Kleine linke Klimaserie (III): Temperaturentwicklung der letzten 1000 – 2000 bzw. 3 Jahre

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Pro­pa­gan­da täuscht die Men­schen nicht;
sie hilft ihnen nur, sich selbst zu täuschen.

Eric Hof­fer, Phi­lo­soph (1951)

Die­ser Arti­kel stellt den Auf­takt der im Monats­rhyt­mus erschei­nen­den »klei­nen lin­ken Kli­ma­se­rie« in der Mag­Ma dar. Bis­her erschienen:

Temperaturentwicklung der letzten 1000 – 2000 bzw. 3 Jahre

In der 2. Fol­ge die­ser Serie wur­den Dar­stel­lun­gen zur Tem­pe­ra­tur­ent­wick­lung der letz­ten 1000 – 2000 aus den Berich­ten des »Welt­kli­ma­rats« (IPCC) seit 1990 vor­ge­stellt und der Ein­fluss sta­tis­ti­scher Ver­fah­ren zur Rekon­struk­ti­on ver­gan­ge­ner Tem­pe­ra­tur­ver­läu­fe ange­deu­tet. Zusam­men­fas­send scheint es in den Kli­ma­wis­sen­schaf­ten zwei Denk­schu­len zu geben: eine stellt sich unse­re Tem­pe­ra­tur­ver­gan­gen­heit eher als Hockey­schlä­ger vor und und die ande­re eher als Achterbahn.

Im neu­es­ten IPCC-Bericht (1) von 2021/22 sieg­te der Hockeyschläger:

Die Gra­fik, gezeigt in der »Zusam­men­fas­sung für die poli­ti­sche Ent­schei­dungs­fin­dung« (SPM – Sum­ma­ry for Poli­cy Makers), macht deut­lich, dass heu­ti­ge Tem­pe­ra­tu­ren außer­ge­wöhn­lich hoch sind.

Der Bal­ken links in der Gra­fik ist beschrif­tet mit: »Wärms­te meh­re­re Jahr­hun­der­te andau­ern­de Peri­ode in den letz­ten 100.000 Jah­ren«. Oben steht: »Erwär­mung ist in über 2000 Jah­ren bei­spiel­los«. (2) Rechts, schwarz sind Ther­mo­me­ter­da­ten (»obser­ved« / beob­ach­tet) eingezeichnet.

Wie beim Hockey­schlä­ger im IPCC-Bericht von 2001 gibt es kei­ne Mit­tel­al­ter­li­che Warm­pe­ri­ode (MWP), aber die Klei­ne Eis­zeit darf sich deut­li­cher zei­gen. Quel­len­an­ga­ben zur Gra­fik fin­de ich nicht, so dass ich rate: Zur Rekon­struk­ti­on wur­de ein sta­tis­ti­sches Ver­fah­ren gewählt, das ver­gan­ge­ne Tem­pe­ra­tur­schwan­kun­gen glät­tet, nicht CPS. Pro­xies, die eine hohe Kli­ma­va­ria­bi­li­tät auf­wei­sen, wie sie in der Dar­stel­lung des IPCC-Berichts von 2013 vor­kom­men, wur­den weggelassen.

Unter der Hockey­schlä­ger-Gra­fik steht:

Der senk­rech­te Bal­ken auf der lin­ken Sei­te zeigt die geschätz­te Tem­pe­ra­tur (sehr wahr­schein­li­che Band­brei­te) wäh­rend des wärms­ten meh­re­re Jahr­hun­der­te lan­gen Zeit­raums in den letz­ten 100 000 Jah­ren, die vor etwa 6 500 Jah­ren wäh­rend der aktu­el­len Warm­zeit (Holo­zän) auf­trat. Die Letz­te Warm­zeit vor etwa 125 000 Jah­ren ist der nächst­jün­ge­re Kan­di­dat für einen Zeit­raum mit höhe­ren Tem­pe­ra­tu­ren. Die­se ver­gan­ge­nen Wär­me­pha­sen wur­den durch lang­sa­me (meh­re­re Jahr­tau­sen­de dau­ern­de) Schwan­kun­gen der Erd­um­lauf­bahn ver­ur­sacht. Graue, weiß-schraf­fier­te Flä­chen geben die sehr wahr­schein­li­chen Band­brei­ten für die Tem­pe­ra­tur­re­kon­struk­tio­nen an. (3)

Die unter­stri­che­nen Aus­drü­cke sind auch im Ori­gi­nal her­vor­ge­ho­ben. Mit »sehr wahr­schein­lich« ist eine Wahr­schein­lich­keit des Zutref­fens der Aus­sa­ge von min­des­tens 90 % gemeint. (4)

Auf der Suche nach einer Quel­len­an­ga­be für den Hockey­schlä­ger sto­ße ich auf fol­gen­de Gra­fik in der »Tech­ni­schen Zusam­men­fas­sung«, die zum wis­sen­schaft­li­chen Teil des IPCC-Berichts (5) gehört:

Die­se Gra­fik scheint eine kom­pli­zier­te­re Vari­an­te der Hockey­schlä­ger-Gra­fik in der SPM zu sein. Der Erklä­rungs­text zu ihr lautet:

Tem­pe­ra­tu­ren, die so hoch sind wie im jüngs­ten Jahr­zehnt (2011 – 2020), über­schrei­ten den wärms­ten hun­dert­jäh­ri­gen Bereich vor etwa 6500 Jah­ren [0,2°C bis 1°C], der für die gegen­wär­ti­ge Zwi­schen­eis­zeit rekon­stru­iert wur­de (mitt­le­res Ver­trau­en). Die nächst jün­ge­re Warm­zeit bestand vor etwa 125 000 Jah­ren […], als der mehr­hun­dert­jäh­ri­ge Tem­pe­ra­tur­be­reich [0,5°C bis 1,5°C] die Wer­te von 2011 – 2020 erreich­te (mitt­le­res Ver­trau­en). (6)

Beim unter­stri­che­nen Aus­druck »mitt­le­res Ver­trau­en« geht es um einen Farb­ver­lauf, wie er in der 1. Fol­ge die­ser Serie vor­ge­stellt wur­deaber hüb­scher gezeich­net und deut­lich gemacht, dass es nicht um eine »Fak­tenaus­sa­ge« (»State­ment of fact«) geht (7):

Beim Ver­gleich gegen­wär­ti­ger mit ver­gan­ge­nen Tem­pe­ra­tur­hö­hen kam das zustän­di­ge Wis­sen­schaftsteam laut obi­gem Zitat auf »mitt­le­res Ver­trau­en« (»Medi­um con­fi­dence«), d.h. auf eine 3 in der Ska­la von 1 bis 5. Das könn­te bedeu­ten:

  • Mitt­le­re Ein­mü­tig­keit des Teams – mitt­le­re Nachweisbarkeit

  • Mitt­le­re Ein­mü­tig­keit des Teams – beschränk­te Nachweisbarkeit

  • Gerin­ge Ein­mü­tig­keit des Teams – hohe Nachweisbarkeit.

Wäre es über- oder unter­trie­ben, dem zu ent­neh­men: Die Behaup­tung der Bei­spiel­lo­sig­keit der gegen­wär­ti­gen Erwär­mung in den letz­ten 2000 Jah­ren ist eine Ver­mu­tung, für die eini­ges spricht?

Wes­halb wur­de in der Gra­fik­be­schrei­bung der SPM das nur »mitt­le­re Ver­trau­en« unter­schla­gen und dafür mit zwei »sehr wahr­schein­lich« gewedelt?

Als Quel­le zumin­des­tens des Hockey­schlä­ger-Stiels wird auf der Gra­fik, links oben grün, PAGES 2k angegeben.

PAGES und PAGES 2k

PAGES steht für Past Glo­bal Chan­ges (Glo­ba­le Ver­än­de­run­gen der Ver­gan­gen­heit), eine Orga­ni­sa­ti­on mit Sitz an der Uni­ver­si­tät von Bern in der Schweiz. PAGES betreibt eine inter­na­tio­na­le Rekru­tie­rung von Wis­sen­schaft­le­rin­nen zur Bear­bei­tung paläo­wis­sen­schaft­li­cher The­men mit Schwer­punkt Kli­ma und eröff­net damit vor allem jun­gen Wis­sen­schaft­le­rin­nen Mög­lich­kei­ten zum Auf­bau ihrer Kar­rie­re durch Kon­tak­te und Zugang zu For­schungs­vor­ha­ben. Als Finan­zie­rungs­quel­len wer­den die Schwei­zer Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten und die Chi­ne­si­sche Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten genannt. Letz­te­re ersetzt seit 2019 (Trump-Zeit) die Finan­zie­rung durch Wis­sen­schafts­or­ga­ni­sa­tio­nen der USA. PAGES ist Teil eines umfas­sen­de­ren Netz­wer­kes namens Future Earth (Zukünf­ti­ge Erde), das Stif­tun­gen Super­rei­cher im Ver­bund mit Regie­rungs­in­sti­tu­tio­nen und Uni­ver­si­tä­ten ver­schie­de­ner Län­der betrei­ben. (8)

PAGES 2k ist eine Art Spe­zi­al­ein­heit von PAGES, die sich um die Tem­pe­ra­tu­ren der ver­gan­ge­nen 2000 Jah­re küm­mert (daher »2k[ilo]«). Gegrün­det 2008, pflegt PAGES 2k ein glo­ba­les Netz­werk von Wis­sen­schaftsteams, die Pro­xy-Daten in einer gemein­sa­men, öffent­lich zugäng­li­chen Daten­bank sam­meln und mit gemein­sa­men Publi­ka­tio­nen zu Pro­xy-Rekon­struk­tio­nen der Tem­pe­ra­tur­ent­wick­lung her­vor­tre­ten. In einer Selbst­dar­stel­lung von 2017 heißt es:

Das ers­te Schlüs­sel­pro­dukt war die koor­di­nier­te Ver­öf­fent­li­chung von Tem­pe­ra­tur­re­kon­struk­tio­nen aus sie­ben Kon­ti­nen­ten, die in den Fünf­ten Sach­stands­be­richt des Zwi­schen­staat­li­chen Aus­schus­ses für Kli­ma­än­de­run­gen [IPCC] ein­flos­sen (PAGES 2k Con­sor­ti­um, 2013). Zum ers­ten Mal wur­den die kon­ti­nen­ta­len Tem­pe­ra­tur­ver­läu­fe über das 2k-Inter­vall [die ver­gan­ge­nen 2000 Jah­re] sys­te­ma­tisch ver­gli­chen. Die Ergeb­nis­se zeig­ten, dass es kei­ne glo­bal kon­sis­ten­ten Tem­pe­ra­tur­schwan­kun­gen gab, die mit einer welt­wei­ten »mit­tel­al­ter­li­chen Warm­zeit« oder »klei­nen Eis­zeit« ver­ein­bar wären. Es gab jedoch eine nahe­zu glo­ba­le lang­fris­ti­ge Abküh­lungs­ten­denz […], die in einem kal­ten Inter­vall von 1580 bis 1880 gip­fel­te. Im Gegen­satz dazu war der Zeit­raum von 1971 bis 2000 der wärms­te der letz­ten 1400 Jahre.

Durch die­se Ver­öf­fent­li­chung erhielt das 2k Netz­werk auch außer­halb des Bereichs Paläo­kli­ma und in der brei­ten Öffent­lich­keit gro­ße Auf­merk­sam­keit, und sie ist ein Mei­len­stein auf dem Weg, die 2k-Paläo­kli­ma­for­schung für ein brei­te­res Publi­kum zugäng­lich und ver­ständ­lich zu machen. Sie ran­giert der­zeit im 99. Per­zen­til der Erd- und Pla­ne­to­lo­gie-Arti­kel des­sel­ben Alters und Doku­men­ten­typs in Bezug auf Zita­te, Men­de­ley-Leser [sozia­les Netz­werk für Aka­de­mi­ke­rin­nen] und Tweets, und erhielt 27 Erwäh­nun­gen in den Mas­sen­me­di­en. (9)

Die Detail­liert­heit des letz­ten Absat­zes im Zitat erklärt sich dar­aus, dass im West­li­chen Wis­sen­schafts­be­trieb die Ein­kom­mens­chan­cen von Wis­sen­schaft­le­rin­nen von der Anzahl und dem Ein­fluss ihrer Publi­ka­tio­nen abhän­gen. (10) »Macht bei uns mit«, scheint der Absatz zu sagen, »bei uns wer­det ihr erfolgreich!«

Was mögen die Gün­de der gro­ßen Auf­merk­sam­keit gewe­sen sein? Viel­leicht die Kor­rekt­heit der Ergebnisse? 

Das »Schlüs­sel­pro­dukt« bezog sich auf die Jah­re 0 bis 2000 AD (Anno Domi­ni, im Jah­re des Herrn, n. Chr.). Es ent­hielt Feh­ler, die nach und nach kor­ri­giert wur­den. (11) Einer die­ser Feh­ler betraf die Aus­sa­ge, die Ark­tis sei von allen 30-Jah­res-Peri­oden seit dem Jahr 0 in der Peri­ode 1941 – 1970 am wärms­ten gewe­sen. In der Kor­rek­tur von 2015 heißt es: »die bes­te Schät­zung der Tem­pe­ra­tur zeigt, dass der wärms­te 30-Jah­res-Zeit­raum um das Jahr 395 AD liegt«.

Die Kor­rek­tur ent­hält einen Dank an Ste­phen McIn­ty­re, einem Berg­bau­spe­zia­lis­ten im (Halb-)Ruhestand außer­halb des Wis­sen­schafts­be­triebs, ohne des­sen ungefrag­te Bemü­hun­gen seit dem ers­ten Hockeyschlä­ger von 2001 wahr­schein­lich so eini­ge Feh­ler unent­deckt geblie­ben wären. (12)

Über ande­re Erd­ge­bie­te heißt es im »Schlüs­sel­pro­dukt«:

In Asi­en und Aus­tral­asi­en war die rekon­stru­ier­te Tem­pe­ra­tur im Zeit­raum 19712000 höher als in jedem ande­ren 30-jäh­ri­gen Zeit­raum. […] In Süd­ame­ri­ka war die rekon­stru­ier­te Tem­pe­ra­tur von 19712000 AD ähn­lich hoch wie das Rekord­ma­xi­mum von 12511280 AD. In Nord­ame­ri­ka schließt die rekon­stru­ier­te Tem­pe­ra­tur für den Zeit­raum 19712000 die war­men Jahr­zehn­te seit 1980 nicht ein und unter­schätzt daher die tat­säch­li­che Tem­pe­ra­tur für die­sen Zeit­raum. In Euro­pa wur­den in den Jah­ren 741770 AD etwas höhe­re rekon­stru­ier­te Tem­pe­ra­tu­ren regis­triert, und der Zeit­raum von 2180 AD war wesent­lich wär­mer als 19712000. In der Ant­ark­tis war es wahr­schein­lich in einem Zeit­raum von 16711700 AD wär­mer als 19712000, und der gesam­te Zeit­raum von 1411250 war wär­mer als 19712000. (13)

Danach wäre die Aus­sa­ge in der Selbst­dar­stel­lung, »der Zeit­raum von 1971 bis 2000 [war] der wärms­te der letz­ten 1400 Jah­re«, zu kor­ri­gie­ren, etwa zu einer Aus­sa­ge wie: von sie­ben unter­such­ten Erd­ge­bie­ten waren zwei, Asi­en und Aus­tral­asi­en, und viel­leicht Nord­ame­ri­ka im Zeit­raum von 1971 bis 2000 wär­mer als im Ver­lauf der vor­an­ge­gan­ge­nen 1400 bzw. 2000 Jahre.

Aber die­se Aus­sa­ge könn­te auch wie­der nicht so ganz stim­men. In einer 2000-Jahr-Stu­die, die eben­falls 2013 erschien und sich auf Chi­na – rund 1/5 der Land­flä­che Asi­ens – bezieht, heißt es:

Die Tem­pe­ra­tu­ren wäh­rend 981‑1100 AD und 1201 – 1270 AD sind mit denen der gegen­wär­ti­gen Warm­zeit ver­gleich­bar, wei­sen jedoch eine Unsi­cher­heit von ±0,28 °C bis ±0,42 °C im 95%igen Ver­trau­ens­be­reich auf. Die Tem­pe­ra­tur­schwan­kun­gen über Chi­na sind in der Regel mit denen der nörd­li­chen Hemi­sphä­re (NH) nach 1000 pha­sen­gleich, ein Zeit­raum, der die Mit­tel­al­ter­li­che Kli­ma­ano­ma­lie, die Klei­ne Eis­zeit und die gegen­wär­ti­ge Warm­zeit umfasst. Im Gegen­satz dazu war eine war­me Peri­ode in Chi­na zwi­schen 541 und 740 AD nicht offen­sicht­lich in der NH. (14)

Die zuge­hö­ri­ge Gra­fik ist der Ach­ter­bahn im IPCC-Bericht (15) von 1990 nicht unähnlich:

Die fet­te rote und blaue Linie zei­gen Tem­pe­ra­tur­ver­läu­fe, die mit unter­schied­li­chen sta­tis­ti­schen Rekon­struk­ti­ons­me­tho­den ermit­telt wur­den (Rot: PLS, Blau: PCR). Die Hin­ter­grund­flä­chen bedeu­ten 95%-Konfidenzintervalle. Grün (rechts) sind Ther­mo­me­ter­da­ten dar­ge­stellt. Die
Trep­pen­li­nie unten gibt die Anzahl der ver­wen­de­ten Pro­xy-Daten­sät­ze an. (16)

Hockeyschläger oder Achterbahn?

Hin­wei­se auf Erd­ge­bie­te, die frü­her wär­mer gewe­sen sein könn­ten, sind in Hockey­schlä­ger-Gra­fi­ken nicht zu sehen. Der Ein­druck, den sie ver­mit­teln, dass es auf der gan­zen Welt außer­ge­wöhn­lich wär­mer wird, macht Hockey­schlä­ger-Gra­fi­ken sehr beein­dru­ckend und den Gedan­ken, mensch­li­che Treib­haus­gas-Emis­sio­nen sei­en die Ursa­che der Erwär­mung, sehr über­zeu­gend. Tauch­ten die Hockey­schlä­ger von 2001 und 2021 des­halb an vor­de­rer SPM-Stel­le auf, wäh­rend Ach­ter­bah­nen auf die Hin­ter­bän­ke der IPCC-Berich­te mussten?

2019 leg­te das PAGES 2k Con­sor­ti­um einen Hockey­schlä­ger vor, der etwa so aus­sieht wie der im SPM von 2021 – falls er es nicht sogar ist. (17) Im Zusam­men­hang mit der Hand­ha­bung von Pro­xy-Daten, die ihm zugrun­de liegt, tra­ten meh­re­re Wis­sen­schaft­le­rin­nen aus dem PAGES-Pro­jekt aus. Einer von ihnen, Ulf Bünt­gen, Pro­fes­sor in Eng­land und Tsche­chi­en, berich­te­te 2021 in einem Interview:

Eini­ge Kol­le­gen und auch ich sind schon vor eini­gen Jah­ren aus dem »Pages«-Projekt aus­ge­stie­gen, weil wir nicht mehr ein­ver­stan­den waren, wie groß­räu­mi­ge Daten­sät­ze zusam­men­ge­stellt und ana­ly­siert wur­den.[…] Die Aus­wahl der Daten war mir und ande­ren Kol­le­gen nicht kri­tisch genug. […] Je wei­ter wir in die Ver­gan­gen­heit zurück­ge­hen, des­to schlech­ter ist die Daten­ba­sis. Über die­sen Punkt sind sich zwar alle einig, aber die damit ver­bun­de­nen Unsi­cher­hei­ten wer­den oft­mals nur bedingt sta­tis­tisch und gra­fisch berück­sich­tigt. Als Ergeb­nis wird dann eine hohe Ver­läss­lich­keit der Rekon­struk­tio­nen sug­ge­riert, die so lei­der nicht vor­liegt. (18)

Ohne Pro­fes­sur und eta­blier­ten Zugang zu For­schungs­gel­dern wird es wohl nicht so ein­fach sein, aus Zusam­men­hän­gen wie PAGES aus­zu­stei­gen, bloß weil man mit der dort herr­schen­den Daten­hand­ha­bungs­phi­lo­so­phie nicht ein­ver­stan­den ist.

Bünt­gen reprä­sen­tiert die tra­di­tio­nel­le bür­ger­li­che Hal­tung »des Wis­sen­schaft­lers«, das Gegen­teil der Hal­tung Ste­phen Schnei­ders in der 1. Fol­ge. Auf die Fra­ge »Aber war­um soll man nicht ein­fach den bes­ten Stand des Wis­sens zei­gen?« ant­wor­tet er:

Das muss man natür­lich machen, aber dann darf man nicht gleich­zei­tig sagen, dass wir den ver­gan­ge­nen Tem­pe­ra­tur­ver­lauf zei­gen, son­dern eben nur das, was wir über den ver­gan­ge­nen Tem­pe­ra­tur­ver­lauf wis­sen. Und da müs­sen wir auf die bestehen­den Wis­sens­lü­cken auf­merk­sam machen. (19)

Zusam­men mit 21 Kol­le­gin­nen ver­öf­fent­lich­te Bünt­gen 2020 eine Stu­die zum nicht-tro­pi­schen Som­mer­tem­pe­ra­tur­ver­lauf auf der Nord­halb­ku­gel zwi­schen den Jah­ren 1 und 2010 CE (Com­mon Era / all­ge­mei­ne Ära / reli­gi­ös neu­tra­ler Aus­druck für n. Chr. / nach unse­rer Zeit­rech­nung n.u.Z. (20)). In der Stu­die heißt es:

Die Spit­zen­er­wär­mung in den 280er, 990er und 1020er Jah­ren, als die vul­ka­ni­schen Ein­flüs­se gering waren, war bis 2010 CE mit moder­nen Bedin­gun­gen ver­gleich­bar. […] Wäh­rend die anhal­ten­de Wär­me in der Zeit des Römi­schen Rei­ches und des Mit­tel­al­ters mit der Ten­denz zu gesell­schaft­li­chem Wohl­stand in wei­ten Tei­len des nordatlantischen/​europäischen Sek­tors und Ost­asi­ens ein­her­ging, waren grö­ße­re Epi­so­den vul­ka­nisch erzwun­ge­ner som­mer­li­cher Abküh­lung oft mit weit ver­brei­te­ten Hun­gers­nö­ten, Pest­aus­brü­chen und poli­ti­schen Umwäl­zun­gen ver­bun­den. Unse­re Stu­die zeigt eine grö­ße­re Ampli­tu­de räum­lich syn­chro­ni­sier­ter som­mer­li­cher Tem­pe­ra­tur­schwan­kun­gen wäh­rend des ers­ten Jahr­tau­sends unse­rer Zeit­rech­nung als bis­her ange­nom­men. (21)

Die Stu­die schaff­te es nicht in den IPCC-Bericht.

Strategisch/​taktisch gese­hen ist unter den gege­be­nen Bedin­gun­gen die tra­di­tio­nelle bür­ger­li­che Hal­tung von Bünt­gen der finan­zier­ten Com­mu­ni­tybil­dung von PAGES und Future Earth unter­le­gen. Um zu ver­hin­dern, dass Geldflüs­se, nega­ti­ve Aus­le­se der »Unpas­sen­den« und gute Bezie­hun­gen zur IPCC-Füh­rungs­cli­que und zu Mas­sen­me­di­en Grup­pie­run­gen her­vor­brin­gen, die im Sin­ne poli­ti­scher Agen­den die Hege­mo­nie im Wis­sen­schafts­be­trieb über­neh­men, wäre gesell­schaft­lich eini­ges zu verändern.

In den nächs­ten Fol­gen wird unter­sucht, was es mit Ther­mo­me­ter­da­ten und deren Mit­tel­wer­ten auf sich hat. Mit Hil­fe von Ther­mo­me­tern ermit­tel­te Tem­pe­ra­tur­ent­wick­lun­gen soll­ten doch etwas gesi­cher­ter sein als Proxy-Rekonstruktionen?

Damit zwi­chen­zeit­lich nichts ver­harm­lost wird: Nach Beginn der Indus­tria­li­sie­rung sind offi­zi­el­len Anga­ben zufol­ge die Mit­tel­tem­pe­ra­tu­ren in sämt­li­chen Gegen­den der Welt gestie­gen! (22)

Verweise

2 IPCC (offi­zi­el­le Über­set­zung): Kli­ma­wan­del 2021 – Natur­wis­sen­schaft­li­che Grund­la­gen – Zusam­men­fas­sung für die poli­ti­sche Ent­schei­dungs­fin­dung, S. SPM‑5. Frü­her wur­de »Sum­ma­ry for Poli­cy Makers« männ­lich-auto­kra­tisch mit »Zusam­men­fas­sung für poli­ti­sche Ent­schei­dungs­trä­ger« übersetzt.

Quel­len­an­ga­be nach »Zitier­vor­schrift« (in der eng­li­schen Ver­si­on nur eine »Sollte«-Forderung):
IPCC, 2021: Zusam­men­fas­sung für die poli­ti­sche Ent­schei­dungs­fin­dung. In: Natur­wis­sen­schaft­li­che Grund­la­gen. Bei­trag von Arbeits­grup­pe I zum Sechs­ten Sach­stands­be­richt des Zwi­schen­staat­li­chen Aus­schus­ses für Kli­ma­än­de­run­gen [Mas­son-Del­mot­te, V., P. Zhai, A. Pira­ni, S.L. Con­nors, C. Péan, S. Ber­ger, N. Caud, Y. Chen, L. Gold­farb, M.I. Gomis, M. Huang, K. Leit­zell, E. Lon­noy, J.B.R. Mat­thews, T.K. May­cock, T. Water­field, O. Yele­k­çi, R. Yu, and B. Zhou (eds.)]. In Druck. Deut­sche Über­set­zung auf Basis der Druck­vor­la­ge, Okto­ber 2021. Deut­sche IPCC-Koor­di­nie­rungs­stel­le, Bonn; Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Kli­ma­schutz, Umwelt, Ener­gie, Mobi­li­tät, Inno­va­ti­on und Tech­no­lo­gie, Wien; Aka­de­mie der Natur­wis­sen­schaf­ten Schweiz SCNAT, Pro­Clim, Bern, Febru­ar 2022

5 IPCC: Cli­ma­te Chan­ge 2021 – The Phy­si­cal Sci­ence Basis | Tech­ni­cal Sum­ma­ry, S. 61.
A
uf der Gra­fik steht von oben nach unten: »(a) Glo­ba­le Ober­flä­chen­tem­pe­ra­tu­ren sind wahr­schein­li­cher als nicht bei­spiel­los in den letz­ten 125.000 Jah­ren. – Das letz­te Jahr­zehnt war wär­mer als sämt­li­che mehr­hun­dert­jäh­ri­gen Peri­oden nach der letz­ten Zwi­schen­eis­zeit vor rund 125.000 Jah­ren –Im Ver­lauf der letz­ten 50 Jah­re ist die Tem­pe­ra­tur mit einer Geschwin­dig­keit gestie­gen, die für die letz­ten 2000 Jah­re bei­spiel­los ist«. Die drei Kur­ven­ab­tei­lun­gen zei­gen von links nach rechts: Zeit­raum von 10.000 bis 500 vor unse­rer Zeit­rech­nung (»Land­wirt­schaft­li­che Jahr­hun­der­te«) – Zeit­raum von 1000 bis 1900 (»His­to­ri­sche Jahr­zehn­te«) – Zeit­raum von 1900 bis 2020 (»Indus­tri­el­le Jah­re«).

6 IPCC: Cli­ma­te Chan­ge 2021 – The Phy­si­cal Sci­ence Basis | Tech­ni­cal Sum­ma­ry, S. 59. Hier wie bei allen eng­lisch­spra­chi­gen Quel­len unau­to­ri­sier­te Übersetzung.

8 PAGES: Gene­ral over­view; Future Earth: Fund­ers, dabei sind u.a. die Cli­ma­te­Works Foun­da­ti­on und die Oak Foun­da­ti­on (gese­hen 29.7.22)

9 PAGES2k Coor­di­na­tors: The third pha­se of the PAGES 2k Net­work. Past Glo­bal Chan­ges Maga­zi­ne, Volu­me 25, No. 1, S. 71, doi: 10.22498/pages.25.1.71

10 Sie­he z.B. Flo­ri­an Röt­zer: Wer schon früh viel ver­öf­fent­licht, erhöht sei­ne Kar­rie­re­chan­cen in der Wis­sen­schaft. Tele­po­lis 27.9.2013 und dor­ti­ge Kommentare

12 PAGES 2k Con­sor­ti­um: Cor­rec­tion: Cor­ri­gen­dum: Con­ti­nen­tal-sca­le tem­pe­ra­tu­re varia­bi­li­ty during the past two mill­en­nia. Natu­re Geo­sci 8, 981 – 982 (2015). DOI 10.1038/ngeo2566

13 PAGES 2k Con­sor­ti­um: Con­ti­nen­tal-sca­le tem­pe­ra­tu­re varia­bi­li­ty during the past two mill­en­nia.Geo­sci 6, 339 – 346 (2013), S. 342. DOI 10.1038/ngeo1797. Her­vor­he­bung nicht im Original.

14 Q Ge, Z Hao et al.: Tem­pe­ra­tu­re chan­ges over the past 2000 yr in Chi­na and com­pa­ri­son with the Nort­hern Hemi­s­phe­re. Clim. Past, 9, 1153 – 1160, 2013, DOI 10.5194/cp‑9 – 1153-2013

15 Q Ge, Z Hao et al.: Tem­pe­ra­tu­re chan­ges over the past 2000 yr in Chi­na and com­pa­ri­son with the Nort­hern Hemi­s­phe­re. Clim. Past, 9, 1153 – 1160, 2013, DOI 10.5194/cp‑9 – 1153-2013 (CC Attri­bu­ti­on 3.0 Licen­se)

16 Über Asi­en und Nord­ame­ri­ka ins­ge­samt, Russ­land, Indi­en … konn­te ich nichts fin­den – aber dank einer Samm­lung des Inge­nieurs Pierre L. Gos­se­lin begut­ach­te­te Stu­di­en aus Fach­zeit­schrif­ten über unzäh­li­ge Land- und Was­ser­ge­bie­te, die heu­ti­ge Tem­pe­ra­tur­ver­hält­nis­se im Ver­gleich zu den letz­ten 1000 bis 2000 Jah­ren als nicht außer­ge­wöhn­lich aus­wei­sen: 600 Non War­ming Graphs (2) und 600 Non War­ming Graphs (3).

17 PAGES 2k Con­sor­ti­um: Con­sis­tent mul­t­i­de­ca­dal varia­bi­li­ty in glo­bal tem­pe­ra­tu­re recon­struc­tions and simu­la­ti­ons over the Com­mon Era. Nat. Geo­sci. 12, 643 – 649 (2019). DOI 10.1038/s41561-019‑0400‑0

In der Stu­die sind Kur­ven mit »CPS« bezeich­net. Ste­phen McIn­ty­re weist dar­auf hin, dass das PAGES-»CPS« nicht das ist, was gewöhn­lich dar­un­ter ver­stan­den wird (Tweed 28.7.2019).

18 Axel Boja­now­ski: Die Kur­ven­dis­kus­si­onInter­view mit Ulf Bünt­gen. Welt am Sonn­tag Nr. 32, 8.8.2021

Auf die Bünt­gen­sa­che stieß ich durch den Geo­wis­sen­schaft­ler Sebas­ti­an Lüning: Video Kli­ma­schau #2: In den letz­ten 2000 Jah­ren war es mehr­fach so warm wie heu­te, 20.12.2020, und Arti­kel von Lüning in: Die Welt­wo­che, Nr. 33 (2021)| 19.8.2021. Auf Lüning stieß ich wie­der­um über eine eng­li­sche Sei­te durch Suche nach »ar6« und »hockey stick« in der Such­ma­schi­ne Duck­Duck­Go. – So etwas kann mit Goog­le, Fak­ten­che­ckern und Dämo­ni­sie­run­gen von »Kli­ma­l­eug­nern« eher nicht pas­sie­ren. Lüning wird im sechs­ten IPCC-Bericht mit sei­nen Stu­di­en zur MWP erwähnt. Er war als außen­ste­hen­der Exper­te an der Kom­men­tie­rung des IPCC-Berichts betei­ligt. Soweit ich sei­nen Arti­kel ver­ste­he, wur­de der Hockey­schlä­ger um den exter­nen Kom­men­tie­rungs­pro­zess gewis­ser­ma­ßen her­um­la­viert, so dass er in der End­fas­sung des Berichts über­ra­schend auftauchte.

19 Axel Boja­now­ski: Die Kur­ven­dis­kus­si­onInter­view mit Ulf Bünt­gen. Welt am Sonn­tag Nr. 32, 8.8.2021

20 Der Aus­druck fin­det sich zuerst in Schrif­ten von Johan­nes Kep­ler aus dem 17. Jahr­hun­dert, »vul­gar era”. Im 18. und 19. Jahr­hun­dert ver­brei­te­te er sich im eng­li­schen Sprach­raum. (Joshua J. Mark: The Ori­gin and Histo­ry of the BCE/CE Dating Sys­tem. Anci­ent Histo­ry Ency­clo­pe­dia 03.27.2017)

21 U Büntgen et al.: Pro­mi­nent role of vol­ca­nism in Com­mon Era cli­ma­te varia­bi­li­ty and human histo­ry. Dend­ro­chro­no­lo­gia (2020). DOI: 10.1016/j.dendro.2020.125757

22 Gra­fik nach Anga­ben in IPCC: Cli­ma­te Chan­ge 2021 – The Phy­si­cal Sci­ence Basis | Tech­ni­cal Sum­ma­ry, S. 64. Die Daten hören lei­der schon 2014 auf. Laut HadCRUT4 ist die glo­ba­le Tem­pe­ra­tur zwi­schen 2014 und 2022 um rund 0,01 °C gestie­gen (Wood­ForT­rees).

Bild: Mikhail Gumyon­nykh »Das Stück­gut ist ange­kom­men« 1970 (https://t.me/SocialRealm)

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