Der Hitler-Stalin-Pakt von 1939: Mythos und Wirklichkeit (Teil 3)

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Dies ist der drit­te Teil einer drei­tei­li­gen Serie des bel­gi­schen His­to­ri­kers Jac­ques R. Pau­wels, über­setzt von Hei­ner Bie­wer, zum Mythos des Hit­ler-Sta­lin-Pak­tes. Die Serie glie­dert sich in die fol­gen­den Teile:

3. Zur Bedeutung des Paktes für den Verlauf und Ausgang des Zweiten Weltkrieges

Im zwei­ten Teil der Serie wur­de beschrie­ben, wie die West­mäch­te durch ihre berüch­tig­te Appease­ment-Poli­tik den Auf­stieg Nazi-Deutsch­lands zur mili­tä­ri­schen Groß­macht ermög­lich­ten. Die Sowjet­uni­on reagier­te dar­auf mit der Initia­ti­ve zur Bil­dung eines gemein­sa­men Ver­tei­di­gungs­bünd­nis­ses. Unter dem Druck einer Öffent­lich­keit, die die­sen Vor­schlag begrüß­te, muss­ten die poli­ti­schen Füh­rer in Lon­don und Paris Ver­hand­lun­gen mit Mos­kau auf­neh­men. Da sie Hit­lers Ziel, die Sowjet­uni­on zu zer­stö­ren, ins­ge­heim teil­ten, wur­den die­se Ver­hand­lun­gen aber nur zöger­lich geführt. Mit­te August 1939 kamen die Sowjets zum Schluss, dass die West­mäch­te kei­ner­lei ernst­haf­tes Inter­es­se an einem mili­tä­ri­schen Bünd­nis gegen Nazi-Deutsch­land hat­ten. So kam es am 23. August 1939 zur Unter­zeich­nung des von deut­scher Sei­te initi­ier­ten Hit­ler-Sta­lin-Pak­tes, der der Sowjet­uni­on den Raum und die Zeit ver­schaff­te, sich auf den anti­so­wje­ti­schen deut­schen Feld­zug vor­zu­be­rei­ten.

Der deutsche Angriff auf Polen

Der deut­sche Angriff auf Polen begann am 1. Sep­tem­ber 1939. Lon­don und Paris zöger­ten ein paar Tage, bevor Nazi-Deutsch­land den Krieg erklär­ten. Aber sie grif­fen das Reich wäh­rend des Ein­mar­sches des Groß­teils sei­ner Streit­kräf­te in Polen nicht an, wie es eini­ge deut­sche Gene­rä­le befürch­tet hat­ten. Viel­mehr erklär­ten die Akteu­re des Appease­ment Hit­ler nur den Krieg, weil die öffent­li­che Mei­nung es ver­lang­te. Sie hoff­ten ins­ge­heim, dass Polen bald erle­digt sein wür­de, damit »Herr Hit­ler« sich end­lich der Sowjet­uni­on zuwen­den konn­te. Der Krieg, den sie führ­ten, war nur ein »Schein­krieg«, wie man ihn zu Recht nen­nen wür­de, eine Far­ce, bei der ihre Trup­pen, die sozu­sa­gen nach Deutsch­land hät­ten her­ein­spa­zie­ren kön­nen, untä­tig hin­ter der Magi­not-Linie blie­ben. Es ist heu­te so gut wie sicher, dass Hit­ler-Sym­pa­thi­san­ten im Lager der fran­zö­si­schen und mög­li­cher­wei­se auch der bri­ti­schen Beschwich­ti­gungs­po­li­ti­ker dem deut­schen Dik­ta­tor zu ver­ste­hen gege­ben hat­ten, dass er Polen mit sei­ner gan­zen mili­tä­ri­schen Macht erle­di­gen kön­ne, ohne einen Angriff der West­mäch­te befürch­ten zu müs­sen.1

Die pol­ni­sche Ver­tei­di­gung wur­den über­wäl­tigt, und es wur­de schnell klar, dass die Obers­ten, die das Land beherrsch­ten, kapi­tu­lie­ren muss­ten. Hit­ler hat­te allen Grund zu glau­ben, dass sie dies tun wür­den, und sei­ne Bedin­gun­gen hät­ten zwei­fel­los gro­ße Gebiets­ver­lus­te für Polen bedeu­tet, ins­be­son­de­re natür­lich im Wes­ten des Lan­des, an der Gren­ze zu Deutsch­land. Den­noch hät­te ein ver­klei­ner­tes Polen wahr­schein­lich wei­ter bestan­den, so wie Frank­reich nach sei­ner Kapi­tu­la­ti­on im Juni 1940 in der Gestalt von Vichy-Frank­reich wei­ter­be­stehen durfte.

Flucht der polnischen Regierung nach Rumänien: Polen wird zur »Terra Nullius«

Am 17. Sep­tem­ber war jedoch klar, dass etwas völ­lig Unvor­her­ge­se­he­nes geschah. Die pol­ni­sche Regie­rung floh in das benach­bar­te Rumä­ni­en, ein neu­tra­les Land. Damit hör­te sie auf zu exis­tie­ren, denn nach inter­na­tio­na­lem Recht müs­sen nicht nur Mili­tär­an­ge­hö­ri­ge, son­dern auch Mit­glie­der der Regie­rung eines Lan­des, das sich im Krieg befin­det, bei der Ein­rei­se in ein neu­tra­les Land für die Dau­er der Feind­se­lig­kei­ten inter­niert wer­den; andern­falls gilt das neu­tra­le Land als in den Krieg ein­ge­tre­ten. Die­se Flucht war ein unver­ant­wort­li­cher und sogar fei­ger Akt, der schänd­li­che Fol­gen für Polen hat­te. Ohne Regie­rung hör­te der pol­ni­sche Staat for­mell auf zu exis­tie­ren, und das Land ver­wan­del­te sich fak­tisch in eine Art »Nie­mands­land« – eine ter­ra nul­li­us, um die juris­ti­sche Ter­mi­no­lo­gie zu ver­wen­den -, in dem die deut­schen Erobe­rer tun und las­sen konn­ten, was sie woll­ten, da es nie­man­den gab, mit dem sie über das Schick­sal des besieg­ten Lan­des ver­han­deln konn­ten. Tat­säch­lich teil­ten die NS-Behör­den ihren sowje­ti­schen Gegen­übern noch am sel­ben Tag mit, dass sie die Ver­ein­ba­rung über die Ein­fluss­sphä­ren für null und nich­tig hiel­ten, da sie sich auf einen pol­ni­schen Staat bezog, der nicht mehr exis­tier­te; folg­lich wür­den sich die deut­schen Trup­pen frei füh­len, ganz Polen, ein­schließ­lich der öst­li­chen Gebie­te, zu über­neh­men, wenn die Sowjets dies nicht taten.

Nach dem Völ­ker­recht dür­fen Nach­bar­län­der eine poten­ti­ell anar­chi­sche Ter­ra Nul­li­us beset­zen, um »Recht und Ord­nung« wie­der­her­zu­stel­len. Die Sowjets hat­ten also das Recht, »Ost­po­len« zu beset­zen, und Ber­lin hat­te auf­grund des noch bestehen­den, wie­wohl aus­lau­fen­den Abkom­mens über die Ein­fluss­sphä­ren kei­ne Ein­wän­de. Wel­che ande­ren Mög­lich­kei­ten blie­ben Mos­kau? Hät­te es nicht sofort sei­ne Trup­pen ent­sandt, hät­ten die Deut­schen zwei­fel­los jeden Qua­drat­zen­ti­me­ter Polens besetzt, mit allen Kon­se­quen­zen, die dies mit nach sich gezo­gen hätte.

Besetzung Ostpolens durch die Sowjetunion

Aus die­sem Grund rück­te die Rote Armee an die­sem 17. Sep­tem­ber 1939 ein und besetz­te »Ost­po­len«. Hit­ler hät­te es natür­lich vor­ge­zo­gen, wenn die Sowjets nichts unter­nom­men hät­ten, so dass er sich Polen in Gän­ze hät­te ein­ver­lei­ben kön­nen. Tech­nisch gese­hen hät­te er ein­wen­den kön­nen, dass es bei dem Abkom­men um einen pol­ni­schen Staat ging, der nicht mehr exis­tier­te, aber das hät­te bedeu­tet, dass er den Vor­teil der sowje­ti­schen Neu­tra­li­tät ver­lo­ren hät­te, einen Vor­teil, den er durch den Pakt »erkauft« hat­te und nicht ver­lie­ren woll­te, da er sich auch nach sei­nem Sieg über Polen noch immer im Krieg mit Groß­bri­tan­ni­en und Frank­reich befand und ver­mei­den muss­te, an zwei Fron­ten zu kämp­fen. Dies erklärt auch, war­um die deut­schen Trup­pen, die die Demar­ka­ti­ons­li­nie bereits über­schrit­ten hat­ten, ange­wie­sen wur­den, sich zurück­zu­zie­hen, um den Män­nern der Roten Armee Platz zu machen, die auf pol­ni­sches Gebiet vor­rück­ten, das im Rib­ben­trop-Molo­tow-Pakt als sowje­ti­scher Ein­fluss­be­reich aus­ge­wie­sen war. Wo immer sie in Kon­takt kamen, ver­hiel­ten sich bei­de Sei­ten kor­rekt und hiel­ten das tra­di­tio­nel­le Pro­to­koll ein. Dies beinhal­te­te manch­mal eine Art von Zere­mo­nie, aber es gab nie gemein­sa­me »Sie­ges­pa­ra­den«, wie von eini­gen His­to­ri­kern behaup­tet wird.2

Da sich ihre Regie­rung in Luft auf­ge­löst hat­te, konn­ten pol­ni­sche Streit­kräf­te, die wei­ter­hin Wider­stand leis­te­ten, als Frei­schär­lern und Par­ti­sa­nen betrach­tet und somit an allen damit ver­bun­de­nen Risi­ken aus­ge­setzt wer­den. Die meis­ten pol­ni­schen Armee­ein­hei­ten lie­ßen sich daher von der anrü­cken­den Roten Armee ent­waff­nen und inter­nie­ren, aber manch­mal wur­de tat­säch­lich Wider­stand geleis­tet, zum Bei­spiel von Trup­pen, die von Offi­zie­ren befeh­ligt wur­den, die den Sowjets feind­lich gegen­über­stan­den. Es ist eine ver­brei­te­te Annah­me, dass die­se Offi­zie­re spä­ter von den Sowjets in Katyn liqui­diert wur­den. Das »Mas­sa­ker von Katyn« könn­te die Rache für die Gräu­el­ta­ten gewe­sen sein, die die Polen wäh­rend des pol­nisch-rus­si­schen Krie­ges 1919 – 1921 an rus­si­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen began­gen hat­ten. Auf der Grund­la­ge neu­er archäo­lo­gi­scher und sons­ti­ger Befun­de, die Gro­ver Furr in sei­nem Buch The Mys­tery of the Katyn Mas­sacre sehr detail­liert ana­ly­siert, wur­de jedoch vor kur­zem die Hypo­the­se, dass die Nazis die­ses Ver­bre­chen began­gen haben, wie­der aufgenommen.

Vie­le pol­ni­sche Sol­da­ten und Offi­zie­re wur­den von den Sowjets nach den Regeln des Völ­ker­rechts inter­niert. Nach­dem die Sowjet­uni­on 1941 in den Krieg ein­ge­tre­ten war und somit nicht mehr an die Regeln für das Ver­hal­ten eines neu­tra­len Staa­tes gebun­den war, wur­den die­se Män­ner nach Groß­bri­tan­ni­en (über den Iran) über­stellt, um erneut den Kampf gegen Nazi­deutsch­land auf­zu­neh­men, dies­mal auf der Sei­te der west­li­chen Alli­ier­ten. Zwi­schen 1943 und 1945 leis­te­ten sie einen wich­ti­gen Bei­trag zur Befrei­ung West­eu­ro­pas. (Weit­aus tra­gi­scher war das Schick­sal der pol­ni­schen Mili­tärs, die in deut­sche Hän­de fie­len). Auch die jüdi­schen Ein­woh­ner pro­fi­tier­ten von der Beset­zung der pol­ni­schen Ost­ge­bie­te durch die Sowjets. Sie wur­den in das Inne­re der Sowjet­uni­on umge­sie­delt und ent­gin­gen so dem Schick­sal, das sie erwar­tet hät­te, wenn sie noch in ihren Schtetln gelebt hät­ten, als die deut­schen Erobe­rer 1941 dort ein­tra­fen. Vie­le von ihnen über­leb­ten den Krieg und began­nen danach ein neu­es Leben in den USA, in Kana­da und natür­lich in Israel.

Bewertung der Besetzung Ostpolens

Die Beset­zung von »Ost­po­len« erfolg­te nach den Regeln des Völ­ker­rechts, sie stell­te also kei­nen »Angriff« auf Polen dar, wie es zu vie­le His­to­ri­ker (und Poli­ti­ker) behaup­ten, und schon gar nicht einen Angriff in Zusam­men­ar­beit mit einem nazi­deut­schen »Ver­bün­de­ten«. Die Sowjet­uni­on wur­de durch den Abschluss eines Nicht­an­griffs­pakts mit Nazi­deutsch­land nicht zu einem Ver­bün­de­ten Hit­lers, und sie wur­de auch durch die Beset­zung »Ost­po­lens« nicht zu sei­nem Ver­bün­de­ten. Chur­chill begrüß­te in Eng­land öffent­lich die sowje­ti­sche Initia­ti­ve vom 17. Sep­tem­ber, eben weil sie die voll­stän­di­ge Erobe­rung Polens durch die Nazis ver­hin­der­te. Dass es sich bei die­ser Initia­ti­ve nicht um einen Angriff und damit nicht um eine Kriegs­hand­lung gegen Polen han­del­te, zeig­te sich auch dar­an, dass Groß­bri­tan­ni­en und Frank­reich, die for­ma­len Ver­bün­de­ten Polens, der Sowjet­uni­on nicht den Krieg erklär­ten, was sie sonst sicher­lich getan hät­ten. Die Sowjet­uni­on war und blieb bis auf wei­te­res ein neu­tra­les Land. Und der Völ­ker­bund ver­häng­te kei­ne Sank­tio­nen gegen die Sowjet­uni­on, was er getan hät­te, wenn er dies als einen ech­ten Angriff auf eines sei­ner Mit­glie­der betrach­tet hätte.

Die Beset­zung der öst­li­chen Gebie­te Polens war aus Sicht der Sowjet­uni­on die Rück­ge­win­nung eines Teils des eige­nen Ter­ri­to­ri­ums, das durch den rus­sisch-pol­ni­schen Kon­flikt von 1919 – 1921 ver­lo­ren gegan­gen war. Es ist rich­tig, dass Mos­kau die­sen Ver­lust im Frie­dens­ver­trag von Riga, der den Krieg im März 1921 been­de­te, aner­kannt hat­te. Mos­kau such­te jedoch wei­ter­hin nach einer Gele­gen­heit, »Ost­po­len« zurück­zu­er­obern, und 1939 ergab sich die­se Gele­gen­heit und wur­de ergrif­fen. Man kann die Sowjets dafür ver­ur­tei­len, aber dann muss man auch die Fran­zo­sen dafür ver­ur­tei­len, dass sie Elsass-Loth­rin­gen am Ende des Ers­ten Welt­kriegs zurück­er­ober­ten, da Paris den Ver­lust die­ses Gebiets im Frie­dens­ver­trag von Frank­furt, der den Deutsch-Fran­zö­si­schen Krieg von 1870 – 1871 been­de­te, for­mell aner­kannt hatte.

Gewinn von Raum für die Sowjetunion

Wich­ti­ger ist die Tat­sa­che, dass die Beset­zung – oder Befrei­ung, oder Rück­ge­win­nung, oder Reku­per­a­ti­on, wie auch immer man es nen­nen will – von »Ost­po­len« der Sowjet­uni­on einen äußerst nütz­li­chen Vor­teil ver­schaff­te, näm­lich ein »Gla­cis«, wie es im Mili­tär­jar­gon genannt wird: ein offe­ner Raum, den ein Angrei­fer durch­que­ren muss, bevor er die Ver­tei­di­gungs­li­ni­en einer Stadt oder Fes­tung erreicht. Die sowje­ti­sche Füh­rung wuss­te, dass Hit­ler unge­ach­tet des Pak­tes die Absicht hat­te, die Sowjet­uni­on frü­her oder spä­ter anzu­grei­fen, und die­ser Angriff fand in der Tat im Juni 1941 statt. Zu die­sem Zeit­punkt ent­fal­te­te Hit­lers Heer sei­ne geball­te Kraft von einem Aus­gangs­punkt, der viel wei­ter vom sowje­ti­schen Kern­land ent­fernt war, als dies 1939 der Fall gewe­sen wäre, als er bereits dar­auf brann­te, sei­nen gro­ßen Ost­krieg zu begin­nen. Auf­grund des Pakts lagen die Aus­gangs­punk­te für die Offen­si­ve der Nazis 1941 meh­re­re hun­dert Kilo­me­ter wei­ter west­lich und damit in viel grö­ße­rer Ent­fer­nung von den stra­te­gi­schen Zie­len tief in der Sowjet­uni­on. 1941 waren die deut­schen Streit­kräf­te bis auf einen Stein­wurf an Mos­kau her­an­ge­kom­men. Das heißt, dass sie die Stadt ohne den Pakt mit Sicher­heit ein­ge­nom­men hät­ten, was die Sowjets mög­li­cher­wei­se zur Kapi­tu­la­ti­on gezwun­gen hätte.

Eines der Zie­le des bevor­ste­hen­den deut­schen Angriffs war natür­lich Lenin­grad, eine Stadt, in der es von lebens­wich­ti­gen Rüs­tungs­be­trie­ben wim­mel­te, die aber gefähr­lich nahe an der West­gren­ze der Sowjet­uni­on lag. Um Lenin­grad umfas­send ver­tei­di­gen zu kön­nen, schlug Mos­kau dem benach­bar­ten Finn­land im Herbst 1939 einen Gebiets­tausch vor, der die Gren­ze zwi­schen den bei­den Län­dern wei­ter weg von der Stadt ver­scho­ben hät­te. Die mit Nazi­deutsch­land befreun­de­ten fin­ni­schen Macht­ha­ber lehn­ten ab, und Mos­kau reagier­te mit dem so genann­ten »Win­ter­krieg« von 1939 – 1940, um die gewünsch­te Grenz­ver­schie­bung zu errei­chen. Die­ser Kon­flikt stell­te zwei­fels­oh­ne eine Aggres­si­on dar, für die die Sowjet­uni­on aus dem Völ­ker­bund aus­ge­schlos­sen wur­de. Außer­dem war Leis­tung der Roten Armee gegen einen gut ver­schanz­ten, hart­nä­cki­gen und tap­fe­ren Feind weit davon ent­fernt, ein­drucks­voll zu sein, aber am Ende des Win­ters wur­de den­noch gesiegt.

Die Sowjets hät­ten bis nach Hel­sin­ki mar­schie­ren und gro­ße Tei­le des fin­ni­schen Ter­ri­to­ri­ums annek­tie­ren oder sogar das gesam­te Land in die UdSSR inte­grie­ren kön­nen, eine Opti­on, die sie tat­säch­lich vor­über­ge­hend in Betracht zogen. Aber sie taten es nicht und begnüg­ten sich mit wenig mehr als den ursprüng­lich vor­ge­schla­ge­nen Grenz­an­pas­sun­gen. Dies soll­te sich als äußerst wich­tig erwei­sen. Als die Deut­schen mit Unter­stüt­zung der Fin­nen 1941 die Sowjet­uni­on angrif­fen und Lenin­grad vie­le Jah­re lang bela­ger­ten, konn­te die Stadt dank die­ser Anpas­sung die­se Zer­reiß­pro­be über­ste­hen. Aus dem Win­ter­krieg ergab sich ein uner­war­te­ter Vor­teil: die nicht gera­de beein­dru­cken­de Leis­tung der Roten Armee ver­an­lass­te Hit­ler und die deut­schen Heer­füh­rer dazu, die mili­tä­ri­sche Stär­ke der Sowjet­uni­on zu unter­schät­zen – ein Feh­ler, den sie teu­er bezah­len sollten.

Die schein­ba­re mili­tä­ri­sche Schwä­che der Sowjet­uni­on im Krieg gegen Finn­land ver­an­lass­te auch die poli­ti­schen und mili­tä­ri­schen Füh­rer Groß­bri­tan­ni­ens und Frank­reichs, Plä­ne für einen Krieg gegen die Sowjets aus­zu­he­cken, zunächst in Form von Mili­tär­hil­fe für die Fin­nen und spä­ter durch die Bom­bar­die­rung der sowje­ti­schen Ölfel­der im Kau­ka­sus von Stütz­punk­ten im Nahen Osten aus. Obwohl sie sich in einem (zuge­ge­be­ner­ma­ßen schein­ba­ren) Krieg gegen Nazi­deutsch­land befan­den, woll­ten die Her­ren in Lon­don und Paris den­noch das Ziel ihrer frü­he­ren Beschwich­ti­gungs­po­li­tik, die Zer­stö­rung der Sowjet­uni­on, errei­chen. Die­se ver­rück­ten Plä­ne wur­den erst been­det, als Nazi­deutsch­land im Mai 1940 den Blitz­krieg gegen Frank­reich ent­fach­te.3

Die baltischen Länder als Sprungbrett für Hitlers Kreuzzug

Nach­dem die sowje­ti­sche Füh­rung das Pro­blem der gefähr­de­ten Lage Lenin­grads gelöst oder bes­ser gesagt mini­miert hat­te, wand­te sie sich den bal­ti­schen Län­dern zu, deren Ent­ste­hung als unab­hän­gi­ge Staa­ten in der Zeit der Revo­lu­ti­on und des Bür­ger­kriegs bereits erläu­tert wur­de. Ende der drei­ßi­ger Jah­re hat­ten sich die bal­ti­schen Län­der von libe­ra­len Demo­kra­tien in qua­si-faschis­ti­sche auto­ri­tä­re Regime ver­wan­delt, die ihre Arbei­ter­be­we­gun­gen unter­drück­ten und offen mit Nazi­deutsch­land flir­te­ten. Es ist kaum ver­wun­der­lich, dass in allen drei Län­dern 1934, kurz nach­dem Hit­ler in Deutsch­land an die Macht gekom­men war, rechts­ge­rich­te­te, mehr oder weni­ger faschis­ti­sche Regime errich­tet wur­den. Chur­chill bezeich­ne­te das bal­ti­sche Trio als die »anti­bol­sche­wis­tischs­ten« Län­der in Euro­pa. Nicht umsonst befürch­te­te Mos­kau, dass sie sich von den Nazis als Sprung­brett für Hit­lers geplan­ten anti­so­wje­ti­schen Kreuz­zug benut­zen las­sen könn­ten. Vor allem Est­land gab Anlass zur Sor­ge. Die Ost­gren­ze Est­lands, das im Juni 1939 einen Pakt mit Nazi­deutsch­land unter­zeich­ne­te, war nur 160 Kilo­me­ter von Lenin­grad entfernt.

Die Sowjets ver­such­ten, auch die­se Bedro­hung zu besei­ti­gen. Ers­tens erreich­ten sie im Molo­tow-Rib­ben­trop-Pakt, dass Deutsch­land Est­land und Lett­land als Teil der sowje­ti­schen Ein­fluss­sphä­re aner­kann­te, und Litau­en folg­te die­sem Bei­spiel in einem aktua­li­sier­ten Abkom­men, das Ende Sep­tem­ber 1939 geschlos­sen wur­de. Zwei­tens ging Mos­kau im Früh­jahr 1940 dazu über, das Bal­ti­kum als Schwach­stel­le in der Ver­tei­di­gung der Sowjet­uni­on gegen einen deut­schen Angriff aus­zu­schal­ten. Das Kriegs­fie­ber stieg rapi­de an, als die Nazis Däne­mark und Nor­we­gen, die Nie­der­lan­de, Bel­gi­en und sogar Frank­reich über­rann­ten. Dabei kam es zu rück­sichts­lo­sen Über­grif­fen auf neu­tra­le Län­der, nicht nur durch die Deut­schen, son­dern auch durch die Bri­ten. Letz­te­re lan­de­ten im April 1940 Trup­pen im neu­tra­len Nor­we­gen, wur­den aber von über­le­ge­nen Nazi-Trup­pen ver­trie­ben und besetz­ten das gesam­te Land. Und als Island sei­ne Unab­hän­gig­keit erklär­te, nach­dem die Deut­schen sein Mut­ter­land Däne­mark besetzt hat­ten, besetz­ten die Bri­ten die Insel kur­zer­hand im Mai 1940. Dabei über­gin­gen sie das Völ­ker­recht zuguns­ten von angeb­lich wich­ti­ge­ren geo­stra­te­gi­schen Erwägungen.

In die­ser ange­spann­ten Situa­ti­on ent­schlos­sen sich die Sowjets, aus eige­nen, drin­gen­den geo­stra­te­gi­schen Erwä­gun­gen her­aus, bezüg­lich des Bal­ti­kums eben­so skru­pel­los zu han­deln. Ohne die deut­sche Unter­stüt­zung, die sie zuvor genos­sen hat­ten, konn­ten die bal­ti­schen phi­lo­fa­schis­ti­schen Füh­rer die For­de­rung Mos­kaus, stra­te­gi­sche Posi­tio­nen in ihren Län­dern mit sowje­ti­schen Trup­pen zu beset­zen, nicht ableh­nen, wor­auf­hin sie auf­ge­for­dert wur­den, Wah­len abzu­hal­ten. Es über­rascht nicht, dass die­se Wah­len von anti­fa­schis­ti­schen Par­tei­en gewon­nen wur­den, die von der Unter­stüt­zung der bal­ti­schen »Roten« pro­fi­tier­ten, die in ihrer Hei­mat wie­der mit­spre­chen durf­ten oder aus der Sowjet­uni­on zurück­ge­kehrt waren. Die neu­en Regie­run­gen, die sich bil­de­ten, ver­wan­del­ten ihre Län­der in auto­no­me sozia­lis­ti­sche Repu­bli­ken inner­halb der Sowjetunion.

Comeback der »Roten« im Baltikum

Das Ergeb­nis des eini­ge Jahr­zehn­te zuvor im Bal­ti­kum aus­ge­tra­ge­nen Bür­ger­krie­ges, wur­de somit umge­kehrt. Die »Roten« fei­er­ten ein erfolg­rei­ches Come­back auf Kos­ten der »Wei­ßen«, und dies war dank der Inter­ven­ti­on von Außen­ste­hen­den, den Sowjets, mög­lich. Der frü­he­re Tri­umph der »Wei­ßen« war jedoch, wie wir gese­hen haben, eben­falls auf das Ein­grei­fen von aus­län­di­schen Kräf­ten, näm­lich Bri­ten und Deut­schen, zurück­zu­füh­ren. Im Ver­gleich zu ihnen waren die Sowjets eigent­lich nicht ganz so fremd. Das Bal­ti­kum gehör­te seit Hun­der­ten von Jah­ren zum Rus­si­schen Reich, so wie Schott­land, Wales und Irland zum Bri­ti­schen Empire gehör­ten; nur Litau­en war zuvor unab­hän­gig gewe­sen (und sei­ne neue Unab­hän­gig­keit war ziem­lich pre­kär, wie die Erobe­rung sei­ner Haupt­stadt Vil­ni­us durch Polen und die deut­sche Anne­xi­on sei­ner Hafen­stadt Klaipeda/​Memel zeig­ten.) So gese­hen war der sowje­ti­sche Wunsch, sich in den drei­ßi­ger Jah­ren die bal­ti­schen Län­der ein­zu­ver­lei­ben, nicht ille­gi­ti­mer als der auch heu­te noch bestehen­de bri­ti­sche Wunsch, Nord­ir­land, Gibral­tar oder die Falk­land­in­seln als Teil des Ver­ei­nig­ten König­reichs zu behal­ten. Für unse­re Betrach­tun­gen ist es jedoch viel wich­ti­ger, dass die bal­ti­schen Län­der durch ihre Ein­glie­de­rung in die Sowjet­uni­on als poten­zi­el­les Sprung­brett für anti­so­wje­ti­sche Aggres­sio­nen, ins­be­son­de­re in Rich­tung Lenin­grad, aus­ge­schal­tet wurden.

Eben­so zwang die Sowjet­uni­on im Juni 1940 auch Rumä­ni­en, Bes­sa­ra­bi­en, ein 1918 annek­tier­tes rus­si­sches Gebiet, sowie die angren­zen­de Regi­on Nord­bu­ko­wi­na abzu­tre­ten.4Der bel­gi­sche His­to­ri­ker Lie­ven Soe­te, dem wir hier fol­gen, kommt zu dem Schluss, dass »Sta­lins Schutz­gür­tel [ent­lang der West­gren­zen der Sowjet­uni­on] damit voll­endet war.5

Die Sowjetunion gewinnt wertvolle Zeit

Die Sowjet­uni­on gewann dank des Rib­ben­trop-Molo­tow-Pakts nicht nur wert­vol­len Raum, son­dern auch wert­vol­le Zeit, näm­lich die Zeit, die sie brauch­te, um sich auf einen deut­schen Angriff vor­zu­be­rei­ten, der ursprüng­lich für 1939 geplant war, dann aber auf 1941 ver­scho­ben wer­den muss­te. Zwi­schen 1939 und 1941 wur­den vie­le wich­ti­ge Infra­struk­tur­ein­rich­tun­gen, vor allem Fabri­ken zur Her­stel­lung aller Arten von Kriegs­ma­te­ri­al, auf die öst­li­che Sei­te des Urals ver­legt. Dar­über hin­aus hat­ten die Sowjets in den Jah­ren 1939 und 1940 Gele­gen­heit, den in Polen, West­eu­ro­pa und anders­wo toben­den Krieg zu beob­ach­ten und zu stu­die­ren und so wert­vol­le Leh­ren über Deutsch­lands moder­ne, moto­ri­sier­te und blitz­schnel­le Art der offen­si­ven Kriegs­füh­rung, den Blitz­krieg, zu zie­hen. Die sowje­ti­schen Stra­te­gen erkann­ten zum Bei­spiel, dass es fatal war, den Groß­teil der eige­nen Streit­kräf­te zu Ver­tei­di­gungs­zwe­cken direkt an der Gren­ze zu bün­deln und dass nur eine Ver­tei­di­gung in der Tie­fe die Nazi-Dampf­wal­ze auf­hal­ten konn­te. Unter ande­rem dank der auf die­se Wei­se gewon­ne­nen Erkennt­nis­se soll­te es der Sowjet­uni­on – wenn auch unter gro­ßen Schwie­rig­kei­ten – gelin­gen, den Angriff der Nazis im Jahr 1941 zu über­ste­hen und schließ­lich den Krieg gegen die­sen mäch­ti­gen Feind zu gewin­nen. Die durch den Pakt gewon­ne­ne Zeit ermög­lich­te es den Sowjets auch, sich gründ­lich auf den Par­ti­sa­nen­krieg hin­ter den feind­li­chen Lini­en vor­zu­be­rei­ten, z. B. durch die Anla­ge von gehei­men Waffenlagern.

Und noch auf eine wei­te­re Wei­se ver­bes­ser­te der Pakt die Chan­cen der Sowjet­uni­on, den bevor­ste­hen­den Angriff der Nazis zu über­ste­hen. Dass Hit­ler plötz­lich ein Abkom­men mit Mos­kau schloss, scho­ckier­te und ver­är­ger­te sei­ne japa­ni­schen Ver­bün­de­ten und hielt sie davon ab, wei­te­re anti­so­wje­ti­sche Ope­ra­tio­nen im Fer­nen Osten in Erwä­gung zu zie­hen; dies war wohl der Haupt­grund für die Ent­schei­dung, ihre Expan­si­ons­stra­te­gie in ande­re Rich­tun­gen zu len­ken, näm­lich in den Pazi­fik und nach Süd­ost­asi­en, wo sie, wie wir bald sehen wer­den, mit einem ande­ren Geg­ner, Onkel Sam, kon­fron­tiert wur­den. Folg­lich muss­ten die Sowjets 1941 kei­nen Ver­tei­di­gungs­krieg an zwei Fron­ten füh­ren, was mit Sicher­heit ver­häng­nis­voll gewe­sen wäre.6

Welche Rolle spielte das mit dem Pakt verbundene Handelsabkommen?

Es waren nicht die Sowjets, son­dern die Deut­schen, die die Initia­ti­ve zu den Ver­hand­lun­gen ergrif­fen hat­ten, die schließ­lich zum Pakt führ­ten. Sie taten dies, weil sie sich davon einen Vor­teil ver­spra­chen, einen vor­über­ge­hen­den, aber sehr wich­ti­gen Vor­teil, näm­lich die Neu­tra­li­tät der Sowjet­uni­on, wäh­rend die Wehr­macht zunächst Polen und dann West­eu­ro­pa angriff. Aber Nazi­deutsch­land zog auch einen zusätz­li­chen Nut­zen aus dem mit dem Pakt ver­bun­de­nen Han­dels­ab­kom­men. Das Reich litt unter einem chro­ni­schen Man­gel an stra­te­gi­schen Roh­stof­fen aller Art, und die­se Situa­ti­on droh­te kata­stro­phal zu wer­den, wenn eine bri­ti­sche Kriegs­er­klä­rung, wie zu erwar­ten war, zu einer Blo­cka­de Deutsch­lands durch die Roy­al Navy füh­ren wür­de. Die­ses Pro­blem wur­de durch die im Abkom­men vor­ge­se­he­ne Lie­fe­rung von Pro­duk­ten wie Erd­öl durch die Sowjet­uni­on entschärft.

Es ist nicht klar, wel­che Bedeu­tung die­se Lie­fe­run­gen, ins­be­son­de­re jene von Erd­öl, wirk­lich hat­ten: eini­ge His­to­ri­ker hal­ten sie für nicht sehr wich­tig, ande­re hal­ten sie für extrem wich­tig, und eini­ge der Letz­te­ren behaup­ten sogar, dass Nazi-Deutsch­land ohne sowje­ti­sches Erd­öl Frank­reich im Früh­jahr 1940 nie­mals hät­te besie­gen kön­nen. Laut der Stu­die von Brock Mill­man, die sich mit den bri­ti­schen und fran­zö­si­schen Kriegs­stra­te­gien in den Jah­ren 1939 – 1940 befasst, stamm­ten jedoch nur vier Pro­zent aller deut­schen Erd­öl­im­por­te zu die­ser Zeit aus der Sowjet­uni­on. In jedem Fall ist es eine Tat­sa­che, dass Nazi­deutsch­land in den Jah­ren 1939 – 1940 haupt­säch­lich auf Erd­öl­im­por­te aus Rumä­ni­en und den Ver­ei­nig­ten Staa­ten ange­wie­sen war und bis zum Kriegs­ein­tritt von Uncle Sam im Dezem­ber 1941 wei­ter­hin Öl aus den USA impor­tier­te. Im Som­mer 1941 waren Zehn­tau­sen­de von Nazi-Flug­zeu­gen, Pan­zern, Last­wa­gen und ande­ren Kriegs­ma­schi­nen, die an der Inva­si­on der Sowjet­uni­on betei­ligt waren, immer noch weit­ge­hend auf Kraft­stoff ange­wie­sen, der von ame­ri­ka­ni­schen Ölkon­zer­nen gelie­fert wurde.

Umge­kehrt ver­pflich­te­te der Pakt die deut­sche Sei­te dazu, die Sowjets im Gegen­zug für Erd­öl mit indus­tri­el­len Fer­tig­pro­duk­ten zu belie­fern, ein­schließ­lich moderns­ter Maschi­nen und mili­tä­ri­scher Aus­rüs­tung. Die­se Pro­duk­te wur­den von der Roten Armee ver­wen­det, um ihre Ver­tei­di­gung gegen den erwar­te­ten deut­schen Angriff zu opti­mie­ren. Dies berei­te­te Hit­ler gro­ße Sor­gen, wes­halb er sei­nen anti­so­wje­ti­schen Kreuz­zug so schnell wie mög­lich star­ten woll­te. Er fass­te den Beschluss dazu, obwohl Groß­bri­tan­ni­en nach dem Fall Frank­reichs noch lan­ge nicht ange­zählt war. Folg­lich muss­te der deut­sche Dik­ta­tor ab 1941 den Zwei­fron­ten­krieg füh­ren, den er 1939 dank sei­nes Pak­tes mit Mos­kau zu ver­mei­den hoff­te, und er sah sich einem sowje­ti­schen Feind gegen­über, der viel stär­ker gewor­den war als 1939.

Resümee

Sta­lin schloss einen Pakt mit Hit­ler, weil die Appease­ment­po­li­ti­ker in Lon­don und Paris alle sowje­ti­schen Ange­bo­te, eine gemein­sa­me Front gegen Hit­ler zu bil­den, abge­lehnt hat­ten. Und sie taten dies, weil sie hoff­ten, dass Hit­ler nach Osten mar­schie­ren und die Sowjet­uni­on zer­stö­ren wür­de. Es ist so gut wie sicher, dass Hit­ler ohne den Pakt die Sowjet­uni­on 1939 ange­grif­fen hät­te. Auf­grund des Pak­tes muss­te er jedoch zwei Jah­re war­ten. Dadurch konn­te die sowje­ti­sche Ver­tei­di­gung gera­de so weit ver­bes­sert wer­den, dass sie dem Angriff stand­hielt, als Hit­ler schließ­lich 1941 sei­ne Kampf­hun­de in den Osten schickte.

Die Rote Armee erlitt furcht­ba­re Ver­lus­te, aber es gelang ihr schließ­lich, den Nazi-Moloch zu stop­pen. Ohne die­sen sowje­ti­schen Erfolg, den der His­to­ri­ker Geoffrey Roberts als die größ­te mili­tä­ri­sche Leis­tung, die die Welt je gese­hen hat bezeich­ne­te,7 hät­te Deutsch­land den Krieg sehr wahr­schein­lich gewon­nen, weil es die Kon­trol­le über die Erd­öl­fel­der im Kau­ka­sus, die rei­chen land­wirt­schaft­li­chen Flä­chen der Ukrai­ne und vie­le ande­re lebens­wich­ti­ge Res­sour­cen erlangt hät­te. Ein sol­cher Tri­umph hät­te Nazi­deutsch­land in eine unan­tast­ba­re Super­macht ver­wan­delt, die in der Lage gewe­sen wäre, selbst lang­fris­ti­ge Krie­ge gegen jeden zu füh­ren, auch gegen ein ang­lo-ame­ri­ka­ni­sches Bünd­nis. Ein Sieg über die Sowjet­uni­on hät­te Nazi­deutsch­land die Hege­mo­nie über Euro­pa ver­schafft. Heu­te wäre die zwei­te Spra­che auf dem Kon­ti­nent nicht Eng­lisch, son­dern Deutsch, und in Paris wür­den die Mode­fans in Leder­ho­sen die Champs Ely­se­es auf und ab flanieren.

Ohne den Pakt hät­te die Befrei­ung Euro­pas, ein­schließ­lich der Befrei­ung West­eu­ro­pas durch die Ame­ri­ka­ner, Bri­ten, Kana­di­er usw. nie­mals statt­ge­fun­den. Polen wür­de nicht exis­tie­ren; die Polen wären Unter­men­schen, Leib­ei­ge­ne von ari­schen Sied­lern in einem ger­ma­ni­sier­ten Ost­land, das sich vom Bal­ti­kum bis zu den Kar­pa­ten oder sogar bis zum Ural erstre­cken wür­de. Und eine pol­ni­sche Regie­rung hät­te nie­mals die Zer­stö­rung von Denk­mä­lern zu Ehren der Roten Armee ange­ord­net, wie sie es kürz­lich getan hat, nicht nur, weil es kein Polen und damit kei­ne pol­ni­sche Regie­rung gege­ben hät­te, son­dern weil die Rote Armee Polen nie­mals befreit hät­te und die­se Denk­mä­ler nie­mals errich­tet wor­den wären.

Die Behaup­tung, der Hit­ler-Sta­lin-Pakt habe den Zwei­ten Welt­krieg aus­ge­löst, ist mehr als ein Mythos, sie ist eine scham­lo­se Lüge. Das Gegen­teil ist der Fall: Der Pakt war die unab­ding­ba­re Vor­aus­set­zung für den glück­li­chen Aus­gang des Arma­ged­dons von 1939 – 1945, d.h. für die Nie­der­la­ge Nazideutschlands.

Bild: Aus­ga­be der Aache­ner Nach­rich­ten vom 8. Mai 1945 im neu­en Aache­ner Stadt­mu­se­um. ACBahn, Public domain, via Wiki­me­dia Com­mons.

Literatur

Furr, Gro­ver. Blood Lies: The Evi­dence that Every Accu­sa­ti­on against Joseph Sta­lin and the Soviet Uni­on in Timo­thy Snyder’s Blood­lands Is Fal­se, New York, 2014.

Lacroix-Riz, Annie. Le choix de la défai­te. Les éli­tes fran­çai­ses dans les années 30, Paris, 2006.

Lacroix-Riz, Annie. De Munich à Vichy. L’ass­as­si­nat de la IIIe Répu­bli­que 1938 – 1940, Paris, 2008.

Mill­man, Brock. Toward War with Rus­sia: Bri­tish Naval and Air Plan­ning for Con­flict in the Near East, 1939 – 40, Jour­nal of Con­tem­po­ra­ry Histo­ry, 29:2, April 1994, S. 261 – 283.

Osborn, Patrick R. Ope­ra­ti­on Pike: Bri­tain Ver­sus the Soviet Uni­on, 1939 – 1941, West­port, CT, 2000.

Roberts, Geoffrey. Stalin’s Wars: From World War to Cold War, New Have, Con­nec­ti­cut, und Lon­don, 2006. 

Soe­te, Lie­ven. Het Sov­jet-Duit­se niet-aan­valspact van 23 augus­tus 1939: Poli­tie­ke Zeden in het Inter­bel­lum, Ber­chem, Bel­gi­en, 1989.

Sput­ni­k­news. L’URSS aurait eu peu de chan­ces dans la 2 GM sans le pac­te Molo­tov-Rib­ben­trop, selon un repré­sen­tant spé­cial de Pou­ti­ne, Inter­na­tio­nal, 8. Juli , 2019, https:// fr​.sput​ni​k​news​.com/​i​n​t​e​r​n​a​t​i​o​n​a​l​/​2​0​1​9​0​7​0​8​1​0​4​1​6​1​8​4​2​9​-​p​a​c​t​e​-​m​o​l​o​t​o​v​r​i​b​b​e​n​t​r​o​p​-​s​e​c​o​n​d​e​-​g​u​e​r​r​e​-​m​o​d​i​a​l​e​-​n​o​n​-​a​g​r​e​s​s​i​o​n​-​a​l​l​e​m​a​g​n​e​-​n​a​zie

Verweise

1 Sie­he Annie Lacroix-Riz (2006) und (2008).

2 Die vie­len Trug­schlüs­se über den Molo­tow-Rib­ben­trop-Pakt sowie die zahl­lo­sen »betrü­ge­ri­schen Behaup­tun­gen« in Timo­thy Sny­ders Buch Blood­lands (Blood­lands: Euro­pa zwi­schen Hit­ler und Sta­lin) wer­den von Gro­ver Furr in einem gründ­lich recher­chier­ten Werk, Blood Lies (2014), S. 326 und fol­gen­de Sei­ten, ausgeräumt.

3 Lacroix-Riz (2008), S. 218 – 238, and the stu­dies by Mill­man (1994), Osborn (2000).

4 Die­se Gebie­te wür­den spä­ter als die Mol­daui­sche Sozia­lis­ti­sche Sowjet­re­pu­blik in die Sowjet­uni­on ein­ge­glie­dert, aus der 1991 die Repu­blik Mol­dau (Mol­da­wi­en) hervorging.

5 Soe­te (1989), S. 283 – 287.

6 Sie­he »L’URSS aurait eu peu de chan­ces« (Die Sowjet­uni­on hät­te kaum eine Chan­ce gehabt).

7 Roberts (2006), p. 4.

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