh­rend des Pro­test­zy­klus ab 2011, in Prok­la 177, S. 524ff

24 Redak­ti­on der Prok­la: Edi­to­ri­al, in Prok­la 177, S. 466ff

25 Vgl. Wehr 2018, S. 41ff

26 van der Pijl 2021, Kapi­tel Ein neu­es 1848?

27 Vgl. van der Pijl 2021, Kapi­tel Ein neu­es 1848?

28 Vgl. Han­nes Hof­bau­er: Zen­sur, Wien 2022, Anonym: Eska­la­ti­on der Zen­sur, Mag­ma 28.06.2022, im Inter­net: https://​mag​ma​-maga​zin​.su/​2​0​2​2​/​0​6​/​a​n​o​n​y​m​/​e​s​k​a​l​a​t​i​o​n​-​d​e​r​-​z​e​n​s​ur/, abge­ru­fen am 14.10.2022

29 Vgl. Rüge­mer 2020, S. 16f.

30 Vgl. Rüge­mer 2020, S. 16

31 Vgl. Rüge­mer 2020, S. 20f.

32 Vgl. Rüge­mer 2020, S. 31

33 Vgl. Rüge­mer 2020, S. 30

34 Vgl. Rüge­mer 2020, S. 21f.

35 Wiki­pe­dia-Arti­kel Black­rock, im Inter­net: https://​de​.wiki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​B​l​a​c​k​R​ock, abge­ru­fen am 14.10.2022

36 Rüge­mer 2020, S. 40

37 Vgl. Rüge­mer 2020, S. 31

38 Vgl. Rüge­mer 2020, S. 18

39 Vgl. Rüge­mer 2020, S. 24 und 33

40 Vgl. Rüge­mer 2020, S. 62f

41 Wiki­pe­dia-Arti­kel Blackrock

42 Vgl. Rüge­mer 2020, S. 46

43 Vgl. Rüge­mer 2020, S. 33ff

45 Vgl. Rüge­mer 2020, S. 43

46 Vgl. Rüge­mer 2020, S. 52ff

47 Vgl. Rüge­mer 2020, S. 59f

48 Vgl. Rüge­mer 2020, S. 162

49 Vgl. Rüge­mer 2020, S. 164

50 Vgl. Rüge­mer 2020, S. 166

51 Vgl. Rüge­mer 2020, S. 199ff

52 Vgl. Wiki­pe­dia-Arti­kel The World’s Bil­lion­aires, im Inter­net: https://de.wikipedia.org/wiki/The_World%E2%80%99s_Billionaires, abge­ru­fen am 14.10.2022

53 Vgl. Karl Marx: Das Kapi­tal – Band 1, MEW 23, Ber­lin 1989, S. 675

54 Vgl. Rüge­mer 2020, S. 229

55 Vgl. van der Pijl 2021, Kapi­tel: Migra­ti­on und das metro­po­li­ta­ne Universum

56 Vgl. van der Pijl 2021, Kapi­tel: Kader, Ein­wan­de­rer und die ein­hei­mi­sche Über­schuss­be­völ­ke­rung, Sah­ra Wagen­knecht: Die Selbst­ge­rech­ten (E‑Book), Kapi­tel: Pri­vi­le­gier­te Opfer – die Iden­ti­täts­po­li­tik, Frank­furt am Main 2021

Bild: Kri­sen­pro­tes­te in Athen 2008. Quel­le ist das inzwi­schen der Zen­sur zum Opfer gefal­le­ne Indymedia.

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