Neues Schulkonzept als Antwort auf menschenverachtende Pandemiepolitik: Kulturelle Schule

Eine Kritik von Bianca Hötjes Buch Wir brauchen eine Neue Schule – Ein praktischer Wegweiser für individuelle und kindgerechte Bildungsformen

Die Autorin des Buches Wir brauchen eine Neue Schule – Ein praktischer Wegweiser für individuelle und kindgerechte Bildungsformen (2023), Bianca Höltje, war einer der wenigen Schuldirektoren, die während den Protesten gegen die Corona‐​Maßnahmen aktiv am Geschehen teilnahmen und auf die Straße zum demonstrieren gingen. In den Schulen wurde landesweit das Masketragen zur Pflicht erklärt, ebenso wie Testungen. Gegen Maske und Tests hat Bianca Höltje remonstriert, was bei Lehrern als Beamte identisch ist zu Polizisten, die eine Umsetzung von Anweisungen ablehnen und es damit an die höher gelegene Dienststelle delegieren. Remonstrationen wurden de facto im Zuge der Maßnahmen aufgehoben und Anweisungen haben seitdem einen Befehlscharakter, was im Ergebnis eine Militarisierung ist. Den Beamtenstatus kritisiert Bianca Höltje in ihrem Buch zurecht deutlich bei Lehrern, unter anderem deswegen, weil er zu einer Sicherheitsmentalität führt, die Veränderungen erschwert bis unmöglich macht.

Sie beschreibt ihre Probleme bei der Umsetzung neuer Ideen unter Anderem anhand von individualisiertem Unterricht, wobei sich der Personalrat und die Lehrer als größte Hindernisse erwiesen haben. Sie mahnt an, dass Individualisierung die Grundvoraussetzung für Inklusion sei, wobei im Laufe des Buches nicht ganz klar wird, ob mit Individualisierung nicht Personalisierung gemeint ist, analog zur Personalisierung in der digitalen Welt. Zu dieser fordert sie ein Lernen mit dem Umgang von digitalen Geräten und ein Smartboard in jedem Klassenraum. Das ist eine liberale Forderung seit Jahren, passenderweise richtet sich das Buch an Privatschulgründer, was dem allgemeinen Prozess des Kaputtkürzens auf der einen Seite und Privatisierung auf der anderen Seite entspricht. Die Autorin kritisiert den Zustand an allgemeinbildenden Schulen, welche immer größer werden und zu wenige Lehrer anstellen, was sie als Lehrermangel bezeichnet. Ihr Konzept nennt sie kurz Kulturelle Schule. Ob ein sinnvoller Umgang mit den digitalen Geräten möglich ist, bei dem Grad der Abhängigkeit, den diese erzeugen, bleibt fraglich, jedoch weist die Autorin auf gesellschaftliche Veränderungen hin, die in einer Notwendigkeit resultieren. Zur Digitalisierung gehört eine Schul‐​App für die Oberstufe der Kulturellen Schule, was dann an der Universität im digitalen Bereich ähnlich praktiziert wird. Was sie als ihre Studienzeit beschreibt hat nicht mehr viel mit dem zu tun, was Universitäten heute sind, was an der Einführung des European Credit Point System liegt, sowie der Digitalisierung und immer weiter schreitenden Überwachung sowie der Verschulung von Universitäten.

Die Kulturelle Schule ist dreigliedrig aufgebaut: Basisklasse, Teamschule und Oberstufe. Die Basisklasse macht dabei den Übergang zwischen Vorschule und Schule zu einer Phase, die Teamschule stellt den Entwicklungsübergang in die »DU«-Phase dar, so nennt das die Autorin, wobei Kinder in der Basisklasse noch in der »ICH«-Phase sind, was ihre Entwicklung betrifft. In der Oberstufe folgt die »WIR«-Phase. Die Orientierung verläuft dabei an Piaget. Primaria (ICH) – Sekundaria (DU) – Tertia (WIR) als Einteilung entspricht den Phasen bei Piaget: präoperationale Phase – konkret‐​operationale Phase – formal‐​operationale Phase in der Entwicklung des Kindes.

Der Autorin ist Inklusion wichtig, wobei sie kritisiert, dass dies häufig mit Integration verwechselt wird. Was ist Inklusion für die Autorin?

»Inklusion bedeutet, dass jeder Mensch Besonderheiten hat und ein Teil der Gemeinschaft ist. Inklusion ist eine Frage der Haltung. Betrachten wir die Defizite eines Menschen oder die Stärken? Eine Haltung, die Schüler defizitär betrachtet, grenzt aus. Eine Haltung, die Schüler sieht, wie sie sind, schließt alle mit ein. Alle sind Teil einer Gruppe, die sich gegenseitig Respektieren«. (S.179)

Womit sie gleich noch Exklusion beschrieben hat, nämlich das Achten auf die Defizite und Ausgrenzung. Exklusion hat sie selbst erlebt und beschreibt ihre Ausgrenzung an der Schule im Buch. Sie hat erkannt, was die Masken und Tests mit den Schülern anrichten, und auch die Angstpropaganda. Wie hätte in ihren Augen eine Lehrerschaft handeln sollen, die das ebenfalls erkennt? Das macht sie an einer Haltung fest.

»Die pädagogische Haltung ist von Authentizität, Empathie, Offenheit, Bereitschaft zur Zusammenarbeit, Respekt und Wertschätzung geprägt. Selbstreflexion und Selbstregulierung sind dabei Grundvoraussetzung für das Lehrerdasein«. (S. 182)

Was wenig mit der Realität an allgemeinbildenden Schulen zu tun hat. Selbstreflexion und Selbstregulierung sind so auf die Werte Authentizität, Empathie, Offenheit, Bereitschaft zur Zusammenarbeit, Respekt und Wertschätzung gegründet. Lehrer, die das können werden für gewöhnlich aussortiert, so wie die Autorin auch, oder umgebogen. Gehen wir die Werte kurz durch: ein Problem an Authentizität als Grundwert ist, dass kein Mensch immer authentisch sein kann und so in diesem Sinne Exklusion betrieben werden kann, indem auf die Ausnahmen geachtet wird, anstatt auf die Authentizität, analog zum achten auf die Stärken oder die Defizite bei Inklusion. Empathie haben nur sehr wenige Lehrer. Wie man das lernen soll ohne Lebenserfahrung, die die Autorin ebenfalls anmahnt, bleibt offen. Offenheit ist selten an allgemeinbildenden Schulen anzutreffen, was insofern nicht verwunderlich ist, dass die von ihr beschriebene Beamtenmentalität ein hohes Maß an Sicherheit und Stabilität zum Zweck hat. Offenheit bringt das gewohnte durcheinander und ist eine Gefahr für das System. Zum Problem wird das dann, wenn Veränderungen notwendig geworden sind. Die an allgemeinbildenden Schulen vorhandene Praxis der Bevormundung, Bloßstellen, Gängelei usw. beantwortet sie mit Bereitschaft zur Zusammenarbeit, Respekt und Wertschätzung. Lehrer müssen in diesem Sinne dazu fähig sein, das zu erkennen und gegebenenfalls gegenzusteuern. Das können ebenfalls nur wenige Lehrer. Die Kulturelle Schule versteht sich dabei jedoch als Experimentalschule, an der das möglich ist.

Der das gesamte Buch tragende Wert ist Freiheit. Die Autorin beschreibt dabei ihre eigene Kindheit im Vergleich zur Kindheit heute. Sie ist auf einem Bauernhof groß geworden und kennt Arbeit von Kindesbeinen an. Sie beschreibt dabei ihre Kindheit als frei – was versteht sie dabei unter Freiheit?

»Wann wächst ein Kind frei auf? Wenn es Raum bekommt, um sich zu entdecken. Ein Kind hat ein natürliches Interesse an der Welt, in der es aufwächst. Diese Welt zu erkunden und den eigenen Radius zu erweitern, ist der Antrieb für kindliche Neugier« (S. 19f)

Was der Kindheit in den 1970ern und 1980er Jahren entspricht, so man von Bauern abstammt oder aus der Arbeiterklasse kommt oder aus dem Kleinbürgertum. Die Kindheit heute verläuft zwar anders als damals, aber die Autorin erklärt deutlich, dass Freiheit zumindest im (Privat-)Schulbereich nicht unmöglich geworden ist.

»Die Freiheit, selbst über sich bestimmen zu können, scheint bei Kindern noch ursprünglich vorhanden zu sein. Gleichzeitig brauchen sie Strukturen, die ihnen einen festen Rahmen bieten. Liebevoller Rückhalt und Vertrauen sind Voraussetzung für jede Beziehung zwischen Schüler und Lehrer.« (S. 35)

Dabei beschreibt sie im Buch das Leben auf dem Dorf, nicht in der Stadt. Um ein gewisses Maß an Freiheit wieder herzustellen ist Naturpädagogik und Draußenpädagogik Bestandteil der Kulturellen Schule. Mit Natur ist in erster Linie Wald gemeint, der genau genommen auch Kulturraum ist. Das kommt der menschlichen Natur sehr entgegen, insofern die Autorin richtig bemerkt, dass künstlich produzierte Diagnosen wie ADHS vielleicht besser durch einen Waldspaziergang kuriert werden können anstatt mit verschriebenen Drogen.

Unter anderem diese Veränderung in der Beschulung sind an allgemeinbildenden Schulen nicht durchsetzbar. Als einen Grund dafür nennt die Autorin zu wenig Hierarchie. Was sie damit meint ist unklar, das Wahrscheinlichste ist, dass sie damit die tatsächliche Zuständigkeit der Direktion für die Gestaltung des Schulablaufes meint, den sie Beispielhaft für die Kulturelle Schule im Buch beschreibt. Wenn Kompetenz nichts anderes als Zuständigkeit bedeuten würde, sollten dementsprechend Klarheit in der Zuständigkeit herrschen. Eine weit bekannte Problematik im öffentlichen Dienst. Für die Autorin sind Kompetenzen jedoch noch mehr, auch wenn sie erkennt, dass das Kompetenzmodell nicht das Richtige ist, um die Schule der Zukunft zu umrahmen, angebrachter sei es Schüler aufzurichten. Noch besser wäre es meines Erachtens, wenn die Lehrer selbst die Schulleitung bestimmen könnten, d.h. denjenigen, den die Lehrer für dazu fähig halten anstatt auf eine Hierarchie angewiesen zu sein. Was sind für sie Kompetenzen?

»Kompetenzen sind eine Kombination von Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnissen, die möglichst aus eigenem Antrieb angewendet werden«. (S. 216)

Dabei wurde der PISA‐​Test dafür instrumentalisiert das Kompetenzmodell in Schulen einzuführen. Das von ihr beschriebene Konzept ist schülerorientiert, was eine Kompetenzorientierung ausschließt, wie sie richtig anmerkt. Mit Wissen hat das Kompetenzmodell nicht mehr viel zu tun. Es steht die Umsetzung im Vordergrund und nicht das Gelernte. Weitere Kompetenzen sind die Sozialkompetenz, Emotionalkompetenz, Methodenkompetenz und die kognitive Kompetenz. Die Autorin kritisiert dabei zurecht, dass dies kaum etwas anderes als eine Charakterbewertung ist. Der Traum Martin Luther Kings, dass (seine) Kinder nach dem »content of their character« beurteilt werden wurde Wirklichkeit. Und es ist ein Alptraum. Die Kulturelle Schule ist dabei gleichwertig zu allgemeinbildenden Schulen, aber nicht gleichartig. Das gilt auch für die Abschlüsse, die benotet werden müssen, wenn auch am besten ganz auf Benotung verzichtet werden sollte.

Das Konzept der Kulturellen Schule bedient sich frei an Teilen verschiedener Schulkonzepte: in erster Linie aus der Reformpädagogik, aber auch aus der Montessori‐​Pädagogik, der Waldorfpädagogik, der Aktiven Schule von Rebeca und Mauricio Wild, der Freinet‐​Pädagogik, den Demokratischen Schulen, orientiert sich am Zeitgeist, hier zum Beispiel Anti‐​Transhumanismus und beantwortet die Folgen der Maßnahmen vor allem mit bindungsorientierter Pädagogik. 

Demokratie war bis zu den Maßnahmen ein Steckenpferd der Autorin, was sie ausführlich beschreibt. Unter Demokratie versteht sie insbesondere Mitbestimmung, welche in das Schulkonzept eingebaut ist. Die Problematik, die sie mit Demokratie seit den Maßnahmen beschreibt ist nichts neues, nur wird ihr es zum ersten mal aufgefallen sein. Die »Demokratie« in den Schulen und Universitäten hört an den Werkstoren auf. Das Betriebsverfassungsgesetz und Demokratie schließen sich gegenseitig aus. Die Autorin kritisiert dabei, dass die OECD das Kompetenzmodell als Antwort auf PISA brachte, also eine Wirtschaftsorganisation die Antwort gab. Wie Schule unabhängig von Wirtschaft sein soll ist dabei unklar, ebenso, was die Autorin mit dem Fernhalten von Politik aus der Schule meint. Insofern es das Instrumentalisieren von Lehrerpositionen für den Erwerb politischer Posten ist oder politischer Indoktrination in der Grundschule ist das sicherlich zu begrüßen. Die Realität ist das Gegenteil. Die Instrumentalisierung vom Lehrerdasein für politische Posten ist nichts neues und spätestens seit 2022 werden Grundschüler deutschlandweit u.a. mit Nationalismus in Form von blau‐​gelben Nationalfahnen indoktriniert.

Die Kulturelle Schule wirkt insgesamt wie eine Experimentalschule zur Erziehung von Feuilletonisten, zumal Kunst und Musik ein sehr großer Raum gegeben wird. Im Buch ist häufiger von Moral die Rede, was sich deutlich reduzieren würde, wenn Wirtschaft mehr Raum gegeben würde, denn fast alle sozialen Probleme rühren von wirtschaftlicher Ungleichheit her und das Problem dabei heißt Kapitalismus. Die Problematik mit IT wird nur kurz angerissen, ist aber eines der wesentlichen Probleme der Zeit und hat ebenfalls zu wenig Platz. Sie versucht in eine geistlose Zeit Geist zu bringen, was die geistlose Zeit nicht auflösen wird, aber eine auf die Zukunft gerichtete Notlösung bis zu einer Revolutionierung der Bildung sei.

Auch nach drei Jahren hat das Buch noch nicht an Aktualität verloren. Bei der weiter fortschreitenden Militarisierung können ähnliche Maßnahmen oder gleiche wie 2020/​21 jederzeit wiederkommen. Wer eine Schule gründen will ist bei dem Buch gut aufgehoben und wird, wenn er das Buch ganz durchliest, in etwa wissen wie das funktioniert. Eine völlig freie Schule wird er dennoch nicht finden, was in Deutschland zur Zeit praktisch nicht funktionieren kann, zumal Präsenzpflicht an Schulen herrscht und keine Bildungspflicht wie in anderen Ländern, wie die Autorin treffend beschreibt. Weiter schwingt durch das gesamte Buch Humanismus als Grundprinzip mit, d.h. die Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten. Naturpädagogik kommt dem zwar entgegen, anzustreben wäre noch besser eine völlige Aufhebung der Trennung von körperlicher und geistiger Arbeit, wozu die Autorin seit ihrer Kindheit in der Lage ist, nämlich durch ihre beschriebenes Kindheit auf dem Bauernhof. Körperliche und geistige Arbeit sind zu stark getrennt, was z.B. zur Folge hat, dass FFP2‐​Masken für Anti‐​Viren Masken gehalten werden. Wie absurd das ist, sollte jedem der diese Masken mal auf einer Baustelle zum Schutz gegen Staub benutzt hat klar sein.

Zum Humanismus gehört auch lebenslanges Lernen. Im Buch kommt der zweite Bildungsweg nicht vor, auch da ruft es nach Lösungen für den Übergang in eine neue Zeit, allerdings ist das unter den gegebenen Umständen in Deutschland nicht möglich. Das hat den Nebeneffekt, dass in der Erwachsenenbildung selbstorganisiert und aus eigener Initiative direkt in freie Bildung übergegangen werden kann, die sich nicht an Rahmenlehrplänen oder Volkshochschulen orientieren muss. Für eine neue Gesellschaft eine gute Grundlage. Bei der immer extremer werdenden digitalen Kontrolle ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich wieder weltweit Proteste gegen die Regierungen formieren werden. Dann werden es allerdings andere Leute und Organisationen sein, die die Proteste tragen. Je höher die Bildung umso besser – und die Kulturelle Schule trägt ihren Teil im liberalen Bereich dazu bei. Bildung bedeutet auch zu wissen gegen was und wofür man kämpft, wenn man gegen die Regierung protestiert.

Bianca Höltje berichtet zuletzt kurz zur sozialen Frage über die Folgen der Maßnahmen für Kinder: Eine Umfrage (COPSY, S. 227f.) im Mai/​Juni 2020 ergab, das 69,9 Prozent der Kinder und Jugendlichen eine starke Belastung durch die Maßnahmen erklärten. Verringerung der Lebensqualität gaben 40,2 Prozent an. Psychische Probleme erhöhten sich um 17,8 Prozent und Angstzustände um 24,1 Prozent. Kleiner Wohnraum, Migrationshintergrund und wenig Geld (sozioökonomischer Status) verstärkten das. Eine weitere Umfrage im Winter 2020/​21 ergab: 47,7 Prozent der Kinder und Jugendliche gaben eine verminderte Lebensqualität an, 30,9 Prozent litten unter psychischen Auffälligkeiten, 15 Prozent entwickelten depressive Symptome, 30,1 Prozent beschrieben Angstzustände. Meines Erachtens wird die zynische Berechnung dabei von der Herrschaftsseite aus sein, Kinder aus armen Familien in den Krieg schicken zu wollen und die gegebenen Ergebnisse als erfolgreiche Selektion anzusehen.

Bianca Höltje: Wir brauchen eine neue Schule. Ein praktischer Wegweiser für individuelle und kindgerechte Bildungsformen, Klarsicht Verlag 2023.

Bild: Alexandra_​Koch (Pixabay)

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