Corona, Klima, Christentum und Machiavelli. Ein scheiternder Versuch, die Apokalypse zum Lachen zu bringen

Ansichten: 738
Lese­zeit14 min

Der Coro­na-Dis­kurs bedient sich apo­ka­lyp­tisch-machia­vel­lis­ti­scher Metho­den, um die Lebens­welt der Bür­ge­rIn­nen durch Medi­zi­ni­sie­rung neu zu gestal­ten. Damit kehrt ein reli­giö­ses Denk­mus­ter im wis­sen­schaft­li­chen Man­tel zurück. Frei­lich ver­schmut­zen sich dabei Poli­tik, Medi­zin und Wis­sen­schaft kräf­tig gegen­sei­tig, was ihre Per­form­anz stärkt.

Der Coro­na-Virus […] führt in kei­nen Welt­un­ter­gang. Das haben nicht mal die gro­ßen Pest­epi­de­mien geschafft. Die spa­ni­sche Grip­pe war viel schlim­mer als die Erkäl­tungs­krank­heit von 20/21. So wenig wird die Kli­ma­er­wär­mung den Welt­un­ter­gang her­bei­füh­ren kön­nen, gab es schließ­lich in der Geschich­te Warm­zei­ten mit fast glet­scher­frei­en Alpen, näm­lich im Hoch­mit­tel­al­ter und in der Blü­te des Römi­schen Rei­ches zwi­schen 200 v. und 300 n. Chr.

I. Die jüdische und die christliche Apokalypse

Der Welt­un­ter­gang ist eine reli­giö­se Visi­on mit päd­ago­gi­schem Sinn – und zwar in der jüdisch-christ­li­chen Hemi­sphä­re. Asia­ti­sche Reli­gio­nen ken­nen den Welt­un­ter­gang so wenig wie die anti­ken Reli­gio­nen. Rom galt als die ewi­ge Stadt, was im christ­li­chen Katechon nach­hallt, der den Welt­un­ter­gang auf­hal­ten soll. Ähn­li­ches gibt es im Juden­tum, das die Apo­ka­lyp­se erfand. Es han­delt sich dabei um einen Gerichts­tag, den der Mes­si­as abhält, bei dem frei­lich die Bösen in den Ofen kom­men, wäh­rend die Guten wei­ter­ma­chen dürfen.

Die Welt geht am Tag der Apo­ka­lyp­se also nicht unter, son­dern wird durch einen gött­li­chen Ein­griff neu geord­net – man den­ke an die Sint­flut und die Arche des Noah oder an die Zer­stö­rung von Sodom und Gomor­ra. Ver­gleich­bar mit dem Katechon spielt der Begriff des Auf­schubs in der jüdi­schen Ethik eine wich­ti­ge Rol­le. Wer sich gemäß den jüdi­schen Geset­zen gut ver­hält, trägt dazu bei, dass die Welt nicht ent­ar­tet, so dass der Mes­si­as noch nicht kom­men muss, um Gericht zu hal­ten. Frei­lich ver­zö­gert sich damit auch die Ankunft des Mes­si­as, der ja ande­rer­seits sehn­lich erwar­tet wird.

Erst das frü­he Chris­ten­tum erwei­tert die Apo­ka­lyp­se zu einem umfas­sen­den Welt­un­ter­gang, also einem Ende der Welt als Jüngs­tes Gericht, nach dem die Welt nicht wei­ter­geht, son­dern die Gerich­te­ten ent­we­der ins ewi­ge Glück des Para­die­ses oder in die ewi­ge Ver­damm­nis ein­lau­fen. Das Gericht ist final und des­we­gen das Kom­men­de ewig.

Zunächst erwar­te­ten die Chris­ten freu­dig die bal­di­ge Wie­der­kehr Chris­ti, die sich seit der Zer­stö­rung von Jeru­sa­lem und des jüdi­schen Tem­pels 70 n. Chr. nicht mehr als ein vor­über­ge­hen­der mes­sia­ni­scher Gerichts­tag, son­dern als ein tota­les Welt­ende prä­sen­tiert. Die Visi­on die­ser Welt­un­ter­gangs­vor­stel­lung erzählt ein klein­asia­ti­scher Wan­der­pre­di­ger namens Johan­nes um das Jahr 100 her­um als eine Geschich­te, die als Offen­ba­rung in die christ­li­che Bibel Ein­gang fand und die­se abschließt. Es han­delt sich nicht, wie vie­le annah­men und man­che immer noch glau­ben, um den Evan­ge­lis­ten Johannes.

Schon die­ser radi­ka­le Pre­di­ger Johan­nes, der mit den römi­schen Behör­den genau­so im Clinch lag wie mit den christ­li­chen Gemein­den, benutz­te sei­ne Visi­on des Welt­endes zur päd­ago­gi­schen und psy­cho­lo­gi­schen Len­kung sei­ner Zeit­ge­nos­sen. Die Tech­nik, mit der man eine Apo­ka­lyp­se erzählt, ist letzt­lich immer die­sel­be: Einer­seits gibt es gewis­se Anzei­chen für ein bevor­ste­hen­des Ende – Zunah­me böser Men­schen oder Natur­ka­ta­stro­phen z. B., die man aber immer bemer­ken kann, wenn man unbe­dingt will. Das Ende tritt trotz­dem letzt­lich über­ra­schend ein, so dass man dann nichts mehr für sei­nen Gna­den­stand tun kann. Auch die ande­ren kön­nen nicht mehr für einen beten. Mit die­sem fina­len Aus­ge­lie­fert­sein hält man die Zeit­ge­nos­sen dazu an, nach den Vor­stel­lun­gen zu leben, die der Radi­ka­le predigt.

II. Die religiöse Apokalypse in den modernen Wissenschaften

So ent­wi­ckelt sich die Apo­ka­lyp­se als tota­ler Welt­un­ter­gang im Lau­fe der Jahr­hun­der­te immer stär­ker zu einer poli­tisch-reli­giö­sen Päd­ago­gik, die den jewei­li­gen Zeit­ge­nos­sen das gefor­der­te Ver­hal­ten abver­langt. Sie ver­setzt sie in Angst und Schre­cken, so dass sie sich len­ken las­sen. Den letz­ten Höhe­punkt reli­giö­ser apo­ka­lyp­ti­scher Erwar­tung gab es um 1500, und führ­te damals zu diver­sen Exzessen.

Die media­le, medi­zi­ni­sche und poli­ti­sche Prä­sen­ta­ti­on der Coro­na-The­ma­tik ent­spricht durch­gän­gig der Päd­ago­gik der reli­giö­sen Apo­ka­lyp­tik: Man droht mit Zusam­men­brü­chen diver­ser sozia­ler Sys­te­me, beschwört stän­dig in den Medi­en die unge­heu­re Gefähr­lich­keit der Krank­heit und ver­setzt die Zeit­ge­nos­sen in Angst und Schre­cken, so dass sie sich den medi­zi­ni­schen Maß­nah­men hil­fe­su­chend unterwerfen.

Das hat natür­lich eine wis­sen­schaft­li­che Vor­ge­schich­te und fin­det kei­nes­wegs zum ers­ten Mal statt. Denn seit der frü­hen Neu­zeit brei­te­te sich das apo­ka­lyp­ti­sche Den­ken in den sich damals grün­den­den moder­nen Natur­wis­sen­schaf­ten aus. Weg­be­rei­ter war Anfang des 16. Jahr­hun­derts Leo­nar­do da Vin­ci, der wenig reli­gi­ös war und statt­des­sen Natur­stu­di­en betrieb. Ver­stei­ner­tes Mee­res­ge­tier im Gebir­ge führ­te ihn zu fal­schen, sint­flut­ar­ti­gen Vor­stel­lun­gen: Die Mensch­heit sei von der Natur nicht nur bedroht, son­dern kön­ne auch als gan­ze von ihr in den Unter­gang geris­sen wer­den. Für da Vin­ci befand sich die Mensch­heit am Abgrund, wie er es in sei­nen Bil­dern darstellte.

Offen­sicht­lich ließ sich da Vin­ci trotz sei­ner Are­li­gio­si­tät von der damals ver­brei­te­ten apo­ka­lyp­ti­schen Stim­mung anste­cken. Das päd­ago­gi­sche Unter­gangs­den­ken brann­te sich über tau­send Jah­re lang in die Gehir­ne der Leben­den ein. In den Jahr­hun­der­ten vor 1500 erschie­nen denn auch immer mehr Bücher zur Apo­ka­lyp­se; häu­fig nur die Offen­ba­rung des Johan­nes reich bebil­dert, manch­mal auch aus­schließ­lich mit Bildern.

Ein Zeit­ge­nos­se da Vin­cis, Nic­colò Machia­vel­li, der Grün­der des moder­nen Staats­den­kens, bedien­te sich daher nicht von unge­fähr der­sel­ben Päd­ago­gik, mit der er dem Fürs­ten Rat­schlä­ge zum erfolg­rei­chen Regie­ren gab. Machia­vel­li erkann­te, dass es bei der Apo­ka­lyp­tik mit ihren grau­sa­men Details nicht um den Welt­un­ter­gang geht, son­dern dass es sich um eine päd­ago­gisch nütz­li­che Tech­nik der Herr­schaft handelt.

Da die Lie­be des Vol­kes wan­kel­mü­tig ist und sich noch so vie­le Wohl­ta­ten des Fürs­ten ihrer nicht ver­si­chern kön­nen, emp­fiehlt Machia­vel­li dem Fürs­ten, nur das zu tun, was in sei­ner Macht lie­ge. Und das ist: die Men­schen das Fürch­ten leh­ren. Dazu näm­lich kann sich der Fürst der Grau­sam­kei­ten genau­so bedie­nen, die in sei­ner Macht lie­gen, wie der Dro­hun­gen mit Gewalt, für die das glei­che gilt. Indem der Fürst sei­ne Unter­ta­nen der­art in Schre­cken ver­setzt, zwingt er sie zum Gehor­sam, sta­bi­li­siert sei­ne Herr­schaft und den Staat insgesamt.

Nichts ande­res betreibt die Coro­na-Poli­tik mit medi­al auf­be­rei­te­ten, grau­sa­men Schil­de­run­gen der angeb­li­chen Gefahr genau wie auch mit grau­sa­men Maß­nah­men der Staats­ge­walt: Ein­sper­rung, Iso­la­ti­on, Ent­zug der Grund­rech­te, Zer­stö­rung von Lebens­for­men nicht zuletzt auch durch poli­zei­lich durch­ge­setz­te hohe Stra­fen. Die Coro­na-Poli­tik ist struk­tu­rell machia­vel­lis­tisch mit einem apo­ka­lyp­ti­schen Migrationshintergrund.

III. Das machiavellistische Prinzip der pädagogischen Furchterzeugung

Die Furcht­er­zeu­gung als Regie­rungs­tech­nik hat sich ins­ge­samt seit 500 Jah­ren zuneh­mend inten­si­viert, selbst unter demo­kra­ti­schen Umstän­den, ohne dass das beson­ders bemerkt wor­den wäre und ohne dass der­glei­chen zu einem nach­hal­ti­gen The­ma in der Poli­tik­wis­sen­schaft avan­cier­te. Hier ver­schlei­ern alle Betei­lig­ten – Staat, Medi­en, Medi­zin – ihre eige­ne Herr­schafts­tech­nik, sind schließ­lich alle drei an einer Herr­schaft der Eli­ten inter­es­siert, die sie selbst aus­üben und zwar pri­mär durch die Erre­gung von Furcht, die die Men­schen zu gehor­sa­men Unter­ta­nen bzw. Pati­en­ten macht. Dar­um bemüht sich auch die Coro­na-Poli­tik mit einem erheb­li­chen pro­pa­gan­dis­ti­schen Auf­wand. Die poli­ti­sche Päd­ago­gik der Pro­pa­gan­da darf jedoch nicht bemerkt wer­den, und so ver­steht man wis­sen­schaft­lich und feuil­le­to­nis­tisch unter Machia­vel­lis­mus hübsch ver­schlei­ernd nur eine moral­lo­se Politik.

Das Risi­ko der Demas­kie­rung erscheint indes nicht beson­ders hoch. Denn die davon Betrof­fe­nen wol­len das gar nicht so gut mas­kiert wis­sen, son­dern vie­le ver­bin­den viel­mehr ihre eige­ne Furcht mit der Hoff­nung, dass sich davon auch die bösen Nach­barn ein­schüch­tern las­sen, so dass dadurch der Staat ihr eige­nes Leben wie ihr Eigen­tum ver­meint­lich sichert, wie es Tho­mas Hob­bes und John Locke dem libe­ra­len Staat ins Stamm­buch geschrie­ben haben. Vor allem Hob­bes stützt den von ihm ent­wor­fe­nen moder­nen Staat auf die Furcht der Bür­ger. Und wer hät­te das wirk­lich nach­hal­tig kri­ti­siert außer Leo Strauss, dem Hob­bes indes nicht zu weit, son­dern nicht weit genug geht.

So betei­li­gen sich bis heu­te die Bür­ger bereit­wil­lig auch noch selbst dar­an, die­se Furcht als Block­war­te zu ver­brei­ten und zu ver­stär­ken und ver­fol­gen jene mit Hass, die sich davon nicht schre­cken las­sen. Angst­ma­che durch­zieht neu­er­dings das gan­ze Leben der Ein­zel­nen in allen Berei­chen; die Angst avan­ciert zu einem ver­brei­te­ten Habi­tus, an dem man sich flei­ßig ergötzt, wenn die ande­ren zit­tern. So erzieht man dann auch noch sei­ne Kinder.

Gera­de die moder­nen Wis­sen­schaf­ten haben den apo­ka­lyp­ti­schen Ges­tus in ihren For­schun­gen und Ana­ly­sen über­nom­men, wäh­rend in den gro­ßen auf­ge­klär­ten Kir­chen ein sol­ches Den­ken und eine sol­che Droh­ge­bär­de bis heu­te ver­blass­te. Schließ­lich fürch­ten sich nicht mehr so vie­le Men­schen, selbst Gläu­bi­ge, vor den Höl­len­stra­fen nach dem Jüngs­ten Gericht – sie fürch­ten eher um das dies­sei­ti­ge Leben. Nur Fun­da­men­ta­lis­ten, beson­ders Krea­tio­nis­ten stüt­zen sich noch auf sol­che Got­tes­furcht. Doch die Krank­heits­furcht artet längst viel schlim­mer aus.

Die Wis­sen­schaf­ten – gleich­gül­tig ob die Natur- oder Sozi­al­wis­sen­schaf­ten – haben dage­gen schon lan­ge erkannt, dass sich mit der Furcht­er­zeu­gung die eige­ne Macht, d. h. die eige­nen Pfrün­de ver­brei­tern las­sen. Denn Poli­ti­ker, Öko­no­men und Büro­kra­ten, die flei­ßig machia­vel­lis­tisch unter­wegs sind, sind sel­ber Kin­der ihrer apo­ka­lyp­tisch ein­ge­stell­ten Zeit und fürch­ten sich vor dem Nie­der­gang ihrer eige­nen Macht.

[…]

V. Von der Medizinisierung zur Ökologisierung und zurück

Das The­ma, das sich mit der Öko­lo­gi­sie­rung der Gesell­schaft inten­si­vier­te, ist die Gesund­heit, die bei fast allen öko­lo­gi­schen Berei­chen eine expli­zi­te oder impli­zi­te Rol­le spielt. Das hat die sowie­so schon zuneh­men­de Aus­deh­nung des medi­zi­ni­schen Sek­tors emi­nent beschleu­nigt. So avan­cier­te das Kör­per­heil zu einem der hege­mo­nia­len Dis­kur­se, der heu­te umso mehr selbst dem öko­no­mi­schen Dis­kurs Kon­kur­renz macht, wie man es in der Coro­na-Poli­tik erle­ben durf­te. Plötz­lich hat­te die Öko­no­mie nicht mehr die höchs­te Prio­ri­tät, son­dern das Medi­zin­we­sen, was sogar ver­meint­lich eher­ne finanz­po­li­ti­sche Prin­zi­pi­en außer Kraft setz­te – man den­ke an die Ver­schul­dung der Staa­ten, an die sich erwei­tern­den Spiel­räu­me der EZB und der EU. Was weder dem Sozi­al­staat als Gan­zem jemals gelang, noch den Mit­glieds­län­dern der EU bei­spiels­wei­se in der Euro­kri­se, konn­te sich erst unter der Vor­herr­schaft des medi­zi­ni­schen Dis­kur­ses durch­set­zen. Und weil man von Sei­ten der Poli­tik den Märk­ten eine wei­te­re extre­me Nied­rig­zins­po­li­tik wie Ent­schä­di­gun­gen ver­spricht, unter­wer­fen sich auch die glo­ba­len Kon­zer­ne der Hege­mo­nie die­ses Dis­kur­ses, der nun mal ein kon­kur­renz­los glo­ba­ler ist.

Grund­sätz­lich ver­dankt sich die­se struk­tu­rell lang­fris­ti­ge Ent­wick­lung sowohl der apo­ka­lyp­ti­schen wie der machia­vel­lis­ti­schen Ten­denz des medi­zi­ni­schen Dis­kur­ses. Eng ver­bun­den mit einer machia­vel­lis­ti­schen poli­ti­schen Päd­ago­gik gewann der sich seit eini­gen Jahr­hun­der­ten ent­wi­ckeln­de, moder­ne büro­kra­ti­sche Staat auf die­se Wei­se sei­ne bio­po­li­ti­sche Nei­gung. Die Struk­tur der poli­ti­schen wie der sozia­len Men­schen­len­kung ist in allen Berei­chen dieselbe.

Beson­ders ekla­tant prä­sen­tiert sich die­se Päd­ago­gik in der Medi­zin selbst. Ob bio­po­li­ti­sche Len­kung des Staa­tes oder indi­vi­du­el­le medi­zi­ni­sche Betreu­ung – die Medi­zin neigt dazu, sich an worst case-Sze­na­ri­en zu ori­en­tie­ren und drängt dem Staat wie den Indi­vi­du­en damit die medi­zi­nisch beab­sich­tig­ten Maß­nah­men auf.

Damit ver­län­gert sich die pas­to­ra­le Herr­schaft einer Kir­che über ihre Schäf­lein wie von Mon­ar­chen über ihre Kin­der: Das Gesund­heits­we­sen mit ihren groß­ver­die­nen­den Bischö­fen und Kon­zer­nen tritt ger­ne das Erbe der Hüter des Welt­un­ter­gan­ges an. So ope­riert die Medi­zin machia­vel­lis­tisch und lenkt ihre Pati­en­ten durch die Erzeu­gung von Furcht gleich­falls pas­to­ral: Der angeb­lich mit wis­sen­schaft­li­chem Wis­sen aus­ge­stat­te­te Exper­te wen­det sich mit sei­ner Küm­mer­kunst an die unwis­sen­de, die Spra­che nicht rich­tig spre­chen kön­nen­de Her­de, die immer „der“ Virus sagt.

Zu sol­cher grau­sam aus­ar­ten­den Angst­po­li­tik ist die Medi­zin ja auch bes­tens aus­ge­stat­tet. Denn natür­lich sam­melt sie unend­lich vie­le fata­le Ver­läu­fe von Krank­heits­ge­sche­hen, die sie je nach Len­kungs­in­ter­es­se gegen­über den Betrof­fe­nen in Anschlag bringt, die­se dadurch in Schre­cken ver­setzt, so dass sie die ent­wür­di­gen­den Rat­schlä­ge der Medi­zi­ner nicht nur bereit­wil­lig anneh­men; viel­mehr stellt man auch von Sei­ten der Poli­tik prak­tisch alle rele­van­ten Grund­rech­te zur Dis­po­si­ti­on. Sie wer­den durch einen Aus­nah­me­zu­stand auf­ge­ho­ben, so dass die Medi­zin bei­na­he schal­ten und wal­ten kann, wie sie will – wenn sie nicht gele­gent­lich auf ihre füg­sa­men Poli­ti­ker und Wirt­schafts­füh­rer etwas Rück­sicht neh­men müss­te, die schließ­lich dafür sor­gen, dass die Bevöl­ke­rung das Medi­zin­we­sen bezahlt – was die­se zu einem ziem­lich gro­ßen Teil auch ger­ne tut.

VI. Die Corona-Politik zwischen Machiavellismus und Apokalyptik

So klingt immer auch ein apo­ka­lyp­ti­scher Dis­kurs an, wenn man die pro­pa­gier­te Sach­la­ge im ein­zel­nen Fall als extre­me indi­vi­du­el­le Bedro­hung oder ein Kata­stro­phen­sze­na­rio bezüg­lich einer sozia­len Situa­ti­on an die Wand malt. Im Fall von Coro­na spie­len bei­de Ebe­nen zusam­men. Das Indi­vi­du­um wur­de von vorn­her­ein – medi­al berie­selt von Medi­zi­nern und Gesund­heits­po­li­ti­kern – als extrem gefähr­det dekla­riert, völ­lig unab­hän­gig von sei­ner indi­vi­du­el­len Kon­sti­tu­ti­on, der man medi­zi­nisch natür­lich kei­ne Beach­tung schen­ken kann. Jeder indi­vi­du­el­le Umgang mit dem poli­tisch-medi­zi­nisch orga­ni­sier­ten Coro­na-Gesche­hen wur­de sogar ver­bo­ten und die Unter­wer­fung unter extrem auto­ri­tä­re, alle Men­schen­wür­de wie alle Men­schen­rech­te auf­he­ben­de Maß­nah­men ver­langt und mit nack­ter Gewalt – hohen Straf­an­dro­hun­gen – durchgesetzt.

Hier wur­de gleich dop­pelt machia­vel­lis­tisch und oben­drein apo­ka­lyp­tisch ope­riert. Einer­seits erzeugt man durch die Aus­ru­fung einer gefähr­li­chen Krank­heit genau­so Furcht wie durch die Straf­an­dro­hun­gen. Man traut also der Aus­ru­fung allei­ne nicht, schließ­lich ist ein Risi­ko immer eine indi­vi­du­el­le Ein­schät­zung, die sich nicht objek­ti­vie­ren lässt. Der Staat kann eine sol­che all­ge­mein geteil­te Risi­ko­ein­schät­zung ten­den­zi­ell nur durch eine mas­si­ve Furcht­er­zeu­gung her­stel­len, so dass sich das Indi­vi­du­um aus Angst in die Hän­de der Exper­ten flüch­tet. Man pro­phe­zeit dem Indi­vi­du­um den Tod, ver­bun­den mit schwe­rem Lei­den, oder min­des­tens lang­an­hal­ten­des mas­si­ves Lei­den, falls es über­le­ben soll­te. Mit dem hüb­schen Ter­mi­nus Long-Covid-Pati­ent ver­bin­det sich das worst case-Sze­na­rio mit der Leta­li­tät im Sinn der ordi­na­ry lan­guage. Nur der Gehor­sam erreicht einen Aufschub.

Ande­rer­seits ope­riert auf der gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Ebe­ne der medi­zi­ni­sche Dis­kurs eher mit dem Modell der christ­li­chen Apo­ka­lyp­se, bei dem zwar auch nicht mehr die gan­ze Welt unter­ge­hen muss, aber eini­ge bestimm­te Wel­ten, und zwar jene, für die ein­zel­nen beson­ders wich­ti­gen Lebens­wel­ten – als ob mit dem Unter­gang des Medi­zin­sys­tems eine gan­ze Welt zusam­men­brä­che. Ganz zu Anfang der Coro­na-Poli­tik pro­pa­gier­te die deut­sche Kanz­le­rin, dass man das Medi­zin­sys­tem ret­ten müss­te, und sie wie­der­hol­te den Satz auch bei der soge­nann­ten zwei­ten Wel­le – nur die all­tags­sprach­li­che Asso­zia­ti­on ‚Grip­pe­wel­le‘ durf­te man dabei nicht äußern, das ver­stieß gegen die apo­ka­lyp­ti­sche Sprach­re­ge­lung. Ein ande­res Schreck­ge­spenst: Lebens­wich­ti­ge Ope­ra­tio­nen müss­ten ver­scho­ben wer­den – als ob man je von heu­te auf mor­gen einen Ter­min in sol­chen Ange­le­gen­hei­ten bekom­men hät­te, wenn man nicht die eng­li­sche Köni­gin ist. Im Fall eines schwe­ren Unfalls fin­det sich in der Nähe kein Hos­pi­tal, das noch Behand­lungs­ka­pa­zi­tä­ten hät­te. Wie schrecklich!

Im Wei­te­ren sol­len dann auch Öko­no­mie und Büro­kra­tie zusam­men­bre­chen – Lie­fer­ket­ten zer­bre­chen und man müss­te sich mit Nudeln ein­de­cken: Die durch die­se Angst erzeug­te Klo­pa­pier­kri­se; es gab eine Wei­le auch kei­ne Des­in­fek­ti­ons­mit­tel mehr in den Läden zu kau­fen, als ob der Über­tra­gungs­weg des Coro­na-Virus hap­tisch beson­ders gefähr­lich wäre. Aber Haupt­sa­che eine all­um­fas­sen­de Angst wur­de erzeugt ohne jeg­li­che Rela­ti­vie­run­gen – alles ist gefähr­lich –, damit sich die Bür­ge­rIn­nen alle Maß­nah­men gefal­len las­sen, was ja auch weit­ge­hend gelang. Die machia­vel­lis­tisch apo­ka­lyp­ti­sche Argu­men­ta­ti­on hat­te durch­schla­gen­den Erfolg.

VII. Der medizinisch-göttliche Eingriff und die Wiederkehr des Untergangs

Es gehört noch ein wei­te­res apo­ka­lyp­ti­sches Ele­ment in den medi­zi­ni­schen Dis­kurs, das aus der jüdi­schen Apo­ka­lyp­se stammt, näm­lich jener bereits erwähn­te Ein­griff Got­tes, der schließ­lich jen­sei­tig allen Rechts erfolgt, genau­so wie die soge­nann­ten Hygie­ne­re­geln etc., die alles Leben hos­pi­ta­li­sie­ren und damit Kul­tur und Gesell­schaft zer­stö­ren, die dann nach medi­zi­ni­schen Vor­stel­lun­gen – die Bösen in den Ofen – neu auf­ge­baut wer­den kön­nen. Zuge­ge­ben, ganz so weit ist man noch nicht, das In-die-Öfen-ste­cken lässt noch auf sich war­ten. Aber mei­ne eige­ne Dia­gno­se gerät hier selbst in ein apo­ka­lyp­ti­sches Fahr­was­ser, denn man weiß nicht, was von der Macht der Medi­zin blei­ben wird und wie weit das sozia­le Leben nicht wirk­lich neu gestal­tet wird – eine Apo­ka­lyp­se nur jener, die sich von der Medi­zin erschre­cken lassen.

Es ist auch klar, dass vor einem sol­chen Hin­ter­grund von Sei­ten der Medi­en wie der Poli­tik alles getan wer­den muss, um den Ein­druck zu ver­mei­den, dass de fac­to die Demo­kra­tie am Ende ist, weil die­ser näm­lich durch den medi­zi­ni­schen Ein­griff Got­tes ein medi­zi­ni­scher Wäch­ter­rat ähn­lich dem im Iran vor­steht, der Demons­tra­tio­nen ver­bie­ten lässt, weil sich deren Teil­neh­me­rIn­nen nicht an die Maß­nah­men hal­ten, und der jeg­li­che Oppo­si­ti­on als Ver­schwö­rungs­theo­rie oder als Volks­feind­schaft dif­fa­miert. Nein, das ist natür­lich eine glück­li­che Demo­kra­tie, ehren­wer­ter geht es gar nicht.

Das mag eben­falls über­trie­ben apo­ka­lyp­tisch klin­gen als Angst davor, dass die Apo­ka­lyp­se sich durch­setzt. Doch solan­ge Wäch­ter­rat und Not­stands­ge­set­ze – die dem Namen Gesetz kei­ne Ehre berei­ten – das Grund­ge­setz aus­he­beln, kann der medi­zi­nisch-gött­li­che Ein­griff jeder­zeit wie­der­keh­ren, soll­te der Wäch­ter­rat nach dem Ende der Coro­na-Poli­tik aus der Öffent­lich­keit auch für eine Wei­le mehr oder weni­ger ver­schwin­den. Hin­ter­grün­dig muss er nach momen­ta­nem Stand der Din­ge blei­ben, schließ­lich könn­ten epi­de­mi­sche Krank­hei­ten ja jeder­zeit wie­der­keh­ren. Also wie­der­um apo­ka­lyp­tisch gespro­chen: Die medi­zi­ni­sche Sint­flut kehrt wie­der, wenn die Leu­te ihr Leben nicht ändern. Dann gibt es kei­nen Aufschub.

Und just Poli­ti­ker for­dern, dass man künf­ti­gen Epi­de­mien vor­beu­gen müss­te, was nichts ande­res bedeu­ten kann, als dass das sozia­le Leben unter der Droh­ge­bär­de des gött­li­chen Ein­griffs ent­spre­chend vor­sor­gend wei­ter­hin orga­ni­siert wer­den könn­te: eine dys­to­pi­sche Per­spek­ti­ve? Für die meis­ten eine mes­sia­ni­sche! Dann kom­men die Bösen end­lich in den Ofen.

Abge­se­hen von der statt­fin­den­den Kata­stro­phe der Coro­na-Poli­tik lau­ern damit die machia­vel­lis­tisch-apo­ka­lyp­ti­schen Sze­na­ri­en, die sich frei­lich nicht bösen klei­nen Tier­chen ver­dan­ken, son­dern den Macht­an­sprü­chen von Medi­zin und Staat, die den Men­schen end­lich wie­der vor­schrei­ben wol­len, wie sie zu leben haben: Die Apo­ka­lyp­se als Rück­sei­te der­sel­ben, bzw. als deren Performanz.

[…]

Dies ist die gekürz­te Ver­si­on eines Arti­kels aus der aktu­el­len Aus­ga­be der Phi­lo­so­phie­zeit­schrift Nar­t­hex. Heft für radi­ka­les Den­ken zum The­ma Apo­ka­lyp­tik. Sie kann über die Inter­net­sei­te Hal­kyo­ni­schen Asso­zia­ti­on für radi­ka­le Phi­lo­so­phie (HARP) zu einem Preis von 10 € zzgl. Por­to bestellt wer­den. Seit April 2021 hält Hans-Mar­tin Schön­herr-Mann Vor­le­sun­gen über die phi­lo­so­phi­sche Kri­tik der Coro­na-Poli­tik und der gegen­wär­ti­gen poli­ti­schen Situa­ti­on im All­ge­mei­nen auf dem You­tube-Kanal der HARP. Im Febru­ar 2022 soll eine von der HARP her­aus­ge­ge­be­ne Bro­schü­re mit dem Titel Medi­zin als gött­li­che Gewalt. Phi­lo­so­phi­sche Kri­tik der Coro­na-Poli­tik erschei­nen, in der Hans-Mar­tin Schön­herr-Mann sei­ne The­sen in schrift­li­cher Form zusam­men­fasst. Sie kann eben­falls direkt bei der HARP bezo­gen werden.

Hans-Mar­tin Schön­herr-Mann, Pro­fes­sor für poli­ti­sche Phi­lo­so­phie am Geschwis­ter-Scholl-Insti­tut der Uni Mün­chen; regel­mä­ßi­ger Gast­pro­fes­sor an der Uni Inns­bruck; wei­te­re Gast­pro­fes­su­ren an der Uni Turin, Veni­ce Inter­na­tio­nal Uni­ver­si­ty, Eich­stätt, Regens­burg, Pas­sau. The­men­schwer­punk­te: Poli­ti­sche Phi­lo­so­phie der Eman­zi­pa­ti­on, Bil­dungs­phi­lo­so­phie, Medi­zi­ni­sie­rung der Gesell­schaft, Exis­ten­tia­lis­mus, Post­struk­tu­ra­lis­mus, Sprach­phi­lo­so­phie. Jüngs­te Publi­ka­tio­nen: Gesicht und Gerech­tig­keit – Emma­nu­el Lévinas’ poli­ti­sche Ver­ant­wor­tungs­ethik (Inns­bruck Univ. Press 2021); Sar­tres Exis­ten­tia­lis­mus als poli­ti­sche Phi­lo­so­phie des Wider­stands (BoD 2021).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.