Vom Volksfestschlager zum Protestsong – wird Deutschland im Herbst »Layla« singen?

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Wenn gera­de in Deutsch­land dar­über debat­tiert wird, ob das Lied »Lay­la« auf Volks­fes­ten gespielt wer­den darf oder nicht, erin­nert mich das an eine Geschich­te aus mei­ner Jugend. Irgend­wie hat sich die woke Gesell­schaft mit die­sem Ver­bot ins Knie geschossen. 

Es ist aus­ge­spro­chen albern, Zeit mit einer Debat­te über den Sexis­mus eines Lieds zu ver­brin­gen, wenn die Lay­la des zuge­hö­ri­gen Vide­os ein Trans­ves­tit ist. Schließ­lich sind die Vide­os schon seit den 80ern das Medi­um, das gewis­ser­ma­ßen die offi­zi­el­le Inter­pre­ta­ti­on des Stücks lie­fert. Das Gesamt­pa­ket aus Lied und Video erhebt durch­aus den Anspruch auf Ironie.

Das Lied hat den enor­men Vor­teil, einen kur­zen, ein­fa­chen Text und eine eben­sol­che Melo­die zu besit­zen und damit selbst noch im Zustand der Voll­trun­ken­heit mit­ge­sun­gen wer­den zu kön­nen. Damit ist es tech­nisch gese­hen volksfesttauglich.

In der popu­lä­ren Kul­tur ist der­ber sexu­el­ler Humor fest ver­an­kert; das sieht man, wenn man alte Volks­lie­der betrach­tet. Da lie­gen Mön­che bei Bau­ers­frau­en und ent­kom­men durch die Dach­fens­ter, da macht man sich über gei­le Pfaf­fen und rei­che Kauf­leu­te lus­tig, über bigot­te Jung­fern und zu alte Ehe­män­ner. Ein Lied wie »Lay­la« ist also nichts Neu­es unter der Son­ne. Und die obrig­keit­li­che Reak­ti­on auf die­sen der­ben Humor ist stets die gleiche.

Neu ist ein­zig, dass dies­mal die ver­bie­ten­de Obrig­keit meint, sich auf eine fort­schritt­li­che Moral zu beru­fen. Doch der Dis­kurs über Sexis­mus hat schon lan­ge Unter­tö­ne, in denen die Bet­sch­wes­ter zu hören ist; sie hat sich nur neu ver­klei­det, aber das Dia­ko­nis­sen­häub­chen und das Gesang­buch blit­zen immer wie­der hervor.

Die Stadt Würz­burg hat ver­bo­ten, das Lied »Lay­la« auf dem Volks­fest zu spie­len. Die Stadt Düs­sel­dorf über­legt, ob sie gleich­zie­hen soll. Mit Sicher­heit fin­den ähn­li­che Über­le­gun­gen an vie­len ande­ren Orten statt, vor­zugs­wei­se dort, wo die Grü­nen mit­re­gie­ren. Und die­ses Ver­bot wird mit aller­lei Argu­men­ten ver­tei­digt. Der Witz ist nur, dass sie alle gar nicht ver­ste­hen, was sie mit einem sol­chen Ver­bot tun.

Dafür muss ich ein wenig zurück­grei­fen, auf einen ande­ren Volks­fest­schla­ger, der bis heu­te über­all gesun­gen wird und der sogar in der glei­chen the­ma­ti­schen Umge­bung spielt: »Skan­dal im Sperr­be­zirk« von der Spi­der Mur­phy Gang. Aus­lö­ser die­ses Lieds war der dama­li­ge Münch­ner Kreis­ver­wal­tungs­re­fe­rent Peter Gau­wei­ler von der CSU, der den Sperr­be­zirk, also das Gebiet, in dem die Aus­übung der Pro­sti­tu­ti­on ver­bo­ten ist, fast auf das gesam­te Stadt­ge­biet Mün­chens ausdehnte.

Die Spi­der Mur­phy Gang, eine Münch­ner Band, die klas­si­schen Rock ’n‘ Roll spielt (bis auf den inzwi­schen ver­stor­be­nen Schlag­zeu­ger spie­len die älte­ren Her­ren noch), kom­men­tier­te die­se Ent­schei­dung 1981 mit ihrem Stück. Das Lied wur­de ein Hit, obwohl der Baye­ri­sche Rund­funk und ande­re Radio­sen­der sich wei­ger­ten, es zu spie­len. Im Gegen­teil, die Ent­schei­dung, es nicht zu spie­len, ver­lieh ihm eine zusätz­li­che Qua­li­tät; es war gera­de der Ver­such, sei­ne Ver­brei­tung zu unter­bin­den, der es zu einem Lied gegen die damals in Bay­ern fast all­mäch­ti­ge CSU mach­te, nicht nur zu einem musi­ka­li­schen Kom­men­tar einer Sperrbezirksverordnung.

Bis heu­te wird die­ses Stück auf allen Volks­fes­ten gespielt und dürf­te gewis­ser­ma­ßen die Ren­ten­ver­si­che­rung der Spi­der Mur­phy Gang gewor­den sein. Heu­te ist die­ser poli­ti­sche Hin­ter­grund den meis­ten, die mit­sin­gen, nicht ein­mal mehr bekannt. Aber die Aura des Wider­stän­di­gen ist irgend­wie geblieben.

Übli­cher­wei­se sind es Ver­bo­te, die zu die­ser sym­bo­li­schen Auf­la­dung füh­ren. Man den­ke an »Lili Mar­le­en«, das von Joseph Goe­b­bels ver­bo­ten wur­de, als er vom jüdi­schen Gelieb­ten der Sän­ge­rin erfuhr. Oder an das Lied »Gran­do­la«, das im Por­tu­gal Antó­nio de Oli­vei­ra Sala­zars ver­bo­ten war und zum Signal der Nel­ken­re­vo­lu­ti­on wur­de, die ihn stürzte.

Und was pas­sier­te mit »Lay­la«? Auf dem Würz­bur­ger Volks­fest, das am Sonn­tag ende­te, hat sich Selt­sa­mes ereig­net. Die Besu­cher san­gen das Lied ganz ohne die Band, die es nicht spie­len darf. Die Stadt­obe­ren, die das Ver­bot durch­zie­hen woll­ten, begrif­fen nicht, dass das Ver­bot selbst das Stück sym­bo­lisch auf­lädt, völ­lig unab­hän­gig vom Inhalt sei­nes Textes.

In Würz­burg sind die Grü­nen rela­tiv stark, unter ande­rem, weil der Anteil der Stu­den­ten an der Stadt­be­völ­ke­rung hoch ist. In den letz­ten Jah­ren ver­such­ten sie dem­entspre­chend, ihre übli­chen poli­ti­schen Plä­ne durch­zu­set­zen, wie eine auto­freie Innen­stadt, die bereits zu mas­si­ven Umsatz­ein­brü­chen bei inner­städ­ti­schen Geschäf­ten geführt hat. In der Stadt wur­den groß­flä­chi­ge Park­ver­bo­te ver­hängt, gegen die das Hand­werk pro­tes­tier­te (auch ein Klemp­ner, der einen Was­ser­rohr­bruch repa­riert, muss irgend­wo par­ken kön­nen). Und sie wol­len einen gro­ßen, in Innen­stadt­nä­he gele­ge­nen Park­platz gebüh­ren­pflich­tig machen. Dage­gen läuft gera­de ein Bürgerbegehren.

In die­ser Situa­ti­on wird ein ver­bo­te­nes Lied leicht zum Sym­bol des Pro­tests. Dabei ist die Begrün­dung des Ver­bots voll­kom­men egal; ob sie »Sexis­mus« lau­tet oder auf dem Feh­len eines A‑Moll-Akkords mit ver­min­der­ter Quin­te beruht. Ein Ver­stoß gegen die­ses Ver­bot ist gleich­zei­tig eine Reak­ti­on auf vie­le ande­re Ver­bo­te, die mit der ver­bie­ten­den Obrig­keit ver­bun­den werden.

Die poli­ti­sche Lage ist heu­te viel auf­ge­la­de­ner, als sie es zu jener Zeit war, als »Skan­dal im Sperr­be­zirk« sei­ne Wir­kung ent­fal­te­te. Die Pro-NATO-Ein­heits­par­tei agiert selbst weit stär­ker mit Sym­bo­len, als es in den begin­nen­den Acht­zi­gern üblich war, in der nüch­ter­nen Bon­ner Repu­blik; unter ande­rem, indem das gan­ze Land mit gelb-blau­en Fah­nen gepflas­tert wird. Die umfas­sen­de Zen­sur sorgt dafür, dass abwei­chen­de Posi­tio­nen kaum mehr zum Aus­druck kom­men kön­nen. Das sind gera­de­zu lehr­buch­ar­ti­ge Bedin­gun­gen für das spon­ta­ne Ent­ste­hen neu­er poli­ti­scher Sym­bo­le. Der vor­han­de­ne Unwil­le, das rea­le Lei­den unter einer gegen die Bevöl­ke­rung gerich­te­te Poli­tik, sucht sich eine Aus­drucks­mög­lich­keit. Sucht nach Zei­chen und Signa­len, an denen man ein­an­der erken­nen kann.

Die Stadt Würz­burg war so nett, ein sol­ches Zei­chen zu lie­fern. Tat­säch­lich wäre es, soll­ten die Düs­sel­dor­fer und wei­te­re Städ­te dem Würz­bur­ger Vor­bild fol­gen (augen­blick­lich gibt es eine Dis­kus­si­on, ob das Stück im ZDFFern­seh­gar­ten gespielt wer­den darf), vor­stell­bar, dass im Herbst Pro­tes­te gegen das ver­ord­ne­te Frie­ren unter gemein­sa­mem Absin­gen von »Lay­la« erfol­gen. Ein­zig und allein, weil klar ist, dass die grü­ne Obrig­keit die­ses Stück nicht lei­den kann.

Also dann, lasst uns »Lay­la« singen!

Dag­mar Henn ist Mit­glied des Deut­schen Frei­den­ker-Ver­ban­des, von des­sen Web­site der Bei­trag frei​den​ker​.org über­nom­men wurde.

Bild: Bor­dell­sze­ne im 16. Jahr­hun­dert (Braun­schwei­ger Mono­gram­mist, 1537)

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