Stalin und der Mythos der »Altbolschewiki«

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Einleitung

Oft hört man Trotzkisten, Anarchisten und bürgerliche Propagandisten Josef Stalin beschuldigen, alle oder zumindest die meisten der so genannten »Altbolschewiki« getötet zu haben und damit angeblich die wahre Bedeutung des Bolschewismus/​Leninismus entstellt zu haben. Ich möchte mich hier nicht auf eine ausführliche Debatte darüber einlassen, was die wahre Kernideologie des Bolschewismus ist und was nicht, sondern ich möchte lediglich den Vorwurf untersuchen, dass Stalin »die Altbolschewiki getötet« habe.

1. Wer waren die so genannten »Altbolschewiki«?

Nach Ansicht der oben genannten Gruppen, also der Linkskommunisten, Trotzkisten, Anarchisten und Rechten, bezieht sich der Begriff »Altbolschewiki« in der Regel auf Personen wie Sinowjew, Kamenew, Bucharin, Rykow und so weiter. Sie behaupten, dass diese Menschen den »wahren Bolschewismus« repräsentierten und dass Stalin sie umgebracht hat, um seine »stalinistische Verzerrung des Bolschewismus« durchzusetzen.

Aber was macht diese Leute zu »Altbolschewiki«? Sicherlich waren einige von ihnen, wie Sinowjew, langjährige Mitglieder der bolschewistischen Partei, aber ist das alles, worüber wir hier reden? Sinowjew, Kamenew und Konsorten hatten zahlreiche Meinungsverschiedenheiten mit Lenin, dem Gründer und Führer des Bolschewismus, kann man sie also überhaupt als Bolschewiki bezeichnen? Zweitens gibt es viele Menschen, die ebenfalls langjährige Mitglieder der bolschewistischen Partei waren, die jedoch nicht denselben Status haben, als »alte Bolschewiki« bezeichnet zu werden.

Wir können nur zu dem Schluss kommen, dass die Rechten, Trotzkisten und ihresgleichen »Altbolschewiki« lediglich als Menschen definieren, die von Stalin getötet wurden. Das ist deren einzige Qualifikation.

2. Die echten Altbolschewiki

Interessanterweise scheinen rechte und »linke« Kritiker Stalins die folgende Gruppe von Personen nicht als Altbolschewiki zu betrachten, obwohl sie es offensichtlich waren – oder sie zumindest zu ignorieren, wenn sie behaupten, dass »Stalin die Altbolschewiki getötet hat«.

Anmerkung: Die bolschewistische Fraktion »SDAPR(B)« entstand in den Jahren 1903 – 1907. Die SDAPR selbst wurde 1898 gegründet.

  • Stalin (trat der SDAPR 1899 bei. Bolschewik bereits 1903)
  • Kalinin (trat der Partei 1898 bei. Bolschewik mindestens seit 1905)
  • Woroschilow (trat 1903 in die SDAPR(B) ein)
  • Orjonikidse (trat 1903 in die SDAPR(B) ein)
  • Swerdlow (trat 1902 der SDAPR bei, bereits 1903 Bolschewik)
  • Kuybyschew (trat 1904 in die SDAPR(B) ein)
  • Kirow (trat 1905 in die SDAPR(B) ein)
  • Molotow (trat 1906 in die SDAPR(B) ein)
  • Kaganowitsch (trat 1911 in die SDAPR(B) ein)

Diese Leute wurden nicht von Stalin ermordet, Tatsache ist, dass sie seine Verbündeten waren und ich würde behaupten, dass sie viel bessere Bolschewiki waren als Sinowjew und Konsorten. Aber aus irgendeinem Grund scheinen sie nicht zu zählen.

3. Waren Sinowjew, Kamenew und Bucharin wirklich so gute Bolschewiki?

Ich denke, es lässt sich ziemlich leicht nachweisen, dass Sinowjew, Kamenew, Bucharin, Trotzki und Konsorten keine besonders guten Bolschewiki waren, und aus diesem Grund erscheint es zweifelhaft, sie als »alte Bolschewiken« zu bezeichnen (die Stalin »ermordet« hat, um den Bolschewismus zu entstellen).

Sinowjew und Kamenew:

Lenin selbst wollte, dass Sinowjew und Kamenew wegen ihres Verrats am Vorabend der Oktoberrevolution ganz aus der bolschewistischen Partei ausgeschlossen werden. Sinowjew und Kamenew stellten sich gegen die Revolution und kritisierten sie in einer bürgerlichen Zeitung, wodurch sie den Plan der Bolschewiki, die Regierung zu stürzen, dem Klassenfeind verrieten:

Als man mir telefonisch den vollständigen Text der Erklärung Kamenews und Sinowjews übermittelte, die in dem außerparteilichen Blatt „Nowaja Shisn« veröffentlicht wurde,sträubte ich mich, es zu glauben. […] Ich sage offen, daß ich beide nicht mehr als Genossen betrachte und mit aller Kraft sowohl im ZK als auch auf dem Parteitag für den Ausschluß der beiden aus der Partei kämpfen werde. […] Mögen die Herren Sinowjew und Kamenew mit einigen Dutzend Leuten, die den Kopf verloren haben, oder mit Kandidaten für die Konstituierende Versammlung ihre eigene Partei gründen (Lenin, »Brief an die Mitglieder der Partei der Bolsdiewiki«, in: Werke, Band 26).

Bucharin:

Obwohl er wegen seiner wirtschaftspolitischen Ansichten als Rechter bekannt war, galten die Bucharinisten früher als linkskommunistische Fraktion in der Partei. Dies ist vor allem auf ihren Abenteurertum und ihre Ablehnung des Friedensvertrags von Brest-​Litowsk zurückzuführen.

Lenin verurteilte das Vorgehen Bucharins und der »Links«-Kommunisten in »Frieden oder Krieg?«: »[…] wer gegen einen sofortigen, wenn auch äußerst beschwerlichen Frieden ist, gefährdet die Sowjetmacht.«

Auch auf wirtschaftlichem Gebiet griff er Bucharin 1921 in seinem Werk »Noch einmal zu den Gewerkschaften. Über die Irrtümer von Trotzki und Bucharin« an.

Trotzki:

Trotzki in diesem Zusammenhang zu erwähnen, ist vielleicht überflüssig, aber ich werde es der Gründlichkeit halber tun. Er trat der Partei erst 1917 bei und kann auf keinen Fall als Altbolschewik bezeichnet werden. Zunächst war er Menschewik (1903 – 1905), dann Mitglied des ultra-​opportunistischen August-​Blocks (1907 – 1913), den Lenin verspottete, Gegner der von Lenin unterstützten Zimmerwalder Linken (1914 – 1916) und schließlich der halbmenschewistischen Mezhraiontsy, die 1917 aufhörte zu existieren. Seine Meinungsverschiedenheiten mit Lenin sind zu zahlreich, um sie alle aufzuzählen.

Er war ein langjähriger Feind Lenins, was Lenin dazu veranlasste, ihn als »Judas«, »Schwein«, »Halunke« und »bürokratischen« Helfer der liberalen Bourgeoisie und seine Theorie der Permanenten Revolution als »absurd« und halbmenschewistisch zu bezeichnen. Anstelle von Zitaten werden die Quellen für die Behauptungen am Ende angeführt, da dieser Abschnitt sonst zu lang werden würde.

Lenin griff Trotzki auch wegen seiner Kehrtwende beim Friedensschluss von Brest und seiner lächerlichen Wirtschaftspolitik sowie seines schlechten Umgangs mit den Gewerkschaften zusammen mit Bucharin an.

4. Der Block der Rechten und Trotzkisten

1921 plädierte Lenin auf dem 10. Kongress der Russischen Kommunistischen Partei für das Verbot von Fraktionscliquen in der bolschewistischen Partei. Dies wurde akzeptiert; die Splittergruppen wurden entweder ausgeschlossen oder sie kapitulierten. Nach seinem Tod bildeten sich jedoch verschiedene Splittergruppen. 1927 wurden Trotzki, Sinowjew und Kamenew aus der Partei ausgeschlossen, nachdem sie eine Anti-​Partei-​Demonstration organisiert hatten, obwohl Sinowjew und Kamenew später vor Stalin kapitulierten.

Trotzki wurde aus der Sowjetunion verbannt, während Sinowjew und Kamenew an den Rand gedrängt wurden. Auch die Bucharinisten verloren die Auseinandersetzung mit Stalin und der Mehrheit. Bis 1932 hatten Trotzki, Sinowjew, Kamenew und Bucharin alle ihre legitime politische Macht verloren. Trotzki gründete eine geheime konspirative antisowjetische Gruppe, der sich Sinowjew und Kamenew und später verschiedene Bucharinisten anschlossen. Diese Gruppe wurde in den sowjetischen Medien als »Block der Rechten und Trotzkisten« bekannt.

Dies ist der wahre Grund, aus dem diese Leute später verhaftet und hingerichtet wurden. Sie wollten die sowjetische Regierung destabilisieren, die sich bereits vor ausländischen faschistischen Invasionen fürchtete. All dies wurde von antisowjetischen Elementen jahrzehntelang geleugnet, aber die Entdeckung verschiedener Briefe von Trotzki und seinen Mitarbeitern hat dies zweifelsfrei bewiesen:

  • »Der Vorschlag eines Blocks scheint mir völlig akzeptabel zu sein.« (Trotzki an Sedow)
  • »Der Block ist organisiert, er umfasst die Sinowjewisten, die Sten-​Lominadse-​Gruppe und die Trotzkisten […].« (Sedow an Trotzki)
  • »Man bekämpft die Unterdrückung durch Anonymität und Konspiration […].« (Trotzki an Sedow)
  • »Was die illegale Organisation der Bolschewiki-​Leninisten in der Sowjetunion betrifft, so sind nur die ersten Schritte zu ihrer Reorganisation unternommen worden.« (Trotzki, 16. Dez. 1932)

Quelle: Library of Harvard College 13905c, 1010, 4782 zitiert nach Pierre Broué’s »The ›Bloc‹ of the Oppositions against Stalin«.

Unabhängig davon, ob man die Taten von Trotzki und Konsorten für gerechtfertigt hält oder nicht, ist es unredlich zu behaupten, sie seien wegen ihres so genannten Bolschewismus reingelegt oder zu Unrecht ermordet worden. Sie haben gegen die Sowjetregierung gekämpft und verloren.

5. Fazit: Mögen die echten Altbolschewiki bitte aufstehen?

Tatsache ist, dass Stalin nicht die Altbolschewiki getötet hat, sondern antisowjetische Abtrünnige, deren bolschewistische Legitimation bestenfalls fragwürdig war. Die echten Altbolschewiki waren Leute wie Kalinin und Woroschilow, die Lenin von Anfang an durch dick und dünn unterstützt haben – nicht umstürzlerische Opportunisten wie Sinowjew, die Lenin in den Rücken fielen, wann immer es von Vorteil war.


Appendix: Lenin über Trotzki

  • »[…] Trotzkis (der Lump) oder Bruch mit diesem Gauner […]. Schwätzt von der Partei und benimmt sich schlimmer als alle übrigen Fraktionsmacher. (»An die Redaktion der Zeitung ›Sozial- Demokrat‹ «, in: Werke Bd. 34, S.392 – 393)
  • »Judusdika Trotzki hat sich auf dem Plenum gegen das Liquidatorentum und den Otsowismus schier überschlagen.« (»Über die Schamröte des Juduschka Trotzki«, in: Werke Bd. 17, S.29)
  • »Trotzki […] die absurd linke ›permanente Revolution‹ verkündet.« (»Über die Verletzung der Einheit, bemäntelt durch Geschrei über die Einheit«, in: Werke Bd. 20, S. 325 – 348.
  • »Die […] Theorie Trotzkis […] übernimmt von den Menschewiki […].« (»Über die zwei Linien der Revolution«, in: Werke Bd. 21, S. 422 – 427)
  • »Die Bolschewiki halfen dem Proletariat bewußt, die erste Linie zu verfolgen […]. Die zweite Linie war das Verhalten der liberalen Bourgeoisie. […] In Wirklichkeit hilft Trotzki den liberalen Arbeiterpolitikern in Rußland […].« (ebenda)
  • »So ein Schwein ist dieser Trotzki – linke Phrasen und ein Block mit den Rechten […].« (An A.M. Kollontai (1917), in Werke Bd. 35, S.262)
  • »Eine ›ideologische Verworrenheit‹ ergibt sich gerade bei Trotzki […]. Da haben Sie waschechten Bürokratismus! Trotzki […]. Trotzkis ›Thesen’sind politisch schädlich.« (Über die Gewerkschaften, die gegenwärtige Lage und die Fehler Trotzkis«, in: Werke Bd. 32, S.1 – 26.
  • »Gen. Trotzki hat sich bemüht, sie [die Meinungsverschiedenheiten] aufzuzeigen, es aber nicht fertiggebrach […]. Bei Trotzki und Bucharin aber ist ein Mischmasch aus politischen Feh-
    lern im Herangehen an die Frage entstanden […].« (»Noch einmal über die Gewerkschaften, die gegenwärtige Lage und die Fehler Trotzkis und Bucharins«, in: Werke
    Bd. 32, S.58 – 100)

Dieser Artikel ist eine Übersetzung des bei ML-​Theory: A Marxist-​Leninist Blog erschienen englischen Orginals.

Bild: Stalin, Lenin, Kalinin von links nach rechts, 1919

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