Ukraine-Krieg und Völkerrecht

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Am 10. und 11. Dezem­ber 2022 tagt der Bun­des­wei­te Frie­dens­rat­schlag in Kas­sel. Dort geht es auch um die mili­tä­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zung in der Ukrai­ne. Im Posi­ti­ons­pa­pier des Bun­des­aus­schus­ses Frie­dens­rat­schlag vom Juni 2022 heißt es: »Die rus­si­sche Regie­rung recht­fer­tigt ihren Krieg u.a. als kol­lek­ti­ve Selbst­ver­tei­di­gung gegen den bevor­ste­hen­den Angriff der ukrai­ni­schen Trup­pen auf die Don­bass-Repu­bli­ken, mit denen sie sofort nach ihrer Aner­ken­nung ein ent­spre­chen­des Hilfs­ab­kom­men unter­zeich­net hat­te. Die­se Argu­men­ta­ti­on ist völ­ker­recht­lich nicht halt­bar, weil ein Ruf einer Volks­grup­pe nach mili­tä­ri­scher Hil­fe von außer­halb – so ver­ständ­lich er auch sein mag – kei­nen Staat zum mili­tä­ri­schen Ein­grei­fen berech­tigt. Dies könn­te nur der UN-Sicher­heits­rat auto­ri­sie­ren.« Beim Lesen die­ser Sät­ze drängt sich die Fra­ge auf, ob deren Autoren damit die Frie­dens­be­we­gung hin­ter der NATO-Pro­pa­gan­da ver­sam­meln wol­len. Der stell­ver­tre­ten­de Vor­sit­zen­de des Deut­schen Frei­den­ker-Ver­ban­des, Klaus Hart­mann, kom­men­tiert dies wie folgt.

Stellungnahme zu einem Positionspapier des Bundesausschusses Friedensratschlag

Die Don­bass-Repu­bli­ken ent­stan­den, weil sie die Macht­über­nah­me durch die NATO-gesteu­er­ten »Euro-Maidan«-Putschisten auf ihrem Ter­ri­to­ri­um nicht akzep­tier­ten und ver­hin­dern woll­ten. Die Jun­ta in Kiew hat dar­auf eine »anti­ter­ro­ris­ti­sche Akti­on« aus­ge­ru­fen und Trup­pen sowie neo­na­zis­ti­sche Ein­hei­ten gegen den Don­bass in Marsch gesetzt. Die­ser Aggres­si­on gegen die »eige­ne« Bevöl­ke­rung fie­len bis Anfang 2022 über 14.000 Men­schen zum Opfer – in der gro­ßen Mehr­heit Don­bass-Bewoh­ner und eth­ni­sche Rus­sen. Der Krieg in der Ukrai­ne begann also nicht im Febru­ar 2022, son­dern 2014, und Russ­land hat die Ukrai­ne nicht »ange­grif­fen«, son­dern in einen schon acht Jah­re dau­ern­den Krieg ein­ge­grif­fen. Wer schreibt, »Die rus­si­sche Regie­rung recht­fer­tigt ihren Krieg …«, scheint der NATO-Pro­pa­gan­da zu fol­gen, denn »ihr« Krieg ist das keineswegs.

In den Mins­ker Abkom­men 2014 und 2015 (letz­te­res durch Beschluss des UN-Sicher­heits­ra­tes gel­ten­des Völ­ker­recht) wur­de ver­ein­bart, dass Kiew mit den Don­bass-Repu­bli­ken über einen sub­stan­zi­el­len Auto­no­mie­sta­tus ver­han­deln soll. Dies wur­de von Kiew mit Unter­stüt­zung der Garan­tie­mäch­te Deutsch­land und Frank­reich ver­wei­gert. Die Zeit wur­de statt­des­sen genutzt, um die Trup­pen der Kie­wer Jun­ta mit NATO-Waf­fen hoch­zu­rüs­ten und das Mili­tär (in das die zuvor selbst­stän­dig ope­rie­ren­den Neo­na­zi-For­ma­tio­nen inte­griert wur­den) durch NATO-Offi­zie­re aus­zu­bil­den und zu trainieren.

Die »Rück­erobe­rung der Krim« wur­de eben­so wie die Mit­glied­schaft in der NATO in Ver­fas­sungs­rang erho­ben. Der Wes­ten unter­stützt den Wunsch nach NATO-Mit­glied­schaft der Ukrai­ne aus­drück­lich, hin­ge­gen wur­de das von Selens­kij bei der Münch­ner Sicher­heits­kon­fe­renz im Janu­ar 2022 erklär­te Stre­ben nach ato­ma­rer Bewaff­nung nicht kri­ti­siert. Die von der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on im Dezem­ber 2021 gefor­der­ten Ver­ein­ba­run­gen über glei­che Sicher­heit ein­schließ­lich des Ver­zichts auf eine NATO-Mit­glied­schaft der Ukrai­ne wur­den vom »Wes­ten« abgelehnt.

Bis Febru­ar 2022 hat die Ukrai­ne über 120.000 Sol­da­ten für eine Offen­si­ve an den Gren­zen der Don­bass-Repu­bli­ken zusam­men­ge­zo­gen, die für Anfang März ter­mi­niert war. In die­ser zuge­spitz­ten Lage nahm die rus­si­sche Staats­du­ma den Antrag der kom­mu­nis­ti­schen Oppo­si­ti­on zur völ­ker­recht­li­chen Aner­ken­nung der DVR Donezk und der DVR Lug­ansk an, wor­auf­hin Prä­si­dent Putin das ent­spre­chen­de Dekret unter­zeich­net hat. Mit die­ser Aner­ken­nung sind die Repu­bli­ken Sub­jek­te des Völ­ker­rechts gewor­den, das mili­tä­ri­sche Ein­grei­fen Russ­lands erfolg­te nicht auf­grund des »Rufs einer Volks­grup­pe«, son­dern auf Grund­la­ge der Freund­schafts- und Bei­stands­ver­trä­ge zwi­schen sou­ve­rä­nen Staa­ten. Des­halb sieht sich die Rus­si­sche Föde­ra­ti­on durch das Selbst­ver­tei­di­gungs­recht des Art. 51 UN-Char­ta legitimiert.

Es war die NATO, die bei ihren Erwei­te­rungs­wel­len Rich­tung rus­si­sche Gren­ze wie auch im Fall der Ukrai­ne immer wie­der betont hat, dass es das unver­äu­ßer­li­che Recht und Aus­druck der Sou­ve­rä­ni­tät jedes Staa­tes sei, sei­ne Bünd­nis­be­zie­hun­gen frei zu wäh­len. Auch die deut­sche Bun­des­re­gie­rung ließ sich dies vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt beschei­ni­gen: »Das Grund­ge­setz ermäch­tigt den Bund in Art. 24 Abs. 2 GG, sich zur Wah­rung des Frie­dens einem Sys­tem gegen­sei­ti­ger kol­lek­ti­ver Sicher­heit ein­zu­ord­nen. Die­se Ermäch­ti­gung bil­det zugleich eine ver­fas­sungs­recht­li­che Grund­la­ge für Streit­kräf­te­ein­sät­ze außer­halb des Bun­des­ge­biets, soweit die­se im Rah­men und nach den Regeln eines sol­chen Sys­tems erfol­gen.« (BVerfG, Beschluss des Zwei­ten Senats vom 17. Sep­tem­ber 2019 – 2°BvE 2/16 -, Rn. 1 – 55, http://​www​.bverfg​.de/​e​/​e​s​2​0​1​9​0​9​1​7​_​2​b​v​e​0​0​0​2​1​6​.​h​tml)

Wer nun die Völ­ker­rechts­wid­rig­keit des mili­tä­ri­schen Ein­grei­fens Russ­lands behaup­tet, negiert das Recht der Don­bass-Repu­bli­ken auf freie Bünd­nis­wahl und spricht ihnen die Sou­ve­rä­ni­tät als Sub­jek­te des Völ­ker­rechts ab. Dahin­ter steht die Pro­ble­ma­tik, ob die­se Repu­bli­ken ein Recht auf Sezes­si­on hat­ten. Zunächst ist dies eine Fra­ge des inner­staat­li­chen (Verfassungs-)Rechts. Im Völ­ker­recht kon­kur­rie­ren das Sezes­si­ons­recht als Wahr­neh­mung des Selbst­be­stim­mungs­rechts mit dem Sou­ve­rä­ni­täts­prin­zip des »abge­ben­den Staa­tes«. Wegen der über­ge­ord­ne­ten Auf­ga­be der Wah­rung des Frie­dens wird anstel­le des Sezes­si­ons­rechts die weit­ge­hen­de Auto­no­mie (Amts- und Ver­kehrs­spra­che, Bil­dung, Kul­tur) im Rah­men des bestehen­den Staats­ver­ban­des favo­ri­siert. Erst wenn alle Bemü­hun­gen in die­ser Rich­tung schei­tern, kommt nach über­wie­gen­der Auf­fas­sung der betrof­fe­nen Bevöl­ke­rung als Not­wehr das Recht auf Abspal­tung zu. Es kann auf einem Teil­ter­ri­to­ri­um ein eige­nes Staats­we­sen grün­den oder auch damit sich einem ande­ren Staat anschließen.

Ers­tens waren in der Ukrai­ne durch den ver­fas­sungs­wid­ri­gen Putsch 2014 sowohl die Ver­fas­sungs­ord­nung als auch die Ver­fas­sungs­or­ga­ne sus­pen­diert, sodass in Kiew kein legi­ti­mer Ver­hand­lungs­part­ner vor­han­den war. Zwei­tens haben die Put­schis­ten der rus­sisch­spra­chi­gen Bevöl­ke­rung den Gebrauch ihrer Spra­che ver­bo­ten, Ihre Kul­tur unter­drückt und die bis­her gel­ten­den Lehr­plä­ne an Schu­len und Uni­ver­si­tä­ten außer Kraft gesetzt. Drit­tens sind sie mit Mili­tär­ge­walt gegen die ver­fas­sungs­treue Bevöl­ke­rung vor­ge­gan­gen, ver­bun­den mit stän­di­ger Zer­stö­rung zivi­ler Zie­le und Tau­sen­den Todes­op­fern. Vier­tens wur­den die Mins­ker Ver­ein­ba­run­gen zur Her­stel­lung einer weit­ge­hen­den Auto­no­mie von Kiew und sei­nen west­li­chen För­de­rern hin­ter­trie­ben und sabo­tiert. Damit waren die Vor­aus­set­zun­gen für eine Sezes­si­on der Don­bass-Repu­bli­ken von der Ukrai­ne gege­ben und folg­lich die Inan­spruch­nah­me des Selbstverteidigungsrechts.

Klaus Hart­mann ist stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der des Deut­schen Frei­den­ker-Ver­ban­des, von des­sen Web­site frei​den​ker​.org der Bei­trag über­nom­men wurde.

Der Bei­trag wur­de auch ver­öf­fent­licht in der NRhZ, Online-Fly­er Nr. 801 vom 19.11.2022

Posi­ti­ons­pa­pier des Bun­des­aus­schus­ses Friedensratschlag:

https://​frie​dens​rat​schlag​.de/​2​0​2​2​/​0​6​/​b​a​f​-​p​o​s​i​t​i​o​n​s​p​a​p​i​e​r​-​u​k​r​a​i​n​e​k​r​i​eg/

https://​frie​den​-und​-zukunft​.de/​u​s​e​r​f​i​l​e​s​/​p​d​f​/​2​0​2​2​/​2​022 – 06_baf-positionspapier-ukrainekrieg.pdf

Bild: Grup­pen­fo­to des »Rech­ten Sek­tors« auf dem Mai­dan 2015 (Foto Kon­rad Lembcke)

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