Der Hitler-Stalin-Pakt von 1939: Mythos und Wirklichkeit (Teil 1)

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Mag­Ma ver­öf­fent­licht die Über­set­zung eines Kapi­tels aus dem neu­en Buch von Jac­ques R. Pau­wels, Myths of Modern Histo­ry: From the French Revo­lu­ti­on to the 20th cen­tu­ry world wars and the Cold War – new per­spec­ti­ves on key events1 (Mythen der moder­nen Geschich­te: Von der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on bis zu den Welt­krie­gen des 20. Jahr­hun­derts und dem Kal­ten Krieg – neue Per­spek­ti­ven auf wich­ti­ge Ereig­nis­se), erschie­nen bei James Lori­mer, Toron­to, im Früh­jahr 2022. Jac­ques R. Pau­wels ist der Autor einer »bemer­kens­wer­ten Tri­lo­gie von weg­wei­sen­den, kri­ti­schen, gut recher­chier­ten und les­ba­ren Büchern« zur moder­nen Geschich­te von der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on über die bei­den Welt­krie­ge bis zur Gegen­wart (zitiert nach Par­mar, 2022). Eines sei­ner Bücher ist auf Deutsch erhält­lich: Der Mythos vom guten Krieg, Papy­Ros­sa, Köln, 2003. Wir ver­öf­fent­li­chen den Text wegen sei­ner Län­ge in drei Tei­len. Die­se Glie­de­rung, die Über­lei­tun­gen und die Zwi­schen­über­schrif­ten (letz­te­re zur bes­se­ren Les­bar­keit online) wur­den von Hei­ner Bie­wer, dem Über­set­zer vor­ge­nom­men.

1. Büh­ne frei: Das Ende des Ers­ten Welt­krie­ges und der Rus­si­sche Bürgerkrieg

2. Von der Appease­ment-Poli­tik über das Münch­ner Abkom­men zum Hitler-Stalin-Pakt

3. Zur Bedeu­tung des Pak­tes für den Ver­lauf und Aus­gang des Zwei­ten Weltkrieges

1. Bühne frei: Das Ende des Ersten Weltkrieges und der Russische Bürgerkrieg

Der ers­te Teil beschreibt nach einer ein­lei­ten­den Ein­füh­rung die Lage in Ost­eu­ro­pa gegen Ende des Ers­ten Welt­krie­ges und benennt die Moti­ve der Ein­mi­schung der West­mäch­te in die Okto­ber­re­vo­lu­ti­on. Die Kennt­nis die­ser Hin­ter­grün­de erlaubt ein tie­fe­res Ver­ständ­nis der Ableh­nung, auf die die sowje­ti­sche diplo­ma­ti­sche Initia­ti­ve zur Grün­dung eines Anti-Hit­ler-Abkom­mens in den 1930er Jah­ren traf.

Gegen Ende der 1930er Jah­re bemüh­te sich die Sowjet­uni­on wie­der­holt ver­geb­lich um den Abschluss eines Ver­tei­di­gungs­bünd­nis­ses mit Groß­bri­tan­ni­en und Frank­reich, das sich gegen das unter Hit­lers dik­ta­to­ri­scher Füh­rung immer aggres­si­ver auf­tre­ten­de Nazi­deutsch­land rich­te­te. Das Bünd­nis soll­te auch ande­re Län­der ein­schlie­ßen, die Grund hat­ten, deut­sche Ambi­tio­nen zu fürch­ten, ins­be­son­de­re Polen und die Tschecho­slowakei. Der Prot­ago­nist die­ser sowje­ti­schen Annä­he­rung an die West­mäch­te war der Außen­mi­nis­ter Maxim Lit­wi­now.1 Mos­kau war sehr dar­an inter­es­siert, einen sol­chen Ver­trag abzu­schlie­ßen, denn die sowje­ti­sche Füh­rung wuss­te nur zu gut, dass Hit­ler beab­sich­tig­te, die Sowjet­uni­on frü­her oder spä­ter anzu­grei­fen und zu zer­stö­ren. So hat­te er in Mein Kampf, das in den 1920er Jah­ren ver­öf­fent­licht wur­de, sehr deut­lich gemacht, dass er sie als »Russ­land unter Juden­herr­schaft« ver­ach­te­te, weil es die Frucht der rus­si­schen Revo­lu­ti­on war, das Werk der Bol­sche­wi­ki, die er, wie zahl­lo­se ande­re Anhän­ger der soge­nann­ten Theo­rie des Juden­bol­sche­wis­mus oder Judäo-Bol­sche­wis­mus, für eine Kaba­le von Juden hielt.2 Und in den 1930er Jah­ren war es All­ge­mein­wis­sen, dass Hit­ler mit sei­ner Auf­rüs­tungs­po­li­tik und sei­ner aggres­si­ven Außen­po­li­tik, ein­schließ­lich der ekla­tan­ten Ver­stö­ße gegen den Ver­sail­ler Ver­trag, einen Krieg vor­be­rei­te­te, des­sen Opfer die Sowjet­uni­on sein soll­te.3

Hit­ler woll­te die Sowjet­uni­on mit Hil­fe der mili­tä­ri­schen Macht des Drit­ten Rei­ches vom Ange­sicht der Erde til­gen. Wie wir gese­hen haben, wur­de die­ses Pro­jekt Hit­lers mit dem Wis­sen und der Unter­stüt­zung des deut­schen Groß­bür­ger­tums durch­ge­führt. Aber es gefiel auch den Eli­ten Groß­bri­tan­ni­ens, Frank­reichs und der west­li­chen Län­der und wur­de von die­sen nicht nur tole­riert, son­dern sogar geför­dert. Wie schon Chur­chill sag­te, hat­ten sie bereits selbst ver­sucht, das revo­lu­tio­nä­re Baby in sei­ner Wie­ge zu ersti­cken, näm­lich durch die bewaff­ne­te Inter­ven­ti­on im rus­si­schen Bür­ger­krieg. Die­se Inter­ven­ti­on schei­ter­te, sie wur­de wegen des Wider­stands west­li­cher Sol­da­ten und Zivi­lis­ten, die mit den rus­si­schen Revo­lu­tio­nä­ren sym­pa­thi­sier­ten, abge­bro­chen. Doch der Traum, den Staat zu zer­stö­ren, der aus der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on her­vor­ge­gan­gen war, blieb leben­dig. Die west­li­chen Eli­ten waren hoch­er­freut, als Hit­ler in Deutsch­land an die Macht kam und bereit schien, die Auf­ga­be für sie zu über­neh­men, auch wenn sie dies nicht öffent­lich sagen konn­ten. Wir wer­den uns spä­ter mit den Ent­wick­lun­gen in den drei­ßi­ger Jah­ren befas­sen, doch zunächst müs­sen eini­ge Din­ge über die Situa­ti­on in Ost­eu­ro­pa kurz vor und nach dem Ende des Ers­ten Welt­kriegs geklärt wer­den, als in Russ­land eine Revo­lu­ti­on wütete.

Revolution und Konterrevolution im zaristischen Vielvölkerstaat

Das zaris­ti­sche Russ­land war ein Viel­völ­ker­staat, und alle Regio­nen und Ein­woh­ner waren an der Revo­lu­ti­on betei­ligt. Man kann sagen, dass die grund­le­gen­de Wahl zwi­schen der »roten« Revo­lu­ti­on und der »wei­ßen« Kon­ter­re­vo­lu­ti­on bestand, obwohl es mehr als die­se zwei Optio­nen gab. Man muss sich auch vor Augen hal­ten, dass die Revo­lu­ti­on den sozia­lis­ti­schen Inter­na­tio­na­lis­mus beton­te, wäh­rend die Kon­ter­re­vo­lu­ti­on den Natio­na­lis­mus ver­tei­dig­te, för­der­te und wenn nötig sogar erschuf. Die natio­na­lis­ti­schen Kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re inner­halb von Min­der­hei­ten wie den Polen, Fin­nen, Bal­ten und Geor­gi­ern streb­ten in der Regel die Grün­dung völ­lig unab­hän­gi­ger, eth­nisch und sprach­lich homo­ge­ner Län­der mit einem nicht­so­zia­lis­ti­schen sozi­al­öko­no­mi­schen Sys­tem an, die sich gegen ein von den Bol­sche­wi­ki geführ­tes revo­lu­tio­nä­res Russ­land oder spä­ter die Sowjet­uni­on rich­te­ten; außer­dem woll­ten die Natio­na­lis­ten, dass ihr Land ein mög­lichst gro­ßes Ter­ri­to­ri­um kon­trol­lier­te, das sogar Regio­nen umfass­te, in denen ihre eige­ne Eth­nie eine Min­der­heit darstellte.

Die inter­na­tio­na­lis­ti­schen Revo­lu­tio­nä­re inner­halb jeder Min­der­heit zogen es dage­gen vor, Sei­te an Sei­te mit den Revo­lu­tio­nä­ren ande­rer Volks­grup­pen gegen den gemein­sa­men Klas­sen­feind, die aris­to­kra­ti­schen Groß­grund­be­sit­zer und bür­ger­li­chen Kapi­ta­lis­ten, zu kämp­fen, auch gegen die ihrer eige­nen eth­ni­schen und sprach­li­chen Her­kunft. Und sie streb­ten nicht nach voll­stän­di­ger Unab­hän­gig­keit, son­dern nach Auto­no­mie inner­halb einer supra­na­tio­na­len Föde­ra­ti­on sozia­lis­ti­scher Repu­bli­ken, in die sich das revo­lu­tio­nä­re Russ­land offi­zi­ell ver­wan­del­te, als es 1922 zur »Uni­on der Sozia­lis­ti­schen Sowjet­re­pu­bli­ken« (UdSSR), auch bekannt als Sowjet­uni­on, wur­de. Lenin und die Bol­sche­wi­ki erkann­ten das Selbst­be­stim­mungs­recht der Min­der­hei­ten an, aber inner­halb jeder eth­ni­schen Min­der­heit unter­stütz­ten sie selbst­ver­ständ­lich ihre revo­lu­tio­nä­ren Mit­strei­ter, die loka­len »Roten«, die die loka­len natio­na­lis­ti­schen »Wei­ßen« bekämpften.

Deutsche Interventionen in Finnland und in der Ukraine

In Finn­land, das vor­mals unter schwe­di­scher Herr­schaft stand und nach den napo­leo­ni­schen Krie­gen als auto­no­mes Groß­her­zog­tum in das Rus­si­sche Reich ein­ge­glie­dert wor­den war, lös­te die rus­si­sche Revo­lu­ti­on von 1917 ein Bür­ger­krieg aus. Der Sieg der fin­ni­schen »Wei­ßen« wur­de durch die mili­tä­ri­sche Inter­ven­ti­on Deutsch­lands gesi­chert, ange­führt von einem Gene­ral mit aris­to­kra­ti­schem Hin­ter­grund, Carl Gus­taf Emil Man­ner­heim; ein Sieg, der mit einem blu­ti­gen »wei­ßen Ter­ror« besie­gelt wur­de, der bis heu­te einen kal­ten Schat­ten auf das skan­di­na­vi­sche Land wirft. Die von Lenin geführ­te rus­si­sche Revo­lu­ti­ons­re­gie­rung hat­te die Unab­hän­gig­keit Finn­lands bereits im Janu­ar 1918 aner­kannt. Unter Man­ner­heim wur­de Finn­land nicht zu einer Demo­kra­tie, son­dern zu einer Mili­tär­dik­ta­tur und nach Hit­lers Macht­an­tritt 1933 zu einem Freund und Ver­bün­de­ten Nazi-Deutschlands.

Bevor sich Deutsch­land nach sei­ner Nie­der­la­ge im Ers­ten Welt­krieg von der ost­eu­ro­päi­schen Büh­ne zurück­zog, inter­ve­nier­te sei­ne Armee auch in der Ukrai­ne, in der Hoff­nung, dort einen for­mal unab­hän­gi­gen Mario­net­ten­staat zu errich­ten. In die­sem Zusam­men­hang unter­stütz­ten die Deut­schen nicht die dor­ti­gen kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren »Wei­ßen«, die rus­si­schen Zaris­ten. Statt­des­sen unter­stütz­ten sie eine Bewe­gung von »Wei­ßen«, die sich ganz von Russ­land abspal­ten woll­ten, oder stampf­ten sie prak­tisch aus dem Boden. Mit ande­ren Wor­ten: Die Deut­schen stan­den Pate für den ukrai­ni­schen Natio­na­lis­mus. Ihre Bemü­hun­gen waren jedoch ver­geb­lich. Die »Roten« in der Ukrai­ne setz­ten sich durch, und das Land wur­de zu einer Sowjet­re­pu­blik inner­halb der UdSSR.

Konterrevolutionäre im Baltikum

Wie der Rest des Zaren­reichs war auch das Bal­ti­kum 1917 über­reif für eine Revo­lu­ti­on. Lenin und die bol­sche­wis­ti­schen Revo­lu­tio­nä­re genos­sen in der gesam­ten Regi­on einen erheb­li­chen Rück­halt in der Bevöl­ke­rung, vor allem bei den Arbei­tern, nicht nur in den Städ­ten, son­dern auch auf dem Land. Das Ein­tre­ten der Bol­sche­wi­ki für Frie­den und radi­ka­le Refor­men, ein­schließ­lich der Umver­tei­lung von Land und der Ver­ge­sell­schaf­tung von Pro­duk­ti­ons­mit­teln, traf im Bal­ti­kum wie im rus­si­schen Kern­land auf brei­te Reso­nanz und mach­te die Bol­sche­wi­ki popu­lär. Im Novem­ber-Dezem­ber 1918 wur­den in Est­land, Lett­land und Litau­en wie im Her­zen des Zaren­reichs Sowjets aus Sol­da­ten, Arbei­tern und Bau­ern gebil­det. Die­se Repu­bli­ken knüpf­ten enge Ver­bin­dun­gen zu ihren rus­si­schen Mit­re­vo­lu­tio­nä­ren. Und sie hät­ten sich zwei­fel­los der »Uni­on der sozia­lis­ti­schen Räte­re­pu­bli­ken« ange­schlos­sen, die 1922 aus der Revo­lu­ti­on und dem Rus­si­schen Bür­ger­krieg her­vor­ge­hen soll­te, also der Sowjet­uni­on, wäre es nicht zur bewaff­ne­ten Inter­ven­ti­on auf der Sei­te der bal­ti­schen Kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re durch ihre rus­si­schen Gegen­spie­ler und, was noch wich­ti­ger war, durch aus­län­di­sche Mäch­te, zunächst Deutsch­land und dann die west­li­chen Alli­ier­ten, gekom­men.4

Die bal­ti­schen kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren »Wei­ßen« waren ein bun­ter Hau­fen. Dazu gehör­ten die grund­be­sit­zen­den Aris­to­kra­ten deut­scher Her­kunft, demo­gra­fisch gese­hen eine Min­der­heit, aber eine (immer noch deutsch­spra­chi­ge) Eli­te, die das Bal­ti­kum seit der Erobe­rung der Regi­on durch den mit­tel­al­ter­li­chen Deut­schen Orden beherrsch­te und ihren Reich­tum, ihre Macht und ihre Pri­vi­le­gi­en unter der schwe­di­schen und rus­si­schen mon­ar­chi­schen Herr­schaft bewah­ren konn­te. Im Jahr 1917 schlos­sen sich die­se bal­tisch-deut­schen »Baro­ne« sofort dem übri­gen zaris­ti­schen Adel im Kampf gegen die Revo­lu­ti­on an. Der Groß­teil der bal­ti­schen »Wei­ßen« bestand jedoch aus Klein­bau­ern sowie aus der obe­ren und (meist) unte­ren Mit­tel­schicht. Sie wur­den als »ein­hei­misch« bezeich­net, weil sie die Volks­spra­che spra­chen und stolz auf ihre kul­tu­rel­le und sprach­li­che Iden­ti­tät waren – und auf ihre tra­di­tio­nel­le christ­li­che Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit (luthe­risch in Est­land und Lett­land, katho­lisch in Litau­en) – und hüll­ten sich in den Man­tel des est­ni­schen, let­ti­schen und litaui­schen Natio­na­lis­mus. Sie waren oft Besit­zer eines Bau­ern­hofs, klei­ner Unter­neh­men oder ande­ren Eigen­tums und oppo­nier­ten gegen die bal­ti­schen »Roten«, zumeist Arbei­ter in Stadt und Land, nicht nur wegen deren Sozia­lis­mus, son­dern auch wegen ihres Inter­na­tio­na­lis­mus. Die »Roten« streb­ten in ers­ter Linie die Eman­zi­pa­ti­on ihrer Klas­se und nicht ihrer Eth­nie an, wes­halb sie mit den rus­si­schen Bol­sche­wi­ki sym­pa­thi­sier­ten und zusam­men arbeiteten.

Die bal­ti­schen »Wei­ßen« ver­ab­scheu­ten eben­so die Juden, in der Regel Stadt­be­woh­ner, die ihren Lebens­un­ter­halt als klei­ne Geschäfts­leu­te und Frei­be­ruf­ler bestrit­ten. Sie hat­ten nicht die rich­ti­ge eth­ni­sche Zuge­hö­rig­keit, spra­chen nicht die rich­ti­ge Spra­che und hat­ten natür­lich nicht die rich­ti­ge Reli­gi­on. Noch wich­ti­ger war, dass vie­le von ihnen als Opfer der har­ten Unter­drü­ckung durch das zaris­ti­sche Regime mit der Revo­lu­ti­on sym­pa­thi­sier­ten und daher – zu Recht oder zu Unrecht – als auf der Sei­te der »Roten« ste­hend ange­se­hen wur­den. Es über­rascht nicht, dass all­zu vie­le bal­ti­sche »Wei­ße« der Vor­stel­lung vom jüdi­schen Bol­sche­wis­mus anhin­gen; und sie soll­ten sich eif­rig an den anti­se­mi­ti­schen Wut­aus­brü­chen, die die Nazis beim ihrem Ein­marsch 1941 ent­fes­sel­ten, beteiligen.

Die Westmächte greifen im Baltikum in den russischen Bürgerkrieg ein

Das Bal­ti­kum war stark in das bewaff­ne­te Ein­grei­fen der West­mäch­te in den rus­si­schen Bür­ger­krieg invol­viert, der somit im Wesent­li­chen eher ein inter­na­tio­na­ler Krieg als ein Bür­ger­krieg war. Die mäch­ti­ge Roy­al Navy spiel­te die Haupt­rol­le, aber die Inter­ven­ti­on beinhal­te­te auch den zyni­schen Ein­satz deut­scher Trup­pen, denen ein spe­zi­el­ler Arti­kel der deut­schen Kapi­tu­la­ti­on vom 11. Novem­ber 1918 erlaubt hat­te, im Gebiet zu blei­ben, um auf Anwei­sung aus Lon­don und/​oder Paris »Rote« zu bekämp­fen. Die­se erfah­re­nen deut­schen Trup­pen, meist rück­sichts­lo­se Frei­korps, füg­ten den Revo­lu­tio­nä­ren erheb­li­che Ver­lus­te zu. Aber sie hat­ten eine eige­ne Agen­da: Sie woll­ten den deutsch-bal­ti­schen »Baro­nen« die Macht­über­nah­me und die Grün­dung von Staa­ten ermög­li­chen, die sich zwei­fel­los als äußerst auto­ri­tä­re Satel­li­ten Deutsch­lands ent­puppt hät­ten. Das lag natür­lich nicht im Inter­es­se der west­li­chen Alli­ier­ten, und so wur­den die deut­schen Söld­ner ange­wie­sen, ins Vater­land zurück­zu­keh­ren, sobald sie den größ­ten Teil der schmut­zi­gen Arbeit erle­digt hat­ten, zu der auch zahl­rei­che Fäl­le von »wei­ßem Ter­ror« gehör­ten. (Nach ihrer Rück­kehr nach Deutsch­land schlos­sen sich die­se Män­ner den kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren, »pro­to­fa­schis­ti­schen« Kräf­ten an und ver­schmol­zen schließ­lich mit den Sturm­trup­pen der Nazis). In jedem Fall fie­len die jun­gen Räte­re­pu­bli­ken des Bal­ti­kums eher deut­schen Mili­tärs als ein­hei­mi­schen kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren Kräf­ten zum Opfer. Doch als die »rote Gefahr« neu­tra­li­siert und die Deut­schen selbst von der Bild­flä­che ver­schwun­den waren, erhiel­ten die bal­ti­schen »Wei­ßen«, die bis dahin kaum sicht­bar waren, grü­nes Licht aus Lon­don und Paris, um das Macht­va­ku­um zu fül­len.5

Unter sol­chen eher unde­mo­kra­ti­schen Umstän­den konn­ten die die natio­na­lis­ti­schen »Wei­ßen« dank bri­ti­scher Kano­nen­boo­te und deut­scher Mili­tär­macht drei unab­hän­gi­ge Staa­ten grün­den. Die­se Staa­ten waren demo­kra­tisch im bür­ger­lich-libe­ra­len Sin­ne des Wor­tes, pro­west­lich und somit anti­rus­sisch, kapi­ta­lis­tisch und somit anti­so­zia­lis­tisch und folg­lich extrem anti­so­wje­tisch. Ihre Regie­run­gen genos­sen jedoch nur sehr begrenz­ten Rück­halt in der Bevöl­ke­rung. So stell­te bei­spiels­wei­se ein Bericht der US-Regie­rung für Lett­land unmiss­ver­ständ­lich fest, dass die Regie­rung von Kar­lis Ulma­nis, dem Füh­rer einer Par­tei, die die Bau­ern­schaft ver­trat, »kein wirk­li­ches Man­dat des Vol­kes hat­te [und] unmög­lich durch eine all­ge­mei­ne Wahl hät­te auf­recht­erhal­ten wer­den kön­nen«.6

Hät­ten die revo­lu­tio­nä­ren »Roten« des Bal­ti­kums gesiegt, wären ihre Sowjet­re­pu­bli­ken zwei­fel­los der gro­ßen sozia­lis­ti­schen Föde­ra­ti­on der Sowjet­uni­on bei­getre­ten, die das Ergeb­nis der Revo­lu­ti­on im ehe­ma­li­gen rus­si­schen Zaren­reich war; einem Reich, von dem die bal­ti­schen Län­der his­to­risch eben­so sehr einen Teil waren wie Schott­land und Wales von Groß­bri­tan­ni­en, Kor­si­ka von Frank­reich und Hawaii von den Ver­ei­nig­ten Staa­ten (tatsäch­lich war die Sowjet­uni­on, wie Lucia­no Can­fo­ra in einem Inter­view beton­te, nicht als »Natio­nal­staat« gedacht, son­dern als »Kern eines grö­ße­ren Zusam­men­schlus­ses, der wach­sen soll­te, ohne jemals ein Natio­nal­staat zu wer­den«).7 Am Ende blie­ben eini­ge der »Roten«, die die Kämp­fe und die häu­fi­gen Fäl­le von »wei­ßem Ter­ror« über­leb­ten, in ihrer Hei­mat und hiel­ten die Füße still. Ande­re jedoch, dar­un­ter die berühm­ten let­ti­schen Roten Schüt­zen, flo­hen nach Russ­land, wo sie den Bol­sche­wi­ki hal­fen, den rus­si­schen Bür­ger­krieg zu gewin­nen; danach träum­ten sie von einem Come­back in ihrer Hei­mat. Die rus­si­sche Revo­lu­ti­ons­re­gie­rung, die mit dem Bür­ger­krieg beschäf­tigt war, erkann­te die drei neu­en Staa­ten des Bal­ti­kums in Frie­dens­ver­trä­gen vom Som­mer und Herbst 1920 for­mell an. Aber sie schütz­te die über­le­ben­den bal­ti­schen »Roten« und war­te­te, wie es Staa­ten unter sol­chen Umstän­den zu tun pfle­gen, auf eine Gele­gen­heit, den Aus­gang des Bür­ger­kriegs im Bal­ti­kum unge­sche­hen zu machen.

Die west­li­che Geschichts­schrei­bung wird der gera­de beschrie­be­nen Kom­ple­xi­tät der geschicht­li­chen Ent­wick­lung im All­ge­mei­nen nicht gerecht. Sie zieht es vor, einen wei­te­ren Mythos zu för­dern, näm­lich die Vor­stel­lung, dass der Kon­flikt im Bal­ti­kum ein ein­fa­cher schwarz-wei­ßer (oder bes­ser gesagt, rot-wei­ßer) Kon­flikt zwi­schen »Guten« und »Bösen« war. Die ers­te­ren waren die eth­nisch und sprach­lich makel­lo­sen (und vor­zugs­wei­se blon­den und blau­äu­gi­gen) Esten, Let­ten und Litau­er, unab­hän­gig von ihrer Klas­sen­zu­ge­hö­rig­keit, die angeb­lich tap­fer für die Errich­tung demo­kra­ti­scher und pro­west­li­cher unab­hän­gi­ger Staa­ten kämpf­ten und vom Wes­ten unei­gen­nüt­zig unter­stützt wur­den; Letz­te­re waren böse Außen­sei­ter, näm­lich rus­si­sche Bol­sche­wi­ken, die wie die rau­ben­den und plün­dern­den Mon­go­len in den bal­ti­schen Ver­tei­di­gungs­gür­tel Euro­pas stürm­ten, in der Hoff­nung, den wider­stre­ben­den Ein­hei­mi­schen ihr dik­ta­to­ri­sches poli­ti­sches und frem­des sozia­les und wirt­schaft­li­ches Sys­tem auf­zu­zwin­gen. Die­ses Sze­na­rio hat wenig oder kei­ne Ähn­lich­keit mit der his­to­ri­schen Rea­li­tät, es ist nur ein Mythos, aber ein sehr mäch­ti­ger. Er wird heu­te sehr leben­dig gehal­ten, da er sich als äußerst nütz­lich für anti­so­wje­ti­sche Zwe­cke in der Geschichts­schrei­bung und für russo­pho­be Zie­le in der Poli­tik erwie­sen hat.

Polen nutzt die Umwälzungen in Russland – mit Hilfe der Westmächte

Das Ein­grei­fen der Alli­ier­ten in den rus­si­schen Bür­ger­krieg beinhal­te­te auch die bewaff­ne­te Unter­stüt­zung eines wie­der­erstan­de­nen unab­hän­gi­gen Polens. Der neue pol­ni­sche Staat, von dem ein gro­ßer Teil, ein­schließ­lich War­schau, zum Rus­si­schen Reich gehört hat­te, wur­de von den bol­sche­wis­ti­schen Behör­den des revo­lu­tio­nä­ren Russ­lands prak­tisch sofort, näm­lich im August 1918, aner­kannt. Der pol­ni­sche Füh­rer Jozef Pil­sud­ski, Spross einer Adels­fa­mi­lie, träum­te jedoch von der Wie­der­her­stel­lung des gro­ßen pol­nisch-litaui­schen Rei­ches, das sich im 17. und 18. Jahr­hun­dert von der Ost­see bis zum Schwar­zen Meer erstreck­te. Er nutz­te die Umwäl­zun­gen in Russ­land, um einen Krieg gegen die Bol­sche­wi­ki zu füh­ren – den so genann­ten Rus­sisch-Pol­ni­schen Krieg von 1919 – 1921 – und es gelang ihm, mit beträcht­li­cher mili­tä­ri­scher Unter­stüt­zung Frank­reichs einen gro­ßen Teil der west­li­chen Gebie­te des ehe­ma­li­gen rus­si­schen Rei­ches zu erobern, dar­un­ter auch ukrai­ni­sche und weiß­rus­si­sche Gebie­te. Sein Ver­such, die gesam­te Ukrai­ne zu erobern, schei­ter­te, aber Pil­sud­ski gelang es, einen Teil des litaui­schen Ter­ri­to­ri­ums, näm­lich die Haupt­stadt Vil­ni­us, zu erobern und so die litaui­sche Regie­rung zu zwin­gen, in die Stadt Kau­nas umzu­sie­deln. In ähn­li­cher Wei­se nutz­te Rumä­ni­en den rus­si­schen Bür­ger­krieg, um sich ein Stück rus­si­sches Ter­ri­to­ri­um anzu­eig­nen, näm­lich Bes­sa­ra­bi­en, das heu­ti­ge Moldawien.

Das Ein­grei­fen der West­mäch­te in den rus­si­schen Bür­ger­krieg war also nicht völ­lig erfolg­los. Sie füg­te dem revo­lu­tio­nä­ren Russ­land ter­ri­to­ria­le Ver­lus­te zu und schuf an sei­ner West­gren­ze einen »Cor­don sani­taire« aus ent­schie­den anti­so­zia­lis­ti­schen und anti­rus­si­schen gro­ßen und klei­nen Staa­ten, eine Puf­fer­zo­ne, die den Wes­ten vor einer Anste­ckung mit dem bol­sche­wis­ti­schen Revo­lu­ti­ons­vi­rus schüt­zen soll­te, aber offen­sicht­lich auch als Sprung­brett für künf­ti­ge mili­tä­ri­sche Unter­neh­mun­gen gegen die Wie­ge der Revo­lu­ti­on die­nen konnte.

Der Sozialismus wird für die westliche Arbeiterklasse attraktiv

Das revo­lu­tio­nä­re Expe­ri­ment in der Sowjet­uni­on implo­dier­te nicht von selbst, wie die Staats­män­ner in Lon­don, Paris und Washing­ton lan­ge gehofft hat­ten. Im Gegen­teil, ab Anfang der drei­ßi­ger Jah­re, als die Welt­wirt­schafts­kri­se ver­hee­ren­de Aus­wir­kun­gen in der kapi­ta­lis­ti­schen Welt zei­tig­te, erleb­te die Sowjet­uni­on eine Art indus­tri­el­ler Revo­lu­ti­on, die es dem Land ermög­lich­te, beträcht­li­che wirt­schaft­li­che und sozia­le Fort­schrit­te zu erzie­len und gleich­zei­tig nicht nur wirt­schaft­lich, son­dern auch mili­tä­risch viel stär­ker zu wer­den. Infol­ge­des­sen wur­de der sozia­lis­ti­sches Gegen­ent­wurf zum Kapi­ta­lis­mus (und sei­ne kom­mu­nis­ti­sche Ideo­lo­gie) in den Augen der Ple­be­jer im Wes­ten, die zuneh­mend unter Arbeits­lo­sig­keit und Elend lit­ten, immer attraktiver.

In die­sem Zusam­men­hang wur­de die Sowjet­uni­on der west­li­chen Ober­schicht noch mehr zum Dorn im Auge. Umge­kehrt wur­de Hit­ler mit sei­nen Plä­nen für einen anti­so­wje­ti­schen Kreuz­zug zuneh­mend sym­pa­thisch – und poten­zi­ell nütz­lich. Dar­über hin­aus ver­dien­ten Kon­zer­ne und Ban­ken, vor allem ame­ri­ka­ni­sche, aber auch bri­ti­sche und fran­zö­si­sche, viel Geld, indem sie Nazi-Deutsch­land bei der Auf­rüs­tung hal­fen und ihm einen Groß­teil der dafür benö­tig­ten Mit­tel lie­hen.8 Nicht zuletzt glaub­te man, dass die Ermu­ti­gung eines deut­schen Kreuz­zu­ges im Osten das Risi­ko deut­scher aggres­si­ver Aben­teu­er im Wes­ten ver­rin­gern, wenn nicht gar ganz aus­schal­ten wür­de. Daher ist es ver­ständ­lich, dass Mos­kaus Vor­schlä­ge für ein Ver­tei­di­gungs­bünd­nis gegen Nazi­deutsch­land in den Macht­zen­tren der west­li­chen Haupt­städ­te auf wenig Gegen­lie­be stie­ßen. Es gab jedoch einen Grund, war­um die­se Vor­schlä­ge nicht ohne Wei­te­res abge­lehnt wer­den konnten.

Der nächs­te Teil wid­met sich den Hin­ter­grün­den der Appease­ment-Poli­tik, dem Münch­ner Abkom­men von 1938 und dem Zustan­de­kom­men des Hitler-Stalin-Paktes.

Bild: Beschuss einer fried­li­chen Arbei­ter­de­mons­tra­ti­on am New­ski-Pro­spekt in Petro­grad am 4. Juli 1917 durch Kadet­ten und Kosa­ken. Wik­tor Kar­lo­witsch Bul­la, Public domain, via Wiki­me­dia Com­mons

Literatur

Can­fo­ra, Lucia­no. Inter­vis­ta sul Pote­re, Bari, 2013.

Car­ley, Micha­el Jaba­ra. 1939: The Alli­an­ce That Never Was and the Com­ing of World War II, Chi­ca­go, 1999.

Ger­warth, Robert. The Van­quis­hed: Why the First World War Fai­led to End, New York, 2016.

Kir­by, David. The Bal­tic World 1772 – 1993: Europe’s Nort­hern Peri­phe­ry in an Age of Chan­ge, Lon­don und New York, 1995.

Kor­ablev, You­ri, und Ana­to­li Chou­ry­gui­ni­ne. La guer­re de 1918 – 1922: qua­tor­ze puis­san­ces liguées cont­re la Révo­lu­ti­on rus­se, Paris, 2017. 

Mül­ler, Rolf-Die­ter. Der Feind steht im Osten: Hit­lers gehei­me Plä­ne für einen Krieg gegen die Sowjet­uni­on im Jahr 1939, Ber­lin, 2011.

Par­mar, Inder­jeet. »Review: A Tri­lo­gy That Chal­len­ges the Core Self-Decla­red Vir­tu­es of Wes­tern Civi­li­sa­ti­on«, Wire, 11. Juli, 2022.

Pau­wels, Jac­ques. The Myth of the Good War: Ame­ri­ca in the Second World War, über­ar­bei­te­te Aus­ga­be, Toron­to, 2015.

Wai­te, Robert G. L. Van­guard of Nazism: The Free Corps Move­ment in Post­war Ger­ma­ny 1918 – 1923, New York, 1969.

Verweise

1 Eine aus­führ­li­che Dar­stel­lung dazu lie­fert der kana­di­sche His­to­ri­ker Micha­el Jaba­ra Car­ley in sei­nem Buch 1939: The Alli­an­ce That Never Was and the Com­ing of World War II (1939: Das Bünd­nis, das es nie gab und der Beginn des Zwei­ten Welt­kriegs).

2 Sie­he Paul Hane­brink in Das ewi­ge Feind­bild. Anti­se­mi­ti­sche Ver­schwö­rungs­theo­rien und ihre lan­ge Geschich­te in der Le Mon­de diplo­ma­tique, Dezem­ber 2019 (Hin­weis des Über­set­zers).

3 Sie­he die Stu­die von Rolf-Die­ter Mül­ler (2011).

4 Kor­ablev und Chou­ry­gui­ni­ne (2017), S. 28 – 30.

5 Kor­ablev und Chou­ry­gui­ni­ne (2017), S. 32. Die Ent­wick­lun­gen in Lett­land wer­den beschrie­ben in Ger­warth (2016), S. 69 – 76.

6 Kir­by (1995), S. 259 – 270; Wai­te (1969), S. 97 – 130. Ulma­nis-Zitat aus Wai­te, S. 112, Fuß­no­te 59.

7 Can­fo­ra (2013), S. 20.

8 Sie­he Pau­wels (2015)

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