»Verarschen kann ick mir alleene« – über die zweite Nummer der Zeitschrift »Der Erreger«

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Man braucht ja nur in die Frat­zen, die­ser immer nie­der­klas­si­ge­ren Akteu­re und ihres wil­li­gen Gefol­ges schau­en, auf ihre Gri­mas­sen, um das gan­ze Elend bösen kin­der­bi­bli­schen Aus­ma­ßes zu erken­nen; man braucht dazu nicht ein­mal ihrem imbe­zi­len Gestam­mel zuzu­hö­ren – davon ist sogar abzu­ra­ten, da irgend­wann die Schmerz- und Fas­sungs­gren­ze jedes ver­nunft­be­gab­ten Wesens erreicht und dann über­schrit­ten ist. (Der Erre­ger, S.95)

Die zwei­te Aus­ga­be der Zeit­schrift Der Erre­ger, die im Juni 2022 erschie­nen ist, zeich­net den Zeit­raum von Juni 2021 bis Juni 2022 in Berich­ten, Kom­men­ta­ren, phi­lo­so­phi­schen Bei­trä­gen, Sati­ren und Comics nach. Für die Her­aus­ge­ber besteht »kein Zwei­fel, dass das offen­kun­di­ge Pro­gramm einer welt­wei­ten Trans­for­ma­ti­on wei­ter durch­ge­zo­gen wird«. Ein Coro­na-Heft wäre es nur unter der Prä­mis­se, »wenn man die­ses Wort als eine Chif­fre für den Form­wan­del der Herr­schaft« ver­stän­de, der sich vor unse­ren Augen voll­zö­ge. So bil­den die Bei­trä­ge ein brei­tes Spek­trum an The­men ab. »Poli­tisch sind wir obdach­los gewor­den: Eine unse­rer befrei­en­den Haupt­er­fah­run­gen der letz­ten Zeit ist der Ver­lust einer jeg­li­chen fes­ten Grup­pen­iden­ti­tät.« In die­sem Satz fasst die Redak­ti­on »die Zer­split­te­rung der lin­ken und sub­lin­ken Frak­tio­nen« zusam­men. Zu die­ser poli­ti­schen Stand­ort­be­stim­mung pas­sen die Bei­trä­ge, die die gesam­te Band­brei­te der Dis­kus­si­on der Bewe­gung gegen die Coro­na­maß­nah­men abbil­den. Aber nicht nur die Coro­na­maß­nah­men wer­den the­ma­ti­siert, auch der Ukrai­ne­krieg wird ana­ly­siert. Die meis­ten Arti­kel sind kurz und gut zu lesen. So ist das Heft abwechs­lungs­reich und über­for­dert die Leser nicht.

Den Anfang macht ein Bei­trag von Tho­mas Maul, der in 30 Punk­ten Schlag­lich­ter auf die Coro­na-Pan­de­mie wirft. »Coro­na-Revue« nennt er sei­nen Bei­trag. Ein Zitat hieraus:

Tau­sen­de Intu­bier­te wür­den über­all noch leben, der Rest wäre ohne die­se Behand­lung weni­ger jäm­mer­lich ver­reckt. Aber Hus­ten, Schlauch rein, Deckel drauf – so geht Arbeits­ver­wei­ge­rung. Kein Berufs­zweig hat jemals vom Staat ver­langt, die Bevöl­ke­rung ein­zu­sper­ren, um »auf Arbeit« ent­las­tet zu wer­den. Copy­right der Intensivmediziner…

Ihm folgt ein Bei­trag von Ele­na Loui­sa Lan­ge, die in Bei­spie­len die wider­sprüch­li­chen Aus­sa­gen von Pres­se und Poli­ti­kern zitiert. Sie erkennt in die­sen Wider­sprü­chen Ele­men­te aus Orwells 1984 »Dou­blethink« und »Neu­sprech« und fragt sich, ob man mit Logik die­ser Art der Macht­an­eig­nung die Stirn bie­ten kann.« Und kommt zu dem Schluss:

Solan­ge dem »Doublethink«-Narrativ erlaubt wird, die poli­ti­sche Rea­li­tät zu struk­tu­rie­ren, um Men­schen davon abzu­brin­gen, in ihrem eige­nen Inter­es­se zu han­deln, bleibt das Fest­hal­ten an der Logik der ein­zi­ge Weg aus der faschis­ti­schen Misere, …

Chris­ti­an Klein­schmidt hat neu erschie­ne­ne lin­ke Lite­ra­tur sowohl von Sys­tem-Lin­ken als auch von kri­ti­schen Lin­ken unter­sucht. Er führt durch das gesam­te Spek­trum der Neu­erschei­nun­gen von den Coro­nis­ten Tho­mas Eber­mann und Uli Krug, die er als Ver­wal­ter des lin­ken Jar­gons betrach­tet über den Anar­chis­ten Sebas­ti­an Lor­zer und den zag­haf­ten Kri­ti­ker des Covid-Kon­for­mis­mus Peter Nowak, dem Sam­mel­band ‚Dark Win­ter‘, dem er ana­ly­ti­schen Anspruch beschei­nigt bis zu Phil­lip von Becker, der die tech­ni­schen Aspek­te und den Trans­hu­ma­nis­mus in sei­nem Buch ‚Der neue Glau­be an die Unsterb­lich­keit. Trans­hu­ma­nis­mus, und digi­ta­ler Kapi­ta­lis­mus‘ in Augen­schein nimmt. Phil­lip von Becker war­tet mit dem neu­en Begriff, der Vek­to­ra­lis­ten­klas­se, die Klas­se, die über die Infor­ma­tio­nen herrscht, auf. Die Vek­to­ra­lis­ten hät­ten zwar nicht das Eigen­tum an den Pro­duk­ti­ons­mit­teln, besä­ßen aber die Mit­tel, die­se zu orga­ni­sie­ren. Meint er nun die Infor­ma­ti­ons­ar­bei­ter, die die Infor­ma­tio­nen zur Ver­fü­gung stel­len oder die Auf­trag­ge­ber, die die Infor­ma­tio­nen ver­wer­ten? Das wird nicht klar. Ers­te­re könn­ten das neue revo­lu­tio­nä­re Sub­jekt wer­den. Sie bedie­nen als lohn­ab­hän­gi­ge Klas­se die fort­ge­schrit­tens­ten Pro­duk­tiv­kräf­te und kön­nen die Macht über­neh­men. Oder haben sie es schon getan?

»Zur Fra­ge der Staats­fa­schi­sie­rung« beschreibt Achim Sze­pan­ski u.a. den Umbau des Staa­tes, indem der Staat »eine Rei­he von Tech­ni­ken, wie etwa neue Kon­troll- und Über­wa­chungs­in­stru­men­te, die Daten auf­zeich­nen, akku­mu­lie­ren und aus­wer­ten, Tech­ni­ken zur wei­te­ren Quan­ti­fi­zie­rung und Ver­mes­sung der Bevöl­ke­rung« ent­wi­ckelt. Er ist der Mei­nung, dass dies nicht zwangs­läu­fig zu einem faschis­ti­schen Staat füh­re, es jedoch auch nicht aus­ge­schlos­sen sei.

Diet­rich Brüg­ge­mann erzählt in sei­nem Bei­trag »Über Per­spek­ti­ven der Erzäh­lung in post­pan­de­mi­schen Zei­ten«. Er kon­sta­tiert eine Gesell­schaft, deren Mit­glie­der in den letz­ten zwei Jah­ren in ver­schie­de­nen Rea­li­tä­ten gelebt haben. Der eine Teil hat in der Rea­li­tät 1 eine ver­hee­ren­de, töd­li­che Pan­de­mie erlebt. Men­schen, die in der Rea­li­tät 2 leb­ten, hät­ten erlebt, dass ein Virus mit mitt­le­rer Gefähr­lich­keit zu »einer erstaun­li­chen Wel­le aus öffent­li­cher Panik zu einer apo­ka­lyp­ti­schen Bedro­hung auf­ge­bla­sen« und »als Legi­ti­ma­ti­on für eine auto­ri­tä­re Poli­tik« dien­te. Er hat die Hoff­nung, dass bei­de Rea­li­tä­ten wie­der zusam­men­fin­den und gemein­sam lachen kön­nen, noch nicht auf­ge­ge­ben. Die­se Sicht auf die unter­schied­li­chen Rea­li­tä­ten, in denen Men­schen heu­te leben, sticht aus den vie­len Arti­keln in die­sem Buch, die sich mit poli­ti­schen Ana­ly­sen beschäf­ti­gen, her­vor. Genau die Tren­nung der Men­schen über Klas­sen­li­ni­en hin­weg macht es für Mar­xis­ten schwer, poli­ti­sche Anknüp­fungs­punk­te zu fin­den. Die Ver­mu­tung liegt nah, dass das spal­te­ri­sche Poten­ti­al von den »Pan­de­mie­pla­nern« gut kal­ku­liert wurde.

Inter­es­sant sind die Schil­de­run­gen aus Kana­da und Aus­tra­li­en. Die Aus­tra­lie­rin Wat Tyler erör­tert in ihrem Bei­trag das ange­pass­te Ver­hal­ten der Aus­tra­li­er wäh­rend der »Pan­de­mie« und gibt einen Ein­blick in die See­le Aus­tra­li­ens, wenn sie schreibt: »Das kom­plet­te Feh­len einer kri­ti­schen Debat­te könn­te eben­falls am Man­gel ernst­zu­neh­men­der Geis­tes­wis­sen­schaf­ten zuguns­ten von soge­nann­ter har­ter Wis­sen­schaft kom­men«. Vor­her zitiert sie den Aus­spruch eines aus­tra­li­schen Expats, dass das Pro­blem Aus­tra­li­ens nicht sei, »dass so vie­le von ihnen von Häft­lin­gen abstam­men, so vie­le von Gefäng­nis­wär­tern abstammen.«

Ins­ge­samt 46 unter­schied­li­che Tex­te beschäf­ti­gen sich mit der »Pan­de­mie«, ihren Fol­gen und dem Krieg in der Ukrai­ne. Jeder ein­zel­ne lohnt sich zu lesen, auch wenn man am Ende wie­der von vor­ne anfan­gen möch­te, weil im Kopf alles zusam­men­läuft. Wer in den letz­ten bei­den Jah­ren die Dis­kus­sio­nen und Bei­trä­ge in alter­na­ti­ven Nach­rich­ten­por­ta­len ver­folgt hat, wird vie­le Gedan­ken wiedererkennen.

Der Erre­ger #2, 06/2022 Bestel­lung unter dererreger@​mailbox.​org für 6.- €

Bild: Der Erre­ger, Cover Aus­ga­be Nr. 2

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