Imperialismus und Great Reset: Chinas Aufstieg und der Abstieg des Westens (Teil 6)

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Dies ist der sechs­te Teil einer acht­tei­li­gen Serie von Jan Mül­ler zur aktu­el­len Impe­ria­lis­mus­de­bat­te in der kom­mu­nis­ti­schen Bewe­gung. Sie beinhal­tet fol­gen­de­ne Teile:

1. Ein­lei­tung & Marx­sche Methode

2. Klas­si­scher Impe­ria­lis­mus (1895 – 1945)

3. Der Spät­ka­pi­ta­lis­mus (1945 – 1989)

4. Die expan­si­ve Pha­se des neo­li­be­ra­len Kapi­ta­lis­mus (1989 – 2007)

5. Der Neo­li­be­ra­lis­mus in der Kri­se (seit 2007)

6. Chi­nas Auf­stieg und der Abstieg des Wes­tens (bis 2020)

7. Eine vier­te impe­ria­lis­ti­sche Epoche?

8. Schluss­fol­ge­run­gen zum Imperialismus

6. Chinas Aufstieg und der Abstieg des Westens (bis 2020)

West­li­che Chi­na-Rei­sen­de sind beson­ders in den Jah­ren ab 2007 über­rascht von der unglaub­lich schnel­len Ent­wick­lungs­dy­na­mik und dem Zukunfts­op­ti­mis­mus der Men­schen. Dem ste­hen Sta­gna­ti­on, Ver­ar­mung brei­ter Bevöl­ke­rungs­schich­ten und Zer­fall der Infra­struk­tur im Wes­ten gegen­über. Es ist inzwi­schen nicht mehr zu bestrei­ten: Das dyna­mi­sche Zen­trum der Welt­wirt­schaft liegt in Chi­na und nicht mehr in den USA oder in Europa.

Wie in Teil 4 (Abschnitt 4.2) beschrie­ben wur­de, ver­la­ger­ten vie­le west­li­che Unter­neh­men in den 90er und 00er Jah­ren ihre Pro­duk­ti­on nach Chi­na, um von den dor­ti­gen nied­ri­gen Löh­nen zu pro­fi­tie­ren. Häu­fig grün­de­ten sie noch nicht ein­mal Toch­ter­fir­men, son­dern lager­ten die Pro­duk­ti­on an Auf­trags­fer­ti­ger aus. So konn­ten sie gro­ße Inves­ti­tio­nen in Maschi­nen und Gebäu­de ver­mei­den. Wegen der star­ken Rech­te des geis­ti­gen Eigen­tums und ihrem Vor­sprung in den Berei­chen For­schung, Ent­wick­lung und Mar­ke­ting konn­ten sie auch ohne for­mel­les Eigen­tum an Pro­duk­ti­ons­mit­teln einen gro­ßen Teil des in Chi­na pro­du­zier­ten Mehr­wer­tes in Form von Sur­plus­pro­fi­ten für sich ver­ein­nah­men. Aber die­se Kon­stel­la­ti­on ermög­lich­te es den Auf­trags­fer­ti­gern zumin­dest theo­re­tisch, zu Mar­ken­fir­men auf­zu­stei­gen und so einen grö­ße­ren Mehr­wert­an­teil bei sich selbst zu rea­li­sie­ren. Die aus Tai­wan stam­men­den Fir­men Asus und Acer hat­ten das schon in den 00er Jah­ren vorgemacht.

Umge­kehrt besteht die Mög­lich­keit, dass den west­li­chen Kon­zer­nen lang­fris­tig wich­ti­ges Pro­duk­ti­ons­wis­sen ver­lo­ren geht. Dies umso eher, als ihre Sub­stanz von Schat­ten­ban­ken wie Black­rock und Pri­va­te-Equi­ty-Inves­to­ren (»Heu­schre­cken«) aus­ge­zehrt wird. Ihre hohen Pro­fi­te wer­den immer weni­ger für For­schung und Ent­wick­lung ein­ge­setzt, son­dern an die Inves­to­ren, die weni­gen hun­dert reichs­ten Men­schen der Welt aus­ge­schüt­tet oder zum Rück­kauf von Akti­en ver­wen­det. Hier­durch soll der Akti­en­wert wei­ter gestei­gert werden.

Im Wes­ten fah­ren Black­rock und Co. den Wett­be­werb zwi­schen den ihnen gehö­ren­den Fir­men bewusst her­un­ter, um ihre Pro­fi­te zu stei­gern. In Chi­na dage­gen wird der Wett­be­werb beson­ders in neu­en Bran­chen und Pro­duk­ti­ons­fel­dern durch Regu­lie­rungs­ent­schei­dun­gen ange­regt.1

Die chi­ne­si­sche Füh­rung hat­te schnell erkannt, dass mit der gro­ßen Welt­wirt­schafts­kri­se 2007 bis 09 das bis­he­ri­ge Wachs­tums­mo­dell der Export­ori­en­tie­rung mit Bil­lig­lohn­pro­duk­ti­on kei­ne Zukunft mehr hat. Denn die hoch­ver­schul­de­ten und aus­ge­power­ten US-Ver­brau­cher konn­ten nun nicht mehr als glo­ba­le Kon­su­men­ten der letz­ten Instanz fun­gie­ren, die chi­ne­si­sche Expor­te auf­saug­ten.2

Also muss­te sich das Wirt­schafts­wachs­tum in den fol­gen­den Jah­ren pri­mär auf den Bin­nen­markt stüt­zen. Hier­zu traf die Füh­rung eine Rei­he von rich­tungs­wei­sen­den Entscheidungen:

  • Mit einem gigan­ti­schen Aus­ga­ben­pro­gramm in Höhe von 550 Mil­li­ar­den Dol­lar oder 4.000 Mil­li­ar­den Yuan wur­den die unmit­tel­ba­ren Kri­sen­fol­gen abge­fan­gen. Das waren 14% des chi­ne­si­schen BIPs. Ähn­li­che Pro­gram­me in den USA umfass­ten nur 5% und in der BRD nur 2% des jewei­li­gen BIPs. Neben eini­gen direk­ten Zuschüs­sen an Arme und Arbeits­lo­se wur­den die Mil­li­ar­den­gel­der vor­ran­gig in Infra­struk­tur-Inves­ti­tio­nen und Regio­nal­ent­wick­lung sowie dem ener­gie­ef­fi­zi­en­ten Umbau der Wirt­schaft gelenkt. Dar­un­ter fal­len der Aus­bau von Eisen­bahn­stre­cken und Auto­bah­nen, der Aus­bau der Netz­in­fra­struk­tur (Strom­netz, Inter­net), der Was­ser­bau sowie Aus­bau der Gesund­heits- und Sozi­al­ver­sor­gung.3
  • Die Mehr­wert­steu­er wur­de nach­hal­tig gesenkt, beson­ders auf lang­le­bi­ge Kon­sum­gü­ter wie Automobile.
  • Wäh­rend im Wes­ten der Tou­ris­mus unter ande­rem mit­tels Flug­scham bewusst madig gemacht wird, wur­de der Tou­ris­mus­sek­tor in Chi­na mas­siv aus­ge­baut. Dazu lenkt der Staat gro­ße Inves­ti­tio­nen in neue Ski- und Badegebiete.
  • In den 00er Jah­ren war die Spar­quo­te der chi­ne­si­schen Bevöl­ke­rung sehr hoch. Da die sozia­len Siche­rungs­sys­te­me, bekannt als »Eiser­ne Reis­schüs­sel« in den 90er Jah­ren abge­schafft wur­den, muss­ten die Arbei­ter sehr hohe Erspar­nis­se für Not­fäl­le wie Krank­heit, Arbeits­lo­sig­keit und Alter zurück­le­gen. Auch das Schul­geld ihrer Kin­der ver­teu­er­te sich geschwind. Da blieb vom Lohn nicht mehr viel übrig. Um den Bin­nen­kon­sum anzu­re­gen, muss­ten also die sozia­len Siche­rungs­sys­te­me wie­der­her­ge­stellt wer­den. Das geschah in den 10er Jah­ren. Inzwi­schen (Stand 2022) sind fast alle 1,4 Mil­li­ar­den Chi­ne­sen kran­ken­ver­si­chert, im Jahr 2017 hat­ten 900 Mil­lio­nen Chi­ne­sen eine Ren­ten­ver­si­che­rung und etwas weni­ger eine Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung. Es ist geplant, die gesam­te Bevöl­ke­rung in die sozia­len Siche­rungs­sys­te­me ein­zu­be­zie­hen. Schul­ge­büh­ren wur­den abge­schafft; der Besuch von Uni­ver­si­tä­ten ist der­zeit noch kos­ten­pflich­tig. In dem Maße, wie die sozia­len Siche­rungs­sys­te­me aus­ge­baut wur­den, kam es zu einer nach­hal­ti­gen finan­zi­el­len Ent­las­tung der Pri­vat­haus­hal­te.4

Nach der von neo­li­be­ra­len Öko­no­men ver­brei­te­ten Theo­rie der »Midd­le Inco­me Trap« ste­he Chi­na vor einem gro­ßen Pro­blem: Län­der, die ein mitt­le­res Ein­kom­mens­ni­veau erreicht haben, wer­den hier­durch an einem wei­te­ren Auf­stieg gehin­dert. Denn wegen der höhe­ren Löh­ne sinkt ihre glo­ba­le Wett­be­werbs­fä­hig­keit. Anstatt den sich hier­aus erge­ben­den neo­li­be­ra­len Rezep­ten wie Lohn­kür­zun­gen, Sozi­al­ab­bau, Pri­va­ti­sie­run­gen und Libe­ra­li­sie­run­gen erneut zu fol­gen, nimmt man in Chi­na einen plan­mä­ßi­gen Auf­stieg zur High-Tech-Macht in Angriff. Die­sem Ziel dient das 2015 gestar­te­te Pro­gramm Made in Chi­na 2025.

Bis 2025 will Chi­na den Sprung von der Fabrik der Welt zum Labor der Welt, vom indus­tri­el­len Imi­ta­tor zum tech­no­lo­gi­schen Inno­va­tor schaf­fen. Bis zu die­sem Jahr soll der Anschluss an die west­li­chen High-Tech-Stan­dards erreicht wer­den, bis 2049 soll das Land zur füh­ren­den Indus­trie- und Tech­no­lo­gie-Super­macht auf­stei­gen.5

Chi­na will vor allem in den fol­gen­den zehn Bran­chen auf­ho­len und den Anschluss an die Welt­spit­ze erreichen:

  • Bio­me­di­zin und Medizintechnik
  • Neue Mate­ria­li­en
  • Land­wirt­schaft­li­che Geräte
  • Luft­fahrt, dar­un­ter Langstreckenflugzeuge
  • Bahn­tech­nik, Schienentransport
  • Elek­tro­fahr­zeu­ge, ver­netz­tes Fahren
  • Mari­ne-Aus­rüs­tung und High-Tech-Schiffe
  • Infor­ma­ti­ons- und Kommunikationstechnologie
  • Auto­ma­ti­sie­rung und Robo­tik, ver­netz­te Produktion
  • Elek­tri­sche Anla­gen, dar­un­ter auch Kern­tech­nik6

Neu sind auch die glo­ba­len Dimen­sio­nen des Pla­nes. Bis­her gab man sich in Chi­na mit natio­na­len Cham­pions zufrie­den. Jetzt will man glo­ba­le Cham­pions kreieren.

Bis 2025 sol­len chi­ne­si­sche Her­stel­ler fol­gen­de Markt­an­tei­le auf dem Hei­mat­markt erreichen:

  • Medi­zin­ge­rä­te 70%
  • Ver­netz­tes Fah­ren 60%
  • Ener­gie­tech­nik 90%
  • Indus­trie­ro­bo­ter 70%
  • Lang­stre­cken­flug­zeu­ge 10%
  • Han­dys 45%.7

Made in Chi­na 2025 ist die chi­ne­si­sche Ver­si­on der deut­schen Stra­te­gie Indus­trie 4.0.

Eine zen­tra­le Rol­le spielt der Ein­satz von Indus­trie­ro­bo­tern. 2016 wur­den 290.000 Indus­trie­ro­bo­ter aus­ge­lie­fert, davon 90.000 (31%) an Chi­na, 2019 soll­ten es welt­weit 414.000 sein und davon 160.000 an Chi­na.8

Die­sem Zweck die­nen auch die staat­li­chen Ban­ken, die den Staat bei sei­ner gut durch­dach­ten Indus­trie­po­li­tik unter­stütz­ten. Im Jahr 2009 war die staat­li­che Indus­tri­al & Com­mer­ce Bank of Chi­na mit einer Markt­ka­pi­ta­li­sie­rung von 254,9 Mil­li­ar­den die größ­te Bank der Welt. Mit der Chi­ne­se Con­struc­tions Bank (191,9 Mil­li­ar­den Markt­ka­pi­ta­li­sie­rung) und der Bank of Chi­na (147,1 Mil­li­ar­den) gehör­ten zwei wei­te­re chi­ne­si­sche staat­li­che Ban­ken zu den zehn größ­ten Ban­ken der Erde.

Mit staat­li­cher Unter­stüt­zung schaff­ten vie­le chi­ne­si­sche Fir­men den Sprung von Auf­trags­fer­ti­gern zu Mar­ken­fir­men. Sie waren zunächst auf den Bin­nen­markt erfolg­reich und konn­ten von die­ser Basis aus durch gute Qua­li­tät bei nied­ri­gem Preis lang­sam den Welt­markt erobern. Bei­spie­le hier­für sind: Chi­na Mobi­le, Ten­cent (Inter­net), Hua­wei (Mobil­funk), Leno­vo (Com­pu­ter), Xiao­m­ei (Smart­pho­nes), Ali­b­a­ba (Such­ma­schi­ne), CNR (Eisen­bahn­bau), sowie FAW und Dong­feng (LKWs). Hin­zu kom­men noch eini­ge gro­ße Staats­un­ter­neh­men im Infra­struk­tur­be­reich wie Sin­opec (Öl) und SGCC (Strom­netz).

Chi­na hält bis heu­te am Kon­zept der Glo­ba­li­sie­rung fest. Es soll sich um eine gleich­be­rech­tig­te, fried­li­che Glo­ba­li­sie­rung in einer mul­ti­po­la­ren Welt han­deln. Das bedeu­tet auch, dass nicht nur aus­län­di­sche Kon­zer­ne in Chi­na, son­dern auch zuneh­mend chi­ne­si­sche im Aus­land inves­tier­ten. Die Inves­ti­tio­nen kon­zen­trier­ten sich in den 00er Jah­ren zunächst auf asia­ti­sche Staa­ten, auch auf Aus­tra­li­en und Neu­see­land, dann auf Afri­ka und auf die für die erwei­ter­te Pro­duk­ti­on not­wen­di­gen Roh­stof­fe. Chi­na ist – mit Aus­nah­me von Koh­le und sel­te­nen Erden – ein roh­stoff­ar­mes Land. Erst 2018 über­tra­fen die chi­ne­si­schen Inves­ti­tio­nen im Aus­land die aus­län­di­schen Inves­ti­tio­nen in China.

Im Unter­schied zu west­li­chen Staa­ten macht Chi­na sei­ne Inves­ti­ti­ons- und Han­dels­be­zie­hun­gen nicht von Freund-Feind-Kri­te­ri­en abhän­gig. Die Volks­re­pu­blik ent­wi­ckelt Bezie­hun­gen zu Län­dern mit den unter­schied­lichs­ten poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Sys­te­men, wie zum Iran und Sau­di-Ara­bi­en, zu Isra­el und Paläs­ti­na, zur BRD und zu Russ­land.9

Seit der gro­ßen Welt­wirt­schafts­kri­se von 2007 bis 09 kauf­te Chi­na ver­stärkt Unter­neh­men in zen­tra­len kapi­ta­lis­ti­schen Staa­ten. In Euro­pa stan­den zunächst Maschi­nen­bau, Ener­gie und Auto­zu­lie­fe­rer im Vor­der­grund. Dann folg­ten High-Tech/IT, Phar­ma und Finanz­diens­te. Sie wer­den gegen­wär­tig ergänzt durch Bio­tech­no­lo­gie, Medi­zin- und Umwelt­tech­nik, Tex­til- und Logis­tik­in­dus­trie sowie Tou­ris­mus und Hotel­le­rie. In jedem Land wird das Pas­sen­de und Bes­te gesucht. Im Jahr 2016 kauf­te das chi­ne­si­sche Unter­neh­men Midea den größ­ten deut­schen Robo­ter­her­stel­ler Kuka.10

Haupt­ziel der Inves­ti­tio­nen in Deutsch­land ist nicht etwa die Sub­stanz­ver­wer­tung und Aus­zeh­rung der Fir­men wie bei Black­rock und Co., son­dern die Beschaf­fung von Wis­sen und Know-How für die chi­ne­si­schen Indus­trie­stra­te­gie sowie die direk­te Unter­stüt­zung des chi­ne­si­schen Indus­trie­auf­baus. Im Unter­schied zu Black­stone und Co. bür­den die chi­ne­si­schen Käu­fer den gekauf­ten Mit­tel­stands­fir­men nicht die Kauf­kre­di­te auf. Die Chi­ne­sen belie­ßen bei Kuka die bis­he­ri­ge Geschäfts­füh­rung im Amt, gaben lang­fris­ti­ge Garan­tien für die Arbeits­plät­ze und eröff­ne­ten einen gro­ßen Markt in Chi­na. Des­halb sind chi­ne­si­sche Inves­to­ren auch bei Gewerk­schaf­tern beliebt. Sie wer­den US-Ame­ri­ka­ni­schen Schat­ten­ban­ken und Heu­schre­cken bei wei­tem vor­ge­zo­gen.11

Das 2014 von Prä­si­dent Xi Jin­peng gestar­te­te Pro­jekt der neu­en Sei­den­stra­ße – auch bekannt als Belt-and-Road-Initia­ti­ve (BRI) oder One Belt, one Road (OBOR) – soll die Kon­ti­nen­te Asi­en, Euro­pa und Afri­ka durch ein gro­ßes Netz­werk von Stra­ßen, Eisen­bahn­li­ni­en, Brü­cken, Häfen, Pipe­lines, Kraft­wer­ken, Strom- und Daten­lei­tun­gen, Con­tai­ner-Umla­de­sta­tio­nen und Ter­mi­nals mit­ein­an­der ver­bin­den. Sie umfasst die Kon­ti­nen­te Asi­en, Euro­pa und Afrika.

Die neue Sei­den­stra­ße besteht aus meh­re­ren Wirt­schafts­gür­teln über den Land- und den See­weg. Der Land­weg besteht gegen­wär­tig aus den fol­gen­den drei Güterzug-Verbindungen:

  1. Chi­na-Mon­go­lei-Russ­land
  2. Neue eura­si­sche Land­brü­cke über die Dsun­ga­ri­sche Pfor­te, Kasach­stan und Russ­land nach Rotterdam
  3. Chi­na-Zen­tral­asi­en-West­asi­en nach Istan­bul12

Von die­sen wie­der­um sol­len wei­te­re Neben­stre­cken abzwei­gen. Zur mari­ti­men Sei­den­stra­ße gehört die Rou­te, die Chi­nas Ost­küs­ten­hä­fen mit dem neu­en und moder­ni­sier­ten Groß­ha­fen Pirä­us in Grie­chen­land und mit dem Groß­ha­fen Rot­ter­dam in den Nie­der­lan­den verbindet.

In Zukunft sind Ergän­zun­gen die­ser Rou­ten mög­lich. Etwa die Schaf­fung wei­te­rer Bahn­ver­bin­dun­gen auf dem afri­ka­ni­schen Kon­ti­nent, die die­sen von Nord nach Süd (Rou­te Kai­ro-Kap­stadt) und von West nach Ost (Rou­te Dakar-Dschi­bu­ti) erschließen.

Chi­na will mit neu­ent­wi­ckel­ten Ultra­hoch­span­nungs­ka­beln ein trans­kon­ti­nen­ta­les Strom­netz auf­bau­en. Der Netz­be­trei­ber SGCC hat in Chi­na bereits 37.000 Kilo­me­ter die­ser Lei­tun­gen verlegt.

Idea­ler­wei­se sol­len die drei Kon­ti­nen­te Asi­en, Euro­pa und Afri­ka mit­tels Eisen­bahn­li­ni­en, Stra­ßen, Schiff­fahrts­rou­ten, Daten­lei­tun­gen, Strom­lei­tun­gen sowie mit Gas- und Öllei­tun­gen eng mit­ein­an­der ver­floch­ten wer­den. An den durch Ver­kehrs­we­ge geschaf­fe­nen Ent­wick­lungs­ach­sen sol­len zahl­rei­che Indus­trie­be­trie­be und Kraft­wer­ke ent­ste­hen, die eine Durch­in­dus­tria­li­sie­rung der jewei­li­gen Län­der vorantreiben.

Gra­fik 6.1. Aus­wahl der geplan­ten Ver­bin­dungs­li­ni­en der neu­en Sei­den­stra­ße13

Die Grund­idee der neu­en Sei­den­stra­ße geht auf lang­fris­ti­ge Pla­nungs­vor­ha­ben der Wirt­schafts­in­te­gra­ti­on zwi­schen der Volk­re­pu­blik Chi­na und der Sowjet­uni­on in 50er Jah­ren zurück. Es war geplant, bis 1967 einen gemein­sa­men gro­ßen Wirt­schafts­raum zu schaf­fen, wobei die chi­ne­si­sche Indus­trie von der nord­chi­ne­si­schen Ebe­ne nach Wes­ten, die sowje­ti­sche aber von Mit­tel­asi­en nach Osten vor­sto­ßen soll­te. Ein zen­tra­les Ele­ment die­ser Pla­nun­gen war die Trans-Xin­jiang-Linie. Sie soll­te über Urum­chi nach Alma-Ata in der Sowjet­uni­on füh­ren. Dazu kam es jedoch nach 1960 nicht mehr.14 Sie fiel dem sowje­tisch-chi­ne­si­schen Bruch zum Opfer und wur­de erst 1990 eröffnet.

Letzt­lich geht es um die Schaf­fung eines eura­si­schen Wirt­schafts­rau­mes, der vom Gel­ben Meer bis an den Atlan­tik reicht. Eura­si­en umfasst 92 Län­der mit 4,6 Mil­li­ar­den Men­schen und einer Wirt­schafts­leis­tung von 50 Bil­lio­nen Dol­lar, fast 60% des Welt­so­zi­al­pro­duk­tes. Dazu kommt der afri­ka­ni­sche Kon­ti­nent.15

In der jet­zi­gen Pha­se ist OBOR ein gigan­ti­sches Infra­struk­tur­pro­jekt, von dem alle ange­schlos­se­nen Län­der pro­fi­tie­ren sol­len. Das steht im Gegen­satz zum Null­sum­men­den­ken des Wes­tens, der alle ande­ren Regio­nen her­ab­drü­cken will.

Es ist zugleich ein gigan­ti­sches Wachs­tums- und Kon­junk­tur­pro­gramm, eine Art New Deal glo­ba­len Aus­ma­ßes, der das Wirt­schafts­wachs­tum der betei­lig­ten Län­der, aber auch der gesam­ten Welt antrei­ben soll. Chi­na ver­spricht sich in die­sem Zusam­men­hang, dass es sei­ne nicht aus­ge­las­te­ten Kapa­zi­tä­ten in der Stahl, Grund­stoff- und Zement­in­dus­trie bes­ser nut­zen kann.16

Eini­ge Pro­jek­te sind bereits fer­tig­ge­stellt. Seit 2010 ver­kehr­ten bis zu 200 Eisen­bahn­zü­ge pro Woche von Zen­tral­chi­na nach Duis­burg. Eine neue Güter­zug­tras­se durch Zen­tral­asi­en soll Chi­na mit Duis­burg und Rot­ter­dam in acht Tagen ver­bin­den, statt wie bis­her in 11 Tagen.

Bis­her sind am Pro­jekt 68 Staa­ten betei­ligt. Davon kom­men aus Euro­pa und Eura­si­en 23, aus dem Nahen Osten und Afri­ka 16, aus Ost- und Süd­ost­asi­en 13 und aus Mit­tel- und Süd­asi­en 13. Wei­ter Staa­ten kön­nen hin­zu­kom­men.17

Chi­na hat bis­her eine Bil­li­on Dol­lar in die BRI inves­tiert, ver­ein­bart oder geplant. Das Haupt­in­stru­ment sind öffent­li­che völ­ker­recht­li­che Ver­trä­ge mit den jewei­li­gen Staa­ten, die den Rah­men abste­cken. Chi­nas staat­li­che Ban­ken und Fonds finan­zie­ren dann pri­mär öffent­li­che Infra­struk­tu­ren in den Part­ner­län­dern, aber sekun­där auch Inves­ti­tio­nen pri­va­ter chi­ne­si­scher Unter­neh­men in die­sen Län­dern. Die Zin­sen sind meist nied­ri­ger als auf dem Markt ver­langt wür­den.18

Die­se hier genann­ten Fak­to­ren führ­ten zu einem Auf­stieg Chi­nas und einen rela­ti­ven Bedeu­tungs­ver­lust der alten Indus­trie­län­der USA und Euro­pa. Noch im Jahr 2000 mach­te die öko­no­mi­sche Stär­ke der BRICS-Län­der Bra­si­li­en, Russ­land, Indi­en, Chi­na und Süd­afri­ka nur ein Drit­tel der­je­ni­gen der G7 aus – gemes­sen am BIP nach Kauf­kraft­pa­ri­tät. Im Jahr 2016 hat die BRICS-Grup­pe in Bezug auf das BIP nach Kauf­kraft­pa­ri­tä­ten19 mit den füh­ren­den kapi­ta­lis­ti­schen Indus­trie­län­dern (USA, Japan, Deutsch­land, Groß­bri­tan­ni­en, Frank­reich, Ita­li­en, Kana­da) gleichgezogen.

Tabel­le 6.1. Antei­le von G7 und BRICS am Welt-BIP in Pro­zent nach nomi­na­lem BIP und Kauf­kraft­pa­ri­tä­ten 2000 und 2016.20

Im Jahr 2007 wur­de Chi­na die dritt­größ­te Öko­no­mie, aber wegen der nied­ri­gen Kon­sum­quo­te von 36% erst der fünft­größ­te Kon­su­men­ten­markt nach den USA, Japan, Deutsch­land und Groß­bri­tan­ni­en.21

Im Jahr 2010 rück­te Chi­na zur zweit­größ­ten Wirt­schafts­macht der Erde auf und ver­wies Japan auf Platz drei. Der Abstand zu den USA war aller­dings noch groß: USA 2009 14.000 Mrd. Dol­lar BIP (24,6% des Welt-BIP); Chi­na 5.000 Mrd. Dol­lar (8,6%).22 Im Jahr 2020 betrug das BIP Chi­nas 14.866,74 Mil­li­ar­den Dol­lar, das der USA 20.893,75 Mil­li­ar­den.23

Die meis­ten Pro­gno­sen gehen davon aus, dass Chi­na im Jahr 2035 die USA ein­ge­holt haben wird. Ein Gleich­zie­hen mit dem BIP der USA wür­de aller­dings bedeu­ten, dass das chi­ne­si­sche BIP ver­mut­lich auf einer weit stär­ke­ren indus­tri­el­len Basis stün­de. In den USA voll­zog sich in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten ein Pro­zess der Deindus­tria­li­sie­rung und der Aus­la­ge­rung von indus­tri­el­len Kapa­zi­tä­ten – zum gro­ßen Teil nach Chi­na. Die Volks­re­pu­blik hat dage­gen eine sehr breit­ge­fä­cher­te Indus­trie ent­wi­ckelt, was auch macht­po­li­tisch ins Gewicht fällt.24

Nach Kauf­kraft­pa­ri­tä­ten ist Chi­na bereits seit 2014 die größ­te Wirt­schafts­macht der Erde. Der so berech­ne­te Anteil Chi­nas am Welt-BIP betrug 2017 18,3%, der US-Anteil 15,3%.25

In der Indus­trie­pro­duk­ti­on liegt Chi­na bereits unein­hol­bar an der Spit­ze. Der Wert sei­ner Pro­duk­ti­on betrug 2021 6,9 Bil­lio­nen Dol­lar, weit vor der EU mit 3,9, den USA mit 3,8 und Japan mit 1,4 Bil­lio­nen.26

Wie schon in der Zeit vor 1914 erle­ben eta­blier­te Mäch­te, heu­te ins­be­son­de­re die ein­zi­ge Super­macht USA, einen rela­ti­ven Bedeu­tungs­ver­lust zuguns­ten von auf­stei­gen­den Mäch­ten mit einer grö­ße­ren Dynamik.

Letz­te Ursa­che für die grö­ße­re wirt­schaft­li­che Dyna­mik in Chi­na dürf­te sein, dass dort aus his­to­ri­schen Grün­den die orga­ni­sche Zusam­men­set­zung des Kapi­tals noch gerin­ger ist als im Wes­ten. Das impli­ziert auch eine gerin­ge­re Kapi­tal­kon­zen­tra­ti­on und ‑zen­tra­li­sa­ti­on und dem­nach einen grö­ße­ren Wett­be­werb zwi­schen den unter­schied­li­chen Kapitalien.

Öko­no­misch kann der Wes­ten mit Chi­na immer weni­ger mit­hal­ten. Die in der gro­ßen Welt­wirt­schafts­kri­se von 2007 bis 09 deut­lich gewor­de­ne all­ge­mei­ne Kri­se des west­li­chen Kapi­ta­lis­mus lässt sie nicht ohne wei­te­res über­win­den. Ande­rer­seits ist der Wes­ten auch nicht bereit, auf sei­ne glo­ba­le Hege­mo­nie zu verzichten.

In den Jah­ren ab 1989 wur­den die Men­schen im Wes­ten gezwun­gen, zuguns­ten des Frei­han­dels gro­ße Opfer zu brin­gen. Alles wur­de der glo­ba­len Wett­be­werbs­fä­hig­keit unter­ge­ord­net. In Deutsch­land setz­te die Rot-Grü­ne Regie­rung Schrö­der zu die­sem Zweck zum Bei­spiel die bru­ta­len Hartz-Geset­ze durch, mit denen die Men­schen unter Druck gesetzt wer­den, zu mise­ra­blen Bedin­gun­gen und mise­ra­bler Bezah­lung Arbeit anzu­neh­men. Dies drück­te das gesam­te Lohn­ni­veau. Als sich aber her­aus­stell­te, dass die VR Chi­na den Stand­ort­wett­be­werb gewin­nen wür­de, gab der Wes­ten sei­ne Ideo­lo­gie des Frei­han­dels umstands­los auf. Sie ist nach 2007 in einer Orgie von Krie­gen, Wirt­schafts­kon­fron­ta­tio­nen und Sank­tio­nen unter­ge­gan­gen. Frei­lich bedeu­tet das nicht, dass der Wes­ten zu einer bin­nen­markt­ori­en­tier­ten Ent­wick­lung zurück­ge­kehrt wäre. Ganz im Gegen­teil wur­de die Aus­plün­de­rung der Bevöl­ke­rung durch weni­ge west­li­che Olig­ar­chen der Gates, Bazos und ihre Dienst­leis­ter wie Black­rock noch radikalisiert.

Die west­li­chen Eli­ten woll­ten Chi­na nut­zen, um ihre Pro­fi­te zu stei­gern. Dass die umfang­rei­chen Pro­duk­ti­ons­ver­la­ge­run­gen nach dort zum wirt­schaft­li­chen Auf­stieg des Lan­des führ­ten, haben sie weder gewollt noch vor­her­ge­se­hen. Auch dar­in kann man nach den Wor­ten von Wer­ner Rüge­mer die pro­fit­ge­trie­be­ne Selbst­er­blin­dung des US-geführ­ten Kapi­ta­lis­mus erken­nen.27

Also blieb dem Wes­ten nur die Anwen­dung von Gewalt übrig, um den Auf­stieg Chi­nas zu ver­hin­dern. Im Bereich des Mili­tärs, der Geheim­diens­te und Herr­schafts­tech­ni­ken war und ist der Wes­ten sei­nen Wider­sa­chern haus­hoch über­le­gen. Aber es ist abzu­se­hen, dass die­ser Vor­sprung lang­sam zusam­men­schmilzt. Also ist es für den Wes­ten ratio­nal, mög­lichst bald zuzu­schla­gen, solan­ge die­se Vor­tei­le noch wirk­sam sind.

Ein Ele­ment hier­für ist die von den USA im Jahr 2011 ver­kün­de­te Stra­te­gie Pivot to Asia. Sie ver­la­ger­ten ihre Streit­kräf­te schwer­punkt­mä­ßig von Euro­pa weg in die Nähe von Chi­na und berei­ten sich seit­dem auf einen gro­ßen Krieg gegen das Land vor. Im Insel­bo­gen von Japan bis Thai­land haben sie eine gan­ze Stütz­punkt­ket­te, einen eiser­nen Ring, vor das chi­ne­si­sche Fest­land gelegt.

Die ers­te Insel­ket­te besteht nur aus Staa­ten, die mit den USA durch Mili­tär­ab­kom­men oder Sicher­heits­ga­ran­tien ver­bun­den sind. Dies sind: Japan, Süd­ko­rea, Tai­wan, Phil­ip­pi­nen, Malay­sia, Indo­ne­si­en, Sin­ga­pur und Thailand.

Wich­tigs­tes Glied die­ser Ket­te ist der US-Ver­bün­de­te Japan. Von zen­tra­ler Bedeu­tung ist hier der Luft- und Atom­waf­fen­stütz­punkt Oki­na­wa (Kade­na Air-Base).

Vom Zugang zum Pazi­fik ist die chi­ne­si­sche Flot­te nicht nur durch die inne­re, son­dern auch durch Stütz­punk­te auf der äuße­ren Insel­ket­te abge­schnit­ten. Dies sind Guam, Kwa­jalein, Wake, Mid­way und die Mar­shall-Inseln.28

Von stra­te­gisch höchs­ter Bedeu­tung für die Ver­sor­gungs­si­cher­heit Chi­nas ist die Stra­ße von Malak­ka, einer der am häu­figs­ten befah­re­nen See­we­ge. Täg­lich pas­sie­ren etwa 2.000 Schif­fe die Meer­enge, etwa ein Vier­tel des Welt­han­dels muss durch die­ses Nadel­öhr. Vor allem für Chi­na hat die Pas­sa­ge höchs­ten stra­te­gi­schen Wert, ist sie doch die ent­schei­den­de Lebens­ader für sei­nen Außen­han­del. Allein 80 Pro­zent des von Chi­na impor­tier­ten Öls müs­sen die­se, teil­wei­se nur weni­ge Kilo­me­ter brei­te Meer­enge passieren.

Die USA könn­ten mit ihrer 5. und 3. Flot­te die Stra­ße von Malak­ka über Stütz­punk­te in Sin­ga­pur und Die­go Gar­cia pro­blem­los blo­ckie­ren. Die USA kön­nen also die Hals­schlag­ader des Welt­han­dels in ihren Wür­ge­griff neh­men.29

Im Jahr 2018 star­te­ten die USA und die EU einen Wirt­schafts­krieg gegen Chi­na. US-Prä­si­dent Trump beleg­te die chi­ne­si­schen Kon­zer­ne Hua­wei und ZTE mit Sank­tio­nen. US-Fir­men durf­ten nun kei­ne Mikro­chips an die­se Kon­zer­ne mehr liefern.

In den fol­gen­den Jah­ren hagel­te es in den USA und der EU Inves­ti­ti­ons­kon­trol­len und Über­nah­me­ver­bo­te gegen chi­ne­si­schen Fir­men. Der Fall Kuka soll­te sich nicht wiederholen.

Außer­dem ver­häng­ten die USA im Jahr 2021 Export­ver­bo­te für das nie­der­län­di­sche Unter­neh­men ASML. Es darf ab sofort kei­ne Litho­gra­phie­sys­te­me mehr nach Chi­na lie­fern, die für die Her­stel­lung von Pro­zes­so­ren in der fort­schritt­li­chen 7‑N­a­no­me­ter-Tech­nik benö­tigt wer­den. Da ASML ein Welt­mo­no­pol für Litho­gra­phie­sys­te­me hat, bedeu­tet das, dass ent­spre­chen­de Pro­zes­so­ren in Chi­na nicht her­ge­stellt wer­den kön­nen und das Land immer noch in der ver­al­te­ten 14-Nano­me­ter­tech­nik fest­sitzt.30

Mit die­sem Wirt­schafts­krieg geht es dem Wes­ten dar­um, den tech­no­lo­gi­schen Auf­hol­pro­zess Chi­nas zu blo­ckie­ren. Dabei nützt er geschickt die größ­ten tech­no­lo­gi­schen Schwach­stel­len Chi­nas aus. Das ist zwei­fel­los der Bereich der Halb­lei­ter­her­stel­lung. Die­ser Pro­zess ist sehr auf­wen­dig, teu­er und tech­nisch schwer zu beherr­schen. Zwar hob US-Prä­si­dent Trump die Sank­tio­nen gegen Hua­wei und ZTE nach einem hal­ben Jahr auf, aber nur unter demü­ti­gen­den Bedin­gun­gen. Die­se Sank­tio­nen hat­ten den Cha­rak­ter eines Warn­schus­ses, mit dem Chi­na gezwun­gen wer­den soll­te, sich den US-For­de­run­gen zu beugen.

Gegen­wär­tig berei­tet die US-Regie­rung har­te Sank­tio­nen gegen Chi­na vor, die den 2022 ver­häng­ten Russ­land-Sank­tio­nen ent­spre­chen. Zu die­sem Zweck schrieb sie alle gro­ßen Kon­zer­ne an und for­der­te sie auf, ihr Chi­na-Geschäft zurückzufahren.

Als Reak­ti­on auf die neue Sei­den­stra­ße kün­digt die EU regel­mä­ßig eine eige­ne Kon­nek­ti­vi­täts­stra­te­gie mit Ent­wick­lungs­län­dern an. Sie lobt sich auf jedem Gip­fel selbst dafür, wie vie­le Mil­li­ar­den Euro sie für den Bau neu­er Eisen­bah­nen, Häfen und Gas­lei­tun­gen bereit­stel­le. Tat­säch­lich aber bleibt es regel­mä­ßig bei Ankün­di­gun­gen. Bei den genann­ten Sum­men han­delt es sich im Unter­schied zu Chi­na um Luft­bu­chun­gen. Nur in einem Bereich ist die EU hyper­ak­tiv: Bei ihren Ver­su­chen, die von Chi­na vor­an­ge­trie­be­nen Sei­den­stra­ßen­pro­jek­te zu tor­pe­die­ren und madig zu machen. Dabei wer­den rou­ti­ne­mä­ßig Beden­ken zu Min­der­hei­ten­rech­ten und Umwelt­schutz­ar­gu­men­te abge­spult, so zum Bei­spiel bei der geplan­ten Ölpipe­line von Ugan­da zum tan­sa­ni­schen Hafen Tan­ga am Indi­schen Oze­an.31

In den 10er Jah­ren traf der Wes­ten zum ers­ten Mal seit 1989 auf ernst­haf­ten Wider­stand bei sei­nen Regi­me­chan­ge-Pro­jek­ten. In Syri­en hat­ten die USA und eini­ge euro­päi­sche Län­der im Gefol­ge des ara­bi­schen Früh­lings Isla­mis­ten der Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on Al-Qai­da bewaff­net und aus­ge­rüs­tet. Sie wur­den zu einer ernst­haf­ten Gefahr für die säku­la­re Regie­rung unter Prä­si­dent Bas­hir Al-Assad. Einem Regi­me­chan­ge wie in Liby­en stand schein­bar nichts im Wege. Als US-Prä­si­dent Oba­ma 2013 ankün­dig­te, bei einem mög­li­chen Ein­satz von che­mi­schen Waf­fen durch Regie­rungs­trup­pen mili­tä­risch inter­ve­nie­ren zu wol­len, tauch­ten wie auf Bestel­lung kurz dar­auf Gift­gas­vor­wür­fe von Sei­ten der »gemä­ßig­ten Rebel­len«, also Al-Qai­das auf. Russ­land über­zeug­te Syri­en davon, der Kon­ven­ti­on zum Ver­bot von che­mi­schen Waf­fen bei­zu­tre­ten und sei­ne Gift­gas­vor­rä­te der inter­na­tio­na­len Gemein­schaft zu über­ge­ben. Damit war einer US-Inter­ven­ti­on die Basis ent­zo­gen. Russ­land griff dar­über hin­aus ab 2015 in den syri­schen Bür­ger­krieg auf Sei­te der Regie­rung ein, beson­ders durch Luft­an­grif­fe auf die Isla­mis­ten und mit Waf­fen­lie­fe­run­gen. In der Fol­ge konn­te die Regie­rung die mili­tä­ri­sche Lage sta­bi­li­sie­ren und die Kon­trol­le über gro­ße Tei­le des Lan­des zurück­ge­win­nen. Aber Syri­en bleibt nach wie vor im Wür­ge­griff der bru­ta­len west­li­chen Wirtschaftssanktionen.

Ent­ge­gen den Gor­bat­schow gege­be­nen Zusi­che­run­gen dehn­te sich die NATO in den 90er Jah­ren über Ost­eu­ro­pa aus. In einer ers­ten Erwei­te­rungs­run­de wur­den 1999 Polen, Tsche­chi­en und Ungarn in das Mili­tär­bünd­nis auf­ge­nom­men, 2004 folg­ten Bul­ga­ri­en, Rumä­ni­en, die Slo­wa­kei, Slo­we­ni­en, Est­land, Lett­land und Litau­en, 2009 Alba­ni­en und Kroa­ti­en, 2019 Mon­te­ne­gro und 2020 Nord­ma­ze­do­ni­en. Der Wes­ten war und ist bestrebt, auch die Ukrai­ne als anti­rus­si­schen Vor­pos­ten in die NATO aufzunehmen.

Bereits im Jahr 1997 bezeich­ne­te der US-Stra­te­ge Zbi­gniew Brze­zinski in sei­nem Buch Die ein­zi­ge Welt­macht die Ukrai­ne als einen geo­stra­te­gi­schen Dreh- und Angel­punkt. »Die Ukrai­ne, ein neu­er und wich­ti­ger Raum auf dem eura­si­schen Schach­brett, ist ein geo­po­li­ti­scher Dreh- und Angel­punkt, weil ihre blo­ße Exis­tenz als unab­hän­gi­ger Staat zur Umwand­lung Russ­lands bei­trägt. Ohne die Ukrai­ne ist Russ­land kein eura­si­sches Reich mehr. […] Wenn Mos­kau aller­dings die Herr­schaft über die Ukrai­ne mit ihren 52 Mil­lio­nen Men­schen, bedeu­ten­den Boden­schät­zen und dem Zugang zum Schwar­zen Meer wie­der­ge­win­nen soll­te, erlang­te Russ­land auto­ma­tisch die Mit­tel, ein mäch­ti­ges Euro­pa und Asi­en umspan­nen­des Reich zu wer­den.«32

Dem­entspre­chend haben die USA bis 2014 auch 4 Mil­li­ar­den Dol­lar in der Ukrai­ne inves­tiert, um pro­west­li­che und damit faschis­ti­sche Struk­tu­ren der Zivil­ge­sell­schaft zu för­dern. Im Jahr 2004 orches­trier­ten sie die oran­ge Revo­lu­ti­on, in des­sen Gefol­ge der offen pro­west­li­che Poli­ti­ker Vik­tor Juscht­schen­ko an die Macht kam. Die pro­west­li­chen Par­tei­en ver­lo­ren aller­dings die Prä­si­den­ten­wah­len von 2010, die Vik­tor Janu­ko­witsch von der Par­tei der Regio­nen gewann. Weder Janu­ko­witsch noch die Par­tei der Regio­nen waren pro­rus­sisch oder anti­west­lich. Viel­mehr befür­wor­te­ten sie einen neu­tra­len Sta­tus der Ukrai­ne, die gleich­zei­tig mit Russ­land und der EU Han­del trei­ben soll­te. Die Par­tei der Regio­nen wur­de aller­dings fast aus­schließ­lich von eth­ni­schen Rus­sen in den öst­li­chen Oblas­ten der Ukrai­ne gewählt.

Als Janu­ko­witsch Ende 2013 ein von der EU oktroy­ier­tes Asso­zi­ie­rungs­ab­kom­men nicht unter­zeich­nen woll­te, akti­vier­ten die EU und die USA ihre zivil­ge­sell­schaft­li­chen Fuß­trup­pen. Die­ses Asso­zi­ie­rungs­ab­kom­men hät­te der Ukrai­ne schmerz­haf­te neo­li­be­ra­le Refor­men abver­langt und sie zu einer Still­le­gung von zahl­rei­chen Indus­trie­be­trie­ben gezwun­gen, die nach Russ­land exportierten.

Die­se Zusam­men­hän­ge waren der west­ukrai­ni­schen Bevöl­ke­rung aber nicht bekannt. Viel­mehr dach­te sie, dass sie mit einer EU-Asso­zi­ie­rung den glei­chen Lebens­stan­dard wie etwa in Deutsch­land bekom­men wür­de. Zugleich gab es im Land eine gro­ße Unzu­frie­den­heit über die Berei­che­rung von Janu­ko­witsch und sei­nem Clan.

Aus die­sen Grün­den errich­te­ten zivil­ge­sell­schaft­li­che Akti­vis­ten im Novem­ber 2013 auf dem Mai­d­an­platz in Kiew ein Pro­test­camp. Sie for­der­ten die sofor­ti­ge Unter­zeich­nung des Asso­zi­ie­rungs­ab­kom­men. Die Pro­tes­te wur­den aber schon nach weni­gen Wochen von orga­ni­sier­ten und bes­tens bewaff­ne­ten Neo­fa­schis­ten über­nom­men. Die­se besetz­ten im Janu­ar und Febru­ar 2014 auch Ver­wal­tungs­stel­len in der West­ukrai­ne sowie Poli­zei­wa­chen und bra­chen deren Waf­fen an sich. Damit exis­tier­te im Land eine Dop­pel­macht. Janu­ko­witsch hat­te die Kon­trol­le über gro­ße Tei­le des ukrai­ni­schen Ter­ri­to­ri­ums verloren.

Am 20. Febru­ar 2014 eska­lier­te die Situa­ti­on dra­ma­tisch, als 39 Demons­tran­ten und 17 Poli­zis­ten von Hecken­schüt­zen getö­tet wur­den. Die Schüs­se wur­den vom Hotel Ukrai­na aus abge­feu­ert, das zum dama­li­gen Zeit­punkt unter der Kon­trol­le des Rech­ten Sek­tors stand. Eine bewuss­te Pro­vo­ka­ti­on zum Zweck eines Regi­me­ch­an­ges liegt nahe. Der Wes­ten mach­te jedoch ohne jede Unter­su­chung Janu­ko­witsch für das Mas­sa­ker verantwortlich.

Am 21. Febru­ar reis­ten die Außen­mi­nis­ter Frank-Wal­ter Stein­mei­er (Deutsch­land), Lau­rent Fabi­us (Frank­reich) und Radoslaw Sikor­ski (Polen) nach Kiew, um die Situa­ti­on zu beru­hi­gen. Es wur­den ein Waf­fen­still­stand, Gewalt­ver­zicht, Unter­su­chung der Gewalt­tä­tig­kei­ten, Rück­kehr zur Ver­fas­sung von 2004, Regie­rung der natio­na­len Ein­heit und vor­ge­zo­ge­ne Neu­wah­len noch in die­sem Jahr ver­ein­bart. Die Ver­ein­ba­rung unter­schrie­ben Prä­si­dent Janu-kowitsch und die Oppo­si­ti­ons­po­li­ti­ker Jazen­juk, Klitsch­ko und Tja­gni­bok. Damit hät­te die Oppo­si­ti­on gewon­nen, wenn es ihr nur um die EU-Asso­zi­ie­rung gegan­gen wäre. Denn ein Wahl­sieg der Oppo­si­ti­ons­kan­di­da­ten war zu erwarten.

Die EU woll­te zwar die Ukrai­ne als aus­zu­beu­ten­de Halb­ko­lo­nie gewin­nen, aber gleich­zei­tig ver­hin­dern, dass der Kon­flikt außer Kon­trol­le gerät. Denn damit wären ihre damals noch bedeu­ten­den Bezie­hun­gen zu Russ­land beschä­digt wor­den. Die USA betrie­ben aber gezielt eine sol­che Eska­la­ti­on, um Russ­land zu zer­stö­ren und die EU zu schwä­chen. Sie stan­den wegen der Ver­ein­ba­rung unter Hand­lungs­druck und akti­vier­ten ihre Orga­ni­sa­tio­nen. Nach­dem das ukrai­ni­sche Par­la­ment hand­greif­lich von Ange­hö­ri­gen der Par­tei der Regio­nen gesäu­bert wor­den war, erklär­te es am 22. Febru­ar Janu­ko­witsch ent­ge­gen den Bestim­mun­gen der Ver­fas­sung für abge­setzt. Die­ser fürch­te­te um sein Leben und floh nach Russ­land. Damit war der Putsch voll­zo­gen. Turt­schi­now wur­de zum Prä­si­den­ten und Jazen­juk ent­spre­chend den Wün­schen der USA zum Pre­mier­mi­nis­ter ernannt. In der neu­en Regie­rung hiel­ten Neo­fa­schis­ten Schlüs­sel­po­si­tio­nen in den bewaff­ne­ten Orga­nen. Als ers­tes Gesetz beschloss das Putsch­par­la­ment das Ver­bot der rus­si­schen Spra­che. Die EU erkann­te die Putsch­re­gie­rung sofort an und ent­hielt sich ab nun jeder Eigen­mäch­tig­keit gegen­über den USA.

Auf die­sen Putsch folg­te die Sezes­si­on der Krim, die in die Rus­si­sche Föde­ra­ti­on auf­ge­nom­men wur­de, bes­tia­li­sche Mas­sa­ker in Odes­sa und Mariu­pol an eth­ni­schen Rus­sen durch ukrai­ni­sche Faschis­ten im Mai und schließ­lich ab Juni 2014 der offe­ne Bür­ger­krieg im Osten des Lan­des. Der bis heu­te unge­klär­te Abschuss des malay­si­schen Ver­kehrs­flug­zeugs MH17 am 17. Juli 2014, der ohne jede Unter­su­chung Russ­land ange­las­tet wur­de, brach den Wider­stand der EU gegen har­te Russ­land-Sank­tio­nen. Spä­tes­tens mit dem Abschuss von MH17 ist der Neue Kal­te Krieg des Wes­tens gegen Russ­land und Chi­na voll ent­brannt.33

Füh­ren­de Poli­ti­ker und Olig­ar­chen der USA blick­ten mit gro­ßen Sor­gen auf Chi­na. Spä­tes­tens seit der gro­ßen Welt­wirt­schafts­kri­se von 2007 bis 2009 wur­de ihnen klar, dass mit der Volks­re­pu­blik für die USA welt­his­to­ri­scher Kon­kur­rent ent­ste­hen könn­te, wie es ihn seit dem Zusam­men­bruch des Sozia­lis­mus 1989 nicht mehr gege­ben hat­te. Dabei ist es völ­lig uner­heb­lich, ob die VR Chi­na die­se Rol­le als neue Super­macht will oder nicht. Ja schlim­mer noch aus ihrer Sicht: Mit der Shang­hai Coope­ra­ti­on Orga­niz­a­ti­on und der Neu­en Sei­den­stra­ße zeich­net sich ein Zusam­men­wach­sen der Kon­ti­nen­te der Öst­li­chen Fes­te also Asi­en, Euro­pa und Afri­ka unter Chi­nas Füh­rung ab. Damit ent­steht mög­li­cher­wei­se eine Wirt­schaft­ge­mein­schaft, die weit­aus stär­ker ist als der Wes­ten. Wenn das pas­siert, haben die USA kei­ne Chan­ce mehr, ihre Welt­do­mi­nanz auf­recht zu erhalten.

Bereits der Oba­ma-Admi­nis­tra­ti­on war klar, dass die­se Ent­wick­lung nur durch einen neu­en Welt­krieg auf­ge­hal­ten wer­den kann. Die­ser muss­te mög­lichst bald geführt wer­den, solan­ge die Her­aus­for­de­rer wirt­schaft­lich und mili­tä­risch noch schwä­cher sind als die eta­blier­ten Mäch­te. Zu die­sem Zweck star­te­ten die USA eine neue Auf­rüs­tungs­run­de und kon­zen­trier­ten ihre Streit­kräf­te in Ost­asi­en, weil der Haupt­schlag gegen die VR Chi­na geführt wer­den soll­te. Ein Krieg gegen Chi­na gilt in Krei­sen des US-Mili­tärs schon lan­ge aus unausweichlich.

Vor­her muss­te aller­dings noch die Situa­ti­on in Euro­pa „berei­nigt“ wer­den. Russ­land war als Ver­bün­de­ter Chi­nas und des­sen Roh­stoff­quel­le aus­zu­schal­ten. Dar­in sahen Oba­ma und Clin­ton kei­ne gro­ßen Pro­ble­me, denn das Land galt als schwach und kor­rupt, als »Regio­nal­macht mit Tank­stel­le«. Nur wenn es gelän­ge, Russ­land zu beherr­schen, zu zer­stü­ckeln und in den Rest­staa­ten US-höri­ge Regie­run­gen ein­set­zen, konn­te Chi­na von wich­ti­gen Roh­stof­fen abge­schnit­ten und wirt­schaft­lich lang­sam erdros­selt wer­den. Die Ver­nich­tung der rus­si­schen Staat­lich­keit wur­de als Vor­be­din­gung für einen Sieg im Krieg gegen Chi­na angesehen.

Über die Ukrai­ne und Syri­en wur­den im Wes­ten Ele­fan­ten­do­sen von Pro­pa­gan­da ver­brei­tet, die das wirk­li­che Gesche­hen auf den Kopf stell­ten. Wer erin­nert sich nicht an die herz­zer­rei­ßen­den Sto­ries über die syri­schen Weiß­hel­me und das sie­ben­jäh­ri­ge Twit­ter­mäd­chen Bana Alabad, das im bes­ten Eng­lisch Prä­si­dent Oba­ma anfleh­te, den Drit­ten Welt­krieg zu begin­nen? Die­se Pro­pa­gan­da muss Mil­li­ar­den gekos­tet haben.

Die USA waren vor 2016 wohl eher geneigt, die syri­sche Opti­on zu zie­hen. Eine Flug­ver­bots­zo­ne als Reak­ti­on auf eine bestell­te Gift­gas­pro­vo­ka­ti­on durch Isla­mis­ten soll­te die unmit­tel­ba­re Kon­fron­ta­ti­on mit Russ­land erzwin­gen, die mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit zu einem Nukle­ar­krieg eska­liert wäre. Um die­se Flug­ver­bots­zo­ne durch­zu­set­zen, müs­sen als ers­tes alle Luft­ver­tei­di­gungs­ein­rich­tun­gen aus­ge­schal­tet wer­den. Russ­land hat aber die Luft­ver­tei­di­gung in Syri­en durch Sta­tio­nie­rung der Luft­ab­wehr­sys­te­me S‑300 und S‑400 über­nom­men. Die Ein­rich­tung einer Flug­ver­bots­zo­ne hät­te also zu einer direk­ten Kon­fron­ta­ti­on zwi­schen den USA und Russ­land geführt. Die USA wähn­ten sich jedoch auf­grund ihrer über­ra­gen­den Rake­ten­ab­wehr sicher. Rus­si­sche Hyper­schall­waf­fen gab es 2016 noch nicht.

Hil­la­ry Clin­ton war von den glo­ba­len Eli­ten als Kriegs­prä­si­den­tin vor­ge­se­hen. Sie wäre bereit und in der Lage, die här­tes­ten Maß­nah­men gegen Russ­land durch­zu­set­zen. Im Jahr 2016 herrsch­te fieb­ri­ge Vor­kriegs­stim­mung. Die Teil­neh­mer der Münch­ner Sicher­heits­kon­fe­renz glaub­ten, dass dies die letz­te Kon­fe­renz in Frie­dens­zei­ten sein wür­de. Hil­la­ry Clin­ton for­der­te bereits 2015 als Außen­mi­nis­te­rin und im Prä­si­dent­schafts­wahl­kampf 2016 eine Flug­ver­bots­zo­ne über Syri­en.34 Über ihr Han­deln als Prä­si­den­tin konn­ten also kei­ne Zwei­fel auf­kom­men. Dann aber pas­sier­te etwas völ­lig Uner­war­te­tes: Nicht sie, son­dern ihr Her­aus­for­de­rer Donald Trump wur­de zum US-Prä­si­den­ten gewählt. Viel­leicht gera­de wegen Clin­tons offen zur Schau getra­ge­nen Kriegsgeilheit.

Inso­fern ist es kein Wun­der, dass die maß­geb­li­chen Kapi­tal­frak­tio­nen vor Wut schäum­ten und die Schuld an die­sem Wahl­sieg Russ­land zuge­scho­ben haben. Die Wahl von Trump hat­te auf jeden Fall Aus­wir­kun­gen, die immer noch nicht voll­stän­dig ver­stan­den sind.

Russ­land nutz­te die vier Trump-Jah­re zu einer mas­si­ven Auf­rüs­tung, auch mit Hyper­schall­waf­fen, gegen die sogar die hoch­ent­wi­ckel­te US-Rake­ten­ab­wehr noch nichts aus­rich­ten kann. Auch Chi­na ist inzwi­schen mili­tä­risch bes­ser auf­ge­stellt, wäh­rend sich die öko­no­mi­sche Kri­se des Wes­tens wei­ter zuspitzte.

Ein direk­ter Angriff auf Russ­land ist für die USA nun viel ris­kan­ter gewor­den. Das von Hil­la­ry Clin­ton favo­ri­sier­te syri­sche Sze­na­rio ist nicht mehr mög­lich; auch des­halb nicht, weil die Isla­mis­ten inzwi­schen besiegt dort wor­den sind. Des­halb rück­te nach dem Wahl­sieg von Joe Biden 2020 die Ukrai­ne erneut in den Fokus der US-Politik.

Unter Trump war ein Groß­krieg gegen Russ­land und Chi­na kei­ne Opti­on. Des­halb wur­den offen­bar ande­re Metho­den zur Über­win­dung der all­ge­mei­nen Kri­se des Kapi­ta­lis­mus für die Olig­ar­chen umso wich­ti­ger. Es ist schon auf­fäl­lig, dass Kli­ma­hys­te­rie und die Pan­de­mie­vor­be­rei­tun­gen nach der Wahl von Trump inten­si­viert wur­den. Erst 2017 leis­te­ten die Olig­ar­chen in gro­ßem Umfang Zah­lun­gen an diver­se NGOs zur Vor­be­rei­tung auf eine »mög­li­che« Pan­de­mie (sie­he dazu den Abschnitt zur Corona-Hysterie).

Verweise

1 Wolf­ram Els­ner: Das chi­ne­si­sche Jahr­hun­dert, Frank­furt am Main 2020, S. 115ff

2 Auch die Indus­trie der BRD pro­du­zier­te haupt­säch­lich für den Export. Aber hier wur­de bereits eine öffent­li­che Dis­kus­si­on über die­ses Pro­blem unterbunden.

3 Vgl. Fred Schmid: Chi­na – Kri­se als Chan­ce?, isw-Report 83/84, 2010, S. 5

5 Vgl. Fred Schmid: Chi­na im glo­ba­len Kapi­ta­lis­mus, in: Kri­se des Glo­ba­len Kapi­ta­lis­mus und jetzt wohin?, isw-Report 109, Mün­chen 2017, S. 29.

6 Vgl. Schmid 2017, S. 29.

7 Vgl. Fred Schmid: Trumps Wirt­schafts­krieg gegen Chi­na, in: Glo­ba­ler Wirt­schafts­krieg, isw-Report 115, Mün­chen 2018, S. 50.

8 Vgl. Schmid 2018, S. 50.

9 Vgl. Rüge­mer 2020, S. 309

10 Vgl. Rüge­mer 2020, S. 301ff

11 Vgl. Rüge­mer 2020, S. 304ff

12 Vgl. Rüge­mer 2020, S. 315

14 Vgl. Peter Schöl­ler / Hei­ner Dürr / Eck­art Dege: Ost­asi­en, Fischer Län­der­kun­de, Band 1, Frank­furt am Main 1978, S. 150

15 Vgl. Schmid 2017, S. 33

16 Vgl. Schmid 2017, S. 33

17 Vgl. Rüge­mer 2020, S. 315

18 Vgl. Rüge­mer 2020, S. 315 und Els­ner 2020, S. 274.

19 „Kauf­kraft­pa­ri­tät zwi­schen zwei geo­gra­phi­schen Räu­men im sel­ben Wäh­rungs­raum liegt dann vor, wenn Waren und Dienst­leis­tun­gen eines Waren­kor­bes für gleich hohe Geld­be­trä­ge erwor­ben wer­den kön­nen.“ Vgl. Wiki­pe­dia-Arti­kel Kauf­kraft­pa­ri­tät, im Inter­net: https://de.wikipedia.org/wiki/Kaufkraftparit%C3%A4t, abge­ru­fen am 14.10.2022

20 Schmid 017, S. 41

21 Vgl. Schmid 2010, S. 22

22 Vgl. Schmid 2010, S. 3

24 Vgl. Schmid 2010, S. 34.

25 Vgl. Schmid 2018, S. 28.

26 Wiki­pe­dia-Arti­kel Lis­te der Län­der nach Indus­trie­pro­duk­ti­on, im Inter­net: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_L%C3%A4nder_nach_Industrieproduktion, abge­ru­fen am 14.10.2022

27 Vgl. Rüge­mer 2020, S. 293

28 Vgl. Schmid 2010, S. 51.

29 Vgl. Schmid 2010, S. 52.

30 Hei­se News: Halb­lei­ter­fer­ti­gung: TSMC hat eine Mil­li­ar­de 7‑N­a­no­me­ter-Chips pro­du­ziert, 21.08.2020, im Inter­net: https://​www​.hei​se​.de/​n​e​w​s​/​H​a​l​b​l​e​i​t​e​r​f​e​r​t​i​g​u​n​g​-​T​S​M​C​-​h​a​t​-​1​-​M​i​l​l​i​a​r​d​e​-​7​-​N​a​n​o​m​e​t​e​r​-​C​h​i​p​s​-​p​r​o​d​u​z​i​e​r​t​-​4​8​7​5​5​7​2​.​h​tml, Hei­se News: Chi­ne­si­scher Chip­her­stel­ler HSMC schließt end­gül­tig, 01.03.2021, im Inter­net:https://​www​.hei​se​.de/​n​e​w​s​/​C​h​i​n​e​s​i​s​c​h​e​r​-​C​h​i​p​h​e​r​s​t​e​l​l​e​r​-​H​S​M​C​-​s​c​h​l​i​e​s​s​t​-​e​n​d​g​u​e​l​t​i​g​-​5​0​6​7​5​5​1​.​h​tml, Hei­se News: Chip­auf­trags­fer­ti­ger im Gold­rausch: Mil­li­ar­den­plus bei Halb­lei­ter­her­stel­lern , 14.03.2022, https://​www​.hei​se​.de/​n​e​w​s​/​M​i​l​l​i​a​r​d​e​n​p​l​u​s​-​b​e​i​-​H​a​l​b​l​e​i​t​e​r​h​e​r​s​t​e​l​l​e​r​n​-​C​h​i​p​a​u​f​t​r​a​g​s​f​e​r​t​i​g​u​n​g​-​i​m​-​G​o​l​d​r​a​u​s​c​h​-​6​5​4​9​0​8​5​.​h​tml, Hei­se News: Wie der Wes­ten Russ­land mit Tech-Sank­tio­nen schwä­chen will, 15.03.2022, https://​www​.hei​se​.de/​n​e​w​s​/​W​i​e​-​d​e​r​-​W​e​s​t​e​n​-​R​u​s​s​l​a​n​d​-​m​i​t​-​T​e​c​h​-​S​a​n​k​t​i​o​n​e​n​-​s​c​h​w​a​e​c​h​e​n​-​w​i​l​l​-​6​5​4​0​2​2​7​.​h​tml, Abruf aller Tex­te am 14.10.2022.

32 Brze­zinski 2001, S. 74f

33 Vgl. Kees van der Pijl: Der Abschuss, Köln 2018, S. 142ff

34 Dia­na John­stone: Die Cha­o­s­kö­ni­gin (E‑Book), Frank­furt am Main 2016, Vor­wort zur deut­schen Ausgabe

Bild: Chi­ne­si­sche Flag­ge (Nemetz33)

One thought on “Imperialismus und Great Reset: Chinas Aufstieg und der Abstieg des Westens (Teil 6)

  1. Dan­ke dir!
    Gute Analyse.
    … Bis viel­leicht auf: »Letz­te Ursa­che für die grö­ße­re wirt­schaft­li­che Dyna­mik in Chi­na dürf­te sein, dass dort aus his­to­ri­schen Grün­den die orga­ni­sche Zusam­men­set­zung des Kapi­tals noch gerin­ger ist als im Wes­ten.« – Den wenigs­ten Län­dern nützt eine nied­ri­ge­re orga­ni­sche Zusam­men­set­zung etwas. »Letz­te Ursa­che« scheint mir eher die Ver­bin­dung pro­duk­ti­ve Staats­wirt­schaft / Kapi­ta­lis­mus zu sein, Kapi­tal­bil­dung unter Staats­kon­trol­le, dadurch ermög­lich­te diver­si­fi­zier­te Pro­duk­ti­on & Ent­wick­lung. Halbsozialismus.

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