Einige Gedanken zu den Ursprüngen des Chruschtschowschen Revisionismus

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Ich wer­de die in die­sem Arti­kel geäu­ßer­ten Ideen wei­ter­ent­wi­ckeln und die­ses The­ma mit mehr Quel­len aus­führ­li­cher behan­deln, sobald ich mehr Zeit zum For­schen habe.

Unter selbst­er­nann­ten anti-revi­sio­nis­ti­schen Mar­xis­ten-Leni­nis­ten hört man oft zwei grund­le­gen­de Erklä­run­gen: Eine Ansicht ist, dass Chruscht­schow durch ein Kom­plott an die Macht gekom­men ist. Eine ande­re besagt, dass es in der sowje­ti­schen Poli­tik schwer­wie­gen­de Feh­ler gab, die zum Chruscht­schow­schen Revi­sio­nis­mus führten.

Eini­ge geben zwar zu, dass Chruscht­schow durch einen unde­mo­kra­ti­schen Staats­streich an die Macht gekom­men ist, bezeich­nen die »Ver­schwö­rungs­theo­rie« jedoch als naiv und ober­fläch­lich. Sie sagen, es sei falsch zu glau­ben, dass in der UdSSR »alles in Ord­nung« war, bis Sta­lin starb und »böse Revi­sio­nis­ten« ein­fach »plötz­lich an die Macht kamen«. Als Mar­xis­ten suchen sie die Ant­wort in den mate­ri­el­len Bedin­gun­gen der Gesell­schaft (und den dar­aus resul­tie­ren­den ideo­lo­gi­schen Bedin­gun­gen). Mei­ner Mei­nung nach gehen sie jedoch zu weit in ein Extrem: Sie über­ana­ly­sie­ren jede ideo­lo­gi­sche Posi­ti­on in der UdSSR der Sta­lin-Ära (ins­be­son­de­re in der spä­te­ren Peri­ode), um die Wur­zeln des Chruscht­scho­wis­mus zu finden.

Eini­ge von ihnen beschul­di­gen die Sowjet­uni­on zu patrio­tisch zu sein, wie die­ser beson­ders schlim­me ultra­lin­ke Arti­kel bezeugt:

Wäh­rend des Krie­ges gab es ver­ständ­li­cher­wei­se einen Auf­schwung natio­na­ler Gefüh­le gegen die Nazi-Aggres­so­ren, aber Sta­lin för­der­te dies weit über ein Maß hin­aus, das mit den pro­le­ta­risch-inter­na­tio­na­lis­ti­schen Prin­zi­pi­en, auf denen der Sowjet­staat basier­te, ver­ein­bar war… Obwohl der Dege­ne­ra­ti­ons­pro­zess in der Sowjet­uni­on erst irgend­wann nach dem Krieg abge­schlos­sen wur­de, war er 1939 bereits weit fort­ge­schrit­ten (»The Ori­gin and Deve­lo­p­ment of Revi­sio­nism in the Soviet Uni­on« by M. F.).

Der Arti­kel behaup­tet auch, dass « Tau­sen­de von Unschul­di­gen« auf Sta­lins Befehl getö­tet wur­den, weil er »von den Mas­sen iso­liert« war, »kei­ne Mas­sen­li­nie hat­te« und dass die Pro­zes­se gegen Titois­ten in Ost­eu­ro­pa »abge­kar­te­te Spie­le« waren. Der Arti­kel ent­hält zahl­rei­che wei­te­re fal­sche Behauptungen.

Ande­re, wie die Rus­si­sche Kom­mu­nis­ti­sche Arbei­ter­par­tei (die vor kur­zem eine Posi­ti­on ein­ge­nom­men hat, die sich mit den unver­hoh­le­nen rus­si­schen Revi­sio­nis­ten ver­eint und Russ­land im zwi­schen­im­pe­ria­lis­ti­schen Krieg ver­tei­digt), haben behaup­tet, dass die Sta­lin­sche Ver­fas­sung von 1936 einer der Grün­de für den Auf­stieg des Chruscht­schow­schen Revi­sio­nis­mus war. Sie schrei­ben, dass die Wahl­re­geln der Sta­lin-Ver­fas­sung »[…] Vor­aus­set­zun­gen für ein par­la­men­ta­ri­sches, von den Arbei­ter­kol­lek­ti­ven los­ge­lös­tes Sys­tem waren […] tru­gen zur […] Büro­kra­ti­sie­rung des gesam­ten Sys­tems der Staats­macht bei (»100 Jah­re seit der Gro­ßen Sozia­lis­ti­schen Okto­ber­re­vo­lu­ti­on und die Leh­ren für heu­ti­ge Kom­mu­nis­ten – Bericht des ZK der Rus­si­schen Kom­mu­nis­ti­schen Arbei­ter­par­tei – Revo­lu­tio­nä­re Par­tei der Kom­mu­nis­ten (RKAP-RPK)).«

War in der UdSSR unter Lenin und Sta­lin alles in Ord­nung? Die Din­ge sind nie »abso­lut« rich­tig oder »abso­lut« gut. Aber die Par­tei und der Staat ver­folg­ten im All­ge­mei­nen eine kor­rek­te Poli­tik. Ich akzep­tie­re die Behaup­tung nicht, dass die Linie Sta­lins so schwer­wie­gend feh­ler­haft war, dass sie »zum Revi­sio­nis­mus führ­te«. Eini­ge Leu­te schei­nen zu glau­ben, dass man Chruscht­schow die Feh­ler der Sta­lin-Ära anlas­ten muss, weil wir sonst kei­ne mate­ria­lis­ti­sche Erklä­rung für den sowje­ti­schen Revi­sio­nis­mus haben. Das ist falsch.

Es ist grund­le­gend falsch, Sta­lin den Revi­sio­nis­mus zuzu­schrei­ben, denn das wür­de bedeu­ten, den Geg­nern des Revi­sio­nis­mus den Revi­sio­nis­mus zuzu­schrei­ben und Revi­sio­nis­mus und Anti-Revi­sio­nis­mus gleich­zu­set­zen. In Wirk­lich­keit gab es zwei gegen­sätz­li­che Ten­den­zen: die kor­rek­te Linie von Sta­lin und die revi­sio­nis­ti­sche Linie von Chruscht­schow. Die­je­ni­gen, die Sta­lin die Schuld geben, beschul­di­gen ihn, dem Rechts­ab­wei­cher­tum ver­fal­len zu sein, aus dem Chruscht­schow her­vor­ging, aber das ist falsch. In Wirk­lich­keit waren es Malen­kow und sei­ne Anhän­ger (mög­li­cher­wei­se auch Beria), die die Rechts­ab­wei­chung ver­tra­ten. Chruscht­schow unter­stütz­te auch die Außen­po­li­tik Malen­kows, und sogar Molo­tow und Kaga­no­witsch schlos­sen sich ihr an. Aber Malen­kovs Posi­ti­on des Abbaus von Span­nun­gen und des Abbaus des ideo­lo­gi­schen Kamp­fes war das genaue Gegen­teil von Sta­lins Posi­ti­on. In Wirk­lich­keit scheint es, dass Malen­kow der­je­ni­ge war, der Chruscht­schow den Weg ebnete.

Wir kön­nen bestimm­te Ele­men­te in der Poli­tik der Sta­lin-Ära (und der Lenin-Ära) fin­den, die spä­ter vom Chruscht­schow-Revi­sio­nis­mus ver­zerrt, umge­deu­tet und wie­der­ver­wen­det wur­den, aber das bedeu­tet nicht, dass die Wur­zeln der Chruscht­schow­schen Theo­rien tat­säch­lich in der Poli­tik der Lenin- oder Sta­lin-Ära lie­gen. Jeg­li­cher Revi­sio­nis­mus ist eine Ver­zer­rung des Mar­xis­mus, und folg­lich nimmt er immer bestimm­te Ele­men­te des Mar­xis­mus und ver­dreht sie.

Oft wird behaup­tet: »Sta­lin muss sich geirrt haben, weil er den Revi­sio­nis­mus nicht ver­hin­dern konn­te«. In gewis­sem Sin­ne ist das wahr, aber solan­ge der Kapi­ta­lis­mus exis­tiert, wird er immer Revi­sio­nis­mus her­vor­brin­gen. Es gab nichts, was Sta­lin hät­te tun kön­nen, um zu ver­hin­dern, dass der Revi­sio­nis­mus über­haupt auf­taucht. Sta­lins ein­zi­ger Feh­ler war, dass die Revi­sio­nis­ten die Staats­macht erober­ten, nach­dem Sta­lin bereits gestor­ben war. Sta­lin war nicht in der Lage, den moder­nen Revi­sio­nis­mus, den sowje­ti­schen Revi­sio­nis­mus, vor­her­zu­se­hen und eine Theo­rie dar­über zu ent­wi­ckeln, aber das ist kein Feh­ler in einem typi­schen Sin­ne. Wir wür­den auch nicht sagen, dass Marx sich geirrt hat und »rech­te Feh­ler« gemacht hat, oder was auch immer, weil er kei­ne Theo­rie des Impe­ria­lis­mus hatte.

Es ist bekannt, dass Sta­lin vor­aus­sag­te, dass die kapi­ta­lis­ti­sche Restau­ra­ti­on nur dann gelin­gen wür­de, wenn es zu einer aus­län­di­schen Inva­si­on in der UdSSR käme. Das ist natür­lich nicht gesche­hen, vor allem weil Sta­lin eine sol­che Inva­si­on durch die Stär­kung der Ver­tei­di­gungs­fä­hig­keit der UdSSR ver­hin­dern konn­te. Sta­lin sag­te jedoch vor­aus, dass die Revi­sio­nis­ten ver­su­chen wür­den, durch ein trotz­kis­tisch-bucha­ri­nis­ti­sches Kom­plott an die Macht zu kom­men. Er hat den moder­nen Revi­sio­nis­mus nicht voll­stän­dig vor­aus­ge­se­hen, aber er hat bestimm­te Aspek­te davon genau prognostiziert.

Man sucht die Wur­zeln des Chruscht­scho­wis­mus in der sowje­ti­schen Wirt­schafts­ba­sis und der Struk­tur des Staa­tes. Mei­ner Mei­nung nach wer­den sie dort aber kei­nen Chruscht­scho­wis­mus fin­den. Die Wahr­heit ist, dass der Chruscht­scho­wis­mus in der sowje­ti­schen Wirt­schaft und im sowje­ti­schen Über­bau nur des­halb schein­bar »ent­deckt« wer­den kann, weil der Sozia­lis­mus immer noch unter den Über­bleib­seln des Kapi­ta­lis­mus lei­det, sowohl im »bür­ger­li­chen Recht« als auch »in den Köp­fen der Men­schen«. Der Chruscht­schow-Revi­sio­nis­mus ist kein Pro­dukt der Feh­ler Sta­lins, der Chruscht­schow-Revi­sio­nis­mus ist ein Pro­dukt des kapi­ta­lis­ti­schen Ein­flus­ses, der kapi­ta­lis­ti­schen Überbleibsel.

Wie soll man also den Chruscht­schow-Coup ver­ste­hen? Es ist nicht völ­lig naiv oder ober­fläch­lich zu behaup­ten, die Chruscht­scho­wis­ten sei­en in ers­ter Linie durch eine Ver­schwö­rung an die Macht gekom­men und nicht als Ergeb­nis einer lang­sa­men Dege­ne­ra­ti­on oder einer Abwei­chung nach rechts. Die Trotz­ki-Bucha­rin-Grup­pe ver­such­te durch eine Ver­schwö­rung an die Macht zu kom­men. Die Wur­zeln des Trotz­kis­mus und des Bucha­ri­nis­mus lie­gen nicht in »Sta­lins Feh­lern« oder »Lenins Feh­lern«, son­dern in kapi­ta­lis­ti­schen Über­bleib­seln und kapi­ta­lis­ti­schen Ein­flüs­sen, die unver­meid­lich sind, bis der Sozia­lis­mus den end­gül­ti­gen und voll­stän­di­gen Sieg erringt.

Auch die Grup­pe um Chruscht­schow und Miko­jan kam im Grun­de durch eine Ver­schwö­rung an die Macht, und es gibt vie­le Ähn­lich­kei­ten zwi­schen ihnen und der Trotz­ki-Bucha­rin-Grup­pe. Chruscht­schow ver­trat eine rech­te Linie, die im Wesent­li­chen mit Bucha­rin über­ein­stimm­te (und die vom gesam­ten Block der Rech­ten und Trotz­kis­ten unter­stützt wur­de). Chruscht­schows Anschul­di­gun­gen gegen Sta­lin sind im Grun­de genom­men trotz­kis­tisch, und es ist gut mög­lich, dass Chruscht­schow sogar Trotz­ki reha­bi­li­tiert hät­te, wenn dies nicht von ande­ren Mit­glie­dern des Zen­tral­ko­mi­tees (haupt­säch­lich Molo­tow und Kaga­no­witsch) ver­hin­dert wor­den wäre. Infol­ge des Wider­stands ech­ter Mar­xis­ten konn­te Chruscht­schow nur die straf­recht­li­che Ver­fol­gung der Bucha­ri­nis­ten und Trotz­kis­ten ver­ur­tei­len, nicht aber deren ideo­lo­gi­sche Ver­nich­tung durch Stalin.

Aus­ge­hend von ihren Hand­lun­gen ist es durch­aus mög­lich (und sogar wahr­schein­lich), dass Chruscht­schow und Miko­jan in den 1930er Jah­ren der Rech­ten Oppo­si­ti­on oder dem Block der Rech­ten und Trotz­kis­ten ange­hör­ten (in der Tat haben Quel­len dies behaup­tet). In den 1930er Jah­ren ver­such­ten Chruscht­schow und Miko­jan, Sta­lin heuch­le­risch gren­zen­los zu loben und einen Kult um Sta­lin zu pfle­gen, was eigent­lich eine übli­che bucha­ri­nis­tisch-trotz­kis­ti­sche Tak­tik war, die z. B. von Bucha­rin und Radek prak­ti­ziert wur­de. Lesen wir dazu Vijay Singh:

Die Ver­bin­dun­gen zwi­schen Trotz­ki und Chruscht­schow waren nicht nur poli­ti­scher, theo­re­ti­scher und ideo­lo­gi­scher Natur. Aus den Memoi­ren von Kaga­no­witsch geht her­vor, dass Chruscht­schow 1923 und 1924 Mit­glied der trotz­kis­ti­schen Oppo­si­ti­on gewe­sen war. Ende 1924 »erkann­te« er sei­nen Feh­ler und gab ihn zu. Er bat Kaga­no­witsch, sei­nen Arbeits­be­reich zu wech­seln, um sich von sei­nen frü­he­ren poli­ti­schen Ver­bin­dun­gen zu lösen. Nach Rück­spra­che mit Sta­lin hat­te Kaga­no­witsch ihn in neue Arbeits­be­rei­che ver­setzt. Chruscht­schow, so argu­men­tiert Kaga­no­witsch, habe spä­ter gute Arbeit gegen die Abwei­chung der rech­ten Oppo­si­ti­on geleis­tet. Spä­ter wur­de er zum Sekre­tär des Mos­kau­er Komi­tees beför­dert… In sei­nem Kom­men­tar zu den Akti­vi­tä­ten Chruscht­schows in den Jah­ren sei­ner Macht­aus­übung auf der Grund­la­ge sei­ner Erfah­run­gen und nach der Lek­tü­re der Memoi­ren des ehe­ma­li­gen Sowjet­füh­rers argu­men­tier­te Kaga­no­witsch: Es stell­te sich her­aus, dass Chruscht­schow sich nicht als ein­fa­ches Cha­mä­le­on, son­dern als ›Rück­fall­tä­ter‹ des Trotz­kis­mus erwies (Vijay Singh, »Eini­ge Über­le­gun­gen zu ›Chruscht­schow hat gelo­gen‹ von Gro­ver Furr«).

Aus der Geschich­te wis­sen wir, dass die Bour­geoi­sie Spio­ne und Ver­rä­ter gegen den Sozia­lis­mus ein­setzt. Das haben wir nicht nur im Fall des Blocks der Rech­ten und der Trotz­kis­ten, im Fall des men­sche­wis­ti­schen Gesamt­uni­ons­bü­ros und in den Fäl­len Rajk, Slan­sky, Kos­tow und Xoxe gese­hen. Wir haben auch das Bei­spiel Jugo­sla­wi­en, wo eine Ban­de von kapi­ta­lis­ti­schen Agen­ten bereits in der Sta­lin-Ära erfolg­reich die Macht über­nahm. War­um soll­ten wir Chruscht­schow grund­le­gend anders behan­deln als Rajk und Tito? Natür­lich gibt es Unter­schie­de, aber kei­ne grund­le­gen­den. Tito kam in einem Staat an die Macht, der nicht zu den füh­ren­den Super­mäch­ten gehör­te. Infol­ge­des­sen wur­de Jugo­sla­wi­en zu einer Mario­net­te der USA gegen das sozia­lis­ti­sche Lager. Chruscht­schow hin­ge­gen kam in einer Welt­su­per­macht an die Macht, und in der Fol­ge ent­wi­ckel­te sich die UdSSR zu einem unab­hän­gi­gen impe­ria­lis­ti­schen Staat.

Die Ansicht, dass Chruscht­schow im Grun­de ein gehei­mes Mit­glied der Trotz­ki-Ban­de war, dem das von Trotz­ki ver­such­te kri­mi­nel­le Kom­plott gelun­gen ist, hat nichts Nai­ves oder Ober­fläch­li­ches an sich.

Was hät­te Trotz­ki getan, wenn sein Kom­plott erfolg­reich gewe­sen wäre? Er hät­te Sta­lin umge­bracht und behaup­tet, er habe die sowje­ti­sche Demo­kra­tie »vor der Büro­kra­tie« geret­tet. Mög­li­cher­wei­se wäre die Ermor­dung Sta­lins irgend­wie ver­heim­licht oder ver­tuscht wor­den. Chruscht­schow behaup­te­te auch, er habe die UdSSR vor dem sta­li­nis­ti­schen »Des­po­tis­mus« geret­tet und bezeich­ne­te Sta­lin als anti­de­mo­kra­ti­schen Büro­kra­ten. Chruscht­schow muss­te sei­nen Revi­sio­nis­mus bes­ser ver­schlei­ern, als es bis dahin irgend­je­mand getan hat­te, und das ist ein beson­de­res Merk­mal des sowje­ti­schen Revi­sio­nis­mus. Die ande­ren revi­sio­nis­ti­schen Ver­rä­ter (Trotz­ki, Bucha­rin, Tito) hin­ge­gen ratio­na­li­sier­ten und recht­fer­tig­ten ihre Poli­tik mit der Behaup­tung, dass sie den ech­ten Leni­nis­mus ver­tra­ten, und viel­leicht führ­ten nur beson­de­re Bedin­gun­gen dazu, dass sie ihre Ansich­ten nicht noch bes­ser ver­schlei­er­ten. Wel­che beson­de­ren Bedingungen?

Die Trotz­ki-Bucha­rin-Oppo­si­ti­on hat­te eine gefes­tig­te Tra­di­ti­on, gefes­tig­te Ansich­ten und Unter­stüt­zer. Sie ver­tra­ten offen die Ansich­ten, die ihre poli­ti­schen Zie­le unter­stütz­ten. Die­se Ansich­ten unter­schie­den sich deut­lich von der Linie der bol­sche­wis­ti­schen Par­tei, so dass ihr Revi­sio­nis­mus leicht erkenn­bar war, aber das lag dar­an, dass sie mit der Par­tei­li­nie kon­kur­rier­ten. Tito stütz­te sich auf Chau­vi­nis­mus und kon­kur­rier­te eben­falls mit der bol­sche­wis­ti­schen Linie. Chruscht­schow erlang­te die Macht inner­halb der bol­sche­wis­ti­schen Par­tei und führ­te kei­ne Bewe­gung außer­halb der Par­tei an. Außer­dem arbei­te­te er zu einer Zeit, als die Oppo­si­ti­ons­be­we­gun­gen schon lan­ge tot waren. Daher hat­te er gute Grün­de, die Tak­tik zu wäh­len, die er wähl­te, näm­lich sich als »ortho­do­xer« Mar­xist-Leni­nist aus­zu­ge­ben und nur »Kor­rek­tu­ren« vorzunehmen.

Gab es also bestimm­te ideo­lo­gi­sche oder wirt­schaft­li­che Fak­to­ren, die tat­säch­lich zum Auf­stieg Chruscht­schows bei­getra­gen haben? Natür­lich gab es die. Nach dem Zwei­ten Welt­krieg gab es eine spür­ba­re Gefahr von rechts. Dimi­t­row erklär­te auf dem 7. Kom­in­tern­kon­gress, dass die Tak­tik der Volks­front zwar rich­tig sei, aber zu einer erhöh­ten rech­ten Gefahr füh­re (»Wir müs­sen unse­re Wach­sam­keit erhö­hen … und dabei beden­ken, dass die Gefahr des rech­ten Oppor­tu­nis­mus in dem Maße zuneh­men wird, wie sich die brei­te Ein­heits­front mehr und mehr ent­wi­ckelt«.). Das Glei­che gilt für die Volks­de­mo­kra­tie, die in Ost­eu­ro­pa im Ent­ste­hen begrif­fen war, und für ähn­li­che Tak­ti­ken, die von den west­li­chen kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en ange­wandt wur­den, sowie für die brei­te Frie­dens­be­we­gung, die in der UdSSR eine zen­tra­le Rol­le spiel­te. Es wäre falsch, dar­aus den Schluss zu zie­hen, dass irgend­ei­ne die­ser Tak­ti­ken (Volks­de­mo­kra­tie, Volks- und Ein­heits­front, Frie­dens­be­we­gung) feh­ler­haft oder falsch war, aber sie ent­hiel­ten natür­lich Risi­ken, wie jede Taktik.

Auch die Koali­ti­on zwi­schen der UdSSR und den west­li­chen Alli­ier­ten wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs führ­te zu Abwei­chun­gen, für die der Brow­de­ris­mus das bes­te Bei­spiel ist. Chruscht­schow und Malen­kow ver­tra­ten in Bezug auf die »fried­li­che Koexis­tenz« bestimm­te ähn­li­che Posi­tio­nen wie Brow­der. Es gab auch eine spon­ta­ne und legi­ti­mer­wei­se schäd­li­che Ten­denz zur Rechts­ab­wei­chung, die durch die objek­ti­ven wirt­schaft­li­chen und ideo­lo­gi­schen Bedin­gun­gen in der Nach­kriegs­zeit in der UdSSR ver­ur­sacht wur­de. Es gab eine Koali­ti­on mit dem Wes­ten, einen ver­stärk­ten Ein­fluss der west­li­chen Kul­tur, eine Beto­nung der anti­fa­schis­ti­schen Ein­heit, der natio­na­len Ein­heit und eine Abschwä­chung des Kamp­fes zwi­schen bestimm­ten Tei­len der sowje­ti­schen Intel­li­genz usw. Dem wur­de bereits in der Sta­lin-Ära mit den ver­stärk­ten Wach­sam­keits­kam­pa­gnen in Kunst, Wis­sen­schaft und Kul­tur ab 1947 ent­ge­gen­ge­wirkt, mit den Kam­pa­gnen gegen die »Unter­wür­fig­keit gegen­über dem Wes­ten« (Kos­mo­po­li­tis­mus). Sta­lin und sei­ne Genos­sen ver­stan­den das Pro­blem und han­del­ten rich­tig. Die­se Poli­tik wur­de von Malen­kow und Chruscht­schow rück­gän­gig gemacht und nie wie­der­her­ge­stellt, auch wenn die Bre­sch­ne­wis­ten vom Stand­punkt des rus­si­schen Chau­vi­nis­mus aus eine rela­tiv stär­ker anti­west­li­che Posi­ti­on einnahmen.

Mei­ner Mei­nung nach gab es in der Nach­kriegs­zeit eine spon­ta­ne Ten­denz nach rechts, weil die Men­schen vom Krieg erschöpft waren. Sie woll­ten Kon­sum­gü­ter, Ent­span­nung und Unter­hal­tung. Es gab aber auch die ent­ge­gen­ge­setz­te Ten­denz, die kei­nes­wegs zum Schei­tern ver­ur­teilt war. Die­se ent­ge­gen­ge­setz­te Ten­denz war die klas­sen­be­wuss­te sozia­lis­ti­sche Ten­denz, die die Not­wen­dig­keit einer ver­stärk­ten Indus­tria­li­sie­rung, einer erhöh­ten Wach­sam­keit und einer Auf­rüs­tung der Ver­tei­di­gungs­kräf­te erkann­te und sich für den Wie­der­auf­bau nach dem Krieg und den Weg zum Auf­bau des Kom­mu­nis­mus begeis­ter­te. Der Unter­schied besteht dar­in, dass die rech­te Ten­denz spon­tan war, wäh­rend die rich­ti­ge Ten­denz bewusst war. Als die Par­tei­füh­rung durch den Tod von Sta­lin, aber auch von Schd­anow und ande­ren ent­haup­tet wur­de, setz­ten die neu­en Füh­rer die klas­sen­be­wuss­te Füh­rung nicht fort, son­dern führ­ten statt­des­sen wir­re und ver­wor­re­ne Ansich­ten ein, die die Spon­ta­nei­tät nähr­ten und von der Spon­ta­nei­tät genährt wurden.

Malen­kow, Beria und Chruscht­schow hat­ten alle ähn­lich ver­wor­re­ne Ansich­ten, die (anschei­nend) auch Molo­tow und Kaga­no­witsch dul­de­ten. Ich spre­che hier von ein­zel­nen Füh­rern, und Mar­xis­ten sind oft der Mei­nung, dass Indi­vi­du­en über­haupt kei­ne Rol­le spie­len und dass nur wirt­schaft­li­che Fak­to­ren und Klas­sen Ein­fluss haben. Der Mar­xis­mus-Leni­nis­mus ver­tritt jedoch den Stand­punkt, dass die ein­zel­nen poli­ti­schen Füh­rer Klas­sen reprä­sen­tie­ren. Es ist nicht bedeu­tungs­los, wer der Füh­rer ist. Es war nie bedeu­tungs­los, ob Trotz­ki oder Lenin Füh­rer wur­de, oder ob Trotz­ki oder Sta­lin Füh­rer wur­de. Das war eine sehr wich­ti­ge Fra­ge. Genau­so war es kei­ne unbe­deu­ten­de Tat­sa­che, dass die mäch­tigs­ten Per­sön­lich­kei­ten nach Sta­lin wirr­köp­fig waren und rechts­ge­rich­te­te Feh­ler mach­ten (z.B. Malen­kow) oder regel­rech­te Ver­rä­ter waren (ins­be­son­de­re Chruschtschow).

Man könn­te sich fra­gen, wie Malen­kow sol­che Feh­ler unter­lau­fen konn­ten oder wie er so viel Macht erlan­gen konn­te, wenn er die Theo­rie so schlecht beherrsch­te. Tat­sa­che ist, dass, wie Lenin in »Mar­xis­mus und Revi­sio­nis­mus« sagt, neue Bedin­gun­gen immer neue Mög­lich­kei­ten für Revi­sio­nis­mus und Feh­ler schaf­fen. Bucha­rin war auch kein Idi­ot, ganz im Gegen­teil, und doch war er völ­lig fehl­ge­lei­tet und falsch, was ihn zu einem Feind der Arbei­ter­klas­se mach­te. Jeder macht Feh­ler, aber wie Lenin in »Der Lin­ke Radi­ka­lis­mus« sagt, kommt es nur dar­auf an, wie schnell man die­se Feh­ler erkennt und kor­ri­giert. Die ein­zi­ge Mög­lich­keit, auf dem rich­ti­gen Weg zu blei­ben, besteht dar­in, eine fes­te Grund­la­ge im Mar­xis­mus-Leni­nis­mus zu haben, und das wich­tigs­te Prin­zip des Mar­xis­mus-Leni­nis­mus ist der Klas­sen­kampf. Malen­kow hat die­sen Grund­satz ein­deu­tig ver­ges­sen und Chruscht­schow hat sei­ne »Theo­re­ti­ker« beauf­tragt, die Auf­ga­be die­ses Grund­sat­zes theo­re­tisch zu rechtfertigen.

Molo­tow und Kaga­no­witsch waren weder dumm, noch waren sie dem Mar­xis­mus-Leni­nis­mus untreu. Und doch ver­stan­den sie weder den Rechts­ruck noch das Wesen des Chruscht­schow­schen Revi­sio­nis­mus voll­stän­dig. Aus Molo­tows Memoi­ren geht her­vor, dass er ihn nicht rich­tig ver­stan­den hat. Ande­re tap­fe­re und ehr­li­che Kämp­fer, sehr intel­li­gen­te und sogar genia­le Men­schen wie M. Rako­si haben ihn eben­falls nicht ganz ver­stan­den. Er hielt den Chruscht­schow-Revi­sio­nis­mus in Ungarn (Kada­ris­mus) für eine sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Restau­ra­ti­on und sah ihn nicht klar als eine qua­li­ta­tiv neue Art des Revi­sio­nis­mus, den moder­nen Revi­sio­nis­mus. Sta­lin war nur eine Per­son, aber den­noch eine außer­ge­wöhn­li­che Per­son, deren theo­re­ti­sche Füh­rung es der Par­tei ermög­lich­te, den rich­ti­gen Weg zu gehen. Es ist kei­ne Über­trei­bung zu sagen, dass vie­le klu­ge Leu­te in Feh­ler ver­fal­len sind, als sie Sta­lin nicht mehr als Lehr­meis­ter hatten.

Mar­xis­ten-Leni­nis­ten wie Molo­tow, Rako­si, Revai, Bier­ut, Tscher­wen­kow und vie­le ande­re (ganz zu schwei­gen von Schd­anow, Dimi­t­row, Gott­wald usw., wenn sie noch am Leben wären*) ver­stan­den jedoch, dass Malen­kow ein Rechts­ab­weich­ler war, der den Klas­sen­kampf ver­gaß, und dass etwas Ähn­li­ches auch für Chruscht­schow galt. Ihr Klas­sen­in­stinkt hat sie vor Chruscht­schow gewarnt, auch wenn sie noch kei­ne Theo­rie des moder­nen Revi­sio­nis­mus hat­ten. Ich möch­te sie nicht als hoff­nungs­los unfä­hig bezeich­nen, die Situa­ti­on zu ver­ste­hen. Sie wur­den nur vor­über­ge­hend erschüt­tert und getäuscht, was sie alles kostete.

War­um haben sie den Kampf ver­lo­ren? Sie hat­ten nicht das beson­de­re theo­re­ti­sche Genie, das man in einer sol­chen Situa­ti­on braucht. Kei­ner von ihnen war Lenin. Kei­ner von ihnen war Sta­lin. Natür­lich hat­ten sie auch vie­le ande­re Pro­ble­me. Molo­tow, Kaga­no­witsch und Rako­si waren gezwun­gen, unter dem Druck der Revi­sio­nis­ten zu manö­vrie­ren. Auch sie wur­den über­rum­pelt. Die sich zuspit­zen­de Welt­la­ge ver­ängs­tig­te vie­le Men­schen, so dass sie die Beschwich­ti­gungs­po­li­tik Malen­kovs gegen­über dem Wes­ten akzep­tier­ten. Es gab vie­le Fak­to­ren, aber die ein­fa­che Ver­all­ge­mei­ne­rung ist, dass jede neue Situa­ti­on neue Mög­lich­kei­ten für Feh­ler schafft. Es gab sowohl objek­tiv not­wen­di­ge Bedin­gun­gen als auch zufäl­li­ge Bedin­gun­gen, die Chruscht­schow hal­fen. Sie fie­len mit dem Tod von Sta­lin und Schd­anow zusam­men, was das theo­re­ti­sche Niveau der Par­tei stark schwäch­te. Dies war weder etwas Unver­meid­li­ches, noch beruh­te es auf Fehlern.

Aller­dings war der Chruscht­schow-Revi­sio­nis­mus not­wen­di­ger­wei­se eine qua­li­ta­tiv neue Art von Revi­sio­nis­mus, viel raf­fi­nier­ter, viel gefähr­li­cher als jeder frü­he­re Revi­sio­nis­mus. Wie Lenin in »Mar­xis­mus und Revi­sio­nis­mus« sag­te, nimmt der Kampf zwi­schen Revi­sio­nis­mus und ech­tem Mar­xis­mus mit dem Fort­schrei­ten des revo­lu­tio­nä­ren Pro­zes­ses zu. Der trotz­kis­ti­sche Revi­sio­nis­mus war eine neue und noch gefähr­li­che­re Vor­hut der Welt­re­ak­ti­on. Die­se Rol­le wur­de spä­ter von Tito über­nom­men. Aber die Bedin­gun­gen, um ihn zu besie­gen, waren gege­ben, und der Mar­xis­mus-Leni­nis­mus hat gesiegt. Der Chruscht­schow-Revi­sio­nis­mus war eine neue und noch gefähr­li­che­re, höhe­re Form des Anti­mar­xis­mus, der sich als Mar­xis­mus aus­gab. Es hät­te außer­ge­wöhn­li­ches Geschick (sub­jek­ti­ver Fak­tor) und bestimm­te Bedin­gun­gen (objek­ti­ver Fak­tor) erfor­dert, um ihn zu ver­hin­dern. Dar­an fehl­te es, und die Mar­xis­ten-Leni­nis­ten wur­den besiegt.

In Zukunft wird sich das nicht mehr wie­der­ho­len, denn wir wis­sen jetzt, was der moder­ne Revi­sio­nis­mus ist. Wir ver­ste­hen den Revi­sio­nis­mus jetzt viel bes­ser als je zuvor. Feh­ler sind immer noch unver­meid­lich, aber jedes Mal schrei­tet der Mar­xis­mus und der revo­lu­tio­nä­re Pro­zess wei­ter vor­an. Der Sieg des Mar­xis­mus ist eigent­lich unver­meid­lich, auch wenn er gro­ße Opfer, Hin­ga­be und har­te Arbeit erfordert.

* Ich fra­ge mich, ob es ein Zufall ist, dass Sta­lin, Schd­anow, Scher­ba­kow und Dimi­t­row unter ver­däch­ti­gen Umstän­den star­ben, wäh­rend sie sich in der UdSSR auf­hiel­ten. Wysch­in­ski starb 1954 unter mys­te­riö­sen Umstän­den in New York. Gott­wald starb bei Sta­lins Beer­di­gung, Bier­ut beim 20. Kon­gress der KPdSU. Obwohl es sich wahr­schein­lich nicht ein­mal um Mar­xis­ten-Leni­nis­ten han­del­te, son­dern nur um sei­ne Riva­len, wur­den sogar Aba­ku­mow und Beria von Chruscht­schow heim­lich hingerichtet.

Die­ser Arti­kel ist eine Über­set­zung des bei ML-Theo­ry: A Mar­xist-Leni­nist Blog erschie­nen eng­li­schen Orginals.

Bild: Pan­fi­low W.P. »Chruscht­schows Rück­kehr aus Ame­ri­ka« 1962

2 thoughts on “Einige Gedanken zu den Ursprüngen des Chruschtschowschen Revisionismus

  1. Der Arti­kel ist schlecht wie nur wenig, was ich je gele­sen habe.
    Was wollt Ihr damit errei­chen, dass Ihr hier so einen Arti­kel postet?
    Wenn ich an das Pos­tu­lat von Hanns Graaf den­ke, es wäre an der Zeit, eine neue Arbei­ter­par­tei zu grün­den (wobei es doch schon so vie­le gibt – DKP, MLPD, Arbei­ter­bund…), soll­te man sich eher fra­gen, wie wir in *einer* Arbei­ter­par­tei Sta­li­nis­ten, Trotz­kis­ten, sons­ti­ge Mar­xis­ten-Leni­nis­ten, nur Mar­xis­ten… zusam­men­füh­ren könnten.
    Den Blog »ML-Theo­ry…« kann man dann ja nach Lust und Lau­ne aufrufen.
    Glei­ches gilt mei­ner Ansicht nach auch für die hier­hin über­nom­me­nen Ergüs­se von »Spec­trum of Communism«.

  2. »Es ist bekannt, dass Sta­lin vor­aus­sag­te, dass die kapi­ta­lis­ti­sche Restau­ra­ti­on nur dann gelin­gen wür­de, wenn es zu einer aus­län­di­schen Inva­si­on in der UdSSR käme. Das ist natür­lich nicht gesche­hen, vor allem weil Sta­lin eine sol­che Inva­si­on durch die Stär­kung der Ver­tei­di­gungs­fä­hig­keit der UdSSR ver­hin­dern konnte.«

    Es hat doch eine Inva­si­on gegeben.

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