Vom Sieg zur Niederlage: Chinas sozialistischer Weg und die kapitalistische Kehrtwende (Teil V)

Vorwort der Redaktion

Die Redaktion hat sich zur schrittweisen Übersetzung der als Antwort auf Fragen aus der Arbeiterbewegung konzipierten Abhandlung Pao‐​yu Chings über den Sieg und die Niederlage des Sozialismus in China entschieden, weil sie konzise und konzentriert auf wesentliche Fragen eingeht, die zur Beurteilung Chinas entscheidend sind. Die Abhandlung wurde 2019 beim maoistischen Verlag Foreign Languages Press veröffentlicht. Die Beteiligung Chinas an der 2020 einsetzenden Seucheninszenierung hat innerhalb der kritisch gebliebenen Linken für viele Diskussionen hinsichtlich der Einschätzung Chinas vor allem im linken antiimperialistischen Kontext gesorgt. Die Debatte setzt sich fort bezüglich der Frage zur Rolle der BRICS und dem Diskurs über die Entstehung einer »multipolaren Welt« oder der Rolle Chinas hinsichtlich Syriens oder des Genozids in Gaza. Dabei wird nicht selten die Ansicht vertreten, dass China nach wie vor ein sozialistisches Land sei. Mit der Veröffentlichung von Chings Abhandlung soll die Debatte sowohl angestoßen als auch vertieft werden, denn eine akkurate Einordnung Chinas erweist sich als zunehmend dringlicher, um angemessene Analysen, Taktiken und Strategien in aktuellen antiimperialistischen Kämpfen zu formulieren. Ergänzungen, Erwiderungen, übersetzte Studien oder eigene Beiträge sind daher gerne bei der Redaktion einzureichen, um diese nicht unwichtige Debatte zu befördern. Mit Jan Müllers und Wu Bus Broschüren und Artikeln liegen zudem bereits einige fundierte Analysen vor. Inzwischen liegt die Abhandlung Chings als Broschüre vor.

Inhalt

Einführung

Frage I: Karl Marx rechnete damit, dass die sozialistische Revolution zuerst in den Ländern stattfinden würde, in denen der Kapitalismus ein fortgeschritteneres Stadium erreicht hatte. Warum fand die sozialistische Revolution zuerst in Russland und dann in China statt, wo sich der Kapitalismus erst im Anfangsstadium der Entwicklung befand?

Frage II: Wie können wir feststellen, ob Chinas Entwicklung von 1956 bis 1978 sozialistisch war?

Frage II a: Wie haben sich die Produktionsverhältnisse im staatlichen Industriesektor verändert?

Frage II b: Wie haben sich die Produktionsverhältnisse im Kollektiveigentum befindlichen Agrarsektor verändert?

Frage III: Wie hat sich der Überbau von 1949 bis 1978 von feudal und kapitalistisch zu sozialistisch verändert und wie wichtig war die Kulturrevolution für diesen Wandel?

Frage IV: Was waren weitere Errungenschaften während der sozialistischen Entwicklung Chinas?

Frage V: Wie sah Chinas sozialistische Entwicklungsstrategie aus? Wie unterschied sich Chinas sozialistische Entwicklung von der kapitalistischen Entwicklung in kolonialen und halbkolonialen Ländern?

Frage VI: Mit welchen Herausforderungen und Schwierigkeiten war China während des sozialistischen Aufbaus konfrontiert?

Frage VII: Was ist mit China und dem chinesischen Volk nach der Machtübernahme durch die Konterrevolutionäre im Jahr 1976 geschehen?

Schlussfolgerung

Frage V: Wie sah Chinas sozialistische Entwicklungsstrategie aus? Wie unterschied sich Chinas sozialistische Entwicklung von der kapitalistischen Entwicklung in kolonialen und halbkolonialen Ländern?

Im Vergleich zu den Erfahrungen zahlreicher anderer kolonialer und halbkolonialer Länder gelang es dem sozialistischen China, seine Wirtschaft erfolgreich zu entwickeln, wo andere scheiterten. Der wichtigste Grund für Chinas Erfolg war das Durchlaufen einer sozialistischen Revolution und die unter der Führung der Kommunistischen Partei Chinas verfolgte sozialistische Entwicklung. Chinas sozialistische Entwicklung ermöglichte es ihm, unabhängig von der Einmischung und Ausbeutung imperialistischer Länder zu sein. Unter Mao Zedong kam es zum Aufbau eines starken Bündnisses zwischen Arbeitern und Bauern, auf dessen Grundlage eine Strategie der Selbstversorgung verfolgt wurde.

Heute ernährt die Landwirtschaft in den meisten kolonialen und halbkolonialen Ländern die ländliche Bevölkerung nicht mehr, deshalb wandern Bauern in nahegelegene Städte ab. In den Städten ist die unabhängige Industrialisierung gescheitert. Die Exportindustrie bietet nur ein paar Niedriglohnjobs – Arbeitslosigkeit und Armut bleiben. Wer vom Land kommt, lebt oft ohne sauberes Wasser, Essen oder medizinische Hilfe – unter schlechtesten hygienischen Verhältnissen. Kinder in Slums lernen nicht in Schulen und suchen auf Müllhalden nach verkaufsfähigen Dingen oder Essensresten. Es stellt sich die Frage, warum die Unterschiede zwischen dem Leben der Arbeiter und Bauern im sozialistischen China und dem Leben in kolonialen oder halbkolonialen Ländern so groß sind. Dieser Abschnitt gibt einige Antworten.

Das charakteristische Merkmal der sozialistischen Entwicklung Chinas war, dass sie die interne wie externe Ausbeutung beseitigte. Seit dem Ende des Urkommunismus erzeugten alle Gesellschaften einen Überschuss, also die Menge an Produkten, die den aktuellen Verbrauch einer Gesellschaft übersteigt. Historisch gesehen diente der von der Gesellschaft erzeugte Überschuss dem Bau religiöser Tempel, Paläste für Könige und Königinnen zu Lebzeiten sowie prächtiger Mausoleen nach ihrem Tod. Man setzte und setzt den Überschuss auch für militärische Eroberungen und für den luxuriösen Lebensstil der Reichen und Mächtigen ein. Im Feudalismus nahm der Überschuss die Form von Sachrentenzahlungen an. Im Kapitalismus erscheint der Überschuss als Gewinn für Kapitalisten, die ihn für erweiterte Kapitalakkumulation, militärische Expansion und ihren materiellen Komfort verwenden. Der Überschuss fließt außerdem in Zinsen und Mieten. Alle Formen der Ausbeutung pressen den Überschuss aus den arbeitenden Massen heraus. Im Kapitalismus liegt es im Vorrecht der Kapitalisten zu entscheiden, ob sie den Überschuss für weitere Kapitalexpansion oder für extravaganten Konsum verwenden. Die arbeitenden Menschen, die den Überschuss produzieren, haben kein Recht zu sagen, wie der Überschuss verwendet werden soll. Wenn ein sozialistisches Land die Ausbeutung beseitigt, kann der Überschuss in die Produktion nützlicher Produkte und Dienstleistungen für die arbeitenden Menschen investiert werden.

In China gab es keine interne Ausbeutung, da der Sozialismus die Zahlung von Profiten, Pachtzinsen und Zinsen abgeschafft hatte. Dies war möglich, weil der staatliche Sektor die Warenproduktion und die Arbeitskraft als Ware schrittweise abschaffte. Im kollektiven Sektor hörte das Kapital (landwirtschaftliche Geräte) nach der Bildung fortschrittlicher Genossenschaften auf, Anteile an der Gesamtproduktion zu beziehen. Darüber hinaus wurden sowohl im staatlichen als auch im kollektiven Sektor große Anstrengungen unternommen, um Bürokratieebenen zu vermeiden, die nur administrative und unproduktive Arbeit verrichteten. Nachdem die Ausbeutung beseitigt war, konnten alle in der Gesellschaft erwirtschafteten Überschüsse in Maschinen und Ausrüstung investiert werden, um das Land zu verbessern und Infrastruktur aufzubauen, damit die Produktion in Zukunft ausgeweitet werden konnte. Ebenso wichtig war, dass im sozialistischen China den Arbeitern und Bauern keine übermäßigen Überschüsse abverlangt wurden, sodass sich ihr Lebensstandard deutlich verbesserte. Wie oben erwähnt, führten die Leiter der Produktionsgruppen weiterhin als Teil ihrer Produktionsgruppe landwirtschaftliche Arbeiten aus. Die meisten Brigadenleiter und diejenigen, die in den Kommunen arbeiteten, waren sehr gewissenhaft und gaben ihr Bestes. Jedes Jahr, wenn die Ernte abgeschlossen war, wurden sie von ihren Mitgliedern kritisiert und mussten Selbstkritik üben.1 Es wurde sehr genau darauf geachtet, ob die Führungskräfte etwas, das den Kollektiven gehörte, für den persönlichen Gebrauch entwendeten. Die Führungskräfte trugen eine große Verantwortung, erhielten aber nur sehr geringe materielle Belohnungen. Sie beuteten ihre Mitglieder nicht aus.

Vielleicht noch wichtiger ist, dass es während der sozialistischen Entwicklung Chinas keine Ausbeutung von außen gab, was bedeutete, dass kein Überschuss aus dem Land abgezogen wurde. In den meisten kolonialen und halbkolonialen Ländern wird – zusätzlich zur Ausbeutung durch einheimische Großgrundbesitzer, Kapitalisten, Geldverleiher und Bürokraten – der Überschuss in Form von Gewinnen für ausländisches Monopolkapital und/​oder Zinsen für ausländische Banken und internationale Finanzinstitutionen wie den Internationalen Währungsfonds aus dem Land abgezogen. Im Rahmen des Bündnisses zwischen Arbeitern und Bauern verfolgte Chinas sozialistische Entwicklung eine Strategie der Selbstversorgung, sodass die von der chinesischen Arbeiterklasse erwirtschafteten Überschüsse in China blieben, um die Industrie und Landwirtschaft des Landes zu entwickeln.

Was waren die Hauptfaktoren für Chinas wirtschaftliche Entwicklung? Warum ist eine selbstständige Entwicklung nur im Sozialismus möglich?

Die beiden Hauptdimensionen der selbständigen Entwicklungsstrategie

Die erste Dimension der Selbstständigkeit ist eine wirtschaftliche Entwicklung, die sich auf interne Finanzierung stützt. In dieser vom Imperialismus dominierten Welt müssen weniger entwickelte Länder ihre eigenen Ressourcen für die Entwicklung mobilisieren. »Experten« der Entwicklungsökonomie haben den Mythos geschaffen, dass ein armes Land auf externe Finanzmittel angewiesen ist, um sich zu entwickeln. Dieser Mythos wurde jedoch durch unsere Erfahrungen der letzten Jahrzehnte widerlegt. Die Realität sieht so aus, dass weniger entwickelte Länder durch die Abhängigkeit von ausländischen Investitionen und/​oder ausländischen Krediten viel mehr Ressourcen verloren haben, als sie dadurch gewonnen haben. Nach mehreren Jahrzehnten der »Entwicklung« geht es ihnen heute viel schlechter als zuvor. Durch die Abhängigkeit von externen Finanzmitteln haben koloniale und halbkoloniale Länder am Ende riesige Schulden bei internationalen Monopolkapitalisten und internationalen Finanzinstitutionen angehäuft. Internationale Finanzinstitutionen, die von Monopolkapitalisten und imperialistischen Nationen dominiert werden, haben Schulden als Instrument genutzt, um Schuldnern Strukturanpassungsprogramme (SAP) aufzuzwingen.

Durch die Strukturanpassungsprogramme konnten diese mächtigen externen Kräfte die inneren wirtschaftlichen und politischen Angelegenheiten diktieren. Länder, die Strukturanpassungsprogrammen unterworfen wurden, verlieren ihre Autonomie bei der Entscheidung, wie sie ihre eigenen Ressourcen zur Produktion von Nahrungsmitteln und anderen lebensnotwendigen Gütern für ihre Bevölkerung einsetzen. Im Rahmen der Strukturanpassungsprogramme werden die produktiven Ressourcen vom Binnenkonsum auf die Produktion von Exportgütern verlagert, um Devisen zu verdienen, mit denen die Zinsen für die Schulden bezahlt werden können. Die Zahlung der Zinsen für die ständig wachsenden Schulden wird zum einzigen Ziel der »Entwicklung«; Die Grundbedürfnisse der Menschen werden in keinem »Entwicklungsprogramm« berücksichtigt. Darüber hinaus nutzten die imperialistischen Länder mit Hilfe internationaler Handels‐ und Finanzinstitutionen diese Schuldenfalle als Mittel, um die Last der Wirtschaftskrisen auf die Schuldnerländer abzuwälzen. Das Ergebnis war, dass große ausländische multinationale Konzerne viele Sektoren ihrer Wirtschaft übernommen haben, darunter das verarbeitende Gewerbe, die Kommunikation und den Transport sowie das Finanz‐ und Bankwesen.

Die zweite Dimension der Selbstständigkeit in Chinas sozialistischer Entwicklung ist die Abhängigkeit von eigener Technologie. Mao erkannte die Bedeutung der Technologie für die wirtschaftliche Entwicklung, erklärte jedoch in seinen Reden und Schriften oft, dass ein armes Land wie China sich auf seine eigene technologische Entwicklung verlassen müsse, um zum Westen aufzuschließen. Er verwendete eine leicht verständliche Analogie, um Chinas technologische Bedürfnisse zu beschreiben: Es müsse »auf zwei Beinen gehen«. Das eine Bein bestand darin, bei Bedarf fortschrittliche, moderne Technologien aus dem Westen zu übernehmen, wobei kritisch geprüft werden musste, inwieweit diese Technologien den eigenen Entwicklungsbedürfnissen entsprachen. Ein Land wie China konnte jedoch nicht nur auf diesem einen Bein laufen. Das andere Bein war die Nutzung aller verschiedenen Technologieniveaus, sowohl traditioneller als auch einheimischer, sowie die Entwicklung eigener moderner Technologien. Die Fähigkeit, verschiedene Technologien (fortschrittliche neue Technologien und überholte alte Technologien) für die Entwicklung zu nutzen, um alle verfügbaren (und knappen) Maschinen und Geräte einzusetzen, ist nur im Sozialismus möglich. Wie in Frage IV erläutert, nutzten die kleinen ländlichen Industriebetriebe oft nicht die fortschrittlichste Technologie, aber sie waren in der Lage, den zunehmend modernisierten Agrarsektor zu bedienen, indem sie das ihnen zur Verfügung stehende Technologieniveau nutzten – oft Maschinen und Geräte, die von den Industrien des staatlichen Sektors ausgemustert worden waren. Dies ist ein gutes Beispiel für die Entwicklungsstrategie »Auf zwei Beinen gehen«. In der kapitalistischen Entwicklung werden ältere und weniger »effiziente« Technologien durch neuere und »effizientere« vom Markt verdrängt (und verschrottet), was für die »geplante Obsoleszenz« oder »kreative Zerstörung« unerlässlich ist.

Es ist sinnvoll, hier kurz auf Länder einzugehen, die ihre eigene Technologie entwickeln. Für ein halbkoloniales Land ist die Entwicklung eigener Technologie nicht nur eine technische Frage. Sie ist mit einem bedeutenden ideologischen Wandel verbunden. Zum Zeitpunkt der Befreiung stand China seit mehr als hundert Jahren unter ausländischer Herrschaft. Ausländische Länder (aus dem Westen) besiegten China wiederholt mit ihren überlegenen Waffen und ihrer hochentwickelten Technologie. Die Wahrnehmung der Überlegenheit ausländischer Technologie galt als absolut, sodass es kaum verwunderlich war, dass insbesondere chinesische Intellektuelle glaubten, China könne niemals aufholen. Diese defätistische Haltung musste überwunden werden. Die Entwicklung eigener Wissenschaft und Technologie gelang China durch den Aufbau einer soliden Grundlage. Dazu gehörte auch das Verfassen eigener Lehrbücher zu Wissenschaft und Technologie, anstatt ausländische Werke direkt zu übersetzen. Die Fortschritte in der eigenen Technologie wurden während des sozialistischen Übergangs möglich, weil sich die Ideologie änderte und die Menschen an ihre Fähigkeiten glaubten.

Außerdem gab es im Gegensatz zu anderen Entwicklungsländern während der sozialistischen Ära keinen sogenannten »Brain Drain« aus China. Seit vielen Jahrzehnten kommt es Jahr für Jahr zu einem unaufhaltsamen Abwandern von Fachkräften aus Entwicklungsländern (einschließlich China nach dem Ende des Sozialismus) in westliche Länder, wobei sowohl junge Menschen mit Hochschulabschluss als auch renommierte Wissenschaftler ihre Heimatländer verlassen, um an westlichen Hochschulen und in Hightech‐​Industrien zu arbeiten. Tatsächlich ist der Braindrain viel gravierender als die stetige Abwanderung von Intellektuellen, da Wissenschaftler in halbkolonialen Ländern dazu angehalten werden, Forschungsthemen nicht entsprechend den Entwicklungsbedürfnissen ihres eigenen Landes zu verfolgen, sondern danach, ob ihre Ergebnisse in internationalen Fachzeitschriften veröffentlicht werden können. Der Verlust von Ressourcen durch den Braindrain ist ebenso gravierend wie die Ausbeutung der natürlichen und finanziellen Ressourcen dieser Länder.

Ein auf Selbstversorgung basierendes Wirtschaftsmodell ermöglichte es China, seine Wirtschaft während des sozialistischen Übergangs zu entwickeln, das Leben seiner Bevölkerung zu verbessern und das Bündnis zwischen Arbeitern und Bauern zu festigen. China erhielt in den 1950er Jahren finanzielle und technologische Hilfe von der ehemaligen Sowjetunion. Die sowjetische Hilfe, die im Geiste der Unterstützung eines anderen sozialistischen Staates geleistet wurde, hatte einen sehr positiven Einfluss auf die Entwicklung der Schwerindustrie in China. Nach der Kritik der Kommunistischen Partei Chinas an der Kommunistischen Partei der Sowjetunion aufgrund ihres nach dem 20. Kongress 1956 eingeschlagenen revisionistischen Kurses zog die Sowjetunion 1960 ihr technisches Personal ab und hinterließ zahlreiche unvollendete Projekte. Zudem erfolgte die Forderung nach sofortiger Rückzahlung aller Schulden Chinas.2 Diese Erfahrung lehrte China die Bedeutung der Selbstständigkeit.

Ferner muss darauf hingewiesen werden, dass eine selbstständige Entwicklung nicht bedeutet, dass ein Land sich vollständig auf sich selbst verlassen muss, ohne Handel mit anderen Nationen zu treiben. China hat stets betont, dass es den Außenhandel begrüßt, solange er beiden Handelspartnern zugute kommt und auf der Grundlage der Gleichbehandlung erfolgt. Viele Jahre lang war China jedoch aufgrund eines von den Vereinigten Staaten verhängten Handelsembargos nicht in der Lage, mit vielen Ländern Handel zu treiben.

Im Rahmen des Selbstständigkeitsmodells importierte China tatsächlich Technologie aus fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern. Alexander Eckstein schrieb: »Der Import kompletter Fabrikanlagen aus Japan, Westeuropa und in gewissem Umfang auch aus den Vereinigten Staaten leistete in den 1970er Jahren einen wichtigen Beitrag zum Ausbau der Produktionskapazitäten in der chemischen Düngemittelindustrie, der petrochemischen Industrie, der Eisen‐ und Stahlindustrie sowie in der Stromerzeugung und der kommerziellen Luftfahrt (Eckstein, 1978, S. 107).« China profitierte von ausgewählten Technologieimporten, da es diese nicht als Ersatz für seine eigene Technologie nutzen, sondern nachbauen konnte. Nachdem eine im Ausland entworfene komplette Anlage importiert und gebaut worden war, konnte China in relativ kurzer Zeit eine Kopie davon bauen. John G. Gurley, ein weiterer Experte für die chinesische Wirtschaft, sagte: »In den 1960er Jahren kaufte China vier komplette Stickstoffdüngemittelanlagen aus den Niederlanden, Großbritannien und Italien, die 1966 installiert wurden. Mit dem Bau eigener Düngemittelanlagen begann China 1964 und setzte sich zu dieser Zeit das Ziel, in jedem der 180 bis 190 Bezirke des Landes eine Großanlage und in jedem der mehr als zweitausend Kreise eine kleinere Anlage zu errichten. Tatsächlich stammte ein Großteil der Produktionssteigerung bei chemischen Düngemitteln in den 1960er Jahren aus den mittelgroßen und kleinen Anlagen, die in diesem Jahrzehnt auf dem Land gebaut wurden. Gurley fügte hinzu, dass China auch weiterhin Düngemittel aus dem Ausland importierte (Gurley, 249). Die kleinen Anlagen, auf die er sich bezog, waren diejenigen, die sich im Besitz von Kommunen und Produktionsbrigaden befanden und von diesen betrieben wurden.

Die Entwicklung des Sozialismus in einem Land wie China, wo die Produktivkräfte schwach waren, war mit einigen Schwierigkeiten und Herausforderungen verbunden. (Dies wird in Frage VI näher erläutert.) Trotz dieser Schwierigkeiten und Herausforderungen war China erfolgreich.

Die meisten armen Länder glaubten lange an die Behauptung, sie seien auf Technik aus reichen kapitalistischen Staaten angewiesen. Wird ein Land jedoch von importierter Technik abhängig, muss es die Logik des Kapitals und dessen Definition von Effizienz übernehmen. Nach dieser Logik ist Effizienz erreicht, wenn die Hälfte der Arbeiter entlassen wird und die andere Hälfte achtzig Stunden pro Woche arbeitet. Technische Eigenständigkeit ist sehr wichtig und hängt direkt mit der Eigenständigkeit der Finanzierung zusammen. Ein Vergleich der Strategie der Eigenentwicklung mit der Strategie, die auf Geld von außen und eingeführte Technik setzt, zeigt den Unterschied klar. Nimmt ein Land hohe Schulden bei großen Firmen und bei internationalen Banken auf, muss es alle anderen Ziele aufgeben. Es muss dann alles tun, um seine Exporte zu steigern und die Zinsen für die Schulden zu zahlen. Eine Konzentration der Produktion auf den Export von Agrar‐ oder Industriegütern zwingt das Land zum Einsatz moderner Technologien, die vom Monopolkapital kontrolliert werden. Seit China den kapitalistischen Weg gewählt hat, hat es fast alle alten Maschinen in seiner Textilindustrie ausgemustert. Der Import der neuesten Textiltechnik war nötig, um Waren zu fertigen, die auf dem globalen Textil‐ und Bekleidungsmarkt mit Taiwan, Südkorea und anderen Ländern konkurrieren können. Viele Fabriken schlossen. Zehntausende Arbeiter verloren ihre Arbeit. Chinas Textilbranche wurde abhängig von Exportmärkten und importierter Technik, die beide stark vom internationalen Monopolkapital gesteuert werden.

Chinas Strategie der selbständigen Entwicklung hat bewiesen, dass ein Land, das frei von ausländischer und inländischer Ausbeutung ist, mit dem von seinen fleißigen Menschen erwirtschafteten Überschuss und den Ressourcen des Landes selbst die Wirtschaft entwickeln kann, um die gegenwärtigen und zukünftigen Bedürfnisse seiner Bevölkerung und des Landes zu befriedigen. Die imperialistische Propaganda will uns glauben machen, dass rückständige Länder Finanzmittel und Technologie aus fortgeschrittenen Ländern benötigen, um sich entwickeln zu können. Der Erfolg der selbständigen Entwicklung Chinas hat bewiesen, dass diese Propaganda ein Mythos ist, den die imperialistischen Länder geschaffen haben, um sich an weniger entwickelte, aber ressourcenreiche Länder anzuhängen und ihnen jeden Überschuss abzunehmen. In dieser Ära des Imperialismus sind die imperialistischen Länder auf koloniale und halbkoloniale Länder angewiesen, um ihre Kapitalakkumulation auszuweiten, und deshalb verdrehen sie die Wahrheit, um diesen Mythos zu schaffen.

Die Klassenbasis der selbständigen Entwicklung Chinas

Die Klassenbasis der Strategie Chinas zur selbständigen Entwicklung war das Bündnis zwischen Arbeitern und Bauern. Im Rahmen dieses Bündnisses unterstützte der Staat die Entwicklung des Agrarsektors. In der Anfangsphase der wirtschaftlichen Entwicklung einer Gesellschaft, in der es wenig oder gar keine Industrie gibt, kann der für die Entwicklung benötigte Überschuss nur aus dem Agrarsektor stammen. Das bedeutet, dass der für den Aufbau der Industrie benötigte Überschuss vom Agrarsektor in den Industriesektor transferiert werden muss. Das sozialistische China bildete dabei keine Ausnahme. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass in den meisten kolonialen und halbkolonialen Ländern der Agrarsektor nach Beginn der industriellen Entwicklung nicht wieder aufgefüllt wird. Durch die Verfolgung der Allianz zwischen Arbeitern und Bauern füllte der sozialistische Staat in China den Agrarsektor kontinuierlich mit Industrieprodukten wie chemischen Düngemitteln und Pestiziden sowie landwirtschaftlichen Maschinen wie Traktoren, Dreschmaschinen, Erntemaschinen und Ausrüstung für Kraftwerke und Bewässerungssysteme auf. Dies wurde durch staatliche Investitionen in die landwirtschaftlichen Vorleistungsindustrien und durch eine Preisgestaltung erreicht, die niedrig genug war, damit die Kommunen sich den Kauf dieser Produkte leisten konnten. Der Staat investierte auch in Infrastruktur wie große Bewässerungsprojekte, darunter den berühmten Roten Kanal, der sich über mehrere Provinzen erstreckte.

Der Arbeiterstaat in China strebte bewusst und gezielt ein Gleichgewicht zwischen der Entwicklung der Industrie und der Landwirtschaft an, um so die Unterschiede im Lebensstandard zwischen den Menschen in den Städten und auf dem Land zu verringern. Dies wurde erreicht, indem das Preisverhältnis zwischen landwirtschaftlichen und industriellen Produkten zugunsten des Agrarsektors angepasst, der relative Anteil der vom Agrarsektor gezahlten Steuern gesenkt, die staatlichen Investitionen in große landwirtschaftliche Infrastruktur und die Landmaschinen‐​/​Ausrüstungsindustrie erhöht und direkte staatliche Zuschüsse für den kollektiven Sektor gewährt wurden. Ein Beispiel für einen direkten staatlichen Zuschuss war der Bildungsbereich. Die Kommunen verwendeten staatliche Mittel, um Schulen zu bauen und die Gehälter der Lehrer zu bezahlen. Der Staat mobilisierte auch Intellektuelle in Städten wie Pädagogen, Landwirtschaftsexperten und medizinisches Personal, um auf dem Land zu arbeiten und das medizinische, bildungsbezogene und kulturelle Niveau der Menschen in ländlichen Gebieten anzuheben.

Wie bereits erwähnt, durchlief China eine sozialistische Revolution, während andere koloniale und halbkoloniale Länder dies nicht taten. Chinas sozialistische Revolution unter der Führung der Kommunistischen Partei Chinas basierte auf einem sehr engen Bündnis zwischen Arbeitern und Bauern. Während der Revolution bildete die Kommunistische Partei Chinas auf der Grundlage des Arbeiter‐​Bauern‐​Bündnisses eine breite Koalition mit der nationalen Bourgeoisie. Noch vor dem endgültigen Sieg des Befreiungskrieges 1949 hatte die Landreform in den befreiten Gebieten bereits begonnen und wurde nach der Befreiung auf dem gesamten Land fortgesetzt. Bis heute haben viele koloniale und halbkoloniale Länder noch keine echte Landreform durchlaufen. Wie in Frage I erläutert, ist die nationale Bourgeoisie in vielen kolonialen und halbkolonialen Ländern zu schwach, um eine Landreform gegen die Landbesitzerklasse durchzuführen. In der Welt des Imperialismus ist nur die Arbeiterklasse in diesen Ländern in der Lage, eine neue demokratische Revolution anzuführen, um die Landreform zu vollenden und den Feudalismus zu beenden. Die sozialistische Revolution auf der Grundlage des Bündnisses zwischen Arbeitern und Bauern ist der einzige Weg, um den Feudalismus in der Welt des Imperialismus zu beenden. In China hätte jedoch die Durchführung einer echten Landreform und die Beendigung des Feudalismus nicht viel bewirkt, wenn das Bündnis zwischen Arbeitern und Bauern nicht weiterhin die Grundlage für die Gestaltung des Weges für die zukünftige Entwicklung gebildet hätte.

Die Landreform allein hätte die Probleme der Rückständigkeit und Armut in den ländlichen Gebieten Chinas nicht lösen können. Wie bereits erwähnt, kam es kurz nach der Landreform zu einer starken Polarisierung in den ländlichen Gebieten Chinas. Ohne die Kollektivierung der Landwirtschaft hätte sich die Polarisierung weiter verstärkt. Es hätte nicht lange gedauert, bis sich der Landbesitz in den Händen der neuen reichen Bauern konzentriert hätte. Bei ausreichendem Land‐ und Gerätebesitz hätte die Anstellung von Arbeitskräften die Produktion und den Verkauf von Getreideüberschüssen ermöglicht, deren Erlös erneut in Land investiert worden wäre. Diese Entwicklung hätte das Bündnis zwischen Arbeiterschaft und Bauernschaft geschwächt oder zerstört, da die Arbeiterschaft mit einer gespaltenen Bauernschaft konfrontiert gewesen wäre. Gleichzeitig hätte sie das Klassenbündnis zwischen den reichen Bauern und den Getreidehändlern in den Städten gestärkt. Nach der Revolution führte das Proletariat, vertreten durch die Kommunistische Partei Chinas, die sozialistische Entwicklung an, indem es die Strategie einer engen Klassenallianz zwischen Arbeitern und Bauern verfolgte. Dadurch ließ sich die Verteidigung der Klasseninteressen der arbeitenden Bevölkerung gegen potenzielle Ausbeutung im In‐ und Ausland gewährleisten. Diese Klassenallianz ermöglichte es China, die sozialistische Strategie der selbständigen Entwicklung erfolgreich umzusetzen.

Erst nach der Kollektivierung der Landwirtschaft war es möglich, eine wirtschaftliche Beziehung zwischen dem (staatseigenen) Industriesektor und dem (kollektivierten) Agrarsektor aufzubauen. Der Austausch zwischen den Kommunen und dem Staat bildete die materielle Grundlage für das Bündnis zwischen Arbeitern und Bauern. Die Klassenstrategie des Arbeiter‐​Bauern‐​Bündnisses bildete die Grundlage für den Erfolg der sozialistischen Entwicklung. Imperialistische Länder hindern koloniale und halbkoloniale Länder gezielt daran, ihre Wirtschaft unabhängig zu entwickeln, um Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln und anderen Grundbedürfnissen zu erreichen. Eine Betrachtung der Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg zeigt, dass die Bourgeoisie in vielen kolonialen und halbkolonialen Ländern die Hoffnung hegte, den Kapitalismus unabhängig von den imperialistischen Ländern zu entwickeln. Früher oder später wurde die Zusammenarbeit mit ausländischem Kapital als zu attraktiv für die eigenen Klasseninteressen bewertet, um eine solche Gelegenheit abzulehnen. Dies ist in der Ära des Neoliberalismus zunehmend der Fall geworden. Seit Ende der 1970er Jahre hat die neoliberale Strategie die Barrieren für die Expansion des Kapitals über nationale Grenzen hinweg weiter abgebaut.

Dies hat dazu geführt, dass die Produktion aller Länder enger mit dem globalen Markt verbunden ist, auf dem das Wertgesetz über nationale Grenzen hinweg gilt. Viele koloniale und halbkoloniale Länder, die sich lange Zeit auf Agrarexporte konzentriert hatten, nutzen nun einen größeren Teil ihrer natürlichen Ressourcen, um die Exportnachfrage zu befriedigen. Mexikanische Bauern produzieren Obst und Gemüse für den Export in die Vereinigten Staaten, chilenische Fischer fangen Fisch für Purina, um Katzenfutter für imperialistische Länder herzustellen, kolumbianische Bauern konzentrieren sich auf den Export von Blumen, um die Häuser der kleinbürgerlichen Familien in Europa und Nordamerika zu verschönern, brasilianische Rancher roden den natürlichen Wald, um Rinder für die Hamburgerindustrie in reichen Ländern zu züchten, und die Liste lässt sich endlos fortsetzen. Die Kehrseite der Medaille ist, dass die Menschen in diesen Ländern für ihre Grundbedürfnisse von Importen abhängig geworden sind. Im Rahmen von NAFTA (Nordamerikanisches Freihandelsabkommen) überschwemmte großflächig von der US‐​Regierung subventionierter Mais Mexiko und verdrängte die mexikanischen Maisproduzenten und das indigene Saatgut, das seit vielen Generationen von Bauern für den Anbau verwendet wurde.

Während des chinesischen Befreiungskrieges erkannte Mao, dass die Interessen der nationalen Bourgeoisie durch ausländisches Kapital unterdrückt wurden und dass sie in einem von Imperialisten übernommenen China keine Zukunft hatten; daher konnten sie eine positive Rolle in der Revolution spielen. Die nationale Bourgeoisie erklärte sich bereit, Teil dieser breiten Koalition zu sein, obwohl sie wusste, dass das Ziel der Revolution der Sozialismus war, was bedeutete, dass ihre Klasse letztendlich beseitigt werden würde.

Die nationale Bourgeoisie in kolonialen und halbkolonialen Ländern wollte den Kapitalismus unabhängig von imperialistischen Mächten entwickeln – daher war sie eine positive Kraft in antiimperialistischen Kämpfen. Sie wurde als »nationale Bourgeoisie« bezeichnet, um sie von der Bourgeoisie zu unterscheiden, die eng mit dem ausländischen Kapital verbunden war und auch als »Kompradoren« bezeichnet wurde. »National« bedeutete, dass sie eine positive Rolle in der nationalen Befreiungsbewegung spielen konnte und eine fortschrittliche Bedeutung hatte. In der frühen Nachkriegszeit führte die nationale Bourgeoisie in vielen Teilen der Welt nationale Befreiungsbewegungen an und schloss sich ihnen an.

Wie bereits beschrieben, scheiterte die von der nationalen Bourgeoisie angestrebte unabhängige kapitalistische Entwicklung in den 1980er Jahren vollständig. In der neoliberalen Ära spielt die Bourgeoisie in kolonialen und halbkolonialen Ländern heute eine ganz andere Rolle als in der Vergangenheit. Als Produktion und Handel in diesen Ländern so eng mit dem Monopolkapital in imperialistischen Ländern verflochten wurden, bot sich der Bourgeoisie die Möglichkeit, eng mit dem globalen Monopolkapital der imperialistischen Länder zusammenzuarbeiten. Die Bourgeoisie, die eng mit dem ausländischen Monopolkapital zusammenarbeitet, wurde dafür reichlich belohnt. Aus diesem Grund bin ich mir nicht so sicher, ob sie noch als »nationale Bourgeoisie« bezeichnet werden sollte. Mit immer weniger Ausnahmen verkauft die Bourgeoisie in den halbkolonialen Ländern heute die Interessen ihres eigenen Landes an das Monopolkapital, um sich selbst zu bereichern. Sie unternimmt nichts, was den Interessen ihres eigenen Landes förderlich wäre. Sollten daher in der antiimperialistischen Bewegung die Arbeiter und Bauern, die den Kampf anführen, weiterhin eine Koalition mit der Bourgeoisie bilden? Oder sollte die Bourgeoisie ein Ziel im Kampf gegen den Imperialismus sein? Maos Strategie der Arbeiter‐​Bauern‐​Allianz für die Befreiung hat sich bewährt; sie ist nach wie vor die einzige Klassenstrategie in der kolonialen und halbkolonialen Welt, in der die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung aus Bauern besteht. Sollte jedoch Maos Strategie der Bildung von Koalitionen mit der Bourgeoisie in der neoliberalen Phase des Imperialismus modifiziert werden? Die Beschaffenheit der Bourgeoisie in den heutigen kolonialen und halbkolonialen Ländern ist eine Frage, die die Revolutionäre von heute sorgfältig prüfen müssen.

Verweise

1 Siehe Hinton, William: Fanshen. Dokumentation über die Revolution in einem chinesischen Dorf, edition suhrkamp 1972, 2 Bde. Hinton beschrieb die Kämpfe in Long Bow Village in verschiedenen Teilen seines Buches, darunter auch, wie die Kader von den Bauern kritisiert wurden.

2 Einschließlich der Schulden, die China zur Finanzierung des Koreakriegs aufgenommen hatte.

Bild: Yu Chao aus der Augustausgabe von People’s China 1957

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