Chemische Industrie unter Druck

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Drosselung und Stillstand der Produktion

Inzwi­schen wer­den die Infor­ma­tio­nen zahl­rei­cher, wel­che Arten von Pro­duk­ti­on durch die hohen Erd­gas­prei­se ver­rin­gert oder ein­ge­stellt wer­den. Es trifft die gesam­te Kunst­stoff­che­mie – deren Pro­duk­te wie­der­um in vie­le wei­te­re Lie­fer­ket­ten eingehen. 

Lang­sam zie­hen sich um die che­mi­sche Indus­trie die Schlin­gen enger, und die Fol­gen dürf­ten vie­le Berei­che des All­tags betreffen.

Der mitt­ler­wei­le bekann­tes­te Sek­tor ist die Ammo­niak­pro­duk­ti­on. Die­se ist sehr ener­gie­in­ten­siv und braucht zusätz­lich Erd­gas als Roh­stoff. An der Ammo­niak­pro­duk­ti­on hän­gen aber unzäh­li­ge wei­te­re Bereiche.

Zual­ler­erst die Pro­duk­ti­on von Stick­stoff­dün­gern. Hier waren die Prei­se bereits 2021 infol­ge stei­gen­der Erd­gas­prei­se gestie­gen, und schon damals hat­te der euro­pa­weit größ­te Her­stel­ler Yara mit einer Dros­se­lung der Pro­duk­ti­on um 40 Pro­zent reagiert. Im Früh­jahr hat­ten die Dün­ge­mit­tel­prei­se auf Rekord­hö­he gele­gen, danach gin­gen sie etwas zurück, aber wich­tig ist der Grund, den die Fach­zeit­schrift Agrar Heu­te nennt: Sowohl in den USA als auch in Euro­pa haben die Land­wir­te schlicht extrem wenig Dün­ger gekauft.

Das dürf­te dar­an lie­gen, dass sie die Preis­stei­ge­run­gen nur schwer wei­ter­ge­ben kön­nen (ihr Gegen­über sind die gro­ßen Han­dels­ket­ten) und sich dann der Anbau nicht mehr lohnt. Inzwi­schen sind die Gas­prei­se und damit die Ammo­niak­prei­se erneut gestie­gen, und die Her­stel­ler von Stick­stoff­dün­ger haben in ganz Euro­pa ihre Kon­se­quen­zen gezo­gen. Yara pro­du­ziert nur noch 35 Pro­zent der tech­nisch mög­li­chen Men­ge; die Fir­ma ist aber außer­dem auch der zweit­größ­te Ammo­niak­pro­du­zent welt­weit, und auch die Ammo­niak­pro­duk­ti­on ist zurückgefahren.

Größ­ter deut­scher Ammo­niak­her­stel­ler ist SKW Pries­teritz in Sach­sen-Anhalt. Deren Pro­duk­ti­on steht augen­blick­lich wegen War­tung; aber da ein Spre­cher der Fir­ma bereits erklärt hat­te, die Gas­um­la­ge wer­de das Unter­neh­men 30 Mil­lio­nen Euro monat­lich kos­ten, und damit sei die Pro­duk­ti­on nicht mehr ren­ta­bel, ist frag­lich, ob das Werk über­haupt wie­der hoch­ge­fah­ren wird. Eine der bei­den Pro­duk­ti­ons­an­la­gen war bereits im Juli geschlos­sen wor­den. Heu­te wur­de das Unter­neh­men des­we­gen im Kanz­ler­amt vorstellig.

BASF in Lud­wigs­ha­fen hat die Ammo­niak­her­stel­lung gedros­selt, macht aber kei­ne genaue­ren Anga­ben. Die glei­che Lage fin­det sich bei der Ammo­ni­ak- und Dün­ger­her­stel­lung in ganz Euro­pa. Die Pro­duk­ti­on wur­de ent­we­der ein­ge­schränkt oder ganz stillgelegt.

An der Ammo­niak­her­stel­lung hängt aber auch die Her­stel­lung von Ad Blue für Die­sel­fahr­zeu­ge. Des­sen Preis lag Ende Juli bereits wie­der bei 62 Euro auf 100 Liter für Lkw, was natür­lich die Kos­ten für Trans­por­te wei­ter in die Höhe treibt, aber schlim­mer ist noch, dass das Ange­bot wegen der feh­len­den Ammo­niak­pro­duk­ti­on end­lich ist. Ohne Ad Blue fah­ren aber die Lkw nicht mehr.

Dar­über, dass bei der Ammo­niak­pro­duk­ti­on auch rei­nes CO₂ anfällt, das unter ande­rem in der Lager­hal­tung benö­tigt wird, hat­ten wir bereits berichtet.

Außer­dem ist Ammo­ni­ak Vor­pro­dukt für eine gan­ze Rei­he von Kunst­stof­fen. Poly­ure­than (DIN-Kurz­zei­chen: PUR) bei­spiels­wei­se. Cove­stro in Dor­ma­gen und BASF in Lud­wigs­ha­fen haben bereits die Pro­duk­ti­on von ande­ren Vor­pro­duk­ten für Poly­ure­than her­un­ter­ge­fah­ren, weil die Nach­fra­ge nied­rig ist. Sie muss nied­rig sein, weil ohne Stick­stoff nicht pro­du­ziert wer­den kann. Wozu Poly­ure­than ver­wen­det wird? »Aus PUR wer­den Matrat­zen, Schuh­soh­len, Dich­tun­gen, Schläu­che, Fuß­bö­den, Lacke, Kleb­stof­fe, Dicht­stof­fe, Ski­er, Auto­sit­ze, Lauf­bah­nen in Sta­di­en, Arma­tu­ren­bret­ter, Ver­guss­mas­sen, Kon­do­me (Prä­ser­va­ti­ve) und vie­les mehr her­ge­stellt.« So weit die kur­ze Zusam­men­fas­sung von Che​mie​.de.

Ein wei­te­rer betrof­fe­ner Kunst­stoff ist Poly­amid. Die Bezeich­nung lässt bereits erken­nen, dass auch in die­sem Poly­mer Stick­stoff ent­hal­ten ist. Dies­mal aus einer ande­ren Quel­le die Ver­wen­dungs­zwe­cke von Poly­amid 6 (das im All­tag am ehes­ten unter sei­nem alten Mar­ken­na­men Nylon bekannt ist): „Die brei­tes­te Anwen­dung erfolgt im Auto­mo­bil­bau, in der Elek­tro­tech­nik, im Maschi­nen- und Gerä­te­bau und im gerin­ge­ren Umfang auch im Ver­pa­ckungs­sek­tor sowie auf dem Sport- und Frei­zeit­ge­biet.“ Poly­amid 6 wird in Deutsch­land unter ande­rem bei Domo Che­mi­cals in Leu­na her­ge­stellt. Dort steht die Pro­duk­ti­on; die Fir­ma hat For­ce Majeu­re erklärt. Auch hier gilt: In ganz Euro­pa ist die Ent­wick­lung ähn­lich. In Polen hat die Gru­pa Azo­ty die Pro­duk­ti­on von Poly­amid 6 eingestellt.

Dow Che­mi­cals hat in allen euro­päi­schen Pro­duk­ti­ons­stät­ten die Pro­duk­ti­on von Poly­ethy­len um 15 Pro­zent gedros­selt. Aus Poly­ethy­len bestehen unter ande­rem Foli­en, Plas­tik­fla­schen und Roh­re. Die Ethy­len­pro­duk­ti­on von BASF in Lud­wigs­ha­fen, die das für das Poly­mer erfor­der­li­che Vor­pro­dukt lie­fert, dürf­te bei einer redu­zier­ten Ver­füg­bar­keit von Erd­gas geschlos­sen wer­den. Damit müss­te, sofern die Pro­duk­ti­on des Kunst­stoffs in Euro­pa noch mög­lich ist, das Ethy­len impor­tiert wer­den. Das beträ­fe auch die Her­stel­lung von PET-Fla­schen, für die Ehty­len eben­falls ein not­wen­di­ges Vor­pro­dukt ist.

Wenn man nun betrach­tet, in wel­chen Berei­chen die Kunst­stof­fe ein­ge­setzt wer­den, sieht man leicht, dass von dort aus eine gan­ze Kas­ka­de in wei­te­re Indus­trie­be­rei­che beginnt; Automobil‑, aber auch Maschi­nen­bau sind betrof­fen, eben­falls die ohne­hin schon von viel­fach stei­gen­den Prei­sen gebeu­tel­te Bauwirtschaft.

Das ist ein Teil der Ket­te, die, mit Aus­nah­me des Ethy­lens, an einer ein­zi­gen Sub­stanz hängt, deren Pro­duk­ti­on mit den jet­zi­gen Erd­gas­prei­sen nicht mehr ren­ta­bel ist. Es ist aber nicht die ein­zi­ge sol­che Ket­te, denn ähn­lich ver­hält es sich bei­spiels­wei­se in der Metall­ver­ede­lung, in der Papier­in­dus­trie, bei der Glas­her­stel­lung. Die Kon­se­quen­zen kön­nen an völ­lig uner­war­te­ten Stel­len auf­tre­ten. Auch chir­ur­gi­scher Faden ist aus Kunst­stoff. Kunst­stoff­ge­bis­se wer­den aus Acryl­glas gefer­tigt, des­sen Her­stel­lung eben­falls her­un­ter­ge­fah­ren wur­de. Vie­le Waren in Super­märk­ten ste­cken in Kunst­stoff­ver­pa­ckun­gen oder wer­den in Folie verpackt.

Auch wenn es eini­ge Mona­te Ver­zö­ge­rung gab, bis die Fol­gen der Erd­gas- und Ener­gie­prei­se in Gestalt von Pro­duk­ti­ons­ein­schrän­kun­gen sicht­bar wer­den: Die Che­mie­in­dus­trie ist erst der Anfang, weil vie­le ihrer Pro­duk­te in ande­re Pro­duk­tio­nen ein­ge­hen. Nicht nur feh­len­de Chips brin­gen die Auto­mo­bil­pro­duk­ti­on zum Ste­hen, auch feh­len­de Sitze.

Was aber die Mög­lich­keit betrifft, sol­che Kon­se­quen­zen vor­her­zu­se­hen – es hat­te, wie oben erwähnt, bereits im Jahr 2021 auf­grund stei­gen­der Erd­gas­prei­se Pro­ble­me mit der Ammo­niak­pro­duk­ti­on gege­ben, die dann in der Fol­ge unter ande­rem zu höhe­ren Dün­ger­prei­sen geführt hat­ten. Zumin­dest ein Teil der Kas­ka­de war also bereits sicht­bar gewor­den. Die­se Infor­ma­tio­nen hät­ten bei der Ent­schei­dung, den Sank­tio­nen zuzu­stim­men, berück­sich­tigt wer­den kön­nen und müssen.

Dag­mar Henn ist Mit­glied des Deut­schen Frei­den­ker-Ver­ban­des, von des­sen Web­site frei​den​ker​.org der Bei­trag über­nom­men wur­de, Erst­ver­öf­fent­li­chung am 30.08.2022 auf RT DE

Bild: BASF Werk Lud­wigs­ha­fen 1881, Gemäl­de im BASF-Archiv 

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