Die Redaktion hat sich zur schrittweisen Übersetzung der als Antwort auf Fragen aus der Arbeiterbewegung konzipierten Abhandlung Pao‐yu Chings über den Sieg und die Niederlage des Sozialismus in China entschieden, weil sie konzise und konzentriert auf wesentliche Fragen eingeht, die zur Beurteilung Chinas entscheidend sind. Die Abhandlung wurde 2019 beim maoistischen Verlag Foreign Languages Press veröffentlicht. Die Beteiligung Chinas an der 2020 einsetzenden Seucheninszenierung hat innerhalb der kritisch gebliebenen Linken für viele Diskussionen hinsichtlich der Einschätzung Chinas vor allem im linken antiimperialistischen Kontext gesorgt. Die Debatte setzt sich fort bezüglich der Frage zur Rolle der BRICS und dem Diskurs über die Entstehung einer »multipolaren Welt« oder der Rolle Chinas hinsichtlich Syriens oder des Genozids in Gaza. Dabei wird nicht selten die Ansicht vertreten, dass China nach wie vor ein sozialistisches Land sei. Mit der Veröffentlichung von Chings Abhandlung soll die Debatte sowohl angestoßen als auch vertieft werden, denn eine akkurate Einordnung Chinas erweist sich als zunehmend dringlicher, um angemessene Analysen, Taktiken und Strategien in aktuellen antiimperialistischen Kämpfen zu formulieren. Ergänzungen, Erwiderungen, übersetzte Studien oder eigene Beiträge sind daher gerne bei der Redaktion einzureichen, um diese nicht unwichtige Debatte zu befördern. Mit Jan Müllers und Wu Bus Broschüren und Artikeln liegen zudem bereits einige fundierte Analysen vor. Inzwischen liegt die Abhandlung Chings als Broschüre vor.
Inhalt
Frage II: Wie können wir feststellen, ob Chinas Entwicklung von 1956 bis 1978 sozialistisch war?
Frage II a: Wie haben sich die Produktionsverhältnisse im staatlichen Industriesektor verändert?
Frage IV: Was waren weitere Errungenschaften während der sozialistischen Entwicklung Chinas?
Schlussfolgerung
Was können wir aus der Geschichte Chinas seit der Revolution von 1911 lernen, die die Qing‐Dynastie stürzte?
Wir haben gelernt, dass sich Menschen in unterdrückten Nationen erheben und befreien können. In den letzten hundert Jahren waren die Hoffnungen und Bestrebungen des chinesischen Volkes darauf ausgerichtet, dass China eine souveräne Nation wird und unter den anderen Nationen gleichberechtigt behandelt wird. Die Revolution von 1911 war eine demokratische Revolution alten Typs, angeführt von der Kapitalistenklasse mit dem Ziel, den Feudalismus zu zerstören. Diese Revolution scheiterte, als Chiang Kai‐shek die Revolution verriet. Wie Mao in »Über die neue Demokratie« erklärte, konnte die demokratische Revolution alten Typs nicht erfolgreich sein, weil die Kapitalistenklasse in halbkolonialen und halbfeudalen Ländern zu schwach war und sich auf die Klasse der Großgrundbesitzer stützen musste, um das Land zu regieren. Aus diesem Grund ist es nicht möglich, in einem halbkolonialen und halbfeudalen Land eine demokratische Revolution unter Führung der Kapitalistenklasse durchzuführen, um den Feudalismus zu beenden. Mao schrieb, dass nur eine demokratische Revolution neuen Typs unter Führung des Proletariats den Feudalismus beenden könne. Wenn die demokratische Revolution vom Proletariat angeführt werde, werde mit Sicherheit eine sozialistische Revolution folgen.
Die Kommunistische Partei Chinas, gegründet 1921 und angeführt vom Proletariat, baute ein starkes Bündnis mit der chinesischen Bauernschaft auf und bildete eine breite Koalition mit der nationalen Bourgeoisie. Am 1. Oktober 1949 gelang ihnen die Befreiung Chinas, als Mao verkündete, dass das chinesische Volk sich erhoben habe und ein neues China geboren sei. Revolutionäre auf der ganzen Welt feierten gemeinsam mit dem chinesischen Volk die Möglichkeit, eine neue Gesellschaft aufzubauen, in der die Menschen frei von Herrschaft und Unterdrückung von innen und außen sein würden. Der darauf folgende Aufbau des Sozialismus inspirierte viele Revolutionäre, insbesondere in armen und unterdrückten Ländern. 1956 mobilisierte die Kommunistische Partei Chinas Revolutionäre auf der ganzen Welt, als sie es wagte, die Revisionisten der Kommunistischen Partei der Sowjetunion herauszufordern. Dann, im Jahr 1966, unternahm China einen weiteren entscheidenden Schritt in der Führung des Kampfes gegen den Revisionismus, indem es die Große Proletarische Kulturrevolution startete, um gegen die Revisionisten innerhalb der Kommunistischen Partei Chinas zu kämpfen. Der intensive Kampf gegen den Revisionismus während der zehn Jahre der Kulturrevolution entlarvte die Revisionisten innerhalb der KPCh und die kapitalistischen Projekte, die sie zu verwirklichen versucht hatten. Obwohl der Kampf zwischen der revolutionären Linie und der revisionistischen Linie zeitweise verwirrend, chaotisch und sogar gewalttätig war, zeigte er doch deutlich, dass der Kampf gegen den Revisionismus unvermeidlich und eine fortgesetzte Revolution notwendig war, wenn die sozialistische Revolution voranschreiten sollte. Die Kulturrevolution zeigte auch den Inhalt, die Form und die Strategie eines solchen antirevisionistischen Kampfes in einem Land, das sich im sozialistischen Übergang befand.
Während dieser Zeit folgten die Menschen in China Mao und machten sich daran, den Sozialismus aufzubauen, der sie von wirtschaftlicher Not, Klassenunterdrückung, ausländischer Aggression und politischer Verfolgung befreite. Der sozialistische Aufbau weckte bei den Chinesen große Begeisterung. Sie gaben ihr Bestes, um ein China voller Hoffnung, Stolz und Ambitionen aufzubauen. Innerhalb von nur zwei Jahrzehnten schufen chinesische Arbeiter, Bauern und Intellektuelle eine solide Grundlage für Industrie und Landwirtschaft, die eine langfristige nachhaltige Entwicklung ermöglichte. Gleichzeitig erwirtschaftete China genügend wirtschaftlichen Wohlstand, um die Lebensbedingungen und das Wohlergehen einer großen und wachsenden Bevölkerung zu verbessern und ihr grundlegende wirtschaftliche Sicherheit, Bildung, Gesundheit und Kultur zu bieten.
Maos revolutionäre Linie wurde nach seinem Tod im Jahr 1976 besiegt, als die Revisionisten in der KPCh die politische Macht ergriffen und ihre kapitalistischen Reformen begannen. Nach vier Jahrzehnten kapitalistischer Entwicklung waren einige Menschen aufgrund der hohen Wirtschaftswachstumsraten so beeindruckt, dass sie glaubten, China sei auf dem Weg, eine wirtschaftliche Supermacht zu werden. Wer diese Ansicht vertritt, muss glauben, dass der Imperialismus – wie er in den letzten hundert Jahren existiert hat – noch einen langen Weg vor sich hat. Es ist hilfreich, sich daran zu erinnern, dass dem globalen Monopolkapital in den letzten dreißig Jahren des 20. Jahrhunderts die Expansionsmöglichkeiten ausgegangen waren und es daher notwendig war, mehr Raum für das Monopolkapital zu schaffen.1 Chinas kapitalistische Reform kam genau zum richtigen Zeitpunkt, um dem globalen Monopolkapital einen weitläufigen, freien Raum mit reichlich verfügbaren, billigen und disziplinierten Arbeitskräften zu bieten.
Das Monopolkapital hat sich zusammen mit dem chinesischen Kapital tatsächlich ausgebreitet – nicht nur in China, sondern auch in Indien, Brasilien, dem Rest Lateinamerikas und Asiens sowie auf dem gesamten afrikanischen Kontinent.
Vierzig Jahre später gehen dem globalen Monopol erneut die Expansionsmöglichkeiten aus. Inzwischen werden reiche und arme Länder mit Produkten »Made in China« überschwemmt. Chinas Land, Flüsse und natürliche Ressourcen sind erschöpft, und seine Umwelt ist durch Überproduktion und Überinvestitionen vollständig verschmutzt. Einige Experten sagen, dass es, selbst wenn es möglich wäre, viel länger als vierzig Jahre dauern würde, bis sich die Umwelt wieder so erholt hätte wie vor vierzig Jahren. Das sogenannte »Wunder Chinas« oder »Wunder des Monopolkapitals« der letzten vier Jahrzehnte kann sich nicht wiederholen.
Die Zukunft des chinesischen Volkes und tatsächlich die Zukunft aller Menschen auf der Welt und der Natur selbst hängt davon ab, wie lange wir zulassen, dass das Monopolkapital die Zukunft der Erde und der Menschheit dominiert. Das heißt, unsere Zukunft hängt davon ab, wie Revolutionäre die internationale Arbeiterklasse vereinen können, um das internationale Monopolkapital entschlossen zu zerstören, den Kapitalismus zu beenden und den Sozialismus aufzubauen.
Verweise
1 Als Ende der 1990er Jahre die Asienkrise begann, verschärfte sich das Problem der Überkapazitäten (das seit Anfang der 1970er Jahre bestand). Die Automobilindustrie ist ein gutes Beispiel für die Schwere des Problems. Das Wall Street Journal berichtete am 25. August 1997, dass die weltweite Produktionskapazität für Autos 70 Millionen Fahrzeuge erreichte – 32 Prozent mehr, als die Verbraucher kauften. In einem Artikel der Zeitschrift The Economist aus dem Jahr 1998 hieß es, dass japanische Autohersteller über eine Produktionskapazität von 14 Millionen Fahrzeugen verfügten, aber weit weniger als die Hälfte dieser Zahl auf dem heimischen Markt verkauft werden konnte. In demselben Artikel hieß es: »Europa ist ebenso wie Japan von Überkapazitäten geplagt. Die Automobilproduktion wächst dort um 4 Prozent pro Jahr, die Nachfrage jedoch nur um 1,5 Prozent.« (The Economist, 21. März 1998, S. 71) Heute, im Jahr 2018, plagt die Überkapazität der Automobilindustrie auch China.
Bild: Gegen Ende der Kulturrevolution wurden die allgegenwärtigen Bilder aus der Zeit des Personenkults abgehängt und setzten Staub an, hier auf dem Dachboden eines Hotels in Wuhan (September 1976), CC BY‐SA 4.0
