Das Finanzkapital und der Abstieg der »Moderne«

Wolfram Elsner und Wolfgang Krieger legen eine historisch angelegte Analyse der Transformation vom Industriekapitalismus zum Finanzkapitalismus vor. Ihre Arbeit besticht durch die konsequente geopolitische Perspektive auf US‐​Hegemonie, Dollar‐​System und multipolare Weltordnung. Die empirische Dokumentation der Finanzialisierungsprozesse seit 1944 ist reichhaltig und bietet wertvolles Material für weitere Forschung. Allerdings zeigen sich auch konzeptionelle Unschärfen: Zentrale Begriffe werden nicht immer trennscharf unterschieden, die kategoriale Entwicklung bleibt mitunter phänomenologisch. Im Vergleich zu den Arbeiten von Lapavitsas, Harvey oder Krüger besteht Potenzial für weitere konzeptionelle Schärfung. Fazit: Geopolitisch instruktiv und empirisch wertvoll, mit Potenzial für theoretische Vertiefung.

Die Autoren beschreiben in ihrer Einleitung das »US‐​amerikanische ›Jahrhundert‹, das globale Hegemonialsystem der selbsterklärten einstigen ›einzigen Weltmacht‹ « (S. 5) und diagnostizieren dessen Niedergang trotz »anhaltender Risiken und verzweifelter Machtprojektionen« (ebd.). Die Arbeit steht in einer reichen theoretischen Tradition. Die klassische Finanzkapital‐​Debatte des frühen 20. Jahrhunderts entwickelte zentrale Begriffe und methodische Standards dialektischer Kapitalanalyse, die bis heute relevant sind.

Rudolf Hilferdings Das Finanzkapital (1910) definierte das 20. Jahrhundert marxistischer Imperialismus‐​Theorie. Elsner und Krieger zitieren ihn: »So erlischt im Finanzkapital der besondere Charakter des Kapitals. Das Kapital erscheint als einheitliche Macht, die den Lebensprozess der Gesellschaft souverän beherrscht (S. 14).« Diese Konzentration führt zu Monopolbildung, Bankherrschaft, Kapitalexport und territorialer Expansion. Die methodologische Stärke liegt in der dialektischen Analyse der Einheit der Widersprüche: Finanzkapital ist hochkonzentriert und dennoch in Konkurrenz zersplittert, planmäßig organisiert und anarchisch im Gesamtsystem, produktiv vermittelnd und spekulativ destruktiv.

Rosa Luxemburgs Die Akkumulation des Kapitals (1913) begründet die kapitalistischen Krisen aus der Logik der Akkumulation selbst. Ihr Kernargument besagt, dass kapitalistische Akkumulation strukturell auf nicht‐​kapitalistische Milieus angewiesen ist – sowohl geografisch (Kolonialismus) als auch sozial (Subsistenzwirtschaft, Commons). Besonders bedeutsam ist Luxemburgs Konzept der permanenten Überakkumulation: Anders als Marx’ stärker zyklische Krisenbeschreibung stellt Luxemburg die Überakkumulation grundsätzlicher dar. Es entstehen wiederholt Kapitalmengen ohne hinreichend profitable produktive Anlagemöglichkeiten, die nach Auswegen suchen – durch Expansion, Export, Märkteabsicherung, letztlich Krieg. Moderne »Finanzblasen« erscheinen in dieser Perspektive nicht als Ursache, sondern als Symptom überschüssigen Kapitals, als Ausweichbewegung in spekulative Sphären. Zudem betont Luxemburg, dass ursprüngliche Akkumulation keine bloß historische Phase ist, sondern eine wiederkehrende Struktur: fortgesetzte Einhegung, Privatisierung, Zugriff auf Gemeingüter – gegenwärtig etwa als Privatisierung sozialer Sicherung und Ausdehnung kapitalistischer Verwertung in neue Lebensbereiche.

W.I. Lenin (und eigenständig Bucharin) popularisierte Hilferdings Analyse in Der Imperialismus als höchstes Stadium (1916) und destillierte fünf Merkmale heraus. Elsner und Krieger zitieren Lenin: »Konzentration der Produktion, daraus erwachsende Monopole oder Verwachsen der Banken mit der Industrie – das ist die Entstehungsgeschichte des Finanzkapitals und der Inhalt dieses Begriffs (…). [D]ie Aussonderung weniger Staaten, die finanziell ›Macht‹ besitzen (S. 15).« Seine politische Deutung des Imperialismus als parasitär und sterbend verband wissenschaftliche Analyse mit revolutionärer Strategie.

Costas Lapavitsas‹ Profiting Without Producing (2013) stellt die theoretisch ausgereifteste aktuelle marxistische Analyse dar. Lapavitsas entwickelt ein dreidimensionales Konzept der Finanzialisierung: Transformation produktiver Unternehmen (shareholder value, Finanzmarktabhängigkeit), Wandel des Bankwesens (von Kreditvergabe zu Spekulation) und finanzielle Expropriation der Haushalte (Konsumkredite, Hypotheken, Pensionsfonds). Seine Unterscheidung zwischen Mehrwertproduktion und Umverteilung sowie das Konzept der »finanziellen Expropriation« bieten präzise analytische Kategorien.

David Harvey entwickelt in Der neue Imperialismus (2005) die Dialektik des Anti‐​Value aus dem Widerspruch zwischen Produktions‐ und Zirkulationszeit. Sein Konzept der »Akkumulation durch Enteignung« aktualisiert Luxemburgs Einsicht: Privatisierung öffentlicher Güter, Finanzialisierung von Renten und Pensionen, Enteignung von Gemeineigentum werden als fortgesetzte ursprüngliche Akkumulation verstanden. Der »spatial fix« beschreibt, wie Kapital seine Verwertungskrisen temporär durch geografische Expansion überwindet, indem es Überakkumulation in neue Räume verlagert – eine Lösung, die jedoch nur aufgeschoben und selbst krisenhaft ist.

Stephan Krüger liefert in Der deutsche Kapitalismus 1950 – 2023 (2024) eine empirisch fundierte marxistische Wertrechnung, die Profitraten, Überakkumulation und Strukturbrüche des Nachkriegskapitalismus systematisch statistisch untersucht.

Im Kontext dieser Theorietradition sind Stärken und Entwicklungspotenziale der Arbeit klarer erkennbar. Ihre historische Breite ist beeindruckend: Die systematische Aufarbeitung der Transformation über zwei Jahrhunderte mit reichem empirischem Material bietet eine wertvolle Ressource. Die geopolitische Dimension – Dollar‐​Hegemonie, US‐​Imperialismus, multipolare Tendenzen – wird konsequent durchgehalten und füllt eine Lücke in vielen marxistischen Arbeiten.

Die Autoren beschreiben die »Virtualisierung der finanziellen Prozesse« als zentrales Merkmal: »Die Virtualisierung des virtuellen (fiktiven) Finanzkapitals […] hat das Finanzkapital in seinen Kernmechanismen also weitgehend ohne industrielle Mehrwertproduktion, ohne staatliches (Infrastruktur‐) Vermögen und ohne die mehreren Milliarden Menschen als lebende, arbeitende Konsumenten (S. 28).« Diese Diagnose trifft einen wichtigen Punkt, wirft aber die theoretische Frage auf, wie sich diese Virtualisierung zur Mehrwertproduktion verhält.

Elsner und Krieger betonen die »Finanzialisierung« als Charakteristikum des gegenwärtigen Kapitalismus. Dieser analytische Zugang eröffnet Möglichkeiten, birgt aber auch Probleme. Einerseits erfasst er reale Transformationen seit den 1970er Jahren: die relative Autonomisierung des Finanzsektors, neue Formen der Ausbeutung durch Verschuldung privater Haushalte und die Dominanz spekulativer über produktive Investitionen. Andererseits besteht die Gefahr, eine historische Erscheinungsform zum Wesensmerkmal zu erklären und die kategoriale Kontinuität zu verlieren.

Finanzialisierung sollte als spezifische Verlaufsform des imperialistischen Monopolkapitalismus verstanden werden, nicht als neue Epoche. Die klassischen Kategorien Monopol und Imperialismus bleiben gültig, realisieren sich aber unter veränderten Bedingungen in neuen Formen. Was Hilferding als Verschmelzung von Bank‐ und Industriekapital unter Bankhegemonie beschrieb, zeigt sich heute als relative Verselbständigung eines hochgradig spekulativen Finanzsektors, der zugleich produktive Unternehmen und private Haushalte seiner Verwertungslogik unterwirft.

Die Analyse der Finanzialisierung ist dann produktiv, wenn sie die Grundwidersprüche kapitalistischer Produktion – Ausbeutung der Lohnarbeit, Überakkumulation, fallende Profitrate – nicht aus dem Blick verliert, sondern zeigt, wie diese sich unter gegenwärtigen Bedingungen artikulieren. Politisch bedeutet dies: Nicht »gutes« Industriekapital gegen »böses« Finanzkapital ausspielen, sondern die Finanzialisierung als Krisenbearbeitung des Gesamtsystems begreifen.

Zugleich zeigen sich konzeptionelle Unschärfen. Die Unterscheidung zwischen Finanzkapital als Bank‐​Industrie‐​Verschmelzung (Hilferding), als spekulatives Geldkapital und als hegemoniale Kapitalfraktion wird nicht immer trennscharf vorgenommen. Die angekündigte dialektische Analyse bleibt teilweise auf der phänomenologischen Ebene. Zentrale theoretische Fragen – wie Finanzprofit entsteht, welche Krisentendenzen ihm inhärent sind, wie Finanz‐ und produktive Fraktion sich zueinander verhalten – werden nicht mit der Präzision beantwortet, die Lapavitsas oder Harvey erreichen. Dies lässt sich von einer knappen Ausarbeitung allerdings auch nicht erwarten.

Die Luxemburgsche Überakkumulationstheorie verdiente größere Aufmerksamkeit. Wenn Finanzblasen nicht primär als Ursache, sondern als Symptom überschüssigen Kapitals verstanden werden, das keine produktiven Anlagemöglichkeiten findet, eröffnet dies ein tieferes Verständnis gegenwärtiger Finanzkrisen. Ebenso würde die systematischere Aufnahme von Harveys »Akkumulation durch Enteignung« die Analyse von Privatisierungsprozessen und Finanzialisierung sozialer Sicherungssysteme schärfen.

Zur geopolitischen Dimension bieten Elsner und Krieger wichtige Einsichten. Sie beschreiben, wie »Wall Street/​Fed/​Washington« als »Grundgeschäft« fungiert, »dass nicht nur ausschließliche Exporteure und Zentralbanken den USA Kredit gaben, sondern dass alles frei, vagabundierend, Anlage und Rendite suchende internationale Kapital seinen Fluchtpunkt an der Wall Street suchte (S. 24f.).« Die Analyse des Dollar‐​Systems und seiner Krisendynamik ist instruktiv, auch wenn die campistische Tendenz zur Idealisierung des »Globalen Südens« kritisch zu hinterfragen bleibt: Die multipolare Weltordnung und Akteure wie China primär als Gegenmacht zum US‐​Finanzkapital zu beschreiben, läuft Gefahr, deren eigene kapitalistische Logiken zu relativieren.

Die Arbeit bietet wertvolle Anknüpfungspunkte für weitere Forschung. Das historische Material kann als empirische Grundlage für theoretisch weiterführende Arbeiten dienen. Die Systematik der Daten zu Finanzialisierungsprozessen seit 1944 stellt eine wichtige Ressource dar.

Die Kritik an nicht‐​produktiven Einkommen schließt an klassische marxistische Debatten an und bleibt aktuell. Die Unterscheidung zwischen wertschaffender Arbeit und Aneignung durch Renten, Zinsen und Spekulation ist für emanzipatorische Transformation zentral. Die Arbeit vermittelt ein Krisenbewusstsein und eine politische Dringlichkeit, die in vielen akademischen Debatten fehlen. Besonders relevant ist ihre Analyse der »krisenhaften Mechanismen des Finanzkapitals«: Die Autoren zeigen, wie die Virtualisierung der finanziellen Prozesse das Industriekapital und seine Realinvestitionen infrage stellt, zugleich aber auf »erforderliche realwertliche Rückfallposition für Finanzkrisen« (S. 28f.) angewiesen bleibt – eine als »noch erforderliche kleine, dünne, vage Basis für die eigenen multiplikativen ›Produktions‹-Prozesse von innovativen Derivate‐​Pyramiden (S. 29)«.

Die Arbeit von Elsner und Krieger ist in ihrer historischen Breite und empirischen Dokumentation beeindruckend. Die Integration der geopolitischen Dimension stellt einen wichtigen Beitrag dar.

Im Vergleich zu Lapavitsas, der Kategorien wie ›finanzielle Expropriation‹ entwickelt und zwischen Mehrwertproduktion und Umverteilung klar unterscheidet, könnte bei Elsner und Krieger die kategoriale Präzision geschärft werden. Gegenüber Harvey, der die Dialektik des Anti‐​Value systematisch entwickelt und die räumlich‐​materielle Dimension der Akkumulation integriert, ließe sich die methodische Fundierung vertiefen. Krügers empirische Wertrechnung bietet methodische Anknüpfungspunkte für präzisere quantitative Analysen.

Für zukünftige Forschung wäre eine Synthese von Lapavitsas’ Finanzialisierungstheorie, Harveys Raumpolitik und der geopolitischen Perspektive von Elsner und Krieger wünschenswert. Die Digitalisierung des Finanzkapitals (Kryptowährungen, algorithmischer Handel, KI) erfordert systematische Untersuchung, ebenso die Verbindung von ökologischer Zerstörung und Finanzkapital durch »Green Finance«. Die geschlechtsspezifisch wirkende Verschuldung, die Frauen überproportional trifft – als Folge struktureller Ungleichheit und als gezieltes Instrument neoliberaler Gouvernementalität – zeigt sich besonders deutlich in der Finanzialisierung der Care‐​Ökonomie. Hier bleiben ertragreiche Forschungsfelder.

Insgesamt überzeugt die Ausarbeitung. Sie ist empirisch wertvoll, geopolitisch instruktiv und bietet reiches Material für weitere Forschung. Mit präziserer kategorialer Fundierung könnte sie zu einer noch stärkeren Referenz in der marxistischen Finanzkapital‐​Analyse werden. Diese wichtige Studie verdient sowohl Fortführung als auch ein breites Publikum. Ihre Warnung vor dem »Finanzimperium im Existenzkampf« (S. 44ff.) und der Analyse der »imperialen geopolitischen Strategiewechsel« (S. 34ff.) sollte ernst genommen werden.

Wolfram Elsner & Wolfgang Krieger (2025): Das Finanzkapital und der Abstieg der »Moderne«. Eine dialektische Untersuchung des Wandels vom Industrie‐ zum Finanzkapital, pad‐​Verlag, Bergkamen.

Dr. Ulrich Gausmann ist Gesellschaftswissenschaftler und Autor des Buches »Wirtschaft und Finanzen neu gedacht – Revolution der Menschlichkeit« und Gründer der Akademie »Kapital und Utopie – Kritische Akademie für Aufklärung und Zuversicht« (www​.utopie​-akademie​.de)

https://​utopie​-akademie​.de/

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