Unordnung

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Mag­Ma ver­öf­fent­lich hier eine Über­set­zung aus dem Fran­zö­si­schen von Les­lie Kaplans 2019 bei P.O.L. erschie­ne­ner Fabel Dés­ord­re.

In jenem Früh­jahr kam es zu einer Rei­he von unge­wöhn­li­chen Ver­bre­chen, die in der Pres­se schnell als »Ver­bre­chen des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts« bezeich­net wur­den. Die Täter waren Aus­ge­beu­te­te aller Art: Ange­stell­te, Lohn­ar­bei­ter, Land­ar­bei­ter, ver­schie­de­ne Dienst­bo­ten, ver­schie­de­ne Elends­ge­stal­ten. Und die­je­ni­gen, die ermor­det wur­den, waren Chefs, Che­fin­nen, Leu­te, für die »es nur dar­um ging etwas zu« – nur was zu? Dies oder jenes zu tun, zu stu­die­ren, anzu­kom­men, einen schö­nen Anzug zu kau­fen, sich anzu­stren­gen die Stra­ße zu über­que­ren etc. Offen­sicht­lich teil­te sich Frank­reich in zwei Hälf­ten: die­je­ni­gen, die für die Ver­bre­cher waren, und die­je­ni­gen, die für die Opfer waren. Aber Fakt ist, dass die Bewe­gung nicht auf­hör­te, sich wei­ter­ent­wi­ckel­te, immer grö­ßer wur­de. Fast jeden Tag eine neue Geschich­te, manch­mal sogar meh­re­re. In den gro­ßen Städ­ten, auf dem Land, in jedem Moment pas­sier­te etwas. Eini­gen der Mör­der gelang es zu flie­hen. Die meis­ten wur­den jedoch erwischt und bekann­ten sich frei­mü­tig zu ihrem Ver­bre­chen. Man sah sie sogar lachen, sich lus­tig machen, mehr oder weni­ger lus­ti­ge Wit­ze rei­ßen. Kurz gesagt, es war eine ver­kehr­te Welt. Oder bes­ser gesagt, es war ein Rück­schritt in ein selbst­ver­ständ­lich ima­gi­nä­res 19. Jahr­hun­dert. Doch schließ­lich war die Klas­sen­li­nie so deut­lich zu erken­nen, dass man nicht umhin konn­te, dar­an zu den­ken. Und des­halb hat­te der Begriff »Ver­bre­chen des 19. Jahr­hun­derts«, geprägt von einem Jour­na­lis­ten, einem Kolum­nis­ten einer gro­ßen Regio­nal­zei­tung, das Ren­nen gemacht und wur­de über­all auf­ge­grif­fen. Unver­ständ­lich blieb, war­um all die­se Ver­bre­chen zur sel­ben Zeit statt­fan­den, war­um die­se Gleich­zei­tig­keit. Zuerst im März, dann im April. Gab es irgend­wel­che Warn­si­gna­le? Man such­te, aber sah und fand nichts.

Aber an der Wild­heit der Ver­bre­chen gab es kei­nen Zwei­fel. Sie waren nicht wild wie die Ver­bre­chen der Papin-Schwes­tern, die­ser Haus­mäd­chen, die ihre Her­rin­nen ermor­det und ver­stüm­melt, ihnen die Augen aus­ge­kratzt hat­ten, auch wenn es ein­mal eine jun­ge Frau gege­ben hat­te, die bei ihrer Ver­haf­tung geseufzt hat­te: »Ah, die Papin-Schwes­tern …«. Nein, die­se Ver­bre­chen waren nicht wie … son­dern wild … ja, wild … jäh, rasch, unmo­ti­viert, nein, viel­leicht nicht unmo­ti­viert, aber den­noch selt­sam, unper­sön­lich, regel­recht ver­rückt. Ein vor­bild­li­cher Ange­stell­ter, fünf­und­zwan­zig Jah­re bei einer Bank, der plötz­lich einen Tre­sor auf den Kopf sei­nes Direk­tors wirft. Ein por­tu­gie­si­scher Mecha­ni­ker, der sei­nen Chef in der Gara­ge mit her­um­lie­gen­den Dräh­ten erdros­selt. Ein Meis­ter­chauf­feur, der den von ihm gefah­re­nen CEO an die Wand schickt (er selbst springt vor­her ab). Auch Frau­en wur­den nicht ver­schont. Unzäh­li­ge Fäl­le von ver­gif­ten­den Kran­ken­schwes­tern, so dass bald die Sprit­zen von rei­chen oder gar wohl­ha­ben­den Men­schen nur noch im Fami­li­en­kreis ver­ab­reicht wur­den. Eine Metz­ge­rei­an­ge­stell­te setz­te das Mes­ser gegen ihre Che­fin ein, eine Flei­scher­ge­sel­lin benutz­te ihre Schür­ze. Über­all, von Nord nach Süd, von Ost nach West, in Paris und in der Pro­vinz, in den Städ­ten, Dör­fern und auf dem Land, herrsch­te ein Sturm des Wahnsinns.

Aber han­del­te es sich dabei um Wahn­sinn? Zei­tun­gen, Maga­zi­ne und eini­ge Zeit­schrif­ten rie­fen Debat­ten ins Leben: »Kausalität(en) des Ver­bre­chens«, »Grün­de der Gewalt«, »Woher kommt der Hass«, »Ursprün­ge des Mor­des / Mord an den Ursprün­gen« – nichts war wirk­lich über­zeu­gend. Ein Buch sorg­te für Furo­re, alle lasen es, man fand es sogar in den ent­le­gens­ten Bahn­hö­fen, in den Bahn­hö­fen, die es noch gab, aber das lag an sei­nem Titel: Wahn­sinn und Gesell­schaft. Der Inhalt war schlam­pig, ent­täu­schend, nichts über den Wahn­sinn, nichts über die Gesell­schaft, nur Kli­schees. Ein Sozio­lo­gie­pro­fes­sor star­te­te eine Umfra­ge, und die Stu­den­ten, obwohl hoch­mo­ti­viert, kamen mit lee­ren Hän­den zurück. Man las und las Kol­lek­tiv­psy­cho­lo­gie und Ich-Ana­ly­se, aber die Fak­ten stimm­ten nicht über­ein. Zwei jun­ge Phi­lo­so­phen mit hege­lia­ni­scher Ten­denz, alles Rea­le ist ratio­nal, setz­ten ihre Unter­schrift unter einen Arti­kel über »die Ratio­na­li­tät des Ver­bre­chens«, der einen Skan­dal aus­lös­te, aber nach ein wenig Pole­mik wie­der ver­ges­sen wurde.

Auf­fäl­lig war auch, dass all die­se extrem zahl­rei­chen Ver­bre­chen unab­hän­gig von­ein­an­der began­gen wur­den. Es gab kei­ne Ver­bin­dun­gen zwi­schen den Tätern. Sie bekann­ten sich nicht zu einer Bewe­gung und bezo­gen sich auch nicht auf ande­re. Sie äußer­ten sich kaum und recht­fer­tig­ten sich noch weni­ger. Sie berich­te­ten ledig­lich von einer gewis­sen Zufrie­den­heit, die sich auf das Gefühl bezog, die Arbeit gut erle­digt zu haben, oder in eini­gen sel­te­nen Fäl­len auf das Gefühl, die Pflicht erfüllt zu haben, aber aus einer ganz indi­vi­du­el­len, ja sogar indi­vi­dua­lis­ti­schen Perspektive.

Eine sehr schö­ne, mager­süch­ti­ge jun­ge Ver­käu­fe­rin, die kaum dem Teen­ager­al­ter ent­wach­sen war, arbei­te­te in der Make-up-Abtei­lung des Mono­prix Saint-Michel. Lip­pen­stif­te und Grun­die­run­gen, Rim­mel, Cremes und Rouge, Puder und Glit­zer. Lacke. Nagel­lack. Sie wohn­te mit ihrer Mut­ter und ihrer Groß­mutter in Gar­ges-lès-Gones­se und nahm für die Anrei­se den Bus und den RER. Ihr Chef, der Lei­ter des Bereichs »Frau­en« im Geschäft, moch­te sie und nann­te sie »mein klei­ner Floh«. Er wur­de von einem Hocker erschla­gen, einem nied­ri­gen, schwe­ren Gegen­stand mit Metall­bei­nen. Die Pres­se berich­te­te über die Wor­te der Groß­mutter, die am Tele­fon aus­rief: »Na so was«.

Ein Gast­ar­bei­ter aus Marok­ko, der seit fünf­zehn Jah­ren in der Nähe von Paris leb­te, hat­te ein Zim­mer in einem möblier­ten Hotel in einem süd­li­chen Vor­ort. Er besuch­te seit Jah­ren Abend­kur­se und kehr­te jeden Som­mer in den Stadt­teil von Casa­blan­ca zurück, in dem er gebo­ren wor­den war und wo er sei­ne Frau und sei­ne sechs Kin­der hat­te, drei Mäd­chen und drei Jun­gen, die er über alles lieb­te. Er arbei­te­te auf einer Groß­bau­stel­le im Nor­den von Paris, in Stains, wo ein neu­er Kom­plex mit zehn Thea­ter­sä­len gebaut wur­de. Das Kom­mu­ni­ka­ti­ons­team hat­te eine Besich­ti­gung der Bau­stel­le orga­ni­siert, Fern­se­hen, Pro­mi­nen­te. Ali, so hieß er zwar nicht, aber alle nann­ten ihn so, hat­te sei­nen Press­luft­ham­mer benutzt und bevor man ihn stop­pen konn­te, hat­te er drei Tote produziert.

Ein kurz vor der Pen­sio­nie­rung ste­hen­der Leh­rer, von sei­nen Schü­lern geliebt und von sei­nem Direk­tor geschätzt, hat­te die schlech­te Idee, eine Dis­kus­si­on mit dem Inspek­tor des Bil­dungs­mi­nis­te­ri­ums zu begin­nen, der unan­ge­kün­digt in sei­ne Klas­se gekom­men war. Die Dis­kus­si­on dreh­te sich um einen Punkt in der Gram­ma­tik, die Fra­ge des Plu­rals mit x. Sie wur­de schnell hit­zig, Gram­ma­tik, Päd­ago­gik, das »S« oder das »X«, der Inspek­tor wur­de mit einem Schwamm erstickt.

Eine Lite­ra­tur­stu­den­tin, ein­und­zwan­zig Jah­re alt, Gewerk­schaf­te­rin, ein­ge­schrie­ben im Bache­lor­stu­di­en­gang. Als sie über Dide­rot befragt wur­de, stand La Reli­gieu­se auf dem Lehr­plan, und als sie gera­de beim zwei­ten Absatz ihrer Tex­t­er­klä­rung war, sprang sie auf, pack­te den neben ihr sit­zen­den Pro­fes­sor an der Kra­wat­te, schrie »Hei­ßes Häs­chen, Hän­de run­ter« und erwürg­te ihn abrupt.

Ein Lager­ar­bei­ter, des­sen Groß­el­tern in den 1960er Jah­ren aus dem Sene­gal gekom­men waren. Er leb­te in Paris am Bou­le­vard Bar­bès in der Nähe der Metro und war seit Jah­ren in einem afri­ka­ni­schen Super­markt in der Nach­bar­schaft ange­stellt, wo er Gemü­se und Obst, grü­ne Bana­nen und Süß­kar­tof­feln, Ana­nas und Mani­ok ver­kauf­te. Er hat­te sich nie mit der Che­fin, die auch die Kas­sie­re­rin war, ver­stan­den. Es gab ver­schie­de­ne Beschwer­den und er fühl­te sich bestoh­len. An einem Sams­tag­abend, als der Andrang groß war, warf er ihr einen Sack Kaf­fee, sieb­zig Kilo, auf den Kopf.

Die Lis­te wur­de immer län­ger. Ende März began­nen die Medi­en über ein wie­der­keh­ren­des Mus­ter zu berich­ten. Im April war es sicher, es war etwas pas­siert, aber was? Eini­ge ver­such­ten eine Typo­lo­gie zu erstel­len. Ein Essay­ist schrieb einen gut geschrie­be­nen Arti­kel, er sprang von Ver­bre­chen zu Ver­bre­chen und zeig­te, dass es tat­säch­lich einen Aspekt gab, den man jedes Mal wie­der­fand: den Klas­sen­cha­rak­ter. Man muss­te die­ses Wort wohl oder übel ver­wen­den. Oder eine Ableh­nung der Beherr­schung, das konn­te man beja­hen. Er sprach von »rück­sichts­lo­ser Aggres­si­vi­tät«. Die durch­aus bekann­te, das Feh­len von Schuld­ge­füh­len beto­nen­de, For­mu­lie­rung sorg­te für einen Schock. Es gab kei­ne kla­ren For­de­run­gen, aber eine Ähn­lich­keit, die, wenn man so will, im Duk­tus der Mor­de, in der Art und Wei­se, kurz gesagt, im Stil lag. Der Stil? Als das Wort fiel, gab es einen Auf­schrei, wie konn­te man von Stil spre­chen, was für eine Deka­denz, wirk­lich wie das Ende der Zivi­li­sa­ti­on, und doch. Kein Zwei­fel, es ging nicht um Gewinn­sucht, es gab kei­nen Gewinn, und natür­lich han­del­te es sich auch nicht um Ver­bre­chen aus Lei­den­schaft, ganz im Gegen­teil. Der Mör­der blieb in einer zugleich nahen und fer­nen Bezie­hung zu sei­nem Opfer. Er war zwei­fel­los betrof­fen, aber nicht ganz betei­ligt. Er hielt eine gewis­se Distanz. Die Typo­lo­gie soll­te nicht nur die Form der Ver­bre­chen berück­sich­ti­gen, son­dern auch ihre Moti­va­ti­on erfas­sen. Daher die berühm­te Bezeich­nung »Ver­bre­chen des 19. Jahr­hun­derts«, die so tref­fend erschien. Kurz­um, wir wuss­ten nicht, was wir den­ken sollten.

Der Por­tier eines gro­ßen Pari­ser Hotels trug einen tadel­lo­sen Anzug mit gol­de­nen Knöp­fen und einer Schirm­müt­ze. Mit sei­nem Schnurr­bart und sei­nen Kote­let­ten sah er Emil Jan­nings in Mur­n­aus Film Der letz­te Mann aus dem Jahr 1924 zum Ver­wech­seln ähn­lich – in dem Film ging es um die Ernied­ri­gung eines alten Por­tiers, der zum Pin­kel­mann degra­diert wur­de –, so dass alle Film­freun­de nicht anders konn­ten, als offen ihre Sym­pa­thie für den Mör­der zu bekun­den. Der Hotel­ma­na­ger, ein klei­ner, arro­gan­ter drei­ßig­jäh­ri­ger Geschäfts­mann, der gera­de von der Wirt­schafts­schu­le kam, hat­te sich einen iro­ni­schen Kom­men­tar über den über­ge­wich­ti­gen Tür­ste­her erlaubt. Er wur­de mit einem ein­fa­chen, mas­si­ven Faust­schlag vernichtet.

Es gab Putz­frau­en, es gab Arbei­ter. Ein jun­ger, neu ange­kom­me­ner Post­be­am­ter, der im fünf­ten Arron­dis­se­ment in Paris arbei­te­te. Er hat­te einen unaus­lösch­li­chen Lach­an­fall bekom­men, als er die unglaub­lich lan­ge Schlan­ge sah, die sich vor sei­nem Schal­ter krin­gel­te, denn die­ses Büro hat­te, wie vie­le ande­re auch, nur noch nach­mit­tags geöff­net. Als der Lei­ter des Büros zu ihm kam und ihm sag­te, er sol­le sich beru­hi­gen, lach­te er wei­ter laut­hals, wäh­rend er ihm eine rie­si­ge Sche­re in die Rip­pen pflanzte.

Eine jun­ge Frau, die in der Stadt­bi­blio­thek von Saint-Denis arbei­te­te und an der Kon­zep­ti­on und Orga­ni­sa­ti­on einer bemer­kens­wer­ten Aus­stel­lung über den Kolo­nia­lis­mus mit­ge­wirkt hat­te – ein The­ma, das ihr beson­ders am Her­zen lag, wie sie spä­ter sag­te, weil sie von den Antil­len stamm­te. Wäh­rend des Eröff­nungs­um­trunks, inmit­ten von klei­nen Häpp­chen und Cham­pa­gner­glä­sern, unter­hielt sie sich mit dem Ver­tre­ter des Minis­te­ri­ums – es han­del­te sich um das Minis­te­ri­um für Über­see, das Kul­tur­mi­nis­te­ri­um war nicht ange­reist. Sie griff zu einer Fla­sche Cham­pa­gner. Schleudertrauma.

Min­des­tens zehn Land­ar­bei­ter in ver­schie­de­nen, weit aus­ein­an­der lie­gen­den Regio­nen lie­ßen ihre Trak­to­ren über ihren Chef rol­len. Dies war der Fall in Beauce, in der Bre­ta­gne, in der Auver­gne, in Poi­tou, im Nor­den und in den Ceven­nen. Im Finis­tè­re benutz­te ein Arbei­ter, der seit Jah­ren auf einem Bau­ern­hof beschäf­tigt war, auf dem schon sei­ne Eltern und Groß­el­tern gear­bei­tet hat­ten, einen alten Besen. Auf einem Bau­ern­hof im Süden Frank­reichs benutz­te eine Frau eine guss­ei­ser­ne Pfan­ne, in der das gera­de zube­rei­te­te Ome­lett noch klebte.

Ein Mol­ke­rei­lei­ter wur­de in der Auver­gne in der Milch ertränkt, ein ande­rer in der Bre­ta­gne in der Sahne.

Über­all schlu­gen Last­wa­gen­fah­rer, die ihren Fahr­plan abho­len woll­ten, ihren Chef in sei­nem Büro nie­der. Eini­ge weni­ge zün­de­ten ihre Last­wa­gen an.

In einem über­füll­ten Hör­saal, in dem im ers­ten Jahr Medi­zin über Ana­to­mie, Rol­le und Bedeu­tung des Klein­hirns gelehrt wur­de, rann­te ein Stu­dent, der ganz oben saß, plötz­lich die Stu­fen hin­un­ter, rief »sel­ber Klein­hirn!« und erstach den Dozenten.

Die Film­welt hat­te zu bekla­gen, dass einer der Orga­ni­sa­to­ren des Film­fes­ti­vals von Can­nes von einem aner­kann­ten, wenn auch viel­leicht nicht aus­rei­chend aner­kann­ten Regis­seur nach der Vor­füh­rung eines mit­tel­mä­ßi­gen Films durch Erwür­gen ermor­det wurde.

Ein sehr jun­ger Pfar­rer einer klei­nen Gemein­de in der Nähe von Men­ton. Er hat­te gera­de das Pries­ter­se­mi­nar been­det. Er benutz­te das Weih­rauch­fass sei­ner Kir­che, ein altes, sehr schwe­res und sel­te­nes Stück, an sei­nem Bischof und mach­te damit Schlag­zei­len in allen Medi­en, nicht nur in den regio­na­len, son­dern auch in den natio­na­len. Man muss dazu sagen, dass er extrem foto­gen war. Er wei­ger­te sich, eine Erklä­rung abzu­ge­ben, was lei­der zu Gerüch­ten führ­te. Die meis­ten Kom­men­ta­to­ren beton­ten, dass die Kir­che so etwas wirk­lich nicht nötig habe.

Gegen Mit­te April began­nen eini­ge gro­ße Bos­se und Unter­neh­mens­lei­ter, mit­ein­an­der in Kon­takt zu tre­ten, sich zu bera­ten und sogar Tref­fen abzu­hal­ten. Sie über­leg­ten, ob sie die Regie­rung auf­for­dern soll­ten, den Not­stand aus­zu­ru­fen. Aber die Fra­ge war sofort wie­der da: Not­stand gegen was? Wer war wirk­lich gemeint? Die Wor­te Klas­se, Herr­schaft, Unter­ord­nung usw. waren ver­al­tet und schwer zu hand­ha­ben gewor­den, was übri­gens größ­ten­teils auf den Ein­fluss der­sel­ben gro­ßen Bos­se oder Unter­neh­mens­lei­ter zurück­zu­füh­ren war, die bekannt­lich die meis­ten Zei­tun­gen, Radio- und Fern­seh­sen­der besa­ßen. Was soll­te man also tun? Vor allem sah man kei­ne kla­re Linie auf der ande­ren Sei­te, nur einen bösen Geist, voi­là, der Begriff tauch­te auf, man wuss­te nicht, wer ihn zum ers­ten Mal benutzt hat­te, aber er gefiel, er schien ange­mes­sen, rich­tig, genau, er mach­te die Run­de. Frank­reich wür­de unter­ge­hen, unter­ge­hen, unter dem bösen Geist, und offen­sicht­lich waren die­je­ni­gen gemeint, die Frank­reichs Reich­tum und Ruhm begründeten.

Doch was geschah, schien eini­gen bald unmög­lich ein­zu­däm­men: Wenn man genau hin­schau­te, sag­ten sie, wenn man es ernst und auf­rich­tig mein­te, war Herr­schaft über­all, über­all Herr­schaft. Es gab nichts ande­res, vom Schlaf­zim­mer (jaja) über die archai­schen, etwas alt­mo­di­schen, aber leben­dig geblie­be­nen klei­nen Fir­men bis hin zum leis­tungs­fä­higs­ten, moderns­ten Unter­neh­men. Außer­dem in den Behör­den und im öffent­li­chen Dienst, in Kran­ken­häu­sern und Schu­len, an Uni­ver­si­tä­ten und in Vereinen.

Es kur­sier­ten Dis­ser­ta­tio­nen, münd­lich oder schrift­lich, die sich jedoch als falsch oder sogar lächer­lich und in jedem Fall als wir­kungs­los erwie­sen. Es gab die Behaup­tung, dass alles, was geschah, nichts mit Poli­tik zu tun habe, dass es dumm, vor­ein­ge­nom­men und schließ­lich gefähr­lich sei, Poli­tik hin­ein­zu­brin­gen. Nie­mand mach­te sich die Mühe, die­se Mei­nung zu wider­le­gen, obwohl sie immer wie­der auf­tauch­te, eine wah­re See­schlan­ge, und zwar bei jeder sich bie­ten­den Gele­gen­heit. Man erzähl­te vom letz­ten Ver­bre­chen und füg­te sofort hin­zu: »Aber das ist doch nicht poli­tisch«. Jemand bemerk­te, dass der Satz »Es ist nicht poli­tisch« wie ein magi­sches Wort, ein Exor­zis­mus, wir­ke. Den­noch wur­de er immer wie­der ver­wen­det. Man unter­mau­er­te ihn, indem man beton­te, dass es kein Kol­lek­tiv, kei­ne kol­lek­ti­ve Dimen­si­on gebe, son­dern nur indi­vi­du­el­le Hand­lun­gen, iso­lier­te Per­so­nen. Ein Phi­lo­soph, sich auf Aris­to­te­les beru­fend, wies dar­auf hin, dass der Mensch als sol­cher ein poli­ti­sches Tier sei, doch sei­ne Rede fand kein Echo. Han­del­te es sich also um bei­spiel­haf­te Taten, woll­ten die Atten­tä­ter an ihrem Ver­bre­chen ein Exem­pel sta­tu­ie­ren? Woll­ten sie ansta­cheln, soll­te man ihnen fol­gen? Unmög­lich zu sagen, sie spra­chen nicht, prahl­ten nicht, schlu­gen nichts vor. War das ent­täu­schend? Viel­leicht für eini­ge. Aber es war so.

Ande­re, die auf ihre Wei­se eben­falls behaup­te­ten einen Blick für das Gan­ze zu besit­zen, sag­ten, man müs­se den Kri­mi­nel­len erklä­ren, dass sie sich irr­ten, sie hät­ten den fal­schen Feind, sie müss­ten das Sys­tem anvi­sie­ren und nicht Ein­zel­fäl­le. Man lach­te sie ein­fach aus und häm­mer­te ihnen ein, dass das All­ge­mei­ne nur im Beson­de­ren exis­tiert und dass ein Sys­tem ohne Ein­zel­fäl­le ein Hirn­ge­spinst ist.

Ein eme­ri­tier­ter Pro­fes­sor woll­te den Begriff »rück­sichts­lo­se Aggres­si­vi­tät« wie­der auf­grei­fen, der, ein­mal in den Raum gewor­fen, für Furo­re gesorgt hat­te. Er beton­te, dass die­ser Begriff, der von einem gro­ßen eng­li­schen Psy­cho­ana­ly­ti­ker geprägt wur­de, auf den Säug­ling und die Art und Wei­se, wie er aus Lie­be die Mut­ter­brust hef­tig angreift, ange­wandt wer­de. Er sag­te, man müs­se sich dar­an erin­nern und die­sen Aus­druck ver­ste­hen, um die wahr­haft regres­si­ve Dimen­si­on der heu­ti­gen Ver­hal­tens­wei­sen zu ver­ste­hen. Doch sei­ne Ana­ly­se zeig­te wenig Wir­kung. Gab es noch ande­re regres­si­ve Aspek­te, wie Kan­ni­ba­lis­mus oder Skato­lo­gie? Nein, über­haupt nicht, nir­gends. Die Aggres­si­vi­tät ent­fal­te­te sich von selbst, sie war rück­sichts­los und die Ana­ly­se des Pro­fes­sors war nutzlos.

Eine Grup­pe inter­dis­zi­pli­nä­rer For­scher, ermu­tigt durch die Geschich­te des Tür­ste­hers, mach­te sich dar­an zu zei­gen, dass es für jedes Ver­bre­chen ein Mus­ter gibt, das aus Film und Fern­se­hen über­nom­men wur­de und unbe­wusst funk­tio­niert. Die Idee schien zunächst sehr gut, aber die For­scher stütz­ten sich haupt­säch­lich auf eini­ge Fäl­le von Pro­sti­tu­ier­ten, die ihre Zuhäl­ter getö­tet hat­ten sowie auf japa­ni­sche Fil­me, die von der brei­ten Öffent­lich­keit kaum beach­tet wor­den waren. Tat­säch­lich fehl­te es an Mate­ri­al, auch wenn man The­men wie­der­fin­den konn­te. Schließ­lich kam man in einer aus­ge­feil­ten Form auf die unzu­rei­chen­de und abge­dro­sche­ne The­se von der Schäd­lich­keit des Bil­des zurück.

Eini­ge Frau­en, Schau­spie­le­rin­nen und Anwäl­tin­nen behaup­te­ten, indem sie die Fäl­le aus dem »Schlaf­zim­mer«, wie sie genannt wur­den, ver­all­ge­mei­ner­ten, dass der tie­fe­re Sinn die­ser Gewalt die Infra­ge­stel­lung der patri­ar­cha­li­schen Macht sei und dass sich die Ver­bre­chen gegen Män­ner im All­ge­mei­nen und Ehe­part­ner im Beson­de­ren rich­te­ten. Die Mor­de, von denen sie berich­te­ten – eine Frau, die ihren Mann unter einem Kis­sen erstickt, eine ande­re, die den ihren im Schlaf ersto­chen hat­te –, fie­len zwei­fel­los unter ihre Ana­ly­se. Vie­le Frau­en stimm­ten ihrer Ansicht zu und gaben ihnen Recht. Ande­re wie­der­um mein­ten: Nein, Geschlech­ter­krieg und Klas­sen­krieg, das habe nichts mit­ein­an­der zu tun. Wie soll­te man sich entscheiden?

Die Bewe­gung – auch wenn man den Begriff Bewe­gung streng genom­men nicht ver­wen­den konn­te, es gab immer noch kei­ne behaup­te­te Ver­bin­dung zwi­schen den ver­schie­de­nen Ver­bre­chen, man muss­te sie zumin­dest in Anfüh­rungs­zei­chen set­zen – die »Bewe­gung« wur­de also grö­ßer, sie brei­te­te sich aus, sie ver­brei­te­te sich, wie eine Pfüt­ze, wie Gas, und der Mai – das muss man sagen, jeder hat­te es erwar­tet – war explo­siv. Was geschah, und es dau­er­te eine Wei­le, bis man sich des­sen bewusst wur­de, war eine Art zuneh­men­de Abs­trak­ti­on. Die Ver­bre­chen wur­den immer noch von ein­zel­nen Per­so­nen began­gen, aber sie schie­nen in einer weni­ger engen Bezie­hung, in einer weni­ger gro­ßen Nähe zu den Opfern zu ste­hen. Es war sel­te­ner ein direk­ter Vor­ge­setz­ter, ein Boss am Arbeits­platz oder in den Geschäfts­räu­men. Der Geschäfts­füh­rer wur­de nun gesucht. Manch­mal han­del­te es sich auch um einen Minis­ter, den man nie wirk­lich gese­hen hat­te, einen Abge­ord­ne­ten, den man nicht kann­te, den Direk­tor einer Zei­tung oder eines Fern­seh­sen­ders, der in sei­nem Büro am Ende eines Flurs saß, kurz­um, um Per­so­nen, die man nicht jeden Tag zur Hand hat­te, die aber durch ihr Han­deln im All­tag sehr wohl prä­sent waren. In die­sem Sin­ne erfor­der­ten die­se Ver­bre­chen bestimm­te Kennt­nis­se, mehr geis­ti­ge Arbeit und, ja, wie ein bemer­kens­wer­ter Chro­nist, der die Ereig­nis­se von Anfang an ver­folg­te, fest­stell­te, ein höhe­res Abs­trak­ti­ons­ni­veau als die frü­hen Ver­bre­chen. Gleich­zei­tig mach­te der Mör­der immer einen per­sön­li­chen Vor­wurf gel­tend. Er oder sie war durch die Tat des Opfers per­sön­lich betrof­fen, auch wenn er oder sie nicht der ein­zi­ge war, der ins Visier genom­men wur­de. Der ers­te Fall die­ser Art war der eines Abge­ord­ne­ten, der sich aus­ge­dacht hat­te – und sein Vor­schlag hat­te gro­ßes Auf­se­hen erregt –, die Berech­nung von Über­stun­den unter dem Vor­wand der Wett­be­werbs­fä­hig­keit in Fra­ge zu stel­len und Unter­neh­men in Schwie­rig­kei­ten einen Anreiz zur Ein­stel­lung von Mit­ar­bei­tern zu geben. Zwei Tage spä­ter wur­de er von einem Fräs­ar­bei­ter vor einen Bus gesto­ßen, obwohl er arbeits­los war und viel­leicht, wie eini­ge beton­ten, wie­der einen Job hät­te fin­den kön­nen, wenn der Vor­schlag des Abge­ord­ne­ten ange­nom­men wor­den wäre. Der Frä­ser sag­te nur eine Sache: »Schluss mit dem Schwach­sinn«. Der Satz war laut und deut­lich. Er traf die Gemü­ter. Die Gemü­ter waren umso betrof­fe­ner, als am über­nächs­ten Tag die Jour­na­lis­tin, die für die Rat­ge­ber­spal­ten einer auf­la­gen­star­ken Frau­en­zeit­schrift zustän­dig war, von einer Lese­rin mit einem Schnür­sen­kel erdros­selt wur­de. Die­se sag­te nur einen Satz, und es war der­sel­be: »Schluss mit dem Schwachsinn«.

Es gab eine Wel­le. Man konn­te von einer Aus­brei­tung spre­chen. Der Satz »Schluss mit dem Schwach­sinn« wur­de stän­dig und über­all ver­wen­det. Der Haus­halts­mi­nis­ter starb durch die Hand eines Steu­er­zah­lers in Mar­seil­le, der Land­wirt­schafts­mi­nis­ter wur­de von einer Zie­gen­züch­te­rin in Tou­lou­se nie­der­ge­schla­gen, ein Stell­ver­tre­ter des Bil­dungs­mi­nis­ters wur­de wäh­rend eines Besuchs in einem Gym­na­si­um in Lyon von einem Mathe­ma­tik­leh­rer ersto­chen, und jedes Mal fiel der Spruch.

Beweg­te man sich auf etwas zu, was man als Poli­ti­sie­rung der »Bewe­gung« bezeich­nen könn­te? Es begann eine Grund­satz­de­bat­te, wenn auch nicht immer expli­zit, die auf ande­re Wei­se das wie­der auf­nahm, was zuvor mit der Behaup­tung begon­nen hat­te, dass das, was pas­sier­te, auf kei­nen Fall poli­tisch sei. Man dis­ku­tier­te, das war in gewis­ser Wei­se obli­ga­to­risch und von der Situa­ti­on getra­gen, über die Natur des Poli­ti­schen, ob der Satz »Schluss mit dem Schwach­sinn« wirk­lich ein poli­ti­scher Satz war, ab wann man sagen kann, dass ein Satz poli­tisch ist, usw. Man dis­ku­tier­te auch über die Fra­ge, ob der Satz »Schluss mit dem Schwach­sinn« wirk­lich ein poli­ti­scher Satz war, ab wann man sagen kann, dass ein Satz poli­tisch ist. Wir frag­ten uns, bis zu wel­chem Punkt ein belie­bi­ges Indi­vi­du­um – die Ver­bre­cher waren alle belie­bi­ge Indi­vi­du­en – von einer Idee, einem Kon­zept, einer Vor­stel­lung bewegt wer­den kann, und dann bis wohin, bis zum Ver­bre­chen, ist das wirk­lich mög­lich, es war mög­lich, da es statt­ge­fun­den hat­te, aber gab es nicht etwas ande­res – was?

Die­se Dis­kus­sio­nen und Debat­ten hiel­ten die Ver­bre­chen nicht davon ab, sich wei­ter zu ver­meh­ren und den gan­zen Som­mer über zu eska­lie­ren. In ein und der­sel­ben Woche, im Juli und August, herrsch­te gro­ße Hit­ze und – rei­ner Zufall, wie man schnell behaup­te­te – wur­den im gan­zen Land zahl­rei­che Lei­ter von psych­ia­tri­schen Kli­ni­ken ermor­det. Sofort tauch­te die The­se vom »gefähr­li­chen Schi­zo­phre­nen« auf, oder bes­ser gesagt, sie tauch­te wie­der auf, denn sie war immer in Reser­ve und wur­de immer wie­der von den Medi­en ver­wen­det, nach­dem sie von einem ehe­ma­li­gen Prä­si­den­ten der Repu­blik zu Sicher­heits­zwe­cken geschmie­det wor­den war. Aber man merk­te sehr schnell, dass sie nicht funk­tio­nier­te, denn die Mör­der waren kei­ne Kran­ken, kei­ne Bewoh­ner von Kran­ken­häu­sern, Kli­ni­ken oder Irren­an­stal­ten, nein, es gab nicht einen ein­zi­gen, es waren in allen Fäl­len psych­ia­tri­sche Ärz­te und Psy­cho­lo­gen, eini­ge von ihnen alt und kurz vor der Pen­sio­nie­rung, ande­re gera­de von der Uni­ver­si­tät gekom­men. Der emble­ma­tischs­te Fall, wenn man so sagen kann, war der eines erfah­re­nen Psych­ia­ters, der von sei­nen Pati­en­ten geliebt wur­de und ein enga­gier­ter Anhän­ger der insti­tu­tio­nel­len Psy­cho­the­ra­pie war. Wäh­rend des ritu­el­len Spa­zier­gangs im Gar­ten des Kran­ken­hau­ses zer­trüm­mer­te er den Schä­del sei­nes Abtei­lungs­lei­ters mit einem Ast und brüll­te »Lobo­to­mie, Lobotomie«.

Es gab gewis­ser­ma­ßen einen Ava­tar die­ser psych­ia­trisch klin­gen­den Ver­bre­chen: den Selbst­mord eines Poli­zei­kom­mis­sars in der Stadt Ren­nes. Er war ein bra­ver Kom­mis­sar, red­se­lig, mit Schnurr­bart und bei allen beliebt. Er schoss sich selbst in den Kopf. Auf sei­nem Schreib­tisch fand man neben dem unver­meid­li­chen Band von Paul Clau­del einen sehr lan­gen und ziem­lich ver­wir­ren­den Brief, in dem er erklär­te, dass er es nicht mehr ertra­gen konn­te, in den Spie­gel zu schau­en und dort jedes Mal einen Chef mit einem Kopf vol­ler Schre­cken zu sehen, der nicht er selbst war. Man sprach selbst­ver­ständ­lich von einer gespal­te­nen Persönlichkeit.

Die­ser Selbst­mord inspi­rier­te sofort meh­re­re Dok­tor­ar­bei­ten an den Uni­ver­si­tä­ten von Ren­nes und anders­wo: »Tei­lung des Sub­jekts und Auf­recht­erhal­tung der Ord­nung«, »Alle has­sen die Poli­zei, die nach­hal­ti­gen Aus­wir­kun­gen eines Slo­gans«, »Männ­lich­keit und Weib­lich­keit. Das Gen­re der Poli­zei und die Poli­zei im Gen­re«. Im Aus­land, vor allem in der angel­säch­si­schen Welt, wur­de der Fall zu einer Refe­renz. Er reg­te die Erneue­rung kri­mi­no­lo­gi­scher Stu­di­en an, die seit lan­gem in ste­ri­len Gegen­sät­zen zwi­schen Erb­fak­to­ren und Umwelt­ur­sa­chen her­um­tram­pel­ten. Ein Rechts­pro­fes­sor an der Fakul­tät von Aix-en-Pro­vence, der kürz­lich das gerin­ge Inter­es­se an die­sen Stu­di­en beklagt hat­te, freu­te sich aus­gie­big, wenn auch für man­che auf etwas unan­stän­di­ge Wei­se, in einem Inter­view mit einer gro­ßen natio­na­len Tages­zei­tung, in dem er hei­ter schluss­fol­ger­te: »Etwas Unglück ist gut.«

Ein bekann­ter Astro­nom, der am Pari­ser Obser­va­to­ri­um arbei­te­te. Die Ster­ne und die Gala­xien. Die Geschwin­dig­keit des Lichts. Nahe Pla­ne­ten, fer­ne Ster­ne. Die Ent­fer­nun­gen, das sich aus­deh­nen­de Uni­ver­sum. Er berich­te­te von stän­di­gen, klein­li­chen Strei­te­rei­en, dass man ihm nur Ver­wal­tungs­auf­ga­ben gab und er kei­ne Zeit mehr für die For­schung hat­te. Er hat­te einen Stuhl über sei­nem Kopf her­um­ge­wir­belt, bevor er ihn auf den Stuhl des Direk­tors fal­len ließ. Dabei hat­te er nur gesagt, was als sehr geschmack­los emp­fun­den wur­de: »Und trotz­dem dreht er sich«.

Manch­mal wer­den auch Feh­ler gemacht. In der Gegend von Bor­deaux schlug ein Land­wirt einen Beam­ten des Kul­tur­mi­nis­te­ri­ums nie­der, wobei natür­lich das Land­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um gemeint war. Als er sei­nen Feh­ler bemerk­te, zuck­te er nur mit den Schul­tern. Ein Jour­na­list (Regio­nal­zei­tung) amü­sier­te sich über »Kul­tur, Land­wirt­schaft, der­sel­be Kampf« und wur­de noch am sel­ben Tag entlassen.

Eine Fach­ar­bei­te­rin – der Begriff bezeich­net eigent­lich das Feh­len jeg­li­cher Spe­zia­li­sie­rung – sitzt seit drei­ßig Jah­ren an der­sel­ben Stel­le am Fließ­band in einer Auto­fa­brik. Modell­fa­brik, leich­te Struk­tur, die auf dem Land gebaut wur­de, aus­ge­zeich­ne­te Betriebs­kan­ti­ne, hohe Jah­res­end­prä­mi­en, Fahr­ge­mein­schaf­ten und Bus­se. Lau­fen­de Ver­trä­ge mit meh­re­ren Län­dern in Asi­en und Latein­ame­ri­ka. Wäh­rend eines Besuchs hoch­ran­gi­ger chi­ne­si­scher Beam­ter ver­ließ die Arbei­te­rin ihren Platz, nahm einen Schrau­ben­schlüs­sel, der neben ihr auf dem Boden lag und bear­bei­te­te damit einen jun­gen Mann in einem drei­tei­li­gen Anzug, den sie noch nie zuvor gese­hen hat­te und von dem sie annahm, dass er der Geschäfts­füh­rer sei. Tat­säch­lich han­del­te es sich um den Dol­met­scher, aber sie ent­schul­dig­te sich nicht und brach­te auch kein Bedau­ern zum Ausdruck.

Unord­nung, Unord­nung, Unordnung.

Das Land hielt es nicht mehr aus.

Schließ­lich wur­de die Guil­lo­ti­ne wie­der eingeführt.

Nach­dem sie wie­der ein­ge­führt wor­den war, wur­de das ers­te Ver­bre­chen vom Prä­si­den­ten der Repu­blik began­gen, der in einem Anfall von All­macht und in einem unwi­der­steh­li­chen Impuls sei­nen Leib­wäch­ter erdrosselte.

Die Immu­ni­tät wur­de aufgehoben.

Der 21. Janu­ar wur­de als Datum für die Hin­rich­tung festgelegt.

Nach der Hin­rich­tung ging alles sofort wie­der sei­nen gewohn­ten Gang.

Übri­gens wur­de die Guil­lo­ti­ne abgeschafft.

Bild: Hin­rich­tung Lud­wigs des XVI. Kup­fer­stich aus dem Jahr 1793

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