Die Freiheitsflotille – ein Spektakel, das entlastet

Politische Kohärenz geht oft über die Minderheit. Das zeigte sich am Tag nach dem 7. Oktober, als die Bekräftigung des widerständigen Charakters jener Tat des 7. Oktober bedeutete, sich der Isolation und Verachtung einer kompakten Masse auszusetzen, die jene Tat als »Terrorismus« verteufelte. Wir waren wenige, fast unsichtbar. Das zeigt sich heute erneut, nach zwei Jahren Völkermord, der durch die Gleichgültigkeit des Westens und die direkte Komplizenschaft mit dem Zionismus ermöglicht wurde: Gerade jetzt, wo sich eine Massenkonsens bildet, der die Massaker verspätet verurteilt, kann man sich entscheiden, anderswo zu bleiben. Nicht aus Masochismus oder aus einer Vorliebe für traurige Leidenschaften, sondern aus Kohärenz. Die Kraft der Massenbewegungen ist von grundlegender Bedeutung, aber man darf den Lärm nicht mit dem Kampf verwechseln: Wenn sie zu Ritualen der Selbstabsolution verkommen, ist es angebracht, sich herauszuhalten. Viele Genossen von damals, die die Einsamkeit der ersten Minderheit teilten, haben sich heute mit Leib und Seele dieser Welle der Solidarität angeschlossen, die hier kritisiert wird. Man kann die Genossen respektieren, aber es wäre katastrophal, sich mitreißen zu lassen: Es ist daher gesund, in der Minderheit zu bleiben, die sich nicht von Illusionen verführen lässt.

Wir könnten nämlich im Aufruhr dieser Tage die Zeit der spektakulären Leugnung des Widerstands erkennen. Die Global Sumud Flotilla unterstützt den Kampf nicht, sie stärkt den Widerstand nicht: Sie ist eine Inszenierung.

Guy Debord warnte zu Beginn seines Werks Die Gesellschaft des Spektakels: »Alles was unmittelbar erlebt wurde, ist in eine Vorstellung entwichen.« Und genau das ist geschehen.

Die Bewegung der Boote in Richtung Gaza, verstärkt durch Medien, soziale Netzwerke und einen einstimmigen Chor von Intellektuellen, Politikern und Meinungsführern, die zwei Jahre lang den Völkermord verschluckt und gerechtfertigt haben, ist nichts anderes als eine neue Vorstellung. Ein Bild, das der Welt zur Betrachtung angeboten wird, das in Talkshows, Pressemitteilungen und empörten Posts vervielfältigt wird und das auch von denen begeistert aufgenommen wird, die gestern noch nichts zu sagen hatten außer dem palästinensischen Widerstand aufs Schärfste zu verurteilen.

Zwei Jahre lang wurde die Muqawama, also der Widerstand, als »Terrorismus« verteufelt. Heute wird die Flagge einer Flotte gehisst, die keine Waffen, keine Milizen, keine politischen Strategien mit sich bringt, sondern nur das Spektakel einer mühsamen und widersprüchlichen Solidarität, die als fähig gefeiert wird, eine entscheidende Bresche in die Völkermordbelagerung zu schlagen. Das Spektakel der Neo‐​Solidarischen stärkt den Widerstand nicht nur nicht, sondern neutralisiert ihn: Es entleert ihn, zähmt ihn und verwandelt ihn in ein harmloses Bild, das man betrachten kann, anstatt ihn als politische Kraft zu unterstützen.

In meinem jüngsten Interview mit Abboud Hamayel1 hat der palästinensische Intellektuelle nachdrücklich betont, dass »selbst diejenigen, die behaupten, sich mit uns solidarisch zu zeigen, dies oft nur unter der Bedingung tun, dass wir in der Rolle der Leidenden verharren und keine Gedanken produzieren«.

Eine vielleicht unbeabsichtigte Nebenwirkung der Logik der Flottille ist es, Gaza in ein humanitäres Theater zu verwandeln und dem Widerstand das Recht abzusprechen, sich als politische Kraft zu verstehen und anerkannt zu werden.

Die scheinintellektuelle Welt entdeckt sich heute als aktivistisch wieder, nachdem sie zwei Jahre lang die Hamas als »brutalen Terrorismus« verurteilt oder gegen berüchtigte Lagerdenken argumentiert hat, um den Kibbuzim‐ und Zionismusgeist ihrer Freunde nicht zu stören. Sie bemüht sich nun, im Mittelpunkt der Bühne zu stehen. Sie tut dies nicht für Palästina, sondern für sich selbst: für eine Erzählung, die die Logik des Spektakels reproduziert, in der die Vereinigung nur scheinbar und die Trennung real ist.

Debord hat dies präzise erfasst: »Das Spektakel ist nicht ein Ganzes von Bildern, sondern ein durch Bilder vermitteltes gesellschaftliches Verhältnis zwischen Personen.« Das ist das Verhältnis, das heute entsteht: keine Solidarität, sondern kollektive Selbstabsolution. Ein Reinigungsritual, das es den lange schuldbewussten und schweigsamen Massen ermöglicht zu sagen: Wir waren dabei.

Diese neu geschaffene Melasse, in der jede kritische Stimme sofort als Spielverderber gebrandmarkt wird, ist deprimierend. In dieser neuen Welle sehe ich nichts bewegungsaktivistisches oder revolutionäres: Sie ist Lichtjahre entfernt von den Lehren, die der palästinensische Widerstand der Welt geboten hat und bietet. Ihre soziale Zusammensetzung kann nur Misstrauen wecken: ein heterogener, bunter Block, bestehend aus Persönlichkeiten aus Kultur, Politik, Recht, Universität und Freiwilligenarbeit, unterstützt von Meinungsführern des westlichen »Progressismus«, die nach zwei Jahren Völkermord plötzlich aufgewacht sind. Ein Massenkonsens, der nicht aus Bewusstsein entsteht, sondern aus Recycling: also größtenteils eine Maschine, in deren Regiekabine sich eine gebildete und wohlhabende Schicht eingerichtet hat, die sich in einer »bewegungsorientierten« Weise neu formiert, um sich selbst zu reinigen und sich mühelos und ohne Risiko eine Hauptrolle in einer nicht näher bezeichneten globalen Kampfbewegung zu sichern.

Unterdessen läuft die Völkermordmaschine in der Realität ungestört weiter. Gaza wird überfallen, die Leichen stapeln sich. Ressorts, geschäftliche Wiederaufbauprojekte und Pläne zur kapitalistischen Ausbeutung der zerstörten Küste werden geplant. Israel, gestärkt durch die Komplizenschaft des Westens und der korrupten arabischen Führungen, treibt seine Enteignungsprojekte voran, während sich die Palästinensische Autonomiebehörde, Marionette Washingtons und Tel Avivs, als kollaborativer Apparat bestätigt, der nur an der Erhaltung seiner eigenen Privilegien interessiert ist.

Die Flottille kratzt nicht an dieser Völkermordordnung, sie stoppt nicht die Bombardierungen, sie bricht nicht die Belagerung: Sie verlängert sie und verwandelt sie in ein globales Spektakel. Hier offenbart sich der Kern des Problems: Das Spektakel ist nicht Nebensache, sondern das Wesen der Herrschaft. Die Flottille dient als Ablenkung, als symbolischer Ausgleich: Was erscheint, ist gut, und was gut ist, erscheint.

Wie Hamayel bemerkte: »Der palästinensische Widerstand existiert seit jeher, er besteht heute und wird weiterbestehen – nicht als verzweifelte Reaktion, sondern als Vorschlag für eine Welt.«

Und genau diese konstruktive Dimension läuft Gefahr, erstickt zu werden: Das Spektakel neutralisiert die Muqawama, reduziert sie auf eine Performance und sterilisiert ihre ansteckende Kraft.

Im Spektakel gibt es immer einen Spielraum für Macht. Dieser Massenkonsens könnte sich in einem symbolischen Schlag gegen die zionistische Grausamkeit niederschlagen. Es handelt sich jedoch um einen Schlag, der von dem Mechanismus, der ihn erzeugt, eingedämmt und wieder absorbiert würde. Die Vorstellungswelt, die sich für einen Moment gegen Israel erhebt, eröffnet keine Szenarien der Befreiung, sondern bereitet einen neuen Zyklus von Vorstellungen vor, die eine zukünftige Normalisierung akzeptabel machen werden. In diesem Spiel ist es völlig vorhersehbar, dass Prominente bejubelt, eingeladen, gewählt, bereichert und verehrt werden, während die Palästinenser am Rande der Welt bleiben und zu Statisten eines Dramas degradiert werden, das sie nicht kontrollieren können.

Befreiung kommt weder durch Spektakel noch durch kollektive Illusionen, die Palästina zu einer Ikone des Schmerzes reduzieren, der von der öffentlichen Meinung bewältigt werden kann. Die palästinensische Sache ist politisch und revolutionär, nicht humanitär oder symbolisch. Das wussten und wissen alle Militanten, die mit ihrem Blut und ihrer Organisation die Geschichte des Widerstands geschrieben haben: Das Volk braucht keine Zuschauer, sondern Kampfgefährten.

Die Flottille hingegen ist ein perfekter Mechanismus des spektakulären Kapitalismus: Sie vervielfacht die Bilder, erhöht die Sichtbarkeit, neutralisiert die Wahrheit. Denn, wie Debord schreibt, ist in »der wirklich verkehrten Welt […] das Wahre ein Moment des Falschen«. Der wahre Völkermord, die internationale Straflosigkeit, die zukünftige Plünderung Gazas werden in einem spektakulären Rahmen verschluckt, der es den Massen ermöglicht, sich für einen Tag auf der richtigen Seite der Geschichte zu fühlen.

Aber Geschichte wird nicht in fotografierten Häfen geschrieben, auch nicht in Pressekonferenzen oder verspäteten Kommuniqués. Geschichte wird auf dem Schlachtfeld der Politik geschrieben. Hier und jetzt braucht Palästina keine neuen Ikonen, die es zu betrachten gilt, sondern neue organisierte Kraft. »Epistemologischer Widerstand«, sagt Hamayel, »ist Ungehorsam gegenüber der Wissensordnung, die uns zu Opfern machen will, niemals zu Subjekten«.

Die Flottille ist also kein Erwachen: Sie ist der notwendige Traum einer Gesellschaft, die sich fürchtet, ihre eigene Mitschuld anzuerkennen.

Und selbst dort, wo man den persönlichen Mut einiger Leiber anerkennen kann, die sich der Gefahr aussetzen, muss man klar sagen: Es handelt sich um einen demonstrativen, performativen Mut, der mit einer eigenen kommunikativen Wucht einhergeht, die gerade wegen ihres spektakulären Charakters nur von kurzer Dauer sein und bald ad acta gelegt werden wird. Es fehlt völlig an einem soliden politischen Bewusstsein und Kultur. Folglich zeichnet sich nichts Gutes ab, außer der x‑ten Integrationsfähigkeit einer kolonialen und gewalttätigen Gesellschaft, jede Geste wieder zu absorbieren.

Die so vielfältige und bunte Zusammensetzung des Kampfes ist ein hervorragender Nährboden für die imperiale und kapitalistische Marktlogik. Ein Bruch des Blocks, der tatsächlich in die Geschichte eingehen wird, fand am 7. Oktober statt. Aber dieser wurde als Terrorismus bezeichnet und wird auch heute noch von nicht wenigen Anhängern der Flottille so bezeichnet. Und genau diese Dämonisierung hat den Völkermord angeheizt. Das Wasser des Mittelmeers wäscht das fromme Gewissen nicht rein.

Das italienische Original erschien im l’Antidiplomatico

Verweise

Bild: Die Global Sumud Flotilla in Tunesien (CC BY 4.0 Mehr News Agency)

3 thoughts on “Die Freiheitsflotille – ein Spektakel, das entlastet

  1. Dass die Flotille ein Schauspiel ist, das Eindruck machen will, ist eine triviale Einsicht. Wozu der Bezug auf G.Debord, dessen Aussagen über die »Gesellschaft des Spektakel« nicht sehr kohärent sind, für eine materialistische Kritik sowieso nicht taugen und vom Autor des Textes auch noch so stark verfälscht werden, dass die kommunistische Absicht, die Debord immerhin noch zugestanden werden konnte, nicht mehr erkennbar ist?

    Die Fälschung wird an zwei Stellen besonders offensichtlich. So schreibt der Autor: »Was gut erscheint, ist gut, und was gut ist, erscheint gut.« – das klingt wie ein Stelle aus dem Spektakelbuch, aber er ist vorsichtig genug, keinen direkten Hinweis auf die entsprechende Textstelle zu geben, die anders lautet: »Was erscheint, das ist gut, und was gut ist, erscheint.« – so wird aus einer Aussage über ein psychologisches Prinzip der Reklame kompletter moralischer Schwachsinn.

    An einer anderen Stelle: »Die palästinensische Sache ist politisch und revolutionär, nicht humanitär oder symbolisch. Das wussten und wissen alle Aktivisten, die mit ihrem Blut und ihrer Organisation die Geschichte des Widerstands geschrieben haben: Das Volk braucht keine Zuschauer, sondern Mitstreiter.« – ob die kitschige Ausdrucksweise durch die Übersetzung ins Deutsche zustande gekommen ist, einmal dahingestellt: Erstens, »Aktivisten« vergießen Blut – oh ja, oder: ein Angestellter sticht sich mit einer Büroklammer…! Zweitens, »Mitstreiter« – nicht selbst »Volk«, sondern »mit« ihm, oder: der Angestellte rennt mit blutendem Daumen auf die Straße: »Seht, ich bin einer von euch!« – Schlimm!

    Dass »Blut« keine Gewissheit bietet und schlecht als Tinte geeignet ist – das wäre G. Debord vermutlich noch bewusst gewesen, zumindest in seinen seltenen nüchternen Augenblicken:

    »Authentizität ist eine unbeweisbare Hypothese« (aus: Kommentare)

    1. Danke, die Stelle »Was gut erscheint, ist gut, und was gut ist, erscheint gut« wurde nicht richtig übersetzt. Pardon. Wurde geändert in: »Was erscheint, ist gut, und was gut ist, erscheint.«

      Mitstreiter wurde durch Kampfgefährten ersetzt. Danke für den Hinweis auch hier.

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