Der Bund der Kommunist:innen (BdK) hat ein »Thesenpapier Roter Antifaschismus« vorgelegt. Darin steht ein Absatz, der mir moralisch zu denken gab:
»Die Arbeiter:innenklasse erfährt im Faschismus an der Macht einen massiven Schlag gegen ihre Interessen, er ist eine extreme Verschärfung des Klassenkampfes von oben. Wir kämpfen nicht für andere (z.B. ›als deutsche Antifa für die armen Ausländer‹), sondern als Teil der Klasse für die Interessen der Klasse in ihrer Gesamtheit. Auch wenn bestimmte Gruppen besonders angegriffen werden und verteidigt werden müssen, darf diese Orientierung nicht verloren gehen. Antifaschismus ist keine moralische Haltung, sondern kollektive Selbstverteidigung.«
Damit Menschen sich selbst verteidigen können, brauchen sie so wenig wie Küchenschaben eine moralische Haltung. Andererseits: Komplett ohne moralische Haltung wäre es für Menschen wohl schwieriger als für Küchenschaben, eine kollektive Selbstverteidigung oder überhaupt irgendeine Art kollektive Aktivität hinzubekommen. Kollektivmitglieder, die Aufgaben übernehmen, ohne den moralischen Anspruch zu haben, die Aufgaben auch zu erledigen, oder Kollektivmitglieder, die Sachen behaupten, ohne den moralischen Anspruch zu haben, dass die auch stimmen, nerven.
In Kombination mit der Kritik von Kämpfen »für andere« legt das Wort »sondern« im letzten Zitatsatz nahe, Selbstverteidigung und moralische Haltung als einander ausschließende Angelegenheiten zu begreifen. Dem würde eine moralische Haltung entsprechen, die in die Richtung tendiert, mit dem guten Zweck der Selbstverteidigung der »Arbeiter:innenklasse« die dafür geeigneten Mittel heiligen zu wollen.
Kommunistinnen mit einer etwas anderen moralischen Haltung könnten (unter moralisch kritikwürdiger Einsparung ausdrücklicher Kennzeichnungen sexualisierter Identitäten) zum Beispiel schreiben:
»Wir kämpfen als Teil der Arbeiterinnenklasse für die Aufhebung der Klassengesellschaft und dadurch für die Befreiung aller Menschen aus von uns selbst produzierten unmenschlichen Gesellschaftsverhältnissen. Unter Bedingungen der Klassengesellschaft verstehen wir Antifaschismus zugleich als eine moralische Anforderung und als kollektive Selbstverteidigung der Arbeiterinnenklasse. Durch den Aspekt der Selbstverteidigung liegt der Kampf gegen den Faschismus – anders als bei Angehörigen anderer Klassen – im Interesse von Arbeiterinnen unabhängig von deren moralischen Haltungen.«
In dieser Alternativversion wird wie im »Thesenpapier« mitgesagt, dass sich das Interesse der Arbeiterinnenklasse nicht auf moralische Angelegenheiten bezieht. Das ist verständlich, insofern sozioökonomische Formationen wie die Arbeiterinnenklasse oder auch die Kapitalistinnenklasse oder auch der Staat so wenig moralisch sind wie das generische Femininum 50 Kilo wiegt. Objekt und Eigenschaft passen irgendwie nicht zueinander.
Schwieriger ist die Frage, inwieweit sozioökonomische Formationen für sich gesehen Interessen haben könnten. Im Thesenpapier ergibt sich die Fähigkeit der Arbeiterinnenklasse, ein Interesse an Selbsterhaltung haben zu können, daraus, dass die Arbeiterinnenklasse zu einem »Kollektiv«, zu einer Sammlung von Menschen erklärt wird. Nichttote Menschen haben vor Erreichung der Buddhaschaft immer irgendwelche Interessen. Zuvörderst wollen sie nicht darben, hungern, sterben. Die Lohnabhängigkeit der Kollektivmitglieder der Arbeiterinnenklasse erzeugt ein Arbeiterinnenklasseninteresse nach möglichst hohen oder wenigstens zur Reproduktion ausreichenden Löhnen, dem ein Kapitalistinnenklasseninteresse nach möglichst hohen Profiten entgegensteht.
Aber diese Beschreibung ist moralisch verzerrt: Interesse gegen Interesse erweckt den Eindruck einer Gleichartigkeit, die ein Abwägen mit gleichen Waagschalen erfordert. In der Regel steht im Klassenkampf nicht Interesse gegen Interesse, sondern Bedürfnis gegen Interesse.
Moralentsorgung mit Restmüll
Damit in einem Kollektiv die moralischen Haltungen der Kollektivmitglieder keine Rolle zu spielen brauchen, muss der kollektive Zweck so eingegrenzt sein, dass die Kollektivmitglieder ihre moralischen Haltungen aus den kollektiven Aktivitäten heraushalten können. Das ist für die meisten von uns insoweit machbar, als wir es gewohnt sind, beim Antritt von Lohnarbeit den nicht unmittelbar lohnarbeitsfunktionsbezogenen Teil unseres Gewissens in den Spint zu hängen.
Hafenarbeiterinnen, die sich weigern, Waffen zu verschiffen, aktuell nach Israel, bilden immer mal wieder eine Ausnahme. »Wir wollen nicht Komplizen des Völkermords sein«, sagen sie und damit auch – unvermeidlich –, dass ziemlich viele von uns auf diversen »Arbeitsplätzen« Komplizinnen des Völkermords sind.
Damit die moralischen Haltungen der Kollektivmitglieder der Arbeiterinnenklasse keine Rolle zu spielen brauchen, sollten wir zusätzlich zum verantwortungslosen Arbeiten nicht darüber mitbestimmen dürfen, wer in unserem Kollektiv mitmachen darf und wer nicht. Andernfalls würde die Konkurrenz ums Ausgebeutetwerdendürfen zu Ausschlüssen gemäß moralischer Haltungen führen. In modernen Moralschlangen steht diesbezüglich »die Frau«, die im Heim am Herd ihrer gottgewollten Veranlagung gerecht wird, ohne den Arbeitsmarkt zu belasten, immerhin ziemlich weit hinter dem »Ausländer«, der zurück ins Bombenloch und an den Bettelstab gehört. Da die Mitgliedschaftsfrage der Arbeiterinnenklasse von Sachzwängen, Kapital und Staat erledigt wird, brauchen sich Kommunistinnen über solche moralischen Haltungen der Zielgruppe ihrer Avantgardebedürfnisse keine Sorgen machen. (Bei der Gelegenheit: Hat kommunistische Organisierung zur Zeit eine andere Basis als psychische Bedürfnisse?)
Die Arbeiterinnenklasse ist nicht nur ein Zwangskollektiv, das besser eines bleiben sollte, damit es nicht zu Streit und Spaltung entlang moralischer Haltungen kommt. Sie sollte auch besser keine positiven Zwecke verfolgen. Denn sogar beim bloß quantitativen Zweck, unter entfremdeten Arbeitsbedingungen möglichst viel Geld zu kriegen, spielen moralische Haltungen hinein. Sollten zum Beispiel frisch eingewanderte Arbeiterinnen mit sieben Kindern bei gleicher Lohnarbeit mehr steuerlich umverteilte Lohneinkommen einfahren dürfen als eingeborene kinderlose Singles mit eingeborenen Urururgroßeltern? Oder ist zum Beispiel eine Lebensstunde von Arbeiterinnen, die einige Jahre in Vorlesungssälen abhängen konnten, um dann in lohnabhängigen Ingenieurinnen‐ und Vorgesetzten‐Positionen leichtere Arbeiten zu machen, wirklich mehr Geld wert als eine Lebensstunde derjenigen, die für sie während der Studienzeit in Reisfeldern herumstapften, ihre T‑Shirts nähten, Lithium aus der Erde buddelten und ihre Hochschulklos putzten?
Für eine Arbeiterinnenklasse, die zwecks Vermeidung des Einflusses moralischer Haltungen ein Zwangskollektiv sein sollte, das maximal negative Zwecke verfolgt und keine Verantwortlichkeit dafür an sich reißt, was es den lieben langen Arbeitstag so macht, kommt ein Anti wie das zum Faschismus wie gerufen.
Als Zwangskollektiv ohne Belastungen durch moralische Haltungen ist die Arbeiterinnenklasse ganz sicher hervorragend zum antifaschistischen Widerstandskampf geeignet – jedenfalls, solange der Faschismus so freundlich ist, die Arbeiterinnenklasse in ihrer Gesamtheit zu bedrohen, um sie in ihrer Gesamtheit zur »Selbstverteidigung« zu motivieren.
Unpraktischerweise schafft der Faschismus das nur über einen Satz des »Thesenpapiers Roter Antifaschismus« hinweg, indem er »einen massiven Schlag« gegen »die Arbeiter:innenklasse« als solche landet und nicht etwa mehrere unterschiedlich massive Schläge nacheinander gegen unterschiedliche Kollektivmitglieder oder womöglich bei einigen Kollektivmitgliedern, die »nicht für andere« kämpfen mögen, ziemlich unmassive. Im übernächsten Satz schon greift der Faschismus »bestimmte Gruppen besonders« an, so dass der Zeigefinger der Moral erhoben wird: Die »müssen« verteidigt werden! … Aber bitte nur, weil es sich um Mitglieder unseres Zwangskollektivs handelt, nicht bloß, weil es Menschen sind!
Drei Moralsorten
Die Ansage »Wir kämpfen nicht für andere« und das Wort »sondern« zwischen »moralische Haltung« und »Selbstverteidigung« dienen zur Abgrenzung einer moralischen Haltung, die das Thesenpapier in der »›deutschen Antifa‹« zu verorten scheint. Vollständig und ausführlich in allen seinen Nuancen dargestellt besteht der Kern der moralischen Haltung, von der sich das Thesenpapier abgrenzt, in Folgendem:
So wenig wie zur Selbstverteidigung brauchen wir eine moralische Haltung, um Leuten aufs Maul zu hauen. Moral kommt ins Spiel, um einen Handlungsbereich abzustecken und zu rechtfertigen, für den die – wie auch immer lautenden – Prinzipien der betreffenden Moral nicht gelten. In diesem Fall: Weshalb gerade Nazis aufs Maul hauen? Praktische Antwort: Offiziell nichtfaschistische Krawatten‐ und Kostümassis in Regierungen und Unternehmensführungen sind selten in Faustreichweite und wenn sie es sind, wandert man schon nach einem ersten Schlag in den Knast. Moralische Antwort: Nazis (die Bezeichnung mal so hingenommen) sind immer böse. Ihnen aufs Maul zu hauen ist daher generell gut. Nichtnazis aufs Maul hauen dagegen ist abhängig vom konkreten Fall unter Wahrung dieser und jener moralischen Prinzipien oder sogar überhaupt nicht gut.
Nazis aufs Maul zu hauen hat eine mentalhygienische Wirkung. Hier dürfen und sollen wir, was wir uns aufgrund einer verinnerlichten Moral sonst selbst verbieten. Da die verinnerlichte Moral eine zur klassen‐ und dazu noch konkurrenzgesellschaftlichen Lebenspraxis quer gestellte, fremdmächtig eingeimpfte ist, bringt sie einen Bedarf nach Katharsis hervor. Die Katharsis ist nicht eine Befreiung aus entfremdeter Moral, sondern findet statt in deren Gehege, in einem Raum, in dem man böse sein darf, weil man sich für gut erklären darf.
Diese Sorte Moral könnte man »Entpflichtungsmoral« nennen, weil ihr eine Moralsorte der allseitigen und jederzeitigen moralischen Verpflichtung als Norm zugrunde liegt. Letztere Moralsorte stellt sich in der Regel als »die« Moral hin. Ich nenne sie mal »Anspruchsmoral«.
Eine dritte Moralsorte, die als »Ingroupmoral« bezeichnet werden könnte, bezieht sich von vornherein nur auf die Gruppe, der man angehört oder sich zugehörig fühlt. Auf Außenstehende wird Moral nicht angewandt, so dass man ihnen gegenüber gar nicht erst böse werden kann. Ingroupmoralen brauchen nicht zu entpflichten. Nichtmoralisch die Ingroup festzulegen genügt dieser Moralsorte schon, um ausreichend vielen Leuten nach Lust und Laune aufs Maul hauen zu können, ohne sich schlecht dabei zu fühlen.
Ingroupmoral und Entpflichtungsmoral sind leicht zu verwechseln. Beide arbeiten mit Ausschlüssen. So richtig heuchlerisch kann aber nur die Entpflichtungsmoral sein, da sie sich positiv auf eine Anspruchsmoral der allseitigen und jederzeitigen Verpflichtetheit bezieht, der sie nachzukommen vorgibt.
Im christlichen Europa hat die Entpflichtungsmoral eine lange Tradition, die mit brennenden Synagogen und Scheiterhaufen beleuchtet ist, ohne an Kirchen Gedenktafeln zu hinterlassen. Unter Außenministerin Annalena Baerbock trat die Entpflichtungsmoral als »feministische« und aktuell tritt sie als »wertegebundene Außenpolitik« in Erscheinung. Kommt sie im islamischen Gewand daher, wird das »Islamismus« genannt, obschon kulturgeschichtlich gesehen vielleicht eine Bezeichnung wie »christianisierter Islam« angemessener wäre.
Die hier skizzierten drei Moralsorten sind idealtypisch. Praktisch treten sie meistens verwischt auf. So sind viele (oder unvermeidlich alle?) Anspruchs‐ und Entpflichtungsmoralen zugleich Ingroupmoralen: beschränkt auf Lebewesen mit Großhirnen oder auf Menschen oder auf nichtsterbende Menschen, um ohne moralische Dissonanzen an die Organe Sterbender rankommen zu können, oder auf geborene Menschen, um ohne moralische Dissonanzen Föten loswerden und der Pharmaforschung zuführen zu können. Beim Thema »Antifaschismus« wohl nicht allzu vereinfachend ignoriere ich den Aspekt der Beschränktheit von Anspruchs‐ und Entpflichtungsmoralen. Aber er ist nützlich, um sich aus angepasster entpflichtungsmoralischer Perspektive Effekte von enger gefassten Ingroupmoralen und rigideren Entpflichtungsmoralen vorstellen zu können, etwa Möglichkeiten, Menschen ohne moralische Dissonanzen enteignen, vertreiben, versklaven, foltern, vergewaltigen, ausrotten zu können.
Das Wort »sondern« zwischen »moralische Haltung« und »Selbstverteidigung« im »Thesenpapier Roter Antifaschismus« zeigt eine Tendenz zur Ingroupmoral an. In entwickelten kapitalistischen Systemen umfasst die gemeinte Ingroup, wenn man als »Arbeiter:innenklasse« alle Lohnabhängigen rechnet, rund 80 bis 90 Prozent der Erwerbstätigen und von deren Einkommen Abhängige. Anspruchs‐ und entpflichtungsmoralisch gesehen können Leute, die bloß eine Ingroupmoral hinbekommen, kaum eine moralisch bessere Ingroupmoral als das Proletariat erwischen.
Die Art der Kritik des Thesenpapiers an der Nazisaufsmaulhauenmoral deutet eher auf eine Entpflichtungsmoral hin. Kritisiert werden nicht deren Funktionsweise und Bezug auf eine Anspruchsmoral, sondern ihre Ausgestaltungen: die Unorganisiertheit des Aufsmaulhauens; dessen Unverbundenheit mit der Klassenfrage und ein allzu großer Begriffsumfang von »Nazis« (nicht ein allzu kleiner, obschon Nazis nur eine unter vielen Faschistinnenvarianten stellen, von denen manche recht niedlich sind). Man bevorzugt eine elaboriertere Entpflichtung, ungefähr:
»Nazis aufs Maul hauen ist generell gut. Selbstverteidigung der Arbeiterinnenklasse ist generell gut. – Nichtnazis aufs Maul hauen und Selbstverteidigung von Nichtarbeiterinnen sowie Verteidigung von Nichtarbeiterinnen sind abhängig vom konkreten Fall unter Wahrung dieser und jener moralischen Prinzipien oder sogar überhaupt nicht gut.«
Herrschende Moral
Ingroupmoralen, die als solche bemerkbar sind, kann ein funktionierender Kapitalismus und mit ihm die Menschheit so wenig brauchen, dass sie als gesellschaftliche Option praktisch eliminiert sind. Die verallgemeinerte Praxis des Handels mit privateigentümerisch produzierten Waren, einschließlich der Ware Arbeitskraft, erzeugt und benötigt eine Anspruchsmoral mit allgemeingültigen Normen und Begrifflichkeiten der »Gleichbehandlung«, »Gerechtigkeit« usw. in Abgrenzung zu »Diebstahl«, »Betrug« usw.
Eine Outgroup, die sich durch das Bemerken einer Ingroupmoral findet, kann kaum anders als Misstrauen und Vorsicht gegenüber denen zu pflegen, die sie der Ingroup zuordnet. Im Bemerken oder auch nur Unterstellen einer Ingroupmoral wird so manches zur verantwortungslosen, schafsmäßigen Dummheit, das ohne dem als »normales Verhalten Erwachsener« durchginge, zum Beispiel freiwillige Teilnahmen an Kriegen zur Verteidigung des Vaterlandes ohne vorherige kritische Prüfung der jeweiligen Kriegspropaganda und voraussichtlichen Nutzeffekte des Krieges oder Zustimmungen von Eltern zu medizinischen Maßnahmen an ihren Kindern ohne vorherige kritische Prüfung dieser Maßnahmen.
Mit einer bemerkbaren Ingroupmoral schießt sich eine Ingroup nur dann nicht selbst ins Knie, wenn sie keinen Umgang mit der Outgroup hat, die Ingroupmoral also praktisch als Entpflichtungs‐ oder Anspruchsmoral funktioniert, oder wenn sie so viel Macht über die Outgroup hat, dass sie deren Misstrauensniveau nach unten regulieren kann oder keine handlungseinschränkenden Nachteile vom Misstrauen der Outgroup hat. Sowas gibt’s nicht oft, und auch ist Misstrauensregulation ziemlich teuer.
Um sich gesellschaftlich Gehör zu verschaffen, können Praktizierende von Ingroupmoralen kaum anders als Anspruchsmoralen vorzuheucheln und Entpflichungsmoralen zu praktizieren. Gewerkschaften, Kapitalistinnenverbände, Landwirtschaftsverbände, Ärztinnen und Pharmaindustrie, Investmentunternehmen, Staatsapparate und Streitkräfte …: alle – bis auf manche kommunistische Organisationen – wollen grundsätzlich für alle das Beste. Sogar migrationserregte Nazis in den imperialistischen Zentren wollen nicht nur für »die eigenen Leute«, sondern auch für die abzuweisenden Einwanderungswilligen das Beste.
Vorgespielt oder echt: Entpflichtungsmoralen sind bis auf Weiteres unvermeidlich. Sobald das Heucheln gesellschaftlich vermeidbar wäre, bräuchte es keine Moral mehr im Sinne einer über dem praktischen Leben schwebenden Leitungsinstanz. So ungefähr beschreiben es Marx und Engels in der Deutschen Ideologie:
»Die Kommunisten predigen überhaupt keine Moral […]. Sie stellen nicht die moralische Forderung an die Menschen: Liebet Euch untereinander, seid keine Egoisten pp.; sie wissen im Gegenteil sehr gut, dass der Egoismus ebenso wie die Aufopferung eine unter bestimmten Verhältnissen notwendige Form der Durchsetzung der Individuen ist.
Die Kommunisten wollen also keineswegs […] den ›Privatmenschen‹ dem ›allgemeinen‹, dem aufopfernden Menschen zuliebe aufheben […]. Sie wissen, dass dieser Gegensatz nur scheinbar ist, weil die eine Seite, das sogenannte ›Allgemeine‹, von der andern, dem Privatinteresse, fortwährend erzeugt wird und keineswegs ihm gegenüber eine selbständige Macht mit einer selbständigen Geschichte ist, dass also dieser Gegensatz fortwährend praktisch vernichtet und erzeugt wird.
Es handelt sich […] um die materiell bedingte Vernichtung einer bisherigen materiell bedingten Daseinsweise der Individuen, mit welcher zugleich jener Gegensatz samt seiner Einheit verschwindet. […] Der Vertreter der persönlichen Interessen ist bloß ›Egoist […]‹ wegen seines notwendigen Gegensatzes gegen die gemeinschaftlichen Interessen, innerhalb der bisherigen Produktions‐ und Verkehrsweise zu allgemeinen Interessen verselbständigt und in der Form idealer Interessen vorgestellt und geltend gemacht. Der Vertreter der gemeinschaftlichen Interessen ist bloß ›Aufopfernder‹ wegen seines Gegensatzes gegen die als Privatinteressen fixierten persönlichen Interessen, wegen der Bestimmung der gemeinschaftlichen Interessen als allgemeiner und idealer. Beide […] treffen in letzter Instanz zusammen in der Selbstverleugnung.« (MEW 3, Seite 229f)
Seit einiger Zeit gewinnen mehr und mehr Menschen den Eindruck, dass Staatspolitiken des Wertewestens durch mächtige Kreise gelenkt werden, die eine Ingroupmoral praktizieren – nicht eine Klassenmoral, sondern eine Subklassenmoral, die mittelständisches und kleines Unternehmerinnentum zur Outgroup rechnet. Schon die Privatisierungswelle im Wohnungs‑, Gesundheits‐ und Energiebereich ab etwa den 1990ern, die den Interessen kleiner und mittlerer Kapitale nach niedrigen Reproduktionskosten der Arbeitskraft und niedrigen Produktionskosten entgegen lief, während sich Großkapitale durch Staatsbeziehungen und Kapitalkonzentrationen schadlos hielten, ließ sich als Ausdruck des wachsenden Einflusses oligarchischer Sonderinteressen interpretieren.
In der Ideologie des klassischen Faschismus bildet diese Interpretation den Ausgangspunkt prokapitalistischer Lösungsvorstellungen, wobei die Ingroupmoral der angefeindeten Oligarchie als »jüdisch« markiert wird oder auch nicht. In linken und pseudolinken Kreisen ist von »Neoliberalismus« die Rede und wird die Annahme, mächtige Kreise praktizierten eine Ingroupmoral, häufig als antisemitische Verschwörungstheorie zurückgewiesen, ob sie als »jüdisch« markiert wird oder nicht.
Ohne Annahme einer Ingroupmoral ist es allerdings fast unmöglich, emotional nachzuvollziehen, wie Mitglieder der Oligarchie Millionen Menschen zu ungenügend getesteten Spritzstoffen treiben lassen, den Völkermord in Gaza unterstützen lassen oder die männliche Bevölkerung der Ukraine zur russischen Schlachtbank führen lassen könnten, ohne beim Blick in den Spiegel kotzen müssen. Ganz ohne Moral, rein hedonistisch, wären längerfristig koordinierte Aktivitäten mit hohem Kostenrisiko wie die angedeuteten schlecht zu bewerkstelligen. In jeder Form der längerfristigen Zusammenarbeit von »Egoisten« bildet sich eine von den Zusammenarbeitenden geteilte vorherrschende Moral aus. Man muss sich in gewissen Hinsichten aufeinander verlassen können.
Unter Arbeiterinnen im Kapitalismus bildet sich weitgehend nur im konkreten Klassenkampf eine zur Zusammenarbeit taugliche Moral aus, da wir normalerweise nicht zusammenarbeiten, sondern als Komponenten einer Maschine funktionieren oder rausfliegen. Die in der Lohnarbeit des Normalbetriebs gebildete geteilte Moral beschränkt sich auf eine Arbeitsmoral: wer sich drückt, bekommt von Kolleginnen auf den Deckel oder erfährt ihren Neid. Das entspricht unserer lohnarbeiterisch beschränkten Interessenslage.
Das öffentliche Hervorblitzen einer Oligarchie mit Ingroupmoral im euroatlantischen Raum ist ein Symptom eines nicht ordentlich funktionierenden Kapitalismus und damit verbundenen Klassenherrschaftsverfalls. Wie weit der moralische Niedergang der Herrschenden fortgeschritten ist, zeigte kürzlich eine Gallup‐Umfrage in den USA: 39 Prozent der Befragten haben eine positive Einstellung zum Sozialismus; wohl rund 60 Prozent der Befragten halten das »Big Business« für gemeinschädlich genug, um seine Sozialisierung zu befürworten. In Deutschland äußerte sich der moralische Niedergang der Herrschenden unter anderem als Spekulation über gehäufte Todesfälle unter AfD‐Kandidaten im nordrhein‐westfälischen Wahlkampf, die so weite Runden drehte, dass Systemmedien sie nicht ignorieren konnten.
Herrschaft wird mit dem Anspruch moralischer Allgemeinrepräsentanz angetreten und verfällt, wenn Beherrschte daran zu zweifeln beginnen. Der Zweifel wird im Allgemeinen durch schlechter werdende Lebensbedingungen gesät.
Marx und Engels sagen:
»Jede neue Klasse nämlich, die sich an die Stelle einer vor ihr herrschenden setzt, ist genötigt, schon um ihren Zweck durchzuführen, ihr Interesse als das gemeinschaftliche Interesse aller Mitglieder der Gesellschaft darzustellen, d.h. ideell ausgedrückt: ihren Gedanken die Form der Allgemeinheit zu geben, sie als die einzig vernünftigen, allgemein gültigen darzustellen.
Die revolutionäre Klasse tritt von vornherein, schon weil sie einer Klasse gegenübersteht, nicht als Klasse, sondern als Vertreterin der ganzen Gesellschaft auf, sie erscheint als die ganze Masse der Gesellschaft gegenüber der einzigen, herrschenden Klasse. Sie kann dies, weil im Anfange ihr Interesse wirklich noch mehr mit dem gemeinschaftlichen Interesse aller übrigen nichtherrschenden Klassen zusammenhängt, sich unter dem Druck der bisherigen Verhältnisse noch nicht als besonderes Interesse einer besonderen Klasse entwickeln konnte. Ihr Sieg nutzt daher auch vielen Individuen der übrigen, nicht zur Herrschaft kommenden Klassen […]
Jede neue Klasse bringt daher nur auf einer breiteren Basis als die der bisher herrschenden ihre Herrschaft zustande, wogegen sich dann später auch der Gegensatz der nichtherrschenden gegen die nun herrschende Klasse um so schärfer und tiefer entwickelt. Durch Beides ist bedingt, dass der gegen diese neue herrschende Klasse zu führende Kampf wiederum auf eine entschiedenere, radikalere Negation der bisherigen Gesellschaftszustände hinarbeitet, als alle bisherigen die Herrschaft anstrebenden Klassen dies tun konnten.« (MEW 3, Seite 47f)
Mitglieder einer Oligarchie, die ansonsten keine Schwierigkeiten haben, einander über den Tisch zu ziehen, halten mit wachsender Bedrohung ihrer Macht praktisch und auch moralisch enger zusammen, wobei sich ihr Horizont zunehmend verengt. Der letztlich ökonomisch bedingte Umstand, dass die euroatlantische (golfmonarchisch und anderweitig gesprengselte) Oligarchie immer weniger Brosamen für Beherrschte abwirft und mehr und mehr zu einem gesamtgesellschaftlichen Kostenfaktor, schließlich zu einem gesamtgesellschaftlichen Risiko wird, verleiht der oligarchischen Moral sachzwangsbedingt mehr und mehr den Charakter einer Ingroupmoral. Für die Oligarchie gilt ungefähr, was im »Thesenpapier Roter Antifaschismus« steht:
»Wir kämpfen nicht für andere … Auch wenn bestimmte Gruppen der Pharma‑, Rüstungs‑, Öl‐ oder Finanzbranche besonders angegriffen werden und verteidigt werden müssen, darf diese Orientierung nicht verloren gehen. Unser Kampf um den Macht‐ und Reichtumserhalt ist keine moralische Haltung, sondern kollektive Selbstverteidigung.«
Sollen wir Arbeiterinnen es ihnen gleichtun und der Oligarchie eine Ingroupmoral der 80 bis 90 Prozent entgegenstellen? Müssen wir es ihnen gleichtun? Entspräche das aufgrund des großen Umfangs der Ingroup einer »entschiedeneren, radikaleren Negation der bisherigen Gesellschaftszustände«? Sollte die Moral der Hafenarbeiterinnen, die sich weigern, Waffen zu verschiffen, sollte deren Kampf »für andere«, der zugleich ein Kampf für die eigene Würde ist, nicht unser Vorbild sein? Kann er nicht unser Vorbild sein?
Entpflichtung durch Wahrheit
Ingroupmoralen brauchen keine Anerkennung einer Wahrheit durch die Outgroup, weil die Outgroup sowieso nicht zählt. Entpflichtungs‐ bzw. Anspruchsmoralen dagegen wollen normalerweise als auf Wahrheit beruhend allgemein anerkannt sein.
»Die Wahrheit« transportiert die jeweilige Moral aus der Unverbindlichkeit der zirkulären Selbstbegründung heraus. Um im Gehege einer Entpflichtungsmoral zum Beispiel Nazis aufs Maul hauen zu können und als gut dazustehen, genügt es nicht, Nazis für böse zu erklären. Die nur moralische Beurteilung von Nazis wäre eine neben anderen wie: »Nazis sind gute Leute« oder »Nazis sind so gut oder böse wie andere Menschen auch« oder »Nazis sind zwar im Allgemeinen böse, aber mein Nachbar Egon ist ein guter Nazi«. Um dieses Nebeneinander moralischer Beurteilungen loszuwerden, muss es wahr sein, dass Nazis böse sind.
Das Böse
Soweit das Böse, das Nazis zugeschrieben wird, nicht etwas ist, das die konkreten Nazis, die aufs Maul kriegen, getan haben, zum Beispiel weil es in der Vergangenheit stattfand oder weil die Person mit dem betreffenden Maul bisher nur geredet hat, aber zu einflusslos war, um damit Leuten zu schaden, oder weil vor dem Aufsmaulhauen keine personenbezogenen Nachweise böser Taten eruiert wurden, kann die moralische Beurteilung, die das Aufsmaulhauen rechtfertigt, nicht von den individuellen Taten derer abhängen, die aufs Maul kriegen dürfen. Oder mehr quantitativ gesehen – falls man eine dazu passenden Moral und Gesellschaftsauffassung hat: Der homöopathische Anteil, den Nachbar Egon durch sein faschistisches Gequatsche an einer Massendeportation Eingewanderter hat, die offiziell nichtfaschistische Polizei‐ und Verwaltungskräfte und Flughafenpersonal usw. praktisch durchführen, rechtfertigt nicht unbedingt einen Schlag auf Egons Maul.
Es wird ein Böses mit einer Art Übertragungsmechanismus benötigt, so dass die bösen Taten anderer ohne komplizierte Schuldanteilsabwägungen denen zugeschrieben werden können, die aufs Maul kriegen sollen. An dieser Stelle wird das Böse zu einer eigenständigen Angelegenheit und individuelle Nazis zu deren Verkörperungen. Das Böse wird substantiviert – so ähnlich wie künstlerisch oder symbolistisch »das Gelb« als etwas Eigenständiges handhabbar ist im Unterschied zur Eigenschaft, gelb zu sein. Gelben Schuhen, gelben Sonnen, gelben Wänden usw. wird in herkömmlichen Zusammenhängen kein durch ihr Gelbsein gestifteter Wesenszusammenhang unterstellt. Man kann zugleich gelbe Schuhe scheiße finden und gelbe Wände leiden mögen.
Die religiöse Wurzel der Substantivierung des Bösen scheint im »Thesenpapier Roter Antifaschismus« in der Verwendung eines biblischen Ausdrucks durch:
»Wir müssen […] die Faschisten als falsche Schlangen entlarven.«
Käme dem, was »Faschisten« (wieso ohne Doppelpunkt?) verkörpern, keine Wahrheit zu, wäre eine nichtindividuelle moralische Rechtfertigung des Nazisaufsmaulhauens hinfällig. Käme der Verkörperbarkeit des Bösen keine Wahrheit zu, wäre eine nichtindividuelle moralische Rechtfertigung des Nazisaufsmaulhauens ebenfalls hinfällig. Zur moralischen Rechtfertigung des Nazisaufsmaulhauens würde man dann das machen, was auch in nichtmoralischen Fällen zweckmäßig ist: schauen, inwieweit ein konkretes Aufsmaulhauen zum Schutz vor »Faschisten« beitragen kann, welche Konsequenzen pauschales oder personenbezogenes Aufsmaulhauen unter welchen Umständen für wen hat usw. Darin, solche komplizierten Sachen nicht machen zu müssen, liegt ein zentraler Nutzen der Naziaufsmaulhauenmoral und vergleichbarer Moralen.
Auf der Konstruktion des Bösen als verkörperungsfähige Angelegenheit, die in bestimmten Kulturkreisen eingefleischt ist und wie die Verdauung erst kompliziert wird, wenn man sich ihr Funktionieren klar zu machen versucht, beruht die Ansage:
»Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!«
Eine faschistische Meinung zu vertreten, setzt den Übertragungsmechanismus des Bösen in Gang, der die faschistische Meinungsäußerung unabhängig von ihrem Zusammenhang mit persönlichen Taten und sogar unabhängig von gegenwärtigen und zukünftigen praktischen Schäden zur bösen Tat werden lässt.
Nach demselben Muster verfolgen Staatsapparate alle möglichen Meinungsäußerungen, denen sie Wirksamkeiten gegen ihre Interessen und Ziele zutrauen, aktuell besonders solche gegen den US‐israelisch‐britisch-deutschen Völkermord in Gaza, der seit den Massakern am 7. Oktober 2023 andauert, bei denen rund 800 wirkliche und angebliche Zivilpersonen grob geschätzt je zur Hälfte von palästinensischen Bewaffneten und israelischen Bewaffneten getötet wurden. Nachweise, inwieweit welche Meinungsäußerungen gegen den Völkermord von wem unter welchen Umständen dem jeweils vorgeschobenen Verfolgungsgrund genügen, inwieweit sie zum Beispiel als »terroristisch« bezeichnete Organisationen fördern, sind noch nicht mal in statistischer Form erforderlich. Eine nicht völlig abwegig erscheinende staatliche oder auch nur von einflussreichen Kreisen vorgebrachte Behauptung, dass sie es tun, genügt. Nach demselben Muster wird mit als »terroristisch« bezeichneten Organisationen verfahren. Die Kategorisierung als »terroristisch« genügt; Nachweise, inwieweit welche Aktionen der betreffenden Organisationen tatsächlich stattgefunden haben und nach geltenden Rechtsmaßstäben terroristisch sind und nicht zum Beispiel vom Recht auf bewaffneten Widerstand gegen völkerrechtswidrige Besatzungen gedeckt, sind nicht erforderlich. Nach demselben Muster wurden in der Covid‐Zeit maßnahmenkritische Fachleute niedergemacht und werden bis heute Ärztinnen kriminalisiert. Nachweise, dass die jeweils kritisierten oder vermiedenen Maßnahmen mehr Nutzen als Schaden brachten, waren und sind nicht erforderlich.
Allgemein schafft der Übertragungsmechanismus des Bösen die Möglichkeit, Menschen aufgrund bloßer Kategorisierungen böse zuzusetzen und dabei als gut dazustehen. Viele Betroffene reagieren darauf mit einer Bestreitung der jeweiligen Kategorisierung. Sie sagen zum Beispiel: »Aufgrund meiner patriotischen Haltung bin ich noch lange kein Nazi« oder »Aufgrund meines Antizionismus bin ich noch lange keine Antisemitin« oder »Aufgrund meiner Weigerung, ungenügend getestetes, als ›Impfstoff‹ ausgegebenes Zeug zu verspritzen, bin ich noch lange keine Impfgegnerin«. Solche Reaktionen können als Argumente der Abwehr funktionieren, wenn die Unterdrückung von Menschen aufgrund bloßer Kategorisierungen grundsätzlich akzeptiert wird. Eine andere Reaktion Betroffener besteht darin, die spezifische Verbindung zwischen Kategorisierung und Unterdrückungserlaubnis zu bestreiten: »Dass ich als Nazi unterdrückt werde, ist ungerecht; moralisch gerechtfertigt ist die Unterdrückung von Antifas, Jüdinnen, Muslima sowie Eingewanderten sämtlicher Weltanschauungen und Religionen.« Eine dritte Reaktion besteht darin, Verbindungen zwischen Kategorisierungen und Unterdrückungserlaubnissen generell für inakzeptabel zu erklären und zum Beispiel zu sagen: »Unterdrückungserlaubnisse müssen an konkret nachweisbare und nicht besser zu erreichende Schadensverhütungen gekoppelt sein.« Das galt in der jüngeren Vergangenheit in vielen Ländern als normale bürgerliche Herangehensweise der »Güterabwägung«.
Faschistische Meinungsäußerungen für sich gesehen können aus Perspektive dieser Herangehensweise Schädigungen hervorbringen, die nach der jeweils vorherrschenden Entpflichtungsmoral Verbote oder Gefängnisstrafen in bestimmten Fällen rechtfertigen und in anderen nicht. In der Regel entstehen durch faschistische Meinungsäußerungen Schädigungen erst aus Umständen, die verhindern, dass den Hassobjekten der Meinungsäußerungen die betreffenden Meinungsäußerungen am Arsch vorbeigehen können. Der Schädigungsmöglichkeit durch Meinungsäußerungen liegt oft eine Ohnmacht zugrunde, die mit Verboten dieser Meinungsäußerungen zementiert wird. Speziell in Nordamerika und Westeuropa steigt der Schutzbedarf potenzieller Hassobjekte seit einiger Zeit exponentiell. Kann sich eine Herrschaft von ihren Schutzbefohlenen eine weitergehende Ohnmacht erhoffen, als die, zur Bewältigung falscher Pronomina durch Zweigeschlechtsgläubige auf autoritäre Strafandrohungen angewiesen zu sein? Man wird sehen.
Verbindungen zwischen Kategorisierungen und Erlaubnissen zur Unterdrückung oder anderweitigen Schädigung von Menschen, wie sie der Übertragungsmechanismus des Bösen ermöglicht, machen die bürgerliche Herangehensweise der »Güterabwägung« überflüssig. Sie sind eine Methode der Komplexitätsreduktion, die sich besonders in Gemütsverfassungen der Angst anbietet.
Dort, wo Verbindungen zwischen Kategorisierungen und Unterdrückungserlaubnissen fehlen oder keinen hegemonialen Status haben, können Meinungsäußerungen auch dann straflos durchgehen, wenn sie ein lebensgefährliches Schädigungspotenzial beinhalten. Man denke etwa an die gesetzlich eigentlich verbotene Arzneimittelwerbung in den Systemmedien während der Covid‐Zeit. Ein jüngeres Beispiel ist eine Meinungsäußerung des Verteidigungsministers der USA, Pete Hegseth, neuerdings passender als »Kriegsminister« bezeichnet. Hegseth war am 30. September 2025 so frei, das Führungspersonal des US‐Militärs zu Kriegsverbrechen aufzufordern:
»Wir kämpfen, um zu siegen. Wir üben überwältigende und vernichtende Gewalt auf den Feind aus. Wir kämpfen auch nicht nach dummen Einsatzregeln. Wir geben unseren Kämpfern freie Hand, um die Feinde unseres Landes einzuschüchtern, zu demoralisieren, zu jagen und zu töten. Keine politisch korrekten und überzogenen Einsatzregeln mehr. Nur noch gesunder Menschenverstand, maximale Tödlichkeit und Autorität für die Kämpfer.«
(Minute 11:45 – passend zum Sexismus Hegseths mit generischem Maskulinum übersetzt)
Hegseth geht von folgender Wahrheit aus:
»Entweder schützt man sein Volk und seine Souveränität, oder man wird jemandem oder etwas unterworfen sein. Das ist eine Wahrheit, die so alt ist wie die Zeit selbst.« (Minute 2:39)
Der Nationalwahrheit Hegseths lässt sich eine (tautologische?) Klassenwahrheit entgegensetzen:
»Entweder lassen sich die Arbeiterinnen die Produktionsmittel, die sie produzieren, nicht mehr wegnehmen oder sie werden denen, die ihnen die Produktionsmittel wegnehmen, unterworfen bleiben.«
Die der Ingroupmoral nahe stehende Variante der Entpflichtungsmoral Hegseths kann in der Klassenwahrheit dieselbe bleiben, nur mit einem anderen verteidigenswerten Selbst und Feindbild gefüllt:
»Wir kämpfen, um zu siegen. Wir üben überwältigende und vernichtende Gewalt auf den Klassenfeind aus. Wir kämpfen auch nicht nach dummen bürgerlichen Regeln. Wir geben unseren Klassenkämpfern freie Hand, um die Feinde der Arbeiterklasse einzuschüchtern, zu demoralisieren, zu jagen und zu töten. Keine politisch korrekten und überzogenen Regeln mehr. Nur noch gesunder Menschenverstand, maximale Tödlichkeit und Autorität für die Klassenkämpfer.«
Realbeispiel August 1918: »In Nishni wird offensichtlich ein weißgardistischer Aufstand vorbereitet. Alle Kräfte müssen angespannt werden, ein Triumvirat von Diktatoren ist einzusetzen, der Massenterror ist sofort einzuführen, die nach Hunderten zählenden Prostituierten, die die Soldaten betrunken machen, die ehemaligen Offiziere usw. sind zu erschießen bzw. aus der Stadt zu transportieren. Man darf keinen Augenblick zögern. Man muss mit aller Energie vorgehen: Haussuchungen in großem Umfang. Für den Besitz von Waffen Erschießung. Massenausweisung von Menschewiki und unzuverlässigen Personen.« (Lenin Werke 35, S. 325)
Ausgehend von einer Nationalwahrheit wie der Pete Hegseths, aber mit anderen, der Ingroupmoral ferner stehenden Varianten der Entpflichtungsmoral, liegen andere Praktiken näher. US‐Generalleutnant a. D. Mark Hertling, in führender Position an der Verbreitung der Demokratie im Irak beteiligt, meint zum Beispiel in den Äußerungen Hegseths
»zeigt sich lediglich ein Mangel an strategischer Weitsicht und strategischem Verständnis dafür, was die Gesetze der Landkriegsführung und die Genfer Konvention bewirken. […] Wenn man im Kampf Verbrechen begeht, mindert dies in erster Linie die moralische Autorität einer Nation, aber zweitens wird es letztendlich jeder Person, die solche Taten begeht, unglaublichen moralischen Schaden zufügen. […] Die Soldaten und Soldatinnen, die auf dem Schlachtfeld völlig entfesselt waren und barbarisch wurden und sich nicht an die Regeln ihrer Kommandierenden hielten, kehren mit großen moralischen Verletzungen in die Zivilgesellschaft zurück. Das ist bewiesen. Dahinter stehen faktische Daten. Wer kommandiert, muss sich darüber Gedanken machen. […] Ich habe die Truppen sehr genau beobachtet, wenn sie in heftige Feuergefechte gerieten, und manchmal sogar Einheiten aus dem Kampf zurückgezogen, weil sie etwas zu forsch wurden […]. Das ist die Aufgabe von Kommandierenden.« (Minute 12:39)
Schon die Vorstellbarkeit einer Moralvariante wie die Hertlings kann bei vorausgesetzter Klassenwahrheit taktisch‐strategisch zweckmäßige Fragen anregen. Zum Beispiel: Inwiefern nützt und schadet den Anliegen der Arbeiterinnenklasse eine Moralvariante wie die von Pete Hegseth? Wozu könnte die Arbeiterinnenklasse Charaktere brauchen, die es sich zum Hobby gemacht haben, Nazis zu klatschen, und wozu nicht?
Das Gute
Das »Thesenpapier Roter Antifaschismus« nennt als Möglichkeit, Moral aus dem Spiel zu halten, die Selbstverteidigung. Vergleichbar können wir einen Regenschirm aufspannen, um uns vor Regen zu schützen, und das gut finden, ohne das Regenschirmaufspannen zur moralisch guten Tat erklären zu müssen. Moral kommt erst ins Spiel, so legt das Thesenpapier nahe, wenn es um ein Regenschirmaufspannen »für andere« geht.
Damit es funktionieren kann, Moral auf diese Weise aus dem Spiel zu halten, muss das Selbst der Selbstverteidigung definiert sein und, da das Selbst als begrenzt gesetzt wird, von »den anderen« abgegrenzt werden, bei deren Verteidigung Moral ins Spiel käme. Um nicht zur Ingroupmoral zu degenerieren, muss so eine Abgrenzung auf Wahrheit beruhen.
Für Kommunistinnen, die diese Konstruktion verinnerlicht haben, ist »die Wahrheit«, dass wir in einer kapitalistischen Klassengesellschaft leben. Die Wahrheit definiert das Selbst der Selbstverteidigung als Arbeiterinnenklasse.
Unpraktischerweise (bezüglich Faustreichweite und Knastvermeidung praktischerweise) sind nicht wenige Nazis Mitglieder der Arbeiterinnenklasse. Das führt dazu, dass im Sinne des »Roten Antifaschismus« einige Mitglieder der Arbeiterinnenklasse zu verteidigen sind, während andere Mitglieder der Arbeiterinnenklasse aufs Maul kriegen oder anderweitig bekämpft werden sollen. Mit »Selbstverteidigung der Arbeiterinnenklasse« kann deshalb nicht die Verteidigung der Mitglieder der Arbeiterinnenklasse gemeint sein. Darauf weist das Thesenpapier hin, indem es heißt:
»Wir kämpfen […] für die Interessen der Klasse in ihrer Gesamtheit.«
Verteidigt werden soll ein über‐individuelles Dingens, das irgendwie »Interessen der Klasse in ihrer Gesamtheit« hat. Damit wir Arbeiterinnen die Verteidigung der »Interessen der Klasse in ihrer Gesamtheit« als »Selbstverteidigung« begreifen können, müssen wir uns mit den »Interessen der Klasse in ihrer Gesamtheit« identifizieren, wir müssen Arbeiterinnen sein. Bloß Mitglied der Arbeiterinnenklasse zu sein, wie es Nazis auch sind, reicht nicht.
Ein bloßes Mitglied der Arbeiterinnenklasse könnte etwa sagen:
»Hier sind Interessen der Arbeiterinnenklasse in ihrer Gesamtheit und hier sind meine persönlichen Interessen, hier die Interessen von Handyvertragsabschließenden und hier die meiner Tochter Lisa, hier die meines Arbeitskollegen Mevlüt, hier die allgemeinen Interessen lohnabhängiger Einwanderungswilliger und hier die meines Fußballvereins und hier die meines Lieblingskiosk‐Betreibers, die sich alle teilweise ergänzen und teilweise widersprechen und teilweise überlappen oder auch nicht.«
Interessen zu verteidigen ist meistens mit einem Verstoß gegen andere Interessen verbunden, zum Beispiel Streikposten stehen, während man eigentlich am Sofasitzen oder an einem Familienausflug an den nächsten Baggersee interessiert ist. Ein bloßes Mitglied der Arbeiterinnenklasse brächte eine Verteidigung konkreter Interessen zustande, aber kaum eine Selbstverteidigung eines über‐individuellen Dingens.
Damit wir die Verteidigung der »Interessen der Klasse in ihrer Gesamtheit« als »Selbstverteidigung« auffassen können, müssen wir nicht nur Arbeiterinnen sein, sondern sollen nach Ansage des Thesenpapiers dabei auch unsere moralischen Haltungen außen vor lassen.
Darin steckt eine Aufforderung zur Selbstreduktion.
Anders als bei der Reduktion von Nazis auf Verkörperungen des Bösen winkt bei der Selbstreduktion auf eine Verkörperung des Guten, der Arbeiterinnenklasse, eine Belohnung. Man wird Teil von etwas Höherem, dem die Zukunft gehört. Rosa Luxemburg beschreibt den Effekt mit folgenden Worten:
»Das […] zermalmte Ich nimmt dadurch Revanche, dass es sich selbst in seiner revolutionären Gedankenwelt auf den Thron setzt und sich für allmächtig erklärt«.
Was der Wahrheit entspricht, ist nicht nur »allmächtig« (Lenin), sondern kann auch unmöglich böse sein, ist also gut. Auch diese Vorstellung vom Zusammenfallen des Wahren und Guten hat religiöse Wurzeln, unter anderem im durch Benjamin Mileikowsky alias Netanjahu bekannter gemachten Amalek‐Völkermordaufruf der Bibel. Der göttlichen Wahrheit, die einen Völkermord zur gottgefälligen Aktion erklärt, ist keine legitime menschliche moralische Haltung entgegenzusetzen.1
Säkularisiert erscheint die Wahrheit als Sachfrage und die Bekehrung von Mitmenschen zur Wahrheit als moralfreie sachbezogene »Überzeugungsarbeit«. Der Schein trügt. In der Etikettierung von Arbeiterinnen mit bestimmten politischen Haltungen als Feindinnen der Arbeiterinnenklasse und in der über‐individuellen »Selbstverteidigung« mutiert der von Marx dargelegte sozioökonomische Begriff der Arbeiterinnenklasse zu einem moralisierten Ideologiegebilde, von dem man glaubt und hofft, dass die faktischen Realitäten es einholen werden, da es »der Wahrheit« entspricht. Zusätzlich sollte man, weil es ums Prinzip des Wahren und darum Guten geht, Avantgardedarstellungsbedürftige mit geringfügig anderen Deutungen des Ideologiegebildes als »Revisionisten«, »Verräter« etc. pp. bekämpfen.
Die Entpflichtung mittels der Wahrheit ist eine Schablone, die sich beliebig ausfüllen lässt. Hier ist ein lustiges nichtkommunistisches Beispiel aus Twitter/X:
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Hannah H. @Tweetenti 28.11.2021: »Im Übrigen bin ich immer noch der Meinung, dass ein konsequentes 2G das Mittel schlechthin ist. Kein Impfmuffel, den ich kenne, ließ sich durch Appelle, Aufklärung überzeugen. Nur ein knallhartes ›du kommst hier nicht rein‹ überzeugte letztlich immer.« |
Hannah H. @Tweetenti 21.07.2025: »Ich hab mich früher immer gefragt: Wie konnte 1933 – 1945 geschehen? Was waren das für Menschen? Wenn ich heute sehe, wie wieder Stimmung gegen Minderheiten gemacht, wie verroht die Debatten geführt werden, kann ich es mir ungefähr vorstellen. Never again? Shame on you, Germany.« 2 |
Die Kombination der linken und rechten Seite im Denken derselben Person ist nicht so irrational wie man meinen könnte. Sie folgt vernünftigerweise aus der Kenntnis der Wahrheit in Verbindung mit einer Entpflichtungsmoral. Das verteidigenswerte, ego‐aufblähende Selbst ist im Fall von Hannah H. wohl »die Menschheit«.
Moralen der Entpflichtung mittels der Wahrheit sind an ihrer Menscheneinteilung erkennbar, die immer demselben Muster folgt:
- Menschen, die die angebliche Sachfrage, vor allem die Definition des verteidigenswerten Selbst, aus Unwissenheit oder aufgrund von Propagandawirkungen falsch beantworten – die sollen in den Genuss von »Aufklärung« und »zugewandter Überzeugungsarbeit« kommen.
- Menschen, die sich nicht »aufklären« lassen und also die Sachfrage willentlich falsch beantworten, gerne »Leugner« genannt – die werden »entlarvt« und niedergemacht.
- Menschen, die die Sachfrage richtig beantworten – zu denen gehört nach der Selbstauflösung im jeweiligen über‐individuellen Dingens bei aller Bescheidenheit unvermeidlich man selbst.
Was genau das verteidigenswerte Selbst und dessen »Interessen in seiner Gesamtheit« sind, bestimmt natürlich nicht Gruppe C, sondern ist durch die Wahrheit gegeben, zu der Gruppe C Zugang hat. Je nachdem wird die Wahrheit in der Nation, im Volk, in der gesamten Menschheit, in einer menschlichen Natur, in der Arbeiterinnenklasse, bei Hitler, Herzl, Lenin oder auch in Fernsehshows mit Prof. Dr. Drosten gefunden.
Mit Marx funktionieren die dreiheitliche Menscheneinteilung und Moralisierung der Arbeiterinnenklasse zum schützenswerten über‐individuellen Dingens auch – wenn man flüchtig genug liest. Andernfalls trifft man auf Haken, zum Beispiel den, dass Marx die Existenz der Arbeiterinnenklasse von der Existenz der Kapitalistinnenklasse abhängig macht:
»Die ökonomischen Verhältnisse haben zuerst die Masse der Bevölkerung in Arbeiter verwandelt. Die Herrschaft des Kapitals hat für diese Masse eine gemeinsame Situation, gemeinsame Interessen geschaffen. So ist diese Masse bereits eine Klasse gegenüber dem Kapital, aber noch nicht für sich selbst. In dem Kampf […] findet sich diese Masse zusammen, konstituiert sie sich als Klasse für sich selbst. Die Interessen, welche sie verteidigt, werden Klasseninteressen. Aber der Kampf von Klasse gegen Klasse ist ein politischer Kampf.« (Das Elend der Philosophie)
Der Kampf gegen die Kapitalistinnenklasse dient nicht dem Schutz der Arbeiterinnenklasse, sondern dem Schutz der Menschen, aus denen die Arbeiterinnenklasse besteht. Die Bildung der »Klasse für sich« ist ein Defensivphänomen und eine Notmaßnahme angesichts der Kapitalistinnenklasse, die zudem ständig durch »Konkurrenz unter den Arbeitern selbst« gestört wird (Kommunistisches Manifest).
»Es geht aus der ganzen bisherigen Entwicklung hervor, dass das gemeinschaftliche Verhältnis, in das die Individuen einer Klasse traten und das durch ihre gemeinschaftlichen Interessen gegenüber einem Dritten bedingt war, stets eine Gemeinschaft war, der diese Individuen nur als Durchschnittsindividuen angehörten, nur soweit sie in den Existenzbedingungen ihrer Klasse lebten, ein Verhältnis, an dem sie nicht als Individuen, sondern als Klassenmitglieder teilhatten. Bei der Gemeinschaft der revolutionären Proletarier dagegen, die ihre und aller Gesellschaftsmitglieder Existenzbedingungen unter ihre Kontrolle nehmen, ist es gerade umgekehrt; an ihr nehmen die Individuen als Individuen Anteil.« (MEW 3, Seite 74f)
»Die bürgerlichen Produktionsverhältnisse sind die letzte antagonistische Form des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, antagonistisch nicht im Sinn von individuellem Antagonismus, sondern eines aus den gesellschaftlichen Lebensbedingungen der Individuen hervorwachsenden Antagonismus, aber die im Schoß der bürgerlichen Gesellschaft sich entwickelnden Produktivkräfte schaffen zugleich die materiellen Bedingungen zur Lösung dieses Antagonismus. Mit dieser Gesellschaftsformation schließt daher die Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft ab.« (Zur Kritik der politischen Ökonomie, MEW 13, S. 9)
Bei Marx findet sich eine Ausgangsbasis für eine Erklärung, wie es zur Ideologisierung und Moralisierung der Arbeiterinnenklasse als schutzwürdiges über‐individuelles Dingens kommen kann, obschon Marx von Entwicklungen wie »Sozialismus in einem Land« und dem dadurch bedingten Einfrieren der proletarischen Klassenexistenz trotz weitgehender Aufhebung der inländischen Kapitalistinnenklasse nichts wissen konnte:
»Eine soziale Revolution befindet sich deswegen auf dem Standpunkt des Ganzen, weil sie – fände sie auch nur in einem Fabrikdistrikt statt – weil sie eine Protestation des Menschen gegen das entmenschte Leben ist, weil sie vom Standpunkt des einzelnen wirklichen Individuums ausgeht, weil das Gemeinwesen, gegen dessen Trennung von sich das Individuum reagiert, das wahre Gemeinwesen des Menschen ist, das menschliche Wesen.
Die politische Seele einer Revolution besteht dagegen in der Tendenz der politisch einflusslosen Klassen, ihre Isolierung vom Staatswesen und von der Herrschaft aufzuheben. Ihr Standpunkt ist der des Staats, eines abstrakten Ganzen, das nur durch die Trennung vom wirklichen Leben besteht, das undenkbar ist ohne den organisierten Gegensatz zwischen der allgemeinen Idee und der individuellen Existenz des Menschen. Eine Revolution von politischer Seele organisiert daher auch, der beschränkten und zwiespältigen Natur dieser Seele gemäß, einen herrschenden Kreis in der Gesellschaft, auf Kosten der Gesellschaft.« (»Kritische Randglossen«, 1844)
Moral des Faschismus
Mit einer Ingroupmoral kann eine herrschende Klasse eine Diktatur hinkriegen, aber nicht Faschismus. Mit einer Anspruchsmoral kann eine herrschende Klasse weder eine Diktatur noch Faschismus hinkriegen, vielleicht noch nicht mal eine Herrschaft.
Der Faschismus benötigt eine Moral mit Entpflichtungen entlang einer Linie, die quer zu Klassengegensätzen liegt und dafür sorgt, dass bestimmte Kapitalistinnen‐ und Arbeiterinnen‐Gruppen im selben verteidigenswerten Selbst unterkommen. Der klassische Faschismus verwendet dazu die Ideologiegebilde »Volk« und »Nation«.
Das »Thesenpapier Roter Antifaschismus« stellt der klassenbündnerischen Entpflichtungslinie des Faschismus eine Entpflichtungslinie entlang der Klassengegensätze entgegen. Deren Wahrheit kann nicht lediglich bedeuten: anhand von Fakten nachgewiesen. Denn die Fakten sagen, dass den Ideologiegebilden »Volk« und »Nation« wie der zum Ideologiegebilde gemachten Arbeiterinnenklasse eine ernst zu nehmende Wahrheit zugrunde liegt. Andernfalls könnte der klassische Faschismus auf gesellschaftlicher Ebene keine reale Gefahr darstellen und nicht den Klassengegensatz soweit überbrücken, dass ausreichend viele Arbeiterinnen zur Freude des Kapitals ihre Kraft und Leidensfähigkeit dem »Volk« und der »Nation« in den Dienst zu stellen.
Im Deutschland der Zwischenskriegszeit besaßen »Volk« und »Nation« für Arbeiterinnen genügend Wahrheit, um die damalige KPD zu Auseinandersetzungen darüber zu motivieren, wie weit diese Ideologiegebilde aufzugreifen und nicht als schlichte Lügen zu bestreiten sind.3
»Volk« und »Nation« wirken wie Opium wirklich und werden nicht bloß aufgrund falscher Behauptungen als wirksam halluziniert.4 Für so blöd, wie jemand sein muss, um Geld für ein nicht in der einen oder anderen Weise wirklich wohltuendes Suchtmittel auszugeben, erklärt das Thesenpapier Teile der Arbeiterinnenklasse.
»Es ist wichtig, dass wir versöhnliche Angebote schaffen um die Teile unserer Klasse, die den Lügen des Faschismus aufsitzen, wieder für den Kampf gegen den gemeinsamen Feind, die herrschende Klasse, zu gewinnen. Nicht eine moralische Abwehrhaltung, sondern nur eine zugewandte Überzeugungsarbeit wird das leisten können.«
Der Faschismus hat Lügen bzw. naive Gutgläubigkeit von Arbeiterinnen nicht nötig, um sich durchzusetzen. Er erstarkt auf Basis sozioökonomischer Realitäten, an die nach statistischen (daher individuell nicht »entschuldigten«) Wahrscheinlichkeiten die meisten Gesellschaftsmitglieder ihre moralischen und sonstigen Haltungen angleichen, um überhaupt oder besser über die Runden zu kommen.
»Religion, Familie, Staat, Recht, Moral, Wissenschaft, Kunst etc. sind nur besondre Weisen der Produktion«, heißt es bei Marx. Sollte dagegen »zugewandte Überzeugungsarbeit« ankommen können? Ja, sagen selbsterklärt materialistisch denkende Kommunistinnen. Eine andere Hoffnung haben sie nicht, da schon ihre Ausgangsbasis, die Arbeiterinnenklasse als sich selbst verteidigendes über‐individuelles Dingens, ein Luftschloss ist.
Im Deutschland der 1930er Jahre brachte die Verfolgung von als »jüdisch« und anderweitig als »fremdstämmig« deklarierten Nachbarsfamilien für »deutsche«, per faschodefinitionem nicht‐jüdische Arbeiterinnen unmittelbar erfahrbare Vorteile mit sich: Notverkäufe von Stiefeln und Hochzeitsklamotten, verlassene Wohnungen mit kostenlos erhältlichen Einmachgläsern und Pfannen, verlassene Kleingärten mit kostenlos erhältlichen Harken und Schubkarren …
Die Erwartung, dass ein siegreicher deutscher Faschismus einem deutschen Herrenvolk‐Proletariat nach einer Phase entsagenden Fleißes und aufopferungswilligen Kampfes weitergehende Vorteile bringen würde – bessere Bildungsmöglichkeiten, Vorgesetztenposten, höhere Einkommen, Wehrpflichtigen oder deren Hinterbliebenen vielleicht sogar Grundbesitz im Osten –, war nicht unvernünftig oder illusionär. Kapitalistische Apartheidsregime funktionieren ohne Privilegierung der jeweils als »Weiß« geltenden Arbeiterinnenklasse nicht.
Als unvernünftig und illusionär erwies sich mit der Zeit lediglich die Erwartung, der deutsche Faschismus könne siegen. Während der Zeit, in der der deutsche Faschismus unbesiegbar erschien, bewahrten nicht zuletzt moralische Haltungen nichtjüdisch‐deutsche Arbeiterinnen und Nichtarbeiterinnen davor, mit dem Strom zu schwimmen.
Ähnliches ließe sich heute für vom israelischen Staat als »jüdisch« deklarierte Arbeiterinnen sagen. Der Pakt mit den imperialistischen Mächten Europas und Nordamerikas liegt nur dann nicht in ihrem Interesse, wenn das israelische Kolonialprojekt und die damit von Anfang an verbundene Beseitigung größerer Teile der ursprünglichen Bevölkerung Palästinas zur Ermöglichung der Demokratie scheitern oder allzu umfangreiche Opfer unter »den eigenen Leuten« erfordern. Eine Minderheit von staatlich als »jüdisch« deklarierten Arbeiterinnen in Israel, global vielleicht eine Mehrheit jüdischer Arbeiterinnen vertreten unabhängig von Erfolgsaussichten und persönlichen Nutzeffekten des Israel‐Projekts, also aus moralischen Gründen, eine antizionistische Position.
Mit der Stärke des Faschismus steigen die moralischen Anforderungen an die von ihm hofierten Teile des Weltproletariats, trotz Erfolgsaussichten nicht mitzumachen.
Für kommunistische antifaschistische zugewandte oder nicht zugewandte Überzeugungsarbeit mit nichtmoralischem Wahrheitsanspruch kann sich daraus ergeben:
- Sie ist sachlich verzerrt, wenn sie »gemeinsame Interessen der Arbeiter:innenklasse« als maßgeblich ausgibt, während tatsächlich Interessengegensätze innerhalb der Arbeiterinnenklasse mindestens genauso maßgeblich sind.
- Sie ist ein versteckter moralischer Appell an Arbeiterinnen, die »gemeinsamen Interessen der Arbeiter:innenklasse« trotzdem als maßgeblich zu betrachten.
- Sie ist selbstbetrügerisch, weil die Überzeugungsarbeitenden mit Wahrheitstünche verkleistern, dass sie die Grundbegriffe der politischen Ökonomie moralisieren.
Bei Marx findet sich eine materialistische Erklärung dafür, wie unter Arbeiterinnen eine gesellschaftlich bedeutsame moralische Resistenz gegen den Faschismus entstehen kann. Zum Leidwesen mancher Strömungen im Kommunismus ist mit dieser Resistenz zugleich eine Resistenz dagegen verbunden, sich zu Verkörperungen der Arbeiterinnenklasse machen zu lassen:
»[I]m Lauf der historischen Entwicklung und gerade durch die innerhalb der Teilung der Arbeit unvermeidliche Verselbständigung der gesellschaftlichen Verhältnisse tritt ein Unterschied heraus zwischen dem Leben jedes Individuums, soweit es persönlich ist und insofern es unter irgendeinen Zweig der Arbeit und die dazugehörigen Bedingungen subsumiert ist. […]
[Mit Entstehung des Kapitalismus tritt] der Unterschied des persönlichen Individuums gegen das Klassenindividuum, die Zufälligkeit der Lebensbedingungen für das Individuum […] ein. […] Die Konkurrenz und der Kampf der Individuen untereinander erzeugt und entwickelt erst diese Zufälligkeit als solche.« (MEW 3, Seite 75f)
»Bei den Proletariern […] ist ihre eigne Lebensbedingung, die Arbeit, und damit sämtliche Existenzbedingungen der heutigen Gesellschaft, für sie zu etwas Zufälligem geworden […] und der Widerspruch zwischen der Persönlichkeit des einzelnen Proletariers und seiner ihm aufgedrängten Lebensbedingung, der Arbeit, tritt für ihn selbst hervor«. (MEW 3, Seite 77)
»An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwickelung eines jeden die Bedingung für die freie Entwickelung aller ist.« (Manifest der Kommunistischen Partei)
Der entindividualisierenden Identifizierung mit Ideologiegebilden wie »Volk« und »Nation« eine ebenso entindividualisierende Identifizierung mit einem Ideologiegebilde »Arbeiterinnenklasse« entgegenzusetzen, kann aus zwei Gründen nicht funktionieren:
- Im einigermaßen funktionierenden Kapitalismus sind Arbeiterinnen im Allgemeinen zu individualisiert und anderweitig sozialisiert/identifiziert, um nicht nur für Lohn zu arbeiten, sondern auch noch Klassenexemplare zu sein.
- Fördern soziale und wirtschaftliche Unsicherheiten und Schwierigkeiten unter Arbeiterinnen das Bedürfnis, ihre gekränkten Egos in etwas »Höherem« aufzublasen und Schuldige zu finden, werden sie durch »Volk« und »Nation« weit besser bedient als durch die »Arbeiterklasse« oder gar die »Arbeiter:innenklasse«. Allein schon die Muttersprache, obschon oder weil sie oft durch die Unterdrückung von wirklichen Muttersprachen etabliert wurde, ist ein weit tiefer sitzendes identitätsstiftendes Moment als die Zugehörigkeit zur Arbeiterinnenklasse.
In manchen Weltgebieten gab es mal eine proletarische Kultur, die tatsächliche und nicht bloß ideologische Identifikationsmöglichkeiten mit der Klasse bot, mit eigenen Medien, eigenen Liedern, eigenen Sportvereinen und Nachbarinnen, die zugleich Arbeitskolleginnen waren. Diese Kultur ist vernichtet und lässt sich ohne vorherige grundlegende Gesellschaftsumwälzungen, die relativ zur Produktivkraftentwicklung wohl reaktionär wären, nicht wieder herstellen. Was heute möglich ist und erfahrungsgemäß in Notzeiten schnell entstehen kann, sind wohnort‐orientierte Communitykulturen, in denen von atheistisch bis tief religiös und von links bis rechts sehr verschiedene Weltanschauungen bis Geistesverwirrungen vermischt sind oder vorherrschen.
Wo Communitykulturen Herrschaft unterminieren, versucht der jeweilige Staat, ihnen entgegen zu wirken, je nachdem durch Gentrifizierung von Stadtteilen, Bindung aller möglichen Kleinaktivitäten an behördliche Genehmigungen, Übernahmen selbstbestimmt aufgebauter Communityzentren durch angestellte Sozialarbeiterinnen, elektronische Totalüberwachung, engmaschig gesetzte Kontrollposten mit KI‐Maschinengewehren, Verschleppung von Kindern, Bombardierung von Wohngebieten, Hungerblockaden … Wiederaufbaupläne für Gaza à la Trump zielen darauf ab, die palästinensische Community nach ihrer physischen Ausdünnung und Wehrlosmachung in Dienstpersonal der Tourismusbranche zu verwandeln, das nach Feierabend in den Mietwohnungen von Immobilienhaien Medienmüll konsumiert. In anderen Weltgebieten wurde so ein Zombidasein vor Zeiten ohne auffälliges militärisches Zutun normal.
Moralisierung und Demoralisierung
Die Darstellung der Arbeiterinnenklasse als gegenüber dem Faschismus verteidigenswertes Kollektiv im »Thesenpapier Roter Antifaschismus« entspricht dem Wunsch nach einer gegenüber »der herrschenden Klasse« handlungsfähigen Einheit. Wie es aussieht, gab »die herrschende Klasse« als gemeinsame Feindin des Proletariats in weiten Teilen der Welt bisher keinen ausreichend stabilen Kristallisationspunkt her, an dem sich »Interessen der Arbeiterinnenklasse in ihrer Gesamtheit« herausschälen und gegenüber »der herrschenden Klasse« eine handlungsfähige proletarische Einheit entstehen lassen könnten. Sonst hätten wir keinen Kapitalismus mehr. Lässt sich ersatzweise der Faschismus, eine politischen Herrschaftsform, zum Kristallisationspunkt einer handlungsfähigen Einheit machen?
Historisch gesehen scheint so eine Hoffnung nicht unrealistisch zu sein. Nach den Weltkriegen gab es weltweit starke Tendenzen zum Sozialismus. Leider konnten diese Tendenzen zum großen Teil niedergeschlagen werden, letztlich weil Teile des Weltproletariats mit dem Kapital gemeinsame Sache machten.
Im Großen und Ganzen wirkten die Gegensätze zwischen Teilen des Weltproletariats bisher stärker als die Gegensätze zwischen nationalen Proletariaten und sie ausbeutendes Kapital. Erklären lässt sich das weitgehend mit erfolgreichem Imperialismus.
Erfolgreicher Imperialismus verschafft auf der einen Seite Teilen des Weltproletariats Vorteile und bindet sie an »ihre« – national und/oder transnational aufgestellte – herrschende Klasse. Auf der anderen Seite bindet er imperialistisch ausgebeutete bzw. von imperialistischer Ausbeutung bedrohte Teile des Weltproletariats an anti‐imperialistische Abwehrkämpfe und damit an nationale Bourgeoisien, soweit diese zur Abwehr beitragen. (Die Stellung von nationalen Bourgeoisien und von deren einzelnen Gliederungen gegenüber imperialistischen Angriffen könnte in den verschiedenen Ländern – Iran, Russland, China, arabische Staaten, afrikanische Staaten … – zu uneinheitlich und kompliziert sein, um ohne krasse Fehleinschätzungen in ein übergreifendes Schema mit zwei Unterteilungen zu passen.)
Glaubt man, erfolgreicher Imperialismus begünstige nur die oberen Schichten der imperialistisch erfolgreichen Länder und nicht deren Gesamtproletariate, entsteht einige Mühe, die Durchsetzbarkeit und längerfristige Machbarkeit von kapitalistischen Sozialstaaten in Westeuropa ohne (neo-)keynesianischen Nachfragequatsch zu erklären, der letztlich darauf hinausläuft, dass Lohnabhängige den Mehrwert des sie ausbeutenden Kapitals realisieren. Sich als Arbeiterin bezüglich imperialistischer Bevorzugung moralisch nicht rechtfertigen zu müssen, treibt sogar Kommunistinnen in diesen Quatsch. Sie mögen das Dilemma nicht sehen, dass erfolgreiche Gewerkschaftskämpfe in imperialistischen Zentren intensivierte imperialistische Bemühungen von Staat und Kapital begünstigen, bei deren Ausbleiben oder Fehlschlagen das eintritt, was (neo-)liberale und reaktionäre Wirtschaftsexpertinnen {mit einer Auslassung} ansagen: erfolgreiche Gewerkschaftskämpfe {, deren Verbesserungen nicht von gebrauchswertorientierten Produktions‐ und Finanzierungsstrukturen gestützt sind,} vermindern die Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt und schädigen dadurch vorneweg die Arbeiterinnen selber.
Die Gegensätze zwischen vom Imperialismus begünstigten und benachteiligten Teilen des Weltproletariats können weitgehend nur unter der Bedingung eines erfolgsschwachen bis aussichtslosen Imperialismus schwächer wirken als die Gegensätze zwischen nationalen Proletariaten und sie ausbeutendes Kapital. (In diesem Fall weitet sich die Lohnschere und leiden die oberen proletarischen Schichten als letzte, so dass es aussieht, als würden von vornherein nur sie »bestochen«.)
Die Bedingung des erfolgsschwachen bis aussichtslosen Imperialismus ist in imperialistisch zuvor erfolgreichen Ländern zugleich die Bedingung für den Rückbau des Sozialsystems und den Übergang parlamentarisch‐demokratischer Herrschaftsformen in den Faschismus.
Der Faschismus dient hier nicht nur dazu, herrschaftsgefährdende Gegensätze zwischen Proletariat und Kapital, die sich ökonomisch nicht glätten lassen, politisch (ideologisch und unterdrückungstechnisch) in den Griff zu bekommen, sondern auch dazu, die Gesellschaft mitsamt ihrer Arbeiterinnenklasse für intensivierte imperialistische Aktivitäten zu mobilisieren. Vielleicht ist dieser Aspekt so wesentlich für den Faschismus, dass man unter Verhältnissen, in denen es für das Kapital »bloß« um eine politische Beherrschung des Klassengegensatzes geht, ohne dass es auf imperialistische Erfolge aus ist – sei es aus militärischer Schwäche oder anderen Gründen, z.B. ausreichend ausbeutungsfähige Landwirtschaft bei niedrigem industriellen Entwicklungsniveau oder ergiebige Rohstoffvorkommen, von deren Erlösen das Proletariat fernzuhalten ist –, eher allgemeiner von »offener Diktatur des Kapitals« als speziell von »Faschismus« reden sollte, auch wenn Mittelklassen die Diktatur unterstützen (wofür dann »offene populistische Diktatur des Kapitals« passen könnte).
Mit diesen Begriffen, die ein Unterscheidungskriterium zum Beispiel zwischen der Weimarer Präsidialdiktatur und dem »Dritten Reich« oder auch eines zwischen dem Pinochet‐Regime in Chile und den Hitler‐/Mussolini‐/Konoe‐Regimen in Deutschland/Italien/Japan andeuten, lässt sich vereinfacht ein Unterschied hinsichtlich der moralischen Frage beschreiben:
Der offenen Diktatur des Kapitals genügt eine Demoralisierung der Arbeiterinnenklasse, ein allgemeines »Jede‐ist‐sich‐selbst‐die‐Nächste« und eine allgemeine Furcht, sich durch Widerworte Schwierigkeiten und durch Widerstand Schmerzen bis Tod einzuhandeln. Der Faschismus ist auf eine Moralisierung der Arbeiterinnenklasse angewiesen, um sie zur intensivierten imperialistischen Aktivität zu mobilisieren. Er will einen Glauben etablieren an ein »Wir«, an ein »Wir‐sind‐die‐Guten‐die‐anderen‐die‐Bösen« und an ein »Höheres«, dem (vorläufig) Opfer zu bringen sind.
Die offene Diktatur des Kapitals hat es nicht nötig, mehr als privilegierte Schichten im Proletariat mit materiellen Anreizen zu locken. Der Faschismus hat ein Versprechen glaubwürdig zu machen, allen zum verteidigenswerten Selbst Zugelassenen Rettung und Aussicht auf ein besseres Leben zu bieten, wodurch er in der gesamten Arbeiterinnenklasse Anhang gewinnen kann. Damit einher geht die Normalisierung brutalerer Varianten von Entpflichtungsmoralen à la Hannah und Pete H. oder auch AfD.
Der Faschismus kann höchstens in seinem Scheitern einen Kristallisationspunkt einer handlungsfähigen Einheit des (Welt-)Proletariats gegenüber dem Kapital abgeben. Sein Aufstieg ist Ausdruck und Folge des Fehlens einer sozioökonomischen Basis, auf der eine handlungsfähige Einheit des (Welt-)Proletariats gegenüber dem Kapital entstehen könnte. Diese Basis kann erst entstehen, wenn der Imperialismus ausreichend vielen bisher bevorzugten Teilen des Weltproletariats nicht mehr genügend einbringt. Der Faschismus, der in den betroffenen imperialistischen Ländern dann Bedeutung gewinnt, hat umso schlechtere Chancen, im dortigen Proletariat Fuß zu fassen, je geringer die Erfolgsaussichten imperialistischer Bemühungen sind.
Masseneinwanderung
Ein Beispiel dafür, wie es aktuell um die sozioökonomische Basis für eine handlungsfähige Einheit des (Welt-)Proletariats steht, ist die Migrationsfrage.
Unabhängig von völkischen oder nationalen Identifizierungen und Weltanschauungen, auch aus realistischer kommunistischer Sicht, stehen Masseneinwanderungen in kapitalistisch entwickelte Staaten den Interessen der wie auch immer zusammengesetzten dort beheimateten Proletariate entgegen, insbesondere denen von Arbeiterinnen der unteren Lohngruppen.
Auf Deutschland bezogen lässt sich folgende klassenkampfkompatible und scheinbar nichtrassistische Antimigrationsargumentation vorbringen: Der »Zustrom von Migranten« nach Deutschland geschieht im Interesse des Kapitals, da er einen Lohndruck nach unten erzeugt und die gewerkschaftliche Kampfkraft schwächt. Also liegt es im Interesse der heimischen Lohnabhängigen, den »Zustrom von Migranten« in knapper Kalkulation an den inländischen Arbeitskraftbedarf des Kapitals anzupassen, d.h. ihn bei sinkendem »Arbeitsplatzangebot« zu stoppen, wenn nicht zu negativieren.
Die Argumentation formuliert einen tatsächlichen Interessengegensatz innerhalb des Weltproletariats. Marx spricht in diesem Zusammenhang sogar von »Antagonismus«.5 Zusätzliche auf den deutschen Arbeitsmarkt drängende Arbeitsuchende bringen unter den gegebenen Bedingungen für in Deutschland heimische Lohnabhängige mindestens der unteren Lohngruppen und für deren Familien Einkommenseinbuße, höhere Mieten und allerhand weitere Probleme mit sich, sogar körperliche Gefahren. Zugleich können viele Eingewanderte durch die Einwanderung ihre Lebenslage und unter Umständen auch die von daheimgebliebenen Familienangehörigen verbessern.
Für die Lösung dieses innerproletarischen Interessengegensatzes ist nach den Vorstellungen der meisten Migrationserregten die Staatsmacht zuständig. Durch Anwendung von mehr oder weniger Gewalt soll und kann nur der Staat dafür sorgen, den »Zustrom von Migranten« zu verringern oder zu stoppen und illegalisierte Lohnabhängige auszuweisen. Darauf warten oder hoffen oder dafür kämpfen, dass durch Niederschlagung des Imperialismus für die Klassengenossinnen anderer Länder Auswanderungsgründe beseitigt werden, kann und will man naheliegenderweise nicht.
Für heimische Lohnabhängige ist mit der anvisierten Eindämmung des »Zustroms von Migranten« durch den Staat eine Verschärfung der staatlichen Überwachung im Inland verbunden, was genauso billigend in Kauf zu nehmen ist wie die in der Antimigrationsargumentation transportierte ideologische Stärkung des bürgerlichen Staats als dem heimischen Proletariat potenziell nützliche Ordnungsmacht.
Die Lösung des innerproletarischen Interessengegensatzes durch den bürgerlichen Staat setzt eine Zweitrangigkeit der Interessen von einwanderungswilligen Lohnabhängigen, die ebenfalls nicht auf ein Ende des Imperialismus warten können und wollen, gegenüber den Interessen von heimischen Lohnabhängigen voraus. Die Akzeptanz dieser Zweitrangigkeit setzt eine passende Entpflichtungsmoral voraus, die sich schon in bildmalerisch entmenschlichenden Ausdrücken wie »Zustrom« verrät.
Interessanterweise passt bei vielen Migrationserregten auf der äußeren Schale die moralische Haltung nicht so ganz. Sonst bräuchten sie sich zum Beispiel nicht, wie in England, einzubilden, Einwanderungswilligen würde in Hotels ein Luxusleben ermöglicht. Dahinter steht eine moralische Haltung, nach der es würdelos ist, materiell schlechter gestellten Menschen das wenige, das sie haben, zu missgönnen. Dieselbe moralische Haltung macht auch Dämonisierungen nötig, wie die Vorstellung, die meisten Einwanderungswilligen seien arbeitsscheue Vergewaltiger 6, nicht zum Beispiel älteste hormongetriebene Söhne, die Familien unter Opferung ihrer Ersparnisse in die Fremde geschickt haben, weil sie zur Familienunterstützung und Entfernung erwerbsloser Mäuler aus sexistischen Gründen nicht ihre ältesten hormongetriebenen Töchter losschicken wollen.
Die Antimigrationsargumentation sagt aus, der Staat handle im Interesse des Kapitals, indem er den »Zustrom von Migranten« zulässt oder sogar fördert. Damit der Staat wie angedeutet zur Lösung des innerproletarischen Interessengegensatzes schreiten kann, ist eine Änderung seiner Politik erforderlich. Der Staat soll in der Migrationsfrage künftig eher im Interesse des heimischen Proletariats agieren als im Interesse des Kapitals.
Angenommen, eine deutsche Staatspolitik, die in der Migrationsfrage eher im Interesse des heimischen Proletariats liegt als im Interesse des Kapitals, wäre realisierbar: Könnte sie für heimische Lohnabhängige tatsächlich verbesserte oder zumindestens auf erträglichem Niveau stabilisierte Lebensbedingungen bringen? Oder würde es durch höher bleibende Lohnstückkosten und dergleichen zu einer Schwächung auf den Weltwarenmärkten kommen und heißen: Also, wenn ihr den Gürtel nicht freiwillig enger schnallt, muss das Kapital leider nach Polen oder Vietnam umziehen oder andere Herrschaftsmethoden aufziehen?
Angenommen, eine deutsche Staatspolitik, die außer in der Migrationsfrage auch in der Frage der Kapitalverkehrskontrollen eher im Interesse des heimischen Proletariats liegt als im Interesse des Kapitals, wäre realisierbar: Könnten dann für heimische Lohnabhängige erträgliche Lebensbedingungen herausspringen? Oder würde es zu einer Schwächung auf den Weltfinanzmärkten kommen und heißen: Also, wenn man aus Deutschland das Kapital nicht mehr herausbekommt, lassen wir es lieber gar nicht erst hineinfließen und investieren woanders?
Nicht unterstellt, dass Migrationserregte die Knute des Kapitals akzeptieren, um der des Islams zu entkommen, spekulieren sie darauf, mit geeigneter Staatspolitik sei ein kapitalistisches Wirtschaftssystem realisierbar, das ihre Lebensbedingungen verbessert oder zumindestens auf einem erträglichen Niveau stabilisiert.
Diese Annahme ist nicht abwegig. Verglichen mit den proletarischen Urureltern sind die heutigen Lebensbedingungen in den imperialistischen Zentren sogar an der offiziellen Armutsgrenze hoch. Aus kommunistischer Sicht mag man sagen: Das sind Nachwirkungen glaubwürdiger Revolutionsdrohungen und der Systemkonkurrenz vergangener Zeiten. Aber das ändert nichts an der Erfahrung, dass ein einigermaßen funktionierender oder sogar blühender Kapitalismus und verbesserte Lebensbedingungen des Proletariats Hand in Hand gehen können. (Dies bestärkend wird manchmal die Wirtschaft Chinas als »Kapitalismus« ausgegeben.)
Wenn die Annahme, mit geeigneter Staatspolitik sei ein kapitalistisches Wirtschaftssystem realisierbar, das die Lebensbedingungen heimischer Lohnabhängiger verbessert oder zumindestens auf einem erträglichen Niveau stabilisiert, realistisch ist: Weshalb haben Länder wie Deutschland dann so ein Wirtschaftssystem nicht mehr?
Prokapitalistische, reformistische und auch verkürzt‐antikapitalistische Antworten auf diese Frage verweisen auf subjektive Faktoren: unfähige und korrupte Regierungen, gierige Bankleute, zionistische und anderweitige Verschwörungen, größenwahnsinnige Diktatoren in rohstoffexportierenden Ländern, mental zurückgebliebene Massenchinesen, den Sozialstaat ausbeutende Arbeitsscheue … Feindbilder, auf die Arbeiterinnen mit geeigneten Moralen gerne anspringen.
Aus nichtmoralisierender kommunistischer Sicht schafft der Kapitalismus Sachzwänge, denen sich bei Strafe des Untergangs auch moralisch vorbildlichste Kapitalistinnen und Politfiguren einzuordnen haben. Die gegenwärtige Belastung und Beunruhigung des in Deutschland oder auch in Großbritannien oder Frankreich oder den USA heimischen Proletariats ist weniger die Folge einer verfehlten Politik als die Folge einer zur Lösung der Krise objektiv unfähigen Politik.
Nicht, weil die Politfiguren des Westblocks dümmer und korrupter werden, verfällt dessen Wirtschaft, sondern weil die Wirtschaft des Westblocks verfällt, werden seine politischen Repräsentationen dümmer und korrupter. Oligarchien tun, was nötig ist, um an der Macht zu bleiben. Zunehmend sind in Westlichen Systemen gesamtgesellschaftlich gesehen in sich widersprüchlichere und moralisch gesehen widerwärtigere Aktivitäten erforderlich, um an der Macht zu bleiben. Da alle denkbaren, vom prokapitalistischen Standpunkt aus vernünftig erscheinenden Lösungsansätze auf einen Macht‐ und Reichtumsverlust der Oligarchie hinauslaufen, haben prokapitalistisch kompetente und Vernünftiges vorschlagende Leute schlechte Aufstiegschancen. Was im Karrieresieb hängen bleibt, sind Gestalten wie Starmer, von der Leyen, Kallas, Merz, Macron, Biden, Hegseth, Trump. (Vergleichbares passiert in einigen Wissenschaftsbereichen.)
Kommunistische Erklärungen der Unfähigkeit zur Lösung der Krise hängen mit sinkenden Profitraten und ungenügenden imperialistischen Zugewinnen zusammen. Siehe dazu zum Beispiel »Instant‐Marx | Tendenzieller Fall der Profitrate« und »Imperialismus« oder auch »Studie: Für knapp die Hälfte des Konsums im Globalen Norden arbeiten Menschen im Globalen Süden«. Alle kommunistischen Erklärungen haben eines gemeinsam: Sie sind nicht massentauglich, weil ihr Verständnis zu viele miteinander zusammenhängende, lebenspraktisch unoffensichtliche Gedanken erfordert.
Dieses Problem kommunistischer Überzeugungsarbeit erklärte der Werbefachmann Hans Domizlaff in seinem Hauptwerk, Die Gewinnung des öffentlichen Vertrauens – Lehrbuch der Markentechnik, das erstmalig 1939 während der Zeit des deutschen Faschismus erschien und heute nur in einer verfälschten Version verfügbar ist, durch eine Unterscheidung zwischen »individuellem Gehirn« und »Massengehirn«:
»Unterhält man sich mit einem Menschen über dessen Berufserlebnisse oder irgendein Spezialgebiet, worin er praktisch gearbeitet hat, so findet man oft eine erstaunliche Selbständigkeit des Denkens, die über das Allgemeinniveau hinausgeht. Lenkt man dann vergleichsweise das Gespräch auf ein Thema, das gleichartig eine größere Gruppe von Menschen oder überhaupt eine öffentliche Meinung beschäftigt, wird man mit Überrschung ein starkes Herabsinken des geistigen Niveaus feststellen. Selbständigkeit des Urteils, Verantwortlichkeitsgefühl für Kritik oder auch nur das Bedürfnis für die einfachsten Voraussetzungen an Sachkenntnis verschwinden fast vollkommen.«
»Der Glaube an die eigene Urteilskraft ist eine Frage der Eitelkeit. […] [Das individuelle Gehirn begeht] eine Art Selbstbetrug und verteidigt die Massenmeinung bedenkenlos als Ergebnis selbst erworbener Überzeugungen. Wenn man in solchen Fällen nach genaueren Angaben fragt, tritt sehr bald eine typische Verwirrung mit einer sonst unverständlichen Reizbarkeit ein, selbst bei Leuten, die im allgemeinen als sehr friedfertig und vernünftig gelten können.«
»Das Bedürfnis des Verbrauchers, sich an Äußerlichkeiten zu klammern, sobald er seine eigene fachliche Beurteilungsfähigkeit im stillen anzweifelt, drängt zu Absonderlichkeiten, die bei objektiver Betrachtung unsinnig erscheinen, aber tatsächlich die Grundlagen der Markentechnik bilden. […] So kann z.B. der Kaufmann [… für seine Schokolade] blaues Einwickelpapier verwenden. Für den Verbraucher kristallisiert sich das Qualitätsvertrauen nunmehr um das blaue Einwickelpapier herum.«
Massengehirne lassen sich laut Domizlaff gezielt erzeugen, entstehen aber auch spontan bei allen möglichen Gelegenheiten menschlicher Zusammenkünfte. Sie könnten im Spiel sein, wenn sich unter Kommunistinnen Diskussionen aktueller Fragen mehr um Einwickelpapiere von vor 100+ Jahren drehen als um die konkrete, anhand empirischer Daten zu untersuchende Schokolade von heute. (Dieser Beitrag wie auch z.B. Forschungs‐ und Vertiefungsgruppen der KO bemühen sich, durchs Einwickelpapier hindurch möglichst ohne Auspacken auf die Schokolade vorzustoßen, wobei die Markennamen des Qualitätsversprechens sich im Wort »Marx« überlappen.)
Zusammengefasst ergibt sich für kommunistische antifaschistische Überzeugungsarbeit mit nichtmoralischem Wahrheitsanspruch ungefähr:
- Wird dem faschistischen Identifizierungsangebot von »Volk« und »Nation« ein im Grunde gleich funktionierendes Identifizierungsangebot »Arbeiterklasse« entgegengesetzt, kommt unter den gegenwärtigen Bedingungen unrealistischer, moralisch fragwürdiger Mist heraus. Dem »Widerspruch zwischen der Persönlichkeit des einzelnen Proletariers und seiner ihm aufgedrängten Lebensbedingung« wäre nicht entgegen‑, sondern zuzuarbeiten.
- Spielt die gesellschaftliche Realität mit, reicht es als Gegenmaßnahme zur herrschenden Propaganda, das prokapitalistische »Massengehirn« zu demontieren. Was aus den »individuellen Gehirnen« von Arbeiterinnen rauskommt, wird im Großen und Ganzen den Realitäten angemessen sein und auf welche Weise auch immer unter welchen Bezeichnungen auch immer drauf kommen, sozialistische Produktionsweisen und Finanztechniken einführen zu wollen. (Dies nicht zu unterstellen und den Übergang zum Sozialismus besserwisserisch mikromanagen zu wollen, hat größere Konsequenzen für das Vorgehen und die Erfolgsaussichten kommunistischer Organisationen.)
- Gegenüber vom Imperialismus aktuell und potenziell profitierenden Teilen des Proletariats wäre zugeben, dass anti‐imperialistische Positionen solange deren Interessen als Lohnabhängige im Kapitalismus widersprechen, wie ihnen der Imperialismus etwas einbringen kann. Angesichts dessen wäre die moralische Frage und die damit verbundene Frage der eigenen Würde offen zu diskutieren.
- Dass Opfer des Imperialismus schlecht gemacht und dämonisiert werden müssen, wenn sie nicht totgeschwiegen werden können, deutet auf das Vorhandensein einer mit dem Imperialismus unverträglichen Moral der Massen hin, die schlichte seriöse Berichterstattung wohl am besten ohne eingebettete ideologische Überzeugungsansprüche und Moralisierungen freischaufeln könnte.
- Solange der Imperialismus realistische Erfolgsaussichten hat, ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass in den betreffenden Ländern antifaschistische Überzeugungsarbeit Veränderungen auf gesellschaftlicher Ebene anregt und mehr als nur einzelne Arbeiterinnen erreicht.
Imperialistische Erfolgsaussichten
Einige kommunistische Strömungen gehen davon aus, dass hinsichtlich des Imperialismus seit den ersten beiden Weltkriegen nichts grundlegend anders geworden ist, dass sich lediglich die Formen des Imperialismus und die Zusammensetzung der imperialistisch aktiven Staaten verändert haben. In diesem Fall sind die Aussichten ziemlich düster: Klassenkämpferische Aktivitäten in einzelnen Nationalstaaten fördern dort diktatorische oder faschistische Reaktionen und/oder schwächen das System soweit, dass interessierte Kapitale unter Instrumentalisierung anderer Staaten Einfluss gewinnen können. Kämpferische nationale Proletariate imperialistisch unterlegener Staaten kommen im Erfolgsfall vom Regen in die Traufe, die günstigstenfalls so aussieht, dass ein neues Regime Widersprüche zwischen imperialistischen Staaten geschickt auszunutzen weiß, indem es deren zinseszinsmäßig anwachsenden Ausbeutungsinteressen in ausgewogenen Proportionen gerecht wird. Je nachdem, wie imperialistisch umkämpft und wie bevölkerungs‐ und/oder rohstoffreich ein Land ist, entstehen daraus mehr oder weniger instabile politische und wirtschaftliche Verhältnisse. Den Proletariaten imperialistisch erfolgreicher Staaten andererseits hat kommunistische Überzeugungsarbeit außer moralische Tarnkappenappelle, beim Plündern doch bitte nicht mitzuhelfen, kaum mehr als Luftschlösser und Träume vom sozialistischen Paradies zu bieten. Materialistisch eingestellte Kommunistinnen können, wenn nicht auf einen gleichmäßig Schläge verteilenden Faschismus, auf ein globales Desaster hoffen, das das Weltproletariat etwa zeitgleich zur Weltrevolution treibt.
Andere kommunistische Strömungen gehen davon aus, dass in den letzten Jahrzehnten durch die Entstehung nachkapitalistischer, nicht auf imperialistische Zugewinne angewiesener Wirtschaftssysteme der Imperialismus zurückgedrängt werden konnte und die Möglichkeiten des Imperialismus, ohne Selbstzerstörung für ihn günstige globale Wertflüsse wieder herzustellen, gegen Null gehen. In diesem Fall sind die Aussichten besser: Perspektivisch können nationale Proletariate weitgehend ohne äußere Bedrohungen Probleme des Kapitalismus und autoritärer Herrschaftsformen im eigenen Land abwickeln oder auch nicht. Im Klassenkampf erfolgreiche nationale Proletariate kommen vom Regen in ein entwicklungsfähiges Gebiet internationaler Kooperation.
Ein Antifaschismus gegen einen Faschismus ohne imperialistische Erfolgsaussichten ist, wie es im »Thesenpapier Roter Antifaschismus« steht, tatsächlich eine Frage der Selbstverteidigung des jeweiligen nationalen Gesamtproletariats – Selbstverteidigung dagegen, für aussichtslose bis selbstzerstörerische imperialistische Kämpfe geopfert zu werden. Moral spielt dabei eine Nebenrolle, indem moralische Haltungen von Arbeiterinnen deren Neigung, auf imperialistische Propaganda abzufahren, hemmt oder fördert.
In den letzten 100+ Jahren gab es selten Kriege, die Teilen des Weltproletariats nicht zum Vorteil gereichten. Meistens profitierte irgendein Teil des Weltproletariats: europäische Arbeiterinnen von Kolonialkriegen, soweit antikolonialer Widerstand die Plünderungskosten nicht allzu sehr aufblähte (deutsche Arbeiterinnen hatten das Glück, dass im Niedergang des klassischen Kolonialismus hauptsächlich britische und französische Arbeiterinnen die Plünderungskosten für die an den Börsen unter Wert angebotenen Kolonialwaren trugen); US‐amerikanische Arbeiterinnen von den Weltkriegen und der darauf folgenden Dollar‐Macht; deutsche Wirtschaftswunderarbeiterinnen vom Koreakrieg; jüdische Arbeiterinnen von der Installation des Staates »Israel« … Der Proxykrieg der Ukraine gegen die Russische Föderation und deren anschließende Zerlegung in durch die USA und EU beherrschbare Teilstaaten wäre keine Ausnahme – wenn er gewinnbar wäre.
Trotzdem ist wohl eine überwältigende Mehrheit des Proletariats in den imperialistischen Zentren unabhängig von konkreten Siegeschancen schon lange davon überzeugt, dass sich Kriege höchstens für bestimmte Kapitalgruppen lohnen. Dieser Überzeugung liegt weniger eine moralische Haltung als die Illusion zugrunde, der Kapitalismus könne friedlich prosperieren. Für die Herrschenden entsteht durch diese prokapitalistische Illusion enormer Geld‐ und Zeitaufwand zur Verwandlung imperialistischer Krige in Verteidigungskriege.
Faschismus von der falschen Seite fürchten
Abgesehen von der Frage, ob Systeme wie in China oder Russland effektiv oder potenziell genauso imperialistisch sind wie die Systeme der traditionellen imperialistischen Zentren, hat sich seit den Weltkriegen etwa Folgendes grundlegend geändert:
Kleinerem und mittlerem Kapital in Europa und in den USA brachten imperialistische Erfolge des jeweiligen national basierten Großkapitals über längere Phasen hinweg mehr Vorteile als Nachteile ein. Zuliefer‐ und Hilfsunternehmen konnten mit einer zuverlässigen und hohen Nachfrage der Großindustrie rechnen. Firmen und Selbständige, die Konsumtionsmittel und Dienstleistungen für Arbeiterinnen anboten, konnten mit einer zuverlässigen Nachfrage einer wachsenden Masse von Arbeiterinnen der Großindustrie, des Großhandels und Finanzwesens rechnen. Aus der Beziehung zwischen Staat und Monopolkapital sprangen gute Verkehrsverbindungen, Energieversorgungs‐ und Kommunikationsnetze und Bildungssysteme heraus, die kleineren Kapitalen Produktivitätsverbesserungen, zusätzliche Aufträge und Absatzmöglichkeiten verschafften.
Die Lage änderte sich mit zunehmender internationaler Verflechtung nicht nur des Rohstoffs‐ und Nahrungsmittelhandels sowie Geldkapitals, sondern auch der Großindustrie und ihrer Produktionen. National operierende kleinere Kapitale gerieten in Konkurrenz zu kleineren Kapitalen anderer Nationen. Die internationale Flexibilität des industriellen Großkapitals schadet kleineren Kapitalen mehr als sie nützt, wenn sie die Inlandsnachfrage belastet und/oder allzu viele Kapitale anderer Länder Konkurrenzkämpfe in Zuliefer‐ und Hilfsbranchen gewinnen.
In Folge der internationalen Flexibilität des industriellen Großkapitals veränderte sich das Verhalten des industriellen und finanziellen Großkapitals gegenüber den Gesellschaften der imperialistischen Zentren. Vampirmäßiges Aussaugen der Gesellschaften liegt näher als »New Deal« und Autobahnbau. Das Großkapital vernachlässigte seine Nationalstaaten so sehr, dass man kaum mehr eine für imperialistische Zwecke brauchbare Industrieproduktion hinbekommt.
In Bezug auf die Nationalität/Globalität der Wertschöpfung hat sich innerhalb des Kapitals eine Spaltung vertieft, die im Finanz‐ und Kolonialwarenbereich einsetzte und sich nach und nach in industrielle Produktionen hineinfraß. Daran spaltet sich der heutige Faschismus in zwei Varianten. Beide Varianten sind Reaktionen auf eine tiefe Krise des Kapitals, deren Behebung eine Umstrukturierung globaler Wertflüsse erfordert, und schließen insofern an historische Faschismen an.
- Die eine Variante, die man »klassischen Faschismus« nennen könnte, folgt dem traditionellen Weg der faschistischen Ideologie von »Volk« und »Nation« mit seiner Feindschaft gegenüber einem »vaterlandslosen Finanzkapital«. Sie stellt sich damit praktisch den heutigen Interessen auch des industriellen Großkapitals entgegen. Die ökonomischen Stützen dieser Variante des Faschismus liegen hauptsächlich in Kapitalfraktionen, die sinkende Inlandsnachfragen nach Konsumtions‐ und Produktionsmitteln und sinkende Profitraten nicht durch höhere auswärtige Nachfragen oder Fertigmachen inländischer Konkurrenz und Kapitalkonzentration ausgleichen können.
- Die andere Variante, die man fantasielos »neuen Faschismus« nennen könnte, folgt dem traditionellen Weg des faschistischen Anliegens: in den imperialistischen Zentren gesamtgesellschaftliche Voraussetzungen zur Niederringung des äußeren Widerstands gegen das imperialistische Ausgebeutetwerden schaffen und zur Sicherung imperialistischer Zugewinne Kontrolle über die Währungen sichern. Die ökonomischen Stützen dieser Variante des Faschismus liegen im transnationalen Kapital, dessen brutalste Teile (ohne statistische Nachforschungen bloß geraten) wohl Investmentfonds, das Kapital der Lebensmittelbörsen, das Rüstungskapital, das Pharmakapital und die Rohstoffmultis sind.
Der klassische Faschismus steht heute ohne imperialismusfähiges Kapital da. In seinem Bestreben, das jeweilige nationale Klein‐ und Mittelkapital vor dem transnationalen Großkapital zu retten, ist er außenpolitisch defensiv und steht sogar anti‐imperialistischen Nationalbewegungen nahe. Herrenmenschentum, Rassismus und Sexismus zieht er aus den Eingeweiden der Gesellschaft, kaum aus Eigenproduktionen, die die Gesellschaft um etwas bereichern könnten, das nicht auch ohne spezifisch faschistische Ideologie schon in ihr wabert und von Systemmedien passend zu kurz‐ und mittelfristigen imperialistischen Zielsetzungen mehr oder weniger verdeckt begärtnert wird.
Antifaschismus mit der klassischen Variante des Faschismus vor Augen, klassischer Antifaschismus, ist eine Art Ghostbustertum. Wenn sich Kapuzenantifas und Omas gegen Rechts am Rand von Grundrechte‑, Sozial‑, Genozid‐ und Antimigrationsprotesten aufbauen, treten sie gegen Gespenster der Vergangenheit an, die mit den aktuellen Kapitalverhältnissen und den Selbst‐ und Weltbildern der meisten Protestierenden nichts zu tun haben. Die Ausdehnung des Begriffs »Nazi« auf alle möglichen systemkritischen Leute zeugt von der ideologischen und politischen Bedeutungslosigkeit echter Nazis. Deren aktuelle und potenzielle Gewalttätigkeit sollte nicht unterschätzt werden, aber was die Quantität der Opfer und Toten betrifft, bringen Nazis unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht unbedingt höhere Leistungen zustande als anscheinend bürgerliche Regierungs‐ und Parlamentsmitglieder. Im Vergleich auch nur zu den Covid‐Spritzaktionen sind Nazischlägertrupps der reinste Kindergarten. (Was spricht eigentlich gegen einen Mehrparteienfaschismus?)
Das Verhältnis zwischen neuem und klassischen Faschismus ist vielschichtig. Ein Beispiel für eine Instrumentalisierung des klassischen Faschismus durch den neuen ist die Hochzüchtung des Faschismus in der Ukraine durch die Westblock‐Oligarchie. Ginge es nach deren Plänen, würde der ukrainische Faschismus nach getaner Arbeit in Antidiskriminierungs‐ und Diversitätspolitiken begraben. Ein anderes Beispiel ist die Verbindung zwischen neuem und klassischen Faschismus in der Figur und Politik des US‐Präsidenten Trump.
In seiner moralischen Anziehungskraft, die vielleicht sogar seine ideologische Hauptwaffe darstellt, ist der neue Faschismus dem klassischen haushoch überlegen. Er steht für »die Menschheit« und planetarische »Natur«, nicht bloß für völkische und nationale Untereinheiten. Der klassische Antifaschismus hat dem nichts entgegenzusetzen. Im Gegenteil bietet der neue Faschismus dem klassischen Antifaschismus Anknüpfungspunkte, um ihm die kapitalismuskritischen antimonopolistischen Zähne zu ziehen und ihn in seinen Dienst zu stellen.
Wie das funktionieren kann, sei ganz grob am Beispiel des Rassismus und Antirassismus angedeutet: Der bürgerliche Antirassismus läuft mit seinem farbenblinden Universalismus gegen die Mauer des Assimilationszwangs. Allen Bürgerinnen werden gleiche Rechte zugesprochen, wenn sie nur ihre kulturellen, religiösen und historisch bedingten Extrawürste in der Privatsphäre lassen. Diesem Antirassismus, der praktisch die Unterwerfung von Minderheiten unter eine hegemoniale Kultur verlangt, setzt der klassische Faschismus biologistische und/oder kulturalistische Naturalisierungen entgegen: Menschen sind nicht in der Lage, ihre Besonderheiten abzuwerfen, um als Gleiche unter Gleichen ein funktionsfähiges Staatswesen zu gestalten. Dem klassischen Faschismus der alten Untervariante schwebten zur Lösung dieser Frage Unterwerfungen bis Ausrottungen »minderwertiger Rassen« vor, dem klassischen Faschismus einer moderneren Untervariante »nur« noch strikte Trennungen der Kulturen, wobei man auf Biologismen und sogar auf Hierarchisierungen der unterschiedlichen Kulturen verzichten kann. Vom klassischen Antifaschismus der Gegenwart wird dem die Machbarkeit multikultureller Gesellschaften mit Recht auf Differenz entgegengehalten. Das kann der neue Faschismus ohne Weiteres übernehmen und sich damit als »antirassistisch« gegen den klassischen Faschismus profilieren. Damit nichts aus dem Ruder laufen kann, wird die antirassistische Szene mit Fördergeldern, Universitäts‐ und Behördenposten eingekauft. Mit der Realisierung des Rechts auf Differenz entstehen in multikulturellen Gesellschaften voneinander separierte, leicht zu kontrollierende Communities, die auf den Staat als Garant ihrer Rechte angewiesen sind – möglichst ohne »Demokratie«, damit große Communities die kleinen nicht unterbuttern können.
Um zu einem Antifaschismus zu kommen, der dem neuen Faschismus gewachsen ist, wären die Fähigkeit des neuen Faschismus, den klassischen Antifaschismus zu assimilieren, und noch so einiges andere genauer zu untersuchen.
Fußnoten
1 Marx zitiert in seiner Doktordissertation zu dieser Frage Paul‐Henri‐Dietrich Holbach: »Wenn man die Moral auf den nicht gerade moralischen Charakter eines Gottes, dessen Verhalten wechselhaft ist, gründet, so kann der Mensch niemals wissen, woran er sich in bezug auf das, was er Gott schuldig ist, in bezug auf das, was er sich selbst schuldig ist, oder in bezug auf das, was er anderen schuldig ist, zu halten hat. Nichts konnte also gefährlicher sein als ihm einzureden, dass ein der Natur überlegenes Wesen existiere, vor dem die Vernunft verstummen und dem man, um glücklich zu werden, auf Erden alles opfern müsse.« (MEW 40, Seite 367). Im Koran sind gegen den Verlust des individuellen moralischen Kompasses durch angeblich göttliche Willensbekundungen Sicherungen eingebaut, z.B. Suren 7:28 – 29 und 17:11.
3 Materialien zur KPD‐Diskussion: Ralf Hoffrogge: Der Sommer des Nationalbolschewismus? – Olaf Kistenmacher: Voraussetzungen für eine kritische Auseinandersetzung mit Antisemitismus in der Linken – Marcel Bois: Olaf Kistenmacher: Arbeit und «jüdisches Kapital», Bremen 2016 – KPD 1930: Programmerklärung zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes – Archiv der Roten Fahne. Materialien zum Ausmaß der Unterstützung der NSDAP durch die Arbeiterinnenklasse: G King, O Rosen et al. (2008), Ordinary Economic Voting Behavior in the Extraordinary Election of Adolf Hitler – T Childers (1976), The Social Bases of the National Socialist Vote – R F Hamilton (1986), Hitler’s Electoral Support: Recent Findings and Theoretical Implications – S Unger‐Alvi (2022), The Social Backgrounds of Nazi Leaders: A Statistical Analysis of Political Elites in Weimar Germany, 1918 – 1933. Grob zusammengefasst nahmen statistischen Auswertungen von Wahlergebnissen zufolge erwerbslose und von Erwerbslosigkeit bedrohte Handarbeiterinnen überproportional eine antifaschistische Haltung ein. Der Rest der Klasse dachte eher wie der Rest der Gesellschaft, d.h. um 1933 herum zu rund einem Drittel profaschistisch, wobei es den NSDAP‐Wahlergebnissen schadete, wenn Leute in katholischen Gebieten lebten, und nützte, wenn Leute es sich leisten konnten, in wohlhabenden Stadtteilen zu wohnen, und wenn Leute schlechtverdienend als Selbständige oder Entlohnte in Kleinbetrieben und Haushalten protestantischer Gebiete arbeiteten.
4 Marxens Vergleich von Religion mit Opium wird missverstanden, wenn man nicht begreift, dass Opium Schmerzen lindert. Man darf gespannt sein, was aus Religionen wird, wenn das Volk schmerzfrei ist.
5 Instant‐Marx | Mehwertrate. Marx will das damalige Problem der Masseneinwanderung von Irland nach England nicht durch Zwangsmittel gegen irische Arbeiterinnen lösen, sondern durch »die nationale Emanzipation Irlands«.
6 Rund 60 % der Tatverdächtigen sexualisierter Delikte sind Bekannte und Verwandte der Opfer; rund 40 % der Tatverdächtigen sind den Opfern unbekannt (Statista 2024), wobei der Anteil nicht polizeilich gemeldeter Fälle bei ersteren wohl deutlich höher liegt als bei letzteren. Um herauszufinden, ob eingewanderte Männer sexualisierte Delikte relativ häufiger verüben als einheimische, wären Aspekte zu beachten, die solche Delikte statistisch allgemein wahrscheinlicher machen, zum Beispiel: Anteil traumatisierter Männer bei Eingewanderten im Vergleich zum Anteil traumatisierter Männer bei Einheimischen; Anteil von erwerbslosen Männern unter 50 ohne partnerschaftliche Beziehung bei Eingewanderten im Vergleich zum Anteil von erwerbslosen Männern unter 50 ohne partnerschaftliche Beziehung bei Einheimischen … Ohne dem sind Aussagen, nach denen sexualisierte Delikte durch eingewanderte Männer häufiger verübt werden, schlicht rassistisch – doppelt rassistisch, wenn eine Ausweisung von Vergewaltigern anstatt kulturgerechte sozialpsychologische Behandlungen mit komfortabler Sicherungsunterbringung verlangt wird, unterstellend, dass es weniger schlimm ist, wenn sie Menschen in den Abschiebegebieten vergewaltigen. Einen Einwanderungsstopp für Männer kann man statistisch, gegebenenfalls altersgewichtet, vielleicht trotzdem mit Vergewaltigungen begründen: Jeder zusätzliche Mann in einer Bevölkerung bringt eine erhöhte Vergewaltigungswahrscheinlichkeit von durchschnittlich soundsoviel Prozent mit sich; jeder ausgewanderte Mann verringert die Vergewaltigungswahrscheinlichkeit im Herkunftsland vielleicht im geringeren Maß.
Bild (Ausschnitt): Wikimedia Commons – Demonstration »#FCK2020 Für ein besseres Morgen!« Berlin 30.12.2020, Foto: Leonhard Lenz

ist es nicht möglich, einen Artikel zu schreiben, der ausschließlich die deutsche Sprache verwendet?
Jeder Link auf englischsprachiges Zeug bedeutet, dass ich nichts vergleichbar Gutes in Deutsch gefunden habe. Die Chancen für vergleichbar Gutes in Deutsch stehen, wenn es nicht gerade um spezielle Angelegenheiten der deutschsprachigen Zone geht, ungefähr 1:10.
Falls ich das Rentenalter erreiche, könnte ich mir mehr Zeit bei der Suche nach deutschem Zeug lassen und den Kram mundgerechter servieren – wenn jemand genügend Geld rüberwachsen lässt, denn wahrscheinlich werde ich ansonsten viel Zeit brauchen, um in Mülleimern zu wühlen.
In den nächsten Jahren wird das Sprachproblem vielleicht durch bequemere kostenlose KI‐Tools [Werkzeuge] behoben werden. Bis dahin hilft vielleicht das hier: https://www.chip.de/downloads/Translate-Web-Pages-Webseiten-uebersetzer-fuer-Firefox_182890233.html (das Einzige, das damit bei mir funktionierte war: auf’s Icon [Symbol [Erkennungszeichen]] klicken, dann Optionen [Auswahlmöglichkeiten] und in Google Translate [Übersetzer] öffnen).
Bei der Gelegenheit hatte ich mal geschaut … Zucker, Lack, Lasur, Tulpe, Schal, Pyjama, Bronze, Orange, Kiosk, Tasse kommen aus dem Persischen, oft über Türkisch/Aserbaidschan‐Türkisch oder auch Arabisch. »Wahrheit« kommt aus dem Proto [zeitlich oder substanziell vorausgehend] ‑Westgermanischen *wārahaidu, wobei ich wohl vergeblich hoffe, dass die Ähnlichkeit von »wār« und Englisch »war« [Krieg] bloß Zufall ist.
向前进,走向世界革命!