Der Hitler‐​Stalin‐​Pakt von 1939: Mythos und Wirklichkeit (Teil 1)

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MagMa veröffentlicht die Übersetzung eines Kapitels aus dem neuen Buch von Jacques R. Pauwels, Myths of Modern History: From the French Revolution to the 20th century world wars and the Cold War – new perspectives on key events1 (Mythen der modernen Geschichte: Von der Französischen Revolution bis zu den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts und dem Kalten Krieg – neue Perspektiven auf wichtige Ereignisse), erschienen bei James Lorimer, Toronto, im Frühjahr 2022. Jacques R. Pauwels ist der Autor einer »bemerkenswerten Trilogie von wegweisenden, kritischen, gut recherchierten und lesbaren Büchern« zur modernen Geschichte von der Französischen Revolution über die beiden Weltkriege bis zur Gegenwart (zitiert nach Parmar, 2022). Eines seiner Bücher ist auf Deutsch erhältlich: Der Mythos vom guten Krieg, PapyRossa, Köln, 2003. Wir veröffentlichen den Text wegen seiner Länge in drei Teilen. Diese Gliederung, die Überleitungen und die Zwischenüberschriften (letztere zur besseren Lesbarkeit online) wurden von Heiner Biewer, dem Übersetzer vorgenommen.

1. Bühne frei: Das Ende des Ersten Weltkrieges und der Russische Bürgerkrieg

2. Von der Appeasement‐​Politik über das Münchner Abkommen zum Hitler‐Stalin‐Pakt

3. Zur Bedeutung des Paktes für den Verlauf und Ausgang des Zweiten Weltkrieges

1. Bühne frei: Das Ende des Ersten Weltkrieges und der Russische Bürgerkrieg

Der erste Teil beschreibt nach einer einleitenden Einführung die Lage in Osteuropa gegen Ende des Ersten Weltkrieges und benennt die Motive der Einmischung der Westmächte in die Oktoberrevolution. Die Kenntnis dieser Hintergründe erlaubt ein tieferes Verständnis der Ablehnung, auf die die sowjetische diplomatische Initiative zur Gründung eines Anti‐​Hitler‐​Abkommens in den 1930er Jahren traf.

Gegen Ende der 1930er Jahre bemühte sich die Sowjetunion wiederholt vergeblich um den Abschluss eines Verteidigungsbündnisses mit Großbritannien und Frankreich, das sich gegen das unter Hitlers diktatorischer Führung immer aggressiver auftretende Nazideutschland richtete. Das Bündnis sollte auch andere Länder einschließen, die Grund hatten, deutsche Ambitionen zu fürchten, insbesondere Polen und die Tschecho­slowakei. Der Protagonist dieser sowjetischen Annäherung an die Westmächte war der Außenminister Maxim Litwinow.1 Moskau war sehr daran interessiert, einen solchen Vertrag abzuschließen, denn die sowjetische Führung wusste nur zu gut, dass Hitler beabsichtigte, die Sowjetunion früher oder später anzugreifen und zu zerstören. So hatte er in Mein Kampf, das in den 1920er Jahren veröffentlicht wurde, sehr deutlich gemacht, dass er sie als »Russland unter Judenherrschaft« verachtete, weil es die Frucht der russischen Revolution war, das Werk der Bolschewiki, die er, wie zahllose andere Anhänger der sogenannten Theorie des Judenbolschewismus oder Judäo‐​Bolschewismus, für eine Kabale von Juden hielt.2 Und in den 1930er Jahren war es Allgemeinwissen, dass Hitler mit seiner Aufrüstungspolitik und seiner aggressiven Außenpolitik, einschließlich der eklatanten Verstöße gegen den Versailler Vertrag, einen Krieg vorbereitete, dessen Opfer die Sowjetunion sein sollte.3

Hitler wollte die Sowjetunion mit Hilfe der militärischen Macht des Dritten Reiches vom Angesicht der Erde tilgen. Wie wir gesehen haben, wurde dieses Projekt Hitlers mit dem Wissen und der Unterstützung des deutschen Großbürgertums durchgeführt. Aber es gefiel auch den Eliten Großbritanniens, Frankreichs und der westlichen Länder und wurde von diesen nicht nur toleriert, sondern sogar gefördert. Wie schon Churchill sagte, hatten sie bereits selbst versucht, das revolutionäre Baby in seiner Wiege zu ersticken, nämlich durch die bewaffnete Intervention im russischen Bürgerkrieg. Diese Intervention scheiterte, sie wurde wegen des Widerstands westlicher Soldaten und Zivilisten, die mit den russischen Revolutionären sympathisierten, abgebrochen. Doch der Traum, den Staat zu zerstören, der aus der Oktoberrevolution hervorgegangen war, blieb lebendig. Die westlichen Eliten waren hocherfreut, als Hitler in Deutschland an die Macht kam und bereit schien, die Aufgabe für sie zu übernehmen, auch wenn sie dies nicht öffentlich sagen konnten. Wir werden uns später mit den Entwicklungen in den dreißiger Jahren befassen, doch zunächst müssen einige Dinge über die Situation in Osteuropa kurz vor und nach dem Ende des Ersten Weltkriegs geklärt werden, als in Russland eine Revolution wütete.

Revolution und Konterrevolution im zaristischen Vielvölkerstaat

Das zaristische Russland war ein Vielvölkerstaat, und alle Regionen und Einwohner waren an der Revolution beteiligt. Man kann sagen, dass die grundlegende Wahl zwischen der »roten« Revolution und der »weißen« Konterrevolution bestand, obwohl es mehr als diese zwei Optionen gab. Man muss sich auch vor Augen halten, dass die Revolution den sozialistischen Internationalismus betonte, während die Konterrevolution den Nationalismus verteidigte, förderte und wenn nötig sogar erschuf. Die nationalistischen Konterrevolutionäre innerhalb von Minderheiten wie den Polen, Finnen, Balten und Georgiern strebten in der Regel die Gründung völlig unabhängiger, ethnisch und sprachlich homogener Länder mit einem nichtsozialistischen sozialökonomischen System an, die sich gegen ein von den Bolschewiki geführtes revolutionäres Russland oder später die Sowjetunion richteten; außerdem wollten die Nationalisten, dass ihr Land ein möglichst großes Territorium kontrollierte, das sogar Regionen umfasste, in denen ihre eigene Ethnie eine Minderheit darstellte.

Die internationalistischen Revolutionäre innerhalb jeder Minderheit zogen es dagegen vor, Seite an Seite mit den Revolutionären anderer Volksgruppen gegen den gemeinsamen Klassenfeind, die aristokratischen Großgrundbesitzer und bürgerlichen Kapitalisten, zu kämpfen, auch gegen die ihrer eigenen ethnischen und sprachlichen Herkunft. Und sie strebten nicht nach vollständiger Unabhängigkeit, sondern nach Autonomie innerhalb einer supranationalen Föderation sozialistischer Republiken, in die sich das revolutionäre Russland offiziell verwandelte, als es 1922 zur »Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken« (UdSSR), auch bekannt als Sowjetunion, wurde. Lenin und die Bolschewiki erkannten das Selbstbestimmungsrecht der Minderheiten an, aber innerhalb jeder ethnischen Minderheit unterstützten sie selbstverständlich ihre revolutionären Mitstreiter, die lokalen »Roten«, die die lokalen nationalistischen »Weißen« bekämpften.

Deutsche Interventionen in Finnland und in der Ukraine

In Finnland, das vormals unter schwedischer Herrschaft stand und nach den napoleonischen Kriegen als autonomes Großherzogtum in das Russische Reich eingegliedert worden war, löste die russische Revolution von 1917 ein Bürgerkrieg aus. Der Sieg der finnischen »Weißen« wurde durch die militärische Intervention Deutschlands gesichert, angeführt von einem General mit aristokratischem Hintergrund, Carl Gustaf Emil Mannerheim; ein Sieg, der mit einem blutigen »weißen Terror« besiegelt wurde, der bis heute einen kalten Schatten auf das skandinavische Land wirft. Die von Lenin geführte russische Revolutionsregierung hatte die Unabhängigkeit Finnlands bereits im Januar 1918 anerkannt. Unter Mannerheim wurde Finnland nicht zu einer Demokratie, sondern zu einer Militärdiktatur und nach Hitlers Machtantritt 1933 zu einem Freund und Verbündeten Nazi‐Deutschlands.

Bevor sich Deutschland nach seiner Niederlage im Ersten Weltkrieg von der osteuropäischen Bühne zurückzog, intervenierte seine Armee auch in der Ukraine, in der Hoffnung, dort einen formal unabhängigen Marionettenstaat zu errichten. In diesem Zusammenhang unterstützten die Deutschen nicht die dortigen konterrevolutionären »Weißen«, die russischen Zaristen. Stattdessen unterstützten sie eine Bewegung von »Weißen«, die sich ganz von Russland abspalten wollten, oder stampften sie praktisch aus dem Boden. Mit anderen Worten: Die Deutschen standen Pate für den ukrainischen Nationalismus. Ihre Bemühungen waren jedoch vergeblich. Die »Roten« in der Ukraine setzten sich durch, und das Land wurde zu einer Sowjetrepublik innerhalb der UdSSR.

Konterrevolutionäre im Baltikum

Wie der Rest des Zarenreichs war auch das Baltikum 1917 überreif für eine Revolution. Lenin und die bolschewistischen Revolutionäre genossen in der gesamten Region einen erheblichen Rückhalt in der Bevölkerung, vor allem bei den Arbeitern, nicht nur in den Städten, sondern auch auf dem Land. Das Eintreten der Bolschewiki für Frieden und radikale Reformen, einschließlich der Umverteilung von Land und der Vergesellschaftung von Produktionsmitteln, traf im Baltikum wie im russischen Kernland auf breite Resonanz und machte die Bolschewiki populär. Im November‐​Dezember 1918 wurden in Estland, Lettland und Litauen wie im Herzen des Zarenreichs Sowjets aus Soldaten, Arbeitern und Bauern gebildet. Diese Republiken knüpften enge Verbindungen zu ihren russischen Mitrevolutionären. Und sie hätten sich zweifellos der »Union der sozialistischen Räterepubliken« angeschlossen, die 1922 aus der Revolution und dem Russischen Bürgerkrieg hervorgehen sollte, also der Sowjetunion, wäre es nicht zur bewaffneten Intervention auf der Seite der baltischen Konterrevolutionäre durch ihre russischen Gegenspieler und, was noch wichtiger war, durch ausländische Mächte, zunächst Deutschland und dann die westlichen Alliierten, gekommen.4

Die baltischen konterrevolutionären »Weißen« waren ein bunter Haufen. Dazu gehörten die grundbesitzenden Aristokraten deutscher Herkunft, demografisch gesehen eine Minderheit, aber eine (immer noch deutschsprachige) Elite, die das Baltikum seit der Eroberung der Region durch den mittelalterlichen Deutschen Orden beherrschte und ihren Reichtum, ihre Macht und ihre Privilegien unter der schwedischen und russischen monarchischen Herrschaft bewahren konnte. Im Jahr 1917 schlossen sich diese baltisch‐​deutschen »Barone« sofort dem übrigen zaristischen Adel im Kampf gegen die Revolution an. Der Großteil der baltischen »Weißen« bestand jedoch aus Kleinbauern sowie aus der oberen und (meist) unteren Mittelschicht. Sie wurden als »einheimisch« bezeichnet, weil sie die Volkssprache sprachen und stolz auf ihre kulturelle und sprachliche Identität waren – und auf ihre traditionelle christliche Religionszugehörigkeit (lutherisch in Estland und Lettland, katholisch in Litauen) – und hüllten sich in den Mantel des estnischen, lettischen und litauischen Nationalismus. Sie waren oft Besitzer eines Bauernhofs, kleiner Unternehmen oder anderen Eigentums und opponierten gegen die baltischen »Roten«, zumeist Arbeiter in Stadt und Land, nicht nur wegen deren Sozialismus, sondern auch wegen ihres Internationalismus. Die »Roten« strebten in erster Linie die Emanzipation ihrer Klasse und nicht ihrer Ethnie an, weshalb sie mit den russischen Bolschewiki sympathisierten und zusammen arbeiteten.

Die baltischen »Weißen« verabscheuten ebenso die Juden, in der Regel Stadtbewohner, die ihren Lebensunterhalt als kleine Geschäftsleute und Freiberufler bestritten. Sie hatten nicht die richtige ethnische Zugehörigkeit, sprachen nicht die richtige Sprache und hatten natürlich nicht die richtige Religion. Noch wichtiger war, dass viele von ihnen als Opfer der harten Unterdrückung durch das zaristische Regime mit der Revolution sympathisierten und daher – zu Recht oder zu Unrecht – als auf der Seite der »Roten« stehend angesehen wurden. Es überrascht nicht, dass allzu viele baltische »Weiße« der Vorstellung vom jüdischen Bolschewismus anhingen; und sie sollten sich eifrig an den antisemitischen Wutausbrüchen, die die Nazis beim ihrem Einmarsch 1941 entfesselten, beteiligen.

Die Westmächte greifen im Baltikum in den russischen Bürgerkrieg ein

Das Baltikum war stark in das bewaffnete Eingreifen der Westmächte in den russischen Bürgerkrieg involviert, der somit im Wesentlichen eher ein internationaler Krieg als ein Bürgerkrieg war. Die mächtige Royal Navy spielte die Hauptrolle, aber die Intervention beinhaltete auch den zynischen Einsatz deutscher Truppen, denen ein spezieller Artikel der deutschen Kapitulation vom 11. November 1918 erlaubt hatte, im Gebiet zu bleiben, um auf Anweisung aus London und/​oder Paris »Rote« zu bekämpfen. Diese erfahrenen deutschen Truppen, meist rücksichtslose Freikorps, fügten den Revolutionären erhebliche Verluste zu. Aber sie hatten eine eigene Agenda: Sie wollten den deutsch‐​baltischen »Baronen« die Machtübernahme und die Gründung von Staaten ermöglichen, die sich zweifellos als äußerst autoritäre Satelliten Deutschlands entpuppt hätten. Das lag natürlich nicht im Interesse der westlichen Alliierten, und so wurden die deutschen Söldner angewiesen, ins Vaterland zurückzukehren, sobald sie den größten Teil der schmutzigen Arbeit erledigt hatten, zu der auch zahlreiche Fälle von »weißem Terror« gehörten. (Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland schlossen sich diese Männer den konterrevolutionären, »protofaschistischen« Kräften an und verschmolzen schließlich mit den Sturmtruppen der Nazis). In jedem Fall fielen die jungen Räterepubliken des Baltikums eher deutschen Militärs als einheimischen konterrevolutionären Kräften zum Opfer. Doch als die »rote Gefahr« neutralisiert und die Deutschen selbst von der Bildfläche verschwunden waren, erhielten die baltischen »Weißen«, die bis dahin kaum sichtbar waren, grünes Licht aus London und Paris, um das Machtvakuum zu füllen.5

Unter solchen eher undemokratischen Umständen konnten die die nationalistischen »Weißen« dank britischer Kanonenboote und deutscher Militärmacht drei unabhängige Staaten gründen. Diese Staaten waren demokratisch im bürgerlich‐​liberalen Sinne des Wortes, prowestlich und somit antirussisch, kapitalistisch und somit antisozialistisch und folglich extrem antisowjetisch. Ihre Regierungen genossen jedoch nur sehr begrenzten Rückhalt in der Bevölkerung. So stellte beispielsweise ein Bericht der US‐​Regierung für Lettland unmissverständlich fest, dass die Regierung von Karlis Ulmanis, dem Führer einer Partei, die die Bauernschaft vertrat, »kein wirkliches Mandat des Volkes hatte [und] unmöglich durch eine allgemeine Wahl hätte aufrechterhalten werden können«.6

Hätten die revolutionären »Roten« des Baltikums gesiegt, wären ihre Sowjetrepubliken zweifellos der großen sozialistischen Föderation der Sowjetunion beigetreten, die das Ergebnis der Revolution im ehemaligen russischen Zarenreich war; einem Reich, von dem die baltischen Länder historisch ebenso sehr einen Teil waren wie Schottland und Wales von Großbritannien, Korsika von Frankreich und Hawaii von den Vereinigten Staaten (tatsächlich war die Sowjetunion, wie Luciano Canfora in einem Interview betonte, nicht als »Nationalstaat« gedacht, sondern als »Kern eines größeren Zusammenschlusses, der wachsen sollte, ohne jemals ein Nationalstaat zu werden«).7 Am Ende blieben einige der »Roten«, die die Kämpfe und die häufigen Fälle von »weißem Terror« überlebten, in ihrer Heimat und hielten die Füße still. Andere jedoch, darunter die berühmten lettischen Roten Schützen, flohen nach Russland, wo sie den Bolschewiki halfen, den russischen Bürgerkrieg zu gewinnen; danach träumten sie von einem Comeback in ihrer Heimat. Die russische Revolutionsregierung, die mit dem Bürgerkrieg beschäftigt war, erkannte die drei neuen Staaten des Baltikums in Friedensverträgen vom Sommer und Herbst 1920 formell an. Aber sie schützte die überlebenden baltischen »Roten« und wartete, wie es Staaten unter solchen Umständen zu tun pflegen, auf eine Gelegenheit, den Ausgang des Bürgerkriegs im Baltikum ungeschehen zu machen.

Die westliche Geschichtsschreibung wird der gerade beschriebenen Komplexität der geschichtlichen Entwicklung im Allgemeinen nicht gerecht. Sie zieht es vor, einen weiteren Mythos zu fördern, nämlich die Vorstellung, dass der Konflikt im Baltikum ein einfacher schwarz‐​weißer (oder besser gesagt, rot‐​weißer) Konflikt zwischen »Guten« und »Bösen« war. Die ersteren waren die ethnisch und sprachlich makellosen (und vorzugsweise blonden und blauäugigen) Esten, Letten und Litauer, unabhängig von ihrer Klassenzugehörigkeit, die angeblich tapfer für die Errichtung demokratischer und prowestlicher unabhängiger Staaten kämpften und vom Westen uneigennützig unterstützt wurden; Letztere waren böse Außenseiter, nämlich russische Bolschewiken, die wie die raubenden und plündernden Mongolen in den baltischen Verteidigungsgürtel Europas stürmten, in der Hoffnung, den widerstrebenden Einheimischen ihr diktatorisches politisches und fremdes soziales und wirtschaftliches System aufzuzwingen. Dieses Szenario hat wenig oder keine Ähnlichkeit mit der historischen Realität, es ist nur ein Mythos, aber ein sehr mächtiger. Er wird heute sehr lebendig gehalten, da er sich als äußerst nützlich für antisowjetische Zwecke in der Geschichtsschreibung und für russophobe Ziele in der Politik erwiesen hat.

Polen nutzt die Umwälzungen in Russland – mit Hilfe der Westmächte

Das Eingreifen der Alliierten in den russischen Bürgerkrieg beinhaltete auch die bewaffnete Unterstützung eines wiedererstandenen unabhängigen Polens. Der neue polnische Staat, von dem ein großer Teil, einschließlich Warschau, zum Russischen Reich gehört hatte, wurde von den bolschewistischen Behörden des revolutionären Russlands praktisch sofort, nämlich im August 1918, anerkannt. Der polnische Führer Jozef Pilsudski, Spross einer Adelsfamilie, träumte jedoch von der Wiederherstellung des großen polnisch‐​litauischen Reiches, das sich im 17. und 18. Jahrhundert von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer erstreckte. Er nutzte die Umwälzungen in Russland, um einen Krieg gegen die Bolschewiki zu führen – den so genannten Russisch‐​Polnischen Krieg von 1919 – 1921 – und es gelang ihm, mit beträchtlicher militärischer Unterstützung Frankreichs einen großen Teil der westlichen Gebiete des ehemaligen russischen Reiches zu erobern, darunter auch ukrainische und weißrussische Gebiete. Sein Versuch, die gesamte Ukraine zu erobern, scheiterte, aber Pilsudski gelang es, einen Teil des litauischen Territoriums, nämlich die Hauptstadt Vilnius, zu erobern und so die litauische Regierung zu zwingen, in die Stadt Kaunas umzusiedeln. In ähnlicher Weise nutzte Rumänien den russischen Bürgerkrieg, um sich ein Stück russisches Territorium anzueignen, nämlich Bessarabien, das heutige Moldawien.

Das Eingreifen der Westmächte in den russischen Bürgerkrieg war also nicht völlig erfolglos. Sie fügte dem revolutionären Russland territoriale Verluste zu und schuf an seiner Westgrenze einen »Cordon sanitaire« aus entschieden antisozialistischen und antirussischen großen und kleinen Staaten, eine Pufferzone, die den Westen vor einer Ansteckung mit dem bolschewistischen Revolutionsvirus schützen sollte, aber offensichtlich auch als Sprungbrett für künftige militärische Unternehmungen gegen die Wiege der Revolution dienen konnte.

Der Sozialismus wird für die westliche Arbeiterklasse attraktiv

Das revolutionäre Experiment in der Sowjetunion implodierte nicht von selbst, wie die Staatsmänner in London, Paris und Washington lange gehofft hatten. Im Gegenteil, ab Anfang der dreißiger Jahre, als die Weltwirtschaftskrise verheerende Auswirkungen in der kapitalistischen Welt zeitigte, erlebte die Sowjetunion eine Art industrieller Revolution, die es dem Land ermöglichte, beträchtliche wirtschaftliche und soziale Fortschritte zu erzielen und gleichzeitig nicht nur wirtschaftlich, sondern auch militärisch viel stärker zu werden. Infolgedessen wurde der sozialistisches Gegenentwurf zum Kapitalismus (und seine kommunistische Ideologie) in den Augen der Plebejer im Westen, die zunehmend unter Arbeitslosigkeit und Elend litten, immer attraktiver.

In diesem Zusammenhang wurde die Sowjetunion der westlichen Oberschicht noch mehr zum Dorn im Auge. Umgekehrt wurde Hitler mit seinen Plänen für einen antisowjetischen Kreuzzug zunehmend sympathisch – und potenziell nützlich. Darüber hinaus verdienten Konzerne und Banken, vor allem amerikanische, aber auch britische und französische, viel Geld, indem sie Nazi‐​Deutschland bei der Aufrüstung halfen und ihm einen Großteil der dafür benötigten Mittel liehen.8 Nicht zuletzt glaubte man, dass die Ermutigung eines deutschen Kreuzzuges im Osten das Risiko deutscher aggressiver Abenteuer im Westen verringern, wenn nicht gar ganz ausschalten würde. Daher ist es verständlich, dass Moskaus Vorschläge für ein Verteidigungsbündnis gegen Nazideutschland in den Machtzentren der westlichen Hauptstädte auf wenig Gegenliebe stießen. Es gab jedoch einen Grund, warum diese Vorschläge nicht ohne Weiteres abgelehnt werden konnten.

Der nächste Teil widmet sich den Hintergründen der Appeasement‐​Politik, dem Münchner Abkommen von 1938 und dem Zustandekommen des Hitler‐Stalin‐Paktes.

Bild: Beschuss einer friedlichen Arbeiterdemonstration am Newski‐​Prospekt in Petrograd am 4. Juli 1917 durch Kadetten und Kosaken. Wiktor Karlowitsch Bulla, Public domain, via Wikimedia Commons

Literatur

Canfora, Luciano. Intervista sul Potere, Bari, 2013.

Carley, Michael Jabara. 1939: The Alliance That Never Was and the Coming of World War II, Chicago, 1999.

Gerwarth, Robert. The Vanquished: Why the First World War Failed to End, New York, 2016.

Kirby, David. The Baltic World 1772 – 1993: Europe’s Northern Periphery in an Age of Change, London und New York, 1995.

Korablev, Youri, und Anatoli Chouryguinine. La guerre de 1918 – 1922: quatorze puissances liguées contre la Révolution russe, Paris, 2017. 

Müller, Rolf‐​Dieter. Der Feind steht im Osten: Hitlers geheime Pläne für einen Krieg gegen die Sowjetunion im Jahr 1939, Berlin, 2011.

Parmar, Inderjeet. »Review: A Trilogy That Challenges the Core Self‐​Declared Virtues of Western Civilisation«, Wire, 11. Juli, 2022.

Pauwels, Jacques. The Myth of the Good War: America in the Second World War, überarbeitete Ausgabe, Toronto, 2015.

Waite, Robert G. L. Vanguard of Nazism: The Free Corps Movement in Postwar Germany 1918 – 1923, New York, 1969.

Verweise

1 Eine ausführliche Darstellung dazu liefert der kanadische Historiker Michael Jabara Carley in seinem Buch 1939: The Alliance That Never Was and the Coming of World War II (1939: Das Bündnis, das es nie gab und der Beginn des Zweiten Weltkriegs).

2 Siehe Paul Hanebrink in Das ewige Feindbild. Antisemitische Verschwörungstheorien und ihre lange Geschichte in der Le Monde diplomatique, Dezember 2019 (Hinweis des Übersetzers).

3 Siehe die Studie von Rolf‐​Dieter Müller (2011).

4 Korablev und Chouryguinine (2017), S. 28 – 30.

5 Korablev und Chouryguinine (2017), S. 32. Die Entwicklungen in Lettland werden beschrieben in Gerwarth (2016), S. 69 – 76.

6 Kirby (1995), S. 259 – 270; Waite (1969), S. 97 – 130. Ulmanis‐​Zitat aus Waite, S. 112, Fußnote 59.

7 Canfora (2013), S. 20.

8 Siehe Pauwels (2015)

2 thoughts on “Der Hitler‐​Stalin‐​Pakt von 1939: Mythos und Wirklichkeit (Teil 1)

  1. achmanno!!! warum denn schon wieder »hitler stalin pakt«?! den hat es genauso (wenig) gegeben wie den »holodomor«.

    es gab einen freundschaftsVERTRAG bzw. ein nicht‐​angriffs‐​versprechen. nicht zwischen hitler und stalin, sondern zwischen dem deutschen reich und der UdSSR. es war also ein deutsch‐​sowjetischer oder sowjetisch‐​deutscher vertrag.

    warum nennen linksseinwollende diesen vertrag (so) falsch, während sie den chaimberlain‐​daladier‐​verrat von 1938 nie so nennen, sondern immer nur super‐​neutralistisch: »münchner abkommen«? und sich damit unter die sprech‐ und damit denkdiktate der herrschaft ducken und es sich intellektuell bequem machen. wie zufälliig sind diese sprachlichen asymmetrien? und wie blöd ist es, diese »zufälle« für zufälle zu halten und sie nicht bemerken zu wollen, um sie frisch‐​fröhlich nachplappern zu können. manno!

    und wenn man dergleichen zitieren zu müssen meint, sollte man doch eine bemerkung voran stellen oder anfügen.

    1. Man kann dem Autor ja eine Email schreiben und ihm ein Argument unterbreiten über diesen Punkt. Angesichts der im Artikel selbst vorgebrachten Argumente, sollte das auf offene Ohren stoßen. Das brächte womöglich mehr als allen das Linkssein abzusprechen, zumal es darum hier eh nicht geht.

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