Wie frei ist die Freiheit, die immer die der anderen ist?

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Zu einer altbekannten, immer wieder neu eingepeitschten Blödpropaganda

Wie­der ein­mal bekom­men Lin­ke – und sicher auch »Lin­ke« – ein­an­der in die (poli­ti­schen Streit-) Haa­re wegen eines Sat­zes. Eines Sat­zes aus der rie­si­gen Biblio­thek tat­säch­licher mar­xis­ti­scher Dis­kur­se längst ver­gan­ge­ner Zei­ten. Her­aus­ge­pickt und vor­ge­ge­ben aber nicht ori­gi­när von Mar­xis­ten für Mar­xis­ten. Son­dern von deren Geg­nern. Die kon­se­quen­ter­wei­se dafür sor­gen, daß der Streit nicht auf­hört. Immer wie­der brin­gen die Staats­sen­der den Satz, immer wie­der wird er auch super »alter­na­tiv« in Druck­me­di­en aus­ge­teilt. Und wer in den aso­zia­len Net­zen wer ist, also wer ehr­li­cher Lin­ker, wer Ari­er-Troll ist, läßt sich sowie­so kaum feststellen.

Kaum ein ande­rer Satz ist Anlaß für der­glei­chen Streit. Auch nicht und erst recht nicht von weit bedeu­ten­de­ren Autoren des Mar­xis­mus-Leni­nis­mus oder auch aktu­el­le­ren. Nach den Maß­stä­ben der Ver­tre­ter des M.-L.: Marx? Lenin? Engels? Sta­lin? Ulb­richt? Kuc­zyn­ski? Dimitroff? Die­se Genann­ten haben hun­der­te Sei­ten gedruck­ten Wis­sens der Men­schen-Nach­welt hin­ter­las­sen. Die zu lesen loh­nen. Und wer­den genau des­halb weg- und ver­ges­sen­ge­schwie­gen. Nie­mand soll Sät­ze die­ser Autoren zitie­ren und dis­ku­tie­ren. Nach dem Wil­len der Herr­schen­den. Bes­ten­falls könn­ten die zwei bis drei Erich-Hon­ecker-Zita­te und ein Erich-Miel­ke-Zitat kon­kur­rie­ren, die die Herr­schaft­li­chen ab und an noch sen­den. Hin­sicht­lich der Bekannt­heit und der Polit­ver­wurs­tung. Bei­de gehör­ten nicht zu den gro­ßen Geis­tern der Welterkenntnis:

Der Satz mit dem Ochs und dem Esel, der mit der »Mau­er«, die noch zehn Jah­re ste­hen wer­de, wie auch »Vor­wärts immer, rück­wärts nim­mer«, des einen Erich. Wie auch das – frei­lich nicht sehr glaub­wür­di­ge – Lie­bes­be­kennt­nis des ande­ren Erich in der Volks­kam­mer, das die­ser mehr stot­ter­te als auf­sag­te, da er mit einer sehr über­ra­schen­den Situa­ti­on der Ent­wer­tung der bis­her gel­ten­den Nor­men und sei­ner Per­son kon­fron­tiert war, in der jeder ande­re auch ver­wirrt gewe­sen wäre. Die­se Sät­ze dür­fen, ja sol­len die Deutsch-Unter­ta­nen ken­nen, die ihnen fast immer als lächer­li­che Äuße­run­gen von unter­be­lich­te­ten Ver­bre­chern dar­ge­bo­ten wer­den. Wie die Hit­le­ris­ten Kom­mu­nis­ten und Juden ja auch als Ver­bre­cher erzählten.

Ich bekam die­sen jet­zi­gen, aktu­el­len Dis­kurs-Auf­guß, der mich als alter DDR-Sack schon fast amü­siert, ob der – Ver­zei­hung – Unbe­darft­heit und Fremd-Pro­gram­miert­heit, ob der Inbrüns­tig­keit, mit der Lin­ke und »Lin­ke« genau das den­ken und dis­ku­tie­ren, was sie, obrig­keit­lich aus­ge­ge­ben, sol­len. Tat­säch­lich ist es – neb­bich – ein nun schon Jahr­zehn­te andau­ern­des Trau­er­spiel. Ins­be­son­de­re der Gysi­is­mus – der Trotz­kis­mus-Goe­b­be­lis­mus unse­rer Zeit – hat sich hier höchs­te Ver­diens­te bei der Ver­blö­dung und Revi­sio­nie­rung der DDR-Bür­ger und ande­rer Deut­scher erwor­ben. Die Höhe der Ver­diens­te dürf­te dem Kon­to­stand von Gysi, Wagen­knecht und ande­ren Ver­rä­tern ent­spre­chen. Gera­de das Schwei­gen der Wagen­knecht zu die­sem Frei­heits-Schwach­sinn spricht gan­ze revi­sio­nis­ti­sche Bände.

Ich ver­su­che auf einer WWW-Platt­form mei­nen Polit­senf dazu­zu­ge­ben. Und mache dar­auf auf­merk­sam, daß man eine Sache, eine Aus­sa­ge, einen Satz womög­lich sehr anders sieht und wer­tet, wenn man deren Wer­den kennt. Tat­säch­lich ist es mit dem pro­pa­gan­dis­ti­schen und sons­ti­gen Welt­wis­sen nicht sel­ten so, daß Urhe­ber­schaf­ten und Wer­de­gän­ge, In-Umlauf-Brin­gun­gen, Tra­die­run­gen usw. ver­ges­sen sind und allein des­halb schon die Wer­tung des Bekann­ten falsch ist. Sehr oft ist das Ver­ges­sen nicht zufäl­lig, nicht spon­tan. Gera­de im Bereich der poli­ti­schen Pro­pa­gan­da gehört es zu den Werk­zeu­gen ins­be­son­de­re reak­tio­nä­rer Kräf­te, Urhe­ber­schaf­ten zu fäl­schen oder im Unge­wis­sen zu las­sen bzw. ver­ges­sen zu machen. Wäh­rend Mar­xis­ten jahr­hun­der­te­lang stolz ver­kün­de­ten, offen und ehr­lich anzu­ge­ben, was man wol­le. Sie­he das marx-engel­sche Mani­fest von 1848! Nun, auf Grund der Erfah­run­gen mit dem alten Regime, das par­tout nicht abtre­ten woll­te als Ant­wort auf die Beweis­füh­rung der mar­xis­ti­schen Klas­si­ker, daß es über­lebt sei, auf Grund der vie­len Mor­de, Nie­der­schla­gun­gen von Pro­tes­ten, regime-initi­ier­ten Ver­rä­te­rei­en an und durch die jewei­li­gen kapi­ta­lis­tisch-impe­ria­lis­ti­schen Geheim­po­li­zei­en, Krie­ge-vom-Zau­ne-Bre­chens, muß­ten die ehr­lichs­ten aller gesell­schaft­li­chen Neue­rer seit Beginn der Geschich­te klan­des­tin wer­den. Blie­ben aber den­noch ehr­li­che Leu­te. Um des eige­nen Über­le­bens wil­len. Wie für die Erfül­lung der his­to­ri­schen Mis­si­on. Es begann nicht mir der Nie­der­schla­gung der Com­mu­ne. Die aller­dings ein ein­schnei­den­des Ereig­nis war in die­ser Hinsicht.

Um eini­ge Bei­spie­le zu nen­nen: Die heu­ti­ge Katyn-Erzäh­lung als Mas­sen­mord der Mos­ko­wi­ter, vor allem aber Sta­lins, an taus­en­den Polen ist eine Erfin­dung und Im-Umlauf-Brin­gung des J. Goe­b­bes und des Rib­ben­trop. Letz­te­rer wur­de wegen sei­ner Kriegs-Lügen-Betei­li­gung an den deut­schen Krie­gen in Nürn­berg ver­ur­teilt und hin­ge­rich­tet. Der ande­re hat sich dem mit­tels Sui­zid ent­zo­gen. Wer hat eigent­lich den Satz »Der Spitz­bart muß weg!« ins Rias-Mikro gehetzt? Wie zufäl­lig ist es, daß nie ein indi­vi­du­el­ler Spre­cher ange­ge­ben wur­de? Wer hat 1988 den Luxem­burg-Satz aus­ge­sucht? Gefun­den? Die Demons­tran­ten damals waren offen­sicht­lich kei­ne Luxem­burg-Fans und hat­ten sich nie her­vor­ge­tan durch Theo­rie-Kennt­nis­se. Seit 1988 wur­den die Teil­neh­mer die­ser Pro­vo­ka­ti­on an der Lei­ne der West­me­di­en und West­diens­te vor­ge­zeigt, zitiert, ver­hel­det. Sie durf­ten immer alles sagen, was Ard und Zdf sen­den woll­ten. Aber nie habe ich gehört, daß die­se Urhe­ber­schaft ange­ge­ben wur­de. Wie konn­te das sein? Warum? 

Wie kam es also dazu, daß die­ser Satz zum Zank­ap­fel und zur Beschäftigungs-Ablenkungs-»Therapie« wur­de? Wer weiß, wie lan­ge und war­um er es wur­de? Bedeu­tet es etwas? Und wenn ja, was? Und war­um spielt die­se Bekannt­wer­dung in den hunder­ten, taus­en­den media­len und Par­tei­sti­fungs-Äuße­run­gen nie eine Rol­le? Genau des­halb: Die Unte­ren sol­len über den Satz und Luxem­burg genau das den­ken, was sie sol­len. Das ist gegen­sätz­lich klin­gend und doch das­sel­be. Je nach­dem, auf wel­cher Ebe­ne man es denkt. Sie, also wir, sol­len genau das dis­ku­tie­ren, uns mit dem beschäf­ti­gen, was uns über die Herr­schafts­me­di­en vor­ge­ge­ben wird. Eine Alter­na­ti­ve ist: Luxem­burg lesen. Aber nicht unbe­dingt die Rede, aus der der Satz her­aus­ge­klaubt wur­de. Gleich­zei­tig wer­den die Unte­ren, tat­säch­li­che Lin­ke inklu­si­ve, dres­siert, Ein­zel­sät­ze als das Gan­ze zu nehmen.

Bis zum Janu­ar 1988 spiel­te die­ser Rand­no­ti­zen-Neben­satz kei­ne Rol­le, war er wei­test­ge­hend unbe­kannt. Die weni­gen mar­xis­ti­schen Spe­zia­lis­ten, die sich mit Luxem­burg befaß­ten, nicht im Wes­ten, nicht in der DDR oder in Mos­kau, sahen kei­nen Anlaß, die­sen Satz her­vor­zu­he­ben und zu dis­ku­tie­ren. Weder in der Kapi­ta­lo-Pfaf­fen-Pres­se, noch in den Zir­keln des mar­xis­ti­schen Stu­die­rens spiel­te der Satz irgend­ei­ne Rol­le. Bis dahin, also bis zur Berühmt­wer­dung des Sat­zes 1988 und seit nun schon Jahr­zehn­ten war das Credo des revo­lu­tio­nä­ren Schrei­bens und Tuns der Rosa Luxem­burg: »Wir sind wie­der bei Marx!«

So wur­de es im DDR-M-L-Grund­stu­di­um gelehrt, so wur­de die Frau und Genos­sin, die Vor­kämp­fe­rin und Ermor­de­te in der DDR erzählt und gewür­digt. Wie auch in der Brd in tat­säch­lich kom­mu­nis­ti­schen Krei­sen. Der ori­gi­na­len KPD, spä­ter in denen der DKP, im MSB »Spar­ta­kus« und dar­über hin­aus bei zig taus­en­den Klar­den­ken­den. Auch damals schon eine Min­der­heit in der Brd. Es han­delt sich dabei um eine Aussa­ge der R.L., einen Satz, den sie auf dem Grün­dungs­par­tei­tag der KPD sprach. Und der war für die SED wie für den Staat DDR und Kom­mu­nis­ten und Lin­ke anders­wo einer der Selbst­ver­ge­wis­se­rung, der Her­lei­tung, der Begrün­dung der Rich­tig­keit eigenen Tuns. Kurz nach dem Refe­rat auf dem Grün­dungs­par­tei­tag 1919 wur­de sie ermor­det. Der Satz war somit immer auch gedacht als ein Hin­weis auf die Mordmotive.

Tradiert haben die­ses Credo seit 1919 ihre Genos­sen. Die sie zu Gra­be getra­gen haben, die ihr Grab und ihr Andenken pfleg­ten, die eine schö­ne Toten­ver­mächt­nis­ge­denk­stät­te in Auf­trag gaben, errich­ten lie­ßen, bezahl­ten, die die Nazis 1933 zer­stör­ten. Die ihre Bücher her­aus­ga­ben, die die Mör­der anklag­ten. Auch die spä­te­ren, nach­ge­wach­se­nen, nach­ge­bo­re­nen. Die bei­den berühm­tes­ten DDR- Erichs, E.H. und E.M., ein­ge­schlos­sen. Während es den Brd-Staats­fa­schos jahr­zehn­te­lang eini­ger­ma­ßen an ihrem brau­nen Gesä­ßen vor­bei­ging, was die R.L. wann-wie-wo gesagt hat. In West-Ber­lin immer­hin wur­de in den 1980ern ein Gedenk­ort für R.L. am Land­wehr­ka­nal erkämpft, schließ­lich von den Herr­schen­den erlaubt, eta­bliert. Dort, wo die Frei­korps­ler sie ins Was­ser gewor­fen haben sol­len. Da – vor allem weib­li­che – West-Lin­ke und -»Linke« die R.L. als ihre Vorkämp­fe­rin ansa­hen. Hier erfolg­te schon ein Divi­de et impe­ra bzw. war es erfolg­reich. Lieb­knecht spiel­te kei­ne Rolle bei denen, in West­ber­lin. Wie heu­te im TV: »Mädchen gegen Jungs«! Und die Herr­schen­den und Regie­ren­den erlaub­te das posi­ti­ve Erin­nern an R.L., da es das Erin­nern an Karl Lieb­knecht ausschloß.

Während die revo­lu­tio­nä­ren Arbei­ter von 1919 sie immer gemein­sam ehr­ten und erin­ner­ten. Wie auch in der DDR, in genau die­ser Tra­die­rung. Auch nicht ganz unwich­tig. Wobei Lieb­knecht bei uns wegen sei­nes »Nein« im Reichstag und wegen der Ausru­fung der Repu­blik und wegen der theo­re­ti­schen Defi­zi­te der Luxem­burg gegen­über Lenin etwas höher im Anse­hen stand und erst­ge­nannt war: »Lieb­knecht-Luxem­burg-Demons­tra­ti­on«.

Das änder­te sich just im Janu­ar 1988. Just an dem Tag des ehren­den Geden­kens, seit 1919 immer am 2. Janu­ar-Wochen­en­de, wenn nicht gera­de Nazis an der Regie­rung waren oder ein sozia­lis­ti­scher Staat platt gemacht, also hit­ler-end­be­siegt-wur­de. Denn die 1991er Ehrung war eben­falls aus­ge­fal­len wie zwi­schen 1933 und 1945. Wenn ich es recht erin­ne­re. Was aber falsch gern als »unter­ge­gan­gen« oder »zusam­men­ge­bro­chen« sein erzählt wird. Da sol­che Erzäh­lun­gen den Staat bzw. des­sen Sein beschul­di­gen, eben unter­ge­gan­gen zu sein, also nicht getaugt zu haben, und feind­lich-han­deln­de Sub­jek­te undenk­bar machen. War­um die DDR jahr­zehn­te­lang so ver­bis­sen von außen und mit Hil­fe inlän­di­scher Agen­ten bekämpft wur­de, da sie sowie­so nicht taug­te, wur­de noch nie öffent­lich erklärt.

Soge­nann­te Dissi­den­ten der DDR, also soge­nann­te Bürger­recht­ler ver­wen­de­ten die­sen Satz bis dahin völ­lig unbe­kann­ten Satz der Luxem­burg für eine Stö­rung der Demons­tra­ti­on bzw. Stö­rung des Geden­kens. Für wel­che Bür­ger­rech­te die gestan­den haben, blieb eben­falls ein Brd-Staats­ge­heim­nis. Bes­ser­wis­se­risch Toten­ge­den­ken zu stö­ren? Vom Volk- und Indi­vi­dual­ei­gen­tum ent­eig­net zu wer­den – zig taus­end Mal umfang­rei­cher, schlim­mer als die Ari­sie­run­gen ab 1933? In den Straf­ge­set­zen der Brd ist der­glei­chen straf­be­währt: Sowohl die Stö­rung der Demons­tra­ti­onen Anders­den­ken­der, und das waren zwei­fel­los die Demons­tra­ti­ons­ver­an­stal­ter und ‑Teil­neh­mer. Wenn es in der DDR unter­bun­den wur­de, war es böses­te Diktatur.

Mit den luxem­burgschen Freiheits‑Spruch als Trans­pa­rent dran­gen die Stö­rer quer in den Demons­tra­ti­ons­zug ein. Ein Zitat aus einem heu­te wei­test­ge­hend unwich­ti­gen, damals wie heu­te unbe­kann­ten Text, im hand­schrift­li­chen Ori­gi­nal, wie man im WWW fin­den kann, nach­träg­lich irgend­wo an den Rand des Manu­skripts gekrit­zelt. Und nun kommt’s: Super »zufäl­lig« guck­ten Ard-Kame­ras, die gemäß KSZE-Schluß­ak­te zuge­las­sen waren, auf genau die Stel­le, und etli­che Jah­re wie­der­hol­ten die Regie­rungs-Sen­der die­se paar Sekun­den, da die »Freiheits«-Demostörer in den Demons­tra­ti­ons­zug ein­dran­gen und auch wie­der raus­ge­holt wur­den. Von den bösen »Sta­sis«. Daß die Stör-Akti­on ein Argu­ment sein könn­te für das Vor­han­den­sein derer, die sich der Stö­rer annah­men, durfte und darf nicht gedacht und nicht gesagt wer­den. Nicht zuletzt: Die Brd-Kor­re­spon­den­ten, die die­se Auf­nah­men mach­ten, stan­den nicht im Ver­dacht, beson­ders inter­es­siert zu sein an sozia­lis­ti­schen Mas­sen­de­mons­tra­tio­nen. Ihre Auf­trag­ge­ber hat­ten auch nicht die Absicht, der­glei­chen dem Brd-Publi­kum inter­es­sant und popu­lär zu sen­den. Und die Kor­re­spon­den­ten in der DDR waren hand­ver­le­sen: Die waren so reak­tio­när wie die Brd-Herr­schen­den es brauch­ten. Hat­ten aller­dings bis Ende 1989 jede Men­ge Krei­de gefressen. 

Der Demons­tra­ti­ons­zug war 1988 meh­re­re Kilo­me­ter lang. Mit den mit den Brd-Kame­ras auf­ge­nom­me­nen Bildern wur­den seit­her das von denen benutz­te und auf­ge­nom­me­ne Zitat »berühmt« gemacht. Ein pro­pa­gan­dis­ti­sches Grund­prin­zip: Pro­mo­ti­on einer pro­pa­gan­dis­ti­schen Ansa­ge bedarf des wich­ti­gen Anlas­ses. Gern auch der Insze­nie­rung. »Seit fünf Uhr fünf­und­vier­zig wird jetzt zurück­ge­schos­sen«, »Wollt ihr den tota­len Krieg?«, »Völ­ker der Welt, schaut auf die­se Stadt!«, »Ich bin ein Ber­li­ner«. Immer oder wenigs­tens zumeist wer­den uns die­se Art Sprü­che mit Bil­dern ser­viert, mit his­to­ri­schen Kipp-Punk­ten, mit gran­dio­ser Inszenierung. 

Nun, gran­di­os war die­se Gegen­de­mo 1988 nicht, aber doch so zufäl­lig, daß es kein Zufall gewe­sen sein konn­te. Als uns die West-Welt-Herr­schafts-Pro­pa­gan­dis­ten das Smart­pho­ne-Kurz-Video vom Absturz des Kra­wall­ny in einem Gang eines Lini­en­flug­zeug vor­zeig­ten, war ich spon­tan sofort an die berühm­ten Bil­der der Demons­tra­ti­ons­stö­rung von 1988 erin­nert: Wie zufäl­lig ist es eigent­lich, daß jemand einen lee­ren Mit­tel- oder Sei­ten­gang eines Flug­zeugs filmt? Wie oft und wie lan­ge fin­den Men­schen einen sol­chen Gang als Smart­pho­ne-Film-Motiv inter­es­sant? Und wie lan­ge tut jemand sowas? Paar Sekun­den? Stun­den­lang? Und dann stol­pert der Kra­wall­ny »zufäl­lig« in die­se Auf­nah­me hin­ein und bricht zusam­men. Daß mög­lichst die gan­ze Welt die­se »Zufalls«-Aufnahmen als Beweis für die Hin­ter­häl­tig­keit des Putin und sei­ner als Scher­gen vor­ge­stell­ten Lands­leu­te ansieht. Unvor­stell­bar, daß die­ser Putin das macht, was die meis­ten Rus­sen wol­len und was in deren Inter­es­se ist. Und ana­log zu ande­ren Sät­zen hat man uns nie mit­ge­teilt: Wer hat die Auf­nah­me eigent­lich gemacht? Wie ist sie in die west­welt­li­chen Medi­en gekom­men. Rät­sel, Rät­sel, Rät­sel? Sim­pels­te Fra­gen, die tabu sind, daß die Unter­ta­nen nicht über die Zusam­men­hän­ge stol­pern, die nicht bekannt gege­ben werden.

Und so wird das Frei­heits-Zitat seit dem Janu­ar 1988 immer und immer wie­der erzählt und inter­pre­tiert – seit etlichen Mona­ten sagen unse­re Geis­tes­wäch­ter »ein­ord­nen« dazu – in den ers­ten Jah­ren zumeist bebil­dert mit Boh­ley & Co. Das ist heu­te nicht mehr nötig. Und auch nicht mehr so effek­tiv, weil die Typen kaum mehr bekannt sind. Und selbst wenn man die Namen kennt, sind die jun­gen Gesich­ter kaum wie­der­erkenn­bar. Das Frei­heits-Zitat ist eines der bekann­tes­ten eines mar­xis­ti­schen Texts. Wenn nicht sogar mitt­ler­wei­le das bekann­tes­te. Das ande­re ist ver­ges­sen gemacht, aus­ge­löscht. Fast so »zufäl­lig« zustan­de­ge­kom­men wie das Handy-Video vom Zusam­men­bruch Krawallnys im Flug­zeug. Wenn das nicht geheim­dienst­lich ver­ab­re­det war, dann ist die brd nicht faschis­tisch: Die Trans­pa­ren­te-Trä­ger muß­ten wis­sen, wo die Ard-Kame­ra stand und wohin sie guck­te, die Kame­ra-Leu­te muß­ten wis­sen, wohin sie die Kame­ra hal­ten muß­ten. Womög­lich war der Kame­ra-Stand­ort auch extra dafür aus­ge­wählt, daß sie einen Ort erfas­sen konn­te, der für die Akti­on bes­tens geeig­net war. 

Wenn man nun also betrach­tet, wem die Sender und Zeitun­gen gehö­ren, die den einen seit Jahr­zehn­ten publi­zierten, aber unbekannten Spruch an die Stel­le des ande­ren, setz­ten, des vor­her berühm­ten und nun schon lan­ge ver­ges­se­nen, kann man durch­aus zu diesem Schluß kom­men: Die Mörder der R.L. und ihre »Rechts­nach­fol­ger in Iden­ti­tät« bestimm­ten seit­her, welches das Credo, das revo­lu­tio­nä­re Ver­mächt­nis der R.L. sei. Die Rechts­nach­fol­ger und Tra­di­tio­na­lis­ten der Mör­der der R.L., die Fein­de der Luxem­burg und die Fein­de ihrer Genos­sen haben 1988 über ihr Ver­mächt­nis die Mei­nungs­füh­rer­schaft über­nom­men. Und das geschah etwa ein­ein­halb Jah­re bevor sie – auch mit Hil­fe der Demons­tra­ti­ons­stö­rer – den gan­zen Staat umstürz­ten. Und die Umstürz­ler im Wes­ten gaben die Legen­de aus, sie hät­ten damit gar nichts zu tun und ihre DDR-Hiwis sei­en die Umstürz­ler, die sie aber in fried­lich Revo­lu­tio­nä­re umdich­te­ten. Auch so ein pro­pa­gan­dis­ti­sches Phä­no­men: Das In-der-Brd-Unwort »Revo­lu­ti­on« wur­de Ende 1989 zu einem der schöns­ten und wich­tigs­ten Polit­wör­ter, wäh­rend gleich­zei­tig das Wort »Kon­ter­re­vo­lu­ti­on« ver­ges­sen gemacht wur­den. Seit­her haben die Brd-Unte­ren also für das Gegen­sätz­li­che das sel­be Wort. Für Revo­lu­tio­nen und für Kon­ter­re­vo­lu­tio­nen. Ich kann mich nicht erin­nern, daß die revo­lu­tio­nä­ren Pro­zes­se in der sowje­ti­schen Besat­zungs­zo­ne seit 1945 und spä­ter in der DDR in den Brd-Medi­en oder Par­la­men­ten als revo­lu­tio­när bespro­chen wor­den wären.

Also: Die, die bis Ende 1989 das An- und Geden­ken an R.L. staat­lich bewahrt haben gegen Weima­rer Reak­ti­onäre und Sozen-Konter­re­vo­lu­tio­nä­re, spä­ter auch gegen die Hitle­ris­ten, gegen Nach-1945-Brd-Staats­na­zis, gegen die Wei­ma­rer Mörder und Brd‑Mörder-Beschüt­zer (die wur­den in der Brd nicht straf­ver­folgt, da Mord angeb­lich nicht ver­jährt, und die Mör­der von 1919 wie bis 1945 hat­ten das Sagen), bestim­men seit­her mit­tels die­ses Satzes, was die Revo­lu­tio­nä­rin und Mit­be­grün­de­rin der KPD angeb­li­che gewollt und gesagt habe und gewe­sen sei. Lieb­knecht ist aus den Erzäh­lun­gen gestri­chen wie Kom­mu­nis­ten über­haupt. Jeden­falls fast immer. Der poli­ti­sche Zwist zwi­schen ihr und Lenin wird als ihr Recht­ha­ben ver­brei­tet usw. auch mit die­sem Satz. Auch so eine Poin­te: Der, des­sen Revo­lu­ti­on gesiegt hat, habe Unrecht behal­ten gegen die, die ermor­det wur­de. In der Tages-Pro­pa­gan­da wie »History«-Verblödung der bezahl­ten Staatslügner.

Während der frü­he­re Satz, daß man wie­der bei Marx sei, dahin­ge­hend inter­pre­tiert wurde, daß auch sie sich kor­ri­giert habe. Denn das wie­der, denn die Rück­kehr zu Marx bedeu­tet ja: Man sei weg gewe­sen von ihm. Also von des­sen Zukunfts­ver­hei­ßung, von den Instru­men­ten des Umstur­zes zuguns­ten der Mas­sen, der Unteren.

Einmal mehr sehen wir, wie die West-Welt‑Herr­schaft die soge­nann­te Meinungs­füh­rer­schaft aus­übt. Indem die West­ler den Satz zitie­ren und dik­tie­ren und damit auch, was man gefäl­ligst damit zu ver­ste­hen habe, herr­schen sie über die Leute, Köpfe, Diskur­se, indem sie bestim­men, was der Satz bedeu­ten sol­le. Gegen­stim­men: tabu.

Der Satz selbst ist sicher rich­tig. Oder es anders zu sagen: Ich kann zustim­men. Daß die Frei­heit der Anders­den­ken­den ein Maßstab sei für die Bestim­mung des Maßes der prak­ti­zier­ten Freiheit(en) über­haupt. Mehr sagt er eigent­lich nicht, der Satz selbst. Die Herr­schen­den tun mit den dama­li­gen »Dissi­den­ten« nun aber so, als sei die Frei­heit der Anders­den­ken­den unab­ding­bar und immer und maxi­mal zu gewähr­leis­ten. Und daß es gewünscht sei sowie­so. Völlig wurscht, ob inner­par­tei­lich, par­la­men­ta­risch, krie­ge­risch usw. Zwar paßt der Kon­text des zitier­ten Sat­zes zu die­ser Inter­pre­ta­ti­on, aber der spielt für die anti-sozia­lis­ti­sche Beschäf­ti­gungs-Agi­ta­ti­on kei­ner­lei Rolle.

Unser­ei­ner muß doch fra­gen: Wel­che Aus­wir­kun­gen kann eine sol­che Frei­heits­g­wäh­rung haben? Unter wel­chen Umstän­den kann (wie? wie weit?) Anders­den­ken­den wie viel Frei­heit zuge­bil­ligt wer­den? Sind – nur mal so zum Bei­spiel – Frau­en­mör­der und Kinds­miß­brau­cher, Angriffs­kriegs­trei­ber und ande­re Bun­des­po­li­ti­ker nicht auch Anders­den­ken­de? Und ist die­ses Anders­den­ken nicht das Pro­blem der Welt? Und wie­viel Freiheit(en) gewäh­ren die denen, von denen sie die Freiheit(en) fordern?

Tat­säch­lich ist die west­li­che Inter­pre­ta­ti­on die­ses Frei­heits­satz hun­dert­pro­zen­tig kom­pa­ti­bel zur Frei­heits­pro­pa­gan­da, Frei­heits­ideo­lo­gie der Brd-ler und der Klas­sen­kampf-Kon­zep­ti­on des Mar­xis­mus entgegengesetzt.

Ich sehe: Der Satz ist ein Maßstab der Bewer­tung, er benennt einen Indi­ka­tor für das Maß der Frei­heit. Die volks­feind­li­che Propa­gan­da ver­wen­det ihn aber als einen Impe­ra­tiv. Der die­ser Satz gar nicht ist. Den der Satz nicht for­mu­liert. Damals, 1988, vor allem gegen die DDR. seit­her ins­be­son­de­re gegen den Sozia­lis­mus über­haupt. Die Unfrei­hei­ten des poli­ti­schen Westens ver­schwei­gend, schön­re­dend, zu super Frei­hei­ten umin­ter­pre­tie­rend. Jeden­falls kann ich mich nicht erin­nern, daß der Satz irgend­wann mal (wesent­lich) auf Usa und Brd ange­wen­det wor­den wäre. Er wird umso lie­ber dem real­exis­tie­ren­den Sozia­lis­mus und Leu­ten um die Ohren gehau­en, die noch Res­te marx­schen Den­kens von sich geben. Vor allem aber dient er der DDR-Ver­wäl­ti­gung. Der Ver­gat­te­rung der Brd-ler, was die über die DDR einer­seits und die »Hel­den« der angeb­li­chen Revo­lu­ti­on von 1989 ande­rer­seits zu den­ken haben. 

Die abso­lut for­mu­lier­ten Forde­rungen der West­welt-Propa­gan­dis­ten gal­ten zu kei­nem Zeit­punkt der Welt­ge­schich­te und an kei­nem Ort auch nur annä­hernd so abso­lut. Und die heu­ti­gen Herr­schaften demons­triert wie noch nie seit 1949, was sie tat­säch­lich von der Freiheit der Anders­den­ken­den hal­ten: Unge­fähr das­sel­be wie Hitler, Goeb­bels, Göring usw.

Aber: Staats­sen­der, Stif­tun­gen, Linke und »Linke« beschäf­ti­gen die letz­ten mar­xis­tisch Anders­den­ken­den mit die­sem Satz. Und zwar genau so, wie es 1988 gewollt und insze­niert war. Ihre Anders­den­ken­den-Frei­heit ist u.a. der Käfig der Ver­blö­dungs-Dis­kur­se nach dem Dik­tat der West­ler.

Der Satz von Rosa Luxem­burg im Kontext:

Frei­heit nur für die Anhän­ger der Regie­rung, nur für Mit­glie­der einer Par­tei – mögen sie noch so zahl­reich sein – ist kei­ne Frei­heit. Frei­heit ist immer Frei­heit der Andersdenkenden.

Nicht wegen des Fana­tis­mus der ›Gerech­tig­keit‹, son­dern weil all das Bele­ben­de, Heil­sa­me und Rei­ni­gen­de der poli­ti­schen Frei­heit an die­sem Wesen hängt und sei­ne Wir­kung ver­sagt, wenn die ›Frei­heit‹ zum Pri­vi­le­gi­um wird (Rosa Luxem­burg, Die rus­si­sche Revo­lu­ti­on. Eine kri­ti­sche Wür­di­gung, Ber­lin, 192).

Auf dem WWW habe ich die Pro­be gemacht und den Frei­heits-Satz gesucht und gefun­den. Und ich fand auf Anhieb die bei­den Extre­me der von den Regi­me­lin­gen vor­ge­ge­be­nen gegen­sätz­li­chen Anwen­dun­gen und Inter­pre­ta­tio­nen. Zum einen einen Auf­satz, den die Gysi­is­ten im Auf­trag der Herr­schaft ihrem Anhang zur Ver­blö­dung und Ver­pei­lung darboten:

»Rosa Luxem­burgs Demo­kra­tie­vor­stel­lun­gen und ihr Manu­skript zur rus­si­schen Revo­lu­ti­on«, vom Janu­ar 2009, Autorin eine Tan­ja Storløkken.

Ein­gangs zitiert die Tan­ja: »Frei­heit ist immer Frei­heit der Anders­den­ken­den«, um zu erklären:

Vie­le ken­nen die­se Wor­te aus Rosa Luxem­burgs berühm­tes­ter Schrift Die Rus­si­sche Revo­lu­ti­on. Nicht allen, die die­se Aus­sa­ge zitie­ren, ist bewußt, daß sie in einem revo­lu­tio­nä­ren Zusam­men­hang und mit unmiß­ver­ständ­li­cher Ziel­set­zung for­mu­liert wur­de. Auf den Punkt gebracht, lau­tet sie: Frei­heit und sozia­lis­ti­sche Demo­kra­tie sind not­wen­di­ge und wich­ti­ge Vor­aus­set­zun­gen für eine erfolg­rei­che revo­lu­tio­nä­re Entwicklung.

Aha. Wie paßt das zur »Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats«? Wie zu den lenin­schen Revo­lu­ti­ons-Kon­zep­ten? Ant­wort: Gar nicht. Und der Anti-»Stalinismus«? Ist das Selbst­ver­ständ­lichs­te im brd-staat­lich finan­zier­ten Gysi­is­mus. Wie auch das Zitat zeigt. Gegen­stim­men sind im Gysi­is­mus eben­so wenig zuge­las­sen wie im Staats-TV.

Eine ent­ge­gen­ge­setzt argu­men­tie­ren­de Quel­le war die Aus­ga­be der Welt vom 25.01.2019. Hier wur­de das Con­tra-Publi­kum im Arti­kel »Was ›Frei­heit der Anders­den­ken­den‹ wirk­lich meint« von einem Sven Felix Kel­ler­hoff bedient, lei­ten­der Redak­teur Geschich­te: »Als erin­ne­rungs­wür­dig gilt die Revo­lu­tio­nä­rin Rosa Luxem­burg heu­te wegen eines ein­zi­ges Satzes.«

Q.e.d. Wie oben bereits dar­ge­stellt, wur­de die­ser eine Satz ab Janu­ar 1988 ein­ge­führt und ein­ein­deu­tig mit der Per­son Luxem­burg ver­bun­den. Und alle ande­ren Luxem­burg-Sät­ze und frü­her im Umlauf gewe­se­nen Legen­den aus den Dar­stel­lun­gen gelöscht, ver­ges­sen gemacht.

Es folgt: »Aber der ist stets falsch ver­stan­den wor­den. Denn eigent­lich ver­ach­te­te die Kom­mu­nis­tin die Demokratie.«

Aha, falsch inter­pre­tiert, falsch ver­stan­den. Inter­es­sant. Die Lügen-Bour­goi­sen demen­tie­ren gele­gent­lich die von ihnen selbst in Umlauf gebrach­ten Legen­den. Eine goe­b­bel­sche Pro­pa­gan­da-Tech­nik: Den pro­pa­gan­dis­tisch und sonst Bekämpf­ten wer­den Aus­sa­gen unter­scho­ben, um dann einen glän­zen­den Pro­pa­gan­da-Sieg ein­zu­fah­ren per Wider­le­gung – ihrer eige­nen Lügen.

Auf die­ser Abs­trak­ti­ons­ebe­ne stimmt die Aus­sa­ge mit mei­nen Schluß­fol­ge­run­gen über­ein. Nun ist man gespannt auf das rich­tig zu Ver­ste­hen­de. Das selbst­ver­ständ­lich nicht kommt. Viel­mehr bie­ten die Herr­schen­den ein ande­res Falsch als Alter­na­ti­ve. Typisch für die Welt-ler damals wie heu­te! Daß und wie der Kel­ler­hoff die Demo­kra­tin Luxem­burg zur Demo­kra­tie­fein­din sti­li­siert. Und weiter:

Rosa Luxem­burg war gewiss kei­ne Demo­kra­tin und ganz sicher nicht tole­rant. In sei­ner Bio­gra­fie nennt der Pots­da­mer His­to­ri­ker Ernst Piper den Satz ›zwei­fel­los das berühm­tes­te Zitat aus dem Werk von Rosa Luxem­burg‹. Dar­über hin­aus gilt aber auch: Es gibt viel­leicht kein Zitat aus der deut­schen Zeit­ge­schich­te, der radi­ka­ler fehl­in­ter­pre­tiert wor­den ist.

Q.e.d. Ganz mei­ne Mei­nung. Aber: Wer hat denn die­se Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on in Umlauf gebracht. Man suche sich die Welt-Aus­ga­ben vom Janu­ar 1988 her­aus, und man wird fün­dig wer­den. Spe­ku­lie­ren ich hier mal. Es zu tun ist mir zu auf­wen­dig. Wegen des vor­her­seh­ba­ren Ergeb­nis­ses. Wei­ter geht es so:

Denn Rosa Luxem­burg war vor allem eine rück­sichts­lo­se Revo­lu­tio­nä­rin. Sie kämpf­te 1918/19 mit ihrem Mit­tel, dem Wort, gegen die freie, glei­che und gehei­me Wahl zur deut­schen Natio­nal­ver­samm­lung und für eine ›Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats‹. Schon am 20. Novem­ber 1918, der Kai­ser war gera­de erst seit elf Tagen gestürzt, posi­tio­nier­te sie sich im Leit­ar­ti­kel der ›Roten Fah­ne‹ unmiss­ver­ständ­lich. Die Natio­nal­ver­samm­lung sei »ein über­leb­tes Erb­stück bür­ger­li­cher Revo­lu­tio­nen, eine Hül­se ohne Inhalt, ein Requi­sit aus den Zei­ten klein­bür­ger­li­cher Illu­sio­nen vom ›eini­gen Volk‹, von der ›Frei­heit, Gleich­heit und Brü­der­lich­keit‹ des bür­ger­li­chen Staates«.

Typisch ist die pro­pa­gan­dis­ti­sche Ver­wen­dung fal­scher Adjek­ti­ve wie »rück­sichts­los«. In ihren Tex­ten habe ich nie etwas gefun­den, was ich mit die­sem Adjek­tiv bezeich­nen wür­de. Und wie die »Welt«-ler und alle ihre Klas­sen­ge­nos­sen und deren Agi­ta­to­ren den spä­te­ren Sta­lin falsch erzähl­ten und heu­te wider W.W. Putin prak­ti­zie­ren, indem sie des­sen zutref­fen­de Aus­sa­gen zitie­ren, um mit der Benen­nung des Urhe­bers anzu­sa­gen: Es sei falsch. Daß ihre Mör­der »rück­sichts­los« gewe­sen sein könn­ten, was sie mit ihrem Mord bewie­sen haben, kommt dem Schrei­ber nicht in die ver­schrift­lich­ten Gedan­ken. Ich wür­de es so nicht beschrei­ben, aber zwei­fel­los soll »rück­sichts­los« nega­ti­vie­ren. Wie heu­te die Wör­ter „grau­sam“ und „Angriffs­krieg“. Der Schrei­ber fährt fort:

Einen Monat spä­ter, am 23. Dezem­ber 1918, wet­ter­te sie eben­falls im Blatt des bol­sche­wis­ti­schen Spar­ta­kus­bun­des gegen den ›par­la­men­ta­ri­schen Kre­ti­nis­mus‹ und schrieb wei­ter: ›Die Natio­nal­ver­samm­lung ist eine gegen­re­vo­lu­tio­nä­re Fes­tung, die gegen das revo­lu­tio­nä­re Pro­le­ta­ri­at auf­ge­rich­tet wird. Es gilt also, die­se Fes­tung zu beren­nen und zu schlei­fen.‹ Das waren nicht die Wor­te einer Demokratin.

Son­dern? Luxem­burg wird hier erzählt wie die »Sta­si«: Ihr tun wird feind­lich-nega­tiv (gemäß Miel­ke-Sprech) erzählt, die, gegen die sie agi­tiert und agiert hat, gab es ent­we­der nicht oder es waren alles lie­be net­te Leu­te und Insti­tu­tio­nen. Denen kei­ner­lei Gemein­hei­ten unter­stellt wer­den durften.

Und nun die Wir­kung des 1988-Neu­sat­zes in der Inter­pre­ta­ti­on der Klas­sen­fein­de der Rosa Luxemburg:

All die­se Zita­te ver­drän­gen die Bewun­de­rer Rosa Luxem­burgs und all jene, die ihnen gedan­ken­los nach­plap­pern – und zwar wegen eines ein­zi­gen Sat­zes, der zudem erst nach ihrem gewalt­sa­mem Tod erst­mals ver­öf­fent­licht wur­de. Frei­heit ist immer die Frei­heit der Anders­den­ken­den‹: Das klingt nach Tole­ranz, nach Plu­ra­li­tät. Gemeint war jedoch etwas völ­lig anderes.

War­um der Satz nach »Plu­ra­li­tät« klin­gen soll­te? Kei­ne Ahnung. Und war­um es nach­plap­pern ist anstatt zitie­ren, war­um es gedan­ken­los sein soll­te? Auch kei­ne Ahnung. Und noch weiter:

Zudem hielt Rosa Luxem­burg die­sen Satz für ziem­lich unbe­deu­tend. Sie schrieb ihn als Rand­be­mer­kung ohne Zuord­nung links außen auf das Manu­skript­blatt 100 ihres unvoll­ende­ten Tex­tes Zur Rus­si­schen Revo­lu­ti­on‹, der erst 1922 ver­öf­fent­licht wur­de. Wor­auf genau sich die­ser Satz bezog, ist unklar.

Hin­sicht­lich des Unbe­deu­ten­den – ein­ver­stan­den! Und war­um wur­de die­ser laut Welt »ziem­lich« unbe­deu­ten­de Satz im Janu­ar und seit­her immer und immer wie­der der­ma­ßen auf­ge­bla­sen? Den DDR-Bür­gern gegen­über vor allem mit­tels der grenz­über­schrei­ten­den Sen­der. In der Brd selbst: Faz, taz, Lügel, Süd­deut­sche usw.

Dem­entge­gen der frü­her, also vor dem »Freiheits«-Satz (fast) ein­zig berühm­te Luxemburg-Satz:

Nun, Par­tei­ge­nos­sen, heu­te erle­ben wir den Moment, wo wir sagen kön­nen: Wir sind wie­der bei Marx, unter sei­nem Ban­ner. Wenn wir heu­te in unse­rem Pro­gramm erklä­ren: Die unmit­tel­ba­re Auf­ga­be des Pro­le­ta­ri­ats ist kei­ne ande­re als – in weni­gen Wor­ten zusam­men­ge­faßt – den Sozia­lis­mus zur Wahr­heit und Tat zu machen und den Kapi­ta­lis­mus mit Stumpf und Stiel aus­zu­rot­ten, so stel­len wir uns auf den Boden, auf dem Marx und Engels 1848 stan­den und von dem sie prin­zi­pi­ell nie abge­wi­chen waren. jetzt zeigt sich, was wah­rer Mar­xis­mus ist und was die­ser Ersatz-Mar­xis­mus war (»Sehr gut!«), der sich als offi­zi­el­ler Mar­xis­mus in der deut­schen Sozi­al­de­mo­kra­tie so lan­ge breit­mach­te. Ihr seht ja an den Ver­tre­tern die­ses Mar­xis­mus, wohin er heut­zu­ta­ge gera­ten, als Neben- und Bei­geord­ne­ter der Ebert, David und Kon­sor­ten. Dort sehen wir die offi­zi­el­len Ver­tre­ter der Leh­re, die man uns jahr­zehn­te­lang als den wah­ren, unver­fälsch­ten Mar­xis­mus aus­ge­ge­ben hat. Nein, Mar­xis­mus führ­te nicht dort­hin, zusam­men mit den Schei­de­män­nern kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re Poli­tik zu machen. Wah­rer Mar­xis­mus kämpft auch gegen jene, die ihn zu ver­fäl­schen such­ten, er wühl­te wie ein Maul­wurf in den Grund­fes­ten der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft, und er hat dazu geführt, daß heu­te der bes­te Teil des deut­schen Pro­le­ta­ri­ats unter unse­rer Fah­ne, unter der Sturm­fah­ne der Revo­lu­ti­on mar­schiert und wir auch drü­ben, wo die Kon­ter­re­vo­lu­ti­on noch zu herr­schen scheint, unse­re Anhän­ger und künf­ti­gen Mit­kämp­fer besit­zen (Aus: Pro­to­koll des Grün­dungs­par­tei­ta­ges der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Deutsch­lands, 31. Dezem­ber 1918 – 1. Janu­ar 1919, Ber­lin 1972, S.195 – 222. Rosa Luxem­burg, Gesam­mel­te Wer­ke, Bd. 4, S. 486 – 511).

Schon die­ses eine kur­ze Zitat soll­te zei­gen, war­um die Ori­gi­nal-Sozen, eben­so wie ihre gysi­is­ti­sche Zweit­aus­ga­ben-Kopie ein Inter­es­se hat­ten und haben, das Wir-sind-wie­der-bei-Marx-Wis­sen und Bekennt­nis der Luxem­burg ver­ges­sen zu machen, aus dem Ver­kehr zu zie­hen. Und die ande­ren Kapi­ta­lis­mus-Büt­tel wie Welt & Co. hat­ten die­ses Inter­es­se ebenfalls.

Fazit

Man soll­te sich über Rosa Luxem­burg bei ihr selbst infor­mie­ren. Lest die Wer­ke! Ver­geßt die Gedan­ken­len­kun­gen durch »Welt«, durch die Stif­tung, die den Namen Luxem­burg miß­braucht, und alle ande­ren herr­schaft­lich Kor­rum­pier­ten. Ein ein­zi­ger Satz, aus­ge­sucht durch die Fein­de des Vol­kes, gibt nicht das rei­che, auch wider­sprüch­li­che revo­lu­tio­nä­re Den­ken der R.L. wie­der. Sol­che Ver­kür­zun­gen mögen als Stich­wort nüt­zen, sie erset­zen auf kei­nen Fall Bil­dung. Ins­be­son­de­re gilt Vor­sicht wal­ten zu las­sen bei den Inter­pre­ta­ti­ons-Vor­schrif­ten, die die Herr­schen­den aus­ge­ben. Das ist aber u.a. das Fata­le des Bil­dungs­ab­baus, daß vie­le die Ursprün­ge der Zita­te und Inter­pre­ta­tio­nen nicht ken­nen. Die Bän­der zwi­schen den Genera­tio­nen wur­den 1989 wie kaum jemals in der Geschich­te zer­schnit­ten. Die Alten wur­den denun­ziert, straf­ver­folgt, ver­höhnt, weg­ge­sperrt, aus­ran­giert usw. Sie durf­ten unter sich blei­ben. Die Jun­gen wur­den dres­siert auf Pop und sons­ti­ge Ver­blö­dun­gen, auf wei­te Welt und Graf­fit­ti. Die DDR-Biblio­the­ken wur­den wei­test­ge­hend leer­ge­räumt, bis hin zu Klas­si­ker-Aus­ga­ben. Ohne wie­der­auf­fin­den wenigs­tens eini­ger die­ser Bän­der wird’s mit dem Links­sein kaum etwas wer­den. Mei­ne ich. Weder natio­nal, noch sozialistisch-kommunistisch.

Die kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren Kolo­ni­al­her­ren haben Mil­lio­nen Bücher ver­nich­tet. Aber nicht alle. DDR-Lite­ra­tur ist der bes­te und sichers­te Rat- und Wis­sens­ge­ber. Man fin­det sie im WWW und auf lin­ken Fes­ten und sons­ti­gen Ver­an­stal­tun­gen in den Bücher­ba­sa­ren. Wenn im Impres­sum ein »VEB« steht, geht man sicher. Und frau sowie­so. Für letz­te­re eine sicher bit­te­re Pil­le: Die meis­ten Autoren tra­gen männ­li­che Vor­na­men. Rosa ist aber immer noch ein weiblicher.

Bild: Freie Lin­ke auf Demons­tra­ti­on in Dres­den am 29.10.2022 (https://t.me/freie_linke_leipzig_info)

One thought on “Wie frei ist die Freiheit, die immer die der anderen ist?

  1. Hal­lo Mal­colm Z,
    WO kann man DEI­NE Bücher erhalten?
    Wäre auch super wenn man das über einen, noch ein­zu­rich­ten­den, Shop hier bei Mag­ma bezie­hen könnte.
    Oder gibts ISBN zu Dei­nen Büchern um sie über Buch­hand­lun­gen zu bestellen?

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