Die Ideologie der Nicht-Demokratie (zu Bruno Latour & Co.)

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Es han­delt sich bei dem fol­gen­den Text um das voll­stän­di­ge, etwas kor­ri­gier­te und ergänz­te, Vor­trags­skript mei­nes Gast­vor­trags bei der Vor­le­sung von Hans-Mar­tin Schön­herr-Mann im Som­mer­se­mes­ter 2022. Den Vor­trag selbst und die dar­auf­fol­gen­de Dis­kus­si­on mit Alex­an­der Gör­litz kann man sich hier anse­hen. Der Skript­form ist es geschul­det, das man­che The­sen etwas unge­nü­gend erläu­tert bzw. durch Zita­te unter­mau­ert wer­den. Auf Nach­fra­ge kann ich ent­spre­chen­de Nach­wei­se und Erläu­te­run­gen ger­ne noch anbringen.

Die Ideologie der Nicht-Demokratie. Latours Konzepts eines »Parlaments der Dinge« als philosophische Legitimation des (Post-)Corona-Regimes / Für eine Ethik des kritischen Individualismus III

I. Einleitung

Nach­dem ich in den ver­gan­ge­nen Wochen hier auf die­sem Kanal zwei Vor­trä­ge hielt zu Den­kern, die sich expli­zit als Indi­vi­dua­lis­ten ver­stan­den und eine ent­spre­chen­de Ethik ver­tra­ten1), möch­te ich mich in mei­nem drit­ten Vor­trag »Für eine Ethik des kri­ti­schen Indi­vi­dua­lis­mus« an einem Phi­lo­so­phen abar­bei­ten, der sich im Gegen­teil als Kri­ti­ker des­sen bezeich­net, was er den moder­nen Indi­vi­dua­lis­mus nennt: Bru­no Latour.

Latour lebt noch und wur­de 1947 in Frank­reich gebo­ren. Er gehört zu den bedeu­tends­ten Ver­tre­tern einer Denk­schu­le, die oft als »Neu­er Mate­ria­lis­mus« bezeich­net wird. Ich wer­de die­sen Vor­trag mit eini­gen Bemer­kun­gen zum Stand des Indi­vi­dua­lis­mus heu­te begin­nen, um dann kurz die Grund­the­sen die­ser Geis­tes­strö­mung anhand vor allem eini­ger aus­ge­wähl­ter Schrif­ten Latours vor­stel­len. Bevor ich den »Neu­en Mate­ria­lis­mus« dann kri­tisch wür­di­gen wer­de, möch­te ich noch, dem The­ma die­ser Vor­le­sung ent­spre­chend, auf Latour Legi­ti­ma­ti­on der Coro­na-Poli­tik zu spre­chen kommen.

II. Zum Stand des Individualismus heute

Der phi­lo­so­phi­sche Indi­vi­dua­lis­mus erleb­te sei­ne Blü­te­zeit von der zwei­ten Hälf­te des 18. Jahr­hun­derts an, als er von Den­kern wie Rous­se­au 2) phi­lo­so­phisch erst­mals ver­tre­ten wur­de, und erleb­te sei­ne letz­te gro­ße Kon­junk­tur in den ers­ten Jahr­zehn­ten der Nach­kriegs­zeit, reprä­sen­tiert vor allem durch den fran­zö­si­schen Exis­ten­zia­lis­mus und den indi­vi­dua­lis­ti­schen Flü­gel der Studentenbewegung.

Ich den­ke, es ist kei­ne all­zu küh­ne Behaup­tung, dass der Indi­vi­dua­lis­mus in die­ser Zeit nicht nur als Denk­strö­mung sei­ne Glanz­zeit erleb­te, son­dern auch als wirk­li­che sozia­le Bewe­gung. Auch wenn Rous­se­au, Kier­ke­gaard, Stir­ner oder Nietz­sche sich über die moder­ne Mas­sen­ge­sell­schaft empör­ten, arti­ku­lier­ten sie doch Anlie­gen, die einem brei­ten gesell­schaft­li­chen Bedürf­nis ent­spra­chen und einer objek­ti­ven Lebens­er­fah­rung. Die Moder­ne ist in die­ser Hin­sicht dop­pel­deu­tig: Sie för­dert zugleich die Indi­vi­dua­li­sie­rung in einem his­to­risch ein­ma­li­gen Maß, aber eben­so auch die Nivel­lie­rung und Ver­mas­sung der Men­schen. Bei­de Pro­zes­se bestehen nicht ein­fach zufäl­lig neben­ein­an­der her, son­dern bedin­gen sich wech­sel­sei­tig. Erst das ver­ein­zel­te Indi­vi­du­um kann zum Mas­se­mensch wer­den – und zugleich die Ver­mas­sung und Nivel­lie­rung als Pro­blem erken­nen, unter dem es exis­ten­ti­ell leidet.

Eine der gro­ßen Ver­diens­te Nietz­sches ist es, den his­to­ri­schen Cha­rak­ter des moder­nen Indi­vi­dua­lis­mus scharf her­aus­ge­ar­bei­tet zu haben – auch wenn ihn bei­spiels­wei­se bereits Rous­se­au, Hegel und Marx vor ihm erkann­ten. Ich ging in mei­nem Vor­trag zu Nietz­sche auf die­sem Kanal bereits dar­auf ein. Für ihn ist die Moder­ne das ers­te Zeit­al­ter, in dem der Indi­vi­dua­lis­mus, der in den herr­schen­den Schich­ten schon immer vor­han­den war, zum Mas­sen­phä­no­men wird – was Nietz­sche kritisiert.

In Nietz­sches Wor­ten ist das Indi­vi­du­um »eine rei­fe Frucht, aber auch eine spä­te Frucht« 3), die ihre Exis­tenz nicht ein­fach dem Zufall, der eige­nen Leis­tung, dem blo­ßen Wil­lens­ent­schluss oder der Natur ver­dankt. Die Indi­vi­du­en sei­en die »edle­ren, zar­te­ren, geis­ti­ge­ren Pflan­zen und Gewäch­se« 4), deren Exis­tenz dem all­ge­gen­wär­ti­gen Drang zum Kol­lek­ti­vis­mus erst ein­mal abge­run­gen wer­den müsse.

Zu Beginn ist der Mensch erst ein­mal ein Her­den­we­sen, das voll­kom­men von sei­ner Umwelt abhängt und sich noch nicht als Indi­vi­du­um fühlt. Und wir kön­nen davon aus­ge­hen, dass sich die Men­schen über Jahr­tau­sen­de hin­weg noch nicht als Indi­vi­du­um inter­pre­tiert haben, son­dern pri­mär als Ange­hö­ri­ge ihres Clans, ihrer Fami­lie, ihrer sozia­len Schicht, ihrer Reli­gi­on, ihrer Stadt, ihrer Nati­on etc. Auch wenn es natür­lich einen gewis­sen qua­si-onto­lo­gi­schen »Urin­di­vi­dua­lis­mus« gibt, ist der Indi­vi­dua­lis­mus im heu­ti­gen Sin­ne, vom erwähn­ten Eli­ten­in­di­vi­dua­lis­mus der Aris­to­kra­tien – der frei­lich meist nicht beson­ders radi­kal war – abge­se­hen, ein his­to­risch sehr jun­ges Phä­no­men und man kann davon aus­ge­hen, dass er noch nicht ein­mal heu­te auf der gan­zen Welt der­art weit ver­brei­tet ist wie in den west­li­chen Gesellschaften.

Ich bin kürz­lich auf ein anschau­li­ches Bei­spiel gesto­ßen, das dies ver­deut­licht: Im Mit­tel­al­ter war es bei­spiels­wei­se ganz nor­mal, in Gast­häu­sern mit wild­frem­den Leu­ten nicht nur, wie heu­te noch in Hos­tels, ein gemein­sa­mes Zim­mer zu tei­len, son­dern sogar ein Bett. Nur die Reichs­ten konn­ten sich eige­ne Bet­ten oder gar Zim­mer leis­ten.5) Dies hat natür­lich offen­sicht­li­che öko­no­mi­sche Grün­de, hat jedoch tie­fe­re Wur­zeln. Bei so gut wie allen Kin­dern ist es ja so, dass sie von Natur aus zusam­men mit ihrem Rudel schla­fen wol­len und gera­de nicht allein. Säug­lin­ge bei­spiels­wei­se schla­fen am liebs­ten an ihre Bezugs­per­so­nen geku­schelt und wachen nachts regel­mä­ßig kurz auf, um zu kon­trol­lie­ren, ob die­se noch da sind – wenn nicht, wer­den sie sofort hell­wach und rufen nach ihnen. Kin­der müs­sen erst ler­nen, allei­ne zu schla­fen und dies als nor­ma­le Art des Schla­fens zu emp­fin­den. Man kann davon aus­ge­hen, dass es sich auch anthro­po­lo­gisch so ver­hält, dass das ein­sa­me Schla­fen des moder­nen Men­schen ein his­to­risch sehr jun­ges Phä­no­men ist und der gemein­sa­me Schlaf im Rudel eigent­lich die Norm.

Der Indi­vi­dua­lis­mus hat kul­tu­rel­le, poli­ti­sche und öko­no­mi­sche Vor­aus­set­zun­gen, die alle vor­han­den sein müs­sen, um ihn zur Mas­sen­men­ta­li­tät wer­den zu las­sen. Die öko­no­mi­schen wer­den, impli­zit, am deut­lichs­ten von Max Stir­ner dar­ge­legt, wenn er vom voll­kom­me­nen Indi­vi­du­um als »Eig­ner« spricht.6) Ein Indi­vi­du­um im vol­len Sin­ne kann nur sein, wer über ein geschütz­tes pri­va­tes Eigen­tum ver­fügt, das aus­reicht, um ihn oder sie mate­ri­ell unab­hän­gig von öko­no­mi­schem Zwang zu machen. Das – impli­zi­te oder expli­zi­te – Leit­bild des moder­nen Indi­vi­dua­lis­mus ist mit­hin der selb­stän­di­ge Bau­er oder Klein­un­ter­neh­mer, der von sei­ner eige­nen Hän­de Arbeit lebt und weder vom Staat noch von der Wirt­schafts­macht ande­rer abhän­gig ist. Wenn Nietz­sche davon spricht, dass »wer von sei­nem Tage nicht zwei Drit­tel für sich hat, ein Scla­ve ist, er sei übri­gens wer er wol­le« 7) dann ist das genau in die­sem Sin­ne gemeint. Als Bei­spie­le für sol­che Skla­ven nennt er: »Staats­mann, Kauf­mann, Beam­ter, Gelehr­ter« 8).

Dies ver­weist schon dar­auf, dass die öko­no­mi­sche Unab­hän­gig­keit auch der selb­stän­digs­ten Tei­le der Bevöl­ke­rung – von der Ober­schicht ein­mal abge­se­hen – natür­lich stets pre­kär ist. Marx hat dies bereits in der Mit­te der 19. Jahr­hun­derts klar erkannt: Der Kapi­ta­lis­mus hat einer­seits die Ten­denz, die Ent­ste­hung klei­ner selb­stän­di­ger Unter­neh­mun­gen zu för­dern und sie zu benö­ti­gen – ande­rer­seits bedroht er die mate­ri­el­le Exis­tenz der, wie es Marx nennt, »Zwi­schen­klas­sen«, aber auch per­ma­nent und droht sie ins Pro­le­ta­ri­at, also die Mas­se der abhän­gig Beschäf­tig­ten, hin­ab­zu­wer­fen. Der Bau­ern­stand, einst die gro­ße Mehr­heit der Bevöl­ke­rung, ist in den gro­ßen Indus­trie­staa­ten mitt­ler­wei­le fast ver­schwun­den und wird nur künst­lich, in ste­ter Abhän­gig­keit von poli­ti­scher Sub­ven­ti­on, am Leben erhal­ten. Die Digi­ta­li­sie­rung erfor­dert ein rie­si­ges Heer von Spe­zia­lis­ten, die oft selb­stän­dig tätig sind oder auf­grund ihrer hohen Spe­zia­li­sie­rung über eine öko­no­mi­sche Macht­po­si­ti­on zu ver­fü­gen, die es ihnen erlaubt, sehr selbst­be­wusst gegen­über ihrem »Arbeit­ge­ber« auf­zu­tre­ten – doch zugleich wer­den durch sie auch zahl­lo­se Tätig­kei­ten des klas­si­schen Klein­un­ter­neh­mer­tums obso­let oder zu kapi­tal­in­ten­siv, um noch von klei­nen Unter­neh­mun­gen betrie­ben wer­den zu können.

Die öko­no­mi­sche Selb­stän­dig­keit kann frei­lich nur bestehen in einem Staats­we­sen, das jenes fra­gi­le Eigen­tum aner­kennt und schützt. Die Ober­schicht ver­moch­te es stets, ihr Eigen­tum zur Not mit Pri­vat­ar­me­en zu sichern – die klei­nen Eigen­tü­mer sind auf einen funk­tio­nie­ren­den Rechts­staat ange­wie­sen, wie er sich ab dem 18. Jahr­hun­dert entwickelte.

Doch nicht nur das. Zur Aus­übung ihrer Geschäf­te sind sie stets von Leis­tun­gen des Gemein­we­sens abhän­gig, bei­spiels­wei­se von einer guten Aus­bil­dung, die sie meist nicht selbst finan­zie­ren kön­nen, um sie auf einem bestimm­ten Gebiet zu Exper­ten wer­den zu las­sen, oder von der bestehen­den Infra­struk­tur – von Han­dels­we­gen etwa.

Es ist zum Erhalt die­ser rela­tiv selbst­stän­di­gen Schich­ten eine Staat­lich­keit erfor­der­lich, die für die nöti­gen recht­li­chen und infra­struk­tu­rel­len Rah­men­be­din­gun­gen sorgt, die zu ihrer Repro­duk­ti­on nötig sind.

Es ist klar, dass dies ein Staat am bes­ten leis­ten kann, wenn es Insti­tu­tio­nen der brei­ten Par­ti­zi­pa­ti­on der Bür­ger an den poli­ti­schen Ent­schei­dungs­pro­zes­sen gibt. Auf­grund ihrer recht gro­ßen Zahl und auch öko­no­mi­schen Macht haben die rela­tiv selbst­stän­di­gen Mit­tel­schich­ten in einem sol­chen Staat stets eine gewich­ti­ge Stim­me, zumal vie­le ihrer For­de­run­gen auch den lohn­ab­hän­gi­gen Tei­len der Bevöl­ke­rung zugutekommen.

Doch es gibt noch einen tie­fe­ren Grund, war­um poli­ti­sche Par­ti­zi­pa­ti­on uner­läss­lich ist für eine vol­le Indi­vi­dua­li­tät. Eine rei­ne Pri­vat­exis­tenz ist stets eine ampu­tier­te. Ein frei­er Mensch muss sich auch in der Öffent­lich­keit frei ent­fal­ten und sei­ne Mei­nung in die Gestal­tung des Gemein­we­sens ein­brin­gen können.

Ein sol­ches demo­kra­ti­sches Gemein­we­sen muss schließ­lich auch auf einer Kul­tur der Indi­vi­dua­li­tät fußen. Die öffent­li­chen Insti­tu­tio­nen, ins­be­son­de­re das Bil­dungs­we­sen, müs­sen die Ent­wick­lung der Indi­vi­dua­li­tät för­dern und es muss ein Geist der wech­sel­sei­ti­gen Aner­ken­nung und Hoch­ach­tung der Indi­vi­dua­li­tät durch die Bevöl­ke­rung wehen.

In den west­li­chen Gesell­schaf­ten wur­de eine sol­che Kul­tur vom 18. Jahr­hun­dert an mit gro­ßem Erfolg ein­ge­rich­tet und durch­ge­setzt. Es gab immer wie­der Rück­schlä­ge und natür­lich sind wir weit von dem Ide­al­bild einer Gesell­schaft ent­fernt, die völ­li­ge indi­vi­du­el­le Frei­heit für alle ihrer Mit­glie­der garan­tiert, doch man wird kaum leug­nen kön­nen, dass wir in die­ser Hin­sicht beein­dru­cken­de Fort­schrit­te erzielt haben. Wir leben in einer moder­nen Gesell­schaft, in der das Ide­al der frei­en Indi­vi­dua­li­tät nahe­zu all­ge­gen­wär­tig ist und von wei­ten Tei­len der Bevöl­ke­rung geteilt wird.

Man mag sich frei­lich fra­gen: Wozu die gan­zen Bemü­hun­gen, eine moder­ne Welt der Indi­vi­dua­li­tät zu schaf­fen? Offen­kun­dig blei­ben wir abhän­gig von den gesell­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen, in denen wir leben, unse­re Frei­heit ist stets eine nur rela­ti­ve. Der moder­ne Indi­vi­dua­lis­mus ist stets in Gefahr, die­se Abhän­gig­keit zu negie­ren und so zu tun, als wäre die Gesell­schaft wie ein tyran­ni­scher Vam­pir, der den Men­schen ihre ursprüng­li­che Frei­heit raubt. Damit geht eine Atti­tü­de der Aso­zia­li­tät und der Unver­ant­wort­lich­keit ein­her. Ein a- und anti­po­li­ti­scher Indi­vi­dua­lis­mus gras­siert, der dem Sozia­len nur feind­se­lig gegen­über­steht und damit sei­ne eige­nen Exis­tenz­be­din­gun­gen gefähr­det. Einer der Haupt­grün­de für den Kli­ma­wan­del scheint genau jener mas­sen­haf­te Indi­vi­dua­lis­mus zu sein, der uns lehrt, uns über die Fol­gen unse­rer Hand­lun­gen für die Gesell­schaft und die Natur, in die sie ein­ge­bet­tet ist, kei­ne Rechen­schaft abzu­le­gen. Die Kri­tik an dem moder­nen Indi­vi­dua­lis­mus wird immer lau­ter und mit­hin der Ruf nach einer auto­ri­tä­re­ren Gesell­schaft, in der eine klei­ne Eli­te außer­halb der demo­kra­ti­schen Debat­te ent­schei­det, was gut für die Men­schen ist. Man gewinnt immer mehr den Ein­druck, dass die moder­ne Kul­tur einen gefähr­li­chen Irr­weg dar­stellt, der nun end­lich kor­ri­giert wer­den muss. Statt dem Indi­vi­du­um muss nun end­lich wie­der die Gemein­schaft im Mit­tel­punkt unse­rer Ethik und Poli­tik ste­hen und indi­vi­du­el­le Frei­heit erscheint nicht mehr als ange­bo­re­nes Recht, son­dern als Pri­vi­leg, das je nach den Umstän­den gewährt, aber auch ent­zo­gen wer­den kann.

Der kri­ti­sche Indi­vi­dua­lis­mus ist ange­sichts die­ser bei­den ent­ge­gen­ge­setz­ten Ten­den­zen in unse­rer Gesell­schaft in einer schwie­ri­gen Mit­tel­la­ge: Einer­seits will er die Wer­te des Indi­vi­dua­lis­mus hoch­hal­ten und gegen jenen neu­en Auto­ri­ta­ris­mus ver­tei­di­gen, ander­seits aber auch kei­nem Ego­is­mus das Wort reden, in dem der Ein­zel­ne so tut, als wäre er der Nabel und der Welt und sei­ne Taten hät­ten kei­ne Kon­se­quen­zen für ande­re. Die Fra­ge, die sich der kri­ti­sche Indi­vi­dua­lis­mus ins­be­son­de­re stel­len muss, ist: Wozu das alles über­haupt? Wenn der Indi­vi­dua­lis­mus offen­sicht­lich mit so vie­len Pro­ble­me behaf­tet und so schwie­rig zu rea­li­sie­ren ist, wie­so ihn nicht ein­fach fal­len­las­sen und eine ande­re ethisch-poli­ti­sche Grund­ori­en­tie­rung wäh­len? Viel­leicht kann man die­se Fra­ge am bes­ten beant­wor­ten, indem man sich an einer Posi­ti­on abar­bei­tet, die einen radi­ka­len Anti­in­di­vi­dua­lis­mus vertritt.

III. Grundthesen des Neuen Materialismus

Der so genann­te »Neue Mate­ria­lis­mus« ist die geis­ti­ge Strö­mung der Gegen­wart, die am ent­schie­dens­ten die Abhän­gig­keit des Ein­zel­nen betont und dar­aus eine anti­in­di­vi­dua­lis­ti­sche Ethik ablei­tet. Er ent­wi­ckel­te sich in den 80er Jah­ren als eine Radi­ka­li­sie­rung der post­struk­tu­ra­lis­ti­schen Phi­lo­so­phie und stellt seit­her eine aka­de­misch fest ver­an­ker­te Denk­schu­le dar, die immer mehr an Popu­la­ri­tät gewinnt. Von Beginn an waren es vor allem femi­nis­ti­sche und öko­lo­gi­sche The­men, die den Neu­en Mate­ria­lis­mus umtrie­ben. Bedeu­ten­de Ver­tre­ter die­ser Strö­mung sind bei­spiels­wei­se Don­na Hara­way, Karen Barad und eben Bru­no Latour.

Schon die post­struk­tu­ra­lis­ti­schen Den­ker wie Der­ri­da, Fou­cault oder Deleu­ze hat­ten den »Tod des Sub­jekts« ver­kün­det. Das Indi­vi­du­um sei nichts wei­ter als ein Kreu­zungs­punkt der »Dis­kur­se der Macht« und die moder­nen Ideen von Frei­heit, Ver­ant­wor­tung und Indi­vi­dua­li­tät nichts wei­ter als sub­ti­le Metho­den der Dis­zi­pli­nie­rung der Bevöl­ke­rung. Die Men­schen lie­ßen sich effek­ti­ver kon­trol­lie­ren, wenn sie sich selbst als ver­ant­wort­li­che Indi­vi­du­en betrach­ten. Fou­cault kri­ti­siert an der Stu­den­ten­be­we­gung, dass sich die­se noch viel zu sehr im Wer­te­kos­mos der Moder­ne bewege.

Die Neu­en Mate­ria­lis­ten wer­fen den Post­struk­tu­ra­lis­ten nun vor, auch ihrer­seits auf hal­bem Wege ste­cken geblie­ben sein. Sie sei­en selbst noch viel zu sehr in den Vor­stel­lun­gen der Moder­ne ver­strickt, um aus ihnen einen wirk­li­chen Aus­weg auf­zei­gen zu kön­nen. Ins­be­son­de­re kon­zen­trier­ten sich die Post­struk­tu­ra­lis­ten zu sehr auf die For­mung des Indi­vi­du­ums durch die gesell­schaft­li­che Macht. Sie ver­nach­läs­sig­ten sträf­lich den Ein­fluss »nicht-mensch­li­cher Akteu­re«, wie es heißt, und sei­en daher noch ver­kapp­te Humanisten.

Die­se Beto­nung der »Hand­lungs­macht nicht-mensch­li­cher Akteu­re« ist der Dreh- und Angel­punkt der Phi­lo­so­phie des Neu­en Mate­ria­lis­mus. Tra­di­tio­nel­ler­wei­se wird in der Phi­lo­so­phie in der Tat eine schar­fe Gren­ze zwi­schen Men­schen und allen ande­ren Enti­tä­ten hin­sicht­lich ihrer Hand­lungs­macht gezogen.

Marx beschreibt die­sen essen­ti­el­len Unter­schied in einer der berühm­tes­ten Pas­sa­gen sei­nes Haupt­werks Das Kapi­tal wie folgt:

Die Arbeit ist zunächst ein Pro­zeß zwi­schen Mensch und Natur, ein Pro­zeß, wor­in der Mensch sei­nen Stoff­wech­sel mit der Natur durch sei­ne eig­ne Tat ver­mit­telt, regelt und kon­trol­liert. Er tritt dem Natur­stoff selbst als eine Natur­macht gegen­über. Die sei­ner Leib­lich­keit ange­hö­ri­gen Natur­kräf­te, Arme und Bei­ne, Kopf und Hand, setzt er in Bewe­gung, um sich den Natur­stoff in einer für sein eig­nes Leben brauch­ba­ren Form anzu­eig­nen. Indem er durch die­se Bewe­gung auf die Natur außer ihm wirkt und sie ver­än­dert, ver­än­dert er zugleich sei­ne eig­ne Natur. Er ent­wi­ckelt die in ihr schlum­mern­den Poten­zen und unter­wirft das Spiel ihrer Kräf­te sei­ner eig­nen Bot­mä­ßig­keit. Wir haben es hier nicht mit den ers­ten tier­ar­tig instinkt­mä­ßi­gen For­men der Arbeit zu tun. Dem Zustand, wor­in der Arbei­ter als Ver­käu­fer sei­ner eig­nen Arbeits­kraft auf dem Waren­markt auf­tritt, ist in urzeit­li­chen Hin­ter­grund der Zustand ent­rückt, wor­in die mensch­li­che Arbeit ihre ers­te instinkt­ar­ti­ge Form noch nicht abge­streift hat­te. Wir unter­stel­len die Arbeit in einer Form, wor­in sie dem Men­schen aus­schließ­lich ange­hört. Eine Spin­ne ver­rich­tet Ope­ra­tio­nen, die denen des Webers ähneln, und eine Bie­ne beschämt durch den Bau ihrer Wachs­zel­len man­chen mensch­li­chen Bau­meis­ter. Was aber von vorn­her­ein den schlech­tes­ten Bau­meis­ter vor der bes­ten Bie­ne aus­zeich­net, ist, daß er die Zel­le in sei­nem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeits­pro­zes­ses kommt ein Resul­tat her­aus, das beim Beginn des­sel­ben schon in der Vor­stel­lung des Arbei­ters, also schon ideell vor­han­den war. Nicht daß er nur eine Form­ver­än­de­rung des Natür­li­chen bewirkt; er ver­wirk­licht im Natür­li­chen zugleich sei­nen Zweck, den er weiß, der die Art und Wei­se sei­nes Tuns als Gesetz bestimmt und dem er sei­ne Wil­len unter­ord­nen muß. Und die­se Unter­ord­nung ist kein ver­ein­zel­ter Akt. Außer der Anstren­gung der Orga­ne, die arbei­ten, ist der zweck­mä­ßi­ge Wil­le, der sich als Auf­merk­sam­keit äußert, für die gan­ze Dau­er der Arbeit erheischt, und um so mehr, je weni­ger sie durch den eig­nen Inhalt und die Art und Wei­se ihrer Aus­füh­rung den Arbei­ter mit sich fort­reißt, je weni­ger er sie daher als Spiel sei­ner eig­nen kör­per­li­chen und geis­ti­gen Kräf­te genießt.9)

Marx leug­net den Bei­trag der Natur zur Schaf­fung des mensch­li­chen Reich­tums kei­nes­wegs. Im Gegen­teil betont er immer wie­der, dass die­ser Reich­tum nicht nur durch mensch­li­che Arbeit, son­dern eben auch die Natur ent­steht.10) Er wür­de jedoch nicht davon spre­chen, dass »die Natur« bzw. ein­zel­ne natür­li­che Objek­te, wie bei­spiels­wei­se Spin­nen und Bie­nen, han­deln – und zwar aus dem simp­len Grund, dass sie kein Bewusst­sein von ihren Akti­vi­tä­ten haben. Eine Hand­lung ist stets eine bewuss­te Tat – dies ist eine Grund­prä­mis­se unse­rer Kultur.

Die­se kla­re Unter­schei­dung zwi­schen Han­deln und Nicht­han­deln wen­den wir im All­tag immer wie­der an. Wenn jemand durch sein Glück im Lot­to oder eine Erb­schaft reich gewor­den ist, zol­len wir ihm bei­spiels­wei­se weni­ger Respekt, als wenn sich jemand sei­nen Reich­tum durch jah­re­lan­ge Mühen erar­bei­tet hat. War­um? Weil in den bei­den erst­ge­nann­tem Fäl­len der Reich­tum wenig bis nichts mit sei­nen Hand­lun­gen zu tun hatte.

Im Straf­recht wird die Ver­ant­wor­tung für eine Hand­lung eben­so so sehr nach dem Grad der invol­vier­ten Bewusst­heit bemes­sen. Mir hat bei­spiels­wei­se kürz­lich ein Freund erzählt, dass er fast von einem auf der Stra­ße lie­gen­den Zie­gel­stein erschla­gen wor­den wäre, der von einem abbie­gen­den LKW in sei­ne Rich­tung geschleu­dert wur­de. Der Fah­rer des LKW konn­te den Zie­gel­stein nicht sehen und er mach­te sich auch kei­ner Fahr­läs­sig­keit schul­dig, da er kei­ne Mög­lich­keit dazu hat­te und ord­nungs­ge­mäß abbog. Er wäre also, wenn es über­haupt zu einem Pro­zess gekom­men wäre, frei­ge­spro­chen wor­den. Und erst recht absurd wäre es, den Zie­gel­stein, den LKW oder die Her­stel­ler die­ser Objek­te in irgend­ei­ner Form zur Ver­ant­wor­tung für das Gesche­he­ne zu zie­hen. Es hät­te sich, wenn mein Freund ver­letzt wor­den wäre, um einen Unfall gehan­delt, kei­ne Straf­tat. Ein Mord hät­te nur vor­ge­le­gen, wenn Bewusst­sein invol­viert gewe­sen wäre, wenn etwa der LKW-Fah­rer den Stein gese­hen und ihn ganz bewusst mit sei­nem Fahr­zeug in die Rich­tung mei­nes Freun­des kata­pul­tiert hät­te. Und dann wäre es allein der böse LKW-Fah­rer, der bestraft wer­den wür­de, kei­nes der invol­vier­ten Objek­te. Ent­spre­chend spot­tet Marx im Kapi­tal über einen Ver­tei­di­ger, der sei­nen Man­da­ten mit dem Argu­ment aus der Schlin­ge der Jus­tiz zie­hen möch­te, dass das Mes­ser ja eigent­lich an dem Mord schuld sei.11) Gewiss: Ohne das zufäl­lig bereit­lie­gen­de Mes­ser hät­te er den Mord ver­mut­lich nicht bege­hen kön­nen – doch soll man des­we­gen den Her­stel­ler des Mes­sers ver­kla­gen oder den­je­ni­gen, der es dort­hin leg­te? Am Ende gar das Mes­ser selbst?

Es gibt natür­lich vie­le Fäl­le, in denen unse­re gewöhn­li­che Art der Zuschrei­bung von Hand­lungs­macht an ihre Gren­zen kommt und die Ver­ant­wort­lich­kei­ten nicht ganz klar sind, bei­spiels­wei­se, wenn jemand mas­si­vem psy­chi­schem Druck aus­ge­setzt oder bewusst getäuscht wur­de. Und natür­lich funk­tio­niert die Zuschrei­bung indi­vi­du­el­ler Ver­ant­wor­tung nur, wenn man den sozia­len Rah­men, in dem jede Hand­lung statt­fin­det, aus­blen­det. Wenn etwa ein ver­zwei­fel­ter Vater einen Raub begeht, um sei­ne Fami­lie zu ernäh­ren, wird man gemein­hin geneigt sein, ihm weni­ger Ver­ant­wor­tung zuzu­spre­chen als einem Rei­chen, der ohne Not Unrecht tut. Sol­che Begleit­um­stän­de fin­den sowohl in der mora­li­schen Beur­tei­lung als auch in der Recht­spre­chung frei­lich ihren Niederschlag.

Die­se Bei­spie­le sol­len vor allem ver­deut­li­chen, was die Fol­gen wären, wenn man den tra­di­tio­nel­len Begriff der Ver­ant­wor­tung kon­se­quent leug­nen woll­te. Man müss­te gänz­lich neue Kri­te­ri­en zur mora­li­schen und juris­ti­schen Beur­tei­lung von Hand­lun­gen ersin­nen – weil es eben nicht mehr Men­schen sind, die han­deln, son­dern das, was man »Hand­lun­gen« nennt, nichts wei­ter als die Kreu­zungs­punk­te zahl­lo­ser natür­li­cher und sozia­ler Vek­to­ren sind. Ob einer der betei­lig­ten »Aktan­ten« nun mit Bewusst­sein begabt ist oder nicht, ist dann voll­kom­men unerheblich.

Inter­es­san­ter­wei­se demon­tie­ren die Neu­en Mate­ria­lis­ten den tra­di­tio­nel­len Begriff der Ver­ant­wor­tung, geben ihn jedoch eben­so wenig auf wie den­je­ni­gen der Hand­lungs­macht. Gera­de­zu das Gegen­teil ist der Fall. In all ihren Tex­ten beto­nen die Neu­en Mate­ria­lis­ten, dass aus ihrer Beto­nung der Hand­lungs­macht nicht-mensch­li­cher Akteu­re eine neue Ethik der Ver­ant­wor­tung fol­ge: Indem wir uns der Kon­tex­te bewusst wür­den, in dem unse­re (ver­meint­li­chen) Hand­lun­gen ste­hen, sol­len wir ler­nen, uns nicht mehr als Indi­vi­du­en, als ein­sa­me »Krö­ne der Schöp­fung« zu ver­ste­hen, son­dern als eine Spe­zi­es unter vie­len. Wir sol­len bei all unse­ren Unter­neh­mun­gen stets dar­um bemüht sein, so vie­le Kon­se­quen­zen unse­rer Hand­lun­gen wie nur mög­lich mit­zu­be­den­ken und sie so ein­zu­rich­ten, dass die Kon­tex­te unse­rer Hand­lung intakt bleiben.

Man wird an die­sem Punkt stut­zig und soll­te es auch wer­den. Zunächst wer­den die Begrif­fe »Hand­lung« und »Ver­ant­wor­tung« radi­kal dekon­stru­iert – nur, um dann wie­der ein­ge­führt zu wer­den, aber mit einer völ­lig ver­än­der­ten Bedeu­tung, in der sie aber jeden kon­kre­ten Sinn ver­lie­ren: Es kann nun plötz­lich alles han­deln und oft­mals gehen Latour und Co. sogar so weit, nicht-mensch­li­chen »Aktan­ten« Absich­ten zuzu­schrei­ben; und da alles mit allem zusam­men­hängt, muss ich nun nicht mehr bloß die Ver­ant­wor­tung für das über­neh­men, was man mir legi­ti­mer­wei­se als Ergeb­nis mei­ner bewusst durch­ge­führ­ten Hand­lun­gen zuschrei­ben kann – ich muss eine uni­ver­sel­le Ver­ant­wor­tung auf mich neh­men, die sich letzt­end­lich auf den gesam­ten Pla­ne­ten Erde erstreckt. Wie kann ich einer sol­chen erdrü­cken­den Ver­ant­wor­tung jemals gerecht wer­den? Ist sie nicht stren­ger und erbar­mungs­lo­ser als alles, was sich die tra­di­tio­nel­len Phi­lo­so­phen jemals erdachten?

Mit dem Hand­lungs- und Ver­ant­wor­tungs­be­griff wer­den von den Neu­en Mate­ria­lis­ten kon­se­quen­ter­wei­se auch alle ande­ren Leit­be­grif­fe der moder­nen Ord­nung der Din­ge ent­we­der ver­wor­fen oder bis zur Unkennt­lich­keit umge­wer­tet. Es geht um die Ent­wick­lung einer nun nicht mehr post‑, son­dern, wie Latour es for­mu­liert, nicht-moder­nen Denk- und Lebens­wei­se, in der die moder­nen Unter­schei­dun­gen zwi­schen Sub­jekt und Objekt, Mensch und Tier, leben­di­ger und toter Mate­rie, Poli­tik und Nicht-Poli­tik etc. wenn nicht voll­kom­men ver­wor­fen, so doch radi­kal revi­diert werden.

Mit der her­aus­ge­ho­be­nen Stel­lung des Men­schen als ein­zig hand­lungs­fä­hi­gem Wesen in der Welt war in der tra­di­tio­nel­len Ethik tat­säch­lich auch die Vor­stel­lung von einem abso­lu­ten ethi­schen Pri­mat des Men­schen ver­bun­den. Die Ethik war in der Tat weit­ge­hend anthro­po­zen­trisch, die Belan­ge von Tie­ren oder gar unbe­leb­ten Gegen­stän­den kamen dar­in, wenn über­haupt, nur am Ran­de vor. Der Neue Mate­ria­lis­mus möch­te das ändern.

Ins­be­son­de­re die­ser Aspekt des Neu­en Mate­ria­lis­mus wirft natür­lich die meis­ten Fra­gen auf. Man stel­le sich eine glo­ba­le Hun­ger­ka­ta­stro­phe vor, in der dar­über debat­tiert wird, wie man mit den Tie­ren im Zoo umge­hen soll, deren Unter­halt man sich nun nicht mehr län­ger leis­ten kann. Ein Huma­nist wür­de nicht lan­ge zögern: Man soll die ess­ba­ren Zoo­tie­re schlach­ten und ver­spei­sen, die nicht ess­ba­ren soll man frei­las­sen, sofern sie für den Men­schen nicht gefähr­lich sind, und töten, sofern sie es sind. Auch wenn sich die Neu­en Mate­ria­lis­ten, sofern mir ihre Tex­te bis­lang bekannt sind, zu sol­chen Dilem­ma-Situa­tio­nen nicht äußern, läuft das von ihnen pro­pa­gier­te Welt­bild doch ein­deu­tig dar­auf hin­aus, es sich sol­chen Situa­tio­nen nicht so ein­fach zu machen. Ich wüss­te jeden­falls nicht, was etwa Latour oder Barad dage­gen ein­wen­den soll­ten, die fleisch­fres­sen­den Zoo­tie­re in einer sol­chen Situa­ti­on mit Men­schen zu füt­tern. Der­ar­tig abscheu­li­che Kon­se­quen­zen wer­den von die­sen Den­kern zwar, soweit mir bekannt, nicht gezo­gen, doch ich wüss­te nicht, was sie dar­an hin­dert außer ein unein­ge­stan­de­ner Rest­hu­ma­nis­mus, der frei­lich in Wider­spruch zu ihren Theo­rien steht.

Aller­ding soll­ten sich, wenn es nach Latour und Co. gin­ge, gar nicht erst Men­schen dar­über bera­ten, wie man in einer sol­chen Situa­ti­on zu ver­fah­ren habe. Um den Anthro­po­zen­tris­mus voll­kom­men zu über­win­den, soll die Poli­tik auf eine völ­lig neue, nicht-huma­nis­ti­sche Grund­la­ge gestellt und auch »nicht-mensch­li­che Akteu­re« an poli­ti­schen Ent­schei­dungs­pro­zes­sen betei­ligt wer­den. Latour spricht in die­sem Kon­text von einem ein­zu­rich­ten­den »Par­la­ment der Din­ge« 12).

Spä­tes­tens an die­sem Punkt scheint sich der Neue Mate­ria­lis­mus end­gül­tig der Lächer­lich­keit preis­zu­ge­ben. Wie soll man nicht-spre­chen­de Lebe­we­sen oder gar Din­ge ernst­haft an poli­ti­schen Bera­tun­gen beteiligen?

Latour ist sich indes voll­kom­men bewusst, dass nicht-spre­chen­de Lebe­we­sen ihre Inter­es­sen nicht selbst ver­tre­ten kön­nen. Sie bedür­fen sei­ner Vor­stel­lung nach genau­so Reprä­sen­tan­ten, wie es die Men­schen tun. Nur sind die­se Reprä­sen­tan­ten im Fall der Lebe­we­sen und Din­ge nicht gewähl­te Poli­ti­ker – was ja eine voll­kom­men absur­de Idee wäre –, son­dern die Wis­sen­schaft­ler, die sich mit ihnen beschäftigen.

Die­se Vor­stel­lung scheint sich nun grob mit dem bis­her Gesag­ten zu wider­spre­chen. Wie soll es noch Wis­sen­schaft­lich­keit im gewöhn­li­chen Sin­ne geben, wenn man die Ideen von indi­vi­du­el­ler Ver­ant­wor­tung preis­gibt, vom Sub­jekt, das sich dem Erkennt­nis­ge­gen­stand als Objekt gegen­über­stellt, oder alle Hand­lun­gen, und mit­hin auch die Ergeb­nis­se wis­sen­schaft­li­cher For­schun­gen, als das Resul­tat eines kon­tin­gen­ten Zusam­men­spiels mensch­li­cher und nicht-mensch­li­cher »Aktan­ten« auffasst?

Die Ver­tre­ter des Neu­en Mate­ria­lis­mus bean­spru­chen frei­lich, ins­be­son­de­re in die­sem Punkt dem Post­struk­tu­ra­lis­mus und sei­ner Rela­ti­vie­rung wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis­se ent­schie­den zu wider­spre­chen. Vor allem bei der Lek­tü­re von Latours Tex­ten erhält man schnell den Ein­druck, dass er, wenigs­tens sei­nem Selbst­ver­ständ­nis nach, kein Feind der Wis­sen­schaft und ihres Wahr­heits­an­spruchs ist, son­dern gera­de­zu ein Szi­en­tist. Wenn man sein gesam­tes Werk in einer Paro­le zusam­men­fas­sen möch­te, dann wäre die­se: »Hört end­lich auf die Wissenschaft!«

Am Ende sei­nes Buches Wir sind die modern gewe­sen. Ver­such einer sym­me­tri­schen Anthro­po­lo­gie, wird Latour bemer­kens­wert kon­kret, wenn um sei­ne Vor­stel­lung davon geht, wie ein »Par­la­ment der Din­ge« beschaf­fen sein sollte:

Grei­fen wir die bei­den Reprä­sen­ta­tio­nen mit­samt dem dop­pel­ten Zwei­fel an der Treue der Man­dats­trä­ger wie­der auf, und schon haben wir das Par­la­ment der Din­ge defi­niert. In ihm fin­det sich die Kon­ti­nui­tät des Kol­lek­tivs neu zusam­men­ge­setzt. Es gibt kei­ne nack­ten Wahr­hei­ten mehr, aber auch kei­ne nack­ten Bür­ger. Die Mitt­ler haben den gan­zen Raum für sich. Die Auf­klä­rung hat end­lich eine Blei­be. Die Natu­ren sind prä­sent, aber mit ihren Reprä­sen­tan­ten, den Wis­sen­schaft­lern, die in ihrem Namen spre­chen. Die Gesell­schaf­ten sind prä­sent, aber mit den Objek­ten, die ihnen schon immer Gewicht gege­ben haben. Zwar spricht der eine Man­dats­trä­ger vom Ozon­loch, der ande­re reprä­sen­tiert die Che­mie­in­dus­trie des Rho­ne-Alpen-Gebiets, ein drit­ter die Arbei­ter die­ser sel­ben Indus­trie, ein vier­ter die Wäh­ler aus dem Raum um Lyon, ein wei­te­rer die Meteo­ro­lo­gie der Polar­re­gio­nen, und wie­der ein ande­rer spricht im Namen des Staa­tes. Aber das ist nicht ent­schei­dend, solan­ge sie alle sich über die­sel­be Sache äußern, über die­ses Qua­si-Objekt, das sie alle geschaf­fen haben, die­se Objekt-Dis­kurs-Natur-Gesell­schaft, deren neue Eigen­schaf­ten uns alle ver­wun­dern und deren Netz sich von mei­nem Kühl­schrank bis zur Ant­ark­tis erstreckt, auf dem Weg über die Che­mie, das Recht, den Staat, die Öko­no­mie und die Satel­li­ten. Die Gemen­ge und die Net­ze, die kei­nen Platz hat­ten, haben nun den gan­zen Platz für sich. Sie gilt es zu reprä­sen­tie­ren, um sie her­um ver­sam­melt sich von nun an das Par­la­ment der Din­ge. »Der Stein, den die Bau­leu­te ver­wor­fen haben, ist zum Eck­stein gewor­den.« 13)

Bei die­ser Pas­sa­ge wun­dert man sich nun: Ist das nicht ein­fach nur die Beschrei­bung einer sehr rea­len Ten­denz in den letz­ten Deka­den? Anstatt poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen pri­mär im Par­la­ment zu tref­fen, wer­den die­se in Exper­ten­run­den aus­ge­la­gert, in denen sich die Spre­cher der Wis­sen­schaft mit den Reprä­sen­tan­ten der wich­tigs­ten betrof­fe­nen Inter­es­sen­grup­pen bera­ten, um den poli­ti­schen Insti­tu­tio­nen dann einen ent­spre­chen­den Vor­schlag zu unterbreiten.

Was gemein­hin als Demo­kra­tie­ver­lust, Auto­ri­ta­ris­mus und Hin­ter­zim­mer­po­li­tik ver­ur­teilt wird, wird von Latour ganz im Gegen­teil gefei­ert als Beginn einer neu­en Ära, in der end­lich auch die Tie­re und die unbe­leb­ten Din­ge ihren Platz in der Poli­tik fin­den. Es ver­wun­dert nicht, dass er ent­spre­chend auch kein Kri­ti­ker der EU ist – im Gegen­teil heißt es am Schluss von Das ter­res­tri­sche Mani­fest:

Die­ses Euro­pa der Rege­lun­gen und Arran­ge­ments, die­ses »Brüs­se­ler« Euro­pa wird des Büro­kra­tis­mus gezie­hen. Und den­noch bie­tet es als recht­li­che Erfin­dung eine der inter­es­san­tes­ten Ant­wor­ten auf die jetzt über­all flo­rie­ren­de Idee, wonach nur der Natio­nal­staat in der Lage sei, die Völ­ker abzu­si­chern und zu schüt­zen. Durch eine unglaub­li­che Bas­tel­ar­beit ist es der Euro­päi­schen Uni­on gelun­gen, auf viel­fa­che Wei­se die Über­lap­pung, Über­la­ge­rung, den over­lap der ver­schie­de­nen natio­na­len Inter­es­sen zu mate­ria­li­sie­ren. Mit ihrem viel­fäl­tig ver­zahn­ten Regel­werk, das die Kom­ple­xi­tät eines Öko­sys­tems erreicht, weist sie den Weg. Genau die­se Art Erfah­rung ist gefragt, wenn wir den alle Gren­zen über­win­den­den­den Kli­ma­wan­del in Angriff neh­men wol­len.14)

Vor die­sem Hin­ter­grund über­rascht es nicht, dass Latour auch ein gro­ßer Freund der Coro­na-Poli­tik ist.

IV. Zu Latours Legitimation der Corona-Politik

Naiv könn­te man fra­gen, war­um aus dem Neu­en Mate­ria­lis­mus nicht fol­gen soll­te, auch den Coro­na-Viren ein Lebens­recht zuzu­ge­ste­hen und es daher in Kauf zu neh­men, wenn sie Men­schen krank machen und töten. Latour jeden­falls ist Huma­nist genug, um die­se Kon­se­quenz nicht zu zie­hen und zumin­dest in die­sem einen Fall doch die Aus­rot­tung einer dem Men­schen feind­li­chen Spe­zi­es zu begrüßen.

Sei­ne 2021 bei Suhr­kamp erschie­ne­ne klei­ne Schrift Wo bin ich? Lek­tio­nen aus dem Lock­down ist ein ein­zi­ger nach­träg­li­cher phi­lo­so­phi­scher Lob­ge­sang auf die gro­ße Ein­sper­rung. Bemer­kens­wert an ihr ist, dass Latour die Fol­gen des Lock­downs für die Men­schen kei­nes­falls her­un­ter­spielt, wie es ja oft getan wur­de in den letz­ten Jah­ren. Er beschreibt immer wie­der, wie unan­ge­nehm das Tra­gen einer Schutz­mas­ke ist und wie sehr es einem die Atem­luft raubt. Er ver­gleicht die Lock­down-Erfah­rung mit Kaf­kas Erzäh­lung Die Ver­wand­lung, in der sich der Prot­ago­nist urplötz­lich in einen rie­si­gen Käfer ver­wan­delt sieht. Der Unter­schied ist nur, dass wir uns gegen die­se Erfah­rung der abso­lu­ten Ernied­ri­gung und Ent­mensch­li­chung nicht auf­leh­nen sol­len, im Gegen­teil: Wir sol­len sie als Befrei­ung von unse­rer Indi­vi­dua­li­tät und Huma­ni­tät begrü­ßen, deren Schein­cha­rak­ter nun end­gül­tig offen­kun­dig gewor­den sei. Die Coro­na-Kri­se habe uns allen gezeigt, wie ver­wund­bar wir sei­en. Die­se Ein­sicht in die eige­ne Ver­wund­bar­keit soll uns nun dabei hel­fen, auch die Kli­ma­kri­se mit ent­spre­chen­den Maß­nah­men meis­tern zu können.

»Arme Hun­de! Man will euch wie Men­schen behan­deln!« (Marx) – Fund­stück in der Leip­zi­ger Straßenbahn.

In der Tat hat­ten wir es in den letz­ten Jah­ren mit einer, im Brei­ten­maß­stab, wohl his­to­risch ein­ma­li­gen Ent­mensch­li­chung und Ent­wür­di­gung zu tun, die sich nicht zuletzt in der Pflicht zum Tra­gen einer Schutz­mas­ke zeig­te und zeigt. Wir wur­den und wer­den wie Hun­de behan­delt, sind kei­ne Men­ge von Indi­vi­du­en mehr, son­dern eine Herde.

»Die Erfah­rung des Lock­down anneh­men heißt, sich end­lich von den Gren­zen der unbe­streit­ba­ren Indi­vi­dua­li­tät zu befrei­en»15), schreibt Latour und: »Fei­ern wie die Erfah­rung einer Pan­de­mie, die uns mit dem Ein­hal­ten des Sicher­heits­ab­stands und der obli­ga­ten Mas­kie­rung der­art sinn­fäl­lig rea­li­sie­ren lässt, wie sehr das dis­tink­te Indi­vi­du­um doch eine Illu­si­on war.« 16) »Eine Per­son, die lernt, sich zu ver­or­ten, wird in dem Maße, in dem die Lis­te derer sich erwei­tert, von denen sie abhängt oder die von ihr abhän­gen, immer spe­zi­fi­scher, eigen­tüm­li­cher. […] Es gibt ‚Bin­dun­gen, die befrei­en«: Je abhän­gi­ger das Indi­vi­du­um ist, umso frei­er ist es; je abhän­gi­ger die Per­son ist, umso mehr Hand­lungs­spiel­raum hat sie. Wenn das Indi­vi­du­um ver­sucht sich zu regen, stößt es immer­zu auf sei­ne Gren­zen; es jam­mert und klagt, wird von den trüb­se­li­gen Lei­den­schaf­ten über­mannt, ihm blei­ben kaum mehr als Empö­rung und Res­sen­ti­ment. Wenn die Per­son sich ver­län­gert, ent­fernt, sich zer­streut im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes, dann ver­teilt, ver­mischt sie sich und eig­net sich nach und nach Wirk­kräf­te wie­der an, von denen sie sich kei­ne Vor­stel­lung mach­te.« 17)

Bemer­kens­wert ist, dass Latour sich, wenn er sich so aus­drückt, ver­däch­tig dem annä­hert, was Marx im Sin­ne hat­te, wenn er schrieb, dass Frei­heit Ein­sicht in die Not­wen­dig­keit sei. Im Sin­ne des obi­gen Zitats aus dem Kapi­tal heißt Frei­heit für Marx nicht, sich ein­fach irgend­et­was aus­zu­den­ken. Gelun­ge­ne Pra­xis setzt ihm zufol­ge viel­mehr vor­aus, die Geset­ze der Mate­rie sehr gut zu ken­nen und sei­ne Plä­ne mit ihnen abzu­stim­men. Ent­spre­chend wuss­te auch Sart­re, der gro­ße Phi­lo­soph der indi­vi­du­el­len Frei­heit, dass Frei­heit immer nur Frei­heit in Situa­ti­on ist. Und ähn­li­che Erwä­gun­gen fin­den sich bei zahl­lo­sen Ver­fech­tern des moder­nen Individualismus.

Es war also nie so, dass sich der Indi­vi­dua­lis­mus und die Aner­ken­nung der indi­vi­du­el­len Abhän­gig­kei­ten je der­art schroff gegen­über­stan­den, wie es Latour behaup­tet. Man hat stets gewusst, dass die Din­ge ein gewis­ses Eigen­le­ben auf­wei­sen, dass der Mensch erken­nen und zu mani­pu­lie­ren ver­ste­hen muss, um erfolg­reich han­deln zu kön­nen. Wir haben stets gewusst, dass wir auch Tie­re unter Tie­ren sind und auch den phy­si­ka­li­schen Geset­zen unter­lie­gen – wenn Latour kri­ti­siert, dass eini­ge von uns das ver­ges­sen haben, liegt er ganz rich­tig. Er hat frei­lich sei­ner­seits ver­ges­sen, dass der Mensch qua Selbst­be­wusst­sein stets mehr ist als sein deter­mi­nie­ren­der Kon­text und nie voll­kom­men dar­in aufgeht.

Inso­fern weiß man nicht so recht, was die »Lek­tio­nen aus dem Lock­down« genau sein sol­len, von denen Latour spricht. Dass wir ver­wund­ba­re Wesen sind und dass es Viren und Bak­te­ri­en gibt, die uns bedro­hen und vor denen wir uns schüt­zen müs­sen, wuss­te man immer.

Latour teilt ein Men­schen­bild, das sehr dem ähnelt, was heut­zu­ta­ge Main­stream ist: Die Men­schen sei­en wie Kin­der, die in ver­al­te­ten Illu­sio­nen leben. Ihnen gegen­über ste­he eine klei­ne, wis­sen­schaft­lich gebil­de­te Eli­te, die sie, wenn nötig mit auto­ri­tä­ren Maß­nah­men, erzie­hen müs­se. »Manch­mal hel­fen eben nur Schel­len« – anstatt die Ent­mensch­li­chung von Mil­li­ar­den anzu­kla­gen, freut sich Latour dar­über, dass der Pöbel nun end­lich gewalt­sam zur Ver­nunft gebracht wird, wäh­rend er auf sei­nem geräu­mi­gen Land­sitz dar­über sin­niert, wie man mit ähn­li­chen Metho­den den Kli­ma­wan­del bekämp­fen kön­ne: »Aus dem Lock­down ler­nen heißt ver­su­chen, dar­aus Leh­ren für das Kom­men­de zu zie­hen, so, als könn­te Covid als Vor­be­rei­tung, als Gene­ral­pro­be für den Zeit­punkt die­nen, an dem eine wei­te­re pani­sche Angst vor einer wei­te­ren Gefahr uns erneut in den Lock­down ver­setzt. Je län­ger der Lock­down andau­ert, je öfter er sprung­haft ein­setzt, umso här­ter ist die Lek­ti­on, aber auch umso nach­hal­ti­ger: Wir kom­men nie mehr her­aus!« 18)

Es soll also nicht dar­um gehen, dar­über nach­zu­den­ken, wie eine ähn­li­che Kata­stro­phe in Zukunft ver­hin­dert wer­den kann oder wie man jene »pani­sche Angst« künf­tig über­win­den könn­te – statt­des­sen sol­len wir uns dar­an gewöh­nen, unse­re lieb­ge­won­nen moder­nen Illu­sio­nen von Frei­heit und Indi­vi­dua­li­tät end­lich auf­zu­ge­ben und uns mit der neu­en Welt­ord­nung arran­gie­ren, in der sie nicht mehr gül­tig sind. Wir sol­len unse­re Panik nicht bän­di­gen – wir sol­len sie im Gegen­teil kul­ti­vie­ren und uns von ihr beherr­schen lassen.

V. Fazit

Es soll­te sich gezeigt haben, dass der Neue Mate­ria­lis­mus eine sehr unaus­ge­go­re­ne Denk­wei­se ist, mit zahl­rei­chen inne­ren Wider­sprü­chen und frag­wür­di­gen ethi­schen und poli­ti­schen Kon­se­quen­zen. Er ist nütz­lich, weil er uns, gegen sei­nen Wil­len, zeigt, war­um wir an den moder­nen Idea­len doch lie­ber fest­hal­ten sollten.

Zugleich ist er aber auch ein ernst­haf­tes Pro­blem. Den­ker wie Latour sind kei­ne wir­ren Ein­zel­kämp­fer, die halb­ga­re Spin­ne­rei­en in die Welt set­zen, son­dern mit Aus­zeich­nun­gen und Ehrun­gen über­schüt­te­te öffent­li­che Intel­lek­tu­el­le, die eine wesent­li­che Ten­denz unse­res Zeit­geis­tes arti­ku­lie­ren. In vie­len Punk­ten sagt Latour das­sel­be was Gre­ta Thun­berg, nur ein wenig geistreicher.

Man betrach­te nur jene Aus­sa­ge der Grü­nen-Spit­zen­po­li­ti­ke­rin Kat­rin Göring-Eckardt aus dem Jahr 2018, auf die Latour in sei­nem Lock­down-Buch an einer Stel­le anspielt.19)

Das ist wie­der­um nur in tri­via­le­rer Spra­che das, was Latour seit Jahr­zehn­ten schreibt: Gegen die »der­zei­ti­gen poli­ti­schen Mehr­hei­ten« müs­se end­lich »die öko­lo­gi­sche Wahr­heit« zu ihrem poli­ti­schen Recht ver­hol­fen wer­den, was bedeu­tet, end­lich auch Poli­tik für die Bie­nen, Schmet­ter­lin­ge und Vögel zu machen. Wenn dafür eini­ge Men­schen mit ihren klein­li­chen bor­nier­ten Sor­gen auf der Stre­cke blei­ben müs­sen, ist das egal: Das Zeit­al­ter des Pri­mats des Men­schen, vor allem in sei­ner wei­ßen und männ­li­chen Gestalt, ist vor­bei, die Ägi­de der Erd­göt­tin Gaia hat begon­nen und es ist die Sache muti­ger Pro­phe­ten der Angst, ihr end­lich zum Sieg zu ver­hel­fen. Zur Not wer­den Gum­mi­knüp­pel und Trä­nen­gas die Unbe­lehr­ba­ren zur Räson brin­gen bzw. in den erwünsch­ten Panik­mo­dus versetzen.

Es ist klar, dass zahl­rei­che Ele­men­te des Neu­en Mate­ria­lis­mus beden­kens­wert sind. Die­se Ele­men­te sind oft­mals aller­dings gera­de­zu tri­vi­al und wur­den auch schon vom tra­di­tio­nel­len Mate­ria­lis­mus the­ma­ti­siert. Selbst die idea­lis­ti­schen Phi­lo­so­phen haben, von eini­gen extre­men Aus­nah­men viel­leicht abge­se­hen, nie abge­strit­ten, dass der Mensch von der nicht-mensch­li­chen Natur und der Gesell­schaft in einem hohen Maße abhän­gig ist. Eben­so wird wohl nie­mand behaup­ten, dass Tie­re und nicht-mensch­li­che Enti­tä­ten kei­ner­lei Berück­sich­ti­gung bei unse­ren indi­vi­du­el­len und kol­lek­ti­ven Ent­schei­dun­gen erfah­ren sollten.

In den Berei­chen, in denen der Neue Mate­ria­lis­mus über die­se bana­le Ebe­ne hin­aus­geht, fängt er jedoch schnell an, wider­sprüch­lich und, mit einem Wort, men­schen­ver­ach­tend zu wer­den. Er ist die ideo­lo­gi­sche Begleit­mu­sik zur gegen­wär­ti­gen auto­ri­tä­ren Wen­de, zur Ein­kas­sie­rung der Errun­gen­schaf­ten der moder­nen Demo­kra­tie, deren Zeu­gen und Opfer wir gera­de sind.

Die­se Wen­de voll­zieht sich nicht ein­fach zufäl­lig, son­dern hat etwas mit einer gewal­ti­gen Ero­si­on der genann­ten öko­no­mi­schen, poli­ti­schen und kul­tu­rel­len Vor­aus­set­zun­gen der Indi­vi­dua­li­tät zu tun, von denen ich ein­gangs sprach. Die Ideen des Huma­nis­mus, die doch eigent­lich die Grund­la­ge der moder­nen Ord­nung der Din­ge schu­fen, wer­den heu­te mehr und mehr als ner­vi­ger Stör­fak­tor begrif­fen. Auch wenn die Digi­ta­li­sie­rung eine gewal­ti­ge neue Mit­tel­schicht aus Pro­gram­mie­rern und ande­ren IT-Spe­zia­lis­ten schuf, führt sie doch vor allem zu einem Abbau tra­di­tio­nel­ler klein­bür­ger­li­cher Beru­fe und dafür zum Ent­ste­hen neu­er Jobs im unte­ren Lohn­seg­ment, wie ins­be­son­de­re die bekann­ten Lie­fer­bo­ten. In der digi­ta­len Wirt­schaft haben sich indes die übli­chen Geset­ze der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­wei­se bemerk­bar gemacht: Immer mehr klei­ne Anbie­ter wur­den und wer­den ver­drängt, wäh­rend immer grö­ße­re Tei­le des Mark­tes sich in den Hän­den eini­ger weni­ger gro­ßer Kon­zer­ne kon­zen­triert. Die Pro­gram­mie­rer ver­lie­ren die­sen Kon­zer­nen gegen­über zuneh­mend an Selb­stän­dig­keit und wer­den mehr und mehr zu ein­fa­chen Ange­stell­ten heruntergedrückt.

Im poli­ti­schen Bereich beob­ach­ten wir einen zuneh­men­den Bedeu­tungs­ver­lust der klas­si­schen demo­kra­ti­schen Insti­tu­tio­nen zuguns­ten der intrans­pa­ren­ten Exper­ten­gre­mi­en und neu geschaf­fe­nen Gip­fel­tref­fen der Exe­ku­ti­ve. Dass Latour aus­ge­rech­net die­se Ten­denz beju­belt, ist wirk­lich beschä­mend. Immer weni­ger Men­schen haben das Gefühl, an dem demo­kra­ti­schen Wil­lens­bil­dungs­pro­zess teil­zu­ha­ben, wäh­rend klei­ne Inter­es­sen­grup­pen sich in ihm immer mehr Ein­fluss ver­schaf­fen. Eine Schief­la­ge ist ent­stan­den, die durch die Coro­na-Kri­se nur noch ver­stärkt wur­de. Dass hat wenig damit zu tun, dass nun plötz­lich mehr auf »die Wis­sen­schaft« – ange­sichts der wirk­li­chen Viel­falt und Wider­sprüch­lich­keit der Wis­sen­schaf­ten ein eigen­ar­ti­ger, qua­si-reli­giö­ser Aus­druck, den man eigent­lich nicht gebrau­chen soll­te – gehört wird. Im Gegen­teil wur­de ein kri­ti­scher Dis­kurs zu den Coro­na-Maß­nah­men von außen unter­bun­den und kri­ti­sche Stim­men dif­fa­miert und aus­ge­grenzt. Dies zeigt sich schla­gend dar­in, dass sich die Poli­tik nun hart­nä­ckig wei­gert, eine kri­ti­sche nach­träg­li­che Über­prü­fung der Wirk­sam­keit der getrof­fe­nen Maß­nah­men zuzu­las­sen – obgleich sich die Zei­chen meh­ren, dass genau das zutrifft, was die Kri­ti­ker von Anfang an befürch­tet haben: Dass zahl­rei­che die­ser Maß­nah­men in ihrem medi­zi­ni­schen Nut­zen von Anfang an begrenzt waren und ihr Scha­den für die Gesell­schaft viel höher war. »Die Wis­sen­schaft« wur­de nie ernst­haft gehört, son­dern zum Vor­wand genom­men, um eine auto­ri­tä­re poli­ti­sche Agen­da zu beför­dern – und dies ist kein Ein­zel­fall. Wenn es der Poli­tik in den Kram passt, gilt »die Wis­sen­schaft« als unan­greif­ba­re Wahr­spre­che­rin – ist dies nicht der Fall, wird sie igno­riert, zen­siert, dif­fa­miert und nicht mehr finan­ziert. Man beden­ke nur die frag­wür­di­ge Art und Wei­se, wie die so genann­ten »Exper­ten­run­den« meist zusam­men­ge­setzt wer­den und deren man­geln­de Interdisziplinarität.

Es ist ange­sichts des­sen kein Wun­der, wenn auf der kul­tu­rel­len Ebe­ne defi­zi­tä­re, aso­zia­le For­men des Indi­vi­dua­lis­mus einem neu­en Anti­in­di­vi­dua­lis­mus gegen­über­ste­hen, der sich ins­be­son­de­re in der wokeness-Bewe­gung aus­agiert.20) In gewis­ser Wei­se könn­te man den Neu­en Mate­ria­lis­mus als phi­lo­so­phi­schen Arm die­ser Bewe­gung anse­hen. Es geht hier wie dort um eine über­bor­den­de Über­frach­tung des Ver­ant­wor­tungs­be­griffs und die Ver­kün­di­gung einer tie­fe­ren ‚Wahr­heit«, der sich die Ein­zel­nen zu unter­wer­fen haben, wenn sie nicht als Fein­de der »Bewe­gung« erschei­nen wol­len. Wie die wokeness-Bewe­gung pre­di­gen Latour und die sei­nen eine Brei­te kol­lek­ti­ve qua­si-spi­ri­tu­el­le Erwe­ckung, der den »sünd­haf­ten« Wes­ten end­lich zu Zer­knir­schung und Buße füh­ren soll. Die auto­ri­tär ein­ge­for­der­te »Sen­si­bi­li­tät«, »Rück­sicht­nah­me« und gar »Soli­da­ri­tät« kaschiert jedoch nur, dass es hier in Wahr­heit um Unter­wer­fung und Gehor­sam geht.

In sei­nem Roman Die Ver­wand­lung beschreibt Kaf­ka eine Situa­ti­on äußers­ter Iso­la­ti­on und Ent­frem­dung. Dar­auf hin­ge­wie­sen zu haben, dass er damit unse­re Situa­ti­on wäh­rend der Coro­na-Kri­se adäquat beschrieb, die ja nicht zuletzt eine kaf­ka­es­ke Situa­ti­on war, eine Situa­ti­on des schlag­ar­ti­gen ver­rückt-wer­dens, ist Latours gro­ßes Ver­dienst. Dass er Kaf­kas Beschrei­bung jedoch zu einem Lob­lied auf die Ent­mensch­li­chung umdeu­tet, ist eine nicht min­der kaf­ka­es­ke Ver­keh­rung nicht nur des huma­nis­ti­schen Sinns von Kaf­kas Wer­ken – die ja stets ein Auf­bäu­men gegen die Ent­wür­di­gung und Ver­ding­li­chung beschrei­ben –, son­dern auch der sozia­len Situa­ti­on der letz­ten Jah­re. Mit den­sel­ben Argu­men­ten könn­te man die chi­ne­si­sche Regie­rung dafür prei­sen, was sie im Augen­blick mit den Uigu­ren anstellt, oder Putin dafür loben, dass er uns end­lich unse­re Abhän­gig­keit von einer sta­bi­len Roh­stoff­ver­sor­gung vor Augen führt. Der Neue Mate­ria­lis­mus führt theo­re­tisch in eine Sack­gas­se, prak­tisch läu­tet er eine neue Ära der »grü­nen« Tech­no­kra­tie ein.

Um was es heu­te hin­ge­gen gin­ge, wäre eine Erneue­rung des Huma­nis­mus, des­sen Kern­ideen noch lan­ge nicht ver­al­tet sind, son­dern nach wie vor ihrer Erfül­lung har­ren. Der Huma­nis­mus pro­pa­gier­te die Befrei­ung des Men­schen von sei­nen natür­li­chen und sozia­len Fes­seln, er träum­te davon, dass die Natur zivi­li­siert wer­den wür­de und die sozia­len Insti­tu­tio­nen den Men­schen nicht mehr wie blin­de Natur­mäch­te gegen­über­ste­hen, son­dern demo­kra­tisch kon­trol­liert wür­den – Latour und die sei­nen wol­len ganz im Gegen­teil, dass sich der Mensch von die­ser uralten Hoff­nung end­gül­tig ver­ab­schie­det und jeden Anspruch auf Befrei­ung auf­gibt. An die Stel­le von Auf­klä­rung tritt der fins­te­re pseu­do­wis­sen­schaft­li­che Kult »Gai­as«, an die Stel­le des Stre­bens nach ech­ter Demo­kra­tie die Bewun­de­rung des Termitenbaus.

Been­den möch­te ich die­sen Vor­trag mit den letz­ten Sät­zen von Kaf­kas Erzäh­lung For­schun­gen eines Hun­des:

[D]er tie­fe­re Grund mei­ner wis­sen­schaft­li­chen Unfä­hig­keit scheint mir ein Instinkt und wahr­lich kein schlech­ter Instinkt zu sein. Wenn ich bramar­ba­sie­ren woll­te, könn­te ich sagen, daß gera­de die­ser Instinkt mei­ne wis­sen­schaft­li­chen Fähig­kei­ten zer­stört hat, denn es wäre doch eine zumin­dest sehr merk­wür­di­ge Erschei­nung, daß ich, der ich in den gewöhn­li­chen täg­li­chen Lebens­din­gen, die gewiß nicht die ein­fachs­ten sind, einen erträg­li­chen Ver­stand zei­ge, und vor allem, wenn auch nicht die Wis­sen­schaft so doch die Gelehr­ten sehr gut ver­ste­he, was an mei­nen Resul­ta­ten nach­prüf­bar ist, von vorn­her­ein unfä­hig gewe­sen sein soll­te, die Pfo­te auch nur zur ers­ten Stu­fe der Wis­sen­schaft zu erhe­ben. Es war der Instinkt, der mich viel­leicht gera­de um der Wis­sen­schaft wil­len, aber einer ande­ren Wis­sen­schaft als sie heu­te geübt wird, einer aller­letz­ten Wis­sen­schaft, die Frei­heit höher schät­zen ließ als alles ande­re. Die Frei­heit! Frei­lich, die Frei­heit, wie sie heu­te mög­lich ist, ist ein küm­mer­li­ches Gewächs. Aber immer­hin Frei­heit, immer­hin ein Besitz.

Verweise

1 Kier­ke­gaard und Nietzsche.

2 Vgl. mein ent­spre­chen­der Vor­trag auf Youtube.

3 GM II, Abs. 3; Link

4 MA I, Aph. 181; Link

5 Vgl. die­ses sehr inter­es­san­te Video über mit­tel­al­ter­li­che Gasthäuser.

6 Vgl. dazu und zu Max Stir­ner all­ge­mein den ent­spre­chen­den Vor­trag von Peter Sey­ferth auf dem Kanal der HARP.

7 MA I, Aph. 283; Link

8 Ebd.

9 MEW 23, S. 192; Link

10 Vgl. neben dem Abschnitt, aus dem jenes Zitat stammt v.a. sei­ne ent­spre­chen­den Erwä­gun­gen in der Kri­tik des Gotha­er Pro­gramm (Link).

11 Vgl. MEW 23, S. 465 f.; Link

12 Vgl. insb. Das Par­la­ment der Din­ge. Frank­furt a. M. 2010.

13 Frank­furt a. M. 2019, S. 191

14 Ber­lin 2018, S. 116.

15 S. 92

16 Ebd., S. 95

17 Ebd., S. 121 f.

18 Ebd., S. 147

19 Vgl. ebd., S. 16

20 Vgl. die ent­spre­chen­den Erwä­gun­gen in mei­nem Vor­trag zu Kierkegaard.

Zuerst erschie­nen auf dem Blog der HARP

Bild: Zeich­nung von Robert Linke

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