Kleine linke Klimaserie (II): Temperaturentwicklung der letzten 1000 – 2000 bzw. 30 Jahre

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Die Wahr­heit ist sel­ten pur und nie­mals simpel.

Oscar Wil­de, Schrift­stel­ler (1895)

Temperaturentwicklung der letzten 1000 – 2000 bzw. 30 Jahre

An das Kli­ma-The­ma unvor­ein­ge­nom­me­nen her­an­zu­ge­hen, ist nicht ein­fach. Um aus den eige­nen Ver­bret­te­run­gen her­aus zu kom­men, hilft es, die Axt zu schwin­gen und das The­ma klein­zu­hau­en. Einem klei­nen Kli­ma-Teil­chen kön­nen wir uns mutig ergeb­nis­of­fen nähern: stimmt es nicht mit unse­ren Vor­stel­lun­gen über­ein, brau­chen wir nicht gleich durch­zu­dre­hen; der wesent­li­che Rest kann ja trotz­dem stimmen.

In der ers­ten Fol­ge ging es um den Unter­schied von wis­sen­schaft­li­chen und all­ge­mein­ver­ständ­li­chen Aus­sau­gen. In die­ser Fol­ge wird es um Dar­stel­lun­gen der Tem­pe­ra­tur­ent­wick­lung der letz­ten 1000 bis 2000 Jah­re gehen – und bei der Gele­gen­heit auch um den »Welt­kli­ma­rat« (IPCC – Inter­go­vern­men­tal Panel on Cli­ma­te Chan­ge / Zwi­schen­staat­li­cher Aus­schuss für Klimaänderungen).

Proxies

Tem­pe­ra­tur­ent­wick­lun­gen vor der »Ther­mo­me­ter­zeit« (glo­bal­kli­ma­tisch frü­hes­tens 1850 ange­bro­chen) wer­den anhand von Ersatz­mit­teln, Pro­xies, geschätzt. Als Pro­xies die­nen zum Bei­spiel Eis­bohr­ker­ne, Baum­rin­ge, Pol­len, Koral­len, Sedi­ment­ab­la­ge­run­gen … Um über län­ge­re Zeit­räu­me und grö­ße­re Gebie­te etwas zur Tem­pe­ra­tur­ent­wick­lung aus­sa­gen zu kön­nen, wer­den in Mul­ti­pro­xy-Stu­di­en meh­re­re, manch­mal hun­der­te Pro­xy-Daten­sät­ze zusam­men­ge­baut. Der dabei akti­ve Wis­sen­schafts­zweig nennt sich Paläo­kli­ma­to­lo­gie, von alt­grie­chisch palaiós/​alt.

Wis­sen­schaft­li­che Stu­di­en zu Pro­xy-Schät­zun­gen lesen sich so, dass Lai­en meis­tens nur »Bahn­hof« ver­ste­hen – an ziem­lich fri­schen Stel­len aus dem Jahr 2020 aber viel­leicht auch nicht:

Es gibt kei­nen der­zeit akzep­tier­ten bes­ten Ansatz zur Rekon­struk­ti­on der GMST [glo­ba­le mitt­le­re Ober­flä­chen­tem­pe­ra­tur] auf der Grund­la­ge von Mul­ti­pro­xy-Daten. Es wur­den meh­re­re sta­tis­ti­sche Ver­fah­ren ent­wi­ckelt, um Zeit­rei­hen von Paläo­kli­ma-Varia­blen über gro­ße Regio­nen zu erstel­len und ihre Unsi­cher­hei­ten zu quan­ti­fi­zie­ren. Da jedes Ver­fah­ren auf unter­schied­li­chen Annah­men und Pro­ze­du­ren basiert, kön­nen sie zu unter­schied­li­chen Rekon­struk­tio­nen füh­ren. 1

Hier eine – wegen Urhe­ber­rechts­kram bzw. feh­len­dem Anwalts­be­fra­gungs­geld gemach­te – gro­be Nach­zeich­nung aus der zitier­ten Stu­die (»Heu­te« ist 1973 rechts bei Null):

Für bei­de Tem­pe­ra­tur­kur­ven wur­den die­sel­ben Pro­xy-Daten ver­wen­det. Nach der einen Metho­de, CPS (rote Kur­ve), waren ver­gan­ge­ne Tem­pe­ra­tur­schwan­kun­gen grö­ßer. Nach der ande­ren Metho­de, PAI (blaue Kur­ve) waren ver­gan­ge­ne Tem­pe­ra­tur­schwan­kun­gen klei­ner. Abwei­chun­gen, die allein durch die Wahl der sta­tis­ti­schen Metho­de ent­ste­hen, kön­nen je nach den ver­wen­de­ten Pro­xy-Daten und betrach­te­ten Zeit­räu­men klei­ner oder grö­ßer aus­fal­len als in der Gra­fik zu sehen.

»Weltklimarat« (IPCC)

Eine gute Hil­fe zum Ver­ständ­nis kli­ma­wis­sen­schaft­li­cher Aus­sa­gen bie­ten die wis­sen­schaft­li­chen Tei­le der Berich­te des IPCC. Das IPCC hat meh­re­re Arbeits­grup­pen, die sich mit unter­schied­li­chen Aspek­ten der Kli­ma­fra­ge befas­sen. Arbeits­grup­pe I ist für die natur­wis­sen­schaft­li­chen Grund­la­gen und damit auch für Tem­pe­ra­tur­dar­stel­lun­gen zuständig.

Exper­tin­nen ver­fas­sen den wis­sen­schaft­li­chen Teil der IPCC-Berich­te mit dem Anlie­gen, For­schungs­er­geb­nis­se zum Kli­ma in einer Wei­se zusam­men­zu­fas­sen, die für Fach­ge­biets­frem­de ver­ständ­lich und zugleich gegen­über wis­sen­schaft­li­cher Kri­tik stand­fest ist – soweit poli­tisch nötig.

Wäh­rend der Ent­ste­hung der Berich­te dür­fen außen­ste­hen­de Exper­tin­nen in zwei Pha­sen (FOR – First order draft / SOR – Second order draft) Kom­men­ta­re zu ihnen abge­ben, nach­dem sie einen Geheim­hal­tungs­ver­trag unter­schrie­ben haben. Die Kom­men­ta­re wer­den von den IPCC-Autorin­nen beach­tet oder auch nicht. Kom­mu­ni­ka­tio­nen der IPCC-Autorin­nen mit den außen­ste­hen­den Exper­tin­nen und zwi­schen den außen­ste­hen­den Exper­tin­nen sind nicht vor­ge­se­hen. Reak­tio­nen der IPCC-Autorin­nen auf ihre Kom­men­ta­re erfah­ren die außen­ste­hen­den Exper­tin­nen erst nach Ver­öf­fent­li­chung der Schluss­ver­si­on. Dann wer­den die Kom­men­ta­re und Reak­tio­nen der IPCC-Autorin­nen ver­öf­fent­licht, so dass eine gewis­se Kon­troll­mög­lich­keit entsteht.

Der Anspruch auf zumin­des­tens ober­fläch­li­che wis­sen­schaft­li­che Stand­fes­tig­keit ver­hin­dert, dass For­schungs­er­geb­nis­se zum Kli­ma so sehr ver­ein­facht wer­den wie es die ARD-Tages­schau macht (sie­he 1. Fol­ge). Lei­der sind die wis­sen­schaft­li­chen Tei­le der IPCC-Berich­te nicht gefragt genug, um Leu­te dazu zu moti­vie­ren, von ihren jewei­li­gen Regie­run­gen Über­set­zun­gen in die Lan­des­spra­chen zu ver­lan­gen. Alles ist Englisch.

Jour­na­lis­tin­nen, Poli­ti­ke­rin­nen und kli­ma­po­li­tisch Akti­ve schau­en sich meis­tens ledig­lich die all­ge­mein­ver­ständ­li­chen Dar­stel­lun­gen zu Beginn der Berich­te an, die »Zusam­men­fas­sun­gen für die poli­ti­sche Ent­schei­dungs­fin­dung« (SPM – Sum­ma­ry for Poli­cy Makers). Die­se über­set­zen man­che natio­na­len offi­zi­el­le Stel­len in die jewei­li­gen Landessprachen.

Über die Inhal­te der SPMs, die für Kli­ma­ver­trä­ge und Recht­fer­ti­gun­gen von Regie­rungs­po­li­ti­ken wich­tig sind, ent­schei­den poli­ti­sche Ver­tre­te­rin­nen der Natio­nal­staa­ten, fast der gan­zen Welt. In lang­wie­ri­gen Sit­zun­gen mit nächt­li­chen Neben­ab­spra­chen, bei denen Macht­ge­fäl­le zwi­schen den Natio­nen sicher­lich kei­ne Rol­le spie­len, dis­ku­tie­ren sie Satz für Satz und Gra­fik für Gra­fik einen Ent­wurf der jewei­li­gen SPM durch, for­mu­lie­ren um, wer­fen weg oder ergänzen.

Für die wis­sen­schaft­li­chen Tei­le der IPCC-Berich­te sind eben­falls nach poli­ti­schen Kri­te­ri­en zusam­men­ge­setz­te Teams ver­ant­wort­lich, doch bestehen die­se Teams aus Wis­sen­schaft­le­rin­nen – wahr­schein­lich meistens.

Das IPCC doku­men­tiert die for­ma­len Qua­li­fi­ka­tio­nen der IPCC-Autorin­nen und deren even­tu­el­le Inter­es­sens­kon­flik­te nicht. Die viel­leicht ein­zi­ge Jour­na­lis­tin der Welt, die in die­ser Fra­ge her­um­bohr­te, Don­na Lafram­boi­se, hat­te her­aus­ge­fun­den, dass Leu­te mit sehr wenig Erfah­run­gen im Fach­ge­biet und Ange­stell­te von Orga­ni­sa­tio­nen wie dem World Wild­life Fund (WWF) dar­un­ter waren.2

Einer offi­zi­el­len, vom IPCC beauf­trag­ten Unter­su­chung von 2010 zufol­ge könn­te es bei der Aus­wahl der IPCC-Autorin­nen teil­wei­se eher um poli­ti­sche als um fach­li­che Qua­li­fi­ka­tio­nen gehen. Im Rah­men der Unter­su­chung mein­te eine der anonym befrag­ten IPCC-Autorin­nen zum Beispiel:

Ich habe die Erfah­rung gemacht, dass wäh­rend des Pro­zes­ses Haupt­au­toren oder Bei­trags­au­toren hin­zu­kom­men, die oft mit einem poli­ti­schen Man­dat zu kom­men schei­nen – in der Regel aus ent­wi­ckel­ten Län­dern und als sol­che kön­nen sie sehr stö­rend sein – ganz zu schwei­gen von der frag­wür­di­gen Natur der Wis­sen­schaft, die sie bei­steu­ern! 3

Ob seit 2010 etwas bes­ser wur­de, wäre zu erforschen.

Damit die wis­sen­schaft­li­chen Tei­le der IPCC-Berich­te den SPMs nicht wider­spre­chen, ist eine nach­räg­li­che Anpas­sung der wis­sen­schaft­li­chen Tei­le an die SPMs voge­se­hen.4 Mög­li­cher­wei­se ent­hal­ten die wis­sen­schaft­li­chen Tei­le daher Aus­sa­gen, die nicht den Ansich­ten ihrer Autorin­nen ent­spre­chen, oder es feh­len Aus­sa­gen, die Autorin­nen wich­tig fan­den. Ein öffent­li­ches Auf­mu­cken von IPCC-Autorin­nen gegen Ände­run­gen an ihren Tex­ten wür­de nicht gera­de die Kar­rie­re för­dern. Beim neu­es­ten, sechs­ten IPCC-Bericht der Arbeits­grup­pe I von 2021, kam das, soweit ich sehe, nicht vor.

Eine der wei­ter­ge­hen­den nach­träg­li­chen Ände­run­gen im wis­sen­schaft­li­chen Teil des sechs­ten IPCC-Berichts war zum Beispiel:

Erset­ze ›Beob­ach­te­te Ver­än­de­run­gen in der Atmo­sphä­re, den Ozea­nen, der Kryo­sphä­re und der Bio­sphä­re lie­fern ein­deu­ti­ge Bewei­se für eine erwärm­te Welt. {2.3}‹ durch ›Es ist ein­deu­tig, dass der mensch­li­che Ein­fluss die Atmo­sphä­re, die Ozea­ne und das Land erwärmt hat. Weit­rei­chen­de und schnel­le Ver­än­de­run­gen in der Atmo­sphä­re, im Oze­an, in der Kryo­sphä­re und in der Bio­sphä­re sind ein­ge­tre­ten. {SPM.A.1}‹ 5

1. IPCC-Bericht 1990

In sei­nem ers­ten Bericht 6 von 1990 hat­te das IPCC die Tem­pe­ra­tur­ent­wick­lung der vor­an­ge­gan­ge­nen 1000 Jah­re in der Art einer Skiz­ze dargestellt:

Der Berg links um 1000 bis 1300 her­um wird als Mit­tel­al­ter­li­che Warm­pe­ri­ode (MWP) bezeich­net. Wegen ihrer güns­ti­gen Wir­kun­gen auf die Men­schen nennt der IPCC-Bericht die­se Peri­ode auch »Mit­tel­al­ter­li­ches Klimaoptimum«.

Ver­gli­chen mit der MWP erscheint der Tem­pe­ra­tur­an­stieg ab etwa 1920, rechts in der Gra­fik, mick­rig. Man könn­te ihn als natür­li­che Gegen­be­we­gung zur Klei­nen Eis­zeit (Litt­le ice age) ver­ste­hen, die auf die MWP folg­te. Soll­te der mick­ri­ge Wär­me­berg wei­ter anwach­sen, wäre das zunächst nicht beson­ders erstaun­lich. Etwas Außer­ge­wöhn­li­ches wür­de erst auf­fal­len, wenn der Wär­me­berg deut­lich über den mit­tel­al­ter­li­chen hin­aus­wüch­se und kei­ne Käl­te­kuh­le auf ihn folg­te. Wohl damit nicht all­zu vie­le Leu­te auf eine Käl­te­kuh­le war­ten, bis es zu spät ist, wird die MWP mehr und mehr »Mit­tel­al­ter­li­che Kli­ma­ano­ma­lie« genannt: nach dem Auf­tre­ten von etwas Ano­ma­lem erwar­tet kaum jemand das Auf­tre­ten eines nächs­ten gleich­ar­ti­gen Anomalen.

An der Tem­pe­ra­tur­ska­la der 1990er Skiz­ze, links, sind kei­ne Zah­len zu sehen. Dies deu­tet dar­auf hin, dass die Tem­pe­ra­tur­ent­wick­lung nur sehr grob geschätzt ist.

Mög­li­cher­wei­se war die MWP kein glo­ba­les Phä­no­men, heißt es im IPCC-Bericht von 1990. Sie sei »dar­in bemer­kens­wert, dass es kei­ne Nach­wei­se für einen Antrieb durch Treib­haus­ga­se gibt.»7

Damit wur­de die MWP zum Kli­ma­kampf­ge­biet, das eine sepa­ra­te Fol­ge in die­ser Serie ver­dient hät­te. Ohne Streit vom Zaun zu bre­chen, lässt sich zur Bedeu­tung der MWP wohl sagen:

  • Je höher die natür­li­che Kli­ma­va­ria­bi­li­tät ist, des­to schlech­ter las­sen sich Aus­wir­kun­gen mensch­li­cher Akti­vi­tä­ten auf das Kli­ma ein­schät­zen – sowohl Aus­wir­kun­gen von Sen­kun­gen der Treib­haus­gas-Emis­sio­nen als auch von stei­gen­den Emissionen.

  • Je gerin­ger die natür­li­che Kli­ma­va­ria­bi­li­tät ein­ge­schätzt wird, des­to grö­ßer wird die Tem­pe­ra­tur­wir­kung, die Kli­ma­mo­del­le men­schen­ge­mach­ten Treib­haus­gas-Emis­sio­nen zuschrei­ben müs­sen. (Nicht unbe­dingt umge­kehrt: bei einer als hoch ein­ge­schätz­ten Kli­ma­va­ria­bi­li­tät könn­ten Kli­ma­mo­del­le natür­li­che Ein­flüs­se als den mensch­li­chen Ein­flüs­sen enge­gen­ge­setzt ver­rech­nen, so dass die mensch­li­chen Ein­flüs­se groß blei­ben. Auch spricht eine hohe natür­li­che Kli­ma­va­ria­bi­li­tät dafür, dass bereits klei­ne Ein­flüs­se gro­ße Fol­gen haben können.)

Mit die­sen bei­den Punk­ten hängt die poli­ti­sche Durch­setz­bar­keit von Ent­schei­dun­gen dar­über zusam­men, ob zum Bei­spiel die Welt­bank bis zur prak­ti­schen Ver­füg­bar­keit preis­güns­ti­ger, aus­rei­chend zuver­läs­si­ger Alter­na­ti­ven Kre­di­te zur Errich­tung von Gas- und Koh­le­kraft­wer­ken in der Nähe afri­ka­ni­scher Gas- bzw. Koh­le­vor­kom­men ver­gibt oder nicht.

2. IPCC-Bericht 1995

Im zwei­ten Bericht des IPCC von 1995 wur­de mit der Begrün­dung »Daten­man­gel« auf eine jah­res­zeit­lich über­grei­fen­de Dar­stel­lung der Tem­pe­ra­tur­ent­wick­lung der ver­gan­ge­nen Jahr­hun­der­te ver­zich­tet. Im Bericht heißt es:

Aus den weni­gen ver­füg­ba­ren Daten geht her­vor, dass die letz­ten Jahr­zehn­te im Durch­schnitt der nörd­li­chen Hemi­sphä­re im Som­mer die wärms­ten seit min­des­tens 1400 waren (Abbil­dung 10). […] Eis­kern­da­ten von meh­re­ren Orten deu­ten dar­auf hin, dass das 20. Jahr­hun­dert min­des­tens so warm ist wie jedes ande­re Jahr­hun­dert der letz­ten 600 Jah­re, obwohl die jüngs­te Erwär­mung nicht über­all außer­ge­wöhn­lich ist. 8

Nach dem letz­ten Satz zu urtei­len, war es um 1990 offen, ob das 20. Jahr­hun­dert ins­ge­samt gese­hen unge­wöhn­lich warm war. Zugleich wer­den die Som­mer der letz­ten Jahrz­en­te auf der Nord­halb­ku­gel als unge­wöhn­lich warm eingeschätzt.

Auf der Nord­halb­ku­gel befin­det sich der grö­ße­re Teil der glo­ba­len Land­flä­che mit rund 90 % der Mensch­heit. Die Süd­halb­ku­gel mit 81 % Was­ser­be­de­ckung lei­det unter noch grö­ße­rem Daten­man­gel als die Nordhalbkugel.

Die Abbil­dung 10 9, auf die das Zitat ver­weist, zeigt für die Nord­halb­ku­gel einen som­mer­li­chen Hit­ze­berg um 1925, der die Som­mer­tem­pe­ra­tu­ren vor­an­ge­gan­ge­ner Jahr­hun­der­te deut­lich überragt:

3. IPCC-Bericht 2001

Im drit­ten Bericht des IPCC von 2001 hat sich die For­schungs­la­ge anschei­nend deut­lich ver­bes­sert.10 Man traut sich eine jah­res­zeit­lich über­grei­fen­de Tem­pe­ra­tur­schät­zung für die Nord­halb­ku­gel mit Zah­len zu:

Einer Legen­de nach tauf­te ein kli­ma­po­li­tisch unver­däch­ti­ger Kli­ma­to­lo­ge die­se Gra­fik »Hockey­schlä­ger«. Der Ergeb­nis­of­fen­heit wird es wohl nicht scha­den, wenn ich die­se anschau­li­che Bezeich­nung ver­wen­de. Zur Skiz­ze von 1990 passt viel­leicht der Aus­druck »Ach­ter­bahn«.

In der Hockey­schlä­ger-Gra­fik gibt die hori­zon­ta­le Linie bei 0.0 das Durchschnitts­temperatur­niveau zwi­schen 1961 bis 1990 an. Eine MWP ist nicht erkenn­bar und die Klei­ne Eis­zeit ist kei­ne auf­fäl­li­ge Kuh­le mehr wie noch in der Dar­stel­lung des ers­ten IPCC-Berichts.

Um 1900 setzt ein mas­si­ver Tem­pe­ra­tur­an­stieg ein, der sich zum Ende des 20. Jahr­hun­derts deut­lich ver­schärft. Um 1925 her­um ist der Hit­ze­berg zu sehen, der in der Som­mer­gra­fik von 1995 auf­tauch­te. Rechts rot ste­chen Ther­mo­me­ter­da­ten her­aus. Man sieht: Die gegen­wär­ti­ge Tem­pe­ra­tur­ent­wick­lung ist außer Rand und Band geraten!

Der graue Bereich in der Gra­fik zeigt das 95 %-Ver­trau­ens­in­ter­vall der Tem­pe­ra­tur­dar­stel­lung. Ein 95 %-Ver­trau­ens­in­ter­vall, auch »Kon­fi­denz­in­ter­vall« (CI) genannt, gibt – sehr doll ver­ein­facht – den Wer­te­be­reich an, in den mit 95 %-iger Wahr­schein­lich­keit ein als wahr betrach­te­ter Wert fällt.11 Natur­wis­sen­schaft­lich gilt in der Regel ein Ver­trau­ens­ni­veau von 95 % als Min­dest­be­din­gung dafür, eine Aus­sa­ge als zutref­fend vor­aus­set­zen zu dür­fen. Danach könn­te man gemäß der Gra­fik zum Bei­spiel sagen: Als die Wikin­ge­rin­nen in Ame­ri­ka stran­de­ten, war die Nord­halb­ku­gel zwi­schen etwa 0,8 °C käl­ter oder 0,3 °C wär­mer als im Durch­schnitt zwi­schen 1961 bis 1990.

Die blaue Linie (Jah­res­da­ten) und die schwar­ze Linie (50-Jah­res-Mit­tel der Jah­res­da­ten) könn­ten bei Wis­sen­schafts­lai­en den Ein­druck einer nicht vor­han­de­nen Exakt­heit der Schät­zung erwe­cken. Mit die­sen Lini­en wur­den die Mit­tel­wer­te der Ver­trau­ens­in­ter­val­le her­vor­ge­ho­ben, ohne dass bekannt wäre, ob die wahr­schein­lichs­ten Wer­te tat­säch­lich jeweils in der Mit­te der Inter­val­le lie­gen. War die Ach­ter­bahn von 1990 nicht total dane­ben, lie­gen die Wer­te viel­leicht eher an den Rän­dern der Vertrauensintervalle.

4. IPCC-Bericht 2007

Die Dar­stel­lung im vier­ten Bericht des IPCC von 200712 sieht wie ein Kom­pro­miss zwi­schen Ach­ter­bahn und Hockey­schlä­ger aus:

MWP und Klei­ne Eis­zeit sind im Ansatz zu erkennen.

Gezeigt wer­den ver­schie­de­ne Schät­zun­gen der Tem­pe­ra­tur­ent­wick­lung, nicht nur eine ein­zi­ge wie in den IPCC-Berich­ten zuvor. Wis­sen­schafts­lai­en bekom­men den Ein­druck einer nicht all­zu gro­ßen Prä­zi­si­on. Das Aus­maß der Unge­nau­ig­keit lässt sich ohne Ver­trau­ens­in­ter­val­le um die Tem­pe­ra­tur­kur­ven her­um nicht einschätzen.

Wie beim Hockey­schlä­ger lie­gen die Schät­zun­gen der his­to­ri­schen Tem­pe­ra­tur­ni­veaus im Wesent­li­chen unter­halb des Durch­schnitts­ni­veaus der Jah­re 1961 bis 1990 (hori­zon­ta­le Linie bei 0.0). Anders als beim Hockey­schlä­ger, aber bes­ser pas­send zur Som­mer­gra­fik von 1995, beginnt der Tem­pe­ra­tur­an­stieg nach der Klei­nen Eis­zeit bereits in CO2-emmis­si­ons­schwa­chen Zei­ten um 1800. Er setzt sich bis in den heu­ti­gen Tem­pe­ra­tur­an­stieg fort, der im Ver­gleich zu vor­an­ge­gan­gen Jahr­hun­der­ten als außer­ge­wöhn­lich erscheint.

5. IPCC-Bericht 2013

Im fünf­ten Bericht des IPCC von 2013 13 sind man­che Tem­pe­ra­tu­ren der Ver­gan­gen­heit im Ver­gleich zu den aktu­el­len deut­lich gestie­gen – als wur­den 2007 dies­be­züg­lich Feh­ler gemacht:

MWP und Klei­ne Eis­zeit sind zu sehen. Die hori­zon­ta­le 0.0‑Linie zeigt das durch­schnitt­li­che Tem­pe­ra­tur­ni­veau zwi­schen 1881 und 1980.

Eine der in der IPCC-Gra­fik 14 ent­hal­te­nen Tem­pe­ra­tur­kur­ven, von die Loeh­le und McCulloch 2008, sieht der Ach­ter­bahn von 1990 ziem­lich ähn­lich, hört aber lei­der schon 1935 auf:

Ob der gegen­wär­ti­ge Tem­pe­ra­tur­an­stieg außer­ge­wöhn­lich ist oder nicht, lässt sich an der IPCC-Gra­fik von 2013 nicht so ein­fach erken­nen. Die Ther­mo­me­ter­da­ten (schwarz ein­ge­zeich­net) enden 1980 mit unter­schied­li­chen Werten:

  • HadCRUT4 NH bezieht sich auf Land- und Was­ser­ge­bie­te der Nord­halb­ku­gel und reicht bis etwa 0,6 °C über den Durchschnitt

  • CRUTEM4 NH bezieht sich nur auf Land­ge­bie­te der Nord­halb­ku­gel und reicht bis etwa 0,8 °C über den Durchschnitt

  • CRUTEM4 30 – 90N bezieht sich nur auf Land­ge­bie­te des nicht-tro­pi­schen Teils der Nord­halb­ku­gel und reicht bis etwa 1 °C über den Durch­schnitt.15

Nur CRUTEM4 30 – 90N schafft es, über die fre­chen hell­blau­en Ber­ge um die Jah­re 1000 und 1930 hin­aus­zu­kom­men. Die­se stam­men von Chris­ti­an­sen und Ljung­q­vist und bezie­hen sich auf das nicht-tro­pi­sche Land- und Was­ser­ge­biet der Nordhalbkugel.

Die Schät­zung von Chris­ti­an­sen und Ljung­q­vist 16 umfasst den Zeit­raum von 1 bis 1973. In der Stu­die, aus der sie stammt, sieht sie ver­wir­rend aus:

Die enor­men Zacken sind Jah­res­wer­te. Die dicke schwar­ze Linie unter der dicken roten zeigt Mit­te­lun­gen der Jah­res­wer­te über 50 Jah­re. Weil die Jah­res­za­cken mal nach unten und mal nach oben gehen, heben sie ein­an­der bei der Mit­tel­wert­bil­dung auf. Die roten Lini­en betref­fen Aus­sa­gen zur Genau­ig­keit der Schät­zung. Die gel­be und grü­ne Linie rechts zei­gen Ther­mo­me­ter­da­ten. Sie schei­nen gut zur Pro­xy-Schät­zung zu pas­sen. Der Wert 0 der Tem­pe­ra­turach­se liegt auf dem durch­schnitt­li­chen Tem­pe­ra­tur­ni­veau von 1880 bis 1960.

An der Gra­fik ist kei­ne Kli­ma­ka­ta­stro­phe zu sehen, doch reicht sie nur bis 1973. Hier endet die dicke schwar­ze Linie nahe 0 °C rela­tiv zum durch­schnitt­li­chen Tem­pe­ra­tur­ni­veau. Zwi­schen 1973 und heu­te sind die Tem­pe­ra­tu­ren auf der Nord­halb­ku­gel offi­zi­el­len Anga­ben zufol­ge um rund 1 °C gestie­gen, deut­lich mehr als auf der Südhalbkugel.

6. IPCC-Bericht 2021

Der neu­es­te, sechs­te IPCC-Bericht17 von 2021/22 ent­hält in der SPM einen Hockey­schlä­ger wie 2001:

Gibt der neue Hockey­schlä­ger den aktu­el­len For­schungs­stand wie­der? Waren die Tem­pe­ra­tur­re­kon­struk­tio­nen von 2013 falsch? Die­sen Fra­gen wird in der nächs­ten Fol­ge nachgegangen.

Verweise

1 D Kauf­man, N McK­ay, C Rout­son et al.: Holo­ce­ne glo­bal mean sur­face tem­pe­ra­tu­re, a mul­ti-method recon­struc­tion approach. Sci Data 7, 201 (2020). DOI 10.1038/s41597-020‑0530‑7
In ecki­gen Klam­mern ste­hen – wenn nicht Zah­len – nach­träg­lich hin­zu­ge­füg­te Zusät­ze, die als Ver­ständ­nis­hil­fen gemeint sind. Alle Zita­te aus eng­lisch­spra­chi­gen Quel­len wur­den unau­to­ri­siert übersetzt.

4 IPCC Princi­ples Appen­dix A, Punkt 4.5: »Der Inhalt der ver­fass­ten Kapi­tel liegt in der Ver­ant­wor­tung der feder­füh­ren­den Autor:innen, vor­be­halt­lich der Zustim­mung der Arbeits­grup­pe oder des Panels. Ände­run­gen (außer gram­ma­ti­ka­li­sche oder gering­fü­gi­ge redak­tio­nel­le Ände­run­gen), die nach der Annah­me durch die Arbeits­grup­pe oder das Panel vor­ge­nom­men wer­den, sol­len sol­che sein, die not­wen­dig sind, um die Kohä­renz mit der Zusam­men­fas­sung für die poli­ti­sche Ent­schei­dungs­fin­dung oder dem Über­sichts­ka­pi­tel sicher­zu­stel­len.« (S. 9)

7 IPCC: First Assess­ment Report (FAR), S. 199 und 202

8 IPCC: Cli­ma­te Chan­ge 1995 – The Sci­ence of Cli­ma­te Chan­ge, S. 28
Letz­ter Satz im Ori­gi­nal: »Ice core data from several sites sug­gest that the 20th cen­tu­ry is at least as warm as any cen­tu­ry in the past 600 years, alt­hough the recent war­ming is not excep­tio­nal everywhere.«

9 IPCC: Cli­ma­te Chan­ge 1995 – The Sci­ence of Cli­ma­te Chan­ge, S. 28
Deka­di­scher Som­mer­tem­pe­ra­tur­in­dex (Juni bis August) für die nörd­li­che Hemi­sphä­re (bis 1970 – 1979) auf der Grund­la­ge von 16 Pro­xy-Daten (Baum­rin­ge, Eis­bohr­ker­ne, doku­men­ta­ri­sche Auf­zeich­nun­gen) aus Nord­ame­ri­ka, Euro­pa und Ost­asi­en. Die dün­ne Linie ist eine Glät­tung der­sel­ben Daten. Die Ano­ma­lien bezie­hen sich auf den Zeit­raum 1961 bis 1990.

11 Genaue­re Erklä­rung bei Mathi­as Bärtl: Kur­zes Tuto­ri­um Sta­tis­tik – vor­her even­tu­ell Streu­ma­ße ansehen.

12 IPCC: Cli­ma­te Chan­ge 2007 – The Phy­si­cal Sci­ence Basis, S. 55

MBH1999 = Mann et al., 1999 – Land und Was­ser 0 – 90°N / 1000 – 1980; MJ2003 = Mann and Jones, 2003 – Land und Was­ser 0 – 90°N / 200‑1980; BOS..2001 = Brif­fa et al., 2001 – Land, 20°N – 90°N / 1402 – 1960 (nur Som­mer); B2000 = Brif­fa, 2000/2004 – Land, 20°N – 90°N / 1 – 1993 (nur Som­mer); JBB..1998 = Jones et al., 1998/2001 – Land, 20°N – 90°N / 1000 – 1991 (nur Som­mer); ECS2002 = Esper et al., 2002; reca­li­bra­ted by Cook at al., 2004 – Land, 20°N – 90°N /831‑1992; RMO..2005 = Ruther­ford et al., 2005 – Land und Was­ser 0 – 90°N / 1400 – 1960; MSH..2005 = Moberg et al., 2005 – Land und Was­ser 0 – 90°N / 1 – 1979; DWJ2006 = D’Arrigo et al., 2006 – Land 20°N – 90°N / 713‑1995; HCA..2006 = Hegerl et al., 2006 – Land, 20°N – 90°N / 558‑1960; O2005 = Oer­le­m­ans, 2005 – Land glo­bal / 1600 – 1990 (nur Som­mer); PS2004 = Poll­ack and Smer­don, 2004; refe­rence level adjus­ted fol­lowing Moberg et al., 2005 – Land, 0 – 90°N / 1500 – 2000; HADCRUTv2 = Jones and Moberg, 2003; errors from Jones et al., 1997 – Land und Was­ser NH / 1856 – 2005

13 IPCC: Cli­ma­te Chan­ge 2013 – The Phy­si­cal Sci­ence Basis | Tech­ni­cal Sum­ma­ry, S. 409

Rot: Land – alle Brei­ten­gra­de, Oran­ge: Land – nicht-tro­pi­sche Brei­ten­gra­de, Hell­blau: Land und Oze­an – nicht-tro­pi­sche Brei­ten­gra­de, Dun­kel­blau: Land und Oze­an – alle Brei­ten­gra­de; Schwarz: Land und Oze­an – HadCRUT4.

PS04bore = Poll­ack and Smer­don (2004); Fr07treecps = Frank et al. (2007); CL12loc = Chris­ti­an­sen and Ljung­q­vist (2012); Ma08cpsl, Ma08eivl, Ma08eivf, Ma08min7eivf = Mann et al. (2008); He07tls = Hegerl et al. (2007); Lj10cps = Ljung­q­vist (2010); Da06treecps = D’Arrigo et al. (2006); LO12glac = Leclercq and Oer­le­m­ans (2012); Sh13pcar = Shi et al. (2013); LM08ave = Loeh­le and McCulloch (2008); Mo05wave = Moberg et al. (2005); Ju07cvm = Juckes et al. (2007); Ma09regm = Mann et al. (2009)

14 Gra­fik nach Daten von der Web­sei­te von McCulloch bei der Ohio Sta­te Uni­ver­si­ty. Ori­gi­nal­gra­fik in Loeh­le, C. and J.H. McCulloch. 2008. Cor­rec­tion to: A 2000-year glo­bal tem­pe­ra­tu­re recon­struc­tion based on non-tree ring pro­xies. Ener­gy and Envi­ron­ment, 19, 93 – 100, S. 97. Die hori­zon­ta­le 0.0‑Linie bedeu­tet hier etwas ande­res als in der IPCC-Gra­fik. Die grau­en Lini­en kenn­zeich­nen das 95 %-Ver­trau­ens­in­ter­vall der Schätzung.

15 Dem­nach sind die nicht-tro­pi­schen Land­ge­bie­te der Nord­halb­ku­gel wär­mer als die tro­pi­schen Land­ge­bie­te der Nord­halb­ku­gel. – Die selt­sa­men Bezeich­nun­gen »Had­CRUT« usw. wer­den in Fol­ge 4 erklärt.

16 Chris­ti­an­sen, B. and Ljung­q­vist, F. C.: The extra-tro­pi­cal Nort­hern Hemi­s­phe­re tem­pe­ra­tu­re in the last two mill­en­nia: recon­struc­tions of low-fre­quen­cy varia­bi­li­ty, Clim. Past, 8, 765 – 786, DOI 10.5194/cp‑8 – 765-2012, 2012; S. 775 (CC Attri­bu­ti­on 3.0 Licen­se)

17 IPCC: Cli­ma­te Chan­ge 2021 – The Phy­si­cal Sci­ence Basis, PDF-Sei­te 8

Bild: Ser­gej Wadi­mo­witsch Oday­nik »Kazan­tip Reser­ve«, 1982

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