Protest in Translation

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  • Poli­ti­scher Pro­test arti­ku­liert sich in ent­wi­ckel­ten kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaf­ten in der Regel als Kampf zwi­schen sozia­len For­ma­tio­nen und weni­ger zwi­schen Klassen.
  • Die mar­xis­ti­sche Regu­la­ti­ons­theo­rie ver­sucht auf Grund­la­ge der Kri­tik der poli­ti­schen Öko­no­mie die kon­kre­te Aus­prä­gung des gesell­schaft­li­chen Über­baus zu erklären.
  • Bai­ley, Lewis und Shi­ba­ta haben in der Capital&Class die Pro­tes­te in Japan, Deutsch­land, Spa­ni­en, den USA und Groß­bri­tan­ni­en seit 2009 untersucht. 
  • Sie zei­gen, dass auf Grund unter­schied­li­cher Rah­men­be­digun­gen die Widersrpü­che durch Finanz­kri­se und Neo­li­be­ra­lis­mus ganz unter­schied­li­che Aus­drucks­for­men sozia­len Pro­tests annahmen. 
  • Theo­rien wie die Regu­la­ti­ons­theo­rie kön­nen hel­fen, die kom­ple­xen Pro­test­la­gen wäh­rend des »hei­ßen Herbs­tes« zu verstehen.

Der »hei­ße Herbst« kommt lang­sam ins Rol­len. Doch die Ver­hält­nis­se sind kom­pli­ziert. Zur für heu­te ange­kün­dig­ten Groß­de­mons­tra­ti­on von Sören Pell­mann haben auch rech­te Kräf­te wie »Freie Sach­sen« und Com­pact mobi­li­siert. Auf Sei­ten der Lin­ken besteht eine per­ma­nen­te Angst, man kön­ne sich von rechts ver­ein­nah­men las­sen. Daher ist es unge­heu­er wich­tig, sich mit der aktu­el­len Pro­test­for­schung und mar­xis­ti­schen Inter­pre­ta­tio­nen des ideo­lo­gi­schen Über­baus moder­ner kapi­ta­lis­ti­scher Gesell­schaf­ten auseinanderzusetzen.

Eine Theo­rie, wel­che hier Beach­tung fin­den soll­te, ist die so genann­te Regu­la­ti­ons­theo­rie. Sie ana­ly­siert, wie sich Gesell­schaf­ten poli­tisch, öko­no­misch, sozi­al, ideo­lo­gisch und öko­lo­gisch auf­stel­len, um Kri­sen hin­aus­zu­zö­gern, gesell­schaft­li­chen Kon­sens zu erzwin­gen und Pro­tes­te zu ver­mei­den. Sie nimmt zur Kennt­nis, dass Aus­beu­tung und Pro­fit­ma­che­rei zwar letzt­end­li­cher Grund aller gesell­schaft­li­chen Kon­flik­te sind, aber kei­ne hin­rei­chen­de Erklä­rung für kon­kre­te Kon­flikt­la­gen schaffen.

David Bai­ley, Paul Lewis und Sao­ri Shi­ba­ta haben in der aktu­el­len Capi­tal & Class ver­glei­chend die Pro­tes­te zwi­schen 2009 und 1017 in fünf Län­dern im Lich­te der Regu­la­ti­ons­theo­rie unter­sucht. Sie zei­gen, wie lang­fris­tig ähn­li­che Ent­wick­lun­gen, wie Neo­li­be­ra­lis­mus und Finanz­kri­se, in den ein­zel­nen Län­dern in unter­schied­li­che Kon­flik­te und Pro­tes­te über­setzt wer­den. Viel­leicht gelingt es mit Hil­fe der Regu­la­ti­ons­theo­rie, mehr Bewusst­sein für die anste­hen­den sozia­len Kämp­fe in Deutsch­land zu finden.

Die marxistische Regulationstheorie

Zunächst: Regu­la­ti­ons­theo­rie ist nicht gleich Regu­la­ti­ons­theo­rie. Es gibt sowohl mar­xis­ti­sche als auch links­li­be­ra­le Ansät­ze. Gemein­sam haben bei­de, dass sie sich stark auf auf die fran­zö­si­sche Schu­le nach Michel Agli­et­ta bezie­hen. Der mar­xis­ti­sche Zweig der Regu­la­ti­ons­theo­rie ver­sucht öko­no­mi­sche Basis und gesell­schaft­li­chen Über­bau näher zu bestim­men. Sei­ne Quel­len gehen auf die Ideen Anto­nio Gram­scis, Nicos Pou­lant­z­as und Lou­is Althussers zurück. Bekann­te zeit­ge­nös­si­sche Marxist*innen, wel­che die­sen Ansatz fort­schrei­ben, sind Bob Jessop, Joa­chim Hirsch oder Alain Lipietz. Bai­ley, Lewis und Shi­ba­ta fokus­sie­ren sich bei ihrem Arti­kel auf die Aus­le­gung Robert Boyers.

Alle auf die Straße: Aber wer kämpft gegen wen und warum?
Alle auf die Stra­ße: Aber wer kämpft gegen wen und warum?

Um es ein­fach zu sagen, ver­sucht die Theo­rie die Fra­ge zu beant­wor­ten, war­um spät­ka­pi­ta­lis­ti­sche Gesell­schaf­ten trotz wach­sen­der Wider­sprü­che weit­ge­hend sta­bil blei­ben. Anstatt den Klas­sen­kampf als sol­chen zu ver­wer­fen, beschäf­tigt sich die Regu­la­ti­ons­theo­rie mit den kom­ple­xen For­men, die er anneh­men kann. Sie geht dabei davon aus, dass das Kapi­tal dau­er­haft die Arbeiter*innen aus­beu­tet, bestän­dig mehr Wer­te pro­du­ziert als die Arbeiter*innen abkau­fen kön­nen und somit in Über­ak­ku­mu­la­ti­ons­kri­sen gerät. Nun sprin­gen die Kapi­ta­lis­ten in Kri­sen­zei­ten nicht wie Lem­min­ge von der Klip­pe, son­dern ver­su­chen gesell­schaft­li­che For­ma­tio­nen zu fin­den, wel­che die Kri­sen und deren gewalt­sa­me Ent­la­dung hin­aus­zö­gern, so genann­te Akku­mu­la­ti­ons­re­gime. Im For­dis­mus bei­spiels­wei­se ver­such­te das Kapi­tal durch groß­in­dus­tri­el­le Mas­sen­pro­duk­ti­on neue Waren für die Arbeiter*innen bezahl­bar zu machen und so neu­en Absatz zu kre­ieren. Dies konn­te jedoch nur zeit­wei­se funk­tio­nie­ren und führ­te nur zu neu­en Wider­sprü­chen. Um ein Akku­mu­la­ti­ons­re­gime zu sta­bi­li­sie­ren, benö­tigt die herr­schen­de Klas­se zudem einen Regu­la­ti­ons­mo­dus, also einen Zuschnitt der staat­li­chen und nicht­staat­li­chen Insti­tu­tio­nen, sozia­len Netz­wer­ke und ideo­lo­gi­schen Denk­for­men auf das herr­schen­de Akku­mu­la­ti­ons­re­gime. So benö­tig­te der For­dis­mus dis­zi­pli­nier­te Fließbandarbeiter*innen und form­te die einst einem huma­nis­ti­schen Bil­dungs­ge­dan­ken ver­haf­te­te Schu­le in eine Dis­zi­pli­nar­an­stalt. Nach Boy­er gibt es sie­ben prä­gen­de Regulationsmodi:

  • Arbeit-Lohn-Bezie­hun­gen
  • Wett­be­werbs­re­gime
  • Geld- und Kreditregime
  • Staats-Wirt­schafts-Bezie­hun­gen
  • Ein­bin­dung in den Weltmarkt
  • Gesell­schafts-Umwelt-Bezie­hun­gen
  • Insti­tu­tio­na­li­sie­rung der Reproduktion

Die­se Dif­fe­ren­zie­rung erlaubt es nun Marxist*innen, das Ver­hält­nis von Öko­no­mie und Gesell­schaft genau­er zu bestim­men. Aller­dings auf Kos­ten einer zuneh­men­den Kom­ple­xi­tät der Ana­ly­se, wodurch leicht der rote Faden der Kri­tik am Kapi­ta­lis­mus ver­lo­ren gehen kann.

Methode

Um die Erklä­rungs­mäch­tig­keit die­ser Theo­rie nun auf die empi­ri­sche Pro­be zu stel­len, haben die Autoren der vor­lie­gen­den Stu­die sozia­len Pro­test zwi­schen 2009 und 2017 in fünf ent­wi­ckel­ten kapi­ta­lis­ti­schen Öko­no­mien ver­glei­chend unter­sucht: die USA, Deutsch­land, Groß­bri­tan­ni­en, Japan und Spa­ni­en. Zur Grund­la­ge nah­men sie Mel­dun­gen der Agen­tur Reu­ters und schätz­ten mit Hil­fe der Arti­kel, Bil­der und wei­ter­ge­hen­der Recher­che Grö­ße und poli­ti­sche Aus­rich­tung der jewei­li­gen Pro­tes­te ab. Die Autoren sind sich natür­lich bewusst, dass sol­che Agen­tur­mel­dun­gen nicht das rea­le Aus­maß der Pro­tes­te wider­spie­geln, son­dern reflek­tie­ren, was als gesell­schaft­lich rele­vant wahr­ge­nom­men wird. Dar­in liegt jedoch auch die Stär­ke der Metho­de. Es wird qua­si sui gene­ris eine Vor­auswahl rele­van­ten Pro­tests vor­ge­nom­men. Auch wenn klas­sen­ana­ly­tisch gese­hen der Groß­teil der Pro­tes­te durch Proletarier*innen oder zusätz­lich abge­häng­ten Schich­ten des Klein­bür­ger­tums getra­gen wur­den, haben die Autoren die Akteu­re nach Kate­go­rien unter­teilt, wel­che den ein­zel­nen For­men der Regu­la­ti­ons­mo­di ent­spre­chen. Ins­ge­samt ana­ly­sier­ten die For­scher 1.167 Ereignisse.

Anzahl unter­such­ter Pro­tes­te nach Land. Abbil­dung: Bai­ley, Lewis & Shi­ba­ta (2022). S.457 (sie­he Lite­ra­tur­an­ga­be). Lizenz: CC4.0 BY-NC.

Bereits die Abbil­dung der zeit­li­chen Ver­tei­lung der Pro­tes­te in den ein­zel­nen Län­dern zeigt, dass sie sich ganz ver­schie­den ver­hal­ten und kein ein­deu­ti­ger Trend erkenn­bar ist. Daher haben die Autoren die ein­zel­nen Län­der näher ana­ly­siert, die Pro­tes­te nach Akteu­ren auf­ge­schlüs­selt und im Rah­men der Regu­la­ti­ons­theo­rie diskutiert.

Die empirische Analyse

Deutschland

Deutsch­land ist zwar mas­siv export­ab­hän­gig und damit auch von weg­fal­len­den Expor­ten durch die Welt­fi­nanz­kri­se betrof­fen gewe­sen. Den­noch erwies sich das deut­sche Modell, das immer­hin noch einen rudi­men­tä­ren robus­ten Sozi­al­staat erhal­ten hat­te, als rela­tiv wider­stands­fä­hig. Deutsch­land ging im All­ge­mei­nen als Gewin­ner aus der Welt­fi­nanz­kri­se her­aus, sodass mas­si­ve Bewe­gun­gen wie Occu­py-Wall-Street oder Anti­kür­zungs­pro­tes­te gerin­ger blie­ben. Den­noch hat­ten die Hartz-Refor­men, wel­che die Kür­zun­gen etwa zehn Jah­re vor­weg­ge­nom­men haben, ihren bedeu­ten­den Ein­fluss auf die Gesell­schaft. Sie schu­fen ein von der Gesell­schaft abge­häng­tes Pre­ka­ri­at und durch die Libe­ra­li­sie­rung des Arbeits­mark­tes eine mitt­le­ren und Nied­rig­lohn­sek­tor, deren Ange­hö­ri­ge in bestän­di­ger Angst vor dem sozia­len Abstieg leben. Wäh­rend des wirt­schaft­li­chen Auf­schwungs nach der Finanz­kri­se wur­de das Pro­le­ta­ri­at kaum am zuneh­men­den Wohl­stand beteiligt.

Pro­tes­te in Deutsch­land 2009 – 2017. Abbil­dung: Bai­ley, Lewis & Shi­ba­ta (2022). S.462 (sie­he Lite­ra­tur­an­ga­be). Lizenz: CC4.0 BY-NC.
Dies äußer­te sich dann 2015 im Unmut über die (ver­gleichs­wei­se zur vor­her Deutsch­land über­vor­tei­len­den) libe­ra­len Asyl­po­li­tik, die von rech­ten Agi­ta­to­ren auf­ge­grif­fen wur­de. Das Nar­ra­tiv, dass die deut­sche Regie­rung nicht genug für deut­sche Bürger*innen tue, hat ihre Ver­an­ke­rung in der Rea­li­tät zumin­dest in der Abkop­pe­lung der Löh­ne vom Wirt­schafts­wachs­tum. PEGI­DA und Co dien­ten mit ihren Anti-Asyl-Pro­tes­ten zwar dem deut­schen Kapi­tal, da sie den Fokus von der sozia­len Fra­ge weg rich­te­ten, ver­schreck­ten jedoch mit zuneh­men­der Radi­ka­li­sie­rung auch aus­län­di­sche Inves­to­ren, was sie zu einem gro­ßen Pro­blem für das Akku­mu­la­ti­ons­re­gime mach­te und macht.

Die Arbeiter*innenproteste wur­den klas­sisch von den DGB-Gewerk­schaf­ten – ins­be­son­de­re ver.di und IG Metall – geführt, wel­che immer­hin für fest­an­ge­stell­te Stamm­be­leg­schaf­ten Gelän­de­ge­win­ne erzie­len konnten.

Japan

Am Bei­spiel Japans sehen wir die Pro­ble­me der Metho­de. Der Nie­der­gang der Haus­ban­ken und des Kei­retsu-Sys­tems – dem Zusam­men­schluss der japa­ni­schen Wirt­schaft in gro­ßen olig­ar­chi­schen Ver­bün­den, die immer­hin lang­fris­tig Arbeits­platz­si­cher­heit garan­tier­ten – pre­ka­ri­sier­ten die Arbeit-Lohn-Bezie­hun­gen. Immer mehr Ver­trä­ge wur­den nur noch befris­tet aus­ge­stellt, vie­le Arbeiter*innen ent­las­sen. In Anbe­tracht der auf­stän­di­schen Tra­di­ti­on Japans ist kaum zu ver­mu­ten, dass das Pro­le­ta­ri­at kei­nen spon­ta­nen Wider­stand ent­ge­gen­ge­setzt hät­te. Den­noch berich­te­te Reu­ters ab 2011 vor­ran­gig über die Umwelt­pro­tes­te im Zusam­men­hang mit der Fukushima-Katastrophe.

Pro­tes­te in Japan 2009 – 2017. Abbil­dung: Bai­ley, Lewis & Shi­ba­ta (2022). S.465 (sie­he Lite­ra­tur­an­ga­be). Lizenz: CC4.0 BY-NC.

Der zwei­te sicht­ba­re Peak ist eine Reak­ti­on auf die Ankün­di­gung der Abe-Regie­rung 2015, Japan ver­stärkt zu remi­li­ta­ri­sie­ren und dafür auch die Ver­fas­sung zu ändern. Auch wenn der Cha­rak­ter im Wesent­li­chen der einer Frie­dens­be­we­gung ist, kann man sol­che Vor­stö­ße gut im Lich­te des Wan­dels des japa­ni­schen Akku­mu­la­ti­ons­re­gimes inter­pre­tie­ren. Mit dem Zer­fall des Kei­retsu-Sys­tems, dass auf ein­hei­mi­sche Zulie­fe­rer in den Schlüs­sel­in­dus­trien setz­te, wur­de Japan zuneh­mend abhän­gig vom inter­na­tio­na­len Markt … und das bedeu­tet an die­ser Stel­le auch von Chi­na. Der Ver­lust an wirt­schaft­li­cher Über­le­gen­heit ver­such­te die Regie­rung durch ver­stärk­te mili­tä­ri­sche Stär­ke zu kom­pen­sie­ren. Ein Schritt zur Eska­la­ti­on in den tra­di­tio­nell schlech­ten Bezie­hun­gen zwi­schen bei­den Län­dern, der ins­be­son­de­re kurz nach der Fuku­shi­ma-Kata­stro­phe kri­tisch gese­hen wurde.

Spanien

Spa­ni­en ist ein Mus­ter­bei­spiel dafür, wie die Ver­flech­tung der Insti­tu­tio­nen der Repro­duk­ti­on und das Finanz­re­gime die Gestalt der Pro­tes­te prä­gen. Die spa­ni­sche Wirt­schaft des 21. Jahr­hun­derts beruh­te stark auf einer Libe­ra­li­sie­rung der Finanz­märk­te, um durch Kre­di­te das Bau­we­sen zu finan­zie­ren. Mit der Finanz­kri­se konn­ten die Kre­di­te nicht mehr bedient wer­den, die Miet­prei­se explo­dier­ten und zehn­tau­sen­de Men­schen ver­lo­ren ihre Häu­ser. Davon waren Proletarier*innen und Kleinbürger*innen glei­cher­ma­ßen betrof­fen. Es leb­ten die Samm­lungs­be­we­gun­gen, wie die 15‑M in Bar­ce­lo­na und andern Groß­städ­ten, auf. Sie stell­ten sozia­le For­de­run­gen, wie güns­ti­ge Miet­prei­se und Sub­ven­tio­nen all­täg­li­cher Güter in den Mit­tel­punkt. Die Jugend der Gewer­be­trei­ben­den, jun­ge Arbeiter*innen und Student*innen waren glei­cher­ma­ßen auf der Stra­ße. Aus die­ser Bewe­gung ging dann die Par­tei Pode­mos her­vor, die das spa­ni­sche Par­tei­en­sys­tem umkrempelte.

Pro­tes­te in Spa­ni­en 2009 – 2017. Abbil­dung: Bai­ley, Lewis & Shi­ba­ta (2022). S.459 (sie­he Lite­ra­tur­an­ga­be). Lizenz: CC4.0 BY-NC.

Ein wei­te­rer bestim­men­der Fak­tor des spa­ni­schen Akku­mu­la­ti­ons­re­gimes ist natür­lich die Föde­ra­lis­mus­fra­ge. Das Refe­ren­dum um die kata­la­ni­sche Unab­hän­gig­keit, die Ver­fol­gung von Akti­vis­ten und die Demons­tra­ti­on spa­ni­scher Nationalist*innen präg­ten die zwei­te Hälf­te der 2012er-Jahre.

USA

In den Ver­ei­nig­ten Staa­ten lie­gen die neo­li­be­ra­len Refor­men schon etwa 40 Jah­re zurück. Die Ero­si­on der tra­di­tio­nell auf Arbeit­ge­ber­ver­ant­wor­tung beru­hen­den sozia­len Siche­rungs­sys­te­me hat dazu geführt, dass fast jeder Regu­la­ti­ons­mo­dus des Akku­mu­la­ti­ons­re­gimes per­ma­nent umstrit­ten ist. Die bei­den signi­fi­kan­ten Bewe­gun­gen waren zwei­fel­los die Occu­py-Wall-Street– (Geld- und Kre­dit­re­gime) und die Black-Live-Mat­ters-Bewe­gung (Staats-Wirt­schafts-Bezie­hun­gen). Dane­ben wer­den jedoch auch vie­le Kämp­fe inner­halb der Insti­tu­tio­nen mit gro­ßer Här­te geführt, wie etwa der Kampf für das Recht auf Abtrei­bung (Insti­tu­tio­na­li­sie­rung der Repro­duk­ti­on) oder der Wirt­schafts­krieg mit Chi­na (Ein­bin­dung in den Weltmarkt).

Pro­tes­te in den USA 2009 – 2017. Abbil­dung: Bai­ley, Lewis & Shi­ba­ta (2022). S.459 (sie­he Lite­ra­tur­an­ga­be). Lizenz: CC4.0 BY-NC.

Großbritannien

Auch in Groß­bri­tan­ni­en setz­te die Neo­li­be­ra­li­sie­rungpo­li­tik bereits mit der Regie­rung That­cher ein und kann mitt­ler­wei­le als abge­schlos­sen gel­ten. Den­noch fällt im Ver­gleich zu den USA auf, dass es noch einen hohen Grad an tra­di­tio­nel­len Arbeiter*innenprotesten gibt. Wie kann der Unter­schied zu den Ver­ei­nig­ten Staa­ten begrün­det werden?

Pro­tes­te in Groß­bri­tan­ni­en 2009 – 2017. Abbil­dung: Bai­ley, Lewis & Shi­ba­ta (2022). S.459 (sie­he Lite­ra­tur­an­ga­be). Lizenz: CC4.0 BY-NC.

Groß­bri­tan­ni­en setz­te wesent­lich stär­ker als die USA auf sei­ne Rol­le als inter­na­tio­na­ler Finanz­platz. Die dort erwirt­schaf­te­ten Erlö­se dien­ten als Motor der rest­li­chen Öko­no­mie auf der Insel. Die Finanz­kri­se traf das Land daher wesent­lich här­ter als die USA. Die anschlie­ßen­de Aus­teri­täts­po­li­tik traf somit jeden Sek­tor. In die­sem Kon­text ist auch schlüs­sig, dass die Arbeiter*innenproteste stark in mit dem Staat ver­floch­te­nen Sek­to­ren statt­fan­den, wie der Lon­do­ner U‑Bahn oder Bri­tish Airways.

Deutschland im Herbst 2022

Argu­men­tie­ren wir abschlie­ßend im Geis­te des Arti­kels hin­sicht­lich der aktu­el­len Lage in Deutsch­land. Das Akku­mu­la­ti­ons­re­gime der BRD ist noch immer durch den export­zen­trier­te Indus­trie in der End­ver­ar­bei­tung cha­rak­te­ri­siert. Durch gerin­ge Lohn­stück­kos­ten, aber auch den Zugriff auf güns­ti­ge Roh­stof­fe – wie Erd­gas aus Russ­land – bei hohen Export­prei­sen, konn­ten in den letz­ten Jah­ren hohe Gewinn­mar­gen erzielt wer­den, die genü­gend Steu­ern für einen robus­ten, wenn auch pre­kä­ren, Sozi­al­staat abwar­fen. Die deut­sche Wirt­schaft war dadurch aber auch wie kei­ne ande­re von ein­strö­men­den Extra­pro­fi­ten abhän­gig. Mit dem Weg­fall güns­ti­ger Roh­stof­fe ver­teu­ert sich die Pro­duk­ti­on und gefähr­det so das bis­he­ri­ge Wirt­schafts­mo­dell. Auf Ebe­ne der Arbeits-Lohn-Bezie­hun­gen bedeu­tet das eine Ent­wer­tung der Löh­ne durch die mas­si­ve Infla­ti­on. Das Wett­be­werbs­re­gime beför­dert gera­de in immensem Maß­stab eine Sub­ven­tio­nie­rung gro­ßer Ener­gie­kon­zer­ne, die ent­we­der enor­me Über­ge­win­ne ver­zeich­nen oder durch die Gas­um­la­ge auf­ge­fan­gen wer­den. Die­se Umver­tei­lung fin­det aus Rich­tung der Taschen der klei­nen Kapi­ta­lis­ten, der Klein­bür­ger und der Proletarier*innen in Rich­tung der Kon­zer­ne und der Zulie­fe­rer aus den Nie­der­lan­den, Nor­we­gen und den Ver­ei­nig­ten Staa­ten statt. Somit ist eine mate­ri­el­le Grund­la­ge für einen brei­ten popu­lä­ren Kon­flikt, der über die lohn­ab­hän­gi­gen Tei­le der Gesell­schaft hin­aus­geht, gegeben.

Auch die Gesell­schafts-Umwelt-Bezie­hun­gen sind von die­ser Situa­ti­on betrof­fen. Die Abkop­pe­lung vom rus­si­schen Gas wird durch die Grü­ne Par­tei als Ener­gie­wen­de hin zu neu­en Ener­gien ver­kauft. Aller­dings hat Deutsch­land gro­ße Pro­ble­me, in der gegen­wär­ti­gen Lage die finan­zi­el­len, aber auch die tech­ni­schen Mit­tel für einen sol­chen Umbau zu stel­len. Da die­se Fin­te zu leicht durch­schau­bar ist, gerät die gesam­te Nach­hal­tig­keits­po­li­tik, so berech­tigt sie ist, unter Kor­rup­ti­ons­ver­dacht. Die Insti­tu­tio­nen der Repro­duk­ti­on sind nicht im Beson­de­ren betrof­fen, da sie schon seit vie­len Jah­ren pre­ka­ri­siert sind. Die gewerk­schaft­li­chen For­mie­rungs­pro­zes­se in Kran­ken­häu­sern und Pfle­ge­ein­rich­tun­gen könn­ten aber unter dem Ein­druck der Preis­an­stie­ge noch wei­ter an Fahrt aufnehmen.

Zusammenfassung

Bai­ley, Lewis und Shi­ba­ta zei­gen, wie makro­po­li­tisch glei­che Ent­wick­lun­gen unter den spe­zi­el­len Bedin­gun­gen der ein­zel­nen Län­der sehr ver­schie­de­ne For­men anneh­men. Wäh­rend sich der neo­li­be­ra­le Umbau in Japan als Frie­dens­be­we­gung und in Spa­ni­en als popu­la­re Kom­mu­nal­be­we­gun­gen nie­der­schlug, zei­gen Groß­bri­tan­ni­en und die USA, wie sys­te­ma­tisch umkämpft und insta­bil jeder Lebens­be­reich nach 40 Jah­ren Frei­han­del gewor­den ist. In Deutsch­land über­la­gern sich die Hartz-Refor­men mit dem bis­he­ri­gen Erfolg der Export­ori­en­tie­rung und und erzeu­gen so ein Kli­ma der bestän­di­gen Angst vor sozia­lem Abstieg.

Die sozia­len Kon­flik­te des 21. Jahr­hun­derts gehen über »Klas­se gegen Klas­se« hin­aus, auch wenn in ihrem Kern Aus­beu­tung der Arbeiter*innen auf der einen und Akku­mu­la­ti­on von Reich­tum durch die Bour­geoi­sie auf der ande­ren Sei­te ste­hen. Marxist*innen soll­ten in ihrer Ana­ly­se dar­auf ver­trau­en, dass der prin­zi­pi­el­le Klas­sen­wi­der­spruch immer erhal­ten bleibt, auch wenn die Pro­tes­te sich eher popu­lar arti­ku­lie­ren. Statt Aus­schluss­retho­rik müs­sen lin­ke Kräf­te alle Fra­gen auf den Wider­spruch zwi­schen Pro­le­ta­ri­at und Bour­geoi­sie zurück­füh­ren. Denn das ist das Gegen­gift für eine Rech­te, die sich eine natio­na­le Ein­heit her­bei­fan­ta­siert. Und es ist Gegen­gift für die AfD, die Über­ge­winn­steu­er und die Erhö­hung der Sozi­al­leis­tun­gen ablehnt.

Literatur:

Bai­ley, D., Lewis, P. & Shi­ba­ta, S. (2022): Con­tes­ting Neo­li­be­ra­lism: Map­ping the ter­rain of Social Con­flict. In: Capital&Class. Jahr­gang 46. Aus­ga­be 3. S.449 – 478.

Boy­er, R. & Saillard, Y. (1995): Regu­la­ti­on Theo­ry. The Sta­te of the Art. Lon­don & New York: Routledge.

Die­ser Arti­kel erschien zuerst bei Spec­trum of Com­mu­nism unter einer CC4.0‑BY-NC-Lizenz.

Bild: Demons­tra­ti­on in Pader­born, 10.09.2022.

9 thoughts on “Protest in Translation

    1. Es gibt sicher ver­schie­de­ne Lösungs­an­sät­ze, um den stei­gen­den Strom- und Gas­prei­sen zu begeg­nen. Die Vor­schlä­ge, wel­che die nach­denk­sei­ten machen sind sicher beden­kens­wert, sie haben aber fol­gen­de Nach­tei­le: Sie sind ent­we­der büro­kra­tisch und damit bei schnel­ler Umset­zung akut rechts­un­si­cher. Und sie erfor­dern am Ende doch Steu­er­zu­schüs­se oder Umla­gen, wobei nicht erklärt wird, woher das Geld kommt.
      Über­ge­winn­steu­er ist am Ende auch nicht Über­ge­winn­steu­er. Eine Über­ge­winn­steu­er von 10 – 30% ent­las­tet den Ver­brau­cher natür­lich nur sekun­där über Rück­ver­tei­lung durch den Staat. Eine Über­ge­winn­steu­er zwi­schen 80 – 100% jedoch senkt jeg­li­che Moti­va­ti­on zur Preis­trei­be­rei. Woher das Geld kommt, näm­lich von den gro­ßen Kon­zer­nen, ist klar. Sie ist schnell ein­ge­führt und wie der Wis­sen­schaft­li­che Dienst des Bun­des­ta­ges fest­ge­stellt hat, rechts­si­cher. Dazu viel­leicht noch eini­ges hier: http://​www​.spec​tru​mof​com​mu​nism​.de/​u​e​b​e​r​g​e​w​i​n​n​s​t​e​u​er/
      Die AfD begrün­det ihre Ableh­nung der Über­ge­winn­steu­er a) mit angeb­li­cher Rechts­un­si­cher­heit (was fak­tisch falsch ist) und b) mit einer stei­gen­den Belas­tung der klei­nen Betrie­be. Jetzt möch­te ich aber ger­ne die klei­nen Betrie­be sehen, die bei den aktu­el­len Gas- und Strom­prei­sen höhe­re Gewin­ne erzie­len, als in den letz­ten drei Jah­ren. Die Argu­men­te sind so schwach, dass die Ver­mu­tung nahe liegt, dass die AfD hier nur das Kapi­tal schützt und nicht die Bürger.

      1. Wenn ich die Ber­ger- und Rie­gel-Arti­kel auf den NDS lese, muss ich sagen, dass eine Strom­preis­be­gren­zung viel leich­ter umsetz­bar wäre als eine Über­ge­winn­steu­er. Strom­preis? Aus­set­zung des Merit Order-Sys­tems. Wen inter­es­siert den seit Coro­na noch die »rechts­si­che­re Umset­zung«. Wo kein Klä­ger, da muss kei­ner aus der seit Coro­na eben­falls sorg­sam gleich­ge­schal­te­ten Rich­ter­kas­te ran.
        Euren Arti­kel habe ich gele­sen, z.T. über­flo­gen. Schon die Rosa-Luxem­burg-Stif­tung her­zu­neh­men, fin­de ich bedenk­lich. Nach etli­chen Erwä­gun­gen und dem unver­meid­li­chen Marx-Zitat kommt was her­aus? Ein höhe­res Preis­ni­veau, das die Lohn­ab­hän­gi­gen ja mit Lohn­er­hö­hun­gen aus­glei­chen wer­den – bit­te???? Wo seht Ihr zur­zeit die Aus­sicht für das beschäf­tig­te Pro­le­ta­ri­at, Lohn­er­hö­hun­gen durch­zu­set­zen? Sind Fir­men wie Audi oder BMW nicht immer noch in Kurzarbeit?
        Ihr seid auch kei­ne Trans­fer­leis­tungs­be­zie­her, sonst wür­de Euch gleich auf­fal­len: von der Über­ge­winn­steu­er sieht der Trans­fer­leis­tungs­be­zie­her nichts. Wenn’s hoch­kommt, mal ein Zuckerl wie die 100 Euro neulich.
        Nein, die Aus­schüt­tung einer – mög­li­chen! – Über­ge­winn­steu­er auf zahl­lo­se betrof­fe­ne Betrie­be und Mil­lio­nen und Aber­mil­lio­nen betrof­fe­ne Beschäf­tig­te und Trans­fer­leis­tungs­be­zie­her ist prak­tisch undurch­führ­bar, unwirksam.
        Ohne­dies wird es aber kei­ne Über­ge­winn­steu­er geben. Mal drü­ber reden, »da muss Poli­tik was machen«, das war’s dann.

        1. Um es ganz knapp zu machen: Ein Über­ge­winn­steu­er von 80 – 100% führt des­halb zur Kos­ten­sen­kung, weil sie hohe Prei­se nicht mehr pro­fi­ta­bel macht. Die Preis­trei­ber haben kei­ne Moti­va­ti­on für hohe Prei­se, weil sie die­se ohne­hin voll­stän­dig oder fast voll­stän­dig ver­steu­ern müs­sen. Eine Strom­preis­brem­se ist des­halb kom­pli­zier­ter, weil sie dazu führt, dass eini­ge bis vie­le Anbie­ter in die roten Zah­len, wes­halb die nach­denk­sei­ten hier auch Umla­gen und Steu­er­sub­ven­tio­nen als not­wen­dig erach­ten. Bei der Über­ge­winn­steu­er hin­ge­gen wer­den sol­che Unter­neh­men ohne­hin nicht abgeschöpft.
          Und für die­se Rück­ver­tei­lung bei der Strom­preis­brem­se bleibt die Finan­zie­rung unklar, wäh­rend die Über­ge­winn­steu­er zwar nicht rück­wir­kend, aber immer­hin für die­ses Steu­er­jahr die bereits erziel­ten Über­ge­win­ne mit ein­holt. Die Aus­set­zung, nicht Abschaf­fung, des Merit-Order-Sys­tems ist beden­kens­wert, da es zumin­dest den urspüng­li­chen Zweck nicht erfüllt, aber ehr­lich gesagt weiß kei­ner so wirk­lich, ob ein preis­sen­ken­der Effekt eintritt.

      1. Inter­es­san­ter Arti­kel. Aller­dings wird nicht berück­sich­tigt, dass die Domi­nanz des Refor­mis­mus über die Arbei­ter­klas­se und das Feh­len eines rele­van­ten revo­lu­tio­nä­ren Fak­tors zen­tra­le (!) Grün­de dafür sind, dass die Arbei­ter­klas­se so pas­siv bleibt. Frü­her waren nahe­zu alle pro­gres­si­ven Bewe­gun­gen an die Lin­ke und die Arbei­ter­klas­se gebun­den. Heu­te sind es in weit stär­ke­rem Maße die Mit­tel­schich­ten, die poli­ti­sche Bewe­gun­gen prä­gen. Typisch dafür sind die »grü­nen« Bewe­gun­gen, die im Kern weder fort­schritt­lich noch wirk­li­che Mas­sen­be­we­gun­gen sind. Das Pro­blem dabei ist, dass die gesam­te Lin­ke und der Refor­mis­mus dem grü­nen Obsku­ran­tis­mus hin­ter­her­lau­fen, anstatt ihn zu attackieren.
        Das Herr­schafts­re­gime im Kapi­ta­lis­mus hat sich in den ver­gan­ge­nen 100 – 150 Jah­ren nach Marx und Lenin gra­vie­rend geän­dert. Herr­schafts­fak­to­ren (-instru­men­te) wie Medi­en, Kul­tur, Wis­sen­schaft (bzw. Pseu­do-Wis­sen­schaft), Ver­wal­tung, Bil­dungs­we­sen haben heu­te ein ganz ande­ren Stel­len­wert als frü­her. Dazu kommt der Grö­ßen- und Bedeu­tungs­zu­wachs der lohn­ab­hän­gi­gen Mit­tel­schicht (nicht iden­tisch mit Klein­bür­ger­tum), die an allen »Schalt­stel­len« der Gesell­schaft sitzt. Die­se letz­te Ten­denz wider­spricht klar der Marx­schen Annah­me der Ero­si­on der Mitte.
        Das Dra­ma der anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Lin­ken und »Mar­xis­ten« besteht auch dar­in, dass sie sich unfä­hig zei­gen, die­se Tat­sa­chen zur Kennt­nis zu neh­men und ent­spre­chen­de Schlüs­se für ihre Pro­gram­ma­tik und Pra­xis abzu­lei­ten. Die gesam­te Lin­ke ist ist lei­der ein Milieu von Oppor­tu­nis­ten und /​oder Dog­ma­ti­kern und Sek­tie­rern, das grund­le­gend an Haupt und Glie­dern erneu­ert wer­den muss. Nur so kann die »his­to­ri­sche Füh­rungs­kri­se des Pro­le­ta­ri­ats« (Trotz­ki) über­wun­den werden.

  1. Sehr inters­sant. Schwach­stel­le wird die Daten­grund­la­ge sein.

    Vie­le Pro­tes­te wer­den nicht mehr in Nach­rich­ten erwähnt. Zudem bedie­nen die Medi­en die Dif­fa­mie­rungs­li­nie des Polit­me­dia­len Kom­ple­xes, der die Ein­ord­nung rechts nicht immer ganz sau­ber verteilt.

    Ändert aber nix groß an den grund­le­gen­den Aus­sa­gen, wahrscheinlich.

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