Proteste gegen die NATO? Spione, Spione, überall Spione!

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Kaum hat das Jahr begon­nen, star­tet auch schon eine neue Kam­pa­gne gegen die bösen Putin-Freun­de in Deutsch­land. Inzwi­schen wird der Ton noch etwas schär­fer, und die Fol­gen sind noch schwe­rer ein­zu­schät­zen. Aber die neu­es­ten Arti­kel ver­hei­ßen nichts Gutes. 

Eigent­lich sind Nach­rich­ten, wie das Wort selbst schon nahe­legt, etwas, das nach einem Ereig­nis ent­steht. Im Ver­lauf der letz­ten Jah­re scheint sich die Abfol­ge zwi­schen Nach­richt und Ereig­nis gele­gent­lich umzu­dre­hen; gera­de dann, wenn es um Kern­an­lie­gen regie­rungs­freund­li­cher Pro­pa­gan­da geht. Es wird erst die Erzäh­lung kon­stru­iert, und dann geschieht etwas, das die Erzäh­lung zu bestä­ti­gen scheint. So war jeden­falls der Ablauf bei­spiels­wei­se bei jener »Sturm auf den Reichs­tag« genann­ten Demons­tra­ti­on, der eine leb­haf­te Bericht­erstat­tung vor­aus­ge­gan­gen war, die Kri­ti­ker der Coro­na-Maß­nah­men samt und son­ders ins rech­te Lager ver­wie­sen hat­te und die sich dann nach jenem reich­lich künst­li­chen Ereig­nis bestä­tigt füh­len konnte.

Augen­blick­lich kann man dabei zuse­hen, wie eine wei­te­re sol­che Vor­ab­nach­richt erzeugt wird. Das zen­tra­le Motiv ist bereits seit Jah­ren in Arbeit. Es lau­tet, jede NATO-kri­ti­sche Posi­ti­on sei kei­ne wirk­li­che poli­ti­sche Posi­ti­on, son­dern Agen­ten­tä­tig­keit im Auf­trag des Kreml. Ange­legt ist die­se Wen­dung bereits in den Begrif­fen, die vor Jah­ren in Umlauf gebracht wur­den, sei es nun Putin­ver­ste­her oder Kreml­troll. Als wäre die Aus­ein­an­der­set­zung um das Ver­hält­nis zu den USA wie zu Russ­land nicht eines der zen­tra­len Debat­ten­fel­der deut­scher Poli­tik schon seit den Wei­ma­rer Tagen, son­dern nur ein künst­lich, durch äuße­res Ein­wir­ken her­vor­ge­ru­fe­ner Streit, der eine gleich­sam gene­tisch ange­leg­te West­ori­en­tie­rung zu unter­gra­ben sucht.

Das ist his­to­ri­scher Unfug, dem nicht nur die innen­po­li­ti­schen Kon­flik­te um die Wie­der­be­waff­nung der BRD unter Kon­rad Ade­nau­er ent­ge­gen­ste­hen, son­dern selbst noch die Ver­wei­ge­rung einer Ver­fas­sungs­de­bat­te, die auf die soge­nann­te Wie­der­ver­ei­ni­gung hät­te fol­gen müs­sen und die genau des­halb nicht erfol­gen durf­te, weil sie womög­lich zu einer Neu­tra­li­tät der erwei­ter­ten Bun­des­re­pu­blik geführt hätte.

Trotz aller trans­at­lan­ti­scher Netz­wer­ke war weder die Unter­ord­nung unter die USA noch deren Aus­maß je unum­strit­ten, und gera­de die Ent­wick­lung der letz­ten Mona­te beweist, dass es dafür selbst abseits jedes deut­schen Groß­macht­wahns leicht nach­voll­zieh­ba­re mate­ri­el­le Grün­de gibt. Mehr noch, in einer Gesell­schaft, die zumin­dest so weit demo­kra­tisch ver­fasst ist, dass über die poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen aller Bevöl­ke­rungs­grup­pen gespro­chen wer­den kann, hät­te der Anschlag auf Nord Stream eine hef­ti­ge Debat­te aus­lö­sen müs­sen, ob nicht eine grund­sätz­li­che Ände­rung des Ver­hält­nis­ses zu den Ver­ei­nig­ten Staa­ten ange­bracht wäre. Denn in der Welt der objek­ti­ven Tat­sa­chen, jenem fer­nen mythi­schen Bereich, in dem die Geset­ze der Phy­sik und der Öko­no­mie gel­ten und nicht omi­nö­se Wer­te und Regeln, gibt es damit ein Land, das eine krie­ge­ri­sche Hand­lung gegen Deutsch­land unter­nom­men hat, und das heißt nicht Russland.

Man muss sich das immer wie­der in Erin­ne­rung rufen, wenn man die Erzäh­lun­gen betrach­tet, an denen die west­li­che Pres­se arbei­tet; ins­be­son­de­re, wenn die­se Erzäh­lun­gen in die Kate­go­rie der Ex-Ante-Nach­rich­ten gehö­ren, der ein Ereig­nis vor­be­rei­ten­den Berichterstattung.

Dies­mal beginnt die Ket­te bei dem in Lett­land ange­sie­del­ten, mit »proukrai­nisch« noch ver­nied­lich­ten Por­tal The Insi­der, das sich diver­ser Prei­se euro­päi­scher Insti­tu­tio­nen rühmt, aber eine Bericht­erstat­tung lie­fert, mit der ver­gli­chen die Bild zurück­hal­tend und auf Wahr­haf­tig­keit bedacht ist. Nach­dem die­ses Por­tal auch mit bekann­ten Akteu­ren wie Bel­ling­cat koope­riert hat und sich der »Auf­klä­rung« im Fal­le Skri­pal rühmt, könn­te man sagen, es wird von einem gewis­sen Duft des MI6 umweht.

Am 27. Dezem­ber erscheint dort ein Arti­kel über »pro­rus­si­sche« Pro­tes­te in Deutsch­land. Die Bericht­erstat­tung zielt auf eine Rei­he von Per­so­nen, und die Kern­aus­sa­ge – die nicht son­der­lich über­ra­schen wird – fin­det sich bereits in der Einleitung:

»Obwohl das offi­zi­el­le Ber­lin Kiew bedin­gungs­los unter­stützt und die Recht­fer­ti­gung der rus­si­schen Aggres­si­on in Deutsch­land straf­recht­lich ver­folgt wird, gibt es eine gan­ze Rei­he Ver­tei­di­ger der ‚rus­si­schen Welt‘ in der BRD. Im Früh­jahr orga­ni­sier­ten sie Auto­kon­vois und Demons­tra­tio­nen zur Unter­stüt­zung Putins und des Krie­ges, und jetzt demons­trie­ren sie gegen die NATO und ‚für Frie­den‘ mit Russ­land; tat­säch­lich für ein Ende der mili­tä­ri­schen Unter­stüt­zung Kiews. Die Pro­tes­tie­rer selbst prä­sen­tie­ren sich als unab­hän­gi­ge Akti­vis­ten, aber in Wirk­lich­keit koope­rie­ren sie aktiv mit der rus­si­schen Bot­schaft und nut­zen ört­li­che rechts­extre­me Akti­vis­ten als ihre Verbündeten.«

So weit, so bekannt; ein ein­zel­ner Arti­kel, schon gar auf einem sol­chen Por­tal, besagt gar nichts, außer, dass die alte Geschich­te wie­der auf­ge­wärmt wird, die jeden gleich­sam aus­bür­gert, der der NATO-Posi­ti­on widerspricht.

Am 3. Janu­ar wird die­ser Bericht von Reu­ters auf­ge­grif­fen und erwei­tert. Wir sind immer noch im angel­säch­si­schen Bereich, auch wenn der Reu­ters-Bericht von diver­sen deut­schen Medi­en wei­ter­ge­reicht wird. Die Lis­te der benann­ten Per­so­nen ist erwei­tert und ein Detail der Erzäh­lung deut­lich ver­stärkt. Der Hin­ter­grund ist ein­fach: »Wenn Deutsch­land, die größ­te Wirt­schaft der Euro­päi­schen Uni­on, Kiew den Rücken zudreht, dann wird die euro­päi­schen Einig­keit zu die­sem Krieg zer­bre­chen. (…) Die Mehr­heit der Deut­schen unter­stützt noch die Ukrai­ne, aber nach einem stei­len Anstieg der Ener­gie­kos­ten zei­gen Umfra­gen, dass weni­ger von ihnen die mili­tä­ri­sche Unter­stüt­zung erhö­hen wollen.«

Das Ziel ist also nicht nur eine Auf­recht­erhal­tung der bis­he­ri­gen Regie­rungs­po­si­ti­on, son­dern eine »Erhö­hung der mili­tä­ri­schen Unter­stüt­zung«; genau das, was aus rein tech­ni­schen Grün­den ein ver­deck­ter Kriegs­ein­tritt wäre. Um dies durch­zu­set­zen, bezie­hungs­wei­se um im Inter­es­se der Durch­setz­bar­keit eines sol­chen Schritts abwei­chen­de Stim­men zum Ver­stum­men zu brin­gen, muss nun die schon lan­ge ange­deu­te­te Deu­tung als »rus­si­sche Agen­ten­tä­tig­keit« wei­ter ver­schärft werden.

Natür­lich geht ein sol­cher Spin nicht ohne Pathos. »Durch Inter­views und die Durch­sicht von Nach­rich­ten in sozia­len Netz­wer­ken und ande­re öffent­lich ver­füg­ba­ren Infor­ma­tio­nen hat Reu­ters die Schlüs­sel­ge­stal­ten iden­ti­fi­ziert, die dar­in ver­wi­ckelt sind, in Deutsch­land eine Pro-Mos­kau-Sicht zu för­dern, seit der Krieg begann.« Mehr noch: »Reu­ters fand her­aus, dass eini­ge der lau­tes­ten Agi­ta­to­ren für eine Ver­än­de­rung der deut­schen Poli­tik zwei Gesich­ter haben. Eini­ge nut­zen Deck­na­men und haben ver­bor­ge­ne Ver­bin­dun­gen nach Russ­land und zu rus­si­schen Insti­tu­tio­nen, die unter inter­na­tio­na­len Sank­tio­nen ste­hen, oder zu rechts­extre­men Organisationen.«

Das klingt wirk­lich gefähr­lich, oder? Aller­dings muss man dabei berück­sich­ti­gen, wie nied­rig inzwi­schen in Deutsch­land die Schwel­le liegt, jen­seits derer »Ver­bin­dun­gen nach Russ­land« bereits als ille­gal bewer­tet wer­den. Inzwi­schen löst der Kauf einer Musik-CD von einer in Russ­land ansäs­si­gen Pri­vat­per­son Straf­ver­fah­ren wegen Sank­ti­ons­um­ge­hung aus, und im Novem­ber fäll­te das OLG Düs­sel­dorf ein Urteil wegen Spio­na­ge, das an die wil­des­ten Aus­wüch­se der Ade­nau­er-Jah­re erin­nert. Wobei Reu­ters tat­säch­lich so weit geht, rus­si­schen Staats­bür­gern Kon­tak­te zur rus­si­schen Bot­schaft als belas­tend vorzuhalten.

Beson­ders ver­werf­lich ist es nach Reu­ters, an Gedenk­ver­an­stal­tun­gen für sowje­ti­sche Gefal­le­ne des Zwei­ten Welt­kriegs teil­zu­neh­men. Das war auch in dem Arti­kel von The Insi­der bereits so; man soll­te aller­dings zumin­dest bei einer Nach­rich­ten­agen­tur wie Reu­ters anneh­men, dass der Bei­trag der Roten Armee zur Befrei­ung vom Nazis­mus noch bekannt ist. Was schreibt Reu­ters über eine sei­ner Ziel­per­so­nen? »Er tauch­te auf Ver­an­stal­tun­gen zum Gedächt­nis an die in Deutsch­land bestat­te­ten sowje­ti­schen Kriegs­to­ten neben rus­si­schen Diplo­ma­ten auf.«

Wie man es von sol­chen Tex­ten seit Jah­ren gewohnt ist, die­nen Fotos dazu, enge Ver­bin­dun­gen zu behaup­ten. Die­se Behaup­tun­gen funk­tio­nie­ren, weil das Niveau poli­ti­scher Erfah­run­gen in Deutsch­land mitt­ler­wei­le extrem nied­rig ist und die meis­ten Leser daher sol­che Auf­nah­men wie Fami­li­en­bil­der deu­ten und nicht wahr­neh­men, dass es bei poli­ti­schen Hand­lun­gen Bünd­nis­se geben kann, die nicht not­wen­di­ger­wei­se gro­ße Nähe bezeu­gen, son­dern schlicht einem bestimm­ten Zweck dienen.

Aber das Mus­ter wur­de in den letz­ten Jah­ren eta­bliert und spä­tes­tens wäh­rend der Aus­ein­an­der­set­zun­gen um die Coro­na-Maß­nah­men durch­ge­setzt. Nach­dem es inzwi­schen als nor­mal gilt, mit Men­schen außer­halb eines engen Mei­nungs­spek­trums nicht mehr zu kom­mu­ni­zie­ren, soll­te man dar­an erin­nern, wie der poli­ti­sche Umgang in einer demo­kra­ti­schen Umge­bung aus­sieht: Man kann in bestimm­ten Fra­gen, bei­spiels­wei­se zur Migra­ti­on, vehe­ment ver­schie­de­ner Ansicht sein und doch bei ande­ren, bei­spiels­wei­se der Aus­stat­tung der ört­li­chen Feu­er­wehr, an einem Strang zie­hen. Jeder, der jemals auch nur auf kom­mu­na­ler Ebe­ne poli­tisch tätig war, kann das bestätigen.

Selbst im Umgang mit wirk­li­chen Fein­den ist eine Stra­te­gie des »Mit dem rede ich nicht« nur begrenzt sinn­voll; der Ursprung der gesam­ten Diplo­ma­tie liegt nicht im Gespräch zwi­schen Freun­den. Und den­noch hat sich das als Ver­hal­ten selbst bei »schwa­chen« Abwei­chun­gen in Deutsch­land eta­bliert; und in Ergän­zung dazu wur­de es mög­lich, die schlich­te Tat­sa­che des Kon­takts bereits zum Vor­wurf zu machen, weil ja jeder, der sich an die vor­ge­ge­be­nen Regeln poli­ti­scher Tugend hält, gar kei­nen Kon­takt zu »ver­däch­ti­gen« Per­so­nen haben kann.

Um selbst für Reu­ters als ver­däch­tig zu gel­ten, rei­chen Lap­pa­li­en aus. So wird dort ein Tele­gram-Kanal namens »Putin Fan­club« ange­führt, dem Fol­gen­des vor­ge­wor­fen wird: »Für die 36.000 Abon­nen­ten wer­den regel­mä­ßig Bil­der von Putin gepos­tet, Mel­dun­gen über sei­ne öffent­li­chen Auf­trit­te und deut­sche Über­set­zun­gen sei­ner Reden. Ein dort gepos­te­tes ver­än­der­tes Video zeigt, wie Putin Joe Biden beim Arm­drü­cken schlägt. Ein wei­te­rer Post vom 26. Okto­ber drängt die Deut­schen dazu, Putins War­nung vor einem nuklea­ren Kon­flikt ernst zu nehmen.«

Ist dar­an irgend­et­was ille­gal? Die Ver­öf­fent­li­chung deut­scher Über­set­zun­gen von Reden eines aus­län­di­schen Staats­ober­haupts, dem Prä­si­den­ten eines Staa­tes, mit dem sich Deutsch­land – man muss das lei­der immer wie­der beto­nen – nicht im Krieg befin­det? Nichts dar­an über­schrei­tet die Gren­zen der Mei­nungs­frei­heit, die es doch eigent­lich geben soll in Deutsch­land. Aber Reu­ters hält es für ange­mes­sen, die Betrei­ber die­ses Kanals zu erkunden.

Und nun wan­dert die Geschich­te in deut­sche Medi­en und wird noch wei­ter in eine bestimm­te Rich­tung gedreht. Der Tages­spie­gel greift sich aus dem Büfett des Reu­ters-Arti­kels eine ein­zel­ne Per­son her­aus, Oleg Ere­men­ko, der nun beson­ders fins­ter gezeich­net wird. Schließ­lich habe er in sei­ner Zeit bei der rus­si­schen Armee zuge­stan­de­ner­ma­ßen beim Mili­tär­ge­heim­dienst GRU gear­bei­tet, wor­aus sich eine pas­sen­de Gru­sel­ge­schich­te stri­cken lässt. Anker dafür ist ein meh­re­re Jah­re altes Foto, auf dem Ere­men­ko neben Igor Girkin/​Strelkow steht, der angeb­lich eben­falls ein­mal für den GRU tätig gewe­sen sei. Und natür­lich wird die Skri­pal-Geschich­te eben­falls ange­hängt, auch wenn sie in keins­ter Wei­se je belegt wor­den ist.

In Wirk­lich­keit sind die meis­ten Ange­hö­ri­gen von Mili­tär­ge­heim­diens­ten mit Spio­na­ge­ab­wehr und Signal­aus­wer­tung befasst. Es wur­de zwar in den letz­ten Jah­ren eini­ge Mühe dar­auf ver­wandt, die rus­si­sche GRU min­des­tens so fins­ter wir­ken zu las­sen wie einst das KGB, aber wie bei allen sol­chen Diens­ten gibt es eine Men­ge harm­lo­ser und nur einen klei­nen Teil ope­ra­ti­ver Tätig­kei­ten, und die schlich­te Tat­sa­che, dass jemand dort tätig war, besagt erst ein­mal gar nichts, weil es wie in jeder ande­ren Behör­de auch Buch­hal­ter und Sekre­tä­rin­nen, Elek­tri­ker und Archi­va­re gibt.

Aber die Kom­bi­na­ti­on funk­tio­niert: Rus­se, Mili­tär und Geheim­dienst ergibt das ulti­ma­ti­ve Böse, und den Punkt »ehe­ma­lig« kann man getrost igno­rie­ren. Der Tages­spie­gel nutzt die Geschich­te sogar, um die SPD-Minis­ter­prä­si­den­tin Manue­la Schwe­sig anzu­grei­fen, die sich irgend­wie man­geln­der Zuver­läs­sig­keit schul­dig gemacht haben muss:

Schwe­sig nahm im April 2021 an einer Ver­an­stal­tung zum Geden­ken an das Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges in Greifs­wald teil. Ere­men­ko, der Initia­tor die­ses Gedenk­ter­mins, über­reich­te dort eine Tafel zum Geden­ken an sei­nen Groß­va­ter Niko­lai Ljascht­schen­ko, einen Gene­ral­ma­jor der Roten Armee, der spä­ter als ›Held der Sowjet­uni­on‹ aus­ge­zeich­net wur­de. In Greifs­wald hat­te die­ser in den letz­ten Wochen des Krie­ges die kampf­lo­se Über­ga­be der Stadt ausgehandelt.

Der Tages­spie­gel hat sich allen Erns­tes beim Büro von Schwe­sig erkun­digt, war­um sie mit Ere­men­ko zusam­men­ge­trof­fen sei. Dabei ist es selbst in Deutsch­land üblich, zu Anläs­sen wie der Ein­wei­hung einer Gedenk­ta­fel Ver­wand­te der der­art Bedach­ten ein­zu­la­den, das ist ein völ­lig nor­ma­les pro­to­kol­la­ri­sches Ver­fah­ren. Auch die Anwe­sen­heit des rus­si­schen Bot­schaf­ters bei einem sol­chen Ter­min ent­spricht schlicht der Norm. Was nicht der Norm ent­spricht, ist, dar­aus einen Skan­dal stri­cken zu wollen.

Aller­dings hat­te es dazu bereits im Mai einen Anlauf der FAZ gege­ben, die Ere­men­ko unter ande­rem vor­ge­wor­fen hat­te, zusam­men mit Rai­ner Rupp Geld für sowje­ti­sche Vete­ra­nen gesam­melt zu haben. »Ukrai­ne-Has­ser und Sta­si-Freund« war die For­mu­lie­rung gewe­sen, zu der die FAZ gegrif­fen hatte.

Die Geschich­te war damals ohne Fol­gen geblie­ben, weil die Zusam­men­stel­lung der Haupt­rich­tung der Erzäh­lung wider­spro­chen hat­te, die NATO-Geg­ner sei­en alle­samt böse Rech­te. Der Tages­spie­gel nutzt nun die kon­stru­ier­te Spio­na­ge­um­ge­bung, um jetzt über Ere­men­ko das Feld der Ver­däch­ti­gen zu erwei­tern: »Im August ver­gan­ge­nen Jah­res trat er in Ber­lin auf einem Fest der DKP auf. In einer Dis­kus­si­ons­run­de über ›Frie­den mit Russ­land‹ saß er gemein­sam mit dem frü­he­ren stell­ver­tre­ten­den Gene­ral­staats­an­walt der DDR, Hans Bau­er, auf dem Podium.«

Die Aus­sa­gen, mit denen Ere­men­ko von die­ser Ver­an­stal­tung zitiert wird, sind eben­so unschul­dig wie sei­ne Anwe­sen­heit bei der Über­ga­be der Gedenk­ta­fel über ein Jahr zuvor. Er kri­ti­sier­te die Dar­stel­lung Russ­lands und der Rus­sen in Kin­der­gär­ten und Schu­len. Dies zu einer Zeit, als längst viel­fa­che Mel­dun­gen über Mob­bing vor­la­gen und Sen­dun­gen wie die KiKA-Nach­rich­ten immer wie­der Geschich­ten vom bösen Wla­di­mir Putin erzählten.

Gäl­ten in Deutsch­land noch die Regeln einer demo­kra­ti­schen Kul­tur, man wür­de mit den Schul­tern zucken und fra­gen, was die­se Auf­re­gung soll. An die Miss­ach­tung die­ser Gepflo­gen­hei­ten, an die Hys­te­rie, mit der auf ein Abwei­chen reagiert wird, hat man sich bereits gewöhnt. Aber in die­ser letz­ten Wel­le von Arti­keln, die mit The Insi­der begon­nen hat­te, doch ver­mut­lich noch nicht an ihrem Ende ange­langt ist, geschieht etwas Neu­es. Es wird ver­sucht, aus poli­ti­schen Äuße­run­gen, selbst so pro­to­kol­la­risch-for­mel­len wie der Über­ga­be von Gedenk­ta­feln, eine Agen­ten­tä­tig­keit zu kon­stru­ie­ren. Für unauf­merk­sa­me Leser, die all die ein­ge­floch­te­nen Ver­wei­se auf ande­re zen­tra­le Pro­pa­gan­daer­zäh­lun­gen wie Skri­pal und MH17 akzep­tiert haben, durch­aus überzeugend.

Nun haben diver­se Bei­spie­le in den ver­gan­ge­nen Mona­ten, sei es nun der Fall der tan­zen­den Julia aus Lands­hut oder sei­en es die Arti­kel über den Ver­ein Frie­dens­brü­cke-Kriegs­op­fer­hil­fe e. V., belegt, dass sol­che Tex­te das Vor­spiel staat­li­cher Maß­nah­men dar­stel­len und dass die Rich­tung, die die Vor­wür­fe in die­sen Arti­keln neh­men, anzeigt, wie die­se Maß­nah­men aus­se­hen könn­ten. Am Bei­spiel des angeb­li­chen Reichs­bür­ger­put­sches konn­te man sehen, zu welch gigan­ti­scher Grö­ße sich ein fak­ti­sches Nichts auf­bla­sen lässt.

Die mas­si­ven Ver­schär­fun­gen der Para­gra­fen 140 und 130 StGB, die bereits den Res­ten der Mei­nungs­frei­heit in Deutsch­land weit­ge­hend den Gar­aus mach­ten, schei­nen nicht zu genü­gen, um die von der Bun­des­re­gie­rung gewünsch­te Kriegs­po­li­tik wei­ter abzu­si­chern. Was sich in die­ser neu­es­ten Wel­le von Arti­keln abzeich­net, ist der Ver­such, jeg­li­che poli­ti­sche Tätig­keit, die sich gegen die NATO rich­tet, zur Agen­ten­tä­tig­keit zu erklä­ren und als sol­che zu behan­deln, und die Lis­te der Orga­ni­sa­tio­nen, auf die gezielt wird, ist sehr umfas­send. Natür­lich bleibt die Hoff­nung, dass es nicht oder zumin­dest noch nicht dazu kommt, dass das, was sich aus die­sen Arti­keln lesen lässt, in Hand­lun­gen umge­setzt wird, aber ver­las­sen soll­te man sich dar­auf nicht. Die­ser Ein­stieg ins Jahr 2023 lässt wenig Raum für Hoffnung.

Dag­mar Henn ist Mit­glied des Deut­schen Frei­den­ker-Ver­ban­des, von des­sen Web­site frei​den​ker​.org der Arti­kel über­nom­men wur­de. Erst­ver­öf­fent­li­chung am 07.01.2023 auf RT DE

Bild: Yulia Prok­ho­ro­va zu Kalin­ka tan­zend mit rus­si­cher Flag­ge und Fähn­chen vor Anhän­gern des Ukro­fa­schis­mus (Screen­shot aus Video aus https://t.me/craZybear2022)

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