Kritische Rezension von Goldmans »Meine Zwei Jahre In Russland« und Berkmans »Der bolschewistische Mythos«

Lesezeit14 min

Emma Goldmans Buch (eigentlich ein einziges Buch, wenn auch in zwei separaten Bänden veröffentlicht) wird häufig als schlagkräftiges Argument gegen den Sowjetkommunismus angeführt. Aber nachdem ich es gelesen habe, bin ich ehrlich gesagt ziemlich überrascht, wie dürftig und inkonsequent die »Argumente« oder »Kritikpunkte« in dem Buch sind.

Goldman ging 1919 eindeutig in der Absicht nach Sowjetrussland, der Revolution ihre eigenen anarchistischen und romantischen Vorstellungen aufzudrängen. Die Revolution enttäuschte sie unweigerlich. Sie wollte die Revolution nicht so akzeptieren, wie sie war – eine von der bolschewistischen Partei angeführte Arbeiter‐ und Bauernrevolution. Sie zwang ihr stattdessen ihre eigenen Fantasien auf. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ausländische Intellektuelle in einer Revolution sehen, was immer sie sehen wollen, und wütend werden, wenn die revolutionären Massen letztlich nicht ihren Vorstellungen entsprechen.

Goldman arbeitete zwei Jahre lang in Sowjetrussland, engagierte sich in der Museumsarbeit und versuchte russische Anarchisten und andere oppositionelle Elemente zu organisieren. Nachdem sie Sowjetrussland verlassen hatte, veröffentlichte sie ihr verleumderisches Buch und griff auch die westliche revolutionäre Bewegung an, die ihren Verrat an der russischen Revolution kritisierte. Ihr Buch wurde sofort von einem großen kapitalistischen Unternehmen veröffentlicht und von antikommunistischen kapitalistischen Kreisen stark gefördert, genau so wie Trotzkis antisowjetische und antistalinsche Artikel von den größten kapitalistischen Zeitungen veröffentlicht wurden.

Goldman kritisierte ihren Verleger für die Aufteilung des Buches in zwei Teile und behauptete, dies sei eine Art »beispiellose« Zensur oder so was ähnliches. Dies scheint jedoch nur ein schwacher Versuch zu sein, der Kritik an der Veröffentlichung antikommunistischer Propaganda durch kapitalistische Verlage zu entgehen.

Der Verleger hat das Buch in keiner Weise zensiert. Die beiden Bände des Buches scheinen sich weder im Ton noch im Inhalt zu unterscheiden. Beide sind gleichermaßen antisowjetisch und ideologisch identisch. Vielleicht enthält der zweite Band Details von etwas geringerer Bedeutung. Vielleicht hatte der Verlag ursprünglich vor, sie aus diesem Grund zu streichen, aber sie enthalten absolut nichts, was eine Zensur durch die Kapitalisten wert wäre.

Goldman behauptet, sie sei von der russischen Revolution desillusioniert gewesen, wollte sie aber nicht kritisieren, solange der Bürgerkrieg noch andauerte. In Wirklichkeit scheint sie in Russland eine ganze Zeit lang versucht zu haben, die Revolution in ihr vorgefasstes Bild einzupassen, obwohl sie dies ausdrücklich bestreitet. Sie behauptet immer wieder, von Anfang an verstanden zu haben, dass sie mit den Bolschewiki, da sie eine marxistische Partei waren, unweigerlich ernsthafte Meinungsverschiedenheiten haben würde. Aber wenn das so ist, ist es schwer zu verstehen, wie sie sich die Entwicklung der Revolution anders hätte vorstellen können – es sei denn, sie hoffte, dass die Bolschewiki gestürzt würden, was sie nie sagt.

In Wirklichkeit machen unzählige bürgerliche Kommentatoren im Grunde ähnliche Fehler wie Goldman. Sie sagen »Lenin war unehrlich und hat seine Prinzipien verraten«, denn »er sprach von Demokratie, aber jetzt spricht er von proletarischer Diktatur«, »er sprach von Arbeiterkontrolle« (was Goldman als Anarchie ansieht), »aber jetzt spricht er von Arbeitsdisziplin und Planung« und so weiter und so fort.

Dies sind lediglich unwissende Äußerungen von Leuten, die nichts über den Marxismus oder die Revolution wissen. Sie spiegeln die Tatsache wider, dass diese Kommentatoren Lenin nicht zugehört oder versucht haben, die wahre Bedeutung seiner Worte zu verstehen, sondern ihnen stattdessen ihre vorgefassten Meinungen aufgedrückt haben. Lenin hat immer betont, sogar in seinem vor der Oktoberrevolution geschriebenem klassischen Werk Staat und Revolution, dass Diktatur und Demokratie keine abstrakten Begriffe sind und sich nicht gegenseitig ausschließen.

In Wirklichkeit bedeutet die Arbeiterdemokratie die Diktatur gegenüber der Bourgeoisie und die bürgerliche Demokratie die Diktatur der Kapitalisten über die Arbeiter. Natürlich hat Lenin versucht, dies den Arbeitern verständlich zu machen. Wenn ein kapitalistischer Kommentator dies nicht verstanden hat, kann man ihn entschuldigen.

Ebenso ist die Vorstellung, dass Lenin jemals die Anarchie unterstützte oder gar befürwortete, völlig naiv und voreingenommen. Goldman und viele andere Anarchisten sagen ausdrücklich oder implizit, dass sie glaubten, die Bolschewiki hätten in der Oktoberrevolution de facto eine anarchistische Position eingenommen. Sie verkennen die wahre Bedeutung der bolschewistischen Politik und verstehen nicht, dass sich die Politik je nach Situation ändern muss.

Der häufigste Grund, warum Kapitalisten behaupten, die sowjetischen Kommunisten seien unehrlich gewesen, ist, dass sie ihre politische Linie häufig geändert haben. In jedem Bereich des sowjetischen Lebens gibt es Veränderungen in der politischen Linie. Aber welche Art von Änderungen? Es handelte sich nie um Änderungen der Grundsätze, sondern um Änderungen in der Anwendung dieser Grundsätze. Die Partei wies oft ausdrücklich darauf hin, dass ihre derzeitige Politik nur vorübergehend war.

Lenin betonte, dass die Landreform den Feudalismus zerstören sollte, das Endziel aber immer die kollektive Landwirtschaft war. Lenin sagte auch wiederholt, dass das Landreformprogramm von den linken Sozialrevolutionären übernommen wurde, weil es das Programm war, das die Bauern wollten. In diesem Programm war die Rede vom »Sozialismus« durch Aufteilung des Bodens. Es enthielt auch andere ungenaue Aussagen, die die Bolschewiki stets zu kritisieren wussten.

Die Politik des Staatskapitalismus der NÖP wurde von Lenin stets als ein vorübergehender Rückzug bezeichnet. Diese Politik war einer der umstrittensten Vorschläge Lenins. Doch auch diese Politik hatte er bereits 1917 vorgeschlagen und sogar zu verwirklichen versucht. Die staatskapitalistische Politik wurde weder 1917 noch 1918 umgesetzt. Grund dafür waren Faktoren, auf die Lenin keinen Einfluss hatte. Die kapitalistischen Manager verweigerten allesamt die Zusammenarbeit, so dass die Arbeiter gezwungen waren, die volle Kontrolle über alle Fabriken zu übernehmen, ohne jegliche Beteiligung der Kapitalisten.

Die Politik der Arbeiterkontrolle bedeutete eigentlich, dass kapitalistische Manager eingesetzt werden sollten, um die Fabrik zu leiten, die Arbeiter sollten jedoch den kapitalistischen Manager »kontrollieren«. Der Manager sollte ihnen gegenüber verantwortlich sein. Diese Politik ähnelt dem Kommissarsystem im Militär, wo zaristische Offiziere eingesetzt wurden, aber politische Kommissare alle ihre Entscheidungen kontrollieren und ihre Loyalität sicherstellen sollten. Dies war notwendig, bis Generäle und Manager der Arbeiterklasse herangezogen werden konnten. Dies wird auch von antibolschewistischen Historikern, wie Donald J. Raleigh, zugegeben, der schreibt:

»Die Titanik‐​Arbeiter verabschiedeten im Mai in Saratow die erste Resolution, in der sie die »Arbeiterkontrolle« über die Industrie forderten, ein Appell, der im Juni und Juli dramatisch zunahm. Das russische Wort ›kontrol‹ lässt sich am besten mit ›Überwachung‹ übersetzen… Die wachsende Popularität der Arbeiterkontrolle zu dieser Zeit war ein weiterer Ausdruck des Misstrauens der Arbeiter gegenüber ihren Arbeitgebern und der Angst, ausgesperrt und entlassen zu werden.«

Donald J. Raleigh, Revolution on the Volga: 1917 in Saratov (Revolution an der Wolga: 1917 in Saratow), S. 161

Lenin erklärte, dass diese Politik durch ein industrielles Management durch die Arbeiter ersetzt werden sollte, sobald die Arbeiter über die notwendigen Managementfähigkeiten verfügten. Bekanntlich bestand das Problem der Arbeiterkontrolle Ende 1917/​Anfang 1918 darin, dass die Arbeiter nicht wirklich wussten, wie man Fabriken verwaltet, Rohstoffe einkauft, Preise festlegt, die Buchhaltung führt und dergleichen mehr.

Es ist leicht, eine bestimmte Parole »Arbeiterkontrolle«, »Die Fabriken den Arbeitern« und so weiter zu nehmen, ihre Bedeutung misszuverstehen, sie aus dem Zusammenhang zu reißen und dann so zu tun, als hätten die Bolschewiki nie etwas über staatliche Planung, wissenschaftliche Organisation, landesweite Buchführung und Statistik, Arbeitsdisziplin und so fort gesagt. Dann ist es leicht, zu behaupten, die Bolschewiki hätten angeblich die Anarchie befürwortet, sie aber später verraten. Es ist eine Täuschung, oft sogar eine Selbsttäuschung. Aber die Arbeiter in Russland, die genau wussten, was Arbeiterkontrolle immer bedeutete, wurden nicht auf die gleiche Weise getäuscht wie ausländische Nicht‐​Arbeiter‐​Intellektuelle wie Goldman, die sich selbst täuschen konnten, trotz aller Gelegenheiten zur Kenntnisnahme der wahren Fakten.

Natürlich haben Lenin und die Bolschewiki nicht immer alles vorhergesehen und geplant. Der »Kriegskommunismus« und die damit verbundene Politik entstanden offensichtlich als eine nicht vorhergesehene Notmaßnahme. Das Gleiche gilt für die »rotgardistische Attacke gegen das Kapital«, die Ende 1917 und Anfang 1918 stattfand und in gewisser Weise mit der Politik zusammenhing, die Goldman fälschlicherweise für anarchistisch hielt.

Es ist selbstverständlich auch völlig legitim und fair, verschiedene Strategien auszuprobieren, um zu sehen, ob sie funktionieren und sie zu ändern, wenn sie sich als Fehlschläge oder überholt erweisen. Aber es sollte gesagt werden, dass Änderungen der Politik völlig aufrichtig und ehrlich sein können und keine Art von Täuschung darstellen.

Was sagt Goldman noch? Der größte Teil des Buches besteht aus endlosen Klagen darüber, dass die Zustände in Russland trotz der Revolution immer noch schlecht sind, dass die Kinder in den Waisenhäusern schmutzig sind, dass die Soldaten trinken und Sex kaufen, dass es Korruption gibt und dass Mangel herrscht. Die Vorstellung, dass der bäuerliche Soldat sofort zum Heiligen wird, ist besonders töricht und zeigt nur, wie sehr Goldman den Kontakt zu den Massen verloren hat. Es ist dieselbe Art von aristokratischer anarchistischer Gesinnung wie die von Kropotkin und Tolstoi, die die Massen romantisierten, gerade weil sie so weit von den Massen entfernt waren.

Lenin betonte stets den Heroismus der Massen, die Stärke des Proletariats, war sich aber auch der Rückständigkeit vieler Schichten bewusst und erinnerte immer wieder an den hartnäckigen und langen Kampf um die Anhebung des Bildungs‐ und Kulturniveaus. Lenin betonte immer wieder, dass die Friedensarbeit der Bildung und des wirtschaftlichen Aufbaus des Sozialismus schwieriger sei als die bloße Führung des Bürgerkriegs.

Goldman macht oft lustige Aussagen wie: »Es ist gut, dass die Bolschewiki die Gesundheitsfürsorge organisieren, aber warum kann nicht etwas Fröhlicheres organisiert werden als relativ eintönige Institutionen?«. Was für eine alberne und sinnlose Beschwerde. Das Land befand sich mitten im Krieg und in einer Hungersnot, die Menschen waren durch Krieg und Hunger verroht.

In der Schlussbetrachtung ihres Buches legt sie ihre unwissenschaftlichen, idealistischen Ansichten vollends offen. Sie fragt, warum die Revolution in Russland stattgefunden hat und anderswo nicht? Sie ignoriert die Tatsache, dass die Revolution auch in Finnland, Deutschland und Ungarn stattgefunden hat. Sie ignoriert die Tatsache, dass in diesen Ländern die Revolution zwar stattfand, aber scheiterte, vor allem weil es dort keine ausreichend gestählte kommunistische Partei gab. Als Anarchistin muss sie das natürlich tun. Stattdessen behauptet sie, die Russen hätten eine besondere Psychologie, die sie revolutionärer mache als andere, das sei der Grund für die Revolution. Diese Erklärung ist schlichtweg lächerlich. Sie stammt aus dem Slawophilismus und Narodismus, einem Einfluss des Fürsten Bakunin.

Schließlich erläutert sie ihre Ansichten darüber, wie die russische revolutionäre Gesellschaft organisiert werden sollte. Sie fordert, dass Kapitalisten bei der Leitung der Industrie mithelfen sollten. Das ist bemerkenswert, denn es bedeutet, dass sie mit dem Bolschewismus übereinstimmt und der typischen anarchistischen Kritik am Bolschewismus nicht zustimmt. Dieser ansonsten gute Punkt wird jedoch zunichte gemacht, weil sie sagt, dass die Kapitalisten mit den Arbeitern zusammenarbeiten müssen, ohne mit Gewalt gezwungen zu werden oder höhere Löhne zu erhalten. Warum aber sollten die Kapitalisten jemals einer solchen Vereinbarung zustimmen?

In einigen Bereichen wurden die Kapitalisten mit Waffengewalt oder durch wirtschaftlichen Zwang gezwungen, aber in der Regel konnten sie mit Geld bestochen werden. Natürlich macht sie keinen konkreten Vorschlag, wie die kapitalistischen Experten jemals dazu gebracht werden könnten, den Arbeitern freiwillig zu helfen. Ihre Ideen sind ein Beispiel dafür, wie leicht es ist, unangemessene Forderungen und Kritiken an diejenigen zu stellen, die die Revolution tatsächlich durchführen.

Eine recht gute Kritik an Goldmans Buch wurde in der kommunistischen Zeitschrift The Liberator veröffentlicht:

»[Goldman] verbrachte dreißig Jahre damit, in Amerika die Revolution zu predigen und wurde nur sechsmal verhaftet. Ein moderner Rebell mag sich nach diesen glücklichen Tagen zurücksehnen. Selbst ein so bescheidener Diener des Bolschewismus wie der Verfasser hatte in seinen ersten sechs Monaten in der Partei vier Verhaftungen, eine Anklage und eine Verurteilung zu verzeichnen. In den Augen von Harris ist Emmas jüngster Angriff auf Sowjetrussland ›erhaben‹, ›die edelste Tat ihres heldenhaften Lebens‹. Er lobt ihre politische Unfähigkeit, mit jemand anderem einer Meinung zu sein. Diese beeinflussbaren Liberalen! Emmas Buch über Russland ist ebenso wertvoll wie das von Anna Louise Strong. Beide reisten zwei Jahre lang hin und her. Anna preist die Kommunisten als Diener der Revolution. Emma prangert sie als Verräter an … Jedes Kapitel von Emma Goldmans Buch ist ein Sammelsurium von Anschuldigungen wegen Ineffizienz, Bestechung, Diebstahl, Unterdrückung, Hinrichtung und Folter, aber wenn der Student konkrete Beispiele aufschreibt, ist das Ergebnis dürftig. Es gibt seitenlange ›Beweise‹ dafür, dass Brest‐​Litowsk ein Verrat war. Es wird detailliert dargelegt, dass die russische Bourgeoisie nie eine Bedrohung war …

Ist dieses unbestimmte Gequake das Beste, was Emma nach zwei Jahren Untersuchung zustande bringt? Dann ist Russland viel besser dran, als ich zu hoffen wagte. Der [Kommunist] Bill Foster hat uns vor drei Jahren noch Schlimmeres erzählt… Nein, sie konnte es nicht ertragen, mit den Bolschewiken zusammenzuarbeiten, also konnte sie nicht im Bildungswesen helfen, noch konnte sie Erholungsheime für Arbeiter bauen, noch konnte sie Krankenschwestern für den Kriegsdienst ausbilden. Sie wartete auf einen Job, der sie weit herumkommen ließ, und schnappte ihn sich dann. Zum Glück fehlt ihr der Verstand, um treffsicher zu lügen. Wir können nicht mehr tun, als ihre Art von »Revolution« zu ignorieren … Sie hat den Zeitpunkt für ihren Angriff gut gewählt – die hungrigen Tage des Jahres 1922.«

Berkmans Buch Der bolschewistische Mythos ist größtenteils mit der gleichen Art von unintelligenten Klagen und Moralisieren gefüllt. Berkman wurde zusammen mit Goldman und einigen anderen nach Russland deportiert. Er versuchte auch aktiv, russische Anarchisten in einer antibolschewistischen Organisation zu organisieren. Er beschreibt einige Treffen verschiedener anarchistischer Strömungen, darunter auch prosowjetische Anarchisten, die er ständig scharf angreift.

Es sei darauf hingewiesen, dass viele Anarchisten die Oktoberrevolution unterstützten und aktiv mit den Bolschewiki zusammenarbeiteten. Berkman und Goldman taten dies nie, sondern verbrachten ihre Zeit damit, ihre eigenen Projekte durchzuführen und Beschwerden vorzubringen. Russische prosowjetische Anarchisten und verschiedene andere Gruppen wie die »Sozialrevolutionäre‐​Maximalisten« wurden in der Regel für die Rote Garde, die Rote Armee und die Polizei (Miliz) rekrutiert. Es mag eine gewisse Ironie sein, dass diese »libertären« und antistaatlichen Anarchisten so oft in Institutionen der organisierten Staatsgewalt, wie der Armee und der Polizei, arbeiteten, aber dafür waren sie am besten geeignet, da es ihnen an anderen Fähigkeiten mangelte und viele anarchistische Gruppen hauptsächlich an bewaffneten Aktionen beteiligt gewesen waren. Zuweilen waren die gewalttätigsten und radikalsten Rotgardisten Anarchisten, obwohl sie nur eine kleine Gruppe unter den kommunistischen Rotgardisten darstellten. Unter den Rotgardisten, die die verfassungsgebende Versammlung auflösten, waren auch Anarchisten.

Viele dieser Anarchisten, praktisch alle mit dem größten Klassenbewusstsein, schlossen sich später den Bolschewiki an und erkannten die Untauglichkeit der anarchistischen Theorien. Denn 99 Prozent der Moskauer Anarchisten waren keine »politischen Anarchisten«, sondern schlichtweg Kriminelle, die unter dem Deckmantel der »Enteignung« Menschen ausraubten.

Berkmans Kritik und Argumente gegen die sowjetische Politik sind völlig unangemessen. Er beklagt, dass die Beschlagnahmung von Lebensmitteln und die Unterdrückung des Schwarzmarktes während des Bürgerkriegs unnötig waren. Er schließt sich den Kapitalisten an, die den Freihandel verteidigen.

Er behauptet, die Tscheka sei voller alter Krimineller und alter Polizisten gewesen, was falsch und doppelt ironisch ist, wenn man bedenkt, dass die meisten Anarchisten Kriminelle waren und diejenigen, die ehrlich waren, oft in der bolschewistischen Polizei dienten.

Berkman beklagt sich über die Korruption und die Vorzugsbehandlung von Soldaten und einigen Arbeitern in Schlüsselsektoren, als ob die Korruption so einfach vollständig hätte beseitigt werden können und als ob alle Lohnunterschiede und alle monetären Entschädigungen sofort vollständig hätten abgeschafft werden können. Es ist so einfach, solche Dinge zu fordern, aber sie waren nicht machbar. Ist es ein Wunder, dass während des Krieges die Armee und die waffenproduzierenden Industrien an erster Stelle stehen und ausreichend Nahrung und Kleidung erhalten müssen? Ist es ein Wunder, dass diejenigen, die schwere körperliche Arbeit verrichten, mehr Nahrung erhalten müssen als diejenigen, die geistige Arbeit verrichten? Ist es ein Wunder, dass die Kapitalisten und andere, die sich weigern zu arbeiten, nichts erhalten, sondern von ihren Ersparnissen leben müssen, zumal die Bolschewiki wussten, dass die Kapitalisten natürlich über große Ersparnisse verfügten?

Berkman beklagt sich lautstark über die Unterdrückung der linken Sozialrevolutionäre nach ihrem gescheiterten Putsch gegen die Bolschewiki. Das ist völlig absurd, aber außerdem hat der Großteil der linken Sozialrevolutionäre einfach den Putschversuch verurteilt, ihren Namen in Revolutionäre Kommunistische Partei geändert und in einem Bündnis mit den Bolschewiki weitergearbeitet und wurde nicht verboten. Berkman beklagt sich lautstark über die Schließung der Moskauer Anarchistenklubs, die riesige Mengen an Waffen angehäuft hatten, überwiegend aus Kriminellen bestanden und selbst ausländische Diplomaten ausraubten. Sie raubten sogar den bolschewistischen Tscheka‐​Führer Uritsky aus und ließen ihn nackt auf der Straße liegen. Die Tscheka forderte die Anarchisten auf, »ihre eigenen Reihen von Räubern zu säubern«, aber die anarchistischen Organisationen wurden nicht verboten.

Berkman vertritt auch die rassistische Ansicht, dass alle Kosaken von Natur aus eine reaktionäre Rasse oder Nation seien. Er behauptet, die Tatsache, dass die Kosaken auf die Seite der Bolschewiki wechselten, sei ein Zeichen dafür, dass die Bolschewiki reaktionär wurden. Er hat kein Verständnis dafür, dass es unter den Kosaken Klassenunterschiede und einen Bewusstseinswandel gab. Die Kosaken waren im Zarenreich eine besondere Soldatenkaste gewesen, aber seit dem Ersten Weltkrieg hatten die jungen und armen Kosaken begonnen, sich auf die Seite der Revolution zu stellen. Sie beteiligten sich sogar an der Februarrevolution. Den Weißgardisten gelang es, nur die reichen Kosaken zu organisieren, während die armen sich den Bolschewiki anschlossen.

Berkman lehnt die NÖP völlig ab und behauptet, sie bedeute eine Rückkehr zum gewöhnlichen Kapitalismus. Er macht alle möglichen Aussagen darüber, dass die Revolution völlig vorbei sei, dass Sowjetrussland ein gewöhnlicher kapitalistischer Staat sei. Er schließt sich der Einheitsfront aus Weißgardisten und Kapitalisten an, die alle Sowjetrussland angreifen, an dem er nichts Positives sieht. Er erwähnt auch, dass er mehrmals mit Kropotkin zusammentraf und sagte, dass Kropotkin keine Ahnung hatte, was zu tun sei, und dass er weder an den Februar‐ noch an den Oktoberrevolutionen beteiligt gewesen sei. Kropotkin schickte einige seiner wirtschaftlichen Ideen an die sowjetische Regierung. Diese lehnte sie ab.

Dieser Artikel ist eine Übersetzung des bei ML‐​Theory: A Marxist‐​Leninist Blog erschienen englischen Orginals

Bild: Strichzeichnung: »Miss Emma Goldman, the Woman Anarchist, Who Spoke in Toronto Last Night« (wikimedia commons)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert