Strom wird teuer und unregelmäßig verfügbar: Chaos wird organisiert

Dieser Beitrag ist der zweite Teil einer Serie:

  1. Wollen wir das dafür bezahlen? – Ausstieg aus Fossilem möglich, aber sauteuer
  2. Strom wird teuer und unregelmäßig verfügbar: Chaos wird organisiert
  3. Auf dem Weg ins Mittelalter: Energienotstand droht
  4. Einhalten, mehr Zeit geben oder mit dem Kopf durch die Wand? Wenn deutsche Energiewende scheitert, leidet Luxemburg

Bis 2040 wird es zur Zunahme des Strombedarfs um mindestens 70 Prozent kommen, wie es die kürzlich von uns vorgestellte Studie der Berliner »e.venture consulting GmbH« errechnet hat. Das wohl für die BRD, allerdings gilt das zweifelsohne für alle EU‐​Mitgliedsländer, da sie dieselben politischen Zwänge verordnet gekriegt haben in Sachen Wärmepumpen als alleinseligmachende Heizung und E‑Mobilität. Dass der Bedarf wirklich so stark steigt, ist eine relativ neue Erkenntnis, weil bei der ideologischen Herangehensweise die Macht des Faktischen vergessen wurde.

Wahrscheinlich wird der Strombedarf noch um einiges höher sein, weil in der erwähnten Studie nur die Erzeugung jenes Wasserstoffs in der Elektrolyse berechnet wurde, der nötig ist für den Ausgleich im Stromnetz, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. Es wird aber weit mehr Wasserstoff benötigt werden, sei es in der Industrie für alle Prozesse, in denen Gas und Kohle nicht durch Strom ersetzt werden können unabhängig von der Kostenfrage, oder im Schwer‑, Flug‐ und Schiffsverkehr.

Das luxemburgische Stromnetz, betrieben von Creos, bezieht seinen Strom ausschließlich aus der BRD; das Industrienetz (früher Arbed‐​Netz) kriegt ihn aus Belgien und Frankreich, ist aber nur in Foetz mit dem Creos‐​Netz verbunden und kann daher einen deutschen Ausfall nicht kompensieren.

Unter der vorigen Regierung war wohl gedämmert, dass die bisherige Zufuhr demnächst an ihre Kapazitätsgrenzen kommt. Es darf aber bezweifelt werden, ob das Ersetzen der 220‐​kV‐​Hochspannungsleitung von Quint nach Heisdorf durch eine 380‐​kV‐​Hochspannungsleitung von Aach nach Bartringen für die jetzt zu erwartende Nachfrage reicht. Wobei die Creos mittlerweile auf die harte Tour erfuhr, dass es so einfach nicht mehr ist, Hochspannungsmasten für eine wesentlich stärkere Leitung aufzustellen. Das Pfund Kirschen wird auch nicht gerade billiger, wenn dann versucht wird, mit in der Erde vergrabenen Leitungen Widerstand zu vermeiden wie auf den 13 km zwischen Potaschberg und Junglinster oder den 3 km zwischen Findel und Kirchberg. Es wird spannend, wie viel da noch dazukommt, wobei über dem Erdkabel keine Tiefwurzler gepflanzt werden können.

Es sieht aber danach aus, als ob es zumindest bei Creos einige begriffen haben, dass Probleme auf das Stromnetz zukommen. Es sollen aber keine Pferde scheu gemacht werden, ganz besonders nicht, bis auch noch der Wahltermin zum EU‐​Parlament vorbei ist. Es ergeht also noch nicht der Aufruf an alle, die bereits eine Wärmepumpe gekriegt haben, sie sollten einen Zusatzkredit aufnehmen, um sich eine Batterie anzuschaffen als Überbrückung für eine 12‐​stündige Abschaltung, denn das ist ja dank Smartmeter problemlos möglich geworden. Ach ja, diese Kleinigkeit der so möglichen selektiven Abschaltung hat man den Leuten natürlich auch verschwiegen, als von den großen Vorteilen die Rede war.

FlexBeAn

So direkt, wie die »e.venture consulting GmbH« eine selektive Abschaltung von Wärmepumpen bis zu 12 Stunden und von Ladestationen für batterieelektrische Vehikel (BEV) bis zu 5 Stunden für notwendig erklärt hat, um Netzzusammenbrüche zu vermeiden, wird Creos oder eine Luxemburger Regierung wohl nie daherkommen in aller Öffentlichkeit. Dass das aber in den Büros sehr wohl vorbereitet wird, verrät uns das Projekt »FlexBeAn«, das wir auf www​.creos​.lu entdeckt haben.

Da wird eingangs erklärt, laut aktualisiertem Vorprojekt des Nationalen Energie‐ und Klimaplans für Luxemburg für 2021 – 2030 müsste der Anteil der erneuerbaren Stromerzeugung von 16,7 Prozent im Jahre 2022 auf 37,3 Prozent ansteigen, was aber Probleme schafft für die durchgehende Stromversorgung wegen der Volatilität dieser Quellen. Da schau an!

Um diese Herausforderung zu meistern, reicht ein Ausbau der Infrastruktur nicht, wird da mitgeteilt. Es brauche die Zusammenarbeit aller Verbraucher vom Haushalt über die Klein‐ und Mittelbetriebe bis zur Industrie. Leute, die Zeit ist vorbei, wo Ihr einfach so einen Stromverbraucher eingeschaltet habt, weil Ihr gerade Wäsche waschen oder Staub saugen wolltet, Kaffee oder Essen kochen. Ihr sollt, trara, im Idealfall Euren Stromverbrauch an die Produktionsspitzen von Windenergie und Photovoltaik anpassen!

Das heißt dann für den offiziellen Teil des Missvergnügens »die Flexibilität der Stromverbraucher nutzen«. Es läuft dazu fernab von der Öffentlichkeit ein Forschungsprojekt von Creos zusammen mit dem LIST (»Luxembourg Institute of Science and Technology«) und dem »Centre interdisciplinaire pour la sécurité, la fiabilité et la confiance de l’Université du Luxembourg« unter dem schönen englischen Titel »Flexibility potentials and user Behaviour Analysis« (FlexBeAn).

Wohin die Reise geht, wird aber blitzartig klar, wenn wir uns https://​smartyplus​.lu/​de/ anschauen. Wir sollen einen zusätzlichen Sender auf den Smartmeter draufsetzen, der nur 40 € kostet. Der sendet dann alle Verbrauchsdaten in eine »Cloud« übers WiFi‐​Netz des Hauses, das vorausgesetzt wird, damit wir das dann in Echtzeit auf unser Smartphone oder Tablet kriegen, die ebenfalls vorausgesetzt werden. Und dann sollen wir unseren Verbrauch überwachen und anpassen, weil wir ja sonst nichts zu tun haben und auch keinerlei andere Interessen in der Freizeit verfolgen, mit denen wir beschäftigt wären.

Schließlich wird die Zeit kommen, in der Strom noch teurer ist, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint, als sonst, und wir sparen dann, indem wir da nichts einschalten. Toll!

Bild: Chamelienne – Flickr, Attribution‐​NonCommercial‐​ShareAlike

Präsident der Oppositionsbeweegung Mir d’Vollek Luxemburg

https://​vollek​.net/