Kanada: Wie der Beifall versehentlich die Wahrheit enthüllt

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Das kanadische Parlament hat mit seiner Ehrung eines Mitglieds der Waffen‐​SS eine Grenze überschritten. Damit hat es aber gleichzeitig eine Wahrheit enthüllt, die verborgen bleiben sollte – dass die ukrainischen Nazis von heute immer noch die ukrainischen Nazis von damals sind.

Irgendwie funktionieren sie nicht richtig, die Manöver des kanadischen Parlaments und insbesondere des kanadischen Regierungschefs Justin Trudeau, die stehenden Ovationen für ein Mitglied der Waffen‐​SS einfach vom Tisch zu wischen. Das, was in Kanada passiert ist, hat einen Schleier fortgezogen, der bisher die Kontinuität zwischen den Nazikollaborateuren des Zweiten Weltkriegs und der heutigen Ukraine verhüllen sollte und der mit großem Aufwand und beträchtlichem Verfolgungseinsatz im gesamten kollektiven Westen vor die Wirklichkeit gehängt wurde.

Man müsse das verstehen, lautete das Diktum, dass jene verherrlicht würden, die gegen die sowjetische Herrschaft gekämpft hätten; das habe nicht wirklich etwas mit den Nazis, deren Helfern und den zugehörigen Verbrechen zu tun. Denn schließlich seien die Sowjets böse gewesen und jene, die nach Kriegsende gegen sie kämpften, dementsprechend gut.

Es passt auch nicht in die Erzählung von den guten USA, die weltweit Frieden und Freiheit bringen, wenn man allzu laut darüber spricht, wie innig bald nach Kriegsende die Zusammenarbeit mit jenen wurde, die noch bis zum 8. Mai 1945 die Feinde gewesen waren. Auch wenn sich vielfach, und gerade in Deutschland, belegen lässt, wie sehr diese Zusammenarbeit die Entwicklung im Westen bestimmt hat, ja, dass der Kalte Krieg selbst ein Ergebnis ebendieser Zusammenarbeit war.

Die Rolle, die Kanada in diesem Zusammenhang spielte, blieb ebenfalls weitgehend unter der Wahrnehmungsschwelle. In den letzten Jahrzehnten hat es sich einen Ruf als zivilisiertes Gegenstück der wilden USA erarbeitet. Man denke nur an die berühmte Szene in Michael Moores Dokumentarfilm über Columbine, in der »freie Waffen für freie Kanadier« angeboten werden und die Kanadier ablehnen. Für die Anhänger woker Ideologie ist Kanada der ideale Staat und hat Neuseeland als demokratisches Musterland inzwischen abgelöst. Als Teil des Britischen Empire und damit auch der Anti‐​Hitler‐​Koalition, durch einen Ozean von Europa getrennt, konnte es leicht völlige Unschuld behaupten.

Und nun dieser schockierende Akt, in aller Öffentlichkeit, eine Ovation für einen Angehörigen der Waffen‐​SS? Zugegeben, die Ereignisse der jüngeren Vergangenheit, sei es das brutale Vorgehen gegen die Lkw‐​Fahrer, die gegen die Impfpflicht demonstrierten, sei es die Nutzung eines Angebots zum assistierten Selbstmord als Ersatz für Sozialpolitik, haben schon ein ungutes Gefühl hinterlassen. Aber Jubel für die SS? Selbst wenn das sowohl in der Ukraine als auch in den baltischen Staaten seit dem Ende der Sowjetunion immer wieder zu beobachten war, nicht einmal in Deutschland würde das jemand wagen, bis heute.

Kanada ist jedoch bei Weitem nicht so unschuldig, wie es scheint. Von Winston Churchill ist aus der Zeit kurz nach der Niederlage des Hitlerfaschismus der Ausspruch überliefert: »Wir haben das falsche Schwein geschlachtet.« Heinrich Himmler soll eine Vereinbarung mit der britischen Besatzungsmacht gehabt haben, ihn in ein sicheres Exil zu bringen und der Strafverfolgung zu entziehen, die an nicht darüber informierten Wachposten scheiterte. Wie die US‐​Amerikaner sammelten auch die Briten sowohl Angehörige der deutschen Nazi‐​Elite wie der Kollaborationstruppen, unter schonenden Bedingungen, zur möglichen weiteren Verwendung.

Beide, Briten wie US‐​Amerikaner, unterstützten auch den Weg in ein wohlgesonnenes Exil. Die berühmte »Rattenlinie«, auf der unter Nutzung der Verbindungen und Einrichtungen des Vatikans führende Nazis nach Lateinamerika, nach Chile, Argentinien und Paraguay gebracht wurden, war nur die Spitze des Eisbergs. Bis heute sind die Akten des BND über Adolf Eichmann geheim, die seine Zusammenarbeit mit westlichen Diensten belegen.

Über die »Exporttätigkeit« in Richtung USA gibt es gründliche historische Forschungen; insbesondere Christopher Simpson belegt in seinem Buch »Blowback« aus dem Jahr 1988 auf Hunderten von Seiten, dass es sich nicht um einzelne Fälle handelte, sondern dass Zehntausende in Naziverbrechen verwickelte Personen in die Vereinigten Staaten gebracht worden waren, noch ehe in der westlichen Republik der Eifer der Strafverfolger erlahmte.

Simpson beschreibt genau, wie Angehörige der SS‐​Division Galizien nach Kanada kamen. Die Division ergab sich Anfang 1945 den Briten und wurde im Gefangenenlager Rimini interniert. Der Vertrag von Jalta sah vor, dass diese Kriegsgefangenen an die UdSSR übergeben würden, deren Staatsbürger sie waren und wo sie hätten vor Gericht gestellt werden sollen.

Der katholische Erzbischof Iwan Butschko setzte sich beim – in Deutschland durch Rolf Hochhuts »Der Stellvertreter« bekannten – nazifreundlichen Papst Pius XII. dafür ein, diese Auslieferung zu verhindern, und Pius XII. sorgte dafür, dass die Briten aus Kriegsgefangenen Flüchtlinge machten und sowjetischen Vertretern der Zugang zu diesem Lager verwehrt wurde. Auch die ukrainischen Hilfstruppen in Deutschland wurden von den USA als »displaced persons« geführt und nicht als Kriegsgefangene …

»Im Frühjahr 1946 hatte Schandruk, unterstützt von Erzbischof Butschko und dem Ukrainischen Hilfskommittee Großbritanniens, mit der britischen Regierung arrangiert, den ukrainischen Veteranen der Waffen‐​SS in Rimini den Einwandererstatus von ›freien Siedlern‹ zu verleihen und ihnen bei einer Ansiedlung in Kanada, Australien und anderen Ländern des Commonwealth zu helfen.«

Es wird sicher seinen Beitrag zur erneuten Verbreitung der Bandera‐​Ideologie geleistet haben, dass diese Rettungsmanöver für die SS‐​Division Galizien die Durchführung Tausender Verfahren über ihre Verbrechen verhinderte. Ein Kult um diese verbrecherische Truppe, wie er im Westen der Ukraine besteht, wäre sonst schwer möglich gewesen.

Wenn das kanadische Parlament nun erklärt, man sei sich nicht darüber im Klaren gewesen, dass es sich nicht um einen »Widerstandskämpfer gegen die Sowjets« handelte, sondern um einen Kriegsverbrecher, der an der Seite der Nazis gekämpft hatte, tut es so, als wäre die alte Fiktion aus den Zeiten des Kalten Krieges, es gäbe zwischen beidem einen Unterschied, weiterhin haltbar. Tatsache ist aber: Diese »Widerstandskämpfer« waren durch die Bank, von der ukrainischen OUN‑B bis zu den litauischen »Waldbrüdern«, schlicht jene Teile der Nazitruppen, die es nicht rechtzeitig gen Westen geschafft hatten. Es waren dieselben Strukturen und dieselben Personen, die vor 1945 einen Massenmord nach dem anderen begangen hatten, und wenn man irgendwo Berichte darüber liest, wie ihr »Kampf« nach 1945 konkret aussah, wird klar, dass auch die Methoden gleich geblieben waren.

Allerdings war die Rettung großer Teile dieser Truppen noch nicht das Ende vom Lied. Schließlich sind seitdem drei Generationen vergangen, und ohne eine straffe Organisation wären die Nachfahren, die schließlich nicht selbst an Verbrechen beteiligt waren, zu gewöhnlichen, unauffälligen Bürgern der Länder geworden, die sie aufgenommen hatten, und die historische Wirklichkeit hätte sich gegen die ideologische Verherrlichung durchsetzen können.

Aber diese Gruppen waren nützlich und wurden gewissermaßen für den Tag auf Vorrat gehalten, an dem man sie wieder in ihre Ursprungsländer zurückschicken konnte. Zwei Punkte sind es, die eine unmittelbare Schuld der Aufnahmeländer erzeugten: zum einen die Tatsache, dass auch dort keine Prozesse stattfanden, um die Verbrechen zu ahnden, und zum anderen, dass mit öffentlichen Mitteln dafür gesorgt wurde, dass diese Einwanderergruppen abgeschottet unter sich bleiben konnten, mit eigenen Schulen und Universitäten, Rundfunkprogrammen und Zeitungen. Eine öffentliche Förderung, auf die andere Gruppen von Einwanderern nicht hoffen konnten. Denn das Ziel war, die Kohärenz und die Ideologie zu erhalten, aus Erwägungen geopolitischer Nützlichkeit.

Das unschuldige, demokratische Kanada war so unschuldig nicht; im Umgang mit der Urbevölkerung war Internierung und Zwangssterilisation gebräuchlich bis in die 1970er, und Kanada war am berüchtigten Programm MKULTRA beteiligt, das von der CIA unter Mitwirkung von Naziärzten entwickelt worden war. Die ukrainischen Nazis waren nicht die einzigen Mörder, die dort Unterschlupf fanden, und die gesamte Wahrnehmung Kanadas als eines aufgeklärten, offenen Landes beruht auf der Verleugnung dieser Geschichte.

Die »Entschuldigung«, die der Sprecher des kanadischen Parlaments vortrug, als die Empörung über diese Ovation sichtbar wurde, richtet sich nur an die jüdischen Opfer des Nazismus und erzeugte entsprechende Begeisterung bei den Polen, die im Wolhynien‐​Massaker schließlich auch Opfer der Bandera‐​Leute geworden waren. Mittlerweile hat der polnische Erziehungsminister nach Bericht von CBC erklärt, er wolle die Auslieferung des SS‐​Manns Jaroslaw Hunka an Polen beantragen. Trudeau bringt nicht mehr hervor als eine halbgare Distanzierung. In der kanadischen Presse allerdings ist die Deckung, die Kanada diesen ukrainischen Nazis über Jahrzehnte hinweg erteilt hatte, mittlerweile ein großes Thema – was sie ohne diesen Vorfall nicht geworden wäre; so widersprüchlich sind historische Ereignisse.

»Lange ehe der Veteran der Division Galizien Jaroslaw Hunka je eine Einladung ins Parlament erhielt, verbrachte Kanada Jahrzehnte damit, eine Organisation zu übersehen oder gar offiziell zu decken, die später erklären würde, voller ukrainischer Freiheitskämpfer zu sein, aber von Nazis gegründet wurde, unter Nazikommando diente und ausschließlich für die Erfüllung von Nazizielen kämpfte«, schreibt die National Post. Als das russische Außenministerium 2018 auf Denkmäler für die SS‐​Division auf Friedhöfen in Alberta und Ontario hingewiesen habe, sei das ebenso als »Disinformation« ignoriert worden wie die Abstammung der damaligen kanadischen Außenministerin Chrystia Freeland von einem ukrainischen Kollaborateur.

Im Artikel wird auch erwähnt, dass nach Ergebnissen einer Untersuchung über Nazi‐​Kriegsverbrecher in Kanada im Jahr 1986 die Mitglieder der Division Galizien im Jahr 1950 durch das kanadische Kabinett von Strafverfolgung ausgenommen worden waren. Die Untersuchung kam zu dem Schluss, dass eine Abschiebung dieser Kriegsverbrecher nicht zu empfehlen sei, da Ottawa zum Zeitpunkt ihrer Aufnahme gewusst habe, wen es ins Land ließ. Bis heute unterliegen 600 Seiten dieses Berichts der Geheimhaltung.

Öffentlich gemacht hatte die Vergangenheit Hunkas übrigens der ukrainisch‐​kanadische Geschichtsprofessor Iwan Katschinowski, der an der Universität Ottawa lehrt. Er sagt: »Die kanadische Regierung sollte die SS‐​Division Galizien verdammen, nicht ehren.«

Man muss nur sehen, wie der ukrainische Präsident Wladimir Selenskij bei der Ovation für Hunka durch das kanadische Parlament reagierte, um zu erkennen, wo dabei das Problem liegt: Er schwingt die geballte Faust, um die Begeisterung noch weiter anzufeuern. Die historische Lüge, die aus Naziverbrechern Freiheitskämpfer machte, setzt sich bis in die Gegenwart fort.

Dagmar Henn ist Mitglied des Deutschen Freidenker‐​Verbandes, von dessen Website freidenker​.org der Artikel übernommen wurde, Erstveröffentlichung am 26.09.2023 auf RT DE.

Bild: Trudeau trifft Selenskij 8.5.2022 (President​.gov​.ua via Wikimedia Commons)

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