Eine neue marxistische Inflationstheorie

  • Stavros Mavroudeas und Athanasios Chatzirafailidis behaupten, das liege daran, dass die marxistische Theorie noch keine konsistente, wirklich auf dem Arbeitswert beruhende Erklärung der Inflation gefunden habe. 
  • In der aktuellen World Review of Political Economy schlagen sie ein Konzept vor, dass auf den Reproduktionsschemata aus Kapital Band II beruht.
  • Im Zentrum steht, dass alle Kapitalisten nicht nur für die Nachfrage der folgenden Produktionsperiode produzieren, sondern auch ein Warenlager auf‐ oder abbauen.
  • In Boomphasen räumen Kapitalisten ihre Lager, um zeitlich begrenzt die Marktpreise über die Produktionspreise heben zu können, was einer Marxschen Definition von Inflation entspräche.
  • Ist das Preisniveau einmal angehoben worden, werden auf dem neuen Niveau die Lager wieder auf Kosten der Profitrate aufgefüllt.

Inflation ist in der tagespolitischen Diskussion das wohl bedeutendste und umstrittenste Thema der Wirtschaft. Außenhandel, Industrialisierung, Sparen oder Konsum … alles hängt ganz wesentlich von der Geldwertstabilität ab. Umso kritischer, dass marxistische Theorien und Kritiken noch nicht so recht Eingang in die Debatte gefunden haben. Stavros Mavroudeas und Athanasios Chatzirafailidis behaupten, das liege daran, dass die marxistische Theorie noch keine konsistente, wirklich auf dem Arbeitswert beruhende Erklärung der Inflation gefunden habe. Mit Hilfe der Marxschen Reproduktionsschemata aus Kapital Band II wollen diese beiden nun die Lücke schließen.

Bürgerliche Inflationstheorien

Die bürgerlichen Inflationstheorien beruhen grundsätzlich auf zwei verschiedenen Mustern, die sich aus Angebot und Nachfrage herleiten. Einmal auf der Nachfragesteigerung, bei der ein Kapitalist auf Grund des höheren Bedarfs einen höheren Preis verlangen kann; und auf der Angebotsverknappung, bei der ein begrenztes Gut einen Preisanstieg herbeiführt. Letzterem wird von den Herrschenden etwa die aktuelle Inflation zugerechnet, bei der die Verknappung des russischen Gases den allgemeinen Preisanstieg zur Folge gehabt habe. Erste Erklärung kennt man vielleicht noch aus der Kritik am Mindestlohn. Wenn alle plötzlich mehr verdienen, steigt die Nachfrage bei gleichem Angebot und die Menschen würden für ihr mehr an nominellem Geld trotzdem das gleiche bekommen.

Dieses recht wenig komplexe Konzept wurde bereits von Keynes in Frage gestellt, der argumentierte, dass eine Nachfrageerweiterung als Stimulus für eine Erweiterung der Produktion nicht zwangsläufig inflationäre Wirkung haben müsse. Daneben haben sich noch einige weitere Schulen etabliert, wie die Strukturalisten oder die New Monetary Theory. Alle bürgerlichen Inflationstheorien haben aber gemeinsam, dass sie Inflation als eine Abweichung von einem natürlichen Preis begreifen. Damit kann Inflation aber auch nur aus einem exogenen Schock hergeleitet werden, der die Veränderung der inneren harmonischen Verhältnisse der Ökonomie bewirkt. Die Kritik der bürgerlichen Ökonomie versucht jedoch Krisen aus den inneren Widersprüchen des Kapitalismus herzuleiten.

Marxistische Inflationstheorien und ihre Probleme

Und an Erklärungsansätzen fehlt es der marxistischen Theorie auch nicht. Die Regulationsschule und der Social Structures of Accumulation‐​Ansatz (Näheres hier) leiten Inflation aus einem halbgewonnenen Klassenkampf durch die Arbeiter her. Können die Arbeiter etwa Lohnsteigerungen erkämpfen, die über den Produktivitätsanstieg hinausgingen, so bliebe den Kapitalisten nichts anderes übrig, als die Preise zu erhöhen. Die mit der Aufkündigung von Bretton‐​Woods entstandene Autonomie des fiktiven Kapitals würde es dann etwa ermöglichen, mit der Ausweitung von Kreditgeld auf diese Lohnerhöhungen zu antworten. Der Ansatz ist einerseits empirisch problematisch, da etwa in Deutschland die Inflation in Zeiten von Reallohnzuwächsen eher gering und seit 1990 bei durchschnittlichen Reallohnverlusten eher hoch war. Dazu wird nicht plausibel gezeigt, ob nicht die Löhne den gestiegenen Kosten zur Reproduktion der Ware Arbeitskraft hinterherlaufen. Überhaupt ist fraglich, wie die Theorie zur Marxschen Auffassung passt, die Ware Arbeitskraft wie jede andere Ware auch zu behandeln.

Aus der Redaktion der Monthly Review heraus hat sich die Monopoltheorie herausgebildet. Sweezy und Baran oder moderner Epstein argumentieren, dass einmal etablierte Monopole der fallenden Profitrate mit Nichtwettbewerbspreisen begegnen könnten. Damit würden diese Monopole ihre Profite auf Kosten der nichtmonopolistischen Bourgeoisie und des Proletariats aufrechterhalten und ihre Macht ausbauen können. Die Frage, die sich hier stellt, ist allerdings, warum das Monopolkapital ihre Macht nur in ausgewählten Phasen und nicht immer nutzen sollte bzw. was Phasen von gesteigerter Inflation von denen gewöhnlicher Extraprofite unterscheide.

Der Geldwarenansatz, der etwa von Moseley, Saad‐​Filho, Mattick oder Fine vertreten wird, argumentiert mit der relativen Selbstständigkeit der Zirkulationssphäre gegenüber der Produktionssphäre. Das Preisniveau werde nach Marx durch die Warenmenge und die Zirkulationsgeschwindigkeit bestimmt, was immer auch beinhaltet, dass die Warenmenge mit Änderungen der Zirkulationsgeschwindigkeit oder der Menge an Geldware in Disproportionalitäten treten kann. Das Problem hier ist, dass bei geringerer Warenmenge am Ende auch einfach nur weniger Geld zirkulieren kann und somit das Auftreten der Inflation nicht ohne zusätzliche Bedingung erklärt werden kann. Die Varianten, die Inflation hier als Realisierungsproblem auffassen, würden sogar eher bei Unterkonsumtion und damit einer deflationären Tendenz herauskommen.

Traditionelle Ansätze um Dumenil, Levy und Shaikh sehen die Inflation durch die fallende Profitrate begründet, auf welche das Kapital mit dem Versuch der künstlichen Herstellung von mehr Nachfrage zur reagieren versucht, etwa durch die Vergabe von Kreditgeld. Auch hier ist die Kritik, dass die Erklärung nicht alleine ausreicht, da mit einer Abweichung von der Normalnachfrage argumentiert wird und Inflation nicht aus den inneren Widersprüche der Normalnachfrage selbst abgeleitet wird.

Mit den Marxschen Reproduktionsschemata ins Warenlager gehen

Alle bisherigen Theorien erfüllen nach Mavroudeas und Chatzirafailidis nicht die drei Ansprüche, die man an eine marxistische Inflationstheorie eigentlich stellen müsste. Erstens müsste sie über die Arbeitswerte definiert sein. Zweitens dürfe Inflation nicht durch den Klassenkampf als etwas der Ökonomie exogenes, sondern als etwas endogenes erklärt werden. Drittens dürfe eine abschließende Inflationstheorie nicht alleine die zirkulierenden Waren berücksichtigen, sondern auch die Warenreserven.

Die erste Bedingung soll dadurch erfüllt werden, dass Inflation durch die Differenz von Produktions‐ und Marktpreisen erklärt wird. Als Inflation soll gelten, wenn die Summe aller Marktpreise über eine längere Dauer die Summe aller Produktionspreise massiv übersteigt. Da Marx sagt, dass im Falle des Gleichgewichts von Angebot und Nachfrage die Markt‐ den Produktionspreisen entsprächen, ist in dieser Definition die Disproportionalität von Angebot und Nachfrage abgebildet, ohne sich unmittelbar auf einen empirischen Normalpreis zu beziehen.

Angebot und Nachfrage diskutiert Marx in den prominenten Kapiteln über die Reproduktionsschemata in Kapital Band II. Hier unterteilt Marx die gesamte Ökonomie in zwei Abteilungen: I zur Produktion von Produktionsmitteln und II zur Herstellung von Konsumtionsgütern. Der springende Punkt ist nun, dass jede Abteilung nicht nur für die Nachfrage der folgenden Periode produziert, sondern auch für ein Warenlager, aus dem im Falle erhöhter Nachfrage entnommen werden kann. Die Produktion des Warenlagers geht in die Produktionspreise mit ein. In Zeiten von Rezession kann ein Kapitalist dann einfach Waren aus dem Lager auf den Markt werfen und so seine Produktionskosten temporär senken.

Die Logik von Deflation und Inflation ist dann eine ganz einfache. In Zeiten des Ausgleichs von Angebot und Nachfrage behält der Kapitalist in der Summe sein Warenlager, wirft alte Artikel auf den Markt und füllt mit den neuen auf. In Boomzeiten mit gesteigerter Nachfrage wirft der Kapitalist Waren aus dem Lager auf den Markt. Da die Produktionskosten in der Vergangenheit liegen, übersteigen die Marktpreise temporär die Produktionspreise der Periode und führen damit per Definition zur Inflation. In Zeiten von Rezession wiederum füllt der Kapitalist sein Warenlager wieder auf; nicht ganz freiwillig, da er zeitweilig auf den hergestellten Waren einfach sitzen bleibt. Das Auffüllen der Lager hat natürlich seine Grenze in der Vernichtung des vollständigen Profits.

Inflation durch ungleiche Entwicklung der Sektoren

Die Diskussion, ob die Reproduktionsschemata die Möglichkeit einer harmonischen Entwicklung des Kapitalismus aufzeigen oder genau das Gegenteil, eine sich bis zur krisenhaften Entladung aufbauende Überakkumulation, soll hier gar nicht angestrengt werden. Man kann sich sicher darauf einigen, dass die Möglichkeit eines harmonischen Wachstums der beiden Abteilungen unter den Bedingungen der freien Konkurrenz extrem instabil und unwahrscheinlich ist. Die Realität von Nachfrageüberschüssen und ‑defiziten als reales Phänomen sollte daher kaum bestritten werden.

Was passiert nun also, wenn Abteilung I mehr Produktionsmittel nachfragt, als sie in einer Periode produziert. Zunächst werden die Kapitalisten ihre Lager räumen und damit eine inflationäre Wirkung erzielen. Dadurch das Abteilung I aber bereits ihre Waren für die nächsten Produktionsperioden herstellt, wird es in der Folge zu einem Überschuss an Produktionsmitteln kommen, wodurch nicht nur die Warenlager aufgefüllt werden können und müssen, sondern auch ein Teil der Produktion als nicht realisierbar auf die Profite drückt.

Fragt nun aber Abteilung II verstärkt Produktionsmittel nach, so kann Abteilung I erneut seine Lager räumen, was erneut zu zeitweiliger Inflation führt. Abteilung II muss nun aber teurer produzieren, was bei gegebener Profitrate auch zu einer Anhebung der Konsumpreise führt. Und nun hängt alles von den Löhnen ab. Entweder die Löhne steigen entsprechend der gestiegenen Marktpreise, was eine Überakkumulation in Abteilung II verhindert. Dann hebt sich der Wert der Ware Arbeitskraft aber über die Preise der Summe an den Mitteln zur Reproduktion in den vergangenen Perioden, was dauerhaft nur durch eine allgemeine Verteuerung aufgelöst werden kann. Steigen die Löhne allerdings nicht, dann kann Abteilung II einen Teil der Waren nicht absetzen, was zu geringerer Nachfrage in Abteilung I führt und am Ende in Stagflation endet.

Stagflation

Für die bürgerliche Theorie ist Stagflation ein in logischer Widerspruch. Auf der einen Seite resultiert Rezession aus einem allgemeinen Nachfragedefizit. Auf der anderen Seite wird Inflation durch einen Nachfrageüberschuss (oder eben ein Angebotsdefizit, was ohne postuliertes Normalmaß das gleiche wäre) definiert. In vorgestellten Schema erklärt sich dieses Paradox jedoch. Wenn Abteilung II in die Krise gerät, weil nicht einfach eine allgemeine Teuerung die Absatzprobleme gelöst hat, dann sinkt deren Nachfrage in Abteilung I, die wiederum jetzt für das Lager produziert und geringe Profitraten zeitigt.

Wir haben nun die Situation, dass sowohl Abteilung I und Abteilung II auf größeren Warenlagern sitzen, aus denen die Nachfrage zunächst bedient wird, was zu inflationären Wirkung führt. Die Kapitalisten befinden sich in dieser Situation in der Zwickmühle, die Lager zu räumen, damit die Produktionspreise zu senken und wenigstens für einige Produktionsperioden die Profite zu retten oder durch neue Produktion geringere Profitraten zu erzielen. Die eigentliche Logik des Kapitals, aus der Produktion selbst die Profite zu ziehen, wird hier über längere Zeit behindert, denn weder Abteilung I, noch Abteilung II sind in der Lage aus eigener Kraft, Produktion und Profitraten zu steigern.

Inflation und der Fall der Profitrate

Ein nicht unwesentliches Element des vorgestellten Mechanismus ist, dass die Theorie einen Transmissionsriemen für die praktische Durchsetzung des tendenziellen Falls der Profitrate präsentiert. Wie gezeigt, kann Abteilung I seine Warenlager weitestgehend räumen, was nicht nur zu Extraprofiten in Abteilung I führt, während Abteilung II mit Überproduktion zu kämpfen hat, sondern auch die organische Zusammensetzung ansteigen lässt. Und das sogar doppelt, denn nicht nur, dass mehr Maschinen in Naturalform abgesetzt werden, auch die Produktionspreise steigen durch die massive Nachfrage. Wendet hingegen ein allgemeiner Lohnanstieg die Überakkumulationskrise in Abteilung II ab, so werden beide Abteilung daran interessiert sein, Arbeitskraft durch Maschinen zu ersetzen, was wiederum zum Anstieg der organischen Zusammensetzung und damit zum Fall der Durchschnittsprofitrate führt.

Zusammenfassung

Stavros Mavroudeas und Athanasios Chatzirafailidis legen einen originellen Inflationsansatz vor, der das Verhältnis aus zirkulierenden und nicht‐​zirkulierenden Waren ins Zentrum stellt und so der Marxschen Differenzierung in zirkulierende und nicht‐​zirkulierende Geldware ein materielles Gegenstück präsentiert. Dass die beiden mit den Reproduktionsschemata argumentieren, scheint nur konsequent, ist das doch das einzige Kapitel von Marx, dass den Zusammenhang von gesellschaftlicher und Naturalform des Kapitals thematisiert. Die Argumentation ist dabei bestechend simpel und logisch; den algebraischen Anteil hätte es fast gar nicht gebraucht. Inwiefern die Theorie ersetzend etwa zur Monopolinterpretation oder ergänzend ist, muss sich zeigen; durch theoretische Weiterentwicklung in die Totalität des Kapitalismus und empirische Plausibilisierung.

Literatur

Mavroudeas, S. & Chatzirafailidis, A. (2025): Inflation and the Marxist Theory of Reproduction. In: World Review of Political Economy. Jahrgang 16. Ausgabe 3. S.434 – 455.

Zuerst erschienen bei Spectrum of Communism unter einer CC4.0‑BY-NC-Lizenz, im Gegensatz zum Original wurde auf gendern nach Rücksprache mit den Autoren verzichtet, Abkürzungen ausgeschrieben

Bild: Steve Buissinne (Pixabay)

http://​www​.spectrumofcommunism​.de/

One thought on “Eine neue marxistische Inflationstheorie

  1. Wenn man Inflation als »Differenz von Produktions‐ und Marktpreisen« auffasst, bleibt man auf der Geldebene sitzen, ohne eine Verbindung zur Wertebene herzustellen. Differenzen von Produktions‐ und Marktpreisen können vielleicht durch den hier geschilderten Mechanismus entstehen (den ich selber reichlich fadenscheinig finde). Sie können aber auch durch Gelddruckmaschinen, Goldfunde und dadurch plötzlich wachsende Nachfrage, Zinssenkungen, Wegsterben der halben Menschheit … durch alles Mögliche entstehen. Bürgerliche Ökonominnen können diesen Kram wunderbar erklären. Marx ist nicht nötig, um diesen Kram zu erklären.

    Was ist Inflation unter Einbziehung der Wertebene?

    Marx meint:

    »[D]er Wert der Waren [ist] bestimmt […] nicht durch die Arbeitszeit, die ihre Produktion ursprünglich kostet, sondern durch die Arbeitszeit, die ihre Reproduktion kostet, und diese [nimmt] infolge der Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkraft der Arbeit fortwährend [ab].« (Das Kapital III)

    »Der Wert eines Produkts wird nicht durch die Arbeitszeit konstituiert, die zu seiner Herstellung für sich allein notwendig ist, sondern im Verhältnis zur Menge aller anderen Produkte, die in derselben Zeit erzeugt werden können.« (Das Elend der Philosophie)

    Inflation unter Einbziehung der Wertebene lässt sich damit vereinfacht etwa wie folgt verstehen: Damit es überhaupt zur Inflation kommen kann, muss die zum Kauf einer Wertmasse X erforderliche Geldmenge steigen und eine für diese Steigerung erforderliche Geldmenge zum Kauf der Wertmasse X verfügbar sein (durch quantitative Erhöhung der Geldmenge und/​oder Erhöhung der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes im Warenhandel). Das braucht aus vielerlei Gründen nicht der Fall sein. Z.B. kann es zusätzliches Geld zwar geben, aber in Finanzkasinos landen, anstatt sich als Nachfrage nach Wertmasse X zu äußern; oder der Staat kann sich weigern, die Geldmenge zu erhöhen bzw. eine so etwas bewirkende Hochzinspolitik betreiben; oder die Leute könnten plötzlich vermehrt Geld unter ihren Matratzen horten, anstatt es auszugeben; oder Gesamtwertmasse und Nachfrage nach der Gesamtwertmasse könnten schneller wachsen als die Geldmenge/​Umlaufgeschwindigkeit …

    Ein Wirtschaftswesen könnte von jetzt auf nun die Geldmenge um das Zehnfache erhöhen, indem es auf alles Geld eine zusätzliche 0 draufdruckt /​digital hinzuaddiert oder auch, indem es an alle Leute zusätzlich zum Geld, das sie jeweils besitzen, 9 Mal soviel Geld ausbezahlt. Das ändert wirtschaftlich im Prinzip nichts, auch nicht, wenn dadurch die Marktpreise relativ zu den Produktionspreisen von jetzt auf nun um das 10‐​Fache steigen.

    Inflation wird zum Problem, wenn allzu viele Leute die zum Kauf der Wertmasse X erforderliche Geldmenge nicht haben, obschon sie die Wertmasse X in ihrer spezifischen Gebrauchsgestalt brauchen würden, sei es zum Konsum oder zur Produktion. Dazu kann es aus allen möglichen Gründen kommen, u.a. durch nicht inflationsgemäß steigende Löhne /​sinkende Reallöhne (wobei die Geldmenge in den Himmel wachsen mag, aber in anderen Taschen); durch unangemessen verteilte Erzeugungen von Gebrauchsgestalten (was der Markt durch phasenweise Preiserhöhungen bei den Mangelwaren, die zur Produktionsaufnahme motivieren, nicht immer zurechtrücken kann) … Da können komplizierte Dinge passieren. Zusätzliche Komplexitäten entstehen durch Währungen/​Außenhandel. Auch hier hat die bürgerliche Ökonomie viel Brauchbares zu bieten.

    Die Annahme, »dass die Möglichkeit eines harmonischen Wachstums der beiden Abteilungen unter den Bedingungen der freien Konkurrenz extrem instabil und unwahrscheinlich ist«, ist falsch. Sie entsteht daraus, dass die Mathematik der Schemata nicht begriffen wird. Die wird hier erklärt: https://​aufruhrgebiet​.de/​2​0​2​0​/​0​7​/​1​5​3​9​/​#​m​o​r​e​-​1​539

    Zusammengefasst ist die Möglichkeit eines harmonischen Wachstums der beiden Abteilungen gegeben, sobald in jeder Produktionsperiode eine Wertgleichung mit fünf Variablen eingehalten wird, von denen einige Variablen willkürlich wählbar sind – alle sollten größer 0 gewählt werden, damit ordentlich akkumuliert wird.

    Die schwer NICHT einhaltbare Gleichung lautet:
    I v + I k + I v‑akk = II c + II c‑akk.

    Produktionswert von Abteilung I:
    I c + I v + I k + I v‑akk + I c‑akk
    I c : konstantes Kapital
    I v : variables Kapital
    I k : zum Konsum der Kapitalistinnen vorgesehener Wert
    I v‑akk : zur Akkumulation vorgesehenes potenzielles variables Kapital
    I c‑akk : zur Akkumulation vorgesehenes potenzielles konstantes Kapital 

    Produktionswert von Abteilung II entsprechend:
    II c + II v + II k + II v‑akk + II c‑akk

    Man probiere es aus mit Willkürzahlen:
    I v = 7999
    I k = 12
    I v‑akk = 100000000
    II c = 0,7
    → II c‑akk muss dann sein I v + I k + I v‑akk – II c = 100008010,3

    Damit kann die Produktion in der nächsten Produktionsperiode prima weitergehen und wachsen, mit dem neuen variablen Kapital I v = 7999 + 100000000 und II c = 0,7 + 100008010,3 und einem I c frei erfunden und einem II v frei erfunden usw. 

    Nachfrageüberschüsse und ‑defizite entstehen bei ungeplanter Produktion ständig und werden ebenso ständig wieder ausgeglichen. Dies durch die Preise, indem sie gerade NICHT den Warenwerten entsprechen. Dass es im Kapitalismus immer wieder zu Krisen kommt, kann nicht durch die ungeplante Produktion erklärt werden, da es über längere Zeiträume ja auch nicht zur Krise kommt, obschon dann die Produktion genauso ungeplant ist. Ähnlich bei den im Artikel beschriebenen Lagerproblemen. Was sollte sich da weshalb in allen Branchen der Tausend+ Einzelkapitale von Abteilung I zeitgleich zu einer Krise auswachsen, anstatt ständig mal hier mal da zu Problemen zu führen, die durch dies und jenes bewältigt zu werden scheinen, da andernfalls der Kapitalismus schon lange an einer Dauerkrise gescheitert wäre?

    Empfehlung zum Marx‐​Studium: https://​magma​-magazin​.su/​2​0​2​4​/​0​3​/​s​u​n​n​i​f​a​/​i​n​s​t​a​n​t​-​m​a​r​x​-​f​u​e​r​-​m​a​r​x​-​a​b​g​e​n​e​i​g​te/

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