Front gegen Russland schwächelt

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An die Gegenoffensive der Ukrainer waren hohe Erwartungen geknüpft worden bei den Unterstützern im Westen. Die Enttäuschung über den ausbleibenden Erfolg lässt die Spannungen im antirussischen Lager wachsen. Kriege werden aber nicht allein an der Front gewonnen. Wie lange sind die Völker im Westen noch bereit, für den Sieg der Ukraine Opfer zu bringen?

Große Pläne

Neben dem militärischen Geschick darf die Unterstützung durch die eigene Bevölkerung und Verbündete für den Kriegserfolg nicht unterschätzt werden. Die nachlassende Kriegsbegeisterung der Amerikaner war neben der Opferbereitschaft der Vietnamesen ausschlaggebend für die Niederlage der USA in Vietnam. Die Stimmung in der Ukraine selbst ist schwer einzuschätzen. Deutlicher ist der Stimmungswandel bei den Unterstützern. Die Streitereien nehmen zu und es fällt immer schwerer, die Interessenskonflikte zu überdecken. Deren Liste wird immer länger.

Zu Beginn des Krieges hatten westliche Illusionen Hoffnungen genährt auf einen schnellen Sieg der Ukraine und eine tiefgreifende Niederlage Russlands. Die Rede war vom Ruin und der Dekolonialisierung des Riesenreiches. Darunter verstand man die Aufspaltung des Landes in viele kleinere Einheiten. Ähnlich wie in Jugoslawien dachte man, sich diese neu entstandenen Staaten einverleiben zu können durch die Aussicht auf goldene Zeiten im Schoße des politischen Westens, notfalls aber mit militärischem Druck.

Dieser Plan ging nicht auf. Nach dem Scheitern der Verhandlungen in Istanbul stellte sich Russland auf eine längere militärische Auseinandersetzung ein und war auf diese auch vorbereitet im Gegensatz zur Ukraine und zum Westen. Die russische Armee igelte sich in ihren Stellungen ein und ließ den Gegner kommen. Bald sprach man im Westen von einem Stellungskrieg, vergleichbar dem 1. Weltkrieg, übersah aber einen wesentlichen Unterschied. Im ersten Weltkrieg waren beide Seiten auf demselben technologischen Stand, sodass keine Seite einen entscheidenden Vorteil für sich verbuchen konnte.

Russlands Armee aber ist der ukrainischen in ihrer Waffentechnik und Produktionskapazitäten weit überlegen und selbst die westlichen Waffen brachten keinen strategischen Vorteil. Wenn auch der Ukraine immer moderneres westliches Material zur Verfügung gestellt wurde, konnte kein Durchbruch erzielt werden. Die russische Armee blieb in ihren Stellungen, zog sich eher aus exponierten zurück und unternahm selbst nur kontrollierte Offensiven.

Man schonte das eigene Personal, soweit davon in Kriegen überhaupt die Rede sein kann, und dezimierte die Kräfte der anstürmenden Ukrainer. Im Gegensatz zu westlichen Behauptungen ging es Russland nie um die Eroberung der Ukraine, geschweige denn um Angriffe auf Staaten des Westens sondern um die Vernichtung der gegen das eigene Land gerichteten Bedrohung. Das war vonseiten Russlands immer als Ziel der Militäroperation genannt worden, ob man es im Westen glauben wollte oder nicht.

Gescheiterte Pläne

Der ukrainische Sieg rückte in immer weitere Ferne. Sollte Russland besiegt und das ukrainische Territorium in seinen Grenzen von 1991 wiederhergestellt werden, konnte das nur durch eine Großoffensive gegen die Russen erreicht werden. Dazu musste die ukrainische Armee mehr Schlagkraft erhalten. Der Westen, vor allem die Europäer, schickten Kampfpanzer. Ursprüngliche Bedenken wegen russischer roter Linien wurden immer weiter zurückgedrängt, nicht zuletzt auch weil Russland nicht die atomare Keule auspackte, wie vielfach befürchtet und spekuliert worden war.

Nach Wochen verlustreicher Kämpfe hat die ukrainische Offensive bis heute nirgendwo entscheidende Durchbrüche erzielen können. Die anfängliche Siegesgewissheit in der Ukraine und im Westen war immer mehr der Ernüchterung gewichen. Die Kriegsziele ließen sich trotz gewaltigen Einsatzes an Menschen und Material an der Front nicht erreichen. Mit dem militärischen Scheitern machten im Verlaufe des Sommer 2023 der Siegesgewissheit Ratlosigkeit und Verzweiflung Platz.

Der Misserfolg musste begründet werden, angesichts der hohen Erwartungen und der Lobeshymnen, die zuvor auf westliches Material und ukrainischen Freiheitswillen gesungen worden waren. Zweifel an der Sinnhaftigkeit des ukrainischen Abenteuers wachsen. Angesichts der Opfer und Lasten, die man den eigenen Völkern im Westen aufgebürdet hatte, konnte man den Menschen keinen reinen Wein einschenken. Zu groß ist die Gefahr, dass die gesamte Anti‐​Russland‐​Politik im Ärger der Getäuschten untergehen könnte.

Statt der Ursachen für den Misserfolg suchte man nach Schuldigen. Der Westen machte die ukrainische Kriegstaktik und Korruption in der militärischen Führung verantwortlich. Der ukrainische Verteidigungsminister Alexej Resnikow musste gehen. Offizieller Grund war die Korruption in den Einberufungsstellen, wo gegen Geld Freistellungen gewährt worden sein sollen. Beamte wurden entlassen und durch Frontkämpfer ersetzt, die wissen, worum es geht.

Durchkreuzte Pläne

Die Ukrainer wiederum gaben den Verbündeten die Schuld, weil sie sich mit den Waffenlieferungen zu viel Zeit ließen, oftmals veraltetes Gerät schickten und zu viel Rücksicht nähmen auf die roten Linien der Russen. Sie forderten weitreichende Waffen, um den russischen Nachschub zur Front erfolgreich zu behindern oder möglichst ganz zu unterbinden. Zuerst Großbritannien und anschließend Frankreich übergaben ohne viel Federlesens Marschflugkörper. Sie fühlen sich sicher durch das eigene nukleare Abschreckungspotential. Im Gegensatz zu Deutschland glauben sie, mutiger auftreten zu können.

Die USA hielten sich bei der Lieferung von Raketen wie schon zuvor in Panzerfrage sehr zurück. Zwar hatten auch sie Kampfpanzer zugesagt, zögerten aber deren Lieferung bis Ende des Jahres hinaus, also lange nachdem die europäischen, besonders die deutschen, schon an der ukrainischen Front im Einsatz waren. Wollten die Amerikaner erst die Reaktion der Russen abwarten? Ähnlich zurückhaltend verhielt sich Washington bei der ukrainischen Forderung nach amerikanischen Raketen des Typs ATACMS. Als die übereifrigen Briten schon geliefert, die Franzosen bereits nachgezogen hatten, war in den USA noch lange nichts entschieden. Man ließ den Europäern den Vortritt und wartete ab, wie Russland reagierte.

Bei den Marschflugkörpern war der deutsche Kanzler Olaf Scholz offensichtlich etwas klüger geworden als bei seiner Zusage von Leopard‐​Panzern. Damals war er von Washington ausgetrickst worden, als Deutschland seine Entscheidung von der Zusage der USA abhängig gemacht hatte. Zwar hatten die USA eingewilligt, aber die Lieferung über Monate hinausgeschoben. Dieses Mal wartete Scholz die Entscheidung der Amerikaner ab. Als diese keine Raketen zusagten, hielt auch er seine Taurus‐​Marschflugkörper zurück. Natürlich kann Scholz solche Überlegungen nicht in der Öffentlichkeit zur Diskussion stellen, will er nicht den Zusammenhalt des Bündnisses gefährden, indem er sein Misstrauen gegenüber den Amerikanern öffentlich macht.

Die deutsche Absage verhinderte die weitere Europäisierung des Krieges. Zwar blieben die USA weiterhin die größten Finanzierer und Waffensteller auf westlicher Seite, dennoch gelang es ihnen nicht, den Ärger der Russen über Raketenlieferungen allein bei den Europäern abzuladen. Mit der Ankunft der Abrams‐​Panzer in der Ukraine sind die Amerikaner sogar wieder mehr in die Konfrontation hineingezogen worden. Es gelang ihnen nicht die atomare Bedrohung durch russische Raketen von den USA auf Europa abzulenken.

Eigene Pläne

Dieses Taktieren ging zulasten der Ukrainer, die ihre Strategie nicht umstellen konnten zugunsten vermehrter Angriffe auf das russische Hinterland. Wenn auch nach außen der Eindruck einer geschlossenen und unverbrüchlichen Kampfgemeinschaft erhalten blieb, unter der Tünche bröckelt der Putz. Spannungen und Risse im westlichen Lager nehmen zu und greifen auf immer mehr Felder der Zusammenarbeit aus. Die Erfolglosigkeit des gemeinsamen Kampfes führt zu einer verstärkten Suche nach individuellen Lösungen für die eigenen Interessen.

Noch sind die Völker der NATO‐​Staaten ruhig. Aber die Zustimmung zum Krieg geht immer weiter zurück. Begeisterung ist schon gar nicht mehr zu finden wie noch zu Beginn des Krieges. Ungarn hat schon bekannt gegeben, dass es weiterer Unterstützung für den Krieg nicht mehr zustimmen wird. Auch die anti‐​russischen Sanktionen finden in Budapest immer weniger Unterstützung.

Die Wahlen in der Slowakei haben jene Kräfte enorm gestärkt, die die antirussische Politik der EU ablehnen und einen Ausgleich mit Russland wollen. In Polen, wo auch demnächst Wahlen stattfinden, sind die Sympathien gegenüber der Ukraine im Sinkflug. Warschau will keine Waffen mehr liefern, weil es die Ukraine mit ihren ständigen Forderungen und Vorwürfen als undankbar empfindet. Die Proteste der polnischen Bauern und jener der anderen osteuropäischen Staaten sind zwar entschärft, aber es gärt weiterhin in diesen Gesellschaften. Man hat Angst um die eigene Existenzgrundlage wegen der billigeren ukrainischen Agrarprodukte.

Und jetzt wo sogar dem amerikanischen Präsidenten die Hände gebunden sind, kommt Selenskyj zunehmend unter Druck. Der amerikanische Übergangshaushalt enthält keine Gelder mehr für die Ukraine und der Offensive beißt sich die Zähne aus an der russischen Abwehr. Anscheinend will Selenskjy die ausweglose Lage an der Front durch Angriffe auf das russische Hinterland zum Besseren wenden. Um aber einen strategischen Vorteil zu erreichen, dürften die britischen und französischen Marschflugkörper nicht ausreichen.

Will er mit den Angriffen auf die Krim und die Grenzregion zu Russland dort Verunsicherung und eine Stimmung schaffen, die Putin zum Einlenken oder gar zu einem Regime Change durch das russische Volk führt? Bis auf die Hardliner scheinen die meisten Meinungsmacher im Westen von solchen Angriffen mit westlichen Waffen nicht sehr angetan. Man fährt Selenskyj zwar nicht in die Parade, Jubel brach aber auch nicht aus über die Bombardierung der Hauptquartiers der Schwarzmeerflotte.

Man kann sich sicherlich denken, dass die Geduld der Russen nicht unbegrenzt ist, und das russische Atomarsenal hängt wie ein Damokles‐​Schwert über den Konflikt mit der ständigen Frage: „Welche weiteren Risiken wollt Ihr im Westen noch eingehen und wofür?“ Dieser Gedanke erfährt eine besondere Prisanz, wenn Selenskyj sich im kanadischen Parlament zusammen mit einem alten Faschisten der Waffen‐​SS feiern lässt, der noch stolz darauf ist, an den Nazi‐​Verbrechen in der ehemaligen Sowjetunion beteiligt gewesen zu sein. Da riss es sogar kanadische Parlamentarier von den Stühlen zu tosendem Beifall. Nun aber kommen diejenigen, die vorgeben, in der Ukraine für westliche Werte und Menschenrechte zu kämpfen, ganz erheblich in Erklärungsnot. Mit wem macht man sich da gemein?

Rüdiger Rauls ist Buchautor und betreibt den Blog Politische Analyse

Bild: sabin urcelay auf Pixabay

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