Über die Dauerkrise des Kapitalismus als Modus der Durchsetzung von Kapitalinteressen

Assemblea Militante auf Demonstration
Lese­zeit14 min

Fol­gen­der Arti­kel basiert auf einem Manu­skript eines Vor­trags, gehal­ten auf der Inter­na­tio­na­len Kon­fe­renz der Frei­en Lin­ken in Prag am 3. Sep­tem­ber 2022.

Ich per­sön­lich glau­be nicht, dass es eine ein­heit­li­che »Agen­da« des Welt­ka­pi­ta­lis­mus gibt, aber sicher­lich an eine »Gemein­sam­keit« und Kon­ver­genz der Inter­es­sen, auch wenn sie – teil­wei­se – mit­ein­an­der in Kon­flikt ste­hen. Vor allem im Wes­ten wird zur Über­win­dung der seit 2008 wäh­ren­den Sys­tem­kri­se des Kapi­ta­lis­mus ver­sucht, die wirt­schaft­li­chen und sozia­len Zie­le von Davos durch die künst­li­che und künst­li­che Ent­fes­se­lung immer neu­er Not­la­gen zu ver­fol­gen, mit denen Opfer wie die Kür­zung des pri­va­ten Kon­sums und Sozi­al­aus­ga­ben, aber auch poli­ti­sche und sozia­le Dis­zi­pli­nie­rung und Ent­völ­ke­rung gerecht­fer­tigt wer­den sol­len (mRNA-Impf­stof­fe könn­ten ein ers­tes Mas­sen­ex­pe­ri­ment sein, nicht nur wegen der mit den Neben­wir­kun­gen ver­bun­de­nen Todes­fäl­le, son­dern womög­lich auch als welt­wei­te Massensterilisierungskampagne).

Das Reser­voir an Kri­sen scheint gut gefüllt: Pan­de­mien (Covid-19 oder Affen­po­cken); Kli­ma­kri­se; Nah­rungs­mit­tel- und Ener­gie­kri­se; Was­ser­kri­se; Kriegs­kri­se (von der Ukrai­ne bis Ser­bi­en, von Arme­ni­en bis Tai­wan). Ter­ro­ris­mus gegen die Gesund­heit, Ter­ro­ris­mus durch Hun­ger und Krieg.

Die­ses Mus­ter, das mit den star­ken Mäch­ten der Staa­ten wie der WHO, der UNO, des IWF und der mul­ti­na­tio­na­len Phar­ma- und Tech­no­lo­gie­kon­zer­ne abge­stimmt ist, könn­te aller­dings auf Wider­stand sto­ßen. Sowohl auf den­je­ni­gen vie­ler regio­na­ler, sich dem Dik­tat nicht beu­gen wol­len­den Kapi­ta­lis­men sto­ßen als auch auf die Wei­ge­rung der­je­ni­gen Völ­ker, sich die­sen ver­meint­li­chen Not­la­gen zu unter­wer­fen, die durch eine Wirt­schafts­kri­se bedrängt wer­den und vor dem Aus­bruch mas­si­ver sozia­ler Kon­flik­te ste­hen. Man den­ke an Afri­ka, Asi­en und Lateinamerika.

Wäh­rend aller­dings die ers­te Covid-19-Pan­de­mie die Angst vor dem Tod aus­nutz­te, haben die ande­ren Kri­sen­op­tio­nen weni­ger »ter­ro­ri­sie­ren­den« Cha­rak­ter auf die Bevöl­ke­run­gen, ange­fan­gen mit der Kri­se des Krieges/​Nuklearkonflikts.

Die Agenda unseres »kollektiven Westens«

Wir haben es nicht mit einer zykli­schen Kri­se des Kapi­ta­lis­mus zu tun, son­dern mit einer sys­te­mi­schen Kri­se der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­wei­se, auf die der Impe­ria­lis­mus, der »kol­lek­ti­ve« Wes­ten, ver­sucht, eine eben­so sys­te­mi­sche Ant­wort zu geben:

  1. auf finan­zi­el­ler Ebene
  2. auf wirt­schaft­li­cher Ebene,
  3. auf mili­tä­ri­scher Ebene,
  4. auf sozia­ler Ebene,
  5. auf dem Gesundheitsplan,
  6. auf öko­lo­gi­scher Ebene,
  7. auf der poli­ti­schen Ebene

Das ist es, was wir beim auto­ri­tä­ren Umgang mit der Pan­de­mie gespürt haben: ein Angriff nicht nur auf die Gesund­heit, son­dern auch auf sozia­lem und poli­ti­schem Feld. Dar­aus ergibt sich die Not­wen­dig­keit für die Angrei­fer, eine ech­te mal­thu­sia­ni­sche Poli­tik auf pla­ne­ta­ri­scher Ebe­ne durch­zu­set­zen und Raub und Aus­beu­tung zu intensivieren.

Auf der Tages­ord­nung des Impe­ria­lis­mus steht daher die Bewäl­ti­gung die­ser Pha­se durch die Schaffung:

  • neu­er Unge­heu­er und neu­er Aggres­sio­nen (Russ­land, China)
  • neu­er Viren (Covid-Vari­an­ten, Affen­po­cken, usw.)
  • neu­er Not­stän­de (Umwelt‑, Energie‑, Wasser‑, Nahrungsmittelkatastrophen)

All dies, um ihr eige­nes Pro­le­ta­ri­at zu ver­nich­ten und zu ter­ro­ri­sie­ren und zu ver­su­chen, es im Inne­ren auszupressen.

Wir ste­hen vor einer noch nie dage­we­se­nen Kri­se. Die­se macht sich bereits bemerk­bar. Womög­lich ste­hen wir vor einer aus­ge­wach­se­nen Depres­si­on. Mit dem Risi­ko, dass sich Staa­ten mit Kämp­fen, sozia­len Kon­flik­ten und Streiks kon­fron­tiert sehen. Und so müs­sen Not­la­gen dau­er­haft wer­den und mit Gewalt, Mili­ta­ri­sie­rung der Ter­ri­to­ri­en und Repres­si­on bewäl­tigt wer­den. Das ist das Muster.

Mit der Pan­de­mie haben die Regie­run­gen erneut ver­sucht ihre Mas­ken als ver­meint­li­che Ver­tei­di­ger des Gemein­wohls auf­zu­set­zen. Im Gegen­zug wur­den die Bür­ger auf­ge­for­dert (gezwun­gen), ihre »indi­vi­du­el­len Frei­hei­ten« zuguns­ten der kol­lek­ti­ven, von den Staa­ten ver­tei­dig­ten und geför­der­ten, auf­zu­ge­ben, um ver­tei­digt und geschützt zu werden.

Wir in Ita­li­en sind mit unse­rem auto­ri­tä­ren Umgang mit der Pan­de­mie das sozia­le und poli­ti­sche Labor des Wes­tens gewe­sen. Wir waren:

  1. das ers­te Land, das Abrie­ge­lungs­maß­nah­men ergrif­fen hat,
  2. das ers­te Land, das den Grü­nen Pass und die Pflicht­imp­fung ein­ge­führt hat,
  3. das ers­te Land, das die Tele­ma­tik für Kin­der ein­ge­führt hat,
  4. das ers­te Land, das nicht geimpf­te Ärz­te, Kran­ken­schwes­tern und Leh­rer vom Dienst sus­pen­diert hat.
  5. Eines der ers­ten Län­der, das durch aggres­si­ve und hef­ti­ge Pro­pa­gan­da gegen die so genann­ten »No Vax« oder Impf­geg­ner ver­sucht hat, sie zu iso­lie­ren und sie als unver­ant­wort­lich, ego­is­tisch und unin­ter­es­siert darzustellen.
  6. Und wir sind der­zeit das ers­te Land, das Viro­lo­gen, Wis­sen­schaft­ler und Ärz­te bei poli­ti­schen Wah­len nomi­niert, die als über­par­tei­li­che Tech­ni­ker dar­ge­stellt wer­den, die nur am »Gemein­wohl« inter­es­siert sind.
  7. Wir sind das Land, sicher­lich nicht das ein­zi­ge, in dem fast alle Gewerk­schafts­or­ga­ni­sa­tio­nen (sowohl die offi­zi­el­len als auch die so genann­ten »ant­ago­nis­ti­schen«) die Poli­tik der Regie­rung bedin­gungs­los unter­stüt­zen. Manch­mal mit noch reak­tio­nä­re­ren Posi­tio­nen als die Regie­rung. Das Land, wo die­je­ni­gen Gewerk­schafts­ak­ti­vis­ten iso­liert wor­den, die ver­sucht haben, sich den Zie­len der kapi­ta­lis­ti­schen Regie­rung zu widersetzen.

Ita­li­en ist ein sozia­les Labor, das den Grü­nen Pass zur Gene­ral­pro­be für die Ein­füh­rung des Per­so­nal­aus­wei­ses auf euro­päi­scher Ebe­ne gemacht hat, der digi­ta­len Iden­ti­tät, mit der der Staat in der Lage sein wird, Gesund­heits­ver­pflich­tun­gen, Lebens­mit­tel­ra­tio­nen, Bür­ger­ein­kom­men, Kon­sum, gewerk­schaft­li­che und poli­ti­sche Akti­vi­tä­ten usw. zu überwachen.

Die­ses gigan­ti­sche Pro­jekt der sozia­len Dis­zi­pli­nie­rung, das die Gesamt­heit unse­rer sozia­len Bezie­hun­gen und die Bezie­hung zwi­schen uns und unse­ren Kör­pern betrifft, wird – wenn es gelingt – auch einen neu­en kapi­ta­lis­ti­schen Tota­li­ta­ris­mus mar­kie­ren, der die Errun­gen­schaf­ten des Faschis­mus und des Natio­nal­so­zia­lis­mus noch über­tref­fen wird, wie es bereits der Fall ist. Das ist kei­ne Rück­kehr in die Ver­gan­gen­heit, son­dern ein Sprung in die unmit­tel­ba­re Zukunft.

Rückkehr zum Faschismus oder zum Nationalsozialismus?

Einer der Haupt­dis­kus­si­ons­punk­te unter den »ant­ago­nis­ti­schen Lin­ken« in Ita­li­en ist genau der, der mit der angeb­li­chen Rück­kehr zum faschis­ti­schen Tota­li­ta­ris­mus zusam­men­hängt, gegen den ein neu­er Par­ti­sa­nen­wi­der­stand und neue Natio­na­le Befrei­ungs­ko­mi­tees, aber auch ein neu­er volks­tüm­li­cher und anti­fa­schis­ti­scher Sou­ve­rä­nis­mus ins Feld geführt werden.

Die Dis­kus­si­on unter uns inner­halb der Assem­blea Mili­tan­te ist noch offen, aber eini­ge von uns sind der Mei­nung, dass der Faschis­mus in Ita­li­en und der Nazis­mus in Deutsch­land, weit davon ent­fernt, kran­ke Plä­ne von des­po­ti­schen Dik­ta­to­ren zu sein, ein­fach die Ant­wort der jewei­li­gen natio­na­len Bour­geoi­si­en auf zwei Pro­ble­me waren:

  1. Die Blo­ckie­rung pro­le­ta­ri­scher Kämp­fe, die zu Revo­lu­tio­nen zu eska­lie­ren drohten.
  2. Die Zen­tra­li­sie­rung ihrer natio­na­len Res­sour­cen gegen die Kon­kur­renz durch ande­re Mächte.

Ihr Tota­li­ta­ris­mus bestand jedoch nicht so sehr in der Abschaf­fung der for­ma­len Demo­kra­tie und der Unter­drü­ckung von Geg­nern, son­dern in der ideo­lo­gi­schen und prak­ti­schen Ver­an­ke­rung der unauf­lös­li­chen Ver­bin­dung zwi­schen Volk und Staat – einer Ver­bin­dung, die, ein­mal her­ge­stellt, die demo­kra­ti­sche Ord­nung über­flüs­sig machte.

Mit dem Unter­gang des ita­lie­ni­schen- und des Hit­ler­fa­schis­mus kam es zu einem Pro­zess der Wei­ter­ent­wick­lung des Kapi­ta­lis­mus in der gan­zen Welt. Die­ser führ­te zur Ver­wirk­li­chung eines weit­aus inva­si­ve­ren und all­ge­gen­wär­ti­ge­ren Tota­li­ta­ris­mus: dem des Kapi­tals, das nicht mehr der Ver­mitt­lung des Volks­staa­tes bedurf­te, um die unter­drück­ten Klas­sen und Völ­ker zu beherr­schen, son­dern sich »selbst­be­stimmt« in ein sozia­les Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis ver­wan­del­te, das sich auf alle Aspek­te des gesell­schaft­li­chen und indi­vi­du­el­len Lebens erstreck­te und sich mit der Repro­duk­ti­on des Lebens selbst identifizierte.

Wenn wir also von einer Rück­kehr zum Faschis­mus spre­chen wol­len, müs­sen wir die­se »Rück­kehr« ein­fach als sei­ne Wei­ter­ent­wick­lung hin zu einer wei­te­ren Stär­kung des kapi­ta­lis­ti­schen Tota­li­ta­ris­mus und zu einer noch grö­ße­ren Stär­kung des Staa­tes ver­ste­hen, der nun völ­lig los­ge­löst von Klas­sen und Par­tei­en ist. Wenn der kapi­ta­lis­ti­sche Tota­li­ta­ris­mus den Faschis­mus weit über­trof­fen hat, geht es jetzt dar­um, den Aspekt der Dis­zi­pli­nie­rung des Staa­tes, den der Faschis­mus teil­wei­se erreicht hat­te, not­wen­di­ger­wei­se zurück­zu­ge­win­nen und zu stärken.

Eini­ge Bei­spie­le: Basis­ge­werk­schaf­ter wer­den ange­klagt; Poli­zei­maß­nah­men wer­den gegen Stu­den­ten ver­hängt; Anar­chis­ten und Akti­vis­ten der revo­lu­tio­nä­ren Lin­ken wer­den in Gefäng­nis­sen in das berüch­tig­te 41-bis-Regime gezwun­gen. Dabei han­delt es sich um eine beson­ders har­te und repres­si­ve Maß­nah­me, viel schlim­mer als die faschis­ti­sche Ein­ker­ke­rung. Ver­bots­lis­ten für bünd­nis­freie Intel­lek­tu­el­le wer­den erstellt, Blogs und sozia­le Netz­wer­ke wer­den unkennt­lich gemacht, poli­ti­sche Akti­vis­ten wer­den mit spe­zi­el­len Über­wa­chungs­maß­nah­men ver­folgt, der blo­ße Akt des Streiks wird für den Staat zu einem sub­ver­si­ven Akt, der ver­bo­ten und unter­drückt wer­den muss.

Den heu­ti­gen Geg­nern, die sich nicht damit iden­ti­fi­zie­ren, wird eine wei­te­re Lek­ti­on aus dem Faschis­mus und dem Natio­nal­so­zia­lis­mus erteilt: Iso­lie­rung, Aus­gren­zung, Kri­mi­na­li­sie­rung von Geg­nern und deren Unterdrückung.

Doch wäh­rend die faschis­ti­schen und hit­ler­fa­schis­ti­schen Staa­ten die Akti­vie­rung des Vol­kes brauch­ten, muss das Volk im neu­en post­li­be­ra­len Regime not­wen­di­ger­wei­se in einem Zustand der Pas­si­vi­tät gehal­ten wer­den, in einem per­ma­nen­ten poli­ti­schen und sozia­len »Lock­down«. Im Gegen­satz zu der vom Faschis­mus gefor­der­ten Mobi­li­sie­rung des Vol­kes um sei­ne Nati­on wird der Staat heu­te tech­no­kra­ti­scher, über­par­tei­li­cher und »unpo­li­ti­scher«.

Ende Sep­tem­ber wer­den wir Wah­len haben. Bei die­sen Wah­len haben alle poli­ti­schen Kräf­te, die Rech­ten, die Mit­te, die Lin­ken und die »Ultra­lin­ken« prak­tisch die glei­che Agen­da. Zur Pan­de­mie, zum Krieg, zum PNNR [Der »Pia­no Nazio­na­le di Ripre­sa e Resilienza«,also Natio­na­ler Plan für Nach­hal­tig­keit und Resi­li­enz, ist ein stra­te­gi­sches Doku­ment, das die ita­lie­ni­sche Regie­rung erstellt hat, um Mit­tel aus dem EU-Pro­gramm der nächs­ten Genera­ti­on (NGEU) zu erhalten/​Anm. d. Red.]. Gewiss gibt es bei den ver­schie­de­nen Par­tei­en unter­schied­li­che Grau­tö­nen, aber im Wesent­li­chen tei­len alle die­sel­be Agen­da und die glei­che Vor­stel­lung von »Zukunft« und sozia­ler Dis­zi­plin. In Ita­li­en ist ein regel­rech­tes trans­at­lan­ti­sches Bewer­bungs­ren­nen aus­ge­bro­chen: Wer treibt die Draghi-Agen­da wei­ter als Draghi, wer ist russo­pho­ber als die bis­he­ri­ge Regierung?

Und dann gibt es noch eine »Anti-System«-Front, die ver­sucht, die (legi­ti­men) antiglo­ba­lis­ti­schen Stim­men, die sich auf der Stra­ße gegen den Green Pass und die auto­ri­tä­re Ver­wal­tung der Pan­de­mie geäu­ßert haben, zu bün­deln, indem sie sie in Rich­tung einer natio­na­lis­ti­schen und chau­vi­nis­ti­schen Sou­ve­rä­ni­täts­po­li­tik lenkt. Die­se Kräf­te sowohl der »Rech­ten« als auch der »Lin­ken« ver­su­chen, die in der »No Green Pass«-Bewegung zum Aus­druck gebrach­te For­de­rung nach Demo­kra­tie und Wie­der­her­stel­lung der ver­letz­ten Ver­fas­sung in Besitz zu neh­men und zu bün­deln. Sie ver­spre­chen den Bür­gern ihre Frei­hei­ten gegen das Dik­tat des Staa­tes und des Groß­ka­pi­tals zurück­zu­ge­ben, zugleich wol­len sie die Bewe­gung aber in natio­na­les, par­la­men­ta­ri­sches und insti­tu­tio­nel­les Fahr­was­ser lenken.

Wird es ein Wie­der­auf­le­ben einer sou­ve­rä­nis­ti­schen Kraft geben, wie wir es in Ita­li­en mit der Lega Nord oder dem Movi­men­to 5 Stel­le erlebt haben? Es ist nicht unwahr­schein­lich, aber die ent­täu­schen­den Erfah­run­gen die­ser Par­tei­en spre­chen im Moment gegen die­se Mög­lich­keit. Es ist mög­lich, dass sich der sozia­le Wider­stand gegen die Maß­nah­men, die die Regie­run­gen in Euro­pa umzu­set­zen geden­ken, der­zeit auf dem Ter­rain einer neu­en sou­ve­rä­nen und natio­na­lis­ti­schen Bür­ger­schaft ent­wi­ckelt, die ihrer­seits – in Ver­bin­dung mit inter­nen und inter­na­tio­na­len Fak­to­ren ‑zwei Rich­tun­gen ein­schla­gen könn­te: ers­tens eine natio­nal-popu­lä­re und eine eher klas­sen­be­zo­ge­ne. Eine, die von der Rech­ten auf­ge­fan­gen wer­den könn­te. Und zwei­tens eine, die sich in ein eher klas­si­sches und anti­ka­pi­ta­lis­ti­sches Ter­rain bewe­gen könn­te. Die­se Ent­wick­lun­gen hän­gen nicht von uns ab. Sie sind in jedem Fall durch die Kri­se bedingt, die uns den Boden unter den Füßen weg­zieht und zu Hypo­the­sen führt, die nur dar­auf abzie­len, die Not­wen­dig­keit wei­te­rer und här­te­rer Opfer abzu­schwä­chen oder zu verzögern.

Aber auch wenn die Zukunft dys­to­pisch und erschre­ckend ist, so ist sie doch nicht voll­stän­dig geschrie­ben. Schon bei der auto­ri­tä­ren Not­la­ge der Pan­de­mie haben sich nicht alle der ter­ro­ris­ti­schen Pro­pa­gan­da der Staa­ten gebeugt: Das war zum Bei­spiel in Indi­en nicht der Fall, auch nicht in Russ­land und ande­ren öst­li­chen Län­dern. Und auch im Wes­ten gab es wich­ti­ge Signa­le: der Kampf der Hafen­ar­bei­ter in Tri­est, der der LKW-Fah­rer in Kana­da. Kämp­fe, die iso­liert waren und in denen es kei­ne Klas­sen­so­li­da­ri­tät gab (höchs­tens von Arbei­tern als Indi­vi­du­en, nicht als Klas­se), von denen aber den­noch ein wich­ti­ges Signal aus­ging: Der Kampf und der Wider­stand gegen die kapi­ta­lis­ti­sche Unter­drü­ckung hat begon­nen, sich von der allei­ni­gen Gewerk­schafts­ebe­ne, vom allei­ni­gen Wider­spruch zwi­schen Kapi­tal und Arbeit, auf eine umfas­sen­de­re und poli­ti­sche Ebe­ne zu bewegen.

In Ita­li­en mobi­li­sier­ten zunächst die am meis­ten geschä­dig­ten Kleinst­un­ter­neh­mer (Laden­be­sit­zer, Bar­be­sit­zer, Gas­tro­no­men) gegen die Beschrän­kun­gen und Schlie­ßun­gen, doch ihre Pro­tes­te wur­den über­all durch die von der Regie­rung bereit­ge­stell­ten Hilfs­maß­nah­men nie­der­ge­schla­gen. Mit der obli­ga­to­ri­schen Imp­fung und dem grü­nen Pass zum Arbei­ten oder Rei­sen gin­gen die Pro­tes­te wie­der los. Die sozia­le Zusam­men­set­zung der Demons­tran­ten war sehr unter­schied­lich, wobei jedoch die Ange­stell­ten, dar­un­ter vie­le Arbei­ter, überwogen.

Auf poli­ti­scher Ebe­ne war die Lin­ke jeg­li­cher Cou­leur (Regie­rung, Oppo­si­ti­on, Alter­na­ti­ve oder Revo­lu­tio­nä­re) aktiv dage­gen, mit weni­gen Aus­nah­men vor allem ein­zel­ner Akti­vis­ten, von denen die Assem­blea Mili­tan­te in Ita­li­en einen Ver­such der Koor­di­na­ti­on darstellt.

Die faschis­ti­sche Rech­te ver­such­te die Pro­tes­te zu beein­flus­sen, schei­ter­te jedoch. Die vor­herr­schen­de poli­ti­sche Aus­rich­tung der Mobi­li­sie­run­gen ten­dier­te zumeist zu ver­schie­de­nen Dekli­na­tio­nen des Sou­ve­rä­nis­mus, die sich gegen die wei­te­re Über­nah­me der (sani­tä­ren und dis­po­si­ti­ven) Sou­ve­rä­ni­tät über die Kör­per durch den Staat, Big Phar­ma und Big Tech wen­den und die auch die wirt­schaft­li­che, finan­zi­el­le und poli­ti­sche Vor­herr­schaft des Groß­ka­pi­tals und sei­ner offi­zi­el­len und inof­fi­zi­el­len Insti­tu­tio­nen anfechten.

Das Aus­maß und die Kon­ti­nui­tät der Mobi­li­sie­run­gen waren in Ita­li­en wie in ande­ren Län­dern unter­schied­lich, aber über­all hat­ten die Mobi­li­sie­run­gen eine gro­ße Bedeu­tung und Wir­kung, trotz staat­li­cher Repres­si­on, Medi­en­pro­pa­gan­da, Belei­di­gun­gen (und manch­mal phy­si­schen Angrif­fen) von ver­meint­li­chen Geg­nern des kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tems. In kei­nem Land war die­se Bewe­gung expli­zit erfolg­reich, auch wenn sie in eini­gen Län­dern (Spa­ni­en, Groß­bri­tan­ni­en) sicher­lich dazu bei­getra­gen hat, dass die Regie­run­gen in Bezug auf die Impf­pflicht und die Haus­ärz­te einen Rück­zie­her gemacht haben (auch in Deutsch­land hat sie sicher­lich dazu bei­getra­gen, dass Par­la­ments­be­schlüs­se zuguns­ten der Impf­pflicht bis­her ver­hin­dert wur­den). Sie war jedoch ein Dorn im Auge der Regie­rungs­po­li­tik und hat eine Mobi­li­sie­rung der Oppo­si­ti­on offen gehal­ten, die aus dem wach­sen­den Miss­trau­en gegen Impf­stof­fe, aus der Ver­brei­tung von Wahr­neh­mun­gen über den fort­schrei­ten­den Auto­ri­ta­ris­mus des Staa­tes und der tota­li­tä­ren Kon­troll­in­stru­men­te und nicht zuletzt aus dem mög­li­chen Auf­kom­men von Mobi­li­sie­run­gen des Wider­stands gegen die sich im Zuge einer begin­nen­den Rezes­si­on und als Fol­ge des Krie­ges und der Sank­tio­nen gegen Russ­land ent­wi­ckeln­de Wirt­schafts- und Sozi­al­po­li­tik neue Nah­rung fin­den könnte.

Ein Bei­spiel: Im Vor­griff auf die Opfer und die Ratio­nie­rung, die die ita­lie­ni­sche Regie­rung den Fami­li­en auf­bür­den will, for­dert das Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um die über 60-Jäh­ri­gen auf, ihre Infu­si­ons­do­sis zu neh­men und ver­lang­samt zahl­rei­che restrik­ti­ve Maß­nah­men in Bezug auf Qua­ran­tä­ne und Mas­ken­ge­brauch. Man will die Bevöl­ke­rung nicht mit Ver­pflich­tun­gen und Ein­schrän­kun­gen belas­ten, die sich als Bume­rang erwei­sen könnten.

Was ist zu tun?

Wel­che Rol­le kön­nen wir, die anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen, revo­lu­tio­nä­ren Kämp­fer, ange­sichts die­ser ers­ten Anzei­chen spielen?

Sicher­lich wei­ter­hin die ter­ro­ris­ti­schen und auto­ri­tä­ren Kam­pa­gnen unse­rer Staa­ten anpran­gern und die bös­ar­ti­gen »Not­stän­de« ent­mys­ti­fi­zie­ren, die sie schaf­fen, um das Pro­le­ta­ri­at, die ver­arm­ten Mit­tel­schich­ten, die aus­ge­beu­te­ten Mas­sen zu dis­zi­pli­nie­ren. Wir müs­sen den roten Faden auf­zei­gen, der das auto­ri­tä­re Manage­ment der Pan­de­mie mit all den neu­en Not­stän­den ver­bin­det, mit denen sie uns ter­ro­ri­sie­ren und dis­zi­pli­nie­ren wol­len. In dem Bewusst­sein, dass in die­ser epo­cha­len Kri­se, jen­seits unse­res guten Wil­lens oder unse­rer Groß­zü­gig­keit als revo­lu­tio­nä­re Kämp­fer, der sozia­le Kampf einen neu­en Hebel pro­le­ta­ri­scher Kämp­fer her­vor­brin­gen muss, die gezwun­gen sind, den kapi­ta­lis­ti­schen Angriff als Gan­zes anzu­grei­fen, indem sie sei­ne gewerk­schaft­li­chen und sozia­len Aspek­te mit sei­nen poli­ti­schen und orga­ni­sa­to­ri­schen verbinden.

Sicher­lich benö­ti­gen wir die Fähig­keit, den rea­len Wider­stand zu begrei­fen, der die­sem tota­li­tä­ren Pro­jekt ent­ge­gen­ge­bracht wur­de und wird, ohne ihn durch die ideo­lo­gi­sche Bril­le unse­rer eige­nen Tra­di­tio­nen zu betrach­ten (ich bezie­he mich auf die Kri­tik an den Anti-Green-Pass-Bewe­gun­gen, die als faden­schei­nig, inter­klas­sis­tisch, wenn nicht gar reak­tio­när bezeich­net wer­den, die Gleich­gül­tig­keit gegen­über dem Kampf der kana­di­schen LKW-Fah­rer oder dem der nie­der­län­di­schen Bauern).

Und schließ­lich den­ke ich (aber das The­ma ist kom­plex und ich erwäh­ne es hier nur), dass die Mensch­heit nicht das Pro­blem haben wird, die bis­her vom Kapi­ta­lis­mus ent­wi­ckel­ten tech­no­lo­gi­schen Res­sour­cen (ein­schließ­lich der Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie, der tele­ma­ti­schen Medi­zin und der Ent­wick­lung der KI) »umzu­wan­deln« oder »bes­ser zu ver­wal­ten«, son­dern – in ihrem Bedürf­nis, eine nicht ent­frem­de­te Bezie­hung zur Natur (und damit ihr selbst) wie­der­zu­er­lan­gen. Dabei müs­sen eini­ge Tech­no­lo­gien geret­tet, man­che zer­stört wer­den. Das ist kei­ne Lud­di­ten-Hal­tung, son­dern die Ein­sicht, dass der Kapi­ta­lis­mus nicht mehr in der Lage ist, die Wis­sen­schaft zu betrei­ben, die er weit genug ent­wi­ckelt hat. Im Gegen­teil, der Kapi­ta­lis­mus hat zu viel auf­ge­baut und lebt in der his­to­ri­schen Anti­the­se: bar­ba­risch zer­stö­ren oder gewalt­sam zer­stört wer­den. Die klas­sen­be­wuss­te Lin­ke begeg­net die­ser immer dring­li­che­ren Not­wen­dig­keit in völ­li­ger Unvor­be­reit­etheit, wenn sie sich nicht von den Fort­schrit­ten in Wis­sen­schaft, Medi­zin und Tech­no­lo­gie beein­flus­sen lässt. Sowohl bei den »Impf­stof­fen« (deren Paten­te sie ger­ne libe­ra­li­sie­ren oder gerech­ter an die Drit­te Welt ver­tei­len wür­de, als auch bei der künst­li­chen Intel­li­genz, die sozi­al bes­ser genutzt wer­den könn­te) ent­staubt sie den wis­sen­schaft­li­chen Posi­ti­vis­mus der II. Inter­na­tio­na­le. Dar­aus folgt, dass die Kri­tik, die eine »tota­le« am Kapi­ta­lis­mus und am Staat sein soll­te (vor allem in die­ser Pha­se), meist in der Vor­stel­lung endet, dass das Pro­blem nur in der Tech­ni­k­nut­zung, in ihrer Ver­wirk­li­chung, in der sozia­len Umge­stal­tung eines gerech­te­ren Staa­tes liegt. Ich per­sön­lich bin der Mei­nung, dass die Mensch­heit als Gan­zes die Bas­til­le des Staa­tes stür­men und ihn zer­stö­ren soll­te, nicht ihn refor­mie­ren und »popu­la­ri­sie­ren«. Aber das ist sicher­lich ein The­ma, das wir bes­ser dis­ku­tie­ren und erfor­schen sollten.

Abschlie­ßend möch­te ich sagen, dass unser ers­tes Tref­fen von gro­ßer Bedeu­tung ist, trotz der Tat­sa­che, dass wir in unse­ren Län­dern der­zeit hyper-mino­ri­tä­re Phä­no­me­ne sind. Sowie trotz der Tat­sa­che, dass wir die Gren­zen und Vor­ur­tei­le unse­rer poli­ti­schen Tra­di­tio­nen der Zuge­hö­rig­keit regis­trie­ren müs­sen, die uns oft nicht nur an einer grö­ße­ren Homo­ge­ni­sie­rung, son­dern vor allem an einer grö­ße­ren Ana­ly­se und ein­heit­li­chen Pra­xis hin­dern. Gren­zen, die wir jedoch über­win­den konn­ten, als die Bewe­gung gegen den Grü­nen Pass und das auto­ri­tä­re Manage­ment der Pan­de­mie entstand.

Die­ses Tref­fen ist auch die Frucht die­ser Kämp­fe. Die Saat, die sie hin­ter­las­sen haben und die wir wei­ter pfle­gen müssen.

Unse­re Auf­ga­be besteht mei­ner Mei­nung nach auch dar­in, die Netz­wer­ke der Genos­sen zu stär­ken, natio­na­le und inter­na­tio­na­le Koor­di­nie­run­gen zu schaf­fen (z.B. Volks­ko­mi­tees gegen Not­stands­po­li­ti­ken), Ana­ly­sen und Inter­ven­ti­ons­prak­ti­ken für all jene Kämp­fe aus­zu­ar­bei­ten, die sich gegen die repres­si­ve Poli­tik unse­rer Regie­run­gen ent­wi­ckeln kön­nen. In dem Bewusst­sein, dass die­se sozia­len Wider­stän­de wei­ter­hin auf einer fal­schen, wider­sprüch­li­chen, manch­mal ambi­va­len­ten Ebe­ne statt­fin­den werden.

Wir soll­ten ver­su­chen die Komi­tees »Kein Grü­ner Pass« in natio­na­le Komi­tees »Gegen Not­stän­de, gegen wirt­schaft­li­che und sozia­le Opfer und gegen Krie­ge« umzu­wan­deln und die­se mit denen ande­rer Län­der zu koor­di­nie­ren, indem wir die­sen Win­ter, wenn wir Wider­stand und Volks­kämp­fe gegen die Poli­tik unse­rer Regie­run­gen in unse­ren Län­dern regis­trie­ren, ein inter­na­tio­na­les Tref­fen gegen den Krieg, das Elend und alle Not­stän­de, durch die der Kapi­ta­lis­mus uns dis­zi­pli­nie­ren und aus­beu­ten möch­te, vorschlagen.

Bild: Assem­blea Mili­tan­te mit Ban­ner auf Demons­tra­ti­on in Italien

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert