Eine kurze Zeitleiste der Kolonialisierung Nordamerikas
Die Geschichte der europäischen Kolonialisierung Nordamerikas erstreckt sich über mehrere Jahrhunderte und lässt sich in vier Hauptphasen gliedern.
Frühe Phase (ca. 1000 – 16. Jahrhundert)
- Wikinger: Errichteten um das Jahr 1000 n. Chr. eine kurzfristige Siedlung in Neufundland (L’Anse aux Meadows), die aber wieder aufgegeben wurde.
- Spanische Entdecker (ab 1492): Mit der Ankunft von Christoph Kolumbus in der Karibik begann das dauerhafte europäische Interesse. Im 16. Jahrhundert erforschten spanische Konquistadoren wie Hernando de Soto den Südosten und Südwesten des heutigen USA, getrieben von der Suche nach Gold.
Gründungsphase der dauerhaften Kolonien (ca. 1600 – 1700)
- Frankreich: Gründung von Québec (1608) am St.-Lorenz-Strom. Von hier aus bauten französische Händler und Missionare ein Netzwerk von Handelsposten auf und kontrollierten den lukrativen Pelzhandel im Landesinneren.
- England: Nach dem gescheiterten Versuch auf Roanoke Island gründeten englische Siedler 1607 Jamestown in Virginia – die erste dauerhafte englische Siedlung. Es folgte 1620 die Ankunft der »Pilgerväter« (Pilgrim Fathers) mit der Mayflower in Massachusetts, die aus religiösen Gründen ausgewandert waren.
- Niederlande: Die Niederländer errichteten 1624 die Kolonie Neu‐Niederland mit dem Verwaltungszentrum Neu‐Amsterdam (dem späteren New York).
- Schweden: Gründeten 1638 eine kurzlebige Kolonie (Neuschweden) im Gebiet des heutigen Delaware.
Phase der Rivalität und Konsolidierung (ca. 1700 – 1763)
- Die europäischen Mächte, allen voran Großbritannien und Frankreich, lieferten sich mehrere Kriege um die Vorherrschaft in Nordamerika.
- Dieser Konflikt gipfelte im Franzosen‐ und Indianerkrieg (1754 – 1763), der Teil des Siebenjährigen Krieges war.
- 1763: Mit dem Frieden von Paris endete die französische Kolonialherrschaft in Nordamerika. Frankreich trat seine Gebiete östlich des Mississippi an Großbritannien ab. Kanada wurde britisch.
Weg in die Unabhängigkeit (1763 – 1776)
- Nach dem Krieg versuchte Großbritannien, die hohen Kosten durch neue Steuern auf die Kolonien abzuwälzen, was auf wachsenden Widerstand stieß.
- Die Loslösung von Großbritannien gipfelte 1776 in der Unabhängigkeitserklärung der 13 Kolonien und der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika.
Inhaltliche Schwerpunkte der Kolonialisierung
Über diese zeitlichen Phasen hinweg lassen sich bestimmte wiederkehrende Motive und Entwicklungen festmachen.
Motive der europäischen Mächte
- Spanien: Dominierte die Frühphase mit dem Ziel der Eroberung und Ausbeutung von Gold‐ und Silberschätzen.
- Frankreich: Fokussierte sich auf wirtschaftliche Ausbeutung, insbesondere den Pelzhandel, und pflegte dafür oft engere Handelsbeziehungen mit der indigenen Bevölkerung.
- England: Stand zunächst für den Aufbau von Siedlungskolonien. Während Jamestown vor allem von wirtschaftlichen Interessen (zum Beispiel Tabakanbau) getrieben war, suchten die Puritaner in Neuengland vor allem religiöse Freiheit.
Das Schicksal der indigenen Bevölkerung
- Die Ankunft der Europäer bedeutete für die Ureinwohner eine Katastrophe. Eingeschleppte Krankheiten (wie Pocken oder Masern), gegen die sie keine Abwehrkräfte hatten, dezimierten ihre Bevölkerung drastisch.
- Es folgte eine systematische Landnahme durch die Siedler, die Verträge oft nicht einhielten oder die Indianer mit Gewalt von ihrem Land vertrieben.
- Dieser Prozess gipfelte im 19. Jahrhundert in Zwangsumsiedlungen wie dem »Pfad der Tränen« (Trail of Tears) und in den Indianerkriegen.
Wirtschaft und Gesellschaft
- In den südlichen Kolonien etablierte sich eine Plantagenwirtschaft, zunächst mit Tabak, später mit Baumwolle. Da dafür enorme Arbeitskräfte benötigt wurden, entwickelte sich ab 1619 ein System der Versklavung von Afrikanern, das zur Grundlage der Wirtschaft wurde.
- Viele Europäer kamen nicht als freie Siedler, sondern als vertraglich gebundene Arbeiter (Schuldsklaven), die ihre Überfahrt mit mehrjähriger Arbeit abbezahlen mussten.
Die Westexpansion (Frontier) wurde von Trappern und Jägern vorangetrieben, gefolgt von Farmern, die das Land urbar machten. Der »Public Land Act« von 1820 machte Landerwerb für viele erschwinglich und beschleunigte diese Entwicklung.
Die Entstehung der kapitalistischen Wirtschaftsformation in Nordamerika (ca. 1600 – 1865)
Die Entwicklung hin zu einer kapitalistischen Gesellschaft in Nordamerika war ein jahrhundertelanger Prozess. Die Forschung betont, dass die amerikanische Gesellschaft nicht von Beginn an kapitalistisch war, sondern sich erst in einem längeren Prozess dahin entwickelte. Man kann von einer Entwicklung »von einer Gesellschaft mit kapitalistischen Elementen hin zu einer kapitalistischen Gesellschaft« sprechen.
- Frühe Kolonialzeit (17. – frühes 18. Jh.): In den nordamerikanischen Kolonien existierten verschiedene Wirtschaftsformen nebeneinander. Im Norden entwickelte sich ein Kleinkapitalismus mit Handel, Fischerei und kleinformatiger Landwirtschaft. Im Süden dominierte die auf den Export ausgerichtete Plantagenwirtschaft mit Tabak und später Baumwolle. Beide Formen waren bereits auf Gewinnerzielung und den atlantischen Markt ausgerichtet.
- Merkantilistische Beschränkungen (17. – 18. Jh.): Das britische Mutterland betrieb gegenüber den Kolonien eine Politik des Merkantilismus. Zahlreiche Parlamentsbeschlüsse (zum Beispiel 1699 das Verbot der Wollausfuhr, 1719 das Verbot der Eisenverarbeitung) sollten die Kolonien auf die Rolle als Rohstofflieferanten und Absatzmärkte für englische Manufakturwaren beschränken und eine eigene industrielle Konkurrenz verhindern.
- Ursprüngliche Akkumulation und Arbeitskräfte: Die Kapitalbildung wurde durch verschiedene Formen der Ausbeutung vorangetrieben: Die Versklavung von Afrikanern (besonders nach der Erfindung der Baumwollentkernungsmaschine 1793 stark ausgeweitet) , die zeitweise Dienstbarkeit verschuldeter europäischer Einwanderer sowie die Landnahme und Vertreibung der indigenen Bevölkerung.
- Weg in die Unabhängigkeit (1763 – 1776): Die merkantilistische Politik Englands, insbesondere die Verschärfung der Handelsbeschränkungen und neue Steuern (Zuckerakte 1764, Stempelgesetz 1765) nach dem Siebenjährigen Krieg, führte zu wachsenden Konflikten. Diese illiberale Politik wird als eine Hauptursache für den Unabhängigkeitskampf angesehen.
- Konsolidierung des Kapitalismus (19. Jh.): Nach der Unabhängigkeit beschleunigte sich die kapitalistische Entwicklung. Der Norden erlebte einen raschen industriellen Aufschwung, während der Süden am Sklavenhalter‐Kapitalismus festhielt. Diese unterschiedlichen kapitalistischen Entwicklungswege und die Frage der Ausdehnung der Sklaverei in die neuen Westgebiete führten zu immer schärferen Konflikten.
- Endgültige Durchsetzung (ab 1865): Der Bürgerkrieg (1861 – 1865) wird in dieser Perspektive als der entscheidende Konflikt gesehen, der zur Umwandlung aller Staaten hin zu einer einzigen, national integrierten vollkapitalistischen Gesellschaft führte. Der Sieg des Nordens besiegelte das Ende der Sklaverei und ebnete den Weg für eine landesweite kapitalistische Wirtschaftsordnung.
Die Erringung der nationalen Unabhängigkeit als antikolonialer Widerstandskampf (1763 – 1783)
Der Unabhängigkeitskrieg der 13 Kolonien war nicht nur ein Steuerkonflikt, sondern ein tiefgreifender antikolonialer Befreiungskampf mit spezifischen Triebkräften.
Zeitlicher Verlauf
- 1763 – 1775: Eskalation des Konflikts: Nach dem Sieg im Franzosen‐ und Indianerkrieg (Siebenjähriger Krieg) versuchte Großbritannien, die Verwaltung und Verteidigung des riesigen neuen Territoriums durch die Kolonisten finanzieren zu lassen. Eine Reihe von Gesetzen und Steuern (zum Beispiel das Stempelgesetz von 1765, die Townshend‐Gesetze von 1767) führte zu massiven Protesten in den Kolonien (»No taxation without representation«). Der Widerstand reichte von Boykotten britischer Waren bis hin zu gewaltsamen Auseinandersetzungen wie dem »Boston Massacre« (1770) und der »Boston Tea Party« (1773).
- 1775 – 1783: Revolutionskrieg: Mit den Gefechten von Lexington und Concord im April 1775 begann der offene Krieg. Am 4. Juli 1776 verabschiedete der Kontinentalkongress die Unabhängigkeitserklärung, die den Bruch mit der Krone endgültig besiegelte und sich auf »unveräußerliche Menschenrechte« berief. Der Krieg endete 1781 mit der Kapitulation der Briten bei Yorktown und wurde 1783 durch den Frieden von Paris offiziell beendet.
- 1787 – 1791: Konsolidierung: Die Verabschiedung der Verfassung (1787) und der Bill of Rights (1791) schuf den rechtlichen und politischen Rahmen der neuen Nation. Diese Dokumente, die auf den Prinzipien des individualistischen Naturrechts basierten, hatten eine enorme Ausstrahlungswirkung auf Europa.
Haupttriebkräfte des antikolonialen Widerstands
- Wirtschaftlicher Widerspruch: Die wachsende ökonomische Macht des Bürgertums (Kaufleute, Plantagenbesitzer, Handwerker) in den Kolonien geriet in immer schärferen Widerspruch zu ihrer politischen Rechtlosigkeit und der Bevormundung durch das Mutterland. Die britische Politik verhinderte die freie Entfaltung der kolonialen Wirtschaft.
- Politische Ideen: Die Aufklärung mit ihren Ideen von Volkssouveränität, Gewaltenteilung und unveräußerlichen Rechten lieferte die ideologische Munition für den Widerstand. Die Unabhängigkeitserklärung ist das zentrale Dokument dieser Prinzipien.
- Soziale Basis: Der Unabhängigkeitskampf war kein reiner Elitekonflikt. Er wurde getragen von einer breiten Koalition aus Kaufleuten, Plantagenbesitzern, Handwerkern, Farmern und städtischen Arbeitern, die sich gegen die als ungerecht empfundene Fremdherrschaft wandten. Der Kampf hatte einen gerechten Charakter gegen die politische Bevormundung und wirtschaftliche Ausplünderung.
- Der Faktor der Unfreiheit: Ironischerweise war die Forderung nach Freiheit für viele Kolonisten eng mit der Aufrechterhaltung der Unfreiheit anderer verbunden. Die Sklaverei blieb bestehen, und die Vertreibung der indigenen Bevölkerung von ihrem Land schritt weiter voran. Die »Freiheit« der Siedler basierte auf der gewaltsamen Aneignung von Land und Arbeitskraft.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Der Unabhängigkeitskrieg beendete die politische Kolonialherrschaft und schuf einen Nationalstaat, der den Rahmen für die ungehinderte wirtschaftliche Entwicklung bot. Der Sieg im Bürgerkrieg besiegelte dann endgültig die Vorherrschaft der industriell‐kapitalistischen Wirtschaftsordnung des Nordens über das agrarisch‐sklavereibasierte Modell des Südens und machte die USA zu einer einheitlichen kapitalistischen Gesellschaft. Beide Prozesse – die Nationswerdung und die Durchsetzung des Kapitalismus – sind somit eng miteinander verwoben.
Ist der amerikanische antikoloniale Befreiungskampf ein Beginn bzw. Vorläufer der antikolonialen Bewegung des 20. Und 21. Jahrhunderts?
Diese Frage berührt den Kern historischer Einordnung und Begriffsbildung. Die Antwort ist vielschichtig: Der amerikanische Unabhängigkeitskrieg kann als ein Beginn oder ein früher, prägender Vorläufer der antikolonialen Befreiungsbewegungen gesehen werden, aber er weist auch entscheidende Unterschiede zu den Kämpfen des 20. Jahrhunderts auf. Man könnte ihn als den »Urtyp« oder den »ersten Akt« eines globalen Dramas bezeichnen, der die Bühne bereitete, aber nach einem anderen Drehbuch ablief als die späteren Akte.
1. Argumente für den amerikanischen Kampf als »Beginn« antikolonialer Befreiung
- Der erste erfolgreiche Bruch mit einer europäischen Kolonialmacht:
In einer von europäischen Imperien dominierten Welt war die Amerikanische Revolution das erste Ereignis, bei dem eine Gruppe von Kolonisten eine europäische Großmacht militärisch besiegte und sich dauerhaft als unabhängige Nation etablierte. Dies schuf einen wichtigen Präzedenzfall. - Die Formulierung eines universellen Befreiungsdiskurses:
Die Unabhängigkeitserklärung von 1776 war ein revolutionäres Dokument. Ihre Berufung auf »unveräußerliche Rechte«, »Leben, Freiheit und das Streben nach Glück« und das Recht eines Volkes, eine »despotische« Regierung abzuschaffen, lieferte eine universelle Sprache des Widerstands, die von späteren Unabhängigkeitsbewegungen in Lateinamerika, und später in Asien und Afrika, aufgegriffen und adaptiert werden konnte. - Kampf gegen wirtschaftliche Ausbeutung und politische Bevormundung: Der Kern des Konflikts – der Widerstand gegen eine merkantilistische Wirtschaftspolitik, die die Kolonie auf den Status eines Rohstofflieferanten reduzieren wollte (»No taxation without representation«) – ist ein zentrales Motiv jedes antikolonialen Kampfes. Die Amerikaner kämpften gegen die gleiche Art von peripherer Ausbeutung, die später die Dritte Welt gegen die imperialen Zentren aufbrachte.
2. Die entscheidenden Unterschiede zu den antikolonialen Kämpfen des 20. Jahrhunderts
Hier liegen die großen Unterschiede, die davor warnen, beide Phänomene einfach gleichzusetzen.
Die »Siedlerkolonie« versus die »Ausbeutungskolonie«: Dies ist der zentrale Unterschied.
- Der amerikanische Kampf war der Kampf einer Siedlerkolonie. Die Aufständischen waren selbst Europäer, die die indigenen Völker bekämpften und verdrängten. Sie kämpften nicht für die Befreiung der ursprünglichen Bevölkerung, sondern für das Recht, das Land ihrer Vorfahren (der Siedler) selbstständig und ohne Einmischung Londons zu regieren und weiter zu expandieren.
- Die antikolonialen Kämpfe in Asien und Afrika (zum Beispiel in Indien, Algerien, Vietnam) im 20. Jahrhundert waren Kämpfe der indigenen Bevölkerung gegen eine kleine, fremde europäische Herrschaftsschicht. Es ging um die Rückgewinnung der Selbstbestimmung über das eigene Land und die eigene Kultur von einer Besatzungsmacht.
Rassismus und Kontinuität der Unterdrückung
Der amerikanische Unabhängigkeitskampf beendete die Kolonialherrschaft für die weißen Siedler, führte aber zur Konsolidierung und Ausweitung zweier anderer Formen der Unterdrückung:
- Sklaverei: Die »Freiheit«, die die Gründerväter für sich proklamierten, galt nicht für die versklavte afroamerikanische Bevölkerung. Die Sklaverei wurde in der neuen Republik sogar weiter gestärkt, besonders im Süden.
- Vertreibung der Ureinwohner: Der neugewonnene Nationalstaat trieb die Landnahme und Vertreibung der indigenen Völker systematisch voran (wie im »Pfad der Tränen« gipfelnd).
Ein antikolonialer Führer wie Ho Chi Minh oder Jomo Kenyatta kämpfte für die Befreiung seines gesamten Volkes, nicht nur einer privilegierten Schicht innerhalb einer rassistischen Hierarchie.
Der geopolitische und ideologische Kontext
Der amerikanische Kampf fand im Zeitalter der Aufklärung und des Merkantilismus statt, vor der Industriellen Revolution. Die Kämpfe des 20. Jahrhunderts waren geprägt von der Erfahrung zweier Weltkriege, der Schwächung der europäischen Mächte, der Entstehung des Sozialismus als Alternative und einer globalen antikolonialen Solidarität (zum Beispiel die Bandung‐Konferenz 1955).
Fazit
Man kann sagen, dass der amerikanische Unabhängigkeitskrieg einen Beginn des antikolonialen Widerstands im Sinne der Loslösung von einem europäischen Imperium darstellt. Er hat das Paradigma geschaffen, dass Kolonien das Recht haben, sich zu souveränen Staaten zu erklären.
Er ist jedoch ein spezifischer, historisch einzigartiger Fall, der sich fundamental von den Befreiungsbewegungen des 20. Jahrhunderts unterscheidet. Während jene Kämpfe gegen Fremdherrschaft und für die Rechte der kolonisierten Urbevölkerung geführt wurden, war der amerikanische Kampf ein Bürgerkrieg innerhalb der europäischen Diaspora um die Kontrolle über ein Projekt der Siedlerexpansion, das auf der Unterwerfung und Auslöschung der nicht‐europäischen Bevölkerung beruhte.
In der Erinnerung und im Diskurs späterer Befreiungsbewegungen spielte die Amerikanische Revolution dennoch eine Rolle – als Beweis, dass das mächtige Europa besiegt werden kann, und als Quelle revolutionärer Rhetorik, auch wenn diese Rhetorik im neuen Kontext mit einem völlig neuen, inklusiveren Inhalt gefüllt wurde.
Die Bandung‐Konferenz
Die Bandung‐Konferenz (offiziell: Asiatisch‐afrikanische Konferenz) war ein historisches Ereignis, das vom 18. bis zum 24. April 1955 in der indonesischen Stadt Bandung stattfand. Sie gilt als der Gründungsmoment der »Dritten Welt« und als ein entscheidender Schritt im globalen antikolonialen Befreiungskampf des 20. Jahrhunderts. Hier folgt eine kurze Übersicht über ihre Bedeutung, Ziele und Ergebnisse:
1. Der historische Kontext
In der Mitte der 1950er Jahre befand sich die Welt mitten im Kalten Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion. Gleichzeitig zerfielen die alten europäischen Kolonialreiche (wie das britische und französische), und viele Länder in Asien und Afrika wurden gerade unabhängig oder kämpften darum. Diese jungen Staaten suchten nach einem eigenen Weg, ohne sich direkt dem einen oder anderen Machtblock anschließen zu müssen.
2. Die Ziele und Hauptakteure
Die Konferenz wurde von fünf Ländern einberufen: Indonesien, Pakistan, Birma (heute Myanmar), Ceylon (heute Sri Lanka) und Indien. Die einflussreichsten Führungspersönlichkeiten waren:
- Sukarno (Präsident Indonesiens): Der Gastgeber und ein charismatischer Redner.
- Jawaharlal Nehru (Premierminister Indiens): Ein Verfechter der Blockfreiheit.
- Gamal Abdel Nasser (Ägytpen): Der panarabische Führer, der später eine Schlüsselrolle in der Suezkrise spielte.
- Zhou Enlai (Premierminister Chinas): Er vertrat die Volksrepublik China und suchte nach Anerkennung und Verbündeten in der Region.
Das Hauptziel war es, die Zusammenarbeit zwischen den neu unabhängigen Staaten Asiens und Afrikas zu fördern und eine gemeinsame Stimme gegen den Kolonialismus und für die wirtschaftliche Entwicklung zu finden.
3. Die zentralen Themen und Prinzipien
Die Konferenz verabschiedete eine Abschlusserklärung, die auf zehn Prinzipien beruhte (der »Dasasila Bandung« /Bandung‐Prinzipien). Die Kernpunkte waren:
- Ablehnung des Kolonialismus: Die Konferenz verurteilte jede Form von Kolonialherrschaft und Imperialismus auf das Schärfste und unterstützte die Unabhängigkeitsbewegungen in aller Welt.
- Souveränität und Nichteinmischung: Respektierung der Souveränität und territorialen Integrität aller Nationen und das Prinzip der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten.
- Wirtschaftliche Zusammenarbeit: Die Förderung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den asiatischen und afrikanischen Ländern, um sich aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit von den ehemaligen Kolonialmächten zu lösen.
- Förderung des Weltfriedens: Eintreten für friedliche Koexistenz und Abrüstung im Kalten Krieg.
4. Die Bedeutung und die Folgen
Die Bandung‐Konferenz hatte eine enorme symbolische und politische Wirkung:
- Geburtsstunde der »Dritten Welt«: Sie schuf ein neues politisches Bewusstsein. Die Länder Asiens und Afrikas sahen sich fortan nicht mehr als Objekte der Weltpolitik, sondern als eigenständige Subjekte mit gemeinsamen Interessen. Der Begriff »Dritte Welt« entstand in dieser Zeit als politische Kategorie (neben dem kapitalistischen Westen und dem sozialistischen Osten).
- Wegbereiter der Blockfreien‐Bewegung: Die in Bandung formulierten Prinzipien führten 1961 zur offiziellen Gründung der Blockfreien‐Bewegung in Belgrad, einem Staatenbündnis, das sich nicht dauerhaft an die Supermächte binden wollte.
- Inspiration für Befreiungsbewegungen: Die Konferenz gab den Unabhängigkeitskämpfen in Afrika (zum Beispiel gegen die portugiesische Kolonialherrschaft oder gegen die Apartheid in Südafrika) enormen Auftrieb. Sie zeigte, dass sie nicht allein waren.
Kurz gesagt: Bandung war der Moment, in dem die ehemals Kolonisierten die Weltbühne betraten und gemeinsam »Nein« zur Fremdbestimmung sagten.
Kann man den heutigen Kampf der BRICS‐Staaten gegen den US‐Imperialismus in diesen kolonialen (Neokolonialen) Befreiungskampf einordnen und als moderne Form dieses Befreiungskampfes bezeichnen?
Der heutige Kampf der BRICS‐Staaten lässt sich sehr wohl als eine zeitgenössische Form des antikolonialen Befreiungskampfes verstehen.
Es handelt sich um die logische Fortführung des Kampfes gegen den Kolonialismus des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, der sich nun gegen dessen moderne Erscheinungsform richtet: den Neokolonialismus.
Die Triebkräfte, die einst die Unabhängigkeitsbewegungen befeuerten, finden sich auch heute wieder – nur unter veränderten historischen Bedingungen und mit neuen strategischen Mitteln.
Historische Linie von Bandung bis zu den BRICS+
1. Die historische Kontinuität: Vom antikolonialen Widerstand zur Neuen Weltordnung
Die Verbindung zwischen den Kämpfen des 20. Jahrhunderts und den heutigen Bestrebungen der BRICS‐Staaten ist keine abstrakte, sondern eine direkte historische und politische Linie. Der Geist von Bandung lebt in den Gängen von BRICS‐Gipfeln fort.
Bandung 1955 als Gründungsmoment
Die Konferenz von Bandung war der erste kollektive Aufschrei der »Farbigen Welt« gegen die eurozentrische Hierarchie. Sie artikulierte einen gemeinsamen Willen zur Überwindung von Kolonialismus, Imperialismus und Rassismus. Es ging um die Rückgewinnung von Souveränität und die Vision einer neuen, gerechteren internationalen Ordnung, die auf den Prinzipien der friedlichen Koexistenz und Nichteinmischung beruhte. Dieser Geist, diese »Solidarität der Unterdrückten«, war die Geburtsstunde der Dritten Welt als politischem Projekt.
Die Krise des Neokolonialismus
Wie der ghanaische Revolutionär Kwame Nkrumah erkannte, folgte auf den politischen Kolonialismus der ökonomische Neokolonialismus. Die formal unabhängigen Staaten blieben in Abhängigkeitsverhältnissen gefangen. Die alten Kolonialmächte, nun unter Führung der USA, sicherten ihre Dominanz nicht mehr durch direkte Herrschaft, sondern durch ein System von:
- Internationalen Finanzinstitutionen (IWF, Weltbank), die Kredite an harte Strukturanpassungsprogramme knüpften.
- Handelsungleichgewichten und Protektionismus, der die Rohstoffabhängigkeit der ehemaligen Kolonien zementierte.
- Der Vorherrschaft des US‐Dollars als Weltreservewährung, die den USA immense wirtschaftliche und politische Macht verleiht.
- Politischer Einflussnahme und der Dominanz in internationalen Gremien wie dem UN‐Sicherheitsrat, wo die Siegermächte von 1945 ein Vetorecht besitzen.
BRICS als institutionalisierte Fortsetzung
In dieser Perspektive sind die BRICS‐Staaten diejenigen, die sich diesem neokolonialen System nicht länger beugen wollen. Sie sind die Erben der Blockfreien‐Bewegung und von Bandung. Nelson Mandelas Enkel drückte es deutlich aus: »Der heutige Kampf der BRICS für eine multipolare Welt ist die Fortsetzung des Anti‐Apartheid‐ und anti‐imperialistischen Kampfes des 20. Jahrhunderts. Es ist derselbe Kampf gegen dieselbe Vormacht, nur mit anderen Mitteln.«
2. Die Haupttriebkräfte des heutigen Kampfes
Die gleichen Widersprüche, die einst die Kolonien gegen das Mutterland aufbrachten, treiben heute den Globalen Süden gegen die neokoloniale Hegemonie des Westens an.
Der wirtschaftliche Widerspruch
Der Kern des Konflikts ist die Aneignung von Reichtum. Die Länder des Globalen Südens besitzen die Rohstoffe und die Arbeitskraft, aber der größte Profit fließt in die Zentren des globalen Nordens. Das System ist darauf ausgelegt, diese Abhängigkeit zu perpetuieren. Die BRICS‐Staaten fordern nichts weniger als eine fundamentale Umverteilung der wirtschaftlichen Macht und eine Abkehr von den Regeln, die der Westen zu seinem Vorteil geschaffen hat.
Der Widerspruch in der globalen Governance
Die internationalen Institutionen (UN, IWF, Weltbank) spiegeln die Machtverhältnisse von 1945 wider, nicht die von heute. BRICS‐Staaten, die einen wachsenden Anteil an der Weltwirtschaftsleistung haben, fordern einen Platz am Tisch, der ihrer Bedeutung entspricht. Es geht um die Demokratisierung der internationalen Beziehungen und die Überwindung des exklusiven Clubs der G7.
Das Streben nach wirtschaftlicher Souveränität
Ein zentrales Motiv ist die Befreiung aus der Dollar‐Hegemonie. Die Abhängigkeit von der US‑Währung wird als ein Instrument neokolonialer Kontrolle verstanden. Wenn die USA über Sanktionen und Zölle Länder bestrafen können, die sich nicht unterordnen, dann ist die Souveränität dieser Staaten nur eine formale. Die Förderung des Handels in nationalen Währungen und die Schaffung alternativer Zahlungssysteme ist daher ein revolutionärer Akt der Entkopplung vom westlichen Finanzsystem.
Die Ablehnung der Doppelmoral
Die Staaten des Globalen Südens empfinden die westliche Politik zunehmend als zutiefst heuchlerisch. Der Westen predigt Regeln und Menschenrechte, handelt aber nach geopolitischen Interessen. Die einseitigen Sanktionen, die Invasion des Irak 2003, die Interventionspolitik, die unterschiedliche Behandlung von Konflikten (Ukraine versus Gaza) – all das hat die moralische Autorität des Westens untergraben und die Überzeugung gestärkt, dass es eines Gegengewichts bedarf.
3. BRICS+: Die moderne Form des Befreiungskampfes
Der Kampf hat sich institutionalisiert. Aus den spontanen Aufständen und Guerillabewegungen von einst ist ein Staatenbündnis mit wirtschaftlichen und politischen Hebeln geworden.
| Merkmal | Antikolonialer Kampf des 20. Jh. (zum Beispiel Bandung) |
Kampf der BRICS‐Staaten im 21. Jh. |
| Hauptziel | Erringung der politischen Unabhängigkeit | Erringung der wirtschaftlichen und politischen Souveränität; Überwindung der neokolonialen Abhängigkeit |
| Hauptgegner | Direkte Kolonialherrschaft europäischer Mächte | Neokoloniale Strukturen unter Führung der USA und der G7 |
| Strategie | Nationale Befreiungsbewegungen, Guerillakriege, politische Mobilisierung | Aufbau alternativer Institutionen (NDB, CRA), Entdollarisierung, Stärkung des Süd‑Süd‑Handels, Reform der globalen Governance |
| Ideologischer Kern | Anti‐Imperialismus, nationale Selbstbestimmung, »Bandung‐Geist« | Anti‐Hegemonismus, Multipolarität, strategische Nichteinbindung, Souveränität |
| Wichtigste Akteure | Unabhängigkeitsbewegungen, befreite Staaten Asiens und Afrikas | Staatenbund BRICS+, der mittlerweile fast die Hälfte der Weltbevölkerung und Wirtschaftsleistung repräsentiert |
Der Kampf um die »Swing States«
Ein entscheidender Teil dieses Kampfes ist das Ringen um die sogenannten »Swing States« – einflussreiche Länder wie Brasilien, Indien, Südafrika, die sich nicht dauerhaft an eine Seite binden wollen. Der Westen versucht, sie im eigenen Lager zu halten, während China und Russland sie für eine anti‐hegemoniale Weltordnung gewinnen wollen. Die Tatsache, dass immer mehr Länder einen Beitritt zu BRICS+ anstreben, zeigt, wohin die Tendenz geht.
Die Dialektik des Kampfes
Natürlich ist auch dieser Kampf nicht frei von Widersprüchen. BRICS+ ist kein monolithischer Block. Es gibt interne Rivalitäten (zum Beispiel Indien‐China) und unterschiedliche nationale Interessen. Doch aus dieser Perspektive sind dies sekundäre Widersprüche. Das primäre Band ist die gemeinsame Erfahrung der Unterdrückung durch ein hegemoniales System und der gemeinsame Wille, dieses System zu überwinden. Die wirtschaftlichen Interessen und der gemeinsame Druck von außen wirken als starke Klammer, die diese Widersprüche immer wieder überbrücken kann.
Fazit
Der Kampf der BRICS‐Staaten ist die notwendige und logische nächste Stufe des antikolonialen Befreiungskampfes. Nachdem die politische Unabhängigkeit errungen war, richtet er sich nun gegen die ökonomische und politische Infrastruktur des Neokolonialismus. Es geht um die Vollendung der Unabhängigkeit, um die Überwindung der strukturellen Abhängigkeit vom Westen und die Schaffung einer wirklich multipolaren Welt, in der der Globale Süden nicht länger Objekt, sondern gleichberechtigtes Subjekt der Weltgeschichte ist. Es ist der Kampf der Peripherie gegen das Zentrum, der sich von der Ebene der Guerillas auf die Ebene der Zentralbanken und Gipfeltreffen verlagert hat.
Bild: Indonesisches Plakat zur Bandung‐Konferenz (Foreign Ministry of the Republic of Indonesia – Bandung bulletin, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=89192394)
