Die Protokolle der Weisen von Ljublitzia oder warum Žižek zu zerstören ist

Ansichten: 740
Lese­zeit114 min
Mag­Ma ver­öf­fent­licht hier eine län­ge­re Unter­su­chung über Sla­voj Žižeks mani­pu­la­ti­ve Metho­de, sei­ne Her­kunft und ideo­lo­gi­sche Funk­ti­on. Der Redak­ti­on war kein deut­scher Text bekannt, der ähn­lich gekonnt und fun­diert in his­to­risch-kri­ti­scher Wei­se die sehr schwie­ri­ge Auf­ga­be der Ana­ly­se Žižeks dif­fu­ser Manö­ver erle­digt und dazu bei­trägt, die­se zu durch­schau­en, zu kri­ti­sie­ren und, vor allem, das Wesen sei­ner Mani­pu­la­ti­ons­me­tho­de zu ent­schlüs­seln. Neben der geschicht­li­chen Rele­vanz hin­sicht­lich der Ent­wick­lung der west­li­chen Lin­ken im 21. Jahr­hun­dert hat der Text wei­ter­hin eine gro­ße ideo­lo­gie­kri­ti­sche Rele­vanz. Der eng­li­sche Ori­gi­nal­text wur­de im Jahr 2016 ver­öf­fent­licht. Die Über­set­zung wur­de mit­hil­fe von DeepL angefertigt.

Proud­hon neig­te von Natur zur Dia­lek­tik. Da er aber nie die wirk­lich wis­sen­schaft­li­che Dia­lek­tik begriff, brach­te er es nur zur Sophis­tik. In der Tat hing das mit sei­nem klein­bür­ger­li­chen Stand­punkt zusam­men. Der Klein­bür­ger ist wie der Geschichts­schrei­ber Rau­mer zusam­men­ge­setzt aus einer­seits und and­rer­seits. So in sei­nen öko­no­mi­schen Inter­es­sen, und daher in sei­ner Poli­tik, sei­nen reli­giö­sen, wis­sen­schaft­li­chen und künst­le­ri­schen Anschau­un­gen. So in sei­ner Moral, so in ever­ything. Er ist der leben­di­ge Wider­spruch. Ist er dabei, wie Proud­hon, ein geist­rei­cher Mann, so wird er bald mit sei­nen eige­nen Wider­sprü­chen spie­len ler­nen und sie je nach Umstän­den zu auf­fal­len­den, geräusch­vol­len, manch­mal skan­da­lö­sen, manch­mal bril­lan­ten Para­do­xen aus­ar­bei­ten. Wis­sen­schaft­li­cher Schar­la­ta­nis­mus und poli­ti­sche Akkom­mo­da­ti­on sind von sol­chem Stand­punkt unzer­trenn­lich. Es bleibt nur noch ein trei­ben­des Motiv, die Eitel­keit des Sub­jekts, und es fragt sich, wie bei allen Eiteln, nur noch um den Erfolg des Augen­blicks, um das Auf­sehn des Tages. So erlischt not­wen­dig der ein­fa­che sitt­li­che Takt, der einen Rous­se­au z.B. selbst jedem Schein­kom­pro­miß mit den bestehen­den Gewal­ten stets fern­hielt.1

Im Jahr 2008, als eine mys­te­riö­se »Kri­se« der LIBOR-Spreads zum Vor­wand für einen mas­si­ven Trans­fer von Reich­tum aus den Staats­kas­sen und von den Arbeit­neh­mern an die herr­schen­de Klas­se wur­de (die so genann­ten »Ret­tungs­ak­tio­nen« für Ban­ken und Ver­si­che­run­gen2), erleb­ten die bür­ger­li­chen Medi­en eine Sai­son cine­as­ti­scher Apo­ka­lyp­tik. Auf dem Par­kett der New Yor­ker Bör­se auf­ge­stell­te Kame­ras schwank­ten mit Übel­keit, als befän­den sie sich auf dem Deck eines sturm­ge­peitsch­ten Schif­fes und beob­ach­te­ten die Wall-Street-Händ­ler wie tod­ge­weih­te Matro­sen, die auf den Bör­sen­ti­cker starr­ten wie auf eine ver­nich­ten­de Flut­wel­le, was an die auf die bren­nen­den Tür­me des World Tra­de Cen­ter gerich­te­ten Bli­cke vom Sep­tem­ber 2001 erinnerte.

Wie Sadams Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen im Jahr 2002 wur­de die Bedro­hung durch die Kre­dit­ver­knap­pung im Jahr 2008 als unend­lich dar­ge­stellt, weil sie unbe­stimmt war. Doch dies­mal war die schreck­li­che sich am Hori­zont abzeich­nen­de Bedro­hung glo­bal. Das Gefü­ge der Rea­li­tät selbst, das in den Welt­me­di­en, die die­sen Begriff bis­her scheu­ten, nun täg­lich als »Kapi­ta­lis­mus« bezeich­net wird, war vom Aus­ster­ben bedroht: Ohne wirk­li­che Bericht­erstat­tung ver­brei­te­ten die Nach­rich­ten­sen­dun­gen Aus­schnit­te aus Hol­ly­wood-Kata­stro­phen­fil­men, in denen die tota­le Aus­lö­schung des Ver­trau­ten ange­kün­digt wur­de. Unheil wur­de in furcht­erre­gen­den und auf­rüt­teln­den epi­schen Visio­nen ver­spro­chen – von einer Zeit kra­wal­li­ger Tur­bu­len­zen, von kol­la­bie­ren­den Sys­te­men und implo­die­ren­den Struk­tu­ren, von herr­schen­den Ismen, die in Trüm­mern lie­gen und die Hybris unse­rer Spe­zi­es züch­ti­gen, von einer hedo­nis­ti­schen Gesell­schaft, die im Gefol­ge des Katak­lys­mus plötz­lich Reue zeigt, von Ödland des dar­wi­nis­ti­schen Kamp­fes. All das läge gleich hin­ter einer epo­cha­len Weg­bie­gung. Aber zuerst wur­de, und zwar mit beson­de­rer Ein­dring­lich­keit, auf die gefähr­li­che Unzu­läng­lich­keit der Wirt­schafts­po­li­tik hin­ge­wie­sen. Es wur­de sug­ge­riert, dass die Welt jeden Moment in der finan­zi­el­len Schei­ße ver­sin­ken wür­de, wenn die »toxi­schen Ver­mö­gens­wer­te»3, die »das Sys­tem ver­stop­fen«, nicht unver­züg­lich besei­tigt würden.

Pas­sen­der­wei­se befand sich im Zen­trum des gan­zen gesteu­er­ten Spek­ta­kels im Stil einer Tro­cken­eis- und Laser­show – Modus Göt­ter­däm­me­rung – die äußerst merk­wür­di­ge Figur von Sla­voj Žižek, dem slo­we­ni­schen »intel­lek­tu­el­len Schar­la­tan»4. Die­ser ist seit eini­gen Jah­ren inter­na­tio­na­ler Direk­tor des Lon­do­ner Birk­beck Insti­tu­te for the Huma­nities und wur­de vor allem durch sei­ne Aus­las­sun­gen zu skato­lo­gi­schen The­men berühmt: Scho­ko­la­den­ab­führ­mit­tel5 als Meta­pher für Libe­ra­lis­mus, Toi­let­ten­ent­wür­fe6 als Schlüs­sel zu einem psy­cho­ana­ly­tisch ver­stan­de­nen Natio­nal­cha­rak­ter, die sagen­um­wo­be­ne Klo­pa­pier­knapp­heit7 im ehe­mals kom­mu­nis­ti­schen Euro­pa, ein mus­li­mi­sches Klo­pa­pier­ver­bot8 als Krux ihrer frem­den Unver­dau­lich­keit für den auf­ge­klär­ten Wes­ten – all das wur­de als ver­blüf­fen­de »phi­lo­so­phi­sche Ein­sich­ten« aus­ge­ge­ben. « Bevor er zu einer welt­wei­ten Berühmt­heit wur­de, war Žižek der Chef­ideo­lo­ge9 der anti­kom­mu­nis­ti­schen, pseu­do­lin­ken, eth­nisch-sepa­ra­tis­ti­schen slo­we­ni­schen Libe­ral­de­mo­kra­ti­schen Par­tei. In den 1990er Jah­ren ver­wan­del­te er sich jedoch für den anglo­pho­nen Markt in einen Varie­té-Kom­mu­nis­ten.10 Dies gelang ihm, indem er sich ein­fach zum »Sta­li­nis­ten« erklär­te und dann damit fort­fuhr, Hit­lers anti­kom­mu­nis­ti­sche Pro­pa­gan­da11 zu recy­celn und Hit­lers Kla­gen12 über den Libe­ra­lis­mus an das bereits ver­wirr­te Publi­kum der impe­ria­len Kern­uni­ver­si­tä­ten zu bringen.

Was genau an Žižek in all den Jah­ren kom­mu­nis­tisch gewe­sen sein soll, hat nie jemand sagen kön­nen. Zunächst wur­de er als ein jugo­sla­wi­scher Infor­mant ein­ge­setzt, der bereit war, die brand­neu­en US-Pro­pa­gan­da­my­then für den ille­ga­len Angriff der NATO auf Jugo­sla­wi­en zu lie­fern, und zwar von der New Left Review13 (damals unter der Lei­tung14 der sozia­lis­ti­schen Rene­ga­ten Quen­tin Hoare und Bran­ka Magas), die damals den kroa­ti­schen Sepa­ra­tis­ten, Neo-Usta­schis­ten und Ver­harm­lo­ser der Juden­ver­nich­tung Fran­jo Tudj­man unter­stütz­te. Žižek prä­sen­tier­te sich zunächst als Lacan’scher Post-Mar­xist, der lose mit dem post-struk­tu­ra­lis­ti­schen Zeit­geist ver­bun­den war, obwohl er sich einer beson­de­ren Mis­si­on ver­schrie­ben hat­te ihn zu ret­ten: (zu ret­ten, in der Mas­ke von Lacan) vor Aber­glau­ben, Rela­ti­vis­mus und Obsku­ran­tis­mus (sei­ne Kari­ka­tur des gedank­li­chen und tat­säch­li­chen Anti­im­pe­ria­lis­mus der glo­ba­len Arbei­ter­klas­se); zu ret­ten mit einer wie­der­be­leb­ten neo­kan­tia­ni­schen »Poli­tik der Wahr­heit»15, die in der Lage ist, »den Unter­gang der sym­bo­li­schen Effi­zi­enz»16 zu bekämp­fen. (Obwohl sie vor über einem Vier­tel­jahr­hun­dert zum ers­ten Mal ver­spro­chen wur­de, ist nichts von dem, was die­se neue, von der Auf­klä­rung gepräg­te Poli­tik der Wahr­heit aus­macht, jemals auf­ge­taucht, obwohl Žižek immer noch erklärt, dass sie auf­grund der fort­schrei­ten­den Dege­ne­ra­ti­on der Auto­ri­tät, die er der bös­ar­ti­gen »Hege­mo­nie»17 des »libe­ra­len Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus»18 zuschreibt, not­wen­dig sei.) »Sei­ne unver­kenn­bar impe­ria­lis­ti­schen, rechts­ge­rich­te­ten Affek­te und Anlie­gen wur­den im Wes­ten schon recht früh bemerkt, zum Bei­spiel von einem sei­ner ers­ten För­de­rer, Ernes­to Laclau19, des­sen popu­lis­ti­sche Poli­tik (zum Bei­spiel sei­ne Unter­stüt­zung für den Cha­vis­mus in Vene­zue­la) Žižek aus Rache als inhä­rent faschis­tisch20 angriff, wäh­rend sei­ne impe­ria­le wei­ße Vor­herr­schaft und faschio­ide Feind­se­lig­keit gegen­über einer gan­zen Rei­he von Prot­ago­nis­ten der sozia­len Bewe­gun­gen der »Neu­en Lin­ken«, (Femi­nis­mus, Frei­heits­kampf der afri­ka­ni­schen Dia­spo­ra, anti­ko­lo­nia­le Bestre­bun­gen) von Leigh Clai­re La Ber­ge, Paul Bow­man und Kol­le­gen in dem 2005 erschie­ne­nen Band The Truth of Žižek, der sei­ne Kar­rie­re zumin­dest in der aka­de­mi­schen Welt hät­te been­den sol­len, was aber mys­te­riö­ser­wei­se nicht geschah, mit Witz abge­tan wur­de (u.a. in einer Ver­höh­nung sei­ner eige­nen fata­len psy­cho­ana­ly­ti­schen »Les­ar­ten«). (Dass dies nicht geschah, hat­te sicher­lich mit einem plötz­li­chen mas­si­ven Schub an Cross­over-Pro­duk­ten zu tun, die ihn popu­lär mach­ten – die sal­bungs­vol­le Fan-Doku­men­ta­ti­on Žižek! von Astra Tay­lor, die BBC-Fern­seh­se­rie A Pervert’s Gui­de to Cine­ma, bei­de 2006, und ande­re kul­ti­ge Waren und Main­stream-Hype). Der größ­te Teil sei­ner Kri­ti­ker sind jedoch anti­kom­mu­nis­ti­sche Pro­gres­si­ve und aus­ge­wähl­te Libe­ra­le, die, wie es scheint, unwis­sent­lich Žižeks eige­nes Pro­jekt der Scha­ra­de und Mani­pu­la­ti­on erfül­len, indem sie ihn als Bedro­hung einer wie­der­auf­er­stan­de­nen sta­li­nis­ti­schen tota­li­tä­ren Tyran­nei® dar­stel­len, die die Not­wen­dig­keit einer Lustra­ti­on nahelegt.

Seit sei­nem gro­ßen Erfolgs­pam­phlet von 2001 Wel­co­me to the Desert of the Real, in dem sei­ne Pro-Kriegs-Sua­da als »oppo­si­tio­nell« dar­ge­stellt wur­de, ver­hö­kert Žižek eine schril­le Super­hel­den-Comic-Ver­si­on von Hun­ting­tons dis­kre­di­tier­ter The­se vom Kampf der Kul­tu­ren, die in trau­ri­gen Ver­pa­ckun­gen als bedau­er­li­ches Zuge­ständ­nis an die har­te Wahr­heit eines ein­ge­fleisch­ten roten Flücht­lings aus der Asche Jugo­sla­wi­ens ange­bo­ten wird, eine Art mas­kier­ter Alek­sii Ante­dil­lu­vi­a­no­vich Prel­apsa­ria­nov21, aber mit osten­ta­tiv absto­ßen­den Manie­ren und kin­di­schen Denk­ge­wohn­hei­ten. Vom libe­ra­len Main­stream-Estab­lish­ment im »Wes­ten« als ihr Lieblings-»radikaler Lin­ker«, »Mar­xist« oder »Sta­li­nist« pro­pa­giert – wie der harm­los ver­rück­te Nach­bar in einer Situa­ti­ons­ko­mö­die – taucht die­ser Auf­schnei­der aus dem zen­tra­len Cas­ting über­all dort auf, wo es eine popu­lä­re »lin­ke« Ver­an­stal­tung gibt, um sich selbst – als Faschist und Sta­li­nist – zum Pro­phe­ten und Erlö­ser zu erklä­ren, der gekom­men ist, um den jako­bi­ni­schen Geist22 einer Lin­ken wie­der­zu­be­le­ben, die durch das, was er in den 90er Jah­ren »Vul­vo­li­be­ra­lis­mus« nann­te, weich gewor­den ist.23 Er schimpft auf »poli­ti­sche Kor­rekt­heit«, »Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus«, »Iden­ti­täts­po­li­tik«, »Loka­lis­mus«, »direk­te Demo­kra­tie«, »Kul­tur­wis­sen­schaf­ten«, »Femi­nis­mus« und »Treue zum Namens­ju­de« (aus­tausch­ba­re Euphe­mis­men für hoch­nä­si­ge Nicht-Ari­er), erkenn­bar jene Figur von Nietz­sches Skla­ven­re­vol­te, die sei­ne Mit­strei­ter ohne Mas­ken wie Andras Beh­ring Brei­vik neu­er­dings »kul­tu­rel­len Mar­xis­mus« nen­nen. Sei­ne sub-Rabel­ai­sia­ni­sche Beschäf­ti­gung mit erdi­gem Dreck, gepaart mit sei­nem gran­dio­sen, erklär­ter­ma­ßen somato­pho­ben Pro­jekt der »Wie­der­be­le­bung des deut­schen Idea­lis­mus«, soll jenen Schau­er char­mant-abge­dro­sche­ner »Inkon­gru­enz« (Mafio­so in der Psy­cho­ana­ly­se, Dro­gen­ba­ron im Mar­ke­ting-Ein­mal­eins24) her­vor­ru­fen, der jugend­li­che Hips­ter in ihren Unter­hal­tun­gen kitzelt.

Nur weni­ge Mona­te nach Beginn der spek­ta­ku­lä­ren Dra­ma­tur­gie von »Kre­dit­kri­se« und »Spar­po­li­tik« – auf deren Schein-Crash die Schein-Rebel­lio­nen der »Bewe­gun­gen der Plät­ze« und des »Ara­bi­schen Früh­lings« fol­gen soll­ten – erschien Žižeks ein­und­drei­ßigs­tes Buch in eng­li­scher Spra­che, das sich angeb­lich mit die­ser jüngs­ten Kata­stro­phe, der letz­ten des Bush-Regimes und der ers­ten der his­to­ri­schen Oba­ma-Prä­si­dent­schaft, befas­sen soll­te. Es trug den iro­ni­schen Titel First as Tra­ge­dy, then as Far­ce (Zuerst als Tra­gö­die, dann als Far­ce). Obwohl es wie alle vor­he­ri­gen als die end­gül­ti­ge, wie­der­be­leb­te »mar­xis­ti­sche« Ana­ly­se der aktu­el­len glo­ba­len Kri­se ange­kün­digt wur­de, war es wie alle ande­ren ein unzu­sam­men­hän­gen­des, zusam­men­ge­stü­ckel­tes Trak­tat, das (wie Tristram Shan­dy, der ver­sucht, den Moment sei­ner Geburt zu errei­chen, um die rich­ti­ge Erzäh­lung sei­nes Lebens zu begin­nen) aus­schließ­lich aus Abschwei­fun­gen von einem Argu­men­ta­ti­ons­strang besteht, der immer ver­spro­chen und nie gehal­ten wird. Gewürzt wird es mit Žižeks übli­ches Über­maß an libe­ra­len Plat­ti­tü­den, Des­in­for­ma­ti­on und faschis­ti­schen Anspie­lun­gen wie die Behaup­tung, dass die wirt­schaft­li­che Mise­re der Welt das Ergeb­nis des bizar­ren, frem­den, anti­so­zia­len Wesens sei, das Ber­nard Mad­off25 ver­kör­pe­re (des­sen tra­di­tio­nel­les Schnee­ball­sys­tem in Wirk­lich­keit durch den küh­nen Mul­ti-Bil­lio­nen-Dol­lar-Schwin­del des Bush-Regimes zer­stört wurde).

Welt­sys­tem­theo­re­ti­ker wie Wal­ler­stein und Amin hat­ten seit der Zer­stö­rung der UdSSR eine bei­spiel­lo­se Offen­si­ve der herr­schen­den Klas­se beob­ach­tet, die eine Trans­for­ma­ti­on von einer über­hol­ten Form des Wett­be­werbs­ka­pi­ta­lis­mus zur nächs­ten Form der Klas­sen­herr­schaft vor­an­trei­ben woll­te; popu­lä­re dis­si­den­te Öko­no­men und Sozi­al­theo­re­ti­ker wie Robin Blackburn, Micha­el Hud­son, Nao­mi Klein und Robert Bren­ner hat­ten gleich­zei­tig die zuneh­men­de Unsi­cher­heit der finan­zia­li­sier­ten Post-Bret­ton-Woods-Ver­ein­ba­run­gen ver­folgt. In der Tat hat­te Klein vor kur­zem einen enor­men Best­sel­ler mit dem Titel Die Schock-Stra­te­gie ver­öf­fent­licht, der trotz sei­ner vie­len Män­gel einen Neo­lo­gis­mus für die Pra­xis der herr­schen­den Klas­se lie­fer­te. Die­ser Neo­lo­gis­mus ver­mit­tel­te anschau­lich die vor­sätz­li­che Bos­heit, Gewalt und Geris­sen­heit der herr­schen­den Klas­se und war gut geeig­net, Gesprä­che über die Ereig­nis­se des Jah­res 2008 quer durch alle sozia­len Schich­ten und unter­schied­li­chen Gemein­schaf­ten zu för­dern. Doch trotz einer beträcht­li­chen Anzahl eta­blier­ter öffent­li­cher Intel­lek­tu­el­ler, die bereit waren, ent­mys­ti­fi­zie­ren­de Erklä­run­gen zu lie­fern, war es vor­her­seh­bar Sla­voj Žižek, dem sich die glo­ba­len Mas­sen­me­di­en in US-Besitz und – bezeich­nen­der­wei­se – vie­le tra­di­tio­nel­le lin­ke Insti­tu­tio­nen am meis­ten zuwand­ten und der stän­dig im Mit­tel­punkt stand, um die »radi­ka­le lin­ke«, »anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche« Per­spek­ti­ve zu ver­tre­ten und die »mar­xis­ti­sche« Weis­heit zu ver­mit­teln, nach der eine fas­sungs­lo­se und ver­ängs­tig­te Öffent­lich­keit nun rief. Nach sei­nem Ver­hal­ten in die­sem Ram­pen­licht zu urtei­len, kön­nen wir davon aus­ge­hen, dass sein Auf­trag von sei­nen För­de­rern und Spon­so­ren dar­in bestand, zu ver­hin­dern, dass sich um die­sen losen Kon­sens her­um ein Wider­stand gegen Krieg und Kon­ter­re­vo­lu­ti­on for­miert, der die von Klein in ihrem Best­sel­ler ver­brei­te­te glo­bal­sie­rungs­kri­ti­sche Per­spek­ti­ve sowie das Spek­trum der Anhän­ger eines wie­der­auf­le­ben­den kom­mu­nis­ti­schen Pro­jekts umfasst.

Als 2008 das Spek­ta­kel ankün­dig­te, dass der zwei­te Akt der wie­der­auf­ge­nom­me­nen Geschich­te nach Fuku­ya­ma begin­nen wür­de, war es, als sei der Moment gekom­men, für den Žižek geschaf­fen wor­den war. Er trat als bereits eta­blier­ter Herold des bol­sche­wis­ti­schen Revo­lu­ti­ons­ter­rors des libe­ra­len Main­stream-Mär­chens auf – jenes mons­trös viri­le Gespenst, das auf die Gele­gen­heit der kapi­ta­lis­ti­schen Schwä­che lau­ert, um eine gött­li­che Gewalt­tat zu bege­hen, die die Welt zu sei­ner gro­tes­ken Befrie­di­gung in einen rie­si­gen Gulag ver­wan­deln wür­de – nur um alles in die­ser Rich­tung abzu­sa­gen. Weit davon ent­fernt, sei­ne glü­hen­den Anhän­ger zum Wider­stand auf­zu­for­dern, setz­te er in über­trie­be­ner Form die Pan­to­mi­me sei­ner ande­ren Per­sön­lich­keit fort, der­je­ni­gen, die immer in der Gegen­wart ist (im Gegen­satz zu einem beken­nen­den radi­ka­len Lin­ken) und Pas­si­vi­tät26 und Gehor­sam27 gegen­über dem US-Impe­ri­um anmahnt, das schließ­lich »nicht immer der Böse­wicht ist, »und alles, was die Arbei­ter­klas­se unter­nimmt, sei es anti­ras­sis­ti­sche Mili­tanz28, lohn­schüt­zen­de Arbei­ter­mo­bi­li­sie­run­gen29 oder anti­im­pe­ria­lis­ti­sche Poli­tik30 in der Regie­rung, als pri­mi­tiv, geist­los, in Wirk­lich­keit mit dem Kapi­tal ver­bün­det, unaus­weich­lich kon­ser­va­tiv und/​oder pro­to­fa­schis­tisch ver­un­glimpft, wäh­rend sie gleich­zei­tig künf­ti­ge Taten von unvor­stell­ba­rer epi­scher Ori­gi­na­li­tät und Kühn­heit andeutet.

Imma­nu­el Kant setz­te der kon­ser­va­ti­ven Devi­se ›Nicht den­ken, gehor­chen!‹ nicht etwa ein ›Nicht gehor­chen, den­ken!‹, son­dern ›Gehor­chen, ABER DEN­KEN!‹ ent­ge­gen. Wenn wir durch Din­ge wie den Ret­tungs­plan erpresst wer­den, soll­ten wir beden­ken, dass wir tat­säch­lich erpresst wer­den, also soll­ten wir der popu­lis­ti­schen Ver­su­chung wider­ste­hen, unse­re Wut aus­zu­le­ben und uns damit selbst zu schla­gen. Anstel­le eines sol­chen ohn­mäch­ti­gen Aus­agie­rens soll­ten wir unse­re Wut kon­trol­lie­ren und sie in eine kal­te Ent­schlos­sen­heit umwan­deln, um zu den­ken, um wirk­lich radi­kal zu den­ken, um zu fra­gen, wel­che Art von Gesell­schaft wir ver­las­sen, in der eine sol­che Erpres­sung mög­lich ist.31

Wäh­rend der Žižek, der von sei­nen Gefolgs­leu­ten in der libe­ra­len Pres­se lan­ge als schreck­li­cher und auf­re­gen­der Robes­pierre und Lenin ange­kün­digt wur­de und von den Abkömm­lin­gen32 aus Eus­ton33 lan­ge als blut­rüns­ti­ger, grö­ßen­wahn­sin­ni­ger Hit­ler-Sta­lin-Mao des libe­ra­len Alb­traums gefürch­tet wur­de, war der Žižek, der ankam, als sich der Vor­hang hob, nach sei­nem eige­nen Wunsch nicht ein­mal so unko­ope­ra­tiv wie der Bart­le­by der Schrei­ber34 in poli­ti­schen Ange­le­gen­hei­ten, wel­chen er sei­nem Publi­kum im Jahr zuvor als Modell emp­foh­len hatte.

»Gehorcht!« So befahl Žižek, der bur­les­ke Sta­lin, sei­nem Publi­kum, als die Finanz­kri­se am Vor­abend der Wahl von Prä­si­dent Oba­ma in die Schlag­zei­len geriet. »Bush soll­te für die Ehren­mit­glied­schaft in der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Ame­ri­kas nomi­niert wer­den«, wie­der­hol­te er über­all, wo er um einen Kom­men­tar gebe­ten wur­de. Ein Schritt, der nicht nur mit der Dar­stel­lung des gro­ßen Rau­bes durch die bür­ger­li­chen Medi­en har­mo­nier­te, son­dern auch ganz sei­ner Gewohn­heit ent­sprach, Figu­ren wie Richard Nixon, Beni­to Mus­so­li­ni oder den spar­ta­ni­schen König Leo­ni­das aus dem Zei­chen­trick­film 300 für ihre bewun­derns­wer­ten »leni­nis­ti­schen« »Taten« zu fei­ern. Spe­zi­ell im Hin­blick auf die US-Ret­tungs­pa­ke­te beharr­te Žižek dar­auf, dass die tat­säch­li­chen Sum­men »erha­ben« und unbe­greif­lich sei­en, dass es sinn­los sei, sie zu dis­ku­tie­ren oder zu unter­su­chen. Als schlaf­fe Ges­te der Kri­tik war alles, was er auf­brin­gen konn­te, eine Plat­ti­tü­de (eine klas­si­sche »Imp­fung«, wie Bar­t­hes vor lan­ger Zeit in Mytho­lo­gien35 dia­gnos­ti­zier­te) über die Heu­che­lei der impe­ria­len Mana­ger, die plötz­lich in der Lage sind, das Geld auf­zu­trei­ben, »wenn es wirk­lich dar­auf ankommt«, obwohl sie sich die Taschen voll­stop­fen, wenn es um die Finan­zie­rung öffent­li­cher Dienst­leis­tun­gen geht, usw. Die »radi­kal-mar­xis­ti­sche« Alter­na­ti­ve zu den keyne­sia­ni­schen Exper­ten der NY Times griff, um sich Auto­ri­tät zu ver­schaf­fen, auf die Unsin­nig­keit von Ayn Rand zurück, einer wei­te­ren sei­ner Leit­fi­gu­ren: »Sie sagt, Geld sei in gewis­ser Wei­se ein Mit­tel zur Frei­heit. Im Sin­ne von: wir müs­sen die Din­ge tei­len, tau­schen und so wei­ter. Sie sagt, Geld bedeu­tet, dass wir das fried­lich tun kön­nen. Ich bezah­le dich, du ver­kaufst es mir nur, wenn du es willst. Wenn nicht Geld, dann muss es eine Art von direk­ter Herr­schaft geben, bru­ta­le Erpres­sung, was auch immer.« Der wie­der­hol­te Rück­griff auf Rand als (bedau­er­li­cher­wei­se aner­kann­ten) Pro­phe­ten der Zeit begrün­de­te sei­ne Bestä­ti­gung der offi­zi­el­len Rea­li­täts­vor­stel­lung der herr­schen­den Klas­se (das Thatcher’sche The­re Is No Alternative):

Die Uto­pie ist hier nicht eine radi­ka­le Ver­än­de­rung des Sys­tems, son­dern die Idee, dass man einen Wohl­fahrts­staat inner­halb des Sys­tems auf­recht­erhal­ten kann. Auch hier soll­te man das Körn­chen Wahr­heit im Gegen­ar­gu­ment nicht über­se­hen: Wenn wir inner­halb der Gren­zen des glo­ba­len kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tems blei­ben, dann sind Maß­nah­men, um den Arbei­tern, Stu­den­ten und Rent­nern wei­te­re Sum­men abzu­rin­gen, tat­säch­lich not­wen­dig.36

Die­ses plum­pe rhe­to­ri­sche Manö­ver – bei dem die offi­zi­el­le reak­tio­nä­re Hal­tung der Kapi­ta­lis­ten­klas­se als ultra­lin­ke radi­ka­le Ableh­nung der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Scha­ra­de und als Schrei nach dem Tod des Sys­tems vor­ge­bracht wird – hat­te Žižek schon oft vor­ge­führt und wür­de es auch danach noch oft vor­füh­ren, wobei sei­ne Fans, ange­führt von den Redak­teu­ren der zen­tris­ti­schen Main­stream-Pres­se, des­sen nie müde zu wer­den scheinen.

Inmit­ten des Auf­ruhrs, den die glo­ba­le Finanz­kri­se und die »not­wen­di­gen Maß­nah­men, um den Arbei­tern wei­te­re Sum­men abzu­rin­gen«, mit denen die Regie­run­gen die Kri­se bewäl­ti­gen woll­ten, aus­ge­löst hat­ten, ergrif­fen Žižek und sein enger Ver­bün­de­ter, der neo­pla­to­ni­sche frü­he­re »mao­is­ti­sche« fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Alain Badiou, die Gele­gen­heit, eine gro­ße aka­de­mi­sche Pro­mi­nen­ten-Kon­fe­renz zu ver­an­stal­ten, die das »erneu­er­te Inter­es­se an Alter­na­ti­ven zum Kapi­ta­lis­mus« aus­nutz­te. Sie ent­pupp­te sich als groß­ar­ti­ger, demo­ra­li­sie­ren­der Kühl­kör­per für die Wut und die Auf­merk­sam­keit, die die Mobi­li­sie­rung der Bevöl­ke­rung bedroh­te, und trug in nicht gerin­gem Maße dazu bei, die Reak­ti­on der Uni­ver­si­tä­ten in Groß­bri­tan­ni­en auf die Ret­tungs­ak­tio­nen zu zerstreuen.

Die Kon­fe­renz »Über die Idee des Kom­mu­nis­mus«, die 2009 zunächst in Birk­beck statt­fand und dann bis zu einem gewis­sen Grad auf die Stra­ße getra­gen wur­de, scheint nach dem Vor­bild der Kon­fe­renz »Die Poli­tik der Wahr­heit« ver­an­stal­tet wor­den zu sein, die die­sel­ben pro­mi­nen­ten Rädels­füh­rer 2001 orga­ni­siert hat­ten und die zu einem popu­lä­ren Sam­mel­band von Ver­so mit dem Titel »Lenin Rel­oa­ded« im Stil des Žižek’schen Mas­sen­kults geführt hat­te. Ins­be­son­de­re die Bei­trä­ge von Žižek, Badiou und Sta­this Kou­ve­la­kis wur­den zu den Zau­ber­bü­chern der irra­tio­na­lis­ti­schen Wer­be­kam­pa­gnen für die faschio­iden, lin­ken Ersatz­be­we­gun­gen Syri­za in Grie­chen­land und Pode­mos in Spa­ni­en; auch der Mai­dan und die Umbrel­las in Hong Kong grif­fen die dort vor­kom­men­den The­men und Moti­ve auf. Die Spra­che des Alter­mon­dia­lis­mus und sei­ner Kri­tik, die mit­ein­an­der ver­floch­ten und ver­schmol­zen sind, haben etwas erreicht, das hier erkenn­bar beschrie­ben wird, in die­sem Dia­gramm von Psyops-Tak­ti­ken, die in den Snow­den-Leaks37 gefun­den wurden:

Auf­fal­lend abwe­send auf der Birk­beck-Kon­fe­renz »Über die Idee des Kom­mu­nis­mus« 2009 war alles, was einem Kom­mu­nis­ten ähnel­te. Tat­säch­lich hat­te alles an der Kon­fe­renz den Anstrich einer List, die Ähn­lich­keit mit den Strei­chen hat­te, wie sie Farb­re­vo­lu­tio­nen her­vor­brin­gen. Also mit der Art von Ope­ra­tio­nen, die Žižek und sei­ne Freun­de bei ihrem Pro­jekt zur Zer­stö­rung Jugo­sla­wi­ens durch­führ­ten.38 Wäh­rend die Kon­fe­renz in den bri­ti­schen Medi­en als Aus­druck einer mas­si­ven Wie­der­ge­burt sozia­lis­ti­scher Mili­tanz gefei­ert und bewor­ben wur­de – erstaun­li­cher­wei­se für eine aka­de­mi­sche Ange­le­gen­heit, die sich an Stu­den­ten in den rare­ren Gefil­den der Geis­tes­wis­sen­schaf­ten rich­te­te -, betrug der Preis für die Teil­nah­me gera­de­zu ver­blüf­fen­de 100 Pfund und 45 Pfund für Stu­den­ten. Alle zwölf ein­ge­la­de­nen Red­ner waren weiß, elf davon waren Män­ner. Der Vor­schlag der Kon­fe­renz bestand dar­in, den Kom­mu­nis­mus als Idee zu behan­deln, als eine Art spi­ri­tu­el­len Traum, der den Men­schen in mes­sia­ni­scher Eksta­se emp­foh­len wur­de. Auf die­se Wei­se konn­te er von der Mensch­heits­ge­schich­te des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts unbe­fleckt blei­ben, die von den anwe­sen­den Teil­neh­mern all­ge­mein beklagt wur­de. Dar­un­ter befan­den sich pro­gres­si­ve Libe­ra­le (z. B. Micha­el Hardt), gegen­wär­ti­ge und ehe­ma­li­ge trotz­kis­ti­sche Anti­kom­mu­nis­ten (Ter­ry Eagle­ton, Alex Cal­li­ni­cos), anar­chis­ti­sche sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Post­struk­tu­ra­lis­ten (Jac­ques Ran­ciè­re) und die Anhän­ger der Gast­ge­ber Žižek und Badiou.39

Obwohl die­se aus­schließ­lich wei­ße, zu mehr als 90 Pro­zent männ­li­che, zu 100 Pro­zent anti­kom­mu­nis­ti­sche Beset­zung leicht durch die schie­re gedan­ken­lo­se Arro­ganz und Insel­la­ge des Ver­an­stal­ters zustan­de gekom­men sein könn­te, ent­wi­ckel­ten sich bald Din­ge, die dar­auf hin­deu­te­ten, dass es sich um eine Art klas­si­scher Žižek’scher »Pro­vo­ka­ti­on« han­del­te, die Teil sei­nes lau­fen­den revan­chis­ti­schen Pro­jekts war. Bald kur­sier­ten Gerüch­te, dass eini­ge Stu­den­ten der SOAS (School of Ori­en­tal and Afri­can Stu­dies) sowohl die Kos­ten der Ver­an­stal­tung als auch die man­geln­de Viel­falt der Red­ner bean­stan­de­ten, obwohl ihre Beschwer­den die Medi­en meist aus zwei­ter Hand erreich­ten. (Das Inter­es­se die­ser Stu­den­ten mit die­sen Ein­wän­den an der Ver­an­stal­tung wur­de nie ganz geklärt; die Nach­rich­ten­quel­len stell­ten die Kon­fe­renz zuneh­mend als eine Art glo­ba­les lin­kes Not­fall­tref­fen dar, so dass man ein­fach davon aus­ging, dass alle Per­so­nen mit lin­ken Anlie­gen, die sich bereits in Lon­don auf­hiel­ten, dar­an teil­neh­men wollten).

Ein grö­ße­res Audi­to­ri­um40 als ursprüng­lich geplant und ein zusätz­li­cher Saal für die Beob­ach­tung in geschlos­se­nen Krei­sen wur­den beschafft. Doch dann tauch­te ein anonym ver­fass­tes »Alter­na­tiv­pro­gramm« für die Kon­fe­renz auf, das in den Netz­wer­ken des Badiou-Žižek’schen Zen­trums für moder­ne euro­päi­sche Phi­lo­so­phie, der Col­le­ges Golds­mit­hs und Birk­beck, des His­to­ri­schen Mate­ria­lis­mus und der Sozia­lis­ti­schen Arbei­ter­par­tei zir­ku­lier­te und online ver­öf­fent­licht wur­de. Die­ses Doku­ment wur­de von den Žižek-Anhän­gern, die es ver­öf­fent­lich­ten, aber weder sei­ne Urhe­ber­schaft bean­spruch­ten noch behaup­te­ten, sei­ne Her­kunft zu ken­nen, als halb erns­ter, halb scherz­haf­ter Spruch von uner­klär­lich anony­men SOAS-Stu­den­ten aus­ge­ge­ben, die mit der geplan­ten Ver­an­stal­tung unzu­frie­den waren. (Žižeks Hand­schrift ist hier bereits in der akzep­tier­ten Unge­reimt­heit zu erken­nen, dass die Absen­der wuss­ten, dass die Autoren SOAS-Stu­den­ten waren, ohne zu wis­sen, wer sie waren). In Wirk­lich­keit han­del­te es sich um eine mehr­fach des­avou­ier­te, ras­sis­ti­sche Kari­ka­tur der erwar­te­ten Kri­ti­ker von Žižek, Badiou und der wei­ßen Vor­herr­schaft, der impe­ria­lis­ti­schen, idea­lis­ti­schen, anti­kom­mu­nis­ti­schen Idee des Kom­mu­nis­mus, die Žižek bekann­ter­ma­ßen ver­tritt, und um einen bös­ar­ti­gen Angriff auf das, was von einer radi­ka­len Lin­ken an den eng­lisch­spra­chi­gen Uni­ver­si­tä­ten übrig geblie­ben ist.

Die­ses scherz­haf­te Fak­si­mi­le eines alter­na­ti­ven Pro­gramms für die gran­dio­se neo­pla­to­ni­sche, nicht rekon­stru­ier­te euro­zen­tri­sche, mytho­lo­gisch-impe­ria­lis­ti­sche pseu­do­kom­mu­nis­ti­sche Kon­fe­renz ver­kör­pert, wie wir wei­ter unten erklä­ren wer­den, die PsyOp, die Sla­voj Žižek ist. Das Räder­werk der Des­avou­ie­rung und Distan­zie­rung bie­tet dem Publi­kum das Ver­gnü­gen reak­tio­nä­rer Äuße­run­gen mit unzäh­li­gen, fle­xi­blen Ali­bis und för­dert die erneu­te Tren­nung, die das Spek­trum der Kan­di­da­ten für eine Volks­front gegen das Impe­ri­um spal­tet und demoralisiert:

The ori­gi­nal programme:

Fri­day March 13
Regis­tra­ti­on opens at 11.30am
2pm Cos­tas Dou­zi­nas Welcome
Alain Badiou Intro­duc­to­ry remarks
Micha­el Hardt »The Pro­duc­tion of the Common«
Bru­no Bos­teels »The Lef­tist Hypo­the­sis: Com­mu­nism in the Age of Terror«
Peter Hall­ward »Com­mu­nism of the Intel­lect, Com­mu­nism of the Will«
Jean-Luc Nan­cy will be pre­sent throughout the con­fe­rence and will inter­vene in the discussions.
6 pm End
Satur­day March 14
Regis­tra­ti­on opens at 8.30am
10am Ales­san­dro Rus­so »Did the Cul­tu­ral Revo­lu­ti­on End Communism?«
Alber­to Tos­ca­no »Com­mu­nist Power / Com­mu­nist Knowledge«
Toni Negri »Com­mu­nisme: refle­xi­ons sur le con­cept et la pratique«
1pm Lunch
3pm Ter­ry Eagle­ton »Com­mu­nism: Lear or Gonzalo?«
Jac­ques Ran­cie­re »Com­mu­nists without Communism?«
Alain Badiou »Com­mu­nism: a gene­ric name«
6pm End
Drinks Recep­ti­on – Jef­fe­ry Hall
Sunday March 15
10am Sla­voj Žižek »To begin from the begin­ning over and over again«
Gian­ni Vat­ti­mo »Weak Communism?«
Judith Bal­so »Com­mu­nism: a hypo­the­sis for phi­lo­so­phy, an impos­si­ble name for politics?«
Con­clu­ding Debate
2pm End

Die »Alter­na­ti­ve« zir­ku­lier­te anonym, aber Gerüch­ten zufol­ge – die eben­falls aus anony­men Quel­len stamm­ten – han­del­te es sich um die Arbeit von Stu­den­ten der School of Ori­en­tal and Afri­can Stu­dies, die angeb­lich ihre wirk­li­chen Wün­sche zum Aus­druck brach­ten, aller­dings mit Satire:

Die Bot­schaft ist schmerz­haft klar: Das wür­de pas­sie­ren, wenn das viri­le Weiß des kom­mu­nis­ti­schen Ereig­nis­ses (durch Far­bi­ge, Femi­nis­ten oder Kom­mu­nis­ten) beschä­digt wür­de. Eini­ge Frau­en und Far­bi­ge (berühm­te Leu­te, die für die »Alter­na­ti­ve« nur auf­grund ihres Geschlechts und ihrer eth­ni­schen Zuge­hö­rig­keit aus­ge­wählt wur­den, nicht weil eine die­ser Per­so­nen auch nur das gerings­te Inter­es­se an Žižeks anti-lin­ken Wer­be­gag bekun­det hät­te) sind (irgend­wie) gezwun­gen, auf der Kon­fe­renz zu spre­chen – oder viel­mehr wer­den Kari­ka­tu­ren die­ser Berühmt­hei­ten, lächer­li­che, ver­ächt­li­che Par­odien, wie Geis­ter beschwo­ren. Ihre Anwe­sen­heit, eine defor­mier­te Visi­on anti­im­pe­ria­ler Pra­xis in der intel­lek­tu­el­len Pro­duk­ti­on, ist nicht nur an sich eine Qua­li­täts­min­de­rung, die eine lächer­li­che und ent­setz­li­che »Interspezies«-Folge mit sich bringt, son­dern ihre Nähe infi­ziert, was noch unheim­li­cher ist, die pro­mi­nen­ten wei­ßen Män­ner, die durch die Asso­zia­ti­on befleckt und durch die Ver­mi­schung tri­vi­al und lächer­lich wer­den, unfä­hig, die zivi­li­sa­to­ri­sche Mis­si­on zu erfül­len; die Anste­ckung macht auch sie deka­dent; sie ver­lie­ren ihre Wür­de, ihr Urteils­ver­mö­gen und ihre Fähig­keit, Vor­trä­ge zu hal­ten, zu leh­ren und zu füh­ren. Ter­ry Eagle­ton soll­te in der rein wei­ßen, rein männ­li­chen Ver­an­stal­tung über die gro­ße Shake­speare-Tra­gö­die spre­chen, aber gezwun­gen, sich unter die Min­der­wer­ti­gen auf dem Podi­um zu mischen, hat er sich mit deren Min­der­wer­tig­keit infi­ziert und wird statt­des­sen über min­der­wer­ti­ge Shake­speare-Roman­zen spre­chen. Peter Hall­ward hat den küh­nen, tri­um­pha­len »Wil­len« sei­ner Gram­sci-Refe­renz ver­lo­ren und wird statt­des­sen, umge­ben von all die­sen zu mate­ri­el­len, zu irdi­schen, ras­si­schen und geschlecht­li­chen Ein­dring­lin­gen als Kol­le­gen, über »den Kör­per« spre­chen. Bos­teels soll­te zum The­ma « Die lin­ke Hypo­the­se: Kom­mu­nis­mus im Zeit­al­ter des Ter­rors« spre­chen, aber er wur­de zu einem Vor­trag mit dem Titel »Die post­ko­lo­nia­le Hypo­the­se: Frigh­te­ned Com­mu­nism?« Badious wis­sen­schaft­li­ches »Gene­ri­kum« ist kor­ro­diert und zu »leer« degra­diert wor­den; Tos­ca­no wird von sei­ner neu­en Umge­bung dazu inspi­riert, »Igno­ranz« statt »Wis­sen« zu fei­ern. »Ach, armer Marx«, kla­gen die Roses vom Rand aus, wäh­rend am Ende Bell Hooks auf­taucht, um die ulti­ma­ti­ve Demü­ti­gung zu zei­gen, die Degra­die­rung der Spra­che im Akt der komi­schen Hoch­nä­sig­keit. Die Anwe­sen­heit von Frau­en und far­bi­gen Men­schen führt natür­lich zur Aus­übung von Magie anstel­le von ratio­na­len Bestre­bun­gen, und wie in einem Dreh­buch ist die letz­te Ein­stel­lung von allen in einer lächer­li­chen Séan­ce ver­sam­melt. Die Teil­neh­mer und die jun­gen Trotz­kis­ten und Anar­chis­ten, die die­sen Scherz mit­mach­ten, taten so, als wüss­ten sie nicht, was es an dem, was sie als auf­rich­ti­ge und sanf­te Bit­te um Viel­falt und Geis­ter­be­schwö­rung von nicht iden­ti­fi­zier­ten Stu­den­ten der Ori­en­ta­lis­tik und Afri­ka­nis­tik ver­stan­den, aus­zu­set­zen gäbe. Das Publi­kum der Kon­fe­renz war schließ­lich fast aus­schließ­lich weiß. Es wur­de ein »siche­rer Raum« für faschis­ti­sche, ras­sis­ti­sche, impe­ria­lis­ti­sche Dis­kur­se geschaf­fen, die fälsch­li­cher­wei­se als »kom­mu­nis­tisch« bezeich­net wur­den. Die­ser »siche­re Raum« soll­te sich in den kom­men­den Jah­ren wei­ter ausbreiten.

Žižek hat nie zuge­ge­ben die­sen Streich ver­fasst zu haben, aber ein ande­res anony­mes Doku­ment, ein Bericht über die Kon­fe­renz und ihre Unzu­frie­den­heit, erschien in der Zeit­schrift Radi­cal Phi­lo­so­phy, unter­zeich­net von »M.H.»41 Es igno­rier­te die ras­sis­ti­sche Unver­fro­ren­heit im »Scherz«-Programm, erkann­te nur die ange­deu­te­ten Ein­wän­de in Bezug auf das Geschlecht an und lob­te die anony­men SOAS-Stu­den­ten, die der anony­me Autor als anony­me Autoren bestä­tig­te: »All das lässt die Fra­ge in der Luft hän­gen, wer die ein­falls­rei­che­ren poli­ti­schen Den­ker sind: Badiou, Žižek, Ran­ciè­re, Negri und die ande­ren, oder die anony­men Stu­den­ten der SOAS? Es ist nicht schwer, sich vor­zu­stel­len, was selbst der alte Ber­tie Brecht dar­auf geant­wor­tet hät­te.« (Erset­zen Sie die anti­ras­sis­ti­schen, femi­nis­ti­schen, lin­ken Stu­den­ten durch ras­sis­ti­sche und sexis­ti­sche, so die Unter­stel­lung, und das wur­de auch tat­säch­lich erreicht).

Auf der Kon­fe­renz selbst schwärm­te Žižek42 von einem sei­ner Lieb­lings­the­men, der kru­den impe­ria­lis­ti­schen Visi­on des zivi­li­sa­to­ri­schen Geschenks, das die wei­ßen Fran­zo­sen den Afri­ka­nern groß­zü­gig gemacht haben, indem sie sie ver­sklav­ten und sie dann über die Rech­te des Men­schen belehr­ten. Und dass »wir wei­ßen Lin­ken unse­re end­lo­sen Selbst­gei­ße­lun­gen hin­ter uns las­sen kön­nen»43, wenn »wir« erst ein­mal das Wohl­wol­len »unse­rer« wei­ßen Vor­fah­ren gegen­über den Vor­fah­ren von »ihnen«, »unse­ren« Zeit­ge­nos­sen (immer Ande­ren, nie Kame­ra­den) in Hai­ti, voll erkannt haben. Er ach­te­te dar­auf, alles Afri­ka­ni­sche bei jeder Gele­gen­heit mit Ver­ach­tung zu überhäufen:

Žižek: Das Pro­blem der Mar­seil­lai­se, das ist eine wun­der­ba­re Fra­ge! Die übli­che mul­ti­kul­tu­rel­le Ant­wort wäre gewe­sen: War­um Mar­seil­lai­se, es ist fran­zö­sisch, wir soll­ten alle sin­gen, eini­ge, ich weiß nicht, einige …

Cos­tas Dou­zi­nas: Die Internationale …

Žižek: Ja, irgend­ein afri­ka­ni­sches Lied, das ich nicht ken­ne oder so. Ich wür­de sagen, das ist lei­der das, was wei­ße, wei­ße mul­ti­kul­tu­rel­le Libe­ra­le von uns erwar­ten. Sie wol­len nicht, dass Men­schen aus der Drit­ten Welt ihre Lie­der sin­gen, sie wol­len Respekt, so wie man ein biss­chen in ein thai­län­di­sches Restau­rant geht, in ein ita­lie­ni­sches Restau­rant, und so wei­ter und so fort, die wei­ße Mar­seil­lai­se war dort revo­lu­tio­när. Sie bedeu­te­te nicht – sie bedeu­te­te etwas sehr Genau­es. Es bedeu­te­te nicht, sehen Sie, selbst wir pri­mi­ti­ven Halb­af­fen, unse­re Groß­el­tern spran­gen noch auf Bäu­me wie Affen in Afri­ka, wir kön­nen jetzt sogar an Ihrem, Nein! Es bedeu­te­te, wir sind mehr Fran­zo­sen als ihr!

Eine kur­ze Anmer­kung: Cos­tas Dou­zi­nas, Žižeks direk­ter Gesprächs­part­ner, ist ein bri­ti­scher Aka­de­mi­ker grie­chi­scher Abstam­mung und ein prak­ti­sches Geschöpf von Žižek. Dou­zi­nas ist in Eng­land auf­ge­wach­sen und hat dort sei­ne gesam­te Kar­rie­re gemacht; er wur­de durch Žižeks Gunst und die des ehe­ma­li­gen CIA-Agen­ten Dun­can Ken­ne­dy (von Cri­ti­cal Legal Stu­dies, einer teil­wei­se mar­xis­ti­schen, aber über­wie­gend schmit­tia­ni­schen Schu­le der post­struk­tu­ra­lis­ti­schen Rechts­kri­tik) in der Wis­sen­schaft beför­dert und spiel­te schließ­lich eine enor­me Rol­le in dem viel­leicht kri­mi­nells­ten Unter­neh­men Žižeks seit der slo­we­ni­schen Ver­un­treu­ung durch die Sezes­si­on und die Zer­stö­rung von Jugo­sla­wi­en, näm­lich Syri­za. Dou­zi­nas ist heu­te bemer­kens­wer­ter­wei­se Mit­glied des grie­chi­schen Par­la­ments, obwohl er kei­ne beruf­li­che oder poli­ti­sche Ver­gan­gen­heit in dem Land hat. Sta­this Kou­ve­la­kis ist ein wei­te­rer bri­ti­scher lang­jäh­ri­ger Mit­ar­bei­ter von Žižek, der eine zen­tra­le Rol­le in Syri­za spiel­te; Cos­tas Lapa­vit­s­as, ein wei­te­rer Mit­ar­bei­ter von Zizek, der in Groß­bri­tan­ni­en ein­ge­bür­gert wur­de, dort sein gan­zes Leben lang gear­bei­tet hat und zum Syri­za-Abge­ord­ne­ten gewählt wur­de; und natür­lich ist Yanis Varou­fa­kis, der Žižek seit der Grün­dung von Syri­za sehr nahe steht, in Groß­bri­tan­ni­en auf­ge­wach­sen (ein »anglo­phi­ler Oppor­tu­nist« und »Möch­te­gern-Mav­ro­kor­d­a­tos«, wie es ein Par­tei­mit­glied und Wis­sen­schaft­ler aus­drück­te44). In der Tat ist Syri­za, eine Art Farb­re­vo­lu­ti­on, ein groß ange­leg­ter Fall der Žižek’schen Zwei­deu­tig­keit, die als »gleich­zei­tig pro-BDS und pro-Isra­el, gleich­zei­tig anti- und pro-Memo­ran­dum, bedau­er­li­cher­wei­se das Memo­ran­dum durch­set­zend»45 auf­tritt: Das neo­li­be­ra­le Impe­ri­um, das sich als sei­ne eige­ne natio­na­lis­ti­sche Oppo­si­ti­on aus­gibt, führt die Erobe­rung Grie­chen­lands durch, getarnt als ein küh­ner Akt im jako­bi­ni­schen Geist. Auf die­se Wei­se wur­den die Mit­tel­schich­ten dazu gebracht, die orga­ni­sier­te Arbei­ter­klas­se zu ver­nich­ten, wie im tra­di­tio­nel­len Faschis­mus. Sie wur­den jedoch dazu ver­lei­tet, sich ein­zu­bil­den, dass sie ihre Ret­tung durch die Erneue­rung der »kom­mu­nis­ti­schen Idee« voll­zie­hen wür­den. Aber was Žižek wirk­lich über den Kom­mu­nis­mus und die Kom­mu­nis­ten denkt, könn­te nicht deut­li­cher sein, als er es in Grie­chen­land tat46, als er (unter dem Bei­fall sei­nes bür­ger­li­chen Hips­ter-Publi­kums) rief: »Die Par­tei KKE ist im Grun­de die Par­tei der Men­schen, die nur noch leben, weil sie ver­ges­sen haben zu ster­ben.« Die­se Äuße­run­gen fie­len in eine Zeit, in der »Zusam­men­stö­ße«, bei denen anar­chis­ti­sche Pro­vo­ka­teu­re die Reak­ti­on der Poli­zei aus­lös­ten, für kom­mu­nis­ti­sche Arbei­ter töd­lich ende­ten. Wer sich das Video anschaut, wird fest­stel­len, dass es sich nicht nur um einen Scherz oder eine spon­ta­ne Bemer­kung han­delt (er wie­der­hol­te die glei­che For­mel mehr­mals), son­dern um eine Auf­for­de­rung zur Gewalt unter dem Deck­man­tel des Witzes.

Nach der Kon­fe­renz »Über die Idee des Kom­mu­nis­mus« im Jahr 2009, auf der die Saat für die Pro­pa­gan­da­kam­pa­gnen für den Syri­za-Schwin­del und ande­re lin­ke Schein­be­we­gun­gen gelegt wur­de, die die Ener­gie umlen­ken und den Platz des Volks­wi­der­stan­des usur­pie­ren wür­den, um die Offen­si­ve der herr­schen­den Klas­se wei­ter vor­an­zu­trei­ben, wur­de Žižek ins BBC-Radio eingeladen,[46] wo die hun­dert Pfund pro Sitz­platz kos­ten­de pro­mi­nen­te intel­lek­tu­el­le Ver­samm­lung so beschrie­ben wur­de, als ob es sich um ein Son­der­tref­fen der Kom­in­tern han­del­te. Žižek wur­de als »einer von 900 Dele­gier­ten« zu die­sem Ereig­nis vor­ge­stellt. Sein Resü­mee war, dass das Tref­fen wie­der ein­mal bewie­sen habe, dass »die Lin­ke kei­ne Alter­na­ti­ve« zur Spar­po­li­tik der west­li­chen Regie­run­gen im Beson­de­ren oder zum Kapi­ta­lis­mus im All­ge­mei­nen habe. »Alles, was sie wol­len, ist, den Ras­sis­mus zu äch­ten«. Kurz dar­auf hielt er einem ande­ren Lon­do­ner Publi­kum47 einen Vor­trag dar­über, dass es kei­ne kon­go­le­si­sche Arbei­ter­klas­se gibt, führ­te den Kon­go als Bei­spiel dafür an, was pas­siert, wenn das Impe­ri­um die »ehe­mals« kolo­ni­sier­te Welt im Stich lässt, und erklär­te, dass es »eine rich­tig kom­mu­nis­ti­sche Ant­wort« sei, die Öffent­lich­keit (und nicht die Aktio­nä­re von BP) für die Besei­ti­gung der Ölpest im Golf von Mexi­ko zah­len zu las­sen. Sei­ne Gesprächs­part­ner in einer ande­ren Dis­kus­si­on im BBC-Radio48 schnapp­ten hör­bar scho­ckiert nach Luft, als er dar­auf bestand: »Ich habe mir alle Kri­ti­ken an Euro­pa genau ange­schaut, beson­ders die­se links­li­be­ra­le maso­chis­ti­sche: ›Nein, nein, Euro­pa ist eine Geschich­te der Skla­ve­rei, es ist das Schlimms­te von allen‹. Was mir auf­fällt und mir Hoff­nung für Euro­pa gibt, und das mei­ne ich ernst, in einem streng phi­lo­so­phi­schen Sin­ne, ist, dass wir uns bewusst sind, in wel­chem Aus­maß selbst die hef­tigs­te Kri­tik am Impe­ria­lis­mus, an der Gewalt in Euro­pa im euro­päi­schen Erbe begrün­det ist. Zum Bei­spiel die indi­sche Unab­hän­gig­keit, die Kon­gress­par­tei. Das waren Inder, die in Cam­bridge aus­ge­bil­det wur­den. Das ist ech­te euro­päi­sche Tra­di­ti­on. Das ist es, was ich an Euro­pa mag. Zei­gen Sie mir eine ande­re Zivi­li­sa­ti­on, die mit all ihren Schre­cken, und ich gebe sie zu, die stärks­ten Mecha­nis­men ent­wi­ckelt hat, die ich ken­ne, um sich selbst zu kri­ti­sie­ren.« Ein Gast aus dem vor­he­ri­gen Bei­trag bestand dar­auf, blei­ben zu dür­fen, um ihm in der Sen­dung zu wider­spre­chen. An einem ande­ren Tag sag­te er vor einer ande­ren BBC-Kame­ra49 – die­ses Mal, nach­dem er als buch­stäb­li­che Reinkar­na­ti­on von Marx vor­ge­stellt wor­den war -, dass die UdSSR der größ­te Schre­cken der Mensch­heits­ge­schich­te sei, »schlim­mer als der Faschis­mus«, und an einem ande­ren Tag erklär­te er im New Sta­tes­man:

Wir soll­ten kei­ne Angst davor haben, die Wie­der­kehr einer wich­ti­gen Figur des ega­li­tär-revo­lu­tio­nä­ren Ter­rors – des »Denun­zi­an­ten«, der die Schul­di­gen bei den Behör­den anzeigt – als eine Kom­bi­na­ti­on aus Ter­ror und Ver­trau­en in das Volk zu för­dern. (Im Fall des Enron-Skan­dals fei­er­te das Time Maga­zi­ne zu Recht die Insi­der, die den Finanz­be­hör­den einen Tipp gaben, als wah­re Hel­den der Öffentlichkeit.)

Einst nann­ten wir das Kom­mu­nis­mus.50

Unnö­tig zu erwäh­nen, dass die Enron-Whist­leb­lower völ­lig fik­tiv sind.

Žižeks offen­sicht­li­che Hal­tung schwankt wild hin und her, um unauf­hör­lich jeg­li­che aktu­el­le Her­aus­for­de­rung des Impe­ri­ums oppor­tu­nis­tisch anzu­grei­fen und jede Poli­tik des Impe­ri­ums zu ver­tei­di­gen, die auf Wider­stand stößt. Ober­fläch­lich betrach­tet erscheint dies als »Inko­hä­renz« – die boli­va­ri­sche51 Revo­lu­ti­on oder jede popu­lä­re Bewe­gung der Arbei­ter­klas­se, die an Boden gewinnt, wird wegen unzu­rei­chen­der Radi­ka­li­tät ver­un­glimpft, und es wird sug­ge­riert, dass sie der Unter­stüt­zung nicht wür­dig sei­en oder zumin­dest, dass ihr Unter­gang nichts ist, was beson­ders zu bekla­gen wäre (ihre eige­ne Schuld für ihre Zag­haf­tig­keit und Unau­then­ti­zi­tät), wäh­rend sie von den USA unter­stütz­te Palast­put­sche wie in der Ukrai­ne oder von den USA unter­stütz­te kon­tra-ter­ro­ris­ti­sche Umstür­ze wie in Liby­en als »Revo­lu­tio­nen« beju­beln, die nur von den ver­ach­tens­wer­ten Libe­ra­len mit schö­ner See­le nicht unter­stützt wer­den könn­ten – aber wenn man erst ein­mal die Poli­tik ver­stan­den hat, die hin­ter die­sen wech­seln­den Posi­tio­nen steht (Ver­tei­di­gung des US-Impe­ri­ums und zuneh­men­de Faschi­sie­rung der Kul­tur), zei­gen sich all die offen­sicht­li­chen Macken und Heu­che­lei­en als voll­kom­men kon­sis­tent. Obwohl er sich zwan­zig Jah­re lang als radi­ka­ler Lin­ker, Mar­xist und Links­fa­schist [dt. im engl. Ori­gi­nal] aus­ge­ge­ben hat, erwies sich Žižek in den Momen­ten der Wahr­heit – der Finanz­kri­se, den Krie­gen, der Flücht­lings­kri­se – immer wie­der als gewöhn­li­cher (Neo-)Liberaler des Estab­lish­ments und gleich­zei­tig als gewöhn­li­cher rech­ter Faschist.

Wie kommt er also damit durch? Auf den ers­ten Blick scheint die rei­sen­de Žižek-Show eine völ­lig alber­ne Ange­le­gen­heit zu sein. In der Tat bie­ten vie­le von Žižeks Ver­tei­di­gern die­se Albern­heit als Ent­schul­di­gung oder sogar als eine Art Ver­dienst an – sie »erzielt eine Reak­ti­on«, »zieht ein Publi­kum an«, »bringt die Leu­te dazu, über Marx zu spre­chen« (ähn­lich wie Har­ry Pot­ter gegen Kri­tik mit dem Ablen­kungs­ma­nö­ver ver­tei­digt wird, dass es »die Kin­der wie­der zum Lesen bringt«), also muss sie wert­voll sein – aber das ist Teil ihrer Ver­schleie­rung. Im wei­tes­ten Sin­ne, wie Anto­nis Balasopou­los es ausdrückte:

Der Zweck [von Žižeks rhe­to­ri­scher] Stra­te­gie besteht dar­in, 1) kom­mu­nis­ti­schen Ideen rechts­ex­tre­me Inhal­te zuzu­schrei­ben, 2) extrem reak­tio­nä­ren Ideen pro­gres­si­ve Inhal­te zuzu­schrei­ben, 3) alle zu ver­wir­ren, was was ist, und 4) die Lin­ke zu ver­leum­den, wäh­rend sie als »gewagt« und »pro­vo­ka­tiv« erscheint.52

Es über­rascht nicht, dass er sich dabei eher auf die ratio­na­le Aus­nut­zung des Irra­tio­na­lis­mus und mehr oder weni­ger wis­sen­schaft­li­che Tech­ni­ken der media­len Mani­pu­la­ti­on als auf Argu­men­te stützt. Vie­le sei­ner Tricks und Tak­ti­ken stam­men, wie wir zei­gen wer­den, aus den Pro­to­kol­len der Wei­sen von Zion und Carl Schmitts Adap­ti­on in eine »Kri­tik des Libe­ra­lis­mus«, die mit dem Mar­xis­mus kon­kur­riert und seit dem frü­hen 20. Jahr­hun­dert als des­sen Abwand­lung dient.

Die Rhetorik von Žižek: Motive, Schachzüge und Manöver

1. Die Kneipenhocker

Indem er in sei­ner Ver­tei­di­gung des nomi­nell libe­ra­len Sta­tus quo und ins­be­son­de­re des Wei­ßen Hau­ses einen faschis­ti­schen Revan­chis­mus betreibt, der unab­läs­sig dar­an arbei­tet, dis­kur­si­ve »Fak­ten vor Ort« zu schaf­fen, führt Žižek die schrul­li­ge Kari­ka­tur eines euro­päi­schen bür­ger­li­chen Intel­lek­tu­el­len vor, der schein­bar nichts von dem weiß, was Radi­ka­le und sogar Libe­ra­le in den Sozi­al- und Human­wis­sen­schaf­ten im 20, Jahr­hun­derts her­vor­ge­bracht haben. Er ist vor allem im her­un­ter­ge­kom­me­nen Jar­gon einer Tra­di­ti­on bewan­dert, durch die die wei­ße Vor­herr­schaft ihre Ansprü­che auf Zivi­li­sa­ti­on und Über­le­gen­heit erhebt, und ver­wen­det post­struk­tu­ra­lis­ti­sche Tro­pen und rhe­to­ri­sche Machi­na­tio­nen, die er unge­schickt anwen­det. Sei­ne »mit­tel-euro­päi­sche Philosophen«-Persönlichkeit ist nur zu weni­gen dis­si­den­ten Äuße­run­gen fähig, die über das Gejam­mer über die »hedo­nis­ti­schen« Kids von heu­te und die Hip­pie-ver­prü­geln­de »iden­ti­tä­re Lin­ke« hin­aus­ge­hen, aber er wird – und das ist die publi­kums­wirk­sa­me Masche – auch sein abwärts beweg­li­ches klein­bür­ger­li­ches Publi­kum begeis­tern, indem er die Mas­ke der bür­ger­li­chen Höf­lich­keit fal­len lässt, um sei­ne Res­sen­ti­ments auf eine fre­che Art und Wei­se zu äußern, die es auf­regt. Dabei han­delt es sich in der Regel um Bauch­re­den oder »Socken­pup­pen­spiel«, oft in einer sehr raf­fi­nier­ten Form, bei der sich die Posi­ti­on des Spre­chers stän­dig ändert.53 Die­se Tak­tik ist nicht ori­gi­nell, und zu den Inspi­ra­tio­nen für Žižeks cha­rak­te­ris­ti­sche Beschimp­fun­gen und Obs­zö­ni­tä­ten kann man mit Sicher­heit »Night­watch« zäh­len, ein regel­mä­ßi­ges Sonn­tags­feuil­le­ton in Delo, der größ­ten slo­we­ni­schen Tages­zei­tung, das aus den neu­es­ten sen­sa­tio­nel­len Schlag­zei­len (Ver­bre­chen, Gräu­el­ta­ten, Skan­da­le) besteht, die in die wöchent­li­chen Beschwer­den der »Knei­pen­ho­cker« – Archie Bunker/​Alf Gar­netts der popu­lä­ren Schich­ten von Ljub­l­ja­na – ein­flie­ßen. In einer Ver­öf­fent­li­chung des Mirov­ni-Insti­tuts (Soros’ Offe­ne Gesell­schaft) wird dies fol­gen­der­ma­ßen beschrieben:

Was sind die The­men der Knei­pen­ho­cker, oder bes­ser gesagt die ’slo­we­ni­schen Bla­sen‹, die die Knei­pen­flie­ge beun­ru­hi­gen und sie dazu brin­gen, die­se Bla­sen so müh­sam zu öff­nen? Auf den ers­ten Blick ist die Lis­te der The­men unend­lich lang. Sie ist im Grun­de zeit­los und hängt daher von Medi­en­er­eig­nis­sen ab, die – nach der Geschwin­dig­keit ihrer Ver­ar­bei­tung zu urtei­len – in ers­ter Linie von den elek­tro­ni­schen Medi­en dik­tiert wer­den. In Wirk­lich­keit dreht sie sich jedoch um eine eiser­ne Logik: Bedroh­tes Slo­wen­en­tum (slo­we­ni­sche Nati­on), (zu nied­ri­ge) Gebur­ten­ra­te, ›die aus dem Süden‹, die ›von da unten‹, das Bal­kan­volk, ›Bal­ka­no­phi­lie‹, ›Jugobums‹, ›Wesen mit einem hal­ben Dach über dem Kopf‹, (loka­le) Poli­ti­ker, ›Jugos‹, ›Jugo­wit­sches‹, Rote, Ser­ben, Kroa­ten, Bos­ni­er, »Dschun­gel­ha­sen«, Mafia, Chi­ne­sen, Schwu­le, Poli­tik und natür­lich, wenn ihnen alles aus­geht, die Frau­en (egal ob ein­hei­misch oder ›impor­tiert‹), die immer zur Hand sind. Wenn man die Fra­ge nach den The­men der Knei­pen­ho­cker ganz genau beant­wor­ten woll­te, dann wür­de man sagen, dass die Knei­pen­ho­cker ein ›dunk­les Reper­toire an Streit­the­men‹ haben, und die Favo­ri­ten unter ihnen sind ›Debat­ten über Bal­ka­ni­sie­rung und ähn­li­che Trends‹! Last but not least sind die Knei­pen­ho­cker neben all dem oben Erwähn­ten auch eine mora­li­sche Instanz par excel­lence, gewis­ser­ma­ßen das ›Bewusst­sein der Nati­on‹, nur dass sie ›außer sich sind, weil sie nicht wis­sen, wel­cher Schwie­rig­keit, die unse­re Nati­on bedrängt, Prio­ri­tät ein­ge­räumt wer­den soll­te‹. (Hate Speech in Slo­we­ni­en, Tonči Kuz­ma­nić54)

Die Knei­pen­ho­cker selbst und die libe­ra­le Per­sön­lich­keit des Autors, der ihre bru­ta­len Ansich­ten ver­tritt, sind glei­cher­ma­ßen fik­ti­ve Kon­struk­te (wenn auch nicht in glei­chem Maße erklär­ter­ma­ßen). Das Zusam­men­spiel ihrer Stand­punk­te erzeugt die ver­schie­de­nen gewünsch­ten Effek­te der Nor­ma­li­sie­rung, Dämo­ni­sie­rung, des­avou­ier­ten Arti­ku­la­ti­on usw. Die libe­ra­le Autoren­per­sön­lich­keit, Geschöpf und Schöp­fer von Tole­ranz und Höf­lich­keit, die vor der Auf­ga­be steht, eine Welt mit Knei­pen­ho­ckern zu mana­gen, ist selbst eine Illu­si­on, die indi­rekt, durch den ange­deu­te­ten Kon­trast zu den Knei­pen­ho­ckern, weit­aus wirk­sa­mer erzeugt wird, als sie es als Ergeb­nis einer posi­ti­ven Dar­stel­lung sein könn­te. Žižek ist beson­ders geschickt im Umgang mit meh­re­ren Stim­men, um die­se Illu­sio­nen zu erzeu­gen, und zwar in einem weit­aus aus­ge­feil­te­ren Maß­stab. Wie der Autor von »Night­watch« ist Žižek, wäh­rend er in sei­nen bemer­kens­wert häu­fi­gen (und sich wie­der­ho­len­den bis selbst­pla­gi­ie­ren­den) Ver­öf­fent­li­chun­gen »immer neue­re aktu­el­le Ereig­nis­se und popu­lär­kul­tu­rel­le Phä­no­me­ne ein­be­zieht»55, oft gezwun­gen, aus­führ­lich wider­wär­ti­ge Gefüh­le zu äußern, die er häu­fig einer Rei­he von beschwo­re­nen Ste­reo­ty­pen zuschreibt, deren Sym­pa­thie er (nicht über­zeu­gend) ver­leug­net, wäh­rend er die Äuße­rung von Frech­heit oder das Ver­gnü­gen der ver­ächt­li­chen Kari­ka­tur genießt. So kann man in jedem Text oder Vor­trag von ihm erwar­ten, dass er von »pri­mi­ti­ven Halb­af­fen-Schwar­zen, deren Groß­el­tern in Afri­ka wie Affen auf Bäu­men her­um­hüpf­ten« erzählt, »Typisch Juden! Selbst im schlimms­ten Gulag fan­gen sie an, mit mensch­li­chem Blut zu han­deln, sobald man ihnen ein Mini­mum an Frei­heit und Hand­lungs­spiel­raum lässt«, und so wei­ter und so fort. In The Pervert’s Gui­de to Ideo­lo­gy bie­tet Žižek ange­sichts einer Sequenz aus dem Film Jaws, in der ein klei­ner wei­ßer Jun­ge von einem Hai zu Tode geris­sen wird und das Was­ser pur­pur­rot von sei­nem spru­deln­den Blut an einem Strand in Caro­li­na vol­ler wei­ßer Men­schen ist, eine (völ­lig absur­de) Inter­pre­ta­ti­on des Films an: »Wir fürch­ten Immi­gran­ten, Men­schen, die wir als min­der­wer­tig betrach­ten, die uns angrei­fen, uns aus­rau­ben, unse­re Kin­der ver­ge­wal­ti­gen«, und dann, unter der Auf­nah­me der schreck­li­chen Hai­fisch­flos­se, die das Meer unauf­halt­sam in Rich­tung des Boo­tes der Hel­den durch­schnei­det, »fürch­ten wir kor­rup­te Poli­ti­ker und gro­ße Unter­neh­men, die mit uns machen kön­nen, was sie wol­len.« Es las­sen sich end­lo­se Bei­spie­le dafür fin­den, wie Žižek (völ­lig fik­ti­ve oder fik­tio­na­li­sier­te) Geschich­ten über mora­lisch ver­werf­li­che Ver­bre­chen, die von ande­ren Ziel­per­so­nen began­gen wur­den, und Anek­do­ten über deren unassi­mi­lier­ba­re Anders­ar­tig­keit erzählt, über Les­ben, die Bes­tia­li­tät betrei­ben, über Femi­nis­tin­nen, die Män­ner ver­fol­gen, weil sie ihnen in die Augen schau­en, über Ima­me, die zu Ver­ge­wal­ti­gun­gen auf­ru­fen, über viet­na­me­si­sche Kom­mu­nis­ten, die Kin­dern die geimpf­ten Arme abha­cken, um »den Wes­ten abzu­leh­nen«. Er ver­si­chert sei­nen Zuhö­rern, dass »jeder Mann im Kon­go sei­ne Mut­ter in die Skla­ve­rei ver­kau­fen wür­de, um ins West­jor­dan­land zu zie­hen« und stellt zum West­jor­dan­land fest: »Mit all euren Ter­ro­ris­ten hier seid ihr nichts für die South Bronx« und beginnt dann einen Auf­satz, der sich angeb­lich mit Lacan befasst, mit einem angeb­li­chen Rät­sel der »fran­zö­si­schen Liber­ti­na­ge des 18. Jahrhunderts:

Die drei Frau­en wer­den in einem Drei­eck um einen gro­ßen run­den Tisch her­um plat­ziert, wobei jede von der Tail­le abwärts nackt ist und sich nach vor­ne auf den Tisch lehnt, um die Pene­tra­ti­on a ter­go zu ermög­li­chen. Jede Frau wird dann von hin­ten ent­we­der von einem schwar­zen oder einem wei­ßen Mann pene­triert, so dass sie nur die Far­be der Män­ner sehen kann, die die bei­den ande­ren Frau­en vor ihr pene­trie­ren; alles, was sie weiß, ist, dass dem Gou­ver­neur für die­ses Expe­ri­ment nur fünf Män­ner zur Ver­fü­gung ste­hen, drei wei­ße und zwei schwarze …

… aber in einer Fuß­no­te gesteht er: »Da wir in einer Zeit leben, die mehr und mehr eines auch nur ele­men­ta­ren Sinns für Iro­nie beraubt ist, füh­le ich mich ver­pflich­tet, hin­zu­zu­fü­gen, dass die­se sexua­li­sier­te Ver­si­on mei­ne Erfin­dung ist.»56 Kürz­lich an der Lon­don School of Eco­no­mics platz­te er plötz­lich mit die­ser Aus­sa­ge heraus:

Jetzt wer­den Sie sagen, wenn Sie ein Ras­sist sind (ich bin es nicht, zumin­dest hier), wer­den Sie sagen, oh die­se dum­men N – r, sie sind mit­ten in Afri­ka. Die­se N – r sind über­all. Ein ande­rer gro­ßer N – r hier ist Putin, und ein drit­ter N – r sind die christ­li­chen Fun­da­men­ta­lis­ten. Der vier­te N – r sind in mei­nem eige­nen Land, Slowenien.

Im sel­ben Audio­ar­chiv, zwi­schen den Auf­zeich­nun­gen sei­ner »Mas­ter­clas­ses«, kann man ihn hören, wie er mit der gerings­ten Ges­te die Baby­sit­te­rin sei­nes Soh­nes bauch­red­ne­risch ver­un­glimpft, eine slo­we­ni­sche Roma-Fami­lie57 dif­fa­miert und die benach­bar­ten Grund­be­sit­zer ver­tei­digt, die ein Pogrom gegen sie durch­führ­ten. Sie wur­den mit­ten in der Nacht mit Schrot­flin­ten und Ket­ten­sä­gen aus ihren Häu­sern in die Wäl­der gejagt und ihr legal erwor­be­nes und seit lan­gem besie­del­tes Land erfolg­reich ent­eig­net. Mit sei­ner eige­nen Stim­me, wenn auch ent­frem­det als »mein schlech­tes­tes oder bes­tes, kri­ti­sches Ich«, erklärt er Joseph Men­ge­le dann für »nicht so schul­dig, wie wir den­ken« und ver­gleicht ihn mit »einem unschul­di­gen Land­arzt«.58

Das Por­trät von Žižek, das Jere­my Gil­bert in sei­nem Bei­trag zu dem 2005 erschie­ne­nen Band The Truth of Žižek zeich­net, ähnelt sehr den »Nightwatch«-Kneipenhocker:

Las­sen Sie uns mit eini­gen unbe­streit­ba­ren Wahr­hei­ten über Žižek begin­nen. In jüngs­ter Zeit ist unter sei­nem Namen eine außer­or­dent­li­che Men­ge an Tex­ten ver­öf­fent­licht wor­den. Die­se Arbei­ten wur­den fast alle von Ver­la­gen ver­öf­fent­licht, die weit­ge­hend für aka­de­mi­sche Ver­öf­fent­li­chun­gen bekannt sind (obwohl Ver­so, sein übli­cher Ver­lag, nicht nur ein aka­de­mi­scher Ver­lag ist). Doch die­se Arbei­ten ent­spre­chen nicht ein­mal annä­hernd den Stan­dards aka­de­mi­scher Gründ­lich­keit, die man nor­ma­ler­wei­se von einem Essay für Stu­den­ten erwar­ten wür­de… Eine zwei­te Wahr­heit. Žižeks Haupt­an­griffs­ob­jek­te waren die Lin­ken. Ins­be­son­de­re hat Žižek eine lose zusam­men­hän­gen­de Rei­he von poli­ti­schen Posi­tio­nen und intel­lek­tu­el­len Ten­den­zen, die weit­ge­hend mit dem Erbe der ›Neu­en Lin­ken‹ ver­bun­den sind, zum Gegen­stand sei­ner Kri­tik gemacht. ›Cul­tu­ral Stu­dies‹, ›poli­ti­sche Kor­rekt­heit‹, ›Femi­nis­mus‹, ›Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus‹, Post­mo­der­ne, post­ko­lo­nia­le Stu­di­en, His­to­ri­zis­ten und Dekon­struk­ti­vis­ten: Trotz sei­nes erklär­ten Anti­ka­pi­ta­lis­mus sind es nicht der Kapi­ta­lis­mus und sei­ne Beson­der­hei­ten, son­dern die­sel­be Lita­nei von Hass­fi­gu­ren, die die fieb­ri­ge Phan­ta­sie der ame­ri­ka­ni­schen Rech­ten bevöl­kern, für die Žižek den größ­ten Teil sei­nes schlecht infor­mier­ten Zorns reser­viert hat.59

Wir kön­nen hin­zu­fü­gen, dass Žižeks ver­blüf­fen­de Neue­rung dar­in besteht, ein stu­den­ten­freund­li­ches Ali­bi für sei­nen Angriff auf die­se lin­ken Hass­fi­gu­ren der kon­ser­va­ti­ven Phan­ta­sie zu lie­fern. Es besteht dar­in, sie als heim­li­che Ver­bün­de­te und »Stüt­zen« des deka­den­ten glo­ba­li­sier­ten Kapi­ta­lis­mus zu iden­ti­fi­zie­ren; die Min­der­hei­ten, die er angreift, wer­den als Haus­tie­re der schul­di­gen libe­ra­len Mul­ti­kul­tu­ra­lis­ten mit ihrer her­ab­las­sen­den Tole­ranz dar­ge­stellt; die For­de­run­gen der Roma und der Femi­nis­tin­nen in Žižeks neu­em neo­li­be­ra­len Slo­we­ni­en wer­den als »Ablen­kun­gen vom Klas­sen­kampf« denun­ziert (von Žižek, der ohne Scham die Kräf­te des pri­va­ti­sie­ren­den die Arbei­ter­klas­se ent­eig­nen­de und zer­schla­gen­de Kapi­tal lenk­te, wäh­rend er deren Wider­stand mit die­sen uralten Mit­teln geschickt spal­te­te). Die­se äußerst zyni­sche tu quo­que-Ant­wort auf die rea­le (mul­ti­kul­tu­rel­le, mul­ti­eth­ni­sche) Arbei­ter­klas­se, ob in den USA, Groß­bri­tan­ni­en, Frank­reich oder in Slo­we­ni­en beinhal­tet die Ver­ein­nah­mung und Ver­un­glimp­fung popu­lä­rer lin­ker Ana­ly­sen durch die ver­häng­nis­vol­le Fal­le der neo­li­be­ra­len »Iden­ti­täts­po­li­tik»60.

Die Ähn­lich­keit mit den »Night­watch« Knei­pen­ho­ckern erstreckt sich auch auf die bar­ba­ri­sie­ren­de Wir­kung, die Žižek mit sei­nen häu­fi­gen Aus­brü­chen aus der tra­di­tio­nel­len aka­de­mi­schen Manier und Spra­che in eine boden­stän­di­ge, unflä­ti­ge »Ehr­lich­keit« erzielt, indem er »aner­kennt«, was er als die obs­zö­nen und vul­gä­ren, haus­ba­cke­nen »Wahr­hei­ten« des poli­ti­schen Rea­lis­mus und Zynis­mus prä­sen­tiert. Die­se Art von Spra­che hat buch­stäb­lich die Ras­sen­hier­ar­chie und den wei­ßen Solip­sis­mus in den Räu­men der lin­ken Orga­ni­sa­ti­on und Dis­kus­si­on, in die Žižek ein­ge­drun­gen ist, kon­kret wie­der­her­ge­stellt und buch­stäb­lich eine domi­nan­te wei­ße Frak­ti­on geschaf­fen, wo es zuvor nur den ver­wei­len­den Fak­tor des wei­ßen indi­vi­du­el­len Pri­vi­legs gab, und das unter kon­zer­tier­ten Angriffen.

Die­ses Vor­ge­hen (die Žiže­kia­ni­sche Lin­ke, die wie ein lum­pi­ger klein­bür­ger­li­cher Mob auf­ge­peitscht wird, der sich als aggres­siv feind­lich gegen­über der locker als Black Lives Mat­ter bezeich­ne­ten Lin­ken im Lin­ken Forum posi­tio­niert und einen Kampf inner­halb »der Lin­ken« aus­trägt, der in Wirk­lich­keit ein ver­deck­ter Angriff auf die Lin­ke von Sei­ten der faschis­to­iden libe­ra­len Bour­geoi­sie61 ist) ist nicht, wie vie­le, die es unter­stüt­zen, es dar­zu­stel­len ver­su­chen, ein Sturm im Was­ser­glas wegen »ver­let­zen­der Wor­te«. Es ist auf der Ebe­ne der Kul­tur­krie­ge ein Ana­lo­gon der impe­ria­len Stra­te­gie des Schü­rens von Sek­tie­rer­tum und Ter­ror, die Žižek in Jugo­sla­wi­en unter­stütz­te und auch im Irak, in Liby­en und Syri­en propagierte.

Žižeks ver­meint­li­che »Abschwei­fun­gen«, die immer wie­der in Erzäh­lun­gen mit ras­si­fi­zier­ten Para­dig­men und Bil­dern mün­den, ver­fes­ti­gen schlei­chend eine Rei­he von Iden­ti­tä­ten als objek­ti­ve Ande­re und ein Ver­ständ­nis, dass nur wei­ße Euro­pä­er und Sied­ler die wah­ren sub­jek­ti­ven Prot­ago­nis­ten des »Klas­sen­kamp­fes« sein kön­nen, so dass für die (haupt­säch­lich wei­ße, klein­bür­ger­li­che) Bevöl­ke­rung, die durch sei­ne Unter­hal­tun­gen indok­tri­niert wur­de, allein die Beschwö­rung des mar­xis­ti­schen Voka­bu­lars einen zurück­ge­wor­fe­nen hegel­schen Aria­nis­mus her­vor­ruft, andeu­tet und auf­frischt. Die Ges­ten, mit denen er und sei­ne Anhän­ger eine wei­ße Stam­mes­prä­senz wie­der­her­stel­len, wer­den eben­falls als tap­fer dar­ge­stellt, im Stil der Le Pens und Fara­ges auf der euro­päi­schen Sze­ne – denn die Libe­ra­len möch­ten nicht, dass wir so offen reden; »ihr wer­det mich dafür lyn­chen«, ver­si­chert Žižek sei­nem Birk­beck-Publi­kum und ver­dop­pelt sie gleich­zei­tig als ihre ver­ach­tens­wer­ten libe­ra­len Eltern und ihr uner­schro­cke­nes tabu­bre­chen­des Selbst, was die Illu­si­on der Exis­tenz von bei­den ver­stärkt.62 Die­se Ver­ach­tung für die Inter­es­sen und das Wohl­erge­hen aller außer der wei­ßen Kern­be­völ­ke­rung – die Ableh­nung der Armut und des Leids der Mehr­heit der Mensch­heit im Kapi­ta­lis­mus als tri­via­le Aus­nah­me von der wei­ßen euro­päi­schen Sied­ler­herr­schaft des Wohl­stands, der bür­ger­li­chen Frei­hei­ten und der Ent­rech­tung – ist natür­lich ein unver­zicht­ba­rer Pfei­ler der Ent­schul­di­gung für das kapi­ta­lis­ti­sche Impe­ri­um der USA und Europas.

Sol­che unge­schmink­ten, aber unbe­streit­ba­ren »Wahr­hei­ten«, zu denen ihn sei­ne raue Gut­mü­tig­keit zwingt, wie: dass die­je­ni­gen, die Žižek als »wir wei­ßen Lin­ken« bezeich­net, natür­lich ihre höf­li­che Raf­fi­nes­se dar­in zei­gen, den Unter­men­schen ihre Über­le­gen­heit nicht ins Gesicht zu schleu­dern, aber unter sich kann das schmut­zi­ge Geheim­nis, dass sie über­le­gen sind, ein­ge­stan­den und gefei­ert wer­den, und soll­te öffent­li­cher ver­kün­det wer­den. Dass die gan­ze Geschich­te des real exis­tie­ren­den Kom­mu­nis­mus im 20. Jahr­hun­dert »eine tota­le Kata­stro­phe war, schlim­mer als der Faschis­mus.« Oder: dass der kapi­ta­lis­ti­sche Impe­ria­lis­mus natür­lich schreck­lich, unge­recht und zwei­fel­los unan­ge­nehm für den Pöbel ist, aber sei­en wir doch ehr­lich, er ist das Bes­te, was es gibt, und die ein­zi­ge Fra­ge ist jetzt, wie man ihn vor sich selbst ret­ten kann.

Die­se »Wahr­hei­ten«, die, wie Žižek erklärt, von der Gesta­po der poli­ti­schen Kor­rekt­heit ver­bo­ten wer­den, gehö­ren typi­scher­wei­se zur klas­si­schen libe­ra­len »Ja, aber«-Formel (»Ja, die Ver­ei­nig­ten Staa­ten haben in der Ver­gan­gen­heit die ver­schwen­de­rischs­te fal­sche Kriegs­pro­pa­gan­da betrie­ben, aber das bedeu­tet nicht, dass der böse Gad­da­fi nicht ver­ge­wal­ti­gen­de Orks mit Via­gra voll­pumpt« »Ja, die USA bege­hen Gräu­el­ta­ten, Ja, die USA bege­hen Gräu­el­ta­ten, es ist kei­ne per­fek­te Welt, aber Hiss­bo­las­e­vi­cas­sad soll­te nicht unge­straft davon­kom­men« »Ja, die Paläs­ti­nen­ser wur­den gefol­tert, ter­ro­ri­siert und ent­eig­net, aber das bedeu­tet nicht, dass sie nicht auch aus­ge­rot­tet wer­den soll­ten«). Die­se »Wahr­hei­ten« bil­den den Kern eines zen­tra­len Topos in Žižeks Repertoire:

2. Die fetischistische Verleugnung

Eine Hand­voll frag­men­ta­ri­scher Wit­ze und Anek­do­ten, die Žižeks geprie­se­ne »Ideo­lo­gie­theo­rie« bil­den – sei­ne Madi­son-Ave­nue-Pre­dig­ten -, die­nen sowohl als unauf­hör­lich wie­der­hol­ter Inhalt sei­ner »Ana­ly­se« als auch als die Regeln, nach denen sei­ne eige­nen mani­pu­la­ti­ven Dar­bie­tun­gen kon­stru­iert sind. Die­je­ni­ge, die das Žižek’sche Werk am gründ­lichs­ten durch­dringt, ist die feti­schis­ti­sche Ver­leug­nung – das Behar­ren auf irra­tio­na­lem Glau­ben ange­sichts der ratio­na­len Über­zeu­gung des Gegen­teils. (Es ist eine bestän­di­ge Iro­nie, dass Žižeks Ver­tei­di­ger beson­ders belei­digt sind, wenn der Meis­ter als psy­cho­ana­ly­tisch erklär­bar behan­delt wird.)

Die »feti­schis­ti­sche Ver­leug­nung« ist die obers­te Maxi­me sowohl von Žižeks Her­me­neu­tik als auch sei­ner Betrugs­kunst, die sein kom­ple­xes Pro­gramm irra­tio­na­ler Appel­le ankün­digt und rechtfertigt:

Was kann man also über jeman­den sagen, mit dem eine sexu­el­le Bezie­hung nur mög­lich ist, wenn die Kli­to­ris her­aus­ge­schnit­ten wird? Und was ist von der Frau zu hal­ten, die dies akzep­tiert und das Recht ein­for­dert, sich dem schmerz­haf­ten Ritu­al des Her­aus­schnei­dens ihrer Kli­to­ris zu unter­zie­hen? Gehört dies zu ihrem »Recht auf Genuss«, oder sol­len wir sie im Namen der west­li­chen Wer­te von die­ser »bar­ba­ri­schen« Art der Genuss­ge­stal­tung befrei­en? Der Punkt ist, dass es kei­nen Aus­weg gibt: Selbst wenn wir sagen, dass eine Frau sich selbst ernied­ri­gen kann, solan­ge sie dies aus frei­em Wil­len tut, kön­nen wir uns die Exis­tenz einer Fan­ta­sie vor­stel­len, die dar­in besteht, gegen ihren Wil­len ernied­rigt zu wer­den. Was ist also zu tun, wenn wir mit die­ser grund­le­gen­den Sack­gas­se der Demo­kra­tie kon­fron­tiert sind? Das »moder­nis­ti­sche« Ver­fah­ren (dem Marx anhängt) wür­de dar­in bestehen, aus einer sol­chen »Ent­lar­vung« der for­ma­len Demo­kra­tie, d.h. aus der Offen­le­gung der Art und Wei­se, wie die demo­kra­ti­sche Form immer ein inhalt­li­ches Ungleich­ge­wicht ver­birgt, zu schlie­ßen, dass die for­ma­le Demo­kra­tie als sol­che abge­schafft und durch eine höhe­re Form der kon­kre­ten Demo­kra­tie ersetzt wer­den muss. Der »post­mo­der­ne« Ansatz wür­de von uns im Gegen­teil ver­lan­gen, die­ses kon­sti­tu­ti­ve Para­do­xon der Demo­kra­tie anzu­neh­men. Wir müs­sen eine Art »akti­ves Ver­ges­sen« anneh­men, indem wir die sym­bo­li­sche Fik­ti­on akzep­tie­ren, obwohl wir wis­sen, dass »die Din­ge in Wirk­lich­keit nicht so sind«. Die demo­kra­ti­sche Hal­tung beruht immer auf einer gewis­sen feti­schis­ti­schen Spal­tung: Ich weiß sehr wohl (dass die demo­kra­ti­sche Form nur eine Form ist, die durch Fle­cken von »patho­lo­gi­schem« Ungleich­ge­wicht ver­dor­ben ist), aber trotz­dem (ich tue so, als ob Demo­kra­tie mög­lich wäre). (Mei­ne Her­vor­he­bung) Weit davon ent­fernt, ihren fata­len Makel anzu­zei­gen, ist die­se Spal­tung die eigent­li­che Quel­le der Stär­ke der Demo­kra­tie: Die Demo­kra­tie ist in der Lage, die Tat­sa­che zur Kennt­nis zu neh­men, dass ihre Gren­ze in ihr selbst liegt, in ihrem inne­ren »Ant­ago­nis­mus«. (Žižek, Loo­king Awry)

(Nota bene, Žižek ergreift die Gele­gen­heit, die er selbst in einer Demons­tra­ti­on geschaf­fen hat, die mit dem höchst euro­päi­schen Dona­ti­en Alp­hon­se de Sade begon­nen hat­te, um ein Knei­pen­ho­cker-Ärger­nis zu erwe­cken, was mit den Bar­ba­ren und ihren Kli­tero­dek­to­mien zu tun sei).

Um es mit Lacan’schen Begrif­fen aus­zu­drü­cken: In den berüch­tig­ten 3 ½ Sekun­den haben Ilsa und Rick [im Film Casa­blan­ca] es nicht für den gro­ßen Ande­ren (in die­sem Fall: die Ord­nung der öffent­li­chen Erschei­nung, die nicht belei­digt wer­den soll­te) getan [Ehe­bruch bege­hen], son­dern für unse­re schmut­zi­ge phan­tas­ma­ti­sche Vor­stel­lung. Dies ist die Struk­tur der inhä­ren­ten Trans­gres­si­on in ihrer reins­ten Form: Hol­ly­wood braucht bei­de Ebe­nen, um zu funk­tio­nie­ren. Das bringt uns natür­lich wie­der auf den Gegen­satz zwi­schen Ich-Ide­al und obs­zö­nem Über-Ich zurück: Auf der Ebe­ne des Ich-Ide­als (das hier dem öffent­li­chen sym­bo­li­schen Gesetz ent­spricht: dem Regel­werk, das wir in unse­rer öffent­li­chen Rede befol­gen sol­len) pas­siert nichts Pro­ble­ma­ti­sches, der Text ist sau­ber, wäh­rend der Text auf einer ande­ren Ebe­ne den Zuschau­er mit der Über-Ich-Auf­for­de­rung »Enjoy!« bom­bar­diert, d.h. gib dei­ner schmut­zi­gen Fan­ta­sie nach. Um es noch ein­mal anders aus­zu­drü­cken: Was wir hier vor­fin­den, ist ein kla­res Bei­spiel für die feti­schis­ti­sche Spal­tung, für die Ver­leug­nungs­struk­tur des »je sais bien, mais quand meme…« (Ich weiß sehr wohl, aber…): Allein das Bewusst­sein, dass sie es nicht getan haben, lässt dei­ner schmut­zi­gen Fan­ta­sie frei­en Lauf. Man kann sich ihr hin­ge­ben, weil man durch die Tat­sa­che, dass sie es für den gro­ßen Ande­ren defi­ni­tiv nicht getan haben, von der Schuld befreit ist. (Žižek, »Ego Ide­al and Supe­r­e­go: Lacan as a View­er of Casablanca«)

Die­se Lacan­sche »Ein­sicht«, die gleich­zei­tig eine Faust­re­gel der Wer­be­in­dus­trie ist, bil­det den Kern des­sen, was groß­spu­rig als »Žižeks Ideo­lo­gie­theo­rie« ange­prie­sen wird. Sie ist auch die prak­ti­sche Grund­la­ge von Žižeks wie­der­hol­ter For­mel von Behaup­tung und Ver­leug­nung, sei­nen fei­er­li­chen Ein­ge­ständ­nis­sen oder Demen­tis (»Das ist mei­ne ras­sis­ti­sche Reak­ti­on« oder »Ich mei­ne das nicht natio­na­lis­tisch, son­dern«), die dem Publi­kum die Erlaub­nis geben (»Genie­ßen Sie es!«), den Inhalt, der in die­se schüt­zen­den Anfüh­rungs­zei­chen oder Klam­mern geklemmt ist, erneut zu behaup­ten und zu genie­ßen. Ein Bei­spiel für die Ver­brei­tung reak­tio­nä­rer Inhal­te, die mit die­ser Art von Ali­bi aus­ge­stat­tet sind und die »feti­schis­ti­sche Ver­leug­nung« ein­set­zen, um die Funk­ti­on des Knei­pen­ho­cker-Bauch­re­dens zu erleich­tern, soll­te genügen:

In einem kürz­lich erschie­ne­nen Kom­men­tar in Le Point wies Jac­ques-Alain Mil­ler dar­auf hin, dass Sarah Palin – im Gegen­satz zur Männ­lich­keit von Segolè­ne Roy­al – stolz ihre Weib­lich­keit und Mut­ter­schaft zur Schau stellt. Sie hat eine ›kas­trie­ren­de‹ Wir­kung auf ihre männ­li­chen Geg­ner, und zwar nicht dadurch, dass sie männ­li­cher ist als die­se [sic], son­dern indem sie die ulti­ma­ti­ve weib­li­che Waf­fe ein­setzt, die sar­kas­ti­sche Her­ab­set­zung einer auf­ge­bla­se­nen männ­li­chen Auto­ri­tät – sie weiß, dass die männ­li­che ›phal­li­sche‹ Auto­ri­tät eine Pose ist, ein Schein, der aus­ge­nutzt und ver­spot­tet wer­den muss. Erin­nern Sie sich dar­an, wie sie Oba­ma als ›Com­mu­ni­ty Orga­ni­zer‹ ver­spot­te­te, indem sie die Tat­sa­che aus­nutz­te, dass Oba­mas phy­si­sche Erschei­nung mit sei­ner ver­wäs­ser­ten schwar­zen Haut, sei­nen schlan­ken Zügen und sei­nen gro­ßen Ohren etwas Ste­ri­les an sich hat­te. (Žižek, Living in the End Times)

Die ange­mes­se­ne öffent­li­che Äuße­rung des »Über-Ichs« besteht hier natür­lich in der Ver­ur­tei­lung der abscheu­li­chen pro­mi­nen­ten Knei­pen­ho­cke­rin Sarah Palin. Unter dem Deck­man­tel die­ser Ver­ur­tei­lung der wirk­lich zu ver­ur­tei­len­den Figur ver­schafft Žižek sei­nem wei­ßen Publi­kum das »obs­zö­ne« Ver­gnü­gen einer ziem­lich scho­ckie­ren­den Wie­der­be­le­bung der rei­ße­ri­schen Phan­tas­ma­go­rie des bio­lo­gis­ti­schen Ras­sis­mus und des Bil­des vom zukünf­ti­gen US-Prä­si­den­ten als »ste­ri­lem« Maultier/​Mulatten, des­sen Schwarz­sein als eine Art Essenz »ver­wäs­sert« wird. Dass der Mecha­nis­mus, mit dem die­ses ras­sis­ti­sche Ver­gnü­gen Palin ange­las­tet wird, offen­kun­dig absurd ist (»Com­mu­ni­ty Orga­ni­zer« mag ver­harm­lo­send und »kas­trie­rend« sein – das gewalt­tä­ti­ge Bild, um das Žižek sei­nen gro­tesk-obs­zö­nen Hun­de­pfiff her­um kon­stru­iert -, beschwört aber nicht den Mythos der Mulat­ten­ste­ri­li­tät her­auf. Und selbst wenn es so wäre, kann es nicht erklä­ren, war­um Žižek all die beschwö­ren­den Bil­der der Ras­sen­theo­rie des 19. Jahr­hun­derts in sei­nem Behar­ren auf »der Tat­sa­che, dass es etwas .… gibt, das die schwar­ze Haut ver­dünnt«, posi­tiv gel­tend macht). Das unter­streicht die Geschick­lich­keit von Žižeks Ope­ra­tio­nen. Obwohl sei­ne Bewe­gun­gen hier so offen­sicht­lich sind wie nur mög­lich, eben­so wie sein Ver­gnü­gen, die­se unan­sehn­li­che Vor­stel­lung zu ent­lar­ven, sind sie immer noch vor Kri­tik oder Ein­wän­den der »lin­ken« Leser geschützt, die sich selbst in die »Ver­tei­di­gung von Sarah Palin« und sogar in die »Ver­tei­di­gung von Sarah Palins Ras­sis­mus« ver­wi­ckeln wür­den, wenn sie Žižeks obs­zö­nes Auf­blit­zen hier in Fra­ge stel­len wür­den. Das ist eine sehr geschick­te, raf­fi­nier­te rhe­to­ri­sche Mani­pu­la­ti­on, die unter dem Deck­man­tel von spon­ta­nen Ad-hoc-Asso­zia­tio­nen und Des­or­ga­ni­sa­ti­on statt­fin­det. Und die­se offen ras­sis­ti­sche Aggres­si­on, öffent­lich, aber hin­ter dem Kraft­feld des immer gewähr­ten Vor­teils des Zwei­fels, ist der Ner­ven­kit­zel, mit dem Žižek einen Teil der impe­ria­len Kern-»Linken« ver­führt und bekehrt; gera­de die Faden­schei­nig­keit der Titel­ge­schich­te, die gleich­zei­tig ange­mes­sen ist, ist Teil der Eksta­se der Ein­schüch­te­rung, die die Fan­ta­sie eines Jim-Crow-Umfelds her­vor­ruft63.

3. Drei Ps: Paradox, Parallaxe, Parakonsistenz

Die feti­schis­ti­sche Ver­leug­nung, das »kon­sti­tu­ti­ve Para­do­xon der Demo­kra­tie«, ist die Grund­la­ge eines gan­zen Reper­toires von Manö­vern, die Žižek ein­setzt, um sein pri­mä­res Ziel zu errei­chen: sowohl libe­ral als auch faschis­tisch zu sein und sowohl den Libe­ra­lis­mus als auch den Faschis­mus vor­an­zu­trei­ben, um eine Visi­on der euro­päi­schen sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Gesell­schaft sowohl zu idea­li­sie­ren als auch faschis­tisch zu ver­leum­den. Die­ses rhe­to­ri­sche Reper­toire lässt sich sinn­vol­ler­wei­se als eine kom­ple­xe Kon­stel­la­ti­on von Varia­tio­nen über das The­ma eso­te­ri­scher und exo­te­ri­scher Inhal­te auf­fas­sen, wie sie von Leo Strauss beschrie­ben wur­de, der sicher­lich zu Žižeks Gale­rie rechts­ex­tre­mer reak­tio­nä­rer Inspi­ra­tio­nen gehört64:

Wir kön­nen uns leicht vor­stel­len, dass ein His­to­ri­ker, der in einem tota­li­tä­ren Land lebt … durch sei­ne Unter­su­chun­gen dazu gebracht wird, die Rich­tig­keit der von der Regie­rung geför­der­ten Inter­pre­ta­ti­on der Reli­gi­ons­ge­schich­te anzu­zwei­feln. Nie­mand wür­de ihn dar­an hin­dern, einen lei­den­schaft­li­chen Angriff auf das zu ver­öf­fent­li­chen, was er die libe­ra­le Sicht­wei­se nen­nen wür­de. Er wür­de natür­lich die libe­ra­le Auf­fas­sung dar­le­gen müs­sen, bevor er sie angreift: er wür­de die­se Dar­le­gung in der ruhi­gen, unspek­ta­ku­lä­ren und etwas lang­wei­li­gen Art und Wei­se machen, die nur natür­lich zu sein scheint; er wür­de vie­le Fach­aus­drü­cke ver­wen­den, vie­le Zita­te anfüh­ren und unbe­deu­ten­den Details eine über­mä­ßi­ge Bedeu­tung bei­mes­sen: er wür­de den hei­li­gen Krieg der Mensch­heit in den klein­li­chen Strei­te­rei­en von Pedan­ten ver­meint­lich ver­ges­sen. Erst wenn er den Kern des Argu­ments erreicht hat, schreibt er drei oder vier Sät­ze in jenem knap­pen und leben­di­gen Stil, der die Auf­merk­sam­keit jun­ger, denk­freu­di­ger Män­ner zu fes­seln ver­mag. In die­ser zen­tra­len Pas­sa­ge wür­de er die Argu­men­te der Geg­ner kla­rer, zwin­gen­der und scho­nungs­lo­ser dar­le­gen, als dies jemals in der Blü­te­zeit des Libe­ra­lis­mus gesche­hen war, denn er wür­de alle törich­ten Aus­wüch­se des libe­ra­len Glau­bens, die sich in der Zeit, in der der Libe­ra­lis­mus erfolg­reich war und sich daher dem Dorn­rös­chen­schlaf näher­te, ent­wi­ckeln durf­ten, mit Schwei­gen über­ge­hen. Sein ver­nünf­ti­ger jun­ger Leser wür­de zum ers­ten Mal einen Blick auf die ver­bo­te­ne Frucht erha­schen… Die Ver­fol­gung gibt also Anlass zu einer beson­de­ren Tech­nik des Schrei­bens und damit zu einer beson­de­ren Art von Lite­ra­tur, in der die Wahr­heit über alle ent­schei­den­den Din­ge aus­schließ­lich zwi­schen den Zei­len prä­sen­tiert wird. (»Per­se­cu­ti­on and the Art of Wri­ting«, Leo Strauss)65

Žižek, der sich oft über die erdrü­cken­de Hege­mo­nie der poli­ti­schen Kor­rekt­heit beklagt hat, wen­det die­se Text­tak­tik häu­fig an. Bei­spiels­wei­se, um eine bös­ar­ti­ge pseu­do­wis­sen­schaft­li­che Homo­pho­bie wie­der­zu­be­le­ben, die sowohl in den von ihm ange­spro­che­nen lin­ken als auch in den Main­stream-Berei­chen wirk­lich aus­ge­rot­tet ist – oder war:

Vor eini­gen Jah­ren behaup­te­te eine les­bi­sche Femi­nis­tin an einer ame­ri­ka­ni­schen Hoch­schu­le, dass Schwu­le heu­te die pri­vi­le­gier­ten Opfer sei­en, so dass die Ana­ly­se der Unter­pri­vi­le­gie­rung von Schwu­len den Schlüs­sel zum Ver­ständ­nis aller ande­ren Aus­schlüs­se, Unter­drü­ckun­gen, Gewalt­ta­ten usw. (reli­gi­ös, eth­nisch, klas­sen­be­dingt usw.) lie­fe­re. Pro­ble­ma­tisch an die­ser The­se ist gera­de ihr impli­zi­ter (oder in die­sem Fall sogar expli­zi­ter) UNI­VER­SAL-Anspruch: Sie macht die­je­ni­gen zu exem­pla­ri­schen Opfern, die das NICHT sind, die viel leich­ter als reli­giö­se oder eth­ni­sche Ande­re (ganz zu schwei­gen von den sozi­al – ›klas­sen­mä­ßig‹ – Aus­ge­schlos­se­nen) voll in den öffent­li­chen Raum inte­griert wer­den kön­nen und vol­le Rech­te genie­ßen. Hier soll­te man die Zwei­deu­tig­keit der Ver­bin­dung zwi­schen Schwu­len- und Klas­sen­kampf anspre­chen. Es gibt eine lan­ge Tra­di­ti­on des lin­ken Schwu­len-Bashings, deren Spu­ren bis zu Ador­no zu erken­nen sind – es genügt, Maxim Gor­kis berüch­tig­te Bemer­kung aus sei­nem Essay ›Pro­le­ta­ri­scher Huma­nis­mus‹ (sic! – 1934) zu erwäh­nen: ›Ver­nich­tet (sic!) die Homo­se­xu­el­len, und der Faschis­mus wird ver­schwin­den‹ (zitiert nach Sieg­fried Tor­now, ›Männ­li­che Homo­se­xua­li­tät und Poli­tik in Sowjet-Russ­land‹, in: Homo­se­xua­li­tät und Wis­sen­schaft II, Ber­lin: Ver­lag Rosa Win­kel 1992, S. 281). All dies kann nicht auf ein oppor­tu­nis­ti­sches Koket­tie­ren mit der tra­di­tio­nel­len patri­ar­cha­li­schen Sexu­al­mo­ral der Arbei­ter­klas­se oder mit der sta­li­nis­ti­schen Reak­ti­on gegen die befrei­en­den Aspek­te der ers­ten Jah­re nach der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on redu­ziert wer­den; man soll­te sich dar­an erin­nern, dass die oben zitier­te auf­rüt­teln­de Äuße­rung Gor­kis eben­so wie Ador­nos Vor­be­hal­te gegen­über der Homo­se­xua­li­tät (sei­ne Über­zeu­gung von der libi­di­nö­sen Ver­bin­dung zwi­schen Homo­se­xua­li­tät und dem Geist der mili­tä­ri­schen Män­ner­bün­de) alle auf der­sel­ben his­to­ri­schen Erfah­rung beru­hen: Die der SA, der ›revo­lu­tio­nä­ren‹ para­mi­li­tä­ri­schen Nazi-Orga­ni­sa­ti­on von stra­ßen­kämp­fen­den Schlä­gern, in der Homo­se­xua­li­tät bis zum Abwin­ken vor­kam (Roehm). Hier ist zunächst fest­zu­hal­ten, dass es bereits Hit­ler selbst war, der die SA säu­ber­te, um das NS-Regime durch Rei­ni­gung von sei­nen obs­zö­nen Gewalt­ex­zes­sen salon­fä­hig zu machen, und dass er die Abschlach­tung der SA-Füh­rung gera­de mit deren ’sexu­el­ler Ver­derbt­heit‹ recht­fer­tig­te … Um als Stüt­ze einer ›tota­li­tä­ren‹ Gemein­schaft zu funk­tio­nie­ren, muss Homo­se­xua­li­tät ein öffent­lich geleug­ne­tes ’schmut­zi­ges Geheim­nis‹ blei­ben, das von denen geteilt wird, die ›in‹ sind. Heißt das, wenn Schwu­le ver­folgt wer­den, ver­die­nen sie nur eine qua­li­fi­zier­te Unter­stüt­zung, eine Art ›Ja, wir wis­sen, dass wir euch unter­stüt­zen soll­ten, aber trotz­dem … (ihr seid mit­ver­ant­wort­lich für die Nazi-Gewalt)‹? Man soll­te nur dar­auf bestehen, dass die poli­ti­sche Über­de­ter­mi­nie­rung der Homo­se­xua­li­tät alles ande­re als ein­fach ist, dass die homo­se­xu­el­le libi­di­nö­se Öko­no­mie von ver­schie­de­nen poli­ti­schen Ori­en­tie­run­gen ver­ein­nahmt wer­den kann, und dass man HIER den ›essen­tia­lis­ti­schen‹ Feh­ler ver­mei­den soll­te, die rech­te ›mili­ta­ris­ti­sche‹ Homo­se­xua­li­tät als sekun­dä­re Ver­zer­rung der ›authen­ti­schen‹ sub­ver­si­ven Homo­se­xua­li­tät abzu­tun. (Žižek, »Repea­ting Lenin«)

(Natür­lich erfüllt dies die übli­che dop­pel­te, drei­fa­che und vier­fa­che Auf­ga­be, indem es eine kari­kier­te »les­bi­sche Femi­nis­tin« mit Ver­ach­tung über­gießt und gleich­zei­tig vor revo­lu­tio­nä­ren Mar­xis­ten als erschre­ckend homo­phob und auto­ri­tär warnt. z. B. Wil­helm Reich, Giles Deleu­ze und Felix Guatta­ri, Bar­ba­ra Bur­ris, Maria Mies, Ger­da Ler­ner, Sil­via Fede­ri­ci, Bell Hooks, Klaus The­we­leits Män­ner­phan­ta­sien, die die impe­ria­len faschis­ti­schen Kul­tu­ren als Aus­druck der Extre­me der herr­schen­den hete­ro­se­xu­el­len patri­ar­cha­len Bezie­hun­gen unter­su­chen). Umgangs­sprach­lich aus­ge­drückt, »pfeift« Žižek den Teil sei­nes Publi­kums zurück, der – oft in tie­fer Ver­klei­dung – Faschist und Ras­sist ist oder mit deren Welt­an­schau­ung sym­pa­thi­siert. Die Art und Wei­se, wie er dies tut – er spricht zu die­sem reak­tio­nä­ren Publi­kum auf eine Art und Wei­se, die mit plau­si­bler Bestreit­bar­keit und Ali­bis aus­ge­stat­tet ist – und das laby­rin­thi­sche Gebäu­de von Flucht­we­gen aus der Ver­ant­wor­tung für die Äuße­rung des Inhalts sei­ner Arbeit, ist äußerst raffiniert.

Wäh­rend der Mecha­nis­mus der feti­schis­ti­schen Ver­leug­nung – die pri­mä­re Ite­ra­ti­on die­ser Mehr­deu­tig­keit – von Žižek in der Welt sowohl dia­gnos­ti­ziert als auch pro­vo­ziert wird, bleibt er, wenn er kon­kret benannt wird, eine Mar­kie­rung der Distanz, eine leicht ver­ur­tei­len­de Iden­ti­fi­zie­rung eines Feh­lers oder zumin­dest von etwas, das mög­li­cher­wei­se geän­dert wer­den könn­te. Wie laut­stark Žižek auch dar­auf behar­ren mag, dass jeder Mensch neu­ro­tisch ist, und an der Beschrei­bung ist nichts Mora­li­sie­ren­des, die »feti­schis­ti­sche Ver­leug­nung« in einer poli­ti­schen Posi­ti­on zu ent­de­cken, bedeu­tet unwei­ger­lich, sie zu patho­lo­gi­sie­ren. So sehr er auch auf der Unaus­weich­lich­keit die­ser »Struk­tur der Phan­ta­sie« behar­ren mag, so sehr impli­ziert die blo­ße Benen­nung der­sel­ben einen Aus­weg. Doch im Lau­fe sei­ner Tex­te ent­wi­ckelt Žižek wei­te­re ähn­li­che Mecha­nis­men, die die­sem Zweck die­nen, sein dop­pel­tes Spiel von Libe­ra­lis­mus und Faschis­mus, bei­de unter der Mas­ke des »Kom­mu­nis­mus«, zu ermög­li­chen. Dabei ver­la­gert er die Inko­hä­renz oder den Wider­spruch, den die »feti­schis­ti­sche Ver­leug­nung« in der indi­vi­du­el­len Psy­che loka­li­siert, nach und nach von der Psy­che auf die his­to­ri­sche mate­ri­el­le Rea­li­tät, wodurch die Dis­so­nanz jeweils unheil­ba­rer und enger mit der Wahr­heit selbst iden­ti­fi­ziert wird.

Am aus­ge­klü­gelts­ten und kom­ple­xes­ten sind die­se rhe­to­ri­schen Pro­zes­se oft in Žižeks Ver­such, die wei­ße Vor­herr­schaft und die Mytho­lo­gie, die der kolo­nia­len Zivi­li­sa­ti­ons­mis­si­on zugrun­de liegt (die Säu­le der Ent­schul­di­gung für das US-Impe­ri­um), als Wahr­heit zu eta­blie­ren und dabei die offen­sicht­li­che Irra­tio­na­li­tät zu nut­zen, um den Leser in Barthes’scher Manier zu imp­fen (sie­he wie­der­um »Ope­ra­ti­on Mar­ga­ri­ne»66). Beob­ach­ten Sie, wie Žižek in die­sem Aus­schnitt mit die­ser trick­rei­chen Sophis­tik meh­re­re rhe­to­ri­sche Zie­le erreicht, die mit einer ratio­na­len Argu­men­ta­ti­on unmög­lich zu errei­chen wären:

Selbst wenn sich alle Berich­te über Gewalt und Ver­ge­wal­ti­gun­gen als wahr erwie­sen hät­ten, wären die dar­über ver­brei­te­ten Geschich­ten immer noch ›patho­lo­gisch‹ und ras­sis­tisch, denn die Moti­va­ti­on für die­se Geschich­ten sind nicht Fak­ten, son­dern ras­sis­ti­sche Vor­ur­tei­le, die Befrie­di­gung der­je­ni­gen, die sagen kön­nen: ›Siehst du, die Schwar­zen sind wirk­lich so, gewalt­tä­ti­ge Bar­ba­ren unter der dün­nen Schicht der Zivi­li­sa­ti­on!‹ Mit ande­ren Wor­ten, wir hät­ten es mit etwas zu tun, das man als Lüge im Gewand der Wahr­heit bezeich­nen könn­te: Selbst wenn das, was ich sage, fak­tisch wahr ist, sind die Moti­ve, die mich dazu brin­gen, es zu sagen, falsch.

Natür­lich geben wir die­se Moti­ve nie offen zu. Aber von Zeit zu Zeit tau­chen sie den­noch in unse­rem öffent­li­chen Raum auf, in zen­sier­ter Form, im Gewand der Ver­leug­nung: Sobald sie als Opti­on genannt wer­den, wer­den sie sofort wie­der ver­wor­fen. Erin­nern wir uns an die jüngs­ten Äuße­run­gen von Wil­liam Ben­nett, dem zwang­haf­ten Spie­ler und Autor des Buches der Tugen­den, in sei­ner Anrufsen­dung Morning in Ame­ri­ca: ›Aber ich weiß, dass es wahr ist, dass man, wenn man die Kri­mi­na­li­tät redu­zie­ren woll­te, jedes schwar­ze Baby in die­sem Land abtrei­ben könn­te, und die Kri­mi­na­li­täts­ra­te wür­de sin­ken. Das wäre eine unglaub­lich lächer­li­che und mora­lisch ver­werf­li­che Sache, aber die Kri­mi­na­li­täts­ra­te wür­de sin­ken.‹ Der Spre­cher des Wei­ßen Hau­ses reagier­te sofort: ›Der Prä­si­dent ist der Mei­nung, dass die Kom­men­ta­re nicht ange­mes­sen waren.‹ Zwei Tage spä­ter rela­ti­vier­te Ben­nett sei­ne Aus­sa­ge: ›Ich habe einen hypo­the­ti­schen Vor­schlag gemacht … und dann dar­über gesagt, dass es mora­lisch ver­werf­lich sei, die Abtrei­bung einer gan­zen Grup­pe von Men­schen zu emp­feh­len. Aber das ist es, was pas­siert, wenn man argu­men­tiert, dass der Zweck die Mit­tel hei­li­gen kann.‹ Das ist genau das, was Freud mein­te, als er schrieb, dass das Unbe­wuss­te kei­ne Ver­nei­nung kennt: Der offi­zi­el­le (christ­li­che, demo­kra­ti­sche … ) Dis­kurs wird von einem gan­zen Nest obs­zö­ner, bru­ta­ler ras­sis­ti­scher und sexis­ti­scher Phan­ta­sien beglei­tet und auf­recht­erhal­ten, die nur in zen­sier­ter Form zuge­las­sen wer­den kön­nen.67

A) Er hat fest­ge­stellt, oder bes­ser gesagt, den Leser dazu gebracht, zu akzep­tie­ren, dass die spe­zi­fi­sche Tat­sa­che, die Wil­liam Ben­nett in Bezug auf die Aus­wir­kun­gen der »Abtrei­bung jedes schwar­zen Babys« in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten behaup­tet, wahr ist, um ein­fach die Unan­nehm­lich­kei­ten eines unsin­ni­gen Absat­zes zu lin­dern. Damit in dem Text über­haupt eine Semio­se ent­ste­hen kann, muss es sich um eine Tat­sa­chen­be­haup­tung handeln.

B) Er hat die pejo­ra­ti­ve Kon­no­ta­ti­on von »Ras­sis­mus« unter­gra­ben – er hat in der Tat die Vor­stel­lung von Ras­sis­mus im Den­ken als eine spe­zi­fi­sche Art von Unwahr­heit demon­tiert – und den Begriff der ras­sis­ti­schen Wahr­hei­ten als ver­ständ­lich eingeführt.

C) Auf sub­ti­le­re Wei­se hat er, wie Jago, Zwei­fel an den his­to­ri­schen Tat­sa­chen der Gescheh­nis­se in New Orleans nach dem Hur­ri­kan Kat­ri­na geäu­ßert (und wird dies in einem sei­ner Bücher fort­set­zen), indem er andeu­te­te, dass die Gesta­po der poli­ti­schen Kor­rekt­heit ihn zwingt, so zu tun, als ob die Gerüch­te falsch wären, und ihn zwingt, die Wahr­heit nur heim­lich anzudeuten.

D) Er hat eine Art faschis­ti­schen Irra­tio­na­lis­mus in Bezug auf das Ver­hält­nis von Wis­sen und Wahr­neh­mung zu emo­tio­na­len und mora­li­schen Über­zeu­gun­gen entwickelt.

E) Er hat bei­läu­fig fest­ge­stellt, dass es rich­tig ist, die Fol­gen von Kat­ri­na als eine Geschich­te der Gewalt dar­zu­stel­len, die von den (über­wie­gend schwar­zen) Opfern der eth­ni­schen Säu­be­rung, des von der herr­schen­den Klas­se und dem Bush-Regime befoh­le­nen wei­ßen Ter­rors der Söld­ner, des Mili­tärs und der Selbst­jus­tiz began­gen wur­de, wäh­rend die wirk­li­che Gewalt (des Staa­tes, der herr­schen­den Klas­se und des wei­ßen Klein­bür­ger­tums) voll­kom­men aus­ge­löscht wird.

F) Er hat sich eine Kri­tik zu eigen gemacht, die im libe­ra­len pro­gres­si­ven anti­ras­sis­ti­schen Dis­kurs mehr oder weni­ger als gesun­der Men­schen­ver­stand eta­bliert ist und die Art und Wei­se bean­stan­det, in der die Taten von Indi­vi­du­en von der bür­ger­li­chen Kul­tur­pro­duk­ti­on benutzt wer­den, um irre­füh­ren­de Ste­reo­ty­pen und fal­sche, dif­fa­mie­ren­de Eth­no­gra­phien aufzubauen.

Vor allem aber hat er all dies in der osten­ta­ti­ven Pose getan, etwas mehr radi­kal Anti­ras­sis­ti­sches zu sagen, das über den libe­ra­len Kon­sens hin­aus­geht. Sei­ne For­mu­lie­run­gen schützt er vor Kri­tik, indem er jedem Kri­ti­ker von vorn­her­ein eine Posi­ti­on zuweist, die mut­maß­lich den Anti­ras­sis­mus angreift. Er treibt dies noch wei­ter auf die Spit­ze, wenn er erklärt, dass der »wei­ße Ras­sis­mus« eine »per­for­ma­ti­ve Effi­zi­enz»68 hat und sei­ne Prot­ago­nis­ten daher nicht nur »Wei­ße« als über­le­gen im »Sein« ver­ken­nen, son­dern uns/​ihn buch­stäb­lich dazu machen; Daher sind Wei­ße in der Tat über­le­gen, und zwar durch unsere/​ihre eige­ne Schuld/​ihren eige­nen Ver­dienst, und die wah­ren Ras­sis­ten sind die­je­ni­gen, die leug­nen, dass »Schwar­ze« in der Tat »min­der­wer­tig« sind, weil sie das wah­re Aus­maß des Scha­dens leug­nen, den der wei­ße Ras­sis­mus mit sei­ner ger­ma­ni­schen geis­ti­gen Macht über die Rea­li­tät den »Schwar­zen« zufügt.

Der­ar­ti­ge Abbot und Cos­tel­lo, aber ver­derb­li­che »Para­do­xien«, wer­den schließ­lich zu Par­al­lax View69 und schließ­lich (im »magnum opus« Less Than Not­hing, mit sei­ner geprie­se­nen »neu­en Les­art von Hegel«,). »Para­kon­sis­ten­te Logik«, Žižeks eigen­tüm­li­che Adap­ti­on eines Kon­zepts aus der ana­ly­ti­schen Phi­lo­so­phie70, voll­endet die Natu­ra­li­sie­rung der »feti­schis­ti­schen Ver­leug­nung« als die Mehr­deu­tig­keit der Wahr­heit selbst als einer kos­mi­schen Bedin­gung, in die man sich nur ein­fü­gen kann. In die­sem Tau­send-Sei­ten-Wäl­zer -, der wie­der ein­mal nur aus Abschwei­fun­gen von einem Haupt­fall besteht, der ver­spro­chen wird und wie die Arle­si­en­ne nie ein­trifft – behaup­tet Žižek, in Hegel eine para­kon­sis­ten­te Logik zu ent­de­cken, die der Wirk­lich­keit an sich ein­fach sophis­ti­sche, wit­zig-pun­ki­ge und pilz­ar­ti­ge Wider­sprü­che zuweist. Alles ist immer sein Gegen­teil. Bei Kopf gewin­ne ich, bei Zahl ver­lierst du. Das Uni­ver­sum ist wie ein Witz über einen Kerl auf­ge­baut, der Brie­fe in lee­ren Schub­kar­ren stiehlt und alle jagen Ele­fan­ten in den Pyja­mas der ande­ren. Phi­lo­so­phisch oder exege­tisch ist das nicht sehr über­zeu­gend, aber aus der Sicht der Pro­pa­gan­da­wis­sen­schaft ist es durch­aus bewun­derns­wert. In der für ihn typi­schen, zugleich kit­schi­gen und prä­ten­tiö­sen Spra­che macht Žižek die gül­ti­ge Ent­de­ckung, dass Kohä­renz und Ratio­na­li­tät dem Pro­pa­gan­dis­ten nichts nüt­zen. Des­sen Auf­ga­be ist es, zu ver­füh­ren, zu ver­wir­ren, abzu­len­ken, zu kit­zeln und zu befrie­di­gen, nicht zu über­zeu­gen, und eine Land­schaft von Mythen und Fan­ta­sie­mo­ti­ven zu kul­ti­vie­ren, nicht einen Weg durch die Rea­li­tät zu einem syn­the­ti­schen Ver­ständ­nis zu ebnen. Am wir­kungs­volls­ten ist es immer, das, was bereits begehrt wird, viel­leicht auf ver­bo­te­ne Wei­se, mit dem zu bela­den, was man ver­kauft, und die eige­nen Bewe­gun­gen auf immer ver­wor­re­ne­re Wei­se zu ver­schlei­ern, die oft dar­in besteht, sich im Ver­bor­ge­nen zu hal­ten. (Viel Spaß!)

4. Ein viertes P – oder eigentlich das erste – Die Protokolle der Weisen von Zion

In den Jah­ren 1988/89 ver­öf­fent­lich­te die Stu­den­ten­zei­tung Tri­bu­na aus Ljub­l­ja­na, vom Kom­mu­nis­ti­schen Jugend­ver­band Slo­we­ni­ens finan­ziert und betrie­ben, die ers­te bekann­te slo­we­nisch­spra­chi­ge Aus­ga­be der Pro­to­kol­le der Wei­sen von Zion71. Žižek und sei­ne Kol­le­gen waren zu die­ser Zeit dabei, den Ver­band in die Libe­ral­de­mo­kra­ti­sche Par­tei umzu­wan­deln, deren Chef­ideo­lo­ge Žižek von Anfang an war und deren ers­ter Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat er am Vor­abend der Sezes­si­on wer­den soll­te. (In sei­ner Kam­pa­gne ver­wen­de­te er die The­men der Pro­to­kol­le72). Als die Pro­to­kol­le von der Stu­den­ten­zei­tung der Par­tei ver­öf­fent­licht wur­den, hat­te sich Žižek bereits einen Namen als Theo­re­ti­ker der anti­se­mi­ti­schen Ideo­lo­gie gemacht, die er als »Ideo­lo­gie« par excel­lence behan­del­te; sein 1983 in der Lacan­schen Zeit­schrift Pro­ble­mi aus Ljub­l­ja­na erschie­ne­ner Auf­satz »O Slo­ven­cih in anti­se­mi­tiz­mu« wur­de zu sei­nem ers­ten eng­lisch­spra­chi­gen Buch The Sub­li­me Object of Ideo­lo­gy (das sub­li­me Objekt des Titels ist »der Jude«) erwei­tert, das 1989 erschien. The Sub­li­me Object of Ideo­lo­gy erschien zeit­gleich mit der von der Stu­den­ten­zei­tung her­aus­ge­ge­be­nen Aus­ga­be der Pro­to­kol­le und hat­te vie­le Gemein­sam­kei­ten mit Golo­vinskis berühm­ter Fäl­schung. Žižeks spä­te­res Werk ist voll von Ver­wei­sen auf »die Juden«, Hit­ler und den Anti­se­mi­tis­mus, die das Nest der Topoi bil­den, zu dem alle sei­ne Exkur­se schließ­lich zurück­zu­keh­ren schei­nen. Sein ers­ter Arti­kel für die anglo­pho­ne lin­ke Pres­se, in der New Left Review, begann mit einem anti­kom­mu­nis­ti­schen Juden­witz (der übri­gens selbst ein Bei­spiel für die Mecha­nis­men des Bauch­re­dens ist, die Žižek für sei­ne komi­sche Mehr­deu­tig­keit ver­wen­det), der durch eine noch so leich­te Umhül­lung distan­zie­ren­den Selbst­be­wusst­seins akzep­ta­bel gemacht und zur Belus­ti­gung des Lesers reflex­ar­tig auf Herz und Nie­ren geprüft wird.

Es ist bemer­kens­wert, wie vie­le der Weis­hei­ten, Stra­te­gien und Pro­pa­gan­da­tak­ti­ken, die Žižek erneu­ert, wei­ter­ent­wi­ckelt und ein­setzt, zusam­men mit vie­len Moti­ven und Figu­ren sei­ner poli­ti­schen Welt­an­schau­ung in den Pro­to­kol­len der Wei­sen von Zion zu fin­den sind. Die Pro­to­kol­le sind als Reak­ti­on auf die­sel­ben his­to­ri­schen Ereig­nis­se ent­stan­den, die Marx‹ unschätz­bar ein­fluss­rei­chen Essay »Der acht­zehn­te Bru­mai­re des Lou­is Bona­par­te« inspi­riert haben. Sie die­nen, wie bereits erwähnt, seit lan­gem als untaug­li­cher Ersatz für des­sen Ana­ly­se. Indem er sich immer wie­der als »Mar­xist« vor­stellt, nur um eine Ver­si­on des abge­dro­sche­nen »Sozia­lis­mus der Dumm­köp­fe« zu pro­pa­gie­ren, setzt Žižek ein altes Spiel der Ein­mi­schung und Usur­pa­ti­on fort.

Die »Kri­tik des Libe­ra­lis­mus«, die Carl Schmitt vom Stam­mes­äl­tes­ten der Pro­to­kol­le auf­ge­schnappt, die Res­te von Sati­re und Fak­si­mi­le davon abge­staubt und als »Poli­ti­sche Theo­lo­gie« neu auf­ge­legt hat, mit ihrem Freund-Feind-Dreh­punkt (Jude/​Goi) und ihren ober­fläch­li­chen sub­he­ge­lia­ni­schen Umkeh­run­gen, macht offen­sicht­lich den Groß­teil der poli­ti­schen »Ana­ly­sen« von Žižek aus. Die Hal­tung ist aus dem Natio­nal­so­zia­lis­mus und dem Faschis­mus bekannt: Die Bour­geoi­sie selbst (typi­scher­wei­se wird ihre unzu­frie­de­ne Jugend ange­spro­chen) wird beschwo­ren, sich gegen die bür­ger­li­che libe­ra­le Demo­kra­tie zu wen­den; es wird eine Kri­tik der Hohl­heit, Unau­then­ti­zi­tät und Zer­brech­lich­keit der libe­ra­len Demo­kra­tie lan­ciert, die Anlei­hen bei Marx und dem sozia­lis­ti­schen und anar­chis­ti­schen Den­ken im All­ge­mei­nen macht. Deren Ziel ist jedoch die Bewah­rung der Eigentums‑, Ras­sen- und Herr­schafts­ord­nung. Ihr Lamen­to lau­tet: »Das Para­do­xe ist, dass der Libe­ra­lis­mus selbst nicht stark genug ist»73, um die (eige­ne und über­le­ge­ne) euro­päi­sche oder ari­sche Zivi­li­sa­ti­on zu ret­ten (vor dem gott­lo­sen Kom­mu­nis­mus im Osten, vor den Bar­ba­ren der Peri­phe­rie, vor dem Isla­mo­fa­schis­mus, vor dem auf­stän­di­schen Pro­le­ta­ri­at, vor der eige­nen Deka­denz). Der Libe­ra­lis­mus wird als die tugend­haf­te Essenz der euro­päi­schen und sei­ner Zivi­li­sa­ti­on aner­kannt, aber er birgt auch die Gefahr der Ent­ar­tung und Ver­weich­li­chung und muss daher geop­fert wer­den, um einen pri­mi­ti­ve­ren und viri­le­ren Feind abzu­weh­ren. Der Libe­ra­lis­mus, das wah­re Wesen der Euro­pä­er, muss so lan­ge auf­ge­scho­ben wer­den, bis die­se Rasse/​jener Stamm/​dieses Volk die frem­den Ein­dring­lin­ge aus­ge­rot­tet (oder ander­wei­tig eli­mi­niert) und (oft mit einer Anspie­lung auf Pla­ton) pro­duk­tiv, wohl­wol­lend oder (wie Nietz­sche riet) mit gedan­ken­lo­sem, schuld­lo­sem, lebens­fro­hem Über­schwang die nütz­li­chen dunk­len Bes­ti­en ver­sklavt hat74.

Die Beschrei­bung der Übel der Moder­ne, die von die­ser Pro­pa­gan­da instru­men­ta­li­siert wird, war von Anfang an eine weit­ge­hend per­ver­tier­te Nach­ah­mung der Art von Kri­tik, die Marx her­vor­ge­bracht hat und ist es auch heu­te noch. Wo Marx bei­spiels­wei­se zwei Arten von Bestim­mun­gen (eine his­to­ri­sche Bestim­mung und eine Klas­sen­be­stim­mung) an sol­chen »super­struk­tu­rel­len« Ele­men­ten des gesell­schaft­li­chen Lebens wie z.B. »Gerech­tig­keit« iden­ti­fi­ziert hat, bie­ten die pseudo­his­to­ri­schen Pseu­do­kri­ti­ken der Pro­to­kol­le, Schmitts und Žižeks statt­des­sen eine jux-pla­to­ni­sche, pries­ter­li­che Offen­ba­rung, dass die demo­kra­ti­sche bür­ger­li­che Vor­stel­lung von Gerech­tig­keit nur ein sata­ni­scher Trick sei, der den Men­schen von ihren fins­te­ren (jüdi­schen, auf die eine oder ande­re Wei­se) Ober­her­ren ein­ge­brockt wur­de. Die­se Welt­sicht beschrieb Gram­sci als »den Glau­ben, dass alles, was exis­tiert, eine ›Fal­le‹ ist, die von den Star­ken für die Schwa­chen, von den Geris­se­nen für die Armen im Geis­te gestellt wird. « (aus Gefäng­nis­heft 1475) Die Pseu­do­kri­tik, die sich zu einem nietz­schea­ni­schen Solip­sis­mus, einem mys­ti­schen hei­deg­ger­schen Lamen­to über die ver­lo­re­ne Authen­ti­zi­tät und aller­lei damit zusam­men­hän­gen­dem aber­gläu­bi­schen Unsinn ent­wi­ckelt, sug­ge­riert natür­lich eine ganz ande­re Form des Wider­stands und der Oppo­si­ti­on als die mar­xis­ti­sche Kri­tik. Bei Žižek wie bei den Pro­to­kol­len und Schmitt ist die vor­ge­schla­ge­ne Ant­wort auf die ent­larv­te, gefälsch­te demo­kra­ti­sche Ord­nung faschis­ti­sche Gewalt. Die Par­tei­en, die Žižek zu die­ser Gewalt auf­ruft, sind das Klein­bür­ger­tum, sei­ne Leser, in einer Gei­ße­lung der Deka­denz, die in fil­mi­schen Comic-Visio­nen von bur­les­ken Jako­bi­nern an der Macht dar­ge­stellt wird, den wild­äu­gi­gen Gesand­ten einer Tra­di­ti­on, die von Johan­nes von Ley­den und Savo­na­ro­la geerbt und ähn­lich kari­kiert wur­de. Die­ser jako­bi­ni­sche Geist, auf den sich Žižek immer wie­der beruft, dient als eine Art Ver­mitt­ler­sym­bol in einer sophis­ti­schen Argu­men­ta­ti­on, deren Zweck es ist, die zeit­ge­nös­si­schen Prot­ago­nis­ten der herr­schen­den Klas­se, die für impe­ria­le Aggres­si­on und Faschis­mus ste­hen, als Erben einer glor­rei­chen Ver­gan­gen­heit zu fei­ern. Deren jüngs­te und aktu­el­len Ver­kör­pe­run­gen sind Nixon, That­cher, Oba­ma und jetzt Donald Trump.

Žižek wird oft gegen mar­xis­ti­sche Ein­wän­de mit der Behaup­tung ver­tei­digt, er tue das, was er tue, »um Libe­ra­le zu ver­är­gern«. Dies wird dann oft als Ent­schul­di­gung für sei­ne faschis­ti­schen Reden vor­ge­bracht, die sowohl die Fri­vo­li­tät aner­kennt (denn er emp­fiehlt Ter­ror oder die Belei­di­gung von Min­der­hei­ten, nur um Libe­ra­le zu ver­är­gern, Mar­xis­ten soll­ten die Emp­feh­lung igno­rie­ren und applau­die­ren, wenn sie die Libe­ra­len ver­är­gern) und sie leug­net (indem sie der klein­bür­ger­li­chen Fan­ta­sie frönt, dass das Ver­är­gern der libe­ra­len Eltern von Žižeks Stu­den­ten­fans ein revo­lu­tio­nä­rer Akt ist, der den faschis­ti­schen Ter­ror recht­fer­tigt und auf­wer­tet). Ein bri­ti­scher Komi­ker hat­te eine bis­si­ge Rou­ti­ne, in der er sich selbst dar­stell­te, wie er einen auf dem Bür­ger­steig schla­fen­den Land­strei­cher tritt und bei jedem Schlag behaup­tet: »Nehmt das Amnes­ty Inter­na­tio­nal«, wobei er grun­zend erklärt, wie sehr die­ses befrei­en­de und muti­ge Ver­hal­ten die obe­re Mit­tel­klas­se ärgern würde …

Neben die­ser kin­di­schen, idea­lis­ti­schen Pseu­do­ana­ly­se fin­det sich ein Groß­teil der fan­tas­ti­schen Welt­sicht aus den Pro­to­kol­len auch in Žižeks Werk wie­der. Am offen­sicht­lichs­ten ist Žižeks Anti­se­mi­tis­mus (nicht die blo­ße Abnei­gung gegen das jüdi­sche Volk, son­dern die Akzep­tanz der gesam­ten Pseu­do­ge­schich­te), der im »Wes­ten« oft bemerkt wur­de. Wenn­gleich er, wenn über­haupt, nur sehr dünn ver­schlei­ert ist, ist er doch Anlass zu erheb­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen gewor­den.76 Vie­le von Žižeks Ver­tei­di­gern und Kri­ti­kern haben, wenn sie sei­nen Anti­se­mi­tis­mus nicht rund­weg leug­nen, ihn als per­sön­li­chen Kava­liers­de­likt abge­tan, das für das, was man groß­zü­gig sei­ne »poli­ti­sche Theo­rie« und »Phi­lo­so­phie« nennt, irrele­vant sei. Gleich­zei­tig fügen ande­re Kri­ti­ker, die den for­mel­haf­ten »phi­lo­so­phi­schen« pau­li­ni­schen Anti­se­mi­tis­mus aner­ken­nen, den Žižek mit Badiou teilt (bei­de haben Bücher geschrie­ben, in denen der hei­li­ge Pau­lus als eine wei­te­re Action-Figur von Lenin als Erlö­ser geprie­sen wird), mit Nach­druck hin­zu, dass dies nicht bedeu­te, dass Žižek eine zwi­schen­mensch­li­che Juden­feind­lich­keit betrei­be. (Žižek selbst rühmt sich immer wie­der der All­ge­gen­wär­tig­keit die­ser Wider­sprü­che in sei­ner Rezep­ti­on.) Im Gegen­satz dazu hat Clau­dia Bre­ger bereits 1999 in ihrem Auf­satz bei Diacri­tics »The Leader’s Two Bodies« (ohne die Vor­läu­fer in den Klas­si­kern des poli­ti­schen Anti­se­mi­tis­mus zu erken­nen) die Inte­gra­ti­on die­ser Merk­ma­le von Žižeks Pro­dukt wahr­ge­nom­men: »Das anti­de­mo­kra­ti­sche – und, wie ich argu­men­tie­ren wer­de, sowohl anti­fe­mi­nis­ti­sche als auch anti­se­mi­ti­sche – Moment von Žižeks Theo­rie ist nicht nur in der Art und Wei­se zu suchen, wie er den Mar­xis­mus aus­führt, son­dern auch in der Art und Wei­se, wie er die Lacan­sche Psy­cho­ana­ly­se ausführt.«

Bre­ger beobachtete:

Wenn Žižek den ras­sis­ti­schen Anti­se­mi­tis­mus der Nazis als einen ›ver­zwei­fel­ten‹ Ver­such beschreibt, ›[die­sen Über­rest des Rea­len] zu erfas­sen, zu mes­sen, in eine posi­ti­ve Eigen­schaft zu ver­wan­deln, die es uns ermög­licht, Juden auf objek­tiv-wis­sen­schaft­li­che Wei­se zu iden­ti­fi­zie­ren‹, stellt er nicht die Ope­ra­ti­on der Fremd­be­stim­mung ›des Juden‹ als sol­che in Fra­ge. Viel­mehr bin­det Žižeks Ideo­lo­gie­vor­stel­lung ›den Juden‹ an die Posi­ti­on die­ses zuge­schrie­be­nen Anders­seins, indem er Ste­reo­ty­pen und ras­sis­ti­sche Wit­ze end­los wie­der­holt […] Er schlägt vor: ›Neh­men wir zum Bei­spiel an, dass ein objek­ti­ver Blick bestä­ti­gen wür­de – war­um nicht? -, dass Juden den Rest der Bevöl­ke­rung tat­säch­lich finan­zi­ell aus­beu­ten, dass sie manch­mal unse­re jun­gen Töch­ter ver­füh­ren, dass eini­ge von ihnen sich nicht regel­mä­ßig waschen.‹ Doch muss man, um die­se psy­cho­ana­ly­ti­sche Behaup­tung auf­stel­len zu kön­nen, die mög­li­che Wahr­heit des Ste­reo­typs rhe­to­risch vor­schla­gen? Žižeks Dar­stel­lung des Anti­se­mi­tis­mus deu­tet dar­auf hin, dass er weni­ger dar­an inter­es­siert ist, sei­ne dis­kur­si­ve Kon­sti­tu­ti­on zu ana­ly­sie­ren – und mög­li­cher­wei­se zu dekon­stru­ie­ren – als viel­mehr sei­nen not­wen­di­gen Platz in der sym­bo­li­schen Ord­nung zu bewei­sen und zu bekräf­ti­gen.77

Žižek bemerkt häu­fig, wie »iro­nisch« es ist, dass Juden, die er kennt oder von denen er gehört hat, die Pro­to­kol­le als Eth­no­gra­phie ver­kör­pern und bestätigen:

Dies ist die tiefs­te Iro­nie, die [Jean-Clau­de] Mil­ner ent­geht: Er bemerkt nicht die radi­ka­le Zwei­deu­tig­keit sei­ner The­se von der jüdi­schen Aus­nah­me, die sich der moder­nen Uni­ver­sa­li­tät wider­setzt. Wenn Mil­ner die Juden als auf dem Vier­fa­chen der fami­liä­ren Tra­di­ti­on exis­tie­rend, gegen die Auf­lö­sung die­ser Tra­di­ti­on im Nicht-Alles der Moder­ne pos­tu­liert, wie­der­holt er damit das gän­gi­ge anti­se­mi­ti­sche Kli­schee, wonach die Juden selbst immer in den ers­ten Rei­hen des Kamp­fes um uni­ver­sel­le Ver­mi­schung, Mul­ti-Kul­ti, ras­si­sche Ver­wir­rung, Ver­flüs­si­gung aller Iden­ti­tä­ten, noma­di­sche, plu­ra­le, wech­seln­de Sub­jek­ti­vi­tät [mei­ne Her­vor­he­bung78] ste­hen – mit Aus­nah­me ihrer eige­nen eth­ni­schen Iden­ti­tät. Der lei­den­schaft­li­che Appell der jüdi­schen Intel­lek­tu­el­len an uni­ver­sa­lis­ti­sche Ideo­lo­gien ist an das impli­zi­te Ver­ständ­nis gebun­den, dass der jüdi­sche Par­ti­ku­la­ris­mus aus­ge­nom­men ist, als ob die jüdi­sche Iden­ti­tät nicht über­le­ben kann, wenn Juden Sei­te an Sei­te mit ande­ren Men­schen leben, die eben­falls auf ihrer eth­ni­schen Iden­ti­tät bestehen – als ob in einer Art Par­al­la­xen­ver­schie­bung die Kon­tu­ren ihrer Iden­ti­tät nur deut­lich wer­den kön­nen, wenn die Iden­ti­tät der ande­ren ver­schwimmt. Das Bünd­nis zwi­schen den USA und dem Staat Isra­el ist somit eine selt­sa­me Koha­bi­ta­ti­on zwei­er gegen­sätz­li­cher Prin­zi­pi­en: Wenn Isra­el qua eth­ni­schem Staat par excel­lence für das Vier­fa­che (Tra­di­ti­on) steht, ste­hen die USA – viel mehr als Euro­pa – für das Nicht-Alle der Gesell­schaft, die Auf­lö­sung aller fes­ten tra­di­tio­nel­len Bin­dun­gen. (Žižek, The Par­al­lax View S. 258)

Er rät sei­nen Lesern, sich bei der Bewer­tung der anti­to­ta­li­tä­ren Pro­pa­gan­da der von ihm so genann­ten »jüdi­schen Mao­is­ten« (einer Grup­pe öffent­li­cher Intel­lek­tu­el­ler, von denen eini­ge einst dem fran­zö­si­schen Mao­is­mus ange­hör­ten, die typi­scher­wei­se als »nou­veaux phi­lo­so­phes« bekannt sind) an ver­gan­ge­ne jüdi­sche Per­fi­die gegen­über dem christ­li­chen Uni­ver­sa­lis­mus zu erinnern:

Fran­çois Reg­nault behaup­tet, dass die zeit­ge­nös­si­sche Lin­ke von Juden (viel mehr als von ande­ren eth­ni­schen Grup­pen) ver­langt, dass sie ›in Bezug auf ihren Namen nach­ge­ben‹ – eine Anspie­lung auf Lacans ethi­sche Maxi­me ›Gib nicht in Bezug auf dein Begeh­ren nach …‹ [Aus­las­sungs­punk­te im Ori­gi­nal] Man soll­te sich hier dar­an erin­nern, dass die­sel­be Ver­schie­bung von radi­ka­ler eman­zi­pa­to­ri­scher Poli­tik zur Treue zum jüdi­schen Namen bereits im Schick­sal der Frank­fur­ter Schu­le erkenn­bar ist, ins­be­son­de­re in Hork­hei­mers spä­te­ren Tex­ten. (Žižek, In Defen­se of Lost Cau­ses S.5)

Die­ser unheil­vol­le jüdi­sche Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus für ande­re, Tri­ba­lis­mus für uns, wird von Žižek nicht nur als Fan­ta­sie eines Anti­se­mi­ten zitiert, son­dern als Rea­li­tät beklagt: »Juden waren die ers­ten Mul­ti­kul­tu­ra­lis­ten»79, schreibt Žižek (dies­mal mit sei­ner eige­nen Stim­me), wäh­rend er »die sprich­wört­li­che exzes­si­ve Poli­ti­cal Cor­rect­ness des west­li­chen wei­ßen Man­nes, der sein eige­nes Recht auf die Behaup­tung sei­ner kul­tu­rel­len Iden­ti­tät in Fra­ge stellt, wäh­rend er die exo­ti­sche Iden­ti­tät ande­rer fei­ert»80, als deren Fol­ge beklagt; inzwi­schen wird die Visi­on einer ruch­lo­sen jüdi­schen Macht, die als Ergeb­nis die­ser Pra­xis in die­ser Mytho­lo­gie exis­tiert, von Žižek bekräf­tigt81, der sei­ne Leser jedoch beru­higt: »Wer erin­nert sich heu­te noch an den Kib­buz, den größ­ten Beweis dafür, dass Juden nicht ›von Natur aus‹ finan­zi­el­le Mit­tels­män­ner sind?»82

Durch sein gesam­tes Werk hin­durch wie­der­holt Žižek die­se Pro­ze­dur des Othe­ring. In Über­ein­stim­mung mit der euro­päi­schen Kolo­ni­al­my­tho­lo­gie des 19. Jahr­hun­derts wer­den alle Iden­ti­tä­ten, die gewöhn­lich außer­halb sei­ner ari­schen Vor­stel­lung von Weiß­sein lie­gen, als ande­re betrach­tet, wäh­rend er immer wie­der eine expli­zit »wei­ße«, »west­li­che« Gemein­schaft beschwört, an die und für die er denkt und spricht (haupt­säch­lich dar­über, was mit die­sen Ande­ren zu tun ist, die gegen »uns«/sie intri­gie­ren oder »uns«/sie von jenen libe­ra­len Mul­ti­kul­tu­ra­lis­ten auf­ge­zwun­gen wer­den). Und deren Inter­es­sen und Wohl­erge­hen kei­ner Recht­fer­ti­gung bedür­fen, wäh­rend die Inter­es­sen der ande­ren stets zu qua­li­fi­zie­ren sind und die Legi­ti­mi­tät ihres Kamp­fes dafür dem wei­ßen Wir zur Bestä­ti­gung vor­ge­legt wird. (Die Ande­ren müs­sen immer bewei­sen, dass ihr Kampf den wei­ßen Euro­pä­ern nützt und ihre Exis­tenz für die wei­ßen Euro­pä­er unschäd­lich ist). Nach­dem Žižek fest­ge­stellt hat, dass ras­sis­ti­sche Über­zeu­gun­gen (die bizar­ren Behaup­tun­gen der Pseu­do­wis­sen­schaft, die post hoc ras­si­fi­zier­te Klas­sen­be­zie­hun­gen recht­fer­ti­gen) im kos­mo­po­li­ti­schen Kern weit­ge­hend ver­schwun­den sind83, for­dert er sein Publi­kum auf, gemäß der Pas­cal­schen Wet­te die Pra­xis die­ser ari­schen Über­zeu­gun­gen wie­der auf­zu­neh­men, die Pra­xis die­ser ari­schen, anti­se­mi­ti­schen, wei­ßen Vor­herr­schafts­ri­tua­le (nicht nur ras­sis­ti­sche Wit­ze und ras­sis­ti­sches »Theo­re­ti­sie­ren«, son­dern Prak­ti­ken der Segre­ga­ti­on und Dis­kri­mi­nie­rung). So lan­ge, bis sie (wie­der) zur Rea­li­tät der Kas­te wer­den, gemäß dem Slo­gan der Anony­men Alko­ho­li­ker »fake it until you make it«.84 (Im Koso­vo erklär­te er in einem Fern­seh­in­ter­view sei­ne Unter­stüt­zung für eth­ni­sche Sepa­ra­tis­ten­staa­ten – eth­ni­sche Grup­pen bräuch­ten »Raum zum Atmen»85, sag­te er und pfiff den Nazis nach; an der Lon­don School of Eco­no­mics und anders­wo hat er kürz­lich offen für eth­ni­sche Segre­ga­ti­on plä­diert.86 In bekann­ten faschis­ti­schen Phra­sen warn­te er vor den Gefah­ren für Euro­pa und die Euro­pä­er durch die ande­ren Ein­wan­de­rer. Wenn er im Lau­fe der Jah­re sei­ne unab­läs­si­gen ras­sis­ti­schen Äuße­run­gen als »Wit­ze« recht­fer­tigt, ver­weist er auf deren Wirk­sam­keit im Jugo­sla­wi­en der 1970er und 80er Jah­re. Das lässt die Zuhö­rer zu dem Schluss kom­men lässt, dass sein Ziel ein glo­ba­les Ana­lo­gon des dama­li­gen blu­ti­gen Bür­ger­kriegs ist. Die­se lös­te das Land in eth­nisch gesäu­ber­te Mini­staa­ten auf, nach­dem die impe­ria­le Finan­zie­rung von Natio­na­lis­men die­se Kul­tur der ver­ba­len ras­sis­ti­schen Aggres­si­on geschürt hat­te, die Sepa­ra­tis­ten wie Žižek über Jahr­zehn­te hin­weg hin­ter dem Schlei­er eines unbe­schwer­ten freund­li­chen Scher­zes her­vor­ge­bracht hat­ten.87) Wenn man sich bewusst ist, dass die Maschi­ne­rie der »feti­schis­ti­schen Ver­leug­nung« in Žižeks Werk die gan­ze Zeit läuft, wird der Leser erken­nen, dass die Auf­for­de­rung, die im Lau­fe der Zeit expli­zit wird, lau­tet: »Ja, wir wis­sen sehr wohl, dass die anti­se­mi­ti­sche Theo­rie [oder ras­sis­ti­sche Pseu­do­wis­sen­schaft] eine absur­de Mytho­lo­gie ist, aber trotz­dem .…« in Pas­sa­gen wie: »Zunächst wird die Rei­he der Mar­ker, die rea­le Eigen­schaf­ten bezeich­nen, abge­kürzt – ver­kürzt in dem Mar­ker ›Jude‹: (gei­zig, pro­fit­gie­rig, intri­gant, schmutzig…)-Jude. Dann keh­ren wir die Rei­hen­fol­ge um und ›expli­zie­ren‹ die Mar­kie­rung ›Jude‹ mit der Rei­he (gei­zig, pro­fit­gie­rig, intri­gant, schmut­zig…), d.h. die­se Rei­he gibt nun die Ant­wort auf die Fra­ge ›Was bedeu­tet ›Jude‹?‹ «

Bre­ger greift den Vor­wand- und Ablen­kungs­cha­rak­ter der unwirk­sa­men, pseu­domar­xis­ti­schen Kri­tik am Libe­ra­lis­mus auf, die Žižek aus­rollt, aber ihre Unkennt­nis der faschis­ti­schen Tra­di­tio­nen, die Žižek wie­der auf­wärmt (popu­lis­ti­sche Pro­pa­gan­da und Eli­ten­schrift), lässt ihre Kri­tik auf der Ebe­ne der Anpran­ge­rung eines schein­bar unge­heu­er­li­chen, his­to­risch bedeu­tungs­lo­sen, vage neu­ro­ti­schen Ein­zel­falls ste­hen. Die­ser Irr­tum ist inzwi­schen Stan­dard bei den vie­len Libe­ra­len, die sich dar­über beschwe­ren, dass ihre libe­ra­len Mit­strei­ter sich an Žižek erfreu­en und ihn för­dern. Adam Kirsch von der erz­li­be­ra­len New Repu­blic wie­der­hol­te, ohne Bre­gers Raf­fi­nes­se in Bezug auf die Gestalt von Žižek, vie­le der spe­zi­fi­schen Beob­ach­tun­gen der arti­ku­lier­ten Juden­feind­lich­keit und füg­te der Lis­te jün­ge­re Žižek-Ver­öf­fent­li­chun­gen hin­zu. Neben den gül­ti­gen Ent­de­ckun­gen brach­ten bei­de die­sel­be fun­da­men­ta­le Fehl­dia­gno­se her­vor, die dem Anti­kom­mu­nis­mus ent­ge­gen­kommt und die die Žižek-Akti­on demo­kra­ti­schen Libe­ra­len ent­lo­cken soll: Sowohl Bre­ger als auch Kirsch ver­dam­men Žižek schließ­lich, wie Laclau vor ihnen, als den, wie er es zu sein vor­gibt, bedroh­li­chen Prot­ago­nis­ten eines wahn­sin­ni­gen neo-»stalinistischen« Pro­jekts auf der poli­ti­schen Lin­ken (einer Sphä­re, die sich in einem sol­chen Durch­ein­an­der befin­det, dass sie anfäl­lig für dem­ago­gi­sche Ver­rück­te ist).

Die Erklä­rung für die­se und ähn­li­che gän­gi­ge Miss­ver­ständ­nis­se in Bezug auf Žižek fin­det sich auch in den Pro­to­kol­len der Wei­sen von Zion. Von dort stam­men auch die heim­tü­ckischs­ten und erfolg­reichs­ten Merk­ma­le des Žižek’schen Werks, jene Oszil­la­tio­nen, aus denen Žižek sei­ne Ali­bis kon­stru­iert sowie die wirk­lich schwin­del­erre­gen­de Unbe­stimmt­heit, die er erzeugt und aus­nutzt. Das Geheim­nis die­ser eigen­tüm­li­chen prote­i­schen Fähig­keit ist jedoch etwas kom­ple­xer als es scheint. Žižek hat eine tie­fe, aber zufäl­li­ge Zwei­deu­tig­keit in die­sem unge­wöhn­li­chen Text in ein Modell für die Mehr­deu­tig­keit verwandelt.

Die meis­ten Men­schen wis­sen inzwi­schen, dass es sich bei den Pro­to­kol­len der Wei­sen von Zion um eine Fäl­schung han­delt, die für die zaris­ti­sche Geheim­po­li­zei erstellt wur­de und von der man annimmt, dass sie haupt­säch­lich das Werk des Aris­to­kra­ten Mat­wej Was­sil­je­witsch Golo­win­ski ist. Bezeich­nen­der­wei­se fin­den vie­le den Text nicht weni­ger über­zeu­gend in Bezug auf sein The­ma, nur weil er nach­weis­lich eine Fäl­schung ist. Er gibt vor, so etwas wie das Pro­to­koll einer Sit­zung der Füh­rer einer jüdi­schen Kaba­le zu sein, die den Plan zur Welt­herr­schaft schmie­det. Das Werk behält trotz sei­ner Ent­lar­vung eine bemer­kens­wer­te Über­zeu­gungs­kraft als Beschrei­bung der Rea­li­tät. Es scheint, dass Žižek, der die zufäl­li­gen Ambi­va­len­zen des Tex­tes nach­ahmt, sei­ne tief­grei­fen­de Inko­hä­renz (die ver­wor­re­ne Art und Wei­se, in der er eini­ge kon­tro­ver­se, aber attrak­ti­ve Mate­ria­li­en prä­sen­tiert) als Quel­le sei­ner hyp­no­ti­schen Kraft und ins­be­son­de­re sei­ner Immu­ni­tät gegen­über fak­ti­schen Wider­le­gun­gen erkannt hat.

Golo­vinskis Fäl­schung ent­stand größ­ten­teils durch das Pla­gi­at eines sati­ri­schen Tex­tes von Mau­rice Joly aus dem Jahr 1862: dem Dia­log in der Höl­le zwi­schen Machia­vel­li und Mon­tes­quieu, um den her­um er einen Rah­men schuf. Wie Marx im »Der acht­zehn­ten Bru­mai­re von Lou­is Bona­par­te« war Joly fas­zi­niert von und moti­viert, das Ele­ment des Betrugs, des Ersatz­po­pu­lis­mus, des Schein­li­be­ra­lis­mus und der Schein­de­mo­kra­tie im Zwei­ten Kai­ser­reich zu erklä­ren. Jolys Text besteht, wie der Titel schon sagt, aus einer Debat­te zwi­schen den ver­damm­ten Geis­tern die­ser bei­den gro­ßen poli­ti­schen Den­ker. Mon­tes­quieu, der als Ver­fech­ter des zeit­ge­nös­si­schen Kon­zepts von la Répu­bli­que vor­ge­stellt wird, ver­tei­digt sei­ne Visi­on einer libe­ra­len kon­sti­tu­tio­nel­len Regie­rung als ein Sys­tem, das die Frei­heit der Bür­ger garan­tiert. Machia­vel­li, der als eine Figur des Geis­tes dar­ge­stellt wird, der das Regime von Napo­le­on III. beseel­te, erklärt genüss­lich, wie eine plu­to­kra­ti­sche herr­schen­de Klas­se hin­ter die­ser tadel­los gestal­te­ten, repu­bli­ka­ni­schen Fas­sa­de eine ver­deck­te Tyran­nei aus­üben kann. Jolys Kri­tik ergibt sich aus dem Zusam­men­spiel die­ser bei­den Per­sön­lich­kei­ten in einem sati­ri­schen Spiel: Wäh­rend Jolys Sym­pa­thien tat­säch­lich den Wer­ten und Hoff­nun­gen gel­ten, die Mon­tes­quieu moti­vie­ren, inso­fern er im Text den Geist der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on und den Kampf für bür­ger­li­che Frei­hei­ten und gegen auto­ri­tä­re Gewalt ver­kör­pert, ist es natür­lich Machia­vel­li, der der wah­re Spre­cher des Autors ist und sei­ne wirk­li­che Ein­schät­zung des libe­ra­len Pro­jekts (wenn nicht sogar sei­ne Gefüh­le gegen­über des­sen Bestre­bun­gen) zum Aus­druck bringt. Es wird eine ver­nich­ten­de Kri­tik des Libe­ra­lis­mus »von links« geäu­ßert. Aller­dings wird dabei die Kor­rum­pier­bar­keit des Libe­ra­lis­mus und sei­ne Bequem­lich­keit gegen­über dem Des­po­tis­mus »von rechts« gefei­ert. Die Machia­vel­li-Figur ist schur­kisch – er ist der Draht­zie­her der des­po­ti­schen, unsicht­ba­ren Sub­ver­si­on des repu­bli­ka­ni­schen Libe­ra­lis­mus -, aber auch char­mant, im Recht und spricht die Wahr­heit: Der Leser ist in der Aus­ein­an­der­set­zung wirk­lich »auf sei­ner Sei­te«, auch wenn er sich nicht an der Wahr­heit sei­ner Kri­tik erfreu­en kann. Gleich­zei­tig wird die Sym­pa­thie des Lesers für Mon­tes­quieus Idea­le von liber­té, ega­li­té, fra­ter­ni­té immer mehr durch die Ver­ach­tung sei­ner Nai­vi­tät und den zuneh­men­den Ver­dacht auf sei­ne Auf­rich­tig­keit unter­gra­ben. Obwohl Machia­vel­li ein star­kes Plä­doy­er für die Erwünschtheit und Unver­meid­bar­keit des Des­po­tis­mus hält, ist Jolys Sati­re stets auf der Sei­te des Vol­kes und der Idea­le der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on, für die Mon­tes­quieu sich ein­setzt. Jolys Feu­er rich­tet sich gegen die Zer­rüt­tung die­ser Idea­le in einem Sys­tem, das for­mal dem Geist der Demo­kra­tie folgt, aber im Bereich der Eigen­tums­ver­hält­nis­se eine aris­to­kra­tisch-bür­ger­li­che Plu­to­kra­tie beibehält.

Golo­win­skis Publi­ka­ti­on im Auf­trag der zaris­ti­schen Geheim­po­li­zei ziel­te dar­auf ab, die­ses Mate­ri­al so umzu­ge­stal­ten, dass die ver­füh­re­ri­sche Bit­ter­keit und Bril­lanz sei­ner Beschrei­bung des Betrugs des pseu­do­li­be­ra­len Kon­sti­tu­tio­na­lis­mus unter Napo­le­on III. erhal­ten blieb, aber das Ziel des Angriffs ver­än­dert und die poli­ti­schen Sym­pa­thien und das Ethos des Werks grund­le­gend geän­dert wur­den. Auf raf­fi­nier­te Wei­se spiel­te er ein dop­pel­tes Spiel mit dem dop­pel­ten Spiel der Sati­re: Ers­tens ver­brei­te­te das Werk den poli­ti­schen Anti­se­mi­tis­mus als Köder, um von Ana­ly­sen der Pra­xis der herr­schen­den Klas­se, wie sie von Marx und Joly erstellt wur­den, abzu­len­ken; zwei­tens dis­kre­di­tier­te das Werk sol­che Ana­ly­sen der Pra­xis der herr­schen­den Klas­se bei jenen Kom­mu­nis­ten und ande­ren Lin­ken, die nicht auf die ras­sis­ti­sche Mytho­lo­gie her­ein­fal­len woll­ten, indem es sie mit Anti­se­mi­tis­mus in Ver­bin­dung brach­te.88 Golo­vinskis Werk war die ers­te erfolg­rei­che Ver­leum­dung poli­ti­scher Ana­ly­sen der Klas­sen­kriegs­füh­rung der herr­schen­den Klas­se als »com­plot­tisme« (heu­te das All­zweck-Dis­qua­li­fi­zie­rungs­mit­tel »Ver­schwö­rungs­theo­rie«).

Wäh­rend Jolys Sati­re die aris­to­kra­tisch-bür­ger­li­che herr­schen­de Klas­se des Zwei­ten Kai­ser­reichs dafür gei­ßel­te, dass sie die ober­fläch­li­chen Ver­klei­dun­gen der libe­ra­len und demo­kra­ti­schen Gesell­schaft aus­nutz­te, um ihre des­po­ti­schen Kräf­te fort­zu­set­zen und sogar zu stär­ken – geschrie­ben aus einer Posi­ti­on, die ein­deu­tig zuguns­ten der popu­lä­ren und popu­lis­ti­schen, demo­kra­ti­schen Über­zeu­gun­gen stand, die zynisch durch die­se aus­ge­klü­gel­ten Stra­te­ge­me getäuscht wur­den (Joly stand zu Leb­zei­ten Blan­qui nahe und scheint Marx gele­sen und mit ihm sym­pa­thi­siert zu haben) – ver­wen­det Golo­vin­ski das­sel­be Mate­ri­al, um einen unver­hoh­le­nen Des­po­tis­mus, das zaris­ti­sche Regime und sei­ne Ana­lo­ga in ganz Euro­pa zu ver­tei­di­gen. Er greift nicht nur die kor­rup­ten bür­ger­li­chen Demo­kra­tien an, son­dern auch die libe­ra­len und sozia­lis­ti­schen Über­zeu­gun­gen, die die Hoff­nung des Vol­kes auf sie beleb­ten und von ihnen ver­ra­ten wurden.

Der Machia­vel­li von Joly wird also zum Anfüh­rer der jüdi­schen Welt­ver­schwö­rung, zum Oberäl­tes­ten von Zion. Und so ent­steht in dem abge­wan­del­ten Text ein gewis­ses Geräusch, eine nach­hal­len­de Ambi­va­lenz, denn Machia­vel­li wur­de als Iden­ti­fi­ka­ti­ons­ob­jekt für den Leser geschrie­ben. Er ist der klu­ge poli­ti­sche Theo­re­ti­ker, der weiß, was wirk­lich vor sich geht und es erklä­ren kann. Die­sel­ben Tex­te wer­den dann von Golo­vin­sky einer Figur zuge­schrie­ben, die beim Leser Ent­set­zen und Bestür­zung her­vor­ru­fen soll. Die Umdeu­tung von Machia­vel­lis Äuße­run­gen erfolgt auf viel­fäl­ti­ge Wei­se, die jedoch die Wer­tig­kei­ten des Ori­gi­nals nicht völ­lig aus­löscht. In der fol­gen­den Pas­sa­ge wird der Leser bei­spiels­wei­se ermu­tigt, die Ein­sich­ten Machia­vel­lis im Geis­te der Mis­an­thro­pie, des Pes­si­mis­mus und der Recht­schaf­fen­heit zu akzep­tie­ren, dabei aber wei­ter­hin den Wunsch zu hegen und an die Mög­lich­keit der wah­ren Demo­kra­tie zu glau­ben – der sozia­lis­ti­schen Demo­kra­tie, die die kor­rup­te libe­ra­le Demo­kra­tie, die die Ver­klei­dung der Plu­to­kra­tie ist, ver­drän­gen muss, wenn die Idea­le des Libe­ra­lis­mus ver­wirk­licht wer­den sollen:

Machia­vel­li: Abs­trakt gespro­chen sind Gewalt und List ein Übel? Ja, aber man muss sich ihrer durch­aus bedie­nen, um die Men­schen zu regie­ren, solan­ge die Men­schen kei­ne Engel sind. Alles kann gut oder schlecht sein, je nach dem Gebrauch, den man davon macht und nach den Früch­ten, die man dar­aus zie­hen kann; der Zweck hei­ligt die Mit­tel. Und wenn du mich jetzt fragst, war­um ich – ein Repu­bli­ka­ner – der abso­lu­ten Regie­rung den Vor­zug gebe, so wür­de ich dir sagen: Weil das Volk in mei­ner Hei­mat wan­kel­mü­tig und fei­ge ist, weil es von Natur aus einen Hang zur Knecht­schaft hat, weil es unfä­hig ist, die Bedin­gun­gen des frei­en Lebens zu begrei­fen und zu respek­tie­ren. Ich wür­de ant­wor­ten, dass das Volk, sich selbst über­las­sen, nur sich selbst zu zer­stö­ren wüss­te; dass es nie­mals in der Lage wäre, zu ver­wal­ten, zu rich­ten oder Krieg zu füh­ren. Ich wür­de Ihnen sagen, dass Grie­chen­land nur in den Schat­ten der Frei­heit glänz­te; dass ohne die Will­kür der römi­schen Aris­to­kra­tie und spä­ter ohne die Will­kür der Kai­ser die­se glän­zen­de Zivi­li­sa­ti­on nie­mals ent­stan­den wäre.89

Die Neu­be­ar­bei­tung von Golo­vin­sky stellt das Gefühl in einen Kon­text, der nahe legt, dass der aris­to­kra­ti­sche Abso­lu­tis­mus unbe­streit­bar das ein­zi­ge Mit­tel ist, mit dem sich die nicht­jü­di­schen Völ­ker gegen den ruch­lo­sen Feind ver­tei­di­gen kön­nen, der ihn des­halb mit libe­ra­ler und sozia­lis­ti­scher Pro­pa­gan­da dis­kre­di­tiert hat:

Der Oberäl­tes­te: Aus dem vor­über­ge­hen­den Übel, das wir jetzt zu bege­hen gezwun­gen sind, wird das Gute einer uner­schüt­ter­li­chen Herr­schaft her­vor­ge­hen, die den regel­mä­ßi­gen Lauf der Maschi­ne­rie des natio­na­len Lebens wie­der­her­stel­len wird, der durch den Libe­ra­lis­mus zunich­te gemacht wur­de. Das Ergeb­nis hei­ligt die Mit­tel. Lasst uns jedoch bei unse­ren Plä­nen unser Augen­merk nicht so sehr auf das Gute und Mora­li­sche, son­dern auf das Not­wen­di­ge und Nütz­li­che rich­ten … Um befrie­di­gen­de Hand­lungs­for­men aus­zu­ar­bei­ten, ist es not­wen­dig, die Unbe­son­nen­heit, die Nach­läs­sig­keit, die Unbe­stän­dig­keit des Pöbels zu berück­sich­ti­gen, sei­nen Man­gel an Fähig­keit, die Bedin­gun­gen sei­nes eige­nen Lebens oder sei­nes eige­nen Wohl­erge­hens zu ver­ste­hen und zu respek­tie­ren. Man muss sich dar­über im Kla­ren sein, dass die Macht des Pöbels eine blin­de, sinn­lo­se und unver­nünf­ti­ge Kraft ist, die einer Anre­gung von irgend­ei­ner Sei­te aus­ge­lie­fert ist. Die Blin­den kön­nen die Blin­den nicht füh­ren, ohne sie in den Abgrund zu stür­zen; folg­lich kön­nen Mit­glie­der des Pöbels, Empor­kömm­lin­ge aus dem Volk, auch wenn sie ein Genie für Weis­heit sein soll­ten, aber kein Ver­ständ­nis für das Poli­ti­sche haben, nicht als Füh­rer des Pöbels auf­tre­ten, ohne die gan­ze Nati­on in den Ruin zu stür­zen. Nur jemand, der von Kind­heit an zur unab­hän­gi­gen Herr­schaft erzo­gen wur­de, kann die Wor­te ver­ste­hen, aus denen das poli­ti­sche Alpha­bet zusam­men­ge­setzt wer­den kann. Ein Volk, das sich selbst über­las­sen ist, das heißt den Empor­kömm­lin­gen aus sei­ner Mit­te, bringt sich durch die vom Stre­ben nach Macht und Ehre erreg­ten Par­tei­spal­tun­gen und die dar­aus ent­ste­hen­den Unru­hen selbst in den Ruin. Ist es der Mas­se des Vol­kes mög­lich, sich in Ruhe und ohne klein­li­che Eifer­süch­te­lei­en ein Urteil zu bil­den, sich mit den Ange­le­gen­hei­ten des Lan­des zu befas­sen, die nicht mit per­sön­li­chen Inter­es­sen ver­mengt wer­den dür­fen? Kön­nen sie sich gegen einen äuße­ren Feind ver­tei­di­gen? Das ist undenk­bar; denn ein Plan, der in so vie­le Tei­le zer­split­tert ist, wie es Köp­fe in der Men­ge gibt, ver­liert jede Homo­ge­ni­tät und wird dadurch unver­ständ­lich und unmög­lich in der Aus­füh­rung. (Die Pro­to­kol­le der Wei­sen von Zion)

Es ist die­se tie­fe Unbe­stimmt­heit, die sich aus der unvoll­stän­di­gen Neu­aus­rich­tung des bereits ambi­va­len­ten, sati­ri­schen, sar­kas­ti­schen Joly-Tex­tes ergibt, die Žižek mit außer­or­dent­li­chem Erfolg nach­ahmt. Noch ver­wor­re­ner und refle­xi­ver, als es auf den ers­ten Blick scheint, ahmt er des­sen Äuße­rung und eine dar­aus abge­lei­te­te Kri­tik gleich­zei­tig nach (sowohl libe­ral als auch faschis­tisch zu sein… sowohl Machia­vel­li, der Repu­bli­ka­ner, als auch Joly, der Blan­quist, über­ein­an­der­ge­legt, und gleich­zei­tig wie­der­um sowohl Golo­vink­sy, der auto­ri­tä­re Edel­mann, als auch Der Ältes­te von Zion, der sata­ni­sche Stam­me­s­o­lig­arch, über­ein­an­der gelegt). Die Grund­la­ge sei­ner Kri­tik am Libe­ra­lis­mus, geschmückt mit Lacan’schem Jar­gon, ist, wie wir gese­hen haben, die­se Auf­be­rei­tung: »Die demo­kra­ti­sche Hal­tung beruht immer auf einer gewis­sen feti­schis­ti­schen Spal­tung: Ich weiß sehr wohl (dass die demo­kra­ti­sche Form nur eine Form ist, die durch Fle­cken des »patho­lo­gi­schen« Ungleich­ge­wichts ver­dor­ben ist), aber trotz­dem (tue ich so, als ob Demo­kra­tie mög­lich wäre).« Er nutzt die­se wider­sprüch­li­chen Mischun­gen, die Ver­schie­bun­gen von rech­ter Rhe­to­rik und reich­lich Des­in­for­ma­ti­on in ver­meint­lich lin­ke Tex­te, geschickt, um sie in einem schein­bar ver­ständ­li­chen und doch zutiefst inko­hä­ren­ten (so zutiefst, dass er anti­ra­tio­nal, inter­pre­ta­ti­ons­flüch­tig und fak­tisch unbe­streit­bar ist) Dis­kurs zusam­men­lau­fen zu lassen.

5. Überidentifikation

Eines der kom­pli­zier­te­ren Ali­bis, das die­se Pro­to­kol­sche Tech­nik für Žižek bie­tet, ist die Ver­mu­tung, dass er eine über­trie­be­ne Kari­ka­tur eines wah­ren Gläu­bi­gen der faschis­ti­schen Rech­ten oder des libe­ra­len Main­streams auf­führt, um ein vage vor­ge­stell­tes Ent­hül­lungs­spek­ta­kel zu ver­ur­sa­chen, das heißt dass er in eine schein­bar ernst­haf­te Pra­xis der »Phi­lo­so­phie« so etwas wie eine Come­dy-Num­mer ein­bet­tet, wie sie dem US-ame­ri­ka­ni­schen und bri­ti­schen Publi­kum in Ste­phen Col­berts Par­odie eines rech­ten Mur­doch-Fern­seh­pre­di­gers oder in Sacha Baron Cohens Figur Borat ver­traut ist, um irgend­et­was zu bewir­ken (die Wirk­sam­keit die­ser Pra­xis wird nur sche­men­haft ange­deu­tet, indem er dar­auf hin­weist, dass der Kom­mu­nis­ti­sche Jugend­ver­band Slo­we­ni­ens, als er vor­gab, Wah­len in Slo­we­ni­en für legi­tim zu hal­ten, den Kom­mu­nis­mus ein­fach in Ver­le­gen­heit brach­te). Mit ande­ren Wor­ten, sei­ne Ver­tei­di­ger behaup­ten, dass Žižek nur des­halb wie ein Faschist und ein Libe­ra­ler klingt, weil dies durch irgend­ei­ne sym­pa­thi­sche Magie den Zer­fall von Faschis­mus und Libe­ra­lis­mus bewir­ken wird.

Das Dog­ma die­ser Hal­tung geht auf Žižeks Ver­tei­di­gung von Lai­bach90 zurück, einer slo­we­ni­schen Pop­band, die den deut­schen Namen Lai­bach annahm und in Naz­ik­lei­dung auf­trat, um das sozia­lis­ti­sche Jugo­sla­wi­en zu par­odie­ren. Die Band war bei slo­we­ni­schen Sepa­ra­tis­ten sehr beliebt. Toma Lon­gi­no­vich erklär­te: »Lai­bachs Par­odie des sozia­lis­ti­schen Staa­tes durch eine Post-Punk-Per­for­mance der Über­iden­ti­fi­ka­ti­on mit sei­ner inhä­ren­ten tota­li­tä­ren Logik war eine frü­he Mani­fes­ta­ti­on des slo­we­ni­schen Wun­sches, sich vom Objekt ihrer Par­odie zu distan­zie­ren, aus der Ver­ei­ni­gung mit jenen ande­ren Völ­kern zu flie­hen, die nicht der­sel­ben zivi­li­sa­to­ri­schen Tra­di­ti­on ange­hör­ten.»91 (Die­se Spä­ße fie­len zeit­gleich mit Strei­chen wie dem Anzie­hen von gel­ben Ster­nen durch die Slo­we­nen zusam­men, um sich als die neu­en Juden zu iden­ti­fi­zie­ren, die von den neu­en Nazis bedroht wur­den, die in der auf­kom­men­den kai­ser­li­chen Pro­pa­gan­da als »die Ser­ben« bezeich­net wur­den.92) Einer von Žižeks pro­mi­nen­tes­ten ame­ri­ka­ni­schen Evan­ge­lis­ten, Adam Kotsko, ver­öf­fent­lich­te kürz­lich meh­re­re Ver­tei­di­gun­gen von Žižeks »Pro­vo­ka­tio­nen«, die die Tak­tik der »Über­iden­ti­fi­ka­ti­on« als Erklä­rung für sei­ne ras­sis­ti­sche und schließ­lich ent­hüll­te Feind­se­lig­keit gegen­über Immi­gran­ten und ins­be­son­de­re gegen­über Flücht­lin­gen, die aus Regio­nen kom­men, die unter dem apo­ka­lyp­ti­schen Gewalt­an­griff des Impe­ri­ums ste­hen, anführ­ten. Kotskos Beschrei­bung der gewünsch­ten ver­hee­ren­den Wir­kung die­ser Auf­füh­run­gen lau­tet, dass sie »den Rah­men« von etwas ver­schie­ben. Kotsko ver­mied es Ein­zel­hei­ten zu nen­nen und wei­ger­te sich aus Žižeks Tex­ten zu zitie­ren. Aber hier ist ein Bei­spiel dafür, dass Žižek selbst behaup­tet, »den Rah­men« von irgend­et­was zu verschieben:

Wenn man For­meln hört wie: ›Wir brau­chen weder die tota­le staat­li­che Kon­trol­le noch einen völ­lig unre­gu­lier­ten Liberalismus/​Individualismus, son­dern das rich­ti­ge Maß zwi­schen die­sen bei­den Extre­men‹, dann stellt sich sofort das Pro­blem der Mes­sung die­ses Maßes – der Punkt des Gleich­ge­wichts wird immer still­schwei­gend vor­aus­ge­setzt. Ange­nom­men, jemand wür­de sagen: ›Wir brau­chen weder zu viel Respekt vor den Juden noch den Holo­caust der Nazis, son­dern das rich­ti­ge Maß dazwi­schen, eini­ge Quo­ten für die Uni­ver­si­tä­ten und das Ver­bot öffent­li­cher Ämter für die Juden, um ihren über­mä­ßi­gen Ein­fluss zu ver­hin­dern‹, kann man nicht wirk­lich auf einer rein for­ma­len Ebe­ne ant­wor­ten. Hier haben wir den For­ma­lis­mus der Weis­heit: Die wah­re Auf­ga­be besteht dar­in, das Maß selbst zu trans­for­mie­ren und nicht nur zwi­schen den Extre­men des Maßes zu pen­deln. (Žižek, In Defen­se of Lost Cau­ses)

Es über­rascht nicht, dass Kotsko sich für ein Ersatz­bei­spiel entschied:

Wenn also die Men­schen in den USA die Visi­on des mexi­ka­ni­schen Ein­wan­de­rers als arbeits­süch­ti­ge Wohl­fahrts­kö­ni­gin pro­du­zie­ren, kann es in Wirk­lich­keit nicht um einen Kon­flikt zwi­schen Kul­tu­ren gehen, denn das wür­de für Žižek vor­aus­set­zen, dass es bereits exis­tie­ren­de, mehr oder weni­ger sta­bi­le oder homo­ge­ne Kul­tu­ren gibt, die zunächst exis­tie­ren und dann zufäl­lig in Kon­flikt gera­ten. Es kann auch nicht um die Mexi­ka­ner gehen, die nach Ame­ri­ka kom­men und das Gleich­ge­wicht unse­rer ein­hei­mi­schen Kul­tur stö­ren, denn die­ses Gleich­ge­wicht exis­tier­te von vorn­her­ein nicht. Nein, der Kon­flikt liegt in der kapi­ta­lis­ti­schen Aus­beu­tung begrün­det. Die Mexi­ka­ner neh­men nicht ›unse­re‹ Arbeits­plät­ze weg – die Eigen­tü­mer tun alles, um die Löh­ne zu drü­cken, ohne sich dafür zu inter­es­sie­ren, wen sie bezah­len.93

Offen­sicht­lich füh­ren sowohl die ech­te Žižek-Anek­do­te als auch die von Kotsko erfun­de­ne Anek­do­te ledig­lich einen Münztrick für Kin­der auf: Kopf ich gewin­ne, Zahl du ver­lierst.…, indem sie ver­kün­den, dass sie beab­sich­ti­gen, sich einer For­mel zu wider­set­zen, sie schrei­ben sie ledig­lich neu ein: jetzt mit ver­stärk­tem Schutz vor fak­ti­scher Kri­tik auf­grund der Illu­si­on, eine groß­ar­ti­ge, unan­fecht­ba­re Ver­tei­di­gung gegen Anfech­tung geleis­tet zu haben. Bei­de bekräf­ti­gen die nazis­ti­sche oder ame­ri­ka­nisch-nati­vis­ti­sche Ver­si­on eines Pro­blems: Juden. Mexi­ka­ner. »Wir« wol­len die Abwe­sen­heit aller Beschrän­kun­gen für Juden/​Sie [wir, die wir anders sind] nicht, und das Kapi­tal bedroht uns (dich/​die Wei­ßen, Euro­pä­er) mit Mexi­ka­nern [wir, die wir anders sind] in der Tat. Im Übri­gen stellt Kotsko Žižek beson­ders dreist falsch dar, indem er die­ses Bei­spiel für ihn erfin­det. Denn er ergreift immer wie­der expli­zit Par­tei für euro­päi­sche oder wei­ße Arbei­ter gegen far­bi­ge Arbei­ter und Immi­gran­ten in einem ima­gi­nä­ren Kon­flikt, den er und ande­re Ras­sis­ten sich als Ras­sen­block-Arbeits­kon­kur­renz vor­stel­len. Er stellt den letz­te­ren Block immer wie­der als Gefahr für den ers­te­ren dar, wobei der ers­te­re der Block der Sub­jek­te ist, deren Inter­es­sen kei­ner Recht­fer­ti­gung bedür­fen und nie­mals umge­kehrt. Das geht so weit, dass er sogar einen Inder, der in einem Call­cen­ter in Mum­bai arbei­tet, als Ein­wan­de­rer bezeich­net, der noch nicht ein­ge­wan­dert ist und Arbeits­plät­ze ein­nimmt, die recht­mä­ßig wei­ßen Euro­pä­ern oder Ame­ri­ka­nern gehören:

Die freie Zir­ku­la­ti­on von Arbeits­kräf­ten ist im Gegen­teil im Inter­es­se des Groß­ka­pi­tals, da bil­li­ge­re ein­ge­wan­der­te Arbeits­kräf­te Druck auf ›unse­re‹ Arbei­ter aus­üben, nied­ri­ge­re Löh­ne zu akzep­tie­ren. Und han­delt es sich beim Out­sour­cing nicht auch um eine umge­kehr­te Form der Beschäf­ti­gung von Arbeits­mi­gran­ten? Der Wider­stand gegen die Ein­wan­de­rer ist in ers­ter Linie eine spon­tan-defen­si­ve Reak­ti­on der ein­hei­mi­schen Arbei­ter­klas­se, die (nicht ganz zu Unrecht) den ein­ge­wan­der­ten Arbei­ter als eine neue Art von Streik­bre­cher und damit als Ver­bün­de­ten des Kapi­tals ansieht. Kurz gesagt, das glo­ba­le Kapi­tal ist von Natur aus mul­ti­kul­tu­rell und tole­rant. (Žižek, First as Tra­ge­dy, then as Far­ce)

Wie wir sehen, wenn es eine Rol­le gibt, die Žižek unauf­rich­tig spielt, dann ist es die komi­sche Rol­le einer rech­ten Kari­ka­tur (die er mit ver­schie­de­nen Inkar­na­tio­nen der Neu­en Lin­ken teilt und die jetzt in den Krei­sen, die Žižek ver­gif­tet hat, wie­der auf­lebt) des mar­xis­ti­schen Idea­lis­ten, der so starr an sei­ner Visi­on des Klas­sen­kamp­fes von alten Bol­sche­wi­ki-Pla­ka­ten hängt, dass er die Arbei­ter­klas­se nicht erken­nen wür­de, wenn sie ihm mit ihren folk­lo­ris­ti­schen Pfau­en­stä­ben auf den Kopf schla­gen wür­de. Dies deckt sich mit sei­nem pro­to­koll­schen Vor­ge­hen mit all sei­nen Oszil­la­tio­nen…, die Faschis­ten zu ver­pfei­fen und gleich­zei­tig den Mar­xis­mus bei den Radi­ka­len zu dis­kre­di­tie­ren. »Ich, Satan, habe liber­té, ega­li­té, fra­ter­ni­té erfun­den!« »Ich, der ver­rück­te Sta­li­nist, lie­be den blut­rüns­ti­gen Aris­ti­de und sei­ne mör­de­ri­schen Chi­mä­ren94 »Ich, der mar­xis­ti­sche Phi­lo­soph, erken­ne die Immi­gran­ten als die Wil­den an, die den wah­ren Pro­le­ta­ri­ern von den libe­ra­len Kos­mo­po­li­ten auf­ge­zwun­gen wurden.«

In einem Vor­trag, der 2014 auf dem New Yor­ker Left Forum gehal­ten wur­de, nahm Ethan Hal­ler­man sol­che zyni­schen »Über-Identifikations«-Alibis aufs Korn und beschrieb den tat­säch­li­chen Nut­zen die­ser Tak­tik für Žižek bei der Aus­ar­bei­tung sei­ner Ver­klei­dun­gen und der Rekru­tie­rung einer Fan­ge­mein­de als Leib­wäch­ter, um solch unver­hoh­len reak­tio­nä­re Inhal­te in lin­ke Dia­lo­ge zu eskortieren:

Žižek hat sich also für ein Pogrom ent­schul­digt. Er wie­der­holt ras­sis­ti­sche, roma­feind­li­che Kli­schees – sie sind schmut­zig, sie steh­len, er beschul­digt sie fälsch­li­cher­wei­se, jeman­den ermor­det zu haben. Es soll­te wohl selbst­ver­ständ­lich sein, dass nichts davon wahr ist, nichts davon wur­de irgend­wo bestä­tigt, aber Žižeks Inter­es­se besteht dar­in, eini­ge abs­trak­te Libe­ra­le zu beschul­di­gen, die er erfun­den hat. Er setzt ras­sis­tisch in Anfüh­rungs­zei­chen; er impli­ziert einen Klas­sen­ge­gen­satz zwi­schen den ›beque­men Libe­ra­len in den Groß­städ­ten‹ und den ›ver­ängs­tig­ten Men­schen‹ in ihrem Dorf, was das tat­säch­li­che Klas­sen­ver­hält­nis zwi­schen der slo­we­ni­schen Mehr­heit in Ambrus – bei­de Arti­kel beschrei­ben das Dorf als obe­re Mit­tel­schicht – und der Fami­lie [Rom] Stro­jan, die am Ran­de der Stadt lebt, inver­tiert. Žižek ord­net den Ras­sis­mus stän­dig der Arbei­ter­klas­se zu und den Anti­ras­sis­mus aus­schließ­lich einer ima­gi­nä­ren Grup­pe von hoch­nä­si­gen kos­mo­po­li­ti­schen Libe­ra­len. Es ist immer ›ras­sis­ti­scher Popu­lis­mus‹, es sind immer ›heuch­le­ri­sche Lin­ke‹, die nicht ver­ste­hen, dass Ras­sis­mus eine Hal­tung der Arbei­ter­klas­se ist. Irgend­wie wer­den für Žižek Mus­li­me, Immi­gran­ten, Schwar­ze, Roma immer aus der Arbei­ter­klas­se aus­ge­schlos­sen. Sie sind nie selbst anti­ras­sis­tisch. Es ist immer etwas, das zur herr­schen­den Klas­se gehört. So wie für Žižek in die­sem Fall die Ein­hei­mi­schen die Slo­we­nen sind, aber nicht die Fami­lie Stro­jan, die dort seit Jahr­zehn­ten lebt. Er tut dies immer bei­läu­fig, im Vor­bei­ge­hen, als wäre es eine Selbst­ver­ständ­lich­keit. Homo­ge­ni­sie­rung des Sta­tus der Arbei­ter­klas­se mit dem Sta­tus der Nicht-Mus­li­me und Nicht-Roma. Auch die­se Ver­wand­lung von Arbei­ter­klas­sen­so­li­da­ri­tät in eth­ni­sche Soli­da­ri­tät, indem man die bei­den in der Rhe­to­rik bewusst ver­wischt, ist eine spe­zi­fi­sche Stra­te­gie, die zu einer bestimm­ten Tra­di­ti­on gehört… Ich wür­de die Leu­te also ermu­ti­gen, mehr dar­auf zu ach­ten, inwie­weit sei­ne rech­te Rhe­to­rik, sein Anti-Anti­ras­sis­mus, sein Anti­fe­mi­nis­mus, sein Auto­ri­ta­ris­mus, sei­ne Auf­wer­tung von Gewalt als Gut an sich nicht als Per­for­mance abge­tan wer­den kön­nen und ihn in die­ser Hin­sicht ernst zu neh­men. Dass er tat­säch­lich einen auto­ri­tä­ren Ter­ror­staat statt der Demo­kra­tie will, dass er Anti­ras­sis­mus und kul­tu­rel­le Durch­mi­schung für eine Bedro­hung des wei­ßen, christ­li­chen Euro­pas hält. Natür­lich gibt es eini­ge Din­ge, die Žižek sagt, die links klin­gen und sich nicht mit die­ser … Wenn man wie Žižek der Mei­nung ist, dass lin­ke Wer­te die Gesell­schaft domi­nie­ren und bedro­hen, wie er sagt, dann ist es nur noch eine Fra­ge, mit wel­chen Wer­ten man sich ›per­for­ma­tiv überidentifiziert‹.

In Anleh­nung an Hal­ler­man kön­nen wir dar­auf hin­wei­sen, dass Žižek sich typi­scher­wei­se »per­for­ma­tiv über­iden­ti­fi­ziert« als die­ser schul­di­ge wei­ße euro­päi­sche Mul­ti­kul­tu­ra­list, den er in libe­ra­len Kon­tex­ten lächer­lich macht, wenn er sich an ein lin­kes Publi­kum wen­det; die­se Fäl­le wie­der­ho­len einen Strauss’schen Trick des (kaum) kodier­ten und geleug­ne­ten Ras­sis­mus der rei­ße­rischs­ten Art. Die­se über­iden­ti­fi­zie­ren­den Dar­bie­tun­gen bestehen dar­in, dass Žižek (in der Regel ver­leum­de­risch, immer unehr­lich) eini­ge anti­im­pe­ria­lis­ti­sche oder Prot­ago­nis­ten aus der Arbei­ter­klas­se der Gewalt­tä­tig­keit beschul­digt und dann, nach­dem er anschau­lich und absurd Bil­der von wil­den und ata­vis­ti­schen wil­den Aus­brü­chen gemalt hat, wie etwas aus H.G. Wells‹ The Island of Doc­tor Moreau (Bil­der, die ihm oft durch die Nazi-Pro­pa­gan­da-Clips in The Sor­row and the Pity in den Kopf gesetzt wor­den zu sein schei­nen), cha­rak­te­ri­siert er die­se meist völ­lig fik­ti­ven Hand­lun­gen als »gött­li­che Gewalt»95, um sie von der bewusst poli­tisch moti­vier­ten ratio­na­len Gewalt­an­wen­dung zu unter­schei­den, die er wei­ßen euro­päi­schen Sub­jek­ten zuschreibt. Indem er sie ver­herr­licht und zu ihr ermu­tigt, erklärt er, dass er sie »nicht wirk­lich ver­ur­tei­len kann«, obwohl sie ihn natür­lich auf­regt (hier gibt es nichts Authen­ti­sches) und dass sie letzt­lich reak­tio­när ist. Žižek beschwört unab­läs­sig, leb­haft und emo­tio­nal, zwei Arten von Gewalt her­auf, die in kras­sem Gegen­satz zuein­an­der ste­hen: die glor­rei­che wei­ße Gewalt der impli­zit und expli­zit über­le­ge­nen Ras­se und ihrer Action-Hel­den (Badiou zufol­ge hat es in Afri­ka nie ein Ereig­nis gege­ben) und die furcht­erre­gen­de, beängs­ti­gen­de, unmensch­li­che, uralte, prä­his­to­ri­sche, ani­ma­li­sche oder ein­fach nur ver­ab­scheu­ungs­wür­di­ge Gewalt (die oft völ­lig fik­tiv ist), die er sei­tens des Rests der Mensch­heit beklagt, der­je­ni­gen, die bei Nietz­sche als Skla­ven­ras­sen erschei­nen. ( Die Stro­ja­ner, die Auf­stän­de in Paris, Lon­don und Fer­gu­son, die Lavalas-Anhän­ger in den hai­tia­ni­schen Bidon­vil­les, die Kon­go­le­sen, die Ein­wan­de­rer in Köln, die schwar­zen Schü­ler der Chi­ca­go­er High School, die in sei­ner neu­en Lieb­lings­an­ek­do­te den wei­ßen Sohn sei­nes Freun­des ver­prü­geln, usw.). Žižek setzt die­se sen­sa­tio­nel­len und car­toon­haf­ten Anek­do­ten »gött­li­cher Gewalt« nie mit der Art von heroi­scher Gewalt96 gleich, die er gewohn­heits­mä­ßig ver­tei­digt und roman­ti­siert, und er erklärt auch nicht, war­um. Er über­lässt alles den Bil­dern, die von ras­sis­ti­schen Phan­tas­ma­go­rien durch­drun­gen sind. Und er iden­ti­fi­ziert sich immer mit den Opfern, die immer weiß oder weiß posi­tio­niert sind.

Wäh­rend die­se über­iden­ti­fi­zie­ren­de Bur­les­ke des schuld­be­wuss­ten wei­ßen Libe­ra­len, der die pri­mi­ti­ve Blut­rüns­tig­keit des Ande­ren her­ab­las­send ver­zeiht und von ihr fas­zi­niert ist, vor allem für Pro­gres­si­ve und Lin­ke gespielt wird, sind rech­te Kri­ti­ker auch oft die mit­schul­di­gen Adres­sa­ten von Žižeks über­iden­ti­fi­zie­ren­den Auf­trit­ten mit einer Sta­li­nis­ten-Kari­ka­tur, sei­ner Lieb­lings­fi­gur aus der Gale­rie der faschis­ti­schen Fan­ta­sie, die er über­all insze­niert und in der er die Kulis­sen durch­kaut. Žižek wider­steht sel­ten der Ver­su­chung, mit sei­nen cle­ve­ren Tricks zu prah­len. Man kann sehen, wie er Paul Mason in der BBC in einem von Masons krie­che­rischs­ten Inter­views die­sen Trick erklärt. Am Ende des Inter­views, nach­dem Žižek sei­ne Abscheu vor der Idee des Mit­leids zum Aus­druck gebracht und eine Rei­he typi­scher ver­ächt­li­cher Ges­ten gemacht hat, mit denen er die »huma­ni­tä­re« Sor­ge um »hun­gern­de afri­ka­ni­sche Kin­der« abtut, endet das Inter­view: Mason dankt ihm und Žižek ant­wor­tet: »Wir sehen uns in der Höl­le oder im Kom­mu­nis­mus.« Das Band rollt jedoch wei­ter, da die BBC ger­ne einen insze­nier­ten Moment hin­ter den Kulis­sen zeigt, und Žižek lacht und erklärt: »Sehen Sie? Wenn man ein Rech­ter ist, sagt man, das ist doch das Glei­che!« Das Ein­ge­ständ­nis, dass er die­se Reak­ti­on mit sei­ner Ver­kör­pe­rung von Bur­kes berühm­ter Kari­ka­tur des herz­lo­sen, völ­ker­mor­den­den »Monster«-Jakobiners absicht­lich aus­löst, ver­mas­selt das Spiel natür­lich nicht im Gerings­ten: Das Kraft­feld sei­nes immer gewähr­ten Vor­teils des Zwei­fels ver­wan­delt die­ses Spek­ta­kel in einen ande­ren geheim­nis­vol­len Akt der »Ver­schie­bung des Rahmens«.

In ähn­li­cher Wei­se fand Žižek in Grie­chen­land im Rah­men sei­ner Bemü­hun­gen, Syri­za den grie­chi­schen Wäh­lern zu ver­kau­fen, die gegen das Troi­ka-Memo­ran­dum mobi­li­siert wor­den waren, es wie­der nütz­lich, sei­ne sta­li­nis­ti­sche Ver­rück­ten­num­mer auf­zu­füh­ren. Er erklär­te gegen­über der Pres­se, als die Wah­len näher rück­ten, dass jeder, der nicht für Syri­za stimm­te, »in den Gulag geschickt wer­den soll­te«. Die­se Bemer­kung bekam die gesam­te Auf­merk­sam­keit der Pres­se, die sich Žižek und Co. erhofft hat­ten. Der grie­chi­sche Kom­mu­nist Anto­nis Balasopou­los erklärt noch ein­mal, was die­ser Stunt bewirkt hat:

Indem er eine his­to­risch völ­lig lächer­li­che Ana­lo­gie benutz­te, hat er a) SYRI­ZA wie die wirk­lich kom­mu­nis­ti­sche Par­tei aus­se­hen las­sen, b) die sen­sa­ti­ons­lüs­terns­ten anti­kom­mu­nis­ti­schen Ste­reo­ty­pen in einer Wei­se ein­ge­setzt, die nur grie­chi­schen Kom­mu­nis­ten scha­den konn­te, und c) pau­scha­le Angrif­fe auf den ›Sta­li­nis­mus in der grie­chi­schen Lin­ken‹ von rechts aus­ge­löst, die sei­ne absur­de Ver­knüp­fung von SYRI­ZA mit dem real exis­tie­ren­den Sozia­lis­mus wei­ter legi­ti­mier­ten. Der dou­ble bind dient dazu, genau das aus­zu­schlie­ßen, was ihn durch­bricht, des­halb ist er da.

6. Das Möbiusband

Die Atmo­sphä­re in Bel­grad ist, zumin­dest im Moment, auf vor­ge­täusch­te Wei­se kar­ne­val­esk – wenn sie nicht in Schutz­räu­men sind, tan­zen die Men­schen auf den Stra­ßen zu Rock- oder Eth­no-Musik unter dem Mot­to ›Mit Musik gegen Bom­ben‹ und spie­len dabei die Rol­le der trot­zi­gen Hel­den (da sie wis­sen, dass die NATO nicht wirk­lich zivi­le Zie­le bom­bar­diert). Auch wenn es eini­ge ver­wirr­te Pseu­do-Lin­ke fas­zi­nie­ren mag, ist die­se obs­zö­ne Kar­ne­va­li­sie­rung des gesell­schaft­li­chen Lebens tat­säch­lich das ande­re, öffent­li­che Gesicht der eth­ni­schen Säu­be­rung: Wäh­rend in Bel­grad trot­zig auf den Stra­ßen getanzt wird, fin­det drei­hun­dert Kilo­me­ter wei­ter süd­lich ein Geno­zid afri­ka­ni­schen Aus­ma­ßes statt. (Žižek, »Against the Dou­ble Black­mail«, 1999)

Soll ein afri­ka­ni­scher Völ­ker­mord grö­ßer oder klei­ner sein als ein euro­päi­scher Völ­ker­mord? Doch wir kön­nen die­se Fra­ge nicht wei­ter ver­fol­gen. Die Bild­spra­che hat ihre ein­ge­bau­ten Abwehr­me­cha­nis­men – die Fra­ge, was »afri­ka­nisch« in die­sem Absatz bedeu­ten könn­te, wenn nicht die Evo­ka­ti­on einer ras­sis­ti­schen Phan­tas­ma­go­rie, in die die Fak­ten ein­ge­fügt wer­den, um eine Fan­ta­sie von Ser­ben als ras­si­sche Wil­de in wüten­der Revol­te gegen die zivi­li­sa­to­ri­sche NATO zu erzeu­gen, wür­de als gleich­gül­tig gegen­über afri­ka­ni­schen Opfern afri­ka­ni­scher Völ­ker­mor­de, ja sogar als ras­sis­tisch erschei­nen (war­um soll­te man anneh­men, dass »afri­ka­ni­sche Aus­ma­ße« die­se rei­ße­ri­schen Vor­stel­lun­gen von Wild­heit her­auf­be­schwö­ren sol­len…) usw, obwohl die­ser angeb­li­che Völ­ker­mord (eine rei­ne Erfin­dung der NATO-Pro­pa­gan­da) in der Regi­on des Nazi-Holo­causts statt­fin­det. Ein Wort oder ein Bild wie die­ses fun­giert als eine Art Knick in der Rhe­to­rik, mit der Žižek sei­ne selt­sa­men Tex­te ent­wirft, die ras­sis­ti­sche und anti­ras­sis­ti­sche, »lin­ke« und »rech­te«, faschis­ti­sche und libe­ra­le, pro­gres­si­ve und reak­tio­nä­re, dis­si­den­te und offi­zi­el­le Dis­kur­se in einer glat­ten Linie end­lo­ser Abschwei­fun­gen zusam­men­lau­fen las­sen. In sei­ner ver­wor­re­nen und phan­ta­sie­rei­chen Ver­tei­di­gung des von den USA unter­stütz­ten ultra­rech­ten faschis­ti­schen Put­sches in der Ukrai­ne97 und sei­nes gesetz­lo­sen sadis­ti­schen Krie­ges gegen die sich weh­ren­de Bevöl­ke­rung kann man bei­spiels­wei­se eine Rei­he sol­cher Ver­dre­hun­gen beob­ach­ten, wobei er die Bil­der von Lenin- und Sta­lin-Sta­tu­en ein­setzt (die wie Schach­fi­gu­ren ver­scho­ben wer­den – Lenin ist gleich Putin, Putin wird gegen Sta­lin aus­ge­tauscht, Sta­lin ist die Alle­go­rie des Impe­ri­ums und des Multikulturalismus!

In einem Leit­ar­ti­kel für Out­look im Jahr 201298 wand­te Žižek die­sel­ben Tech­ni­ken an, das­sel­be pseud­o­he­ge­lia­ni­sche Jon­glie­ren mit Abs­trak­tio­nen ohne his­to­ri­schen Inhalt, eine klas­si­sche Žižek­sche Ver­dre­hung, um ein ideo­lo­gi­sches Mobi­us­band zu erzeu­gen, das auf die Bedürf­nis­se von Modis sadis­ti­schem Angriff auf die Rech­te und Ansprü­che der Dalits zuge­schnit­ten ist. Ein gewis­ser lin­ker gesun­der Men­schen­ver­stand, der die Soli­da­ri­tät mit dem Kampf der Dalits im Rah­men eines brei­te­ren Klas­sen­kamp­fes aus­macht, muss unter­gra­ben und in den Dienst des hin­du­fa­schis­ti­schen Pro­jekts gestellt wer­den. Ambed­kar wird die Figur sein, die, wie Lenin in dem zuvor bespro­che­nen Arti­kel, von einem his­to­ri­schen Akteur zu einer Tro­pe redu­ziert wird, die form­ba­re Abs­trak­tio­nen abbil­det, deren Resi­gna­ti­on als Fal­te im Band die­nen wird, die es der lin­ken Logik einer kon­kre­ten kas­ten- und faschis­mus­kri­ti­schen Pra­xis ermög­licht, naht­los in die Bestä­ti­gung der faschis­ti­schen Schluss­fol­ge­rung über­zu­ge­hen, die die Kri­tik aus­ge­löst hat.

Žižek beginnt mit einer Wie­der­ho­lung der Nietzsche’schen Dar­stel­lung der Geset­ze des Manu, wobei er deren Qua­li­tät als »hei­li­ge Lüge« her­vor­hebt und sie inner­halb sei­nes Motivs der »feti­schis­ti­schen Ver­leug­nung« defi­niert: Wie Niels Bohrs Huf­ei­sen99,das »genau­so gut funk­tio­niert, wenn man nicht dar­an glaubt«, kon­zen­trie­ren sich die Geset­ze des Manu »auf all­täg­li­che Prak­ti­ken als die unmit­tel­ba­re Mate­ria­li­tät der Ideo­lo­gie: wie (was, wo, mit wem, wann…) wir essen, defä­kie­ren, Sex haben, gehen, ein Gebäu­de betre­ten, arbei­ten, Krieg füh­ren, etc. « Die »Struk­tur« des Kodex, die nicht nur erlaub­te und ver­bo­te­ne Hand­lun­gen von­ein­an­der trennt, son­dern auch die zu erwar­ten­den rou­ti­ne­mä­ßi­gen Ver­stö­ße gegen Ver­bo­te minu­ti­ös regelt, ist, wie Žižek behaup­tet, eine »Uni­ver­sa­li­tät mit Aus­nah­men« (ein Lieb­lings­mo­tiv von Žižek, for­mal homo­log zu sei­ner Vor­stel­lung von Lacans Bild der Psy­che und von Tota­li­tä­ten im All­ge­mei­nen, die immer eine »Lücke« oder »obs­zö­ne Unter­stüt­zung« benö­ti­gen, wie »der Jude« in einem »Euro­pa«, das als Chris­ten­tum kon­zi­piert ist). Der Kodex des Manu passt sogar noch bes­ser zu Žižeks schmit­tia­nisch-pro­to­koll­schen Visi­on von der »Rea­li­tät als einer Fal­le, die den Schwa­chen von den Star­ken gestellt wird« – die jedoch gemäß der »para­kon­sis­ten­ten Logik« eine unaus­weich­li­che Bedin­gung ist -, da sie Indi­en vom bri­ti­schen Kolo­ni­sa­tor auf­ge­zwun­gen wur­de und eine »erfun­de­ne Tra­di­ti­on« dar­stellt. Ihre eige­ne inne­re Anpas­sung an die Ver­let­zung ihrer Regeln spie­gelt sich dann in der Tat­sa­che wider, dass ihre his­to­ri­sche Ille­gi­ti­mi­tät durch die Ope­ra­ti­on der »feti­schis­ti­schen Ver­leug­nung«, so Žižek, ihre sozia­le Wirk­sam­keit stärkt. Kurz gesagt, Žižek eta­bliert den Kodex des Manu als ein unehr­li­ches, prag­ma­ti­sches, hin­ter­häl­ti­ges »mensch­li­ches Gesicht»100 (Hal­tung des Huma­nis­mus und des uni­ver­sel­len Mit­ge­fühls), das als Fixie­rung und Ver­klei­dung auf die schö­ne, nai­ve Hei­deg­ger­sche Bar­ba­rei der vedi­schen Kos­mo­lo­gie auf­ge­setzt wird. Es ist das schul­di­ge, lis­ti­ge, psy­cho­lo­gisch kom­ple­xe Juden­tum (in Nietz­sches Visi­on), das gekom­men ist, um das glück­li­che, bru­ta­le, freu­di­ge Hei­den­tum der irdi­schen »Nah­rungs­ket­te« zu zer­stö­ren. Wir kön­nen hier den Kodex des Manu erken­nen, der sich von Nietz­sches Bild der ein­fa­chen ari­schen Männ­lich­keit in sei­ne nietz­schea­ni­sche Alter­na­ti­ve ver­wan­delt hat: die zyni­schen, trick­rei­chen, bös­gläu­bi­gen Pseu­do­mo­res der jüdi­schen Pries­ter – ein Kas­ten­sys­tem, das erhal­ten geblie­ben ist, aber nicht mehr den amo­ra­li­schen, affir­ma­ti­ven Appe­tit auf das Leben und die Natur mit den roten Kral­len und Zäh­nen der krie­ge­ri­schen Adli­gen zum Aus­druck bringt, son­dern das lebens­ver­nei­nen­de, aske­ti­sche, unehr­li­che Geha­be der Priester.

Der Kodex des Manu ist in die­ser Cha­rak­te­ri­sie­rung ein­deu­tig so zu lesen, dass er die indi­sche Ver­fas­sung mit ihren Vor­be­hal­ten101 – »Uni­ver­sa­lis­mus mit Aus­nah­men« – nahelegt.

Žižek insze­niert dann einen Kampf zwi­schen Gan­dhi (dar­ge­stellt wie Žižek wie­der­holt auch Himm­ler dar­stellt, der ein Exem­plar der Bha­ga­vad Gita wie einen Talis­man in der Hand hält), der als Ver­fech­ter einer ver­derb­li­chen »Iden­ti­täts­po­li­tik« dar­ge­stellt wird – ver­bun­den mit die­ser lebens­ver­nei­nen­den, heuch­le­ri­schen Spitz­fin­dig­keit und dem »Uni­ver­sa­lis­mus mit Vor­be­hal­ten« – gegen Ambed­kar, iro­ni­scher­wei­se der Autor die­ser aktu­el­len Ver­fas­sung, dar­ge­stellt als maxi­ma­lis­ti­scher Uni­ver­sa­list (in einer, wie Žižek an ande­rer Stel­le beto­nen wird, »euro­päi­schen« Tra­di­ti­on), der sich der Zer­stö­rung des Kas­ten­sys­tems, der Nicht­an­er­ken­nung der Kas­te, ver­schrie­ben hat, die das Erbe der Kas­te so tief­grei­fend aus­lö­schen wird, dass nur noch libe­ra­le Indi­vi­du­en übrig blei­ben wer­den. Dies beinhal­tet eine wei­te­re Wen­dung, bei der das Chris­ten­tum als Uni­ver­sa­lis­mus, der das lis­ti­ge Juden­tum der Pries­ter über­win­det, mit der lebens­be­ja­hen­den Hei­deg­ger­schen Hier­ar­chie des Seins in der alten bar­ba­ri­schen »Nah­rungs­ket­te« ver­schmol­zen wird, um die neo­li­be­ra­le Ord­nung und ihre Kon­kur­renz zu ver­herr­li­chen und zu natu­ra­li­sie­ren. (Eine bei­läu­fi­ge Anspie­lung auf Marx‹ – schnell auf­ge­ge­be­nen – hege­lia­ni­schen Begriff der »asia­ti­schen Pro­duk­ti­ons­wei­se« scheint zu bestä­ti­gen, dass Žižek all sei­ne ver­derb­li­chen Tricks im Schil­de führt, mit einer durch­ge­hend kodier­ten Euro­su­pre­ma­tie). Solan­ge »die Unbe­rühr­ba­ren« [sic] – die »für die Uni­ver­sa­li­tät« (das, was durch das Kas­ten­sys­tem aus­ge­schlos­sen wird) ste­hen – aner­kannt wer­den, wird es impli­zit ein Kas­ten­sys­tem geben. Das Gegen­teil wird behaup­tet und impli­ziert die Umkeh­rung: Ambed­kar wird mit den Wor­ten zitiert: »Solan­ge es Kas­ten gibt, wird es Aus­ge­sto­ße­ne geben«, aber es wird beschö­nigt, dass es heißt: »Solan­ge Dalits aner­kannt wer­den (in der als »Iden­ti­täts­po­li­tik« ver­un­glimpf­ten Art und Wei­se, wie in der indi­schen Ver­fas­sung), wird das Kas­ten­sys­tem fort­be­stehen.« So wird Ambed­kar, der Autor der Ver­fas­sung, die den Dalits Ent­schä­di­gun­gen für his­to­ri­sche Aus­beu­tung und Ent­eig­nun­gen garan­tiert, zur Brü­cke, die sei­nen kas­ten­feind­li­chen, anti­ras­sis­ti­schen Huma­nis­mus in den Bereich der Reak­ti­on trägt und als Waf­fe gegen die Schwächs­ten einsetzt.

Es ist daher nicht über­ra­schend, dass Modi die­ses Manö­ver genau wie­der­holt102.

Auf die­sel­be Wei­se hat sich Žižek in gewis­ser Wei­se gegen uns ver­tei­digt, indem er uns zu einer ernst­haf­ten Exege­se ver­lei­tet hat, die er nicht ver­dient, und viel­leicht sogar auf das Mobi­us­band, das unse­re Kri­tik in einen per­ver­sen Akt der Bewun­de­rung oder, schlim­mer noch, der Wer­bung ver­wan­deln wird. Auf dem Left Forum in New York hat ein jun­ger Mann Žižek103 in einer obs­zö­nen Art und Wei­se »ver­äp­pelt«, die als das lang erwar­te­te Gegen­mit­tel die­nen könn­te, das end­lich den Charme bre­chen wird, mit dem er so vie­le in sei­nen Bann gezo­gen hat und sei­ner Berühmt­heit ein Ende setzt, wo so vie­le ernst­haf­te Wider­le­gun­gen und Ent­hül­lun­gen ver­sagt haben.

In die­sem Essay haben wir uns bis­her nur der Inter­pre­ta­ti­on von Žižek gewid­met. Jetzt müs­sen wir uns dar­an erin­nern, dass es unse­re Pflicht ist ihn zu vernichten.

Žižek delen­dus est

Anmerkungen

1 Karl Marx, »Über P. J. Proud­hon [Brief an J. B. v. Schweit­zer]«, in: Karl Marx/​Friedrich Engels – Wer­ke, (Karl) Dietz Ver­lag, Ber­lin. Band 16, 6. Auf­la­ge 1975, unver­än­der­ter Nach­druck der 1. Auf­la­ge 1962, Berlin/​DDR. S. 25 – 32.

3 John B. Tay­lor & Ken­neth Scott, »Why Toxic Assets Are So Hard To Clean Up,« Wall Street Jour­nal 21 July 2009 http://​www​.wsj​.com/​a​r​t​i​c​l​e​s​/​S​B​1​2​4​8​0​4​4​6​9​0​5​6​1​6​3​533

4 Bill Van Auken and Adam Haig, »Žižek in Man­hat­tan: An Intel­lec­tu­al Char­la­tan Mas­que­ra­ding as Left,« World Socia­list Web­site, 12 Novem­ber 2010

5 Zum Bei­spiel Sla­voj Žižek, »Nobo­dy Has To Be Vile«, Lon­don Review of Books, 6. April 2006. Dies ist ein Motiv, das Žižek stän­dig wie­der­holt, in Büchern eben­so wie in Arti­keln und Vor­trä­gen. Wenn es hier ver­wen­det wird, um den Finan­zier Geor­ge Soros zu beschrei­ben, der die Rathen­au- und Roth­schild-Figur für den wie­der­auf­le­ben­den Anti­se­mi­tis­mus von heu­te ist, wird deut­lich, was manch­mal weni­ger offen­sicht­lich ist, näm­lich dass die­ses Scho­ko­la­den-Abführ­mit­tel-The­ma zusam­men mit dem Motiv des »ent­kof­fe­inier­ten Ande­ren« eine »komi­sche« Adap­ti­on der Kla­gen in Mein Kampf ist:

»In den Rega­len ame­ri­ka­ni­scher Geschäf­te ist ein Abführ­mit­tel mit Scho­ko­la­den­ge­schmack erhält­lich, das mit der para­do­xen Auf­for­de­rung bewor­ben wird: Haben Sie Ver­stop­fung? Essen Sie mehr von die­ser Scho­ko­la­de! – d. h. essen Sie mehr von etwas, das selbst Ver­stop­fung ver­ur­sacht. Die Struk­tur des Scho­ko­la­den-Abführ­mit­tels lässt sich in der gesam­ten heu­ti­gen Ideo­lo­gie­land­schaft erken­nen; sie ist es, die eine Figur wie Soros so anstö­ßig macht. Er steht für rück­sichts­lo­se finan­zi­el­le Aus­beu­tung in Ver­bin­dung mit ihrem Gegen­spie­ler, der huma­ni­tä­ren Sor­ge um die kata­stro­pha­len sozia­len Fol­gen der unge­zü­gel­ten Markt­wirt­schaft. Soros’ Tages­ab­lauf ist eine ver­kör­per­te Lüge: Die Hälf­te sei­ner Arbeits­zeit ist der Finanz­spe­ku­la­ti­on gewid­met, die ande­re Hälf­te den »huma­ni­tä­ren« Akti­vi­tä­ten (Finan­zie­rung kul­tu­rel­ler und demo­kra­ti­scher Akti­vi­tä­ten in post­kom­mu­nis­ti­schen Län­dern, Schrei­ben von Essays und Büchern), die den Aus­wir­kun­gen sei­ner eige­nen Spe­ku­la­tio­nen ent­ge­gen­wir­ken.« – Žižek, »Nie­mand muss abscheu­lich sein«

»Gesell­schaft­lich am gif­tigs­ten ist der frem­de Nach­bar – der frem­de Abgrund sei­ner Ver­gnü­gun­gen, Über­zeu­gun­gen und Sit­ten. Folg­lich ist das ulti­ma­ti­ve Ziel aller Regeln der zwi­schen­mensch­li­chen Bezie­hun­gen, die­se toxi­sche Dimen­si­on unter Qua­ran­tä­ne zu stel­len (oder zumin­dest zu neu­tra­li­sie­ren und ein­zu­däm­men) und dadurch den frem­den Nach­barn durch die Besei­ti­gung sei­ner Anders­ar­tig­keit zu einem unbe­droh­li­chen Mit­men­schen zu redu­zie­ren. Das End­ergeb­nis: Der tole­ran­te libe­ra­le Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus von heu­te ist eine Erfah­rung des Ande­ren, der sei­ner Anders­ar­tig­keit beraubt ist – des ent­kof­fe­inier­ten Ande­ren, der fas­zi­nie­ren­de Tän­ze tanzt und einen öko­lo­gisch fun­dier­ten ganz­heit­li­chen Ansatz für die Rea­li­tät hat, wäh­rend Merk­ma­le wie das Schla­gen von Ehe­frau­en aus dem Blick­feld ver­schwin­den. .… Die­se Visi­on der Ent­gif­tung des Nach­barn stellt einen kla­ren Über­gang von der direk­ten Bar­ba­rei zur Bar­ba­rei mit einem mensch­li­chen Ant­litz dar.« – Žižek, »Bar­ba­rei mit mensch­li­chem Ant­litz«, In The­se Times 23/11/.2010

»Da jedoch sein gan­zes Wesen immer noch zu stark den Geruch des all­zu Frem­den an sich haf­ten hat, als daß beson­ders die brei­te Mas­se des Vol­kes ohne wei­te­res in sein Garn gehen wür­de, läßt er durch sei­ne Pres­se ein Bild von sich geben, das der Wirk­lich­keit so wenig ent­spricht, wie es umge­kehrt sei­nem ver­folg­ten Zwe­cke dient. In Witzblättern

beson­ders bemüht man sich, die Juden als ein harm­lo­ses Völk­chen hin­zu­stel­len, das nun ein­mal sei­ne Eigen­ar­ten besitzt – wie eben ande­re auch –, das aber doch, selbst in sei­nem viel­leicht etwas fremd anmu­ten­den Geba­ren, Anzeichen

einer mög­li­cher­wei­se komi­schen, jedoch immer grund­ehr­li­chen und güti­gen See­le von sich gebe. Wie man sich über­haupt bemüht, ihn immer mehr unbe­deu­tend als gefähr­lich erschei­nen zu las­sen.« – Hit­ler, Mein Kampf, Zwei Bän­de in einem Band, Unge­kürz­te Aus­ga­be, Zen­tral­ver­lag der NSDAP., Frz. Eher Nachf., G.m.b.H., Mün­chen, 851. – 855. Auf­la­ge 1943, S. 346 – 47.

6 Žižek, Sla­voj, The Pla­gue of Fan­ta­sies, (New York: Ver­so 1997), p. 3

7 Sla­voj Žižek, »The Laca­ni­an Real: Tele­vi­si­on,« Lacan dot com, http://​www​.lacan​.com/​s​y​m​p​t​o​m​/​?​p​=38

8 Sla­voj Žižek, »The Anti­no­mies of Tole­rant Rea­son: A Blood-Dim­med Tide is Loo­sed,« Lacan dot com http://​www​.lacan​.com/​z​i​z​a​n​t​i​n​o​m​i​e​s​.​htm

9 Dušan I. Bje­lić , »Žižek ’s Bal­kans: Geo­po­li­ti­cal Frac­tures in Žižek ’s Uni­ver­sa­lism,« Psy­cho­ana­ly­sis, Cul­tu­re and Socie­ty, 2011, Vol 16, 3, 276 – 280

10 Svet­la­na Slapsak, »Žižek/​s Lads,« 24 April 1999 http://www.desk.nl/~pribeziste/svetlana.html

11 Sla­voj Žižek, »Sta­li­nism,« http://​lacan​.com/​z​i​z​s​t​a​l​i​n​.​htm

12 For examp­le Sla­voj Žižek, »A Plea for Leni­nist Into­le­ran­ce,« http://​www​.lacan​.com/​z​i​z​e​k​-​p​l​e​a​.​htm and Sla­voj Žižek, »The True Hol­ly­wood Left,« http://​www​.lacan​.com/​z​i​z​h​o​l​l​y​w​o​o​d​.​htm

14 Tariq Ali, »Neo-Libe­ra­lism and Pro­tec­to­ra­te Sta­tes in the Post-Yugo­s­lav Bal­kansCoun­ter­punch, 26 Febru­a­ry 2008

15 Vgl. Žižek, Sla­voj ed. Lenin Rel­oa­ded, (Durham: Duke Uni­ver­si­ty Press, 2007) and But­ler, Judith, Laclau, Ernest & Žižek, Sla­voj Con­tin­gen­cy, Hege­mo­ny, Uni­ver­sa­li­ty: Con­tem­pora­ry Dia­lo­gues on the Left (Lon­don: Ver­so, 2000)

16 Žižek, Sla­voj, The Tick­lish Sub­ject: The Absent Cen­ter of Poli­ti­cal Onto­lo­gy (Lon­don: Ver­so, 2000) p.322

17 See Sara Ahmed, »Libe­ral Mut­li­cul­tu­ra­lism is the Hege­mo­ny – it’s an empi­ri­cal fact: a respon­se to Sla­voj Žižek,« Dark​mat​ter101​.com 19 Febru­a­ry 2009 http://www.darkmatter101.org/site/2008/02/19/%E2%80%98liberal-multiculturalism-is-the-hegemony-%E2%80%93-its-an-empirical-fact%E2%80%99-a-response-to-slavoj-zizek/

18 See Sla­voj Žižek, »Appen­dix: Mul­ti­cul­tu­ra­lism, the Rea­li­ty of an Illu­si­on,« Lacan​.com http://​www​.lacan​.com/​e​s​s​a​y​s​/​?​p​a​g​e​_​i​d​=​454

19 Ernes­to Laclau, »Laclau ver­sus Negri, Hardt and Žižek,« Pagi­na 21 5 June 2006

20 Sla­voj Žižek, »Against the Popu­list Tempt­ati­on,« Lacan​.com

21 Dies ist der Name des »letz­ten leben­den Bol­sche­wi­ken« in Tony Kush­ners Stück Pere­stroi­ka, Teil II von Angels in Ame­ri­ca.

22 Z.B. Sla­voj Žižek, »The Jaco­bin Spi­rit: On Vio­lence and Demo­cra­cy,« Jaco­bin Maga­zi­ne, May 2011. Die­se Zeit­schrift, die von Per­so­nen aus dem Umfeld der Demo­cra­tic Socia­lists of Ame­ri­ca her­aus­ge­ge­ben wird, steht unter der geis­ti­gen Schirm­herr­schaft von Žižek und sei­nen För­de­rern: »Sla­voj Žižek ist ein Außen­sei­ter-Phi­lo­soph, Autor von über 30 Büchern und wur­de sowohl als ›Elvis der Kul­tur­theo­rie‹ als auch als ›gefähr­lichs­ter Phi­lo­soph des Wes­tens‹ bezeich­net. Er ist der umstrit­tens­te öffent­li­che Intel­lek­tu­el­le der Gegenwart.«

23 Boris Vez­jak, »The Rela­xed Ideo­lo­gy of the Slo­ve­nes,« Mirov­ni Insti­tut 2007

24 The­se are the situa­tions in the HBO dra­me­di­es The Sopra­nos and The Wire.

25 Žižek, Sla­voj, First as Tra­ge­dy, Then as Far­ce (Lon­don: Ver­so 2009) pp. 35 – 37

26 Sla­voj Žižek, »Resis­tance is Sur­ren­der,« Lon­don Review of Books, 15 Novem­ber 2007

28 Sla­voj Žižek, »Some Poli­ti­cal­ly Incor­rect Reflec­tions on Vio­lence in Fran­ce & Rela­ted Mat­ters 5. C’est mon choix… to Burn Cars«, http://​www​.lacan​.com/​z​i​z​f​r​a​n​c​e​4​.​htm and Sla­voj Žižek, »Shoplif­ters of the World Unite,« Lon­don Review of Books, 19 August 2011

30 Žižek even claims the Cha­vez admi­nis­tra­ti­on in Vene­zue­la was »explo­i­t­ing« the United Sta­tes: see Žižek, Sla­voj, Living in the End Times, (Lon­don: Ver­so 2011) pp. 241 – 2 or video in Bra­zil https://​www​.you​tube​.com/​w​a​t​c​h​?​v​=​v​R​J​F​1​Y​u​G​zrM

31 Žižek, Sla­voj, First as Tra­ge­dy, Then as Far­ce, (Lon­don: Ver­so 2009) p.17 This para­graph had also appeared in several arti­cles glo­bal­ly from 2008

32 Sie­he Alan John­son, Žižeks Theo­ry of Revo­lu­ti­on: A Cri­tique, with Paul Bowman’s How Not to Read Žižek, Glo­bal Dis­cour­se web­site https://globaldiscourse.wordpress.com/contents/slavoj-zizek%E2%80%99s-theory-of-revolution-a-critique-by-alan-johnson-with-reply-by-paul-bowman/

33 Wiki­pe­dia: Das Eus­ton Mani­fest ist eine Grund­satz­er­klä­rung aus dem Jahr 2006, die von einer Grup­pe von Aka­de­mi­kern, Jour­na­lis­ten und Akti­vis­ten aus dem Ver­ei­nig­ten König­reich unter­zeich­net wur­de und nach der Eus­ton Road in Lon­don benannt ist, wo die Grup­pe ihre Tref­fen abhielt. Die Erklä­rung war eine Reak­ti­on auf die nach Ansicht der Ver­fas­ser weit ver­brei­te­ten Ver­stö­ße gegen lin­ke Grund­sät­ze durch ande­re, die gemein­hin mit der Lin­ken in Ver­bin­dung gebracht wer­den. In dem Mani­fest heißt es: »Die von uns ange­streb­te Neu­ge­stal­tung der pro­gres­si­ven Mei­nung erfor­dert eine Abgren­zung zwi­schen den Kräf­ten der Lin­ken, die ihren authen­ti­schen Wer­ten treu blei­ben, und den Strö­mun­gen, die sich in letz­ter Zeit in Bezug auf die­se Wer­te etwas zu fle­xi­bel gezeigt haben« [Anmer­kung des Übersetzers.

34 See Žižek, Sla­voj, The Par­al­lax View, (Lon­don: Ver­so 2009) pp.342, 381 – 382 for a ver­si­on of the use of the Mel­vil­le short sto­ry that he had been offe­ring in spee­ches and wri­tings for some four years prior.

35 Bar­t­hes, Roland, »Ope­ra­ti­on Mar­ga­ri­ne,« in Mytho­lo­gies, (New York: Mac­mil­lan 1972) p. 40+

36 Sla­voj Žižek, »A Per­ma­nent Eco­no­mic Emer­gen­cy,« New Left Review, 64, July/​August 2010

37 Glenn Green­wald, »How Covert Agents Infil­tra­te the Inter­net to Mani­pu­la­te, Decei­ve, and Des­troy Repu­ta­ti­ons«, The Inter­cept, 24 Febru­a­ry 2014 https://​the​in​ter​cept​.com/​2​0​1​4​/​0​2​/​2​4​/​j​t​r​i​g​-​m​a​n​i​p​u​l​a​t​i​on/

38 See for examp­le Žižek’s dis­cus­sion of Lai­bach https://​www​.you​tube​.com/​w​a​t​c​h​?​v​=​1​B​Z​l​8​S​c​V​YvA, or his time in »half-dis­si­dent, half-tole­ra­ted« jour­nal publi­shing https://​www​.you​tube​.com/​w​a​t​c​h​?​v​=​5​B​I​U​k​U​U​t​vFI, and the dis­cus­sion of the role of Mla­di­na in Ken­ney, Padraic, A Car­ni­val of Revo­lu­ti­on: Cen­tral Euro­pe 1989, (Prince­ton: Prince­ton Uni­ver­si­ty Press, 2002)

39 See the collec­tion of papers, Dou­zi­nas, Cos­tas & Žižek , Sla­voj eds. The Idea of Com­mu­nism, (Lon­don: Ver­so 2012)

40 Dun­can Camp­bell, »Move Over Jacko: Idea of Com­mu­nism is the hot­test ticket in town this wee­kend,« The Guar­di­an, 12 March 2009

41 M.H., »Gen­der Trou­ble at the Birk­beck Boys’ Insti­tu­te for Huma­nities,« Radi­cal Phi­lo­so­phy 155 May/​June 2009 https://​www​.radi​cal​phi​lo​so​phy​.com/​w​p​-​c​o​n​t​e​n​t​/​f​i​l​e​s​_​m​f​/​r​p​1​5​5​_​c​o​n​f​e​r​e​n​c​e​s​.​pdf This is a rare and pos­si­b­ly uni­que pseud­ony­mous arti­cle in the journal.

43 Žižek, Sla­voj, First as Tra­ge­dy, Then as Far­ce, (Lon­don: Ver­so 2009):

[Once having grasped that gre­at white intel­lect libe­ra­ted the black Hai­ti­ans], we white Lef­tist men and women are free to lea­ve behind the poli­ti­cal­ly cor­rect pro­cess of end­less self-tor­tu­ring guilt. Alt­hough Pas­cal Bruckner’s cri­tique of the con­tem­pora­ry Left often approa­ches the absurd, this does not pre­vent him from occa­sio­nal­ly genera­ting per­ti­nent insights-one can­not but agree with him when he detects in Euro­pean poli­ti­cal­ly cor­rect self­fla­gel­la­ti­on an inver­ted form of clinging to one’s supe­rio­ri­ty. Whenever the West is atta­cked, its first reac­tion is not aggres­si­ve defen­se but self­pro­bing: what did we do to deser­ve it? We are ulti­mate­ly to be bla­med for the evils of the world; Third World cata­stro­phes and ter­ro­rist vio­lence are merely reac­tions to our cri­mes. The posi­ti­ve form of the White Man’s Bur­den (his respon­si­bi­li­ty for civi­li­zing the colo­ni­zed bar­ba­ri­ans) is thus merely repla­ced by its nega­ti­ve form (the bur­den of the white man’s guilt) : if we can no lon­ger be the ben­evo­lent mas­ters of the Third World, we can at least be the pri­vi­le­ged source of evil, patro­ni­zin­gly depri­ving others of respon­si­bi­li­ty for their fate (when a Third World coun­try enga­ges in ter­ri­ble cri­mes, it is never ful­ly its own respon­si­bi­li­ty, but always an after-effect of colo­niz­a­ti­on: they are merely imi­ta­ting what their colo­ni­al mas­ters used to do, and so on) :

»We need our mise­ra­bi­list cli­chés about Afri­ca, Asia, Latin Ame­ri­ca, in order to con­firm the cli­ché of a pre­d­a­to­ry, dead­ly West. Our noi­sy stig­ma­tiz­a­ti­ons only ser­ve to mask the woun­ded self-love: we no lon­ger make the law. Other cul­tures know it, and they con­ti­nue to cul­pa­bi­li­ze us only to escape our judgments on them.«

44 … wie ein mit der KKE ver­bun­de­ner Kor­re­spon­dent per E‑Mail mitteilte.

45 … mit den Wor­ten des­sel­ben Korrespondenten.

51 Sla­voj Žižek, »Against the Popu­list Tempt­ati­on,« Lacan.dom

53 Here is a clo­se rea­ding of a pas­sa­ge to exami­ne the floated voi­cing phra­se by phra­se http://​qli​poth​.blog​spot​.com/​2​0​1​1​/​0​9​/​t​o​o​-​s​t​a​r​k​e​y​.​h​tml

54 Tonči Kuz­ma­nić, »Hate Speech in Slo­ve­nia: Racism, Sexism and Chau­vi­nism,« Mirov­ni Insti­tut, 1999

55 Leigh Clai­re la Ber­ge, »The Wri­ting Cure: Sla­voj Žižek, Ana­ly­sand of Moder­ni­ty,« in Bow­man, Paul & Stamp, Richard eds. The Truth of Žižek (Lon­don: Con­ti­nu­um 2005)

56 Sla­voj Žižek, »The Role of Chim­ney Swee­pers in Sexu­al Iden­ti­ty,« Inter­na­tio­nal Jour­nal of Zizek Stu­dies, 7.2 2013

57 The Stro­jans, who were dri­ven from Ambrus by a pogrom in 2006. See Nicho­las Wood, »Roma family’s for­ced move rai­ses rights issue in Slo­ve­nia – Euro­pe,« Inter­na­tio­nal Herald Tri­bu­ne, 7 Octo­ber 2006

58 Vgl. die Audio­da­tei https://​www​.you​tube​.com/​w​a​t​c​h​?​v​=​i​P​m​E​5​1​O​o​-9A Lec­tu­re at Birk­beck. Fri­day 19 June 2009
»Sla­voj Žižek – Mas­ter­class – day 5 – Notes Towards a Defi­ni­ti­on of Com­mu­nist Cul­tu­re – Envi­ron­ment, Iden­ti­ty and Mul­ti­cul­tu­ra­lism« also avail­ab­le at Back­door Broad­cas­ting site.

59 Gil­bert, Jere­my, »All the Right Ques­ti­ons, All the Wrong Ans­wers,« in Bow­man & Stamp, eds. The Truth of Žižek (Lon­don: Con­ti­nu­um 2005)P. 61+

60 Sla­voj Žižek, »Brea­king Taboos: In the Wake of Paris Attacks the Left Must Embrace Its Radi­cal Wes­tern Roots,« In The­se Times, 16 Novem­ber 2015

62 Ein Leser des Ent­wurfs, der unter dem Pseud­onym som­na­vag­int schreibt, wies mich auf die Rele­vanz von Ari­el Dorf­mans ein­fluss­rei­chem How to Read Donald Duck hin, einem Buch, auf das ich ursprüng­lich von Jacob Levich auf­merk­sam gemacht wur­de (und das ich offen­bar ver­in­ner­licht habe!), für die­se Manö­ver von Žižek. Einer von Žižeks rou­ti­ne­mä­ßi­gen Des­in­for­ma­ti­ons­ak­ten besteht dar­in, ein gefälsch­tes Gram­sci-Zitat zu ver­brei­ten, ein Zitat, das durch die Umwand­lung einer schlech­ten fran­zö­si­schen Über­set­zung einer Pas­sa­ge von Gram­sci in Goe­b­bels durch schein­bar gering­fü­gi­ge Anpas­sun­gen des Wort­lauts erfun­den wur­de. Žižek lässt Gram­sci schrei­ben: »Die alte Welt stirbt, und die neue Welt kämpft dar­um, gebo­ren zu wer­den: Jetzt ist die Zeit der Mons­ter«, ein Aus­spruch, der Gram­scis Stil und Den­ken völ­lig fremd ist und der so geschrie­ben scheint, dass er in leuch­ten­den grü­nen Buch­sta­ben zu den kan­dier­ten Wag­ner-Klän­gen von John Wil­liams im Vor­spann des nächs­ten Star-Wars-Films über den Bild­schirm kriecht. Die mani­pu­lier­te Ori­gi­nal­pas­sa­ge aus den Gefäng­nis­hef­ten befasst sich mit der Fra­ge der brö­ckeln­den gesell­schaft­li­chen Auto­ri­tät und dem »Inter­re­gnum«, in dem sich Ita­li­en nach Gram­scis Ansicht zwi­schen der zusam­men­bre­chen­den Auto­ri­tät der ver­gan­ge­nen Tra­di­ti­on (bür­ger­lich und feu­dal, Kir­che und bür­ger­li­che Gemein­schaft) und den künf­ti­gen kom­mu­nis­ti­schen Sit­ten und Gebräu­chen befin­det. Der »Nie­der­gang der sym­bo­li­schen Effi­zi­enz«, eine bekann­te Kla­ge über die Moder­ne, ist Žižeks schmittianisch/​hitlerianische Sicht­wei­se dar­auf; er sieht die Gegen­wart als eine Ära des »Hedo­nis­mus«, der Deka­denz und der Ent­ar­tung. Er ver­wan­delt Gram­sci in den Ver­kün­der einer »Zeit der Unge­heu­er«, um sei­ne Wer­bung für einen Traum von sozia­ler Erneue­rung durch faschis­ti­sche Gewalt zu recht­fer­ti­gen, der jedoch von einem beru­hig­ten und beru­hi­gen­den Libe­ra­len geträumt wird, so dass er im Schafs­pelz eines komi­schen Gewan­des daher­kommt, das an Spring­time for Hit­ler erin­nert (wie in der Mel Brooks-Komö­die The Pro­du­cers). Mit sei­nem Publi­kum spielt er häu­fig ein Spiel, wie es Dis­ney mit den Kin­dern in sei­nen Zei­chen­trick­fil­men spielt, indem er sie in eine faschis­ti­sche Ord­nung hineininterpretiert.

63 Žižek and his audi­ence seem nost­al­gic for con­di­ti­ons memo­r­ab­ly descri­bed by Richard Wright in »The Ethics of Living Jim Crow: An Auto­bio­gra­phi­cal Sketch.«

64 See Žižek, Sla­voj, Iraq: The Bor­ro­wed Kett­le, (Lon­don: Ver­so, 2005) Appendix.

65 Ich ver­dan­ke die­se Ver­bin­dung zu Strauss Juli­an Duane.

66 Bar­t­hes, Roland, »Ope­ra­ti­on Mar­ga­ri­ne,« in Mytho­lo­gies, (New York: Mac­mil­lan 1972) p. 40+

67 Sla­voj Žižek, »The Sub­ject Sup­po­sed to Loot and Rape,« In The­se Times, 20 Octo­ber 2005 and Žižek, Sla­voj, Vio­lence: Six Side­ways Reflec­tions, (New York: Mac­Mil­lan, 2005). Ver­sio­nen die­ser Pas­sa­ge tau­chen immer wie­der in Žižeks Büchern und Arti­keln auf, so dass die Aus­re­de, es han­de­le sich um einen schlam­pi­gen und weg­ge­wor­fe­nen Ver­such, etwas ganz ande­res zu sagen, und soll­te daher so behan­delt wer­den, als ob er ledig­lich eine Plat­ti­tü­de wie »ras­sis­ti­sche Arti­ku­la­tio­nen sind gegen­über den Ras­sen ungnä­dig« wie­der­ho­len wür­de, nicht zieht. Dies ist nach dem Vor­bild sei­ner ältes­ten Gam­bits in Bezug auf den Nazi-Anti­se­mi­tis­mus und Antiziganismus.

68 Žižek, Sla­voj, Vio­lence: Six Side­ways Reflec­tions, (New York: Mac­Mil­lan, 2005) pp. 72 – 76

69 Ein Film, des­sen berühm­te Gehirn­wä­sche-Mon­ta­ge einen Groß­teil von Žižeks Pra­xis inspi­riert zu haben scheint.

70 Sie­he auch Tho­mas Rig­gins, »Com­ing to Grips with Žižek«, Lon­don Pro­gres­si­ve Jour­nal, 12 July 2012

71 Tri­bu­na, vol 38, issue 18, 1988/89

72 Sie­he Bje­lić, Dušan I., Nor­ma­li­zing the Bal­kans (Bur­ling­ton: Ash­ga­te Publi­shing, 2011)

73 Fuß­no­te fehlt im Ori­gi­nal [der Übers.].

74 Žižek: »Wenn man kei­ne grund­le­gen­de patrio­ti­sche Iden­ti­fi­ka­ti­on hat – nicht im Sin­ne von Natio­na­lis­mus, son­dern im Sin­ne von »wir sind alle Mit­glie­der der­sel­ben Nati­on usw.« -, dann funk­tio­niert die Demo­kra­tie nicht. In die­sem rein mul­ti­kul­tu­rel­len libe­ra­len Traum kann man kei­ne leben­di­ge Demo­kra­tie haben.« http://​www​.demo​cra​cynow​.org/​2​0​0​8​/​5​/​1​2​/​w​o​r​l​d​_​r​e​n​o​w​n​e​d​_​p​h​i​l​o​s​o​p​h​e​r​_​s​l​a​v​o​j​_​z​i​z​e​k​_on Appearan­ce on Demo­cra­cy Now, May 12, 2008

75 Gram­sci, Anto­nio, Selec­tions from the Pri­son Note­books, trans. Quen­tin Hoare and Geoff­rey Nowell Smith (Lon­don: Law­rence & Wis­hart 1971)

77 Clau­dia Bre­ger, »The Leader’s Two Bodies: Sla­voj Žižek’s Post­mo­dern Poli­ti­cal Theo­lo­gy« Diacri­tics Vol. 31, No. 1 (Spring, 2001), pp. 73 – 90

78 Man beach­te, wie das Scherz­pro­gramm das Ergeb­nis die­ser jüdi­schen Machen­schaf­ten darstellt.

79 Sla­voj Žižek, »A vile logic to Anders Breivik’s choice of tar­get,« The Guar­di­an, 8 August 2011

80 Sla­voj Žižek, »Sma­shing the Neighbor’s Face,« Lacan​.com http://​www​.lacan​.com/​z​i​z​s​m​a​s​h​.​htm

81 Žižek, Sla­voj, In Defence of Lost Cau­ses, (Lon­don: Ver­so 2009) pp.37 – 38 and Sla­voj Žižek, »Mel Gib­son at the Serbs­ky Insti­tu­te:, Lacan​.com

82 Žižek, Sla­voj, The Pup­pet and The Dwarf, (Bos­ton: MIT Press 2003)

83 Von Jose­phi­na Ayer­s­za & Sla­voj Žižek »It Doesn’t Have to Be a Jew,« Lacan​.com http://​www​.lacan​.com/​p​e​r​f​u​m​e​/​Z​i​z​e​k​i​n​t​e​r​.​htm

84 Ibid.

SZ: Natür­lich kön­nen wir heu­te nicht wirk­lich anti­se­mi­tisch sein. Duke ist eine Art nost­al­gi­sche Figur. Sein Ding ist: »War es nicht schön, als es noch mög­lich war, wie in Hit­lers guten alten Zei­ten?« Ich sage nicht, dass es nicht gefähr­lich ist; es ist sogar noch ekel­haf­ter, noch gefähr­li­cher. Wis­sen Sie, warum?

JA: Ist es das­sel­be, nur ohne sub­li­mes Objekt?

SZ: Es ist immer noch das Sym­bo­li­sche im Spiel, aber auch hier ist das Grund­merk­mal der heu­ti­gen Ideo­lo­gie, in Über­ein­stim­mung mit die­ser spi­no­zis­ti­schen Uni­ver­sa­li­tät des Signi­fi­kan­ten, nicht eine Art Fun­da­men­ta­lis­mus, son­dern eine Mischung aus Nost­al­gie und Zynis­mus: zyni­sche Distanz, Nost­al­gie, etc.

88 Žižek insze­niert sich als »Stalinismus«/»Marxismus«, der anti­se­mi­tisch, ras­sis­tisch, euro­zen­trisch, euro­su­pre­mis­tisch, unehr­lich, sexis­tisch, frau­en­feind­lich, queer-bashing, unge­bil­det, sozio­pa­thisch gefühl­los und sadis­tisch gewalt­tä­tig ist.

89 Joly, Mau­rice, Dia­lo­gue in Hell Bet­ween Machia­vel­li and Mon­tes­quieu, (Lan­ham: Lex­ing­ton Books 2003) p. 11

90 Sla­voj Žižek, »Why Are Lai­bach and NSK not Fascists?« Retro­gra­de Rea­ding Room Online http://​xeno​pra​xis​.net/​r​e​a​d​i​n​g​s​/​z​i​z​e​k​_​l​a​i​b​a​c​h​.​pdf

91 Toma Lon­gi­no­vich, »Indi­vi­si­ble Rema­in­ders,« Art Mar­gins, 16 April 2001

92 Žižeks ers­te Frau, Rena­ta Sale­cl, aus deren Werk er sich aus­gie­big bedien­te, schrieb in The Spoils of Free­dom: Psy­cho­ana­ly­sis, Femi­nism and Ideo­lo­gy after the Fall of Socia­lism (Lon­don: Rout­ledge. 1994): »Neben den Alba­nern sind auch die Slo­we­nen als Fein­de des ser­bi­schen Natio­na­lis­mus in Erschei­nung getre­ten; ihnen wird unter­stellt, dass sie mit den alba­ni­schen Sepa­ra­tis­ten den Wunsch tei­len, die poli­ti­sche Hege­mo­nie Ser­bi­ens ein­zu­schrän­ken. Was kommt dabei her­aus, wenn man die­se bei­den Fein­de zusam­men­bringt? Erin­nern wir uns dar­an, dass die Alba­ner in der ser­bi­schen Mytho­lo­gie als schmut­zig, huren­haft, räu­be­risch, gewalt­tä­tig, pri­mi­tiv usw. dar­ge­stellt wer­den, wäh­rend die Slo­we­nen als unpa­trio­ti­sche, anti-jugo­sla­wi­sche Intel­lek­tu­el­le und als unpro­duk­ti­ve Händ­ler dar­ge­stellt wer­den, die die har­te Arbeit der Ser­ben aus­beu­ten usw.. Setzt man die bei­den Bil­der ein­fach zusam­men, erhält man das typi­sche anti­se­mi­ti­sche Por­trät eines Juden: schmut­zig, huren­haft, aber gleich­zei­tig der intel­lek­tu­el­le, unpro­duk­ti­ve, pro­fit­ori­en­tier­te Händ­ler. Fügen Sie also einen Alba­ner zu einem Slo­we­nen hin­zu und Sie erhal­ten einen Juden.« Sowohl Žižek als auch Sale­cl schei­nen es zu genie­ßen, sich mit den schmei­chel­haf­ten Bil­dern der Slo­we­nen, die sie »den Ser­ben« zuschrei­ben, zu befas­sen und sie schließ­lich zu bestä­ti­gen, die sie immer wie­der als einen Hau­fen bar­ba­ri­scher Nazis dar­stel­len, die einem Res­sen­ti­ment – einer fixen Idee – ver­fal­len sind; In Žižeks Debüt in der New Left Review, wo er ein wei­ßes, supre­ma­tis­ti­sches Sche­ma für das Ver­ständ­nis der anglo­pho­nen Leser von Jugo­sla­wi­en ent­warf, als die von den USA unter­stütz­te Aggres­si­on zur Zer­schla­gung des Lan­des begann, stell­te er sicher, dass er sei­ne Leser dar­über infor­mier­te, dass die Slo­we­nen gar nicht vom Bal­kan oder sla­wisch sei­en, son­dern von »Etrus­kern« abstamm­ten, die, wie er an ande­rer Stel­le beton­te, in der Hier­ar­chie der ver­erb­ba­ren Zivi­li­sa­ti­on und des Weiß­seins beson­ders weit oben stünden.

93 Adam Kotsko, »How to Read Žižek,« Los Ange­les Review of Books, 2 Sep­tem­ber 2012. Kotsko sah sich ver­an­lasst, Kom­men­ta­re, die sei­nen Behaup­tun­gen wider­spre­chen, zu unter­drü­cken; sie kön­nen hier nach­ge­le­sen wer­den: http://​alp​hons​ev​an​wor​den​.tumb​lr​.com/​p​o​s​t​/​3​0​8​1​5​1​3​9​7​1​1​/​t​h​e​-​c​e​n​s​o​r​e​d​-​c​o​m​m​e​n​t​-​t​h​r​e​a​d​s​-​b​e​n​e​a​t​h​-​a​dam

94 Sla­voj Žižek, »Demo­cra­cy Ver­sus the Peop­le,« The New Sta­tes­man, 14 August 2008

95 Sla­voj Žižek, »Divi­ne Vio­lence in Fer­gu­son,« The Euro­pean, 3 Sep­tem­ber 2015

96 Dun­can Laws sehr nütz­li­che Zusam­men­fas­sung von Žižeks geschichts­re­vi­sio­nis­ti­schen Mani­pu­la­tio­nen und der Ver­un­glimp­fung lin­ker Kri­tik an Gewal­t/­Nicht-Gewalt fin­det sich hier: https://​dun​can​law​.wor​d​press​.com/​2​0​1​3​/​0​3​/​0​8​/​r​e​a​d​i​n​g​-​z​i​z​e​k​s​-​v​i​o​l​e​n​ce/

97 Sla­voj Žižek, »Why both the left and right have got it wrong on Ukrai­ne,« The Guar­di­an 10 June 2014

98 Sla­voj Žižek, »The Aposta­te Child­ren of God,« Out­look (India) 20 August 2012

99 Sla­voj Žižek, »Move the Under­ground,« Lacan​.com: Niels Bohr, der auf Ein­steins »Gott wür­felt nicht« die rich­ti­ge Ant­wort gab (»Sagen Sie Gott nicht, was er tun soll!«), lie­fer­te auch das per­fek­te Bei­spiel dafür, wie eine sol­che feti­schis­ti­sche Glau­bens­ver­leug­nung in der Ideo­lo­gie funk­tio­niert: Als der über­rasch­te Besu­cher ein Huf­ei­sen an sei­ner Tür sah, sag­te er, er glau­be nicht an den Aber­glau­ben, dass es Glück brin­ge, wor­auf­hin Bohr zurück­schnapp­te: »Ich glau­be auch nicht dar­an; ich habe es dort, weil mir gesagt wur­de, dass es auch funk­tio­niert, wenn man nicht dar­an glaubt!« Was die­ses Para­do­xon deut­lich macht, ist die Art und Wei­se, wie ein Glau­be eine refle­xi­ve Hal­tung ist: Es geht nie dar­um, ein­fach zu glau­ben – man muss an den Glau­ben selbst glau­ben. Des­halb hat Kier­ke­gaard zu Recht behaup­tet, dass wir nicht wirk­lich (an Chris­tus) glau­ben, son­dern nur glau­ben, um zu glau­ben – und Bohr kon­fron­tiert uns gera­de mit der logi­schen Ver­nei­nung die­ser Refle­xi­vi­tät (man kann auch NICHT an sei­ne Über­zeu­gun­gen glau­ben…) Irgend­wann tref­fen die Anony­men Alko­ho­li­ker auf Pas­cal: »Fake it until you make it …«

100 Sla­voj Žižek, »Bar­ba­rism with a Human Face,« In The­se Times, 23 Novem­ber 2010

101 See A.R., »Indian Reser­va­tions: Affir­ma­ti­ve Action« The Eco­no­mist, 29 July 2013

103 https://​www​.you​tube​.com/​w​a​t​c​h​?​v​=​a​j​r​8​q​Q​c​Z​WPo [Das Video ist lei­der nicht mehr online. Die Redak­ti­on küm­mert sich dar­um, eine Zusam­men­fas­sung oder eine Kopie des Vide­os zu erhal­ten]. Es han­delt sich aller Wahr­schein­lich­keit nach um die­ses Video: https://​www​.you​tube​.com/​w​a​t​c​h​?​v​=​_​t​t​8​z​p​T​w​FSk

Bild: Titel­bild der 1911 erschie­ne­nen Aus­ga­be von Ser­gej Nilus’ Buch Das Gro­ße im Klei­nen, das die Pro­to­kol­le der Wei­sen von Zion enthält.

One thought on “Die Protokolle der Weisen von Ljublitzia oder warum Žižek zu zerstören ist

  1. Ihr nennt euch »Maga­zin der Massen«?
    Ist das Iro­nie oder auf die Anzahl der Buch­sta­ben bezogen?

    Ich geh Arbei­ten, muss ein­kau­fen, mei­ne Wohung sau­ber hal­ten, dies und jenes machen, habe also nur einen begrenz­ten Zeit­ho­ri­zont, aber ich suche eine Lin­ke Partei/​Gruppierung die aktiv gegen den Ansturm der Über­nah­me aller gesell­schaft­li­chen rele­van­ten Berei­che durch eine Grup­pe von Olig­ar­chen ankämpft und fin­de nur Gedan­ken­sa­lat. Schade.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.