Die letzten Wochen waren im Iran durch Proteste und bürgerkriegsähnliche Zustände geprägt. Der vom imperialistischen Ausland und auch von großen Teilen der westlichen Linken erhoffte Regime‐Change ist jedoch ausgeblieben. Dies lag auch an der Massenmobilisierung des iranischen Volkes, das in Millionenstärke auf die Straße gegangen ist, um sich gegen die Gewalt des (v. a. aus dem Ausland) bewaffneten Teils der Proteste zu stellen und seine grundsätzliche Unterstützung für die Islamische Republik Iran auszudrücken. Der von den USA und Israel angekündigte Militärschlag ist bislang ausgeblieben. Dies ist jedoch keine Garantie dafür, dass dies so bleiben wird, schließlich häufen sich Berichte über die Verlagerung von Waffensystemen in die Region.
Die meisten linken und kommunistischen Kräfte in Deutschland, aber auch in anderen imperialistischen Ländern, haben sich undifferenziert hinter die Proteste gestellt und deren Verlauf in Richtung Bürgerkrieg angefeuert. Dabei wurden Narrative und vermeintliche Fakten des Imperialismus unkritisch reproduziert und Gegenbewegungen (wie die großen Volksmobilisierungen zur Verteidigung der Islamischen Republik Iran) schlicht ausgespart. Wir nehmen im vorliegenden Text die Positionen der linken und kommunistischen Akteure als Ausgangspunkt, um diese mit den Hintergründen, dem Verlauf der Proteste, dem Charakter der Islamischen Republik Iran und den Konsequenzen eines erfolgreichen Regime‐Changes zu kontrastieren. Wir zeigen auf, wie diese Positionierung der Linken und Kommunisten – gewollt oder ungewollt – dazu beiträgt, den Kriegskurs gegen den Iran zu legitimieren und sich damit faktisch gegen die Interessen des iranischen Volkes richtet.
Denn wenn es tatsächlich darum geht, das iranische Volk bei seinem Kampf für mehr Selbstbestimmung zu unterstützen, muss sich unser Kampf gegen den ökonomischen Krieg mittels der Sanktionen und gegen die militärische Kriegsvorbereitung gegen den Iran richten.
Anlass und Zusammensetzung der Proteste
Im Iran begannen ab dem 28. Dezember 2025 Proteste, die durch hohe Inflationsraten und vor allem den plötzlichen Kollaps des Rial ausgelöst wurden, der wohl auf gezielte Währungsmanipulation (ob von den »Reformern«1 im Iran selbst oder aus dem imperialistischen Ausland wird noch zu klären sein) zurückzuführen ist. Ausgegangen waren diese durch den Streik der »Bazaaris« in Teheran, also einer Händlerschicht, denen der Währungsverfall ihre auf den Wechselkurs angewiesenen Geschäfte deutlich erschwerte und die damit Druck auf die Regierung ausüben wollten. Obwohl jenen, die ihre Geschäfte nicht schließen wollten, Gewalt angedroht wurde2, waren die Proteste selbst vorerst eher friedlich, weiteten sich auf weitere Städte aus und nahmen schließlich die Form einer Protestwelle an. Diese hatte einen eindeutig ökonomischen Ausgangspunkt. Nach und nach wurden in dem Protest aber Randalierer und Terrorzellen aktiver und so verwandelte die Lage sich spätestens mit dem 8. Januar in einen Aufstand mit bürgerkriegsähnlichen Szenen, bevor dieser in den folgenden Tagen auch dank einer Internet‐Sperre deutlich abflaute. Die Regierung versicherte dabei mehrfach, die ökonomischen Bedenken ernst zu nehmen und unterschied zwischen Demonstranten und terroristischen Elementen.3 Die iranische Bevölkerung strömte zuerst hunderttausendfach und spätestens ab dem 12. Januar millionenfach auf die Straßen, um gegen die staatszersetzende Gewalt eindeutig Position zu beziehen und sich grundsätzlich hinter die Islamische Republik zu stellen.4 Der von westlichen Linken herbeigesehnte Systemsturz war spätestens zu diesem Zeitpunkt gescheitert.
Ein bestimmender Faktor für die Hoffnungslosigkeit und schwierige ökonomische Lage – und damit die Proteste – sind die westlichen und UN‐Sanktionen gegen das Land. Bereits 1979 belegte Washington Teheran mit Sanktionen, die im Laufe der Zeit immer aggressiver und weitreichender wurden. Alleine zwischen 2012 und 2023 sollen dem Iran Schäden in Höhe von 1,2 Billionen US‐Dollar entstanden sein.5 Das Pro‐Kopf‐BIP fiel nach Angaben der Weltbank von ca. 8000 $ 2012 auf ca. 5000 $ 2024.6 Hinzu kommen massive Auswirkungen auf das Gesundheitssystem, die unzählige Menschenleben gefordert haben.7 Die Lebenserwartung fällt in sanktionierten Ländern durchschnittlich um 1,2 bis 1,4 Jahre.8 Bevor die Russische Föderation den Iran 2022 ablöste, war er der am meisten sanktionierte Staat der Erde.9 Das Einsetzen der Sanktionen korrelierte jeweils mit einem Einbruch der Wirtschaftsleistung.10 Sanktionen haben zudem auch immer einen sich entwickelnden Schwarzmarkt zur Folge, der Korruption enorm begünstigt.
Eine linke und kommunistische Bewegung im imperialistischen Zentrum müsste eigentlich hier ansetzen und sich auf den Kampf gegen die Sanktionen konzentrieren, die das Leben im Iran unerträglich machen und auch machen sollen, um das Land auszuhöhlen und letztendlich das Regierungssystem zu beseitigen. Das wäre besonders in Deutschland zentral, denn dieses spielt mit der völlig ungerechtfertigten Wiedereinsetzung der Sanktionen durch den Snapback‐Mechanismus im Rahmen des Iran‐Atomabkommens eine zentrale Rolle in der derzeitigen Verelendung. Auch wenn die Sanktionen von vielen zumindest am Rande erwähnt werden, schenkt man dem Thema jedoch in der tatsächlichen Aktivität so gut wie gar keine Aufmerksamkeit – vertritt man doch bezüglich Iran das gleiche Ziel wie die Imperialisten, die die Sanktionen ins Werk setzen: den Staat zu stürzen.
Zur Gewalt von staatlicher und terroristischer Seite
Die Stellungnahmen und Artikel der im weiteren Sinne kommunistischen Bewegung sind sich einig, wenn es um die vermeintlich überzogene Gewalt der staatlichen Sicherheitskräfte im Iran geht. Fast wortgleich heißt es, es handele sich um brutale und blutige Repression (Gruppe »Kommunistische Partei«11), ein »brutales Massaker« (Kommunistischer Aufbau12), »brutale Unterdrückung« (Sozialismus von Unten (SvU) bzw. International Socialist Tendency (IST)13), »blutige Niederschlagung« (Nick Brauns, junge Welt14), »mörderische Niederschlagung« (German Foreign Policy15), »blutige Unterdrückung« (Perspektive Online16). »Tausende von Demonstrant:innen« seien niedergeschossen (IST17) oder »kaltblütig umgebracht« (Rebell18) worden, möglicherweise sogar mehr als 10.000 Menschen »massakriert« (Fabian Lehr19). Ein Artikel schreibt von einem »Blutbad« (»Revolutionäre Kommunistische Partei«20), ein anderer trägt gar den Titel »Den Kugeln entgegen« (Lower Class Magazine21) – an Wortgewalt wurde nicht gespart, dafür aber an der Wiedergabe der Fakten, die diesem Narrativ widersprechen.
Die Todeszahlen gehen nach übereinstimmenden Angaben in die Tausende. Laut Erklärungen des iranischen Innenministeriums sowie der Stiftung für Märtyrer‐ und Veteranenangelegenheiten seien insgesamt 3.117 Menschen zu Tode gekommen, davon 2.427 Zivilisten und Angehörige der Sicherheitskräfte – die restlichen 690 sind wohl implizit die iranischen Angaben zu toten Terroristen.22 Der Iran hatte laut eigenen Angaben mehrere hundert tote Sicherheitskräfte zu beklagen,23 der Oberste Revolutionsführer Khamenei sprach von mehreren Tausend durch die Terroristen Getöteten.24 Reuters behauptet, einen iranischen Offiziellen zu zitieren, der die Todeszahlen mit etwa 5000 angeben soll, darunter etwa 500 Sicherheitskräfte.25 Ein Verhältnis, das, selbst wenn es stimmen sollte, nicht unbedingt für übermäßige Gewalt von Regierungsseite spricht – zumal viele Tote von den Terrorzellen selbst zu verantworten sein dürften. Staatsnahe iranische Medien sprechen davon, dass die meisten Menschen gezielt von Terrorzellen umgebracht worden seien, als Trump mit einem Militärschlag bei weiteren Toten drohte.26 Die früh kursierenden Zahlen wurden über von den USA finanzierte »NGOs«27 lanciert; die fünfstelligen Todeszahlen, die etwa der Influencer Fabian Lehr benutzt, von der pro‐imperialistischen Presse28 behauptet.
Die gut dokumentierte Gewalt der Terroristen im Rahmen der Aufstände findet in all den linken und kommunistischen Artikeln und Statements hingegen überhaupt keine Erwähnung. Selbst die westliche bürgerliche Presse dokumentierte jedoch brennende Moscheen29, Medienhäuser30 und Regierungsgebäude31. Nach iranischen Angaben sollen beispielsweise 250 Schulen und 300 Moscheen32 zerstört oder beschädigt, Feuerwehrwachen angegriffen33 und 180 Krankenwagen angezündet worden sein34. Einem Bericht von Asr Iran zufolge wurde außerdem am 8. Januar auch der Wohnort der Botschafterin der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) im Iran von 200 Personen mit Molotow‐Cocktails angegriffen und verwüstet.35 Dies darf nicht verwundern, beschwert sich doch die Opposition gegen die Islamische Republik, ob im In‐ oder Ausland, seit Jahren über die anhaltende Unterstützung Palästinas.
Neben mindestens einem durch die Terroristen getöteten Kleinkind36 gibt es zahlreiche Videos, die die gezielte Zerstörung von Moscheen37, organisierten Schusswaffengebrauch38 und mobartige Übergriffe39 bis hin zu Lynchmorden40 eindeutig belegen. Zusätzlich gibt es Berichte über ein angezündetes Krankenhaus41, Enthauptungen42 und es sollen mindestens ein Polizist43 und ein Wachmann44 angezündet worden sein. Die organisierte Gewalt, die allein in den vorliegenden Videos zum Ausdruck kommt45, zeigt, dass man es hier definitiv nicht nur mit Demonstranten zu tun hat.
Die imperialistische Einmischung ist zudem ganz offen: Der ehemalige israelische Verteidigungsminister Gallant sprach davon, Israel müsse im Hintergrund bleiben und den Protest »mit unsichtbarer Hand lenken«, damit der angestrebte Regime Change organisch aussieht.46 Der Mossad selbst hatte öffentlich angegeben, vor Ort in den Aufständen involviert zu sein.47 Ein Journalist des israelischen Channel 14 berichtete zudem, dass ausländische Kräfte den Aufstand mit scharfer Munition und Waffen versorgen würden – deshalb seien nun hunderte iranischer Sicherheitskräfte tot.48 Selbstverständlich sind derartige Prahlereien Teil der psychologischen Kriegsführung gegen den Iran. Das bedeutet aber nicht, dass man sie als bloße zionistische Propaganda abtun sollte: Bekanntlich hat Israel über die Jahre immer wieder Anschläge im Iran verübt.49 Neben Waffen wurden auch Unmengen von Starlink‐Geräten vom iranischen Geheimdienst abgefangen.50 Wie bereits seit Jahren51, waren auch diesmal kurdische Milizionäre im Land und in bewaffnete Auseinandersetzungen involviert.52 Gleich mehrere kurdische Parteien (inkl. der PAK und der PKK‐Schwester PJAK) hatten sich kürzlich auf ein »geeintes Vorgehen« im Iran verständigt.53 Die von den USA ausgebildete und pro‐israelische54 Separatisten‐Miliz PAK gab inzwischen zu, bewaffnet gegen iranische Sicherheitskräfte vorgegangen zu sein55 – was bei »geeintem Vorgehen« stark nahelegt, dass die anderen kurdischen Milizen ebenfalls bewaffnet involviert waren. Ebenso hatte sich die terroristische Jaish al-»Adl« zu einem Anschlag im Rahmen der Aufstände bekannt.56 Der ehemalige britische Diplomat und Geheimdienstagent Alastair Crooke beschreibt neben der extremen Gewalt der Terroristen eine gezielte Eskalationstaktik57 der Ermordung Unbeteiligter, die den Schüssen auf dem Maidan am 20.02.201458 ähnelt.
Die großflächige Ausschaltung des Regime‐Change‐Werkzeugs Starlink59, deren Basisstationen auch schon über Jahre in den Iran geschmuggelt wurden60, war ein wichtiger Erfolg, der die Internet‐Abschaltung nahezu komplettierte. Dies einerseits, weil im Rahmen des Aufstandes von den USA auch über das Internet gegen den Iran Krieg geführt wurde, wie die israelische Presse berichtet.61 Zudem hatte Israel etwa beim letzten Angriff auf den Iran 2025 mit einem Botnetzwerk gezielte Falschnachrichten verbreitet, um die Bevölkerung zum Sturz der Regierung aufzustacheln.62 Andererseits war es auch ein wichtiger Erfolg, weil dies den Terroristen die Koordinationsmöglichkeiten nahm – auf einmal brach der Aufstand in sich zusammen. Dies ist ein weiterer wichtiger Hinweis darauf, dass sich die Demonstranten, Randalierer und Terroristen nicht spontan zusammengefunden hatten, sondern es mindestens Unterstützung aus dem Ausland gab – eine echte und in den Massen verankerte Volkserhebung ließe sich nicht durch eine Internetsperre beenden. Die in den Statements der kommunistischen Bewegung verbreitete Behauptung, der Iran habe das Internet nur abgeschaltet, um in Ruhe die Proteste massakrieren zu können, wird gerade ebenfalls Lügen gestraft: Wenn dem so wäre, würden spätestens jetzt nach der Internet‐Anschaltung die Netze mit aufgenommenen Videos davon überflutet werden. Offensichtlich hat die kommunistische Bewegung auch hier wieder einmal die falschen Narrative der Herrschenden verbreitet.
Angesichts der gerade beschriebenen, dem Iran von außen aufgezwungenen Kriegssituation ist die Skandalisierung der Selbstverteidigung dagegen durch die kommunistische Bewegung umso schändlicher. Sie hält diesem Krieg gegen den Iran nicht nur den Rücken frei, sie feuert ihn im Rahmen der Aufstände de facto an und verbreitet unkritisch imperialistische Narrative.
Zeitpunkt der Veröffentlichungen und Demonstrationen
Was zusätzlich auffällt, ist, dass viele der Statements zu einer Zeit veröffentlicht wurden, als der Sturz der Islamischen Republik bereits eindeutig gescheitert war (z. B. IST und Gruppe »Kommunistische Partei« am 14. Januar, Hände weg vom Wedding am 18. Januar63). Bei Demonstrationen wird der Bogen sogar noch weiter gespannt: SvU nahm am 18. Januar an einer Demo in Berlin teil64, der Rote Aufbau Hamburg ruft sogar noch für den 24. Januar auf65. Die Massendemonstrationen für die Verteidigung der Islamischen Republik im Iran mit Millionen von Teilnehmern66 und die zu diesem Zeitpunkt fast inexistenten Aufstände hatten aber spätestens am 12. Januar ein klares Bild gezeigt: Die Mehrheit der Iraner steht nicht hinter den aus dem Ausland unterstützten Terroristen und ihrer Schneise der Verwüstung und Ermordung, sondern im Zweifel hinter der Islamischen Republik. Allerdings wurde noch in den darauffolgenden Tagen in der bürgerlichen Presse und auf entsprechenden Social‐Media‐Kanälen das Thema weiterhin künstlich und unter Zuhilfenahme dreister Lügen am Leben gehalten, vor allem um sich die Option eines Militärschlages von US‐amerikanischer und/oder israelischer Seite mitsamt ihrer medialen Rechtfertigung offen zu halten. Während die bürgerliche Presse das Scheitern des Aufstands längst eingestehen musste67, scheint das für die linke Szene keinesfalls zu gelten. Der Rote Aufbau Hamburg etwa veröffentlichte noch am 18. Januar68 ein Statement – durchgehend im Präsens geschrieben –, in dem wahrheitswidrig suggeriert wird, der Aufstand sei noch landesweit im Gange. Proteste in Ländern größer zu schreiben als sie sind und einen Zustand des Kontrollverlusts anzudeuten, ist Teil der psychologischen Kriegsführung von westlicher Seite, der sich hier bereitwillig angeschlossen wird.
In einem Klima ein Statement zu veröffentlichen oder sogar zu einer Demonstration aufzurufen, in dem es faktisch keinen erfolgversprechenden Aufstand mehr gibt, sondern nur noch die Option eines westlichen Angriffes gegen das Land auf dem Tisch liegt, hat objektiv die Wirkung, diesem Rückendeckung zu verschaffen. Sogar wenn man sich davon explizit distanziert, führt es dazu, den Iran in einer Situation zu dämonisieren, in der ein potenzieller Krieg gegen ihn auf der Agenda steht – und schwächt damit auch jegliche Antikriegsbemühungen hierzulande für einen solchen Fall. Sich der Agenda der eigenen bürgerlichen Presse, der eigenen Imperialisten in dieser Weise anzuschließen, ihre (noch dazu oftmals falschen) Narrative zu verbreiten und ihnen damit objektiv zu helfen, ihren potentiellen Angriff auf den Iran öffentlichkeitswirksam verkaufen zu können, ist politisch fatal. Selbst wenn man aus Anti‐Regierungsperspektive auf den Iran blickt, erweist man damit jeglicher angeblichen Solidarität mit den iranischen Völkern einen Bärendienst, da das eigene Verhalten einen Krieg gegen den Iran begünstigt.
Zum Charakter der Islamischen Republik Iran
Für die kommunistische und linke Bewegung weltweit scheint es, mit sehr wenigen Ausnahmen, völlig selbstverständlich zu sein, der Rhetorik der Herrschenden hinsichtlich der Charakterisierung der Islamischen Republik Iran als »Mullah‐Regime«69 zu folgen und für sie Adjektive wie »reaktionär« bis »faschistisch«70 zu verwenden. Manche scheinen nur noch durch Überhöhungen den bürgerlichen Mainstream übertreffen zu wollen.71 Klar ist, dass diese Sichtweise auf die blutige Geschichte der Niederlage aller linken und kommunistischen Bewegungen nach der Revolution durch die neue Staatsführung unter Khomeini zurückzuführen ist. Wenige iranische Kommunisten72 haben es geschafft, diese Geschichte selbstkritisch zu reflektieren. Von der terroristischen Auslandsopposition wie der MEK73 oder separatistischen Bewegungen wie der PJAK74, die mittlerweile offen an der Leine des US‐Imperialismus geführt werden, ganz zu schweigen.
An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass sich in der westlichen Linken in den letzten Jahrzehnten ein größtenteils sehr schlechtes Verhältnis zum Separatismus etabliert hat. Dieser wird meist unkritisch propagiert, so auch zum Iran mit Bezug auf »Kurdistan« und »Belutschistan«. Die fatalen Folgen kann man in Syrien beobachten, wo das etwa ein Jahrzehnt bestehende US‐Protektorat für »Rojava« der Zentralregierung gezielt Öl‑, Weizen‐ und Baumwolleinnahmen geraubt hatte und ein Drittel des Landes besetzt hielt, bis die Syrische Arabische Republik – ein langjähriger zentraler Gegner Israels und der USA – final im Dezember 2024 (auch unter dem Jubel vieler deutscher Linker) ausgeschaltet werden konnte. Wenn sich dann die vorhersehbaren Konsequenzen dessen, was linke und kommunistische Akteure unterstützt haben, realisieren – etwa die derzeitigen Massaker in Syrien oder der katastrophale Zerfall Libyens –, sagen diese, das hätten sie ja nicht gewollt und gehen ohne jegliche selbstkritische Reflexion zur Tagesordnung über.
Zu so ziemlich allen vermeintlich oder tatsächlich unterdrückten Völkern und Nationen, die von der bürgerlichen Presse, »NGOs« etc. hervorgehoben werden, weil eine Schwächung, Zersetzung oder Balkanisierung der entsprechenden Staaten im Interesse des Imperialisten ist, lässt sich diese Linke vor dessen Karren spannen. Sie scheint es mittlerweile größtenteils als Fortschritt an sich zu begreifen, ethnisch »saubere« Staatsgebilde zu haben und hilft somit auf größerer Ebene dabei, den Vielvölkerstaat als solchen anzugreifen. Dieser ist eine der größten noch verbliebenen Errungenschaften der Region, die nicht zufällig in Kämpfen gegen Kolonialismus, Monarchie und imperialistische Fremdherrschaft etabliert werden konnte und musste. Jede Situation ist konkret zu analysieren, aber bei dem Mosaik aus verschiedenen religiösen und Volksgruppen in Westasien muss man fragen, inwiefern es einen Fortschritt in der Region bringen soll, in Separatismus und nie endende Kriege um Territorium zu verfallen.
Wie lässt sich die Islamische Republik Iran nun charakterisieren? Zunächst einmal durch Studium der Geschichte und Gegenwart! Die internationale kommunistische Bewegung scheint davon weit entfernt. Auch wir werden hier keine Analyse des Iran liefern, aber wenigstens ein paar Hinweise auf Realitäten geben, die für unsere Einschätzung relevant sind. Dass diese Republik das Ergebnis der Volksrevolution 1979 ist, bei der ein für alle Mal die Geschichte der Monarchien beendet wurde, wird von niemandem bestritten. Dass sie aber auch eine Republik ist, das scheint überhaupt niemanden mehr zu interessieren. Behauptet wird eine alleinige Konzentration der Macht in den Händen des Revolutionsführers und der ihm unterstellten Revolutionsgarden. Tatsächlich aber ist die Islamische Republik Iran beides: Sie ist sowohl eine Republik mit einer Gewaltenteilung und besitzt gleichzeitig eine zentralisierte Machtstruktur, deren Aufgabe die Sicherheit, die Kontrolle75 und der Erhalt der Republik ist.
Die Produktionsverhältnisse sind durchsetzt von Widersprüchen: Hat sich doch nach dem Krieg Ende der 80er Jahre die kapitalistische Produktionsweise in vielen Branchen durchgesetzt, ist die Produktion im großen Maßstab und ist das Eigentum an Produktionsmitteln weitgehend staatlich geblieben. Die im Iran selbst als Oligarchie bezeichneten, durch Korruption reich gewordenen, westlich orientierten Kompradoren sind Zielscheibe scharfer Auseinandersetzungen. Ihre schärfsten Kritiker im Inland kommen aus den Reihen der Basis der Revolutionsgarden. Diese streiten im Wesentlichen für die Umsetzung der Verfassung sowie des Arbeitsgesetzbuches. Die Arbeiterklasse im Land ist immens gewachsen und hat keine nennenswerte eigenständige Organisation außerhalb der Arbeiterrätestrukturen, die verfassungsrechtlich festgeschrieben und staatlich kontrolliert sind. Jedoch sind in den letzten Jahren Versuche einer Reorganisierung zu beobachten.
Der Iran hat sich in den letzten 47 Jahren zu einem Land entwickelt, in dem ökonomische Entwicklung trotz Sanktionen vorangetrieben wurde, sich eine sehr lebendige zivilgesellschaftliche Kultur entwickelt hat und gleichzeitig immer noch eine wehrhafte Nation erhalten bleibt, die sich den imperialistischen Aggressionen entgegenstellt. Als Vielvölkerstaat ist der Iran weitestgehend eine einheitliche Nation mit gesamtnationaler Identität, die gerade auf der Multiethnizität aufbaut. Mit Sicherheit ist der Iran voller Widersprüche, allen voran dem Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital. Gleichzeitig rekrutieren sich die treuesten Anhänger des Revolutionsführers und der Islamischen Republik aus der Arbeiterklasse. Ihr Klasseninstinkt scheint weit über den beschränkten Horizont so mancher westlicher Linker hinaus: die imperialistische Aggression abzuwehren und gleichzeitig die eigenen Klasseninteressen im Land durchzusetzen, ohne sich gegen andere Völker in der Region oder weltweit aufhetzen zu lassen. Das ist immer noch der Geist, der seit der Revolution die Massen zu ihrer Verteidigung auf die Straße bringt, so wie jüngst am 12. Januar 2026.
Quo vadis?
Die kommunistische Bewegung in Deutschland wünscht den Aufständen fast76 unisono viel Erfolg dabei, den iranischen Staat zu zerstören. Doch bevor man das unterstützt, müsste man sich die Frage stellen, was realistisch auf die Islamische Republik folgen könnte. Und das ist das Syrien‐Szenario: Bürgerkrieg, Balkanisierung, ethnische und religiöse Massaker. Kurz: die Katastrophe. Das einerseits, weil es keine einheitliche, organisierte Opposition gibt, die in der Lage wäre, das Vakuum landesweit zu füllen und andererseits, weil separatistische Kräfte schon lange von den Imperialisten genau dafür bewaffnet werden, den Iran auch langfristig als potenziell gefährlichen Machtfaktor durch Balkanisierung zu zerschlagen. Die von den USA und Israel aufgebauten und bewaffneten Kräfte, seien es Monarchisten oder Separatisten, eignen sich offensichtlich nicht einmal, um eine geeinte Opposition zu schaffen, geschweige denn ein multi‐ethnisches, multi‐religiöses und hochgebildetes Land wie den Iran zu leiten. Es gibt schlicht niemanden, der den Staat zusammenhalten könnte.
Die Etablierung des Sozialismus hingegen ist in der derzeitigen Situation realitätsfern. Einige Kräfte räumen zwar ein, dass das unwahrscheinlich ist, rechtfertigen ihre Umsturz‐Haltung dann aber mit Phrasen wie »Es ist äußerst dynamisch« (Dorna, SvU77) oder man solle einfach Vertrauen in die iranischen Arbeiter haben (Fabian Lehr78). Die Notwendigkeit für eine in den Massen verankerte kommunistische Partei, um bei einer Revolution erfolgreich die Macht übernehmen zu können, tragen die meisten der sich positiv auf die Umsturzversuche beziehenden kommunistischen Kräfte in Deutschland zumindest dem Wort nach vor sich her. Im Iran gibt es das nicht, wie sie selber erkennen; der Übergang zum Sozialismus soll aber scheinbar trotzdem einfach spontan funktionieren. Warum dann nicht gleich die Erfahrungen der Arbeiterbewegung in Partei‐ und Revolutionstheorie entsorgen! Ein Erfolg des Aufstands würde nicht zum Sozialismus, sondern das Land zum Zerfall führen. Die iranische Arbeiterklasse hätte davon nichts zu gewinnen, aber potenziell alles zu verlieren.
Um es klar zu sagen: Dieses verantwortungslose Abenteurertum, das de facto schon dabei geholfen hat, Libyen und Syrien zu zerstören und auf Jahrzehnte die gesamte Region zu verelenden, ist eine Bankrotterklärung und muss scharf kritisiert und zurückgewiesen werden. Eine kommunistische Bewegung hat die jeweilige Lage nüchtern zu analysieren und in manchen Situationen auch den Status quo zu verteidigen, anstatt jedem objektiv noch so schädlichen Aufstand zuzujubeln. Das ist kein Spiel und kein Film. Das Leben von Millionen Menschen hängt daran.
Anstatt sich de facto am Krieg gegen den Iran zu beteiligen, gilt es im Angesicht eines potenziell noch bevorstehenden Angriffes der USA/Israels als auch den derzeitigen Staatszersetzungsversuchen eindeutig zu sagen:
Nein zur Aggression gegen den Iran!
Weg mit den Sanktionen!
Solidarität mit der Islamischen Republik Iran!
Verweise
1 Als »Reformer« werden die Teile der iranischen Politik bezeichnet, die Verhandlungen und bessere Beziehungen mit dem Westen anstreben, tendenziell eine neoliberale Wirtschaftspolitik befürworten und als Vertreter des kompradorischen Teils der iranischen Bourgeoisie betrachtet werden können.
2 Siehe z.B. https://thecradle.co/articles/irans-collapsing-currency-exposes-the-profiteers-behind-the-crisis
3 https://www.aljazeera.com/news/2026/1/17/irans-khamenei-says-us-israel-links-behind-thousands-killed-in-protests
4 https://thecradle.co/articles/millions-take-to-the-streets-of-iran-in-mass-counterprotests-against-riots-foreign-interference
6 https://www.aljazeera.com/news/2026/1/13/how-us-sanctions-crippled-lives-of-iranians-trump-says-he-wants-to-help
7 https://www.hrw.org/de/news/2019/10/29/iran-sanktionen-gefaehrden-gesundheit, https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(13)61024 – 7/fulltext
8 Ebd.
9 https://www.bloomberg.com/news/articles/2022 – 03‐07/russia‐surges‐past‐iran‐to‐become‐world‐s‐most‐sanctioned‐nation
10 https://www.ft.com/content/770dc40f-66be-4542-a584-3b6144117314
11 https://kommunistischepartei.de/stellungnahmen/freiheit-fuer-das-volk-im-iran-nein-zur-imperialistischen-intervention/
12 https://komaufbau.org/stellen-wir-uns-auf-die-seite-der-unterdrueckten-voelker-westasiens/
13 https://sozvu.org/iran-solidaritaet-mit-dem-aufstand-nein-zu-interventionen-von-aussen/
14 https://www.jungewelt.de/artikel/515638.vor-syrischem-szenario.html
16 https://perspektive-online.net/2026/01/horrorbilder-aus-teheran-proteste-im-iran-gehen-weiter/
17 https://sozvu.org/iran-solidaritaet-mit-dem-aufstand-nein-zu-interventionen-von-aussen/
18 https://rebell.info/2026/01/solidaritaet-mit-allen-menschen-die-weltweit-um-befreiung-kaempfen/
20 https://derfunke.at/26657-iran-revolution-gegen-die-islamische-republik-nieder-mit-der-einmischung-des-westlichen-imperialismus
22 https://www.tasnimnews.ir, Artikel abrufbar über: https://h7.cl/1nkCs
23 Bereits am 11. Januar wurde die Zahl mit 109 angegeben: https://thecradle.co/articles/iran-says-over-100-security-police-forces-killed-by-armed-rioters
24 https://thecradle.co/articles/we-consider-trump-a-criminal-khamenei
25 https://www.reuters.com/business/media-telecom/iranian-official-says-verified-deaths-iran-protests-reaches-least-5000 – 2026‐01 – 18/
27 https://www.mintpressnews.com/revealed-the-cia-backed-think-tanks-fueling-the-iran-protests/290638/ oder https://youtu.be/jM8fjeLTYGM?si=P1esSb4dV7k07OV8
28 The Times (UK), die Lachlan und Rupert Murdoch untersteht, behauptet hier 16.500 bis 18.000 Tote: https://www.thetimes.com/world/middle-east/article/iran-young-protesters-news-nsdztp5t2, das aus Saudi‐Arabien finanzierte »Iran International« spricht von mindestens 12.000: https://www.iranintl.com/en/202601130145
29 Z.B. https://www.nbcnews.com/video/shorts/mosque-burns-during-protest-in-tehran-255766597809 oder https://www.bbc.com/news/videos/c78e9vmn7dgo
31 https://www.euronews.com/video/2026/01/10/footage-shows-government-buildings-on-fire-in-iran-amid-ongoing-protests
32 https://www.youtube.com/post/UgkxAP569brC2KgNqzcz9WthdX2YI25eMxv3
35 https://www.presstv.ir/Detail/2026/01/19/762528/Palestinian-Ambassador-residence-in-Tehran-attacked-amid-terror-wave
36 Siehe https://t.me/mintpress_news/12319 oder https://www.youtube.com/shorts/7Rqn7YUw2OU, Berichte von weiterem Fall z.B. hier: https://www.presstv.ir/Detail/2026/01/15/762364/Iran – Bahareh‐Trump‐Israel–
39 https://www.youtube.com/shorts/2YYOr5dSIaQ, auch hier zu sehen: https://x.com/Megatron_ron/status/2011888932108320921
40 https://www.youtube.com/watch?v=15pE6_6Ja9c und https://t.me/thecradlemedia/49396 und https://t.me/thecradlemedia/49670 und https://www.youtube.com/watch?v=oOdBDK-Gg34
41 Erwähnung z.B. hier: https://www.nachdenkseiten.de/?p=144866
42 Siehe z.B. https://www.palestinechronicle.com/what-a-war-on-iran-would-really-look-like-beyond-the-regime-change-fantasy/ oder https://www.tasnimnews.ir, Artikel abrufbar über: https://h7.cl/1nkCs
44 https://thecradle.co/articles/khamenei-slams-arrogant-trump-vows-iran-will-not-back-down-as-violent-riots-spread
45 Eine Zusammenfassung findet sich in dieser Dokumentation, die vom iranischen Außenminister auf Twitter/X geteilt wurde, aber dort nicht mehr aufrufbar ist: https://t.me/BisimchiMedia/155125
49 Siehe z.B. https://thecradle.co/articles/israels-war-on-irans-scientific-resistance-inside-the-targeted-killings-of-nuclear-minds
50 https://thecradle.co/articles/iranian-intelligence-seizes-us-made-weapons-explosives-smuggled-by-western-backed-rioters
51 https://thecradle.co/articles/armed-kurdish-groups-dispatched-from-iraq-to-join-iran-riots-report
52 https://thecradle.co/articles/kurdish-separatist-militia-admits-targeting-iranian-security-forces-during-recent-riots
55 https://thecradle.co/articles/kurdish-separatist-militia-admits-targeting-iranian-security-forces-during-recent-riots
56 https://thecradle.co/articles/khamenei-slams-arrogant-trump-vows-iran-will-not-back-down-as-violent-riots-spread
58 Siehe z.B. hier: https://www.ardmediathek.de/video/monitor/todesschuesse-in-kiew-wer-ist-fuer-das-blutbad-vom-maidan-verantwortlich/das-erste/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLTc2ZGM1N2M0LTI0OTAtMTFlNS1hOWE3LTUyMjFhZjBjMmJiNQ
60 https://www.aljazeera.com/news/2026/1/14/is-starlink-helping-iranians-break-internet-blackout-and-how-does-it-work
62 https://www.haaretz.com/israel-news/security-aviation/2025 – 10-03/ty-article-magazine/.premium/the-israeli-influence-operation-in-iran-pushing-to-reinstate-the-shah-monarchy/00000199 – 9f12‐df33‐a5dd‐9f770d7a0000
64 https://www.instagram.com/sozialismus_von_unten/reel/DTp5Omligb1/
66 https://thecradle.co/articles/millions-take-to-the-streets-of-iran-in-mass-counterprotests-against-riots-foreign-interference
67 Z.B. Tagesschau am 16. Januar: https://www.tagesschau.de/ausland/asien/iran-proteste-290.html
69 So prangte etwa auf der Wochenendausgabe der jungen Welt vom 03. Januar diesen Jahres die Überschrift »Massen gegen Mullahs«: https://www.jungewelt.de/aktuell/pdf/index.php?day=2026 – 01‐03
70 Z.B. https://rebell.info/2026/01/solidaritaet-mit-allen-menschen-die-weltweit-um-befreiung-kaempfen/
71 So etwa Fabian Lehr, der vom »ultra‐reaktionären iranischen Regime« redet (Quelle: https://www.youtube.com/shorts/OGAzZY3A9do)
72 Beispielhaft: https://english.10mehr.com/ oder https://t.me/ttadarok
73 Mudjahedeen‑e Khalq
74 Partiya Jiyana Azad a Kurdistanê
75 Wobei »Kontrolle« auch eine moralisch‐religiöse Führung beinhaltet.
76 Publizistische Gegenpositionen gab es etwa von Joachim Guilliard und Manfred Ziegler in der UZ.
78 https://www.youtube.com/shorts/OGAzZY3A9do
Zuerst erschienen bei der Kommunistischen Organisation
Bild: Die Trauerfeier für den Märtyrer Major Mohammad Javad Bakhshian und den Märtyrer Haj Reza Matinmanesh, Märtyrer der Verteidigung der Sicherheit, die bei dem Angriff der Randalierer ums Leben kamen, fand heute Morgen auf dem Imam‐Khomeini‐Platz in Hamadan statt (
