Weltkriegsgefahr 1911: Die Zweite Marokkokrise

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Eine Ers­te Marok­ko­kri­se hat­te es 1904 bis 1906 gege­ben. Die deut­sche, fran­zö­si­sche und bri­ti­sche Regie­rung ver­folg­ten kon­kur­rie­ren­de Inter­es­sen in Marok­ko, unter ande­rem dor­ti­ge Erz­vor­kom­men betref­fend. Als Kom­pro­miss sprang für die marok­ka­ni­sche Regie­rung unter Sul­tan Abd al-Hafid eine for­ma­le Unab­hän­gig­keit her­aus. Fak­tisch stan­den Ver­wal­tung, Mili­tär, Staats­ein­nah­men und ‑aus­ga­ben unter fran­zö­si­scher Kontrolle.

Zu deren Recht­fer­ti­gung dien­ten marok­ka­ni­sche Staats­schul­den, gegen deren Wachs­tum Abd al-Hafid nichts unter­neh­men konn­te. Schä­den für fran­zö­si­sche Geschäfts­leu­te, die anti­ko­lo­nia­le Mili­zen ver­ur­sach­ten, so ver­lang­te die fran­zö­si­sche Regie­rung, sei­en von der marok­ka­ni­schen Regie­rung aus­zu­glei­chen. Die Geld­for­de­run­gen resul­tier­ten in Steu­er­erhö­hun­gen und noch mehr Opposition.

Im Früh­jahr 1911 geriet die marok­ka­ni­sche Regie­rung ins Wan­ken. Dar­auf­hin schick­te die fran­zö­si­sche Regie­rung 15 000 bis 20 000 Sol­da­ten nach Marok­ko, um euro­päi­sche Men­schen und euro­päi­sches Eigen­tum sowie die Unab­hän­gig­keit und Regie­rung des Lan­des zu schüt­zen. Kurz dar­auf lief ein deut­sches Kano­nen­boot namens »Pan­ther« die marok­ka­ni­sche Hafen­stadt Aga­dir an. Prak­tisch gese­hen han­del­te es sich um einen Zwi­schen­stopp zum Nach­la­den von Treib­stoff. Die Pan­ther war auf dem Weg nach Deutsch­land, nach­dem sie beim Schutz des deut­schen Zwangs­ar­beits­re­gimes in Kame­run über­ho­lungs­be­dürf­tig gewor­den war. Deut­sche Medi­en fei­er­ten den Auf­ent­halt der Pan­ther in Aga­dir als Demons­tra­ti­on deut­scher Stär­ke, nicht-deut­sche inter­pre­tier­ten ihn als Drohgebärde.

Die Ange­le­gen­heit war brenzlig.

Im Krieg gegen Frank­reich 1870/71 hat­te sich die preu­ßi­sche Regie­rung Frank­reichs indus­tri­ell fort­ge­schrit­tends­te Gebie­te mit rei­chen Erz- und Koh­le­vor­kom­men geschnappt: Elsass und Tei­le Loth­rin­gens. Um kei­ne Bestre­bun­gen der fran­zö­si­schen Regie­rung zum Rück­erhalt die­ser Gebie­te anzu­sta­cheln, übte die deut­sche Regie­rung hin­sicht­lich der fran­zö­si­schen Kolo­ni­al­po­li­tik Zurück­hal­tung. Nun aber äußer­ten sich hoch­ran­gi­ge deut­sche Mili­tärs dahin­ge­hend, den Vor­fall des fran­zö­si­schen Ein­mar­sches nach Marok­ko nut­zen zu wol­len, um Frank­reich anzu­grei­fen.1

Bri­ti­sche Regie­rungs­krei­se wit­ter­ten Gefahr für ihre See­macht und für Han­dels­we­ge nach Süd­ame­ri­ka (Getrei­de aus Argen­ti­ni­en). Für den Fall, dass Deutsch­land die Inter­es­sen Frank­reichs antas­tet, droh­ten sie mit Krieg gegen Deutschland.

In Groß­bri­tan­ni­en, Frank­reich und Bel­gi­en wur­den kon­kre­te mili­tä­ri­sche Vor­be­rei­tun­gen zur Krieg­füh­rung getrof­fen. David Lloyd Geor­ge, damals bri­ti­scher Finanz­mi­nis­ter und im Ers­ten Welt­krieg Pre­mier­mi­nis­ter, mein­te im Sep­tem­ber 1911:

[mit Krieg] ist so sehr zu rech­nen, dass für uns jeder Schritt drin­gend nötig ist, der die Kriegs­fra­ge zu unse­ren Guns­ten beein­flus­sen kann, immer vor­aus­ge­setzt, dass solch ein Schritt nicht die Wahr­schein­lich­keit der Her­bei­füh­rung eines Kriegs erhöht.2

In Frank­reich (wo zeit­gleich Teue­rungs­kra­wal­le mit Plün­de­run­gen im Gan­ge waren), in Groß­bri­tan­ni­en (wo Streiks nur mit mili­tä­ri­schen Mit­teln unter Kon­trol­le zu brin­gen waren), in Deutsch­land (wo die Bör­se krach­te und Wohl­ha­ben­de auf Gold umstie­gen), in Spa­ni­en (wo 1909 ein Gene­ral­streik in Kata­lo­ni­en gegen Mas­sen­ein­be­ru­fun­gen zum Kolo­ni­al­krieg in Marok­ko blu­tig nie­der­ge­schla­gen wur­de) und in wei­te­ren euro­päi­schen Län­dern orga­ni­sier­ten bür­ger­li­che und pro­le­ta­ri­sche Orga­ni­sa­tio­nen Frie­dens­de­mons­tra­tio­nen, unter ande­rem eine in Ber­lin am 3. Sep­tem­ber mit rund 200 000 Teil­neh­men­den.3

SPD-Auf­ruf zur Ver­samm­lung am 20. August 1911 in Leip­zig (Sie­he Fuß­no­te 3)

Die SPD-Füh­rung ver­hielt sich anfangs zöger­lich. SPD-Vor­sit­zen­der August Bebel fand sei­ne Nati­on in einer Opfer­rol­le und mein­te, dass

Deutsch­lands Han­del und Deutsch­lands indus­tri­el­le Ent­wick­lung unter den glei­chen Bedin­gun­gen in Marok­ko sich voll­zie­hen […] kön­nen [soll­te] wie die jedes ande­ren Staa­tes.4

Dabei war Bebel ein­mal schlau­er gewe­sen. 1889 sah er den Ers­ten Welt­krieg vor­aus, als er im Reichs­tag sagte,

dass der gegen­wär­ti­ge Zustand Euro­pas not­wen­dig zu einer Kata­stro­phe füh­ren muss. Nie­mand, der offe­ne Augen und offe­nen Ver­stand hat, wird dies leug­nen kön­nen. […] Ich erken­ne an, daß alle Regie­run­gen, alle Mäch­te in Euro­pa bemüht sind, die­se Kata­stro­phe mög­lichst hin­zu­hal­ten […] Und doch ist die Kata­stro­phe unver­meid­lich. [… D]ieser Natio­na­li­tä­ten­ge­gen­satz wird erst besei­tigt wer­den, wenn […] die Herr­schaft der Bour­geoi­sie in Euro­pa ver­nich­tet wird.5

Im Marok­ko-Gegen­satz 1911 soll­ten Gesprä­che zwi­schen dem fran­zö­si­schen Bot­schaf­ter in Ber­lin, Jules Cam­bon, und dem deut­schen Aus­wär­ti­gen Amt in Gestalt des Staats­se­kre­tärs Alfred Kider­len-Wäch­ter die Kata­stro­phe verhüten.

Rosa Luxem­burgs Bemer­kun­gen zu die­sen Gesprä­chen lau­fen heu­te unter »Ver­schwö­rungs­theo­rie«:

In der gan­zen wei­ten Welt gibt es kei­nen Men­schen, für den es ein Geheim­nis wäre, dass [… die ] bei­den […] ein­fach arm­se­li­ge Ham­pel­män­ner sind, deren pap­pene Ärm­chen und Köpf­chen durch einen Bind­fa­den auto­ma­tisch bewegt wer­den, des­sen Enden hier wie dort die Hän­de eini­ger groß­ka­pi­ta­lis­ti­scher Cli­quen hal­ten. Krieg oder Frie­den, Marok­ko für Kon­go oder Togo für Tahi­ti, das sind Fra­gen, bei denen Leben oder Tod für Tau­sen­de, das Wohl und Wehe gan­zer Völ­ker auf dem Spie­le steht. Um die­se Fra­ge lässt ein Dut­zend raff­gie­ri­ger Indus­trie­rit­ter sei­ne poli­ti­schen Kom­mis [Hand­lungs­ge­hil­fen] feil­schen […], und die Kul­tur­völ­ker war­ten in ban­ger Unru­he wie zur Schlacht­bank geführ­te Ham­mel­her­den auf die Ent­schei­dung.6

Mit »Indus­trie­rit­tern« könn­te Luxem­burg unter ande­rem die Füh­rung des deut­schen Eisen- und Stahl­kon­zerns Man­nes­mann gemeint haben, der in Marok­ko Berg­bau- und Han­dels­ge­sell­schaf­ten betrieb.

In einem 1939 erschie­ne­nen Buch, das die Fried­fer­tig­keit des Kapi­tals bele­gen soll­te, schrieb der Wirt­schafts­pro­fes­sor Lio­nel Rob­bins über die Rol­le von Man­nes­mann in der Zwei­ten Marokkokrise:

[B]ekanntermaßen dräng­te eine umfang­rei­che und ein­fluss­rei­che Agi­ta­ti­on in Deutsch­land die Regie­rung, Maß­nah­men zur Siche­rung der Umset­zung der Kon­zes­sio­nen zu ergrei­fen, die der Sul­tan von Marok­ko angeb­lich dem Reprä­sen­tan­ten des Man­nes­mann-Unter­neh­mens gewährt hat­te. Es ist klar, dass die­se Agi­ta­ti­on zur Ver­gif­tung der guten Bezie­hun­gen zwi­schen der deut­schen und fran­zö­si­schen Regie­rung bei­trug und dass die Hart­nä­ckig­keit der Man­nes­manns denen, die die Rol­le der Frie­dens­stif­ter zu über­neh­men ver­such­ten, eine Schwie­rig­keit nach der ande­ren berei­te­te. […] In ers­ter Linie hat die Aga­dir-Kri­se mit den Man­nes­manns nichts zu tun. 7

Man­nes­manns Marok­ko-Kon­zes­sio­nen wur­den von einer fran­zö­sisch-deut­schen Kapi­tal­grup­pe namens »Uni­on de mines maro­cai­nes« in Fra­ge gestellt, bei der die deut­schen Kon­zer­ne Krupp und Thys­sen mit­ma­chen. Die Uni­on de mines maro­cai­nes, heißt es in einem Arti­kel aus dem Jahr 1912, »wur­de dabei unter­stützt von der fran­zö­si­schen Regie­rung«.8 Man­nes­mann arbei­te­te mit einer ande­ren fran­zö­si­schen Kapi­tal­grup­pe zusam­men 9, deren Ein­fluss in der fran­zö­si­schen Regie­rung anschei­nend gerin­ger war.

Sol­che Ver­wick­lun­gen hiel­ten die deut­sche Regie­rung nicht davon ab, Krupp, Thys­sen und Man­nes­mann zu einem gemein­sa­men Gespräch ein­zu­la­den, um deren Vor­schlä­ge zur Lösung der Zwei­ten Marok­ko­kri­se zu erfah­ren. Kurz vor oder nach die­sem Tref­fen rück­te ein Krupp-Mann in den Auf­sichts­rat von Man­nes­mann ein. Dem­nach war es irgend­wie zu einer Eini­gung gekom­men. Der deut­schen Regie­rung schlug man vor, von Frank­reich 70 % deut­sche Betei­li­gung an den Eisen­bahn- und Berg­werks­an­tei­len in Marok­ko zu ver­lan­gen.10 Für die deut­sche Regie­rung war das nicht durch­setz­bar, jeden­falls nicht ohne Krieg.

Thys­sen und ande­re Schwer­indus­tri­el­le schreck­te das nicht. In einem Tele­gramm an Kider­len-Waech­ter schrie­ben sie, gegen­über der fran­zö­si­schen Regie­rung sei­en Roh­stoff­ver­sor­gung und Waren­ab­satz zu sichern, »mögen auch erns­te Fol­gen ent­ste­hen«.11

Außer »Indus­trie­rit­ter« waren auch »Finanz­rit­ter« in die Marok­ko­kri­se ver­wi­ckelt, zum Bei­spiel über die Ham­burg-Marok­ko-Gesell­schaft, die Berg­bau­un­ter­neh­men in Marok­ko ver­wal­te­te. Gegrün­det hat­te die Gesell­schaft das Bank­haus War­burg. Die­ses Bank­haus war welt­weit ver­netzt und pfleg­te gute Kon­tak­te zum deut­schen Kai­ser Wil­helm II und zum US-ame­ri­ka­ni­schen Bank­ka­pi­tal. Jemand von der War­burg-Fami­lie grün­de­te die US-ame­ri­ka­ni­sche Zen­tral­bank (FED) mit.

Ein Rechts­ver­tre­ter des Bank­hau­ses War­burg, Wil­helm Regen­danz, fun­gier­te als Direk­tor der Ham­burg-Marok­ko-Gesell­schaft. Ganz zufäl­lig war er auch mal Mit­ar­bei­ter des deut­schen Reichs­ko­lo­ni­al­amts gewe­sen. Im Mai 1911, kurz nach dem fran­zö­si­schen Ein­marsch in Marok­ko, ver­fass­te Regen­danz für das deut­sche Aus­wär­ti­ge Amt eine Lage­be­ur­tei­lung. Er schlug vor, zwei Kriegs­schif­fe nach Marok­ko zu schi­cken. Mit Hil­fe der Füh­run­gen ver­schie­de­ner Unter­neh­men orga­ni­sier­te er Druck auf die deut­sche Regie­rung. Die­se soll­te mit den Schif­fen marok­ka­ni­sche Erz­vor­kom­men sichern, um eine fran­zö­si­sche Ver­ein­nah­mung zu ver­hin­dern.12

Ein War­burg-Ver­tre­ter in Marok­ko wur­de beauf­tragt, die dor­ti­ge Ober­schicht auf die Ankunft der Schif­fe ein­zu­stim­men. Da die­se hoff­te, Waf­fen von den Deut­schen zu bekom­men, um die fran­zö­si­sche Besat­zung aus dem Land trei­ben zu kön­nen, wären ihr die Schif­fe nicht unwill­kom­men gewe­sen.13 Aus den Waf­fen wur­de dann aber nichts, weil fran­zö­si­sche und deut­sche Obrig­kei­ten eine wirk­li­che Selb­stän­dig­keit Marok­kos so sehr ablehn­ten, dass sie dem­ge­gen­über ihre gegen­sätz­li­chen Inter­es­sen als zweit­ran­gig einstuften.

Obschon Kai­ser Wil­helm II als Inha­ber von Krupp-Akti­en an einem Krieg zwi­schen den Groß­mäch­ten ordent­lich ver­dient hät­te, war es wahr­schein­lich ihm zu ver­dan­ken, dass nur ein ein­zi­ges Kriegs­schiff Aga­dir anlief und dazu noch ein klei­nes.14 So konn­ten die bri­ti­sche und fran­zö­si­sche Regie­rung von einer gerin­ge­ren Bedro­hung aus­ge­hen. Auf fran­zö­si­scher Sei­te mach­te man sich sogar Gedan­ken, wie in Ver­hand­lun­gen der Kai­ser auf eine Wei­se aus der Affä­re gezo­gen wer­den könn­te, dass der Ein­druck erhal­ten blie­be, er wir­ke im Inter­es­se der deut­schen Schwerindustrie.

Die Zwei­te Marok­ko­kri­se ende­te glimpf­lich am Ver­hand­lungs­tisch – soweit es Euro­pa betrifft. Dem Deut­schen Reich wur­de ein Teil des fran­zö­sisch beherrsch­ten Kon­gos zuge­stan­den. Tei­le des deut­schen Kapi­tals hät­ten die­ses Gebiet gern zum Bau einer Eisen­bahn­stre­cke genutzt, um die deut­sche Kolo­nie Kame­run und die deut­sche Kolo­nie in Ost­afri­ka – heu­te Burun­di, Ruan­da und teil­wei­se Tan­sa­nia – zu einem gro­ßen deut­schen Mit­tel­afri­ka zu ver­bin­den. Gegen Koope­ra­tio­nen mit fran­zö­si­schem oder bri­ti­schem Kapi­tal hät­te das deut­sche Kapi­tal bei solch einem gro­ßen Pro­jekt nichts Prin­zi­pi­el­les ein­zu­wen­den gehabt. Vor­an­ge­gan­ge­ne Akti­vi­tä­ten in die­se Rich­tung waren jedoch steckengeblieben.

Beim deut­schen Kapi­tal stärk­te das mage­re Resul­tat des »Pan­ther­sprungs nach Aga­dir« die Idee der Euro­päi­schen Uni­on und fried­li­chen Ver­stän­di­gung ins­be­son­de­re mit Frank­reich. Ein Ver­tre­ter des Ver­ban­des Thü­rin­gi­scher Indus­tri­el­ler erklär­te 1911 die Zusam­men­hän­ge – und deu­te­te dabei auch die schwa­che Posi­ti­on der Anti­kriegs­be­we­gung in Deutsch­land an:

Die Marok­ko­af­fai­re und die beglei­ten­den Aus­ein­an­der­set­zun­gen in der deut­schen Öffent­lich­keit las­sen […] erken­nen, dass […] die Dyna­mik der Ideen, die zu der welt­wirt­schaft­li­chen Expan­si­on Deutsch­lands drän­gen, zur Gewin­nung von Roh­stoff­quel­len im deut­schen Vol­ke außer­or­dent­lich stark sind. […] Auf der ande­ren Sei­te aber hat die deut­sche öffent­li­che Mei­nung nicht zu erken­nen gege­ben, dass sie über eine kla­re Erkennt­nis des not­wen­di­gen Zie­les unse­rer Welt­po­li­tik verfügt.

[… Ich mei­ne], dass die welt­po­li­ti­sche Kon­stel­la­ti­on für Deutsch­land und damit auch sei­ne welt­wirt­schaft­li­che Stel­lung in der Zukunft trotz aller Bemü­hun­gen um kolo­nia­le Erwei­te­run­gen um des­wil­len ungüns­tig sein muss, weil ganz zwei­fel­los künf­tig die Ten­den­zen des groß­bri­ti­schen Impe­ria­lis­mus […] in noch stär­ke­rem Maße zu einem Grea­ter Bri­tain drän­gen, weil dane­ben auch Japan, die Ver­ei­nig­ten Staa­ten und auch Russ­land durch den Abschluss und die inne­re Aus­ge­stal­tung ihrer Inter­es­sen­ge­bie­te welt­wirt­schaft­lich vor Deutsch­land einen Vor­sprung haben, den wir ein­fach nicht ein­ho­len können. […]

Für Deutsch­land liegt des­halb m.E. die Zukunfts­fra­ge dar­in, ob es noch auf eine zwei­te Wei­se als die der welt­po­li­ti­schen Expan­si­on durch kolo­nia­le Erwei­te­run­gen gelingt, die an sich selbst­ver­ständ­lich für unse­re Ver­sor­gung mit Roh­stof­fen not­wen­dig bleibt, einen grö­ße­ren poli­tisch uns gesi­cher­ten Markt für unse­re Indus­trie­pro­duk­te zu erlan­gen. Und die­se zwei­te Art kann nur sein, in Euro­pa selbst uns die­se mög­lichst gro­ßen inne­ren frei­en Absatz­ge­bie­te zu schaf­fen.15

In den Jah­ren vor dem Ers­ten Welt­krieg sorg­ten noch ande­re Anläs­se für Kon­flik­te. Nach und nach ging es in der Poli­tik immer mili­tä­ri­scher zu und nah­men Regie­run­gen immer leicht­fer­ti­ger das Risi­ko in Kauf, durch ihre Akti­vi­tä­ten einen Krieg zwi­schen Groß­mäch­ten aus­zu­lö­sen.16 Wei­te Tei­le der Bevöl­ke­run­gen der Groß­mäch­te gewöhn­ten sich so sehr an den Mili­ta­ris­mus als Mit­tel der Poli­tik und an den Bei­na­he­krieg, dass sie 1914 die Gefahr nicht mehr ernst nahmen.

Marok­ko wur­de unter­des­sen zum fran­zö­si­schen Pro­tek­to­rat erklärt (mit zwei Stü­cken, die Spa­ni­ens Herr­schaf­ten erhiel­ten). Die Befrie­dung Marok­kos dau­er­te aber noch eine Wei­le. Ab etwa 1924 setz­te die spa­ni­sche Regie­rung Gift­gas ein, beglei­tet von Mili­tär­be­ob­ach­tern der Wei­ma­rer Repu­blik, tech­nisch ermög­licht und mit einer »Ver­seu­chungs­stra­te­gie« unter­stützt von der Ham­bur­ger Fir­ma Stolt­zen­berg, die 1928 und 1979 – nur aus Ver­se­hen – eini­ge Anwoh­nen­de in Ham­burg töte­te.17

Verweise

1 Nach David Ste­ven­son: Mili­ta­riza­ti­on and Diplo­ma­cy in Euro­pe befo­re 1914, S. 139. In: Inter­na­tio­nal Secu­ri­ty, vol. 22, no. 1, 1997, pp. 125 – 161. Auch Open Uni­ver­si­ty: World War 100: 1 July – The Aga­dir Cri­sis of 1911 (30.6.2011)

2 Schrei­ben von Lloyd Geor­ge an Außen­mi­nis­ter Edward Grey, 1.9.1911. Zit. n. David Ste­ven­son: Mili­ta­riza­ti­on and Diplo­ma­cy in Euro­pe befo­re 1914, S. 137

3 SPD-Auf­ruf zur Ver­samm­lung am 20. August 1911 in Leip­zig (Bild­quel­le unbekannt).
Luxem­burg kri­ti­sier­te an den Stel­lung­nah­men der SPD-Füh­rung unter ande­rem feh­len­de Bezü­ge zwi­schen Kapi­ta­lis­mus, Kolo­nia­lis­mus und Sozi­al­po­li­tik und die Nicht­er­wäh­nung der Rech­te, Inter­es­sen und Lei­den der marok­ka­ni­schen Bevöl­ke­rung. Auf dem Jena­er Patei­tag ver­teil­te der SPD-Vor­stand in die­sem Zusam­men­hang eine Art Anti-Luxem­burg-Schrift. Luxem­burgs Rede­bei­trag dazu, Bebels Ent­geg­nung und wei­te­re Bei­trä­ge ste­hen im Pro­to­koll über die Ver­hand­lun­gen des Par­tei­tags der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei Deutsch­lands, Ber­lin 1911 (Jena 10 – 16. Sep­tem­ber 1911), Seite 204f. Auf Sei­te 137 des Pro­to­kolls wird übri­gens »Die Impf­fra­ge« behan­delt. Damals ging es um die Pocken. SPD-Posi­ti­on: Ableh­nung des Impf­zwangs; staat­li­che Ent­schä­di­gung der Impfgeschädigten.

6 Luxem­burg: Marok­ko (August 1911)

7 Lio­nel Rob­bins: The Eco­no­mic Cau­ses of War. Erst­ver­öf­fent­li­chung: Jona­than Cape Limi­t­ed 1939. Zwei­te Auf­la­ge: Howard Fer­tig Inc. Edi­ti­on 1968, S. 52

8 Hein­rich Pohl: Marok­ko und Man­nes­mann: Ein völ­ker­recht­li­cher Rück­blick. In: Zeit­schrift für Poli­tik, Vol. 5 (1912), pp. 558 – 577. Sie­he auch: Dani­el Rivet: Mines et poli­tique au Maroc, 1907 – 1914 (D’a­près les Archi­ves du Quai d’Or­say). In: Revue d’Histoire Moder­ne & Con­tem­po­rai­ne. Année 1979 26 – 4 pp. 549 – 578

9 Bern­hard Men­ne: Blood And Steel – The Rise Of The House Of Krupp. Lee Fur­man, Inc. 1938, S. 299

10 Kon­rad Canis: Der Weg in den Abgrund: Deut­sche Außen­po­li­tik 1902 – 1914. Ver­lag Fer­di­nand Schö­ningh 2011, S. 433

11 Tele­gramm vom 27.7.1911. Zit.n. Wolf­gang von Hip­pel: Her­mann Röch­ling 1872−1955: Ein deut­scher Groß­in­dus­tri­el­ler. Van­den­hoeck & Ruprecht 2018, S. 73

12 Gun­ther Mai: Die Marok­ko-Deut­schen 1873 – 1918. Van­den­hoeck & Ruprecht 2014, S. 548

13 Alfred Vagts: M. M. WAR­BURG & CO. Ein Bank­haus in der deut­schen Welt­po­li­tik 1905 — 1933. In: Vier­tel­jahrs­chrift für Sozi­al- und Wirtschaftsgeschichte,VSWG. – Stutt­gart, Stei­ner, ISSN 0042 – 5699, ZDB-ID 200400 – 8. – Vol. 45.1958, 3, p. 289 – 388, S. 320f und 326

14 Zwei wei­te­re Schif­fe wur­den im Hin­ter­grund gehal­ten. Akti­en-Info aus Alfred Vagts: M. M. WAR­BURG & CO. Ein Bank­haus in der deut­schen Welt­po­li­tik 1905 — 1933 (1958), S. 296 Anm. 22

15 Dis­kus­si­ons­bei­trag des Syn­di­kus des Ver­ban­des Thü­rin­gi­scher Indus­tri­el­ler, Dr. A. Stapff, auf der Drit­ten Gene­ral­ver­samm­lung des Mit­tel­eu­ro­päi­schen Wirt­schafts­ver­eins in Mün­chen, 14.10.1911. In Rein­hard Opitz (Hr.): Euro­pa­stra­te­gien des deut­schen Kapi­tals 1900 – 1945. Pahl-Rugen­stein, Köln 1977; 2. Auf­la­ge 1994, S. 174f

17 Quel­len unter ande­rem: Rudi­bert Kunz und Rolf-Die­ter Mül­ler: Gift­gas­an­la­gen gefäl­lig? Die Zeit, 3. Febru­ar 1989; Dani­el Cling: Marok­ko 1921 – Ein ver­ges­se­ner Krieg. Arte 2010

Bild: Moham­med Abd al-Karim (1882 – 1963), Jour­na­list und Prä­si­dent der Kon­fö­de­rier­ten Repu­blik der Stäm­me des Rifs, die 1926 durch spa­ni­sche und fran­zö­si­sche Trup­pen und Luft­bom­bar­die­run­gen mit Gift­gas zer­stört wur­de. Bild­quel­le: José María Díaz Casariego/​Wikimedia Com­mons.

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