Allumfassende Demokratisierung – ein Zwischenruf in die Programmdebatte

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Wenn im Grun­de Anar­chis­ten, Links­kom­mu­nis­ten und Mar­xis­ten-Leni­nis­ten – wenn­gleich aus unter­schied­li­chen Grün­den – der Mei­nung sind, es brau­che kein Pro­gramm, war­um gibt es dann eine Pro­gramm­de­bat­te? Die­ser Ein­wurf will sowohl dazu als auch Kur­so­ri­sches und nicht gänz­lich zu Ende gedach­tes zur Pro­gram­ma­tik vorbringen.

Die Anar­chis­tisch Liber­tä­re Strö­mung der Frei­en Lin­ken meint in ihrem Bei­trag zur Pro­gramm­de­bat­te, dass ein Pro­gramm letzt­lich zur – bekannt­lich von der KPdSU aus­drück­lich ver­bo­te­nen – Frak­ti­ons­bil­dung füh­re, der ori­gi­nä­re Ansatz der Frei­en Lin­ken als Samm­lungs­be­we­gung zumin­dest vor­erst bei­zu­be­hal­ten sei und es dar­auf ankä­me auto­no­me Lokal­grup­pen aufzubauen.

So nach­voll­zieh­bar die­se For­de­rung zwar auf den ers­ten Blick erscheint, sie ist es aus min­des­tens zwei­er­lei mit­ein­an­der zusam­men­hän­gen­den Grün­den nicht. Zum einen hat sich die Samm­lungs­be­we­gung Freie Lin­ke gera­de ohne Pro­gramm und ohne Pro­gramm­de­bat­te in ver­schie­de­ne Frak­tio­nen zer­legt, wovon bereits der Name »Anar­chis­tisch Liber­tä­re Strö­mung der Frei­en Lin­ken« Aus­kunft gibt. Zum ande­ren, lie­ße sich behaup­ten, dass die Freie Lin­ke in Wahr­heit doch von Beginn an nur ein Aggre­gat ver­schie­de­ner ideo­lo­gi­scher Strö­mun­gen war – zusam­men­ge­hal­ten durch den Druck schärfs­ter äuße­rer Umstän­de. Eines, das durch das Ver­mei­den oder Aus­las­sen einer pro­gram­ma­ti­schen Pro­fi­lie­rung in der Fol­ge nicht zu einem ein­heit­li­chen Gan­zen wer­den konn­te, das die Ver­schie­den­hei­ten um ein tra­gen­des Leit­prin­zip in ihrer Dif­fe­renz zu etwas der gegen­wär­ti­gen Situa­ti­on Gemä­ßem eint. Eine sach­li­che und kon­struk­ti­ve Debat­te aller­dings ist der allei­ni­ge Weg zu solch einer neu­en For­mie­rung. Die Angst, dass Pro­fi­lie­rung und Über­win­dung der Indif­fe­renz zu Spal­tung und Frak­ti­ons­bil­dung führt, ist wie erwähnt unbe­grün­det, viel­mehr scheint das Gegen­teil der Fall. Letzt­lich schim­mert hier, das ist nur bedingt böse gemeint, die im schlech­ten Sin­ne abs­trakt-all­ge­mei­ne indi­vi­dua­lis­ti­sche Ideo­lo­gie der Quer­den­ker durch.

Exkurs zur Querdenkermentalität

Damit ist das unver­mit­tel­te Neben­ein­an­der von Indi­vi­du­en und ihrer Denk­wei­se gemeint, in der jeder nur gilt als Indi­vi­du­um und damit als ein All­ge­mei­nes in sei­ner Unver­mit­teltheit. Dabei bleibt man dann ste­hen, jede Posi­ti­on gilt qua Äuße­rung eines Indi­vi­du­ums und wird qua­si als Eigen­tum des­sel­ben ange­se­hen und damit für sakro­sankt erklärt. Ein wirk­li­cher pro­zes­sua­ler demo­kra­ti­scher Aus­tausch fin­det des­halb nur bedingt statt, es bleibt vor- oder apo­li­tisch, man bleibt eine Pri­vat­per­son, wäh­rend Poli­tik eine Fra­ge der Öffent­lich­keit, des Gemein­we­sens ist, in der das Pri­va­te nicht als sol­ches das bestim­men­de ist. Schlag­wör­ter sind hier bezeich­nen­der­wei­se »Selbst­be­stimmt­heit« und »Eigen­ver­ant­wor­tung«, also schlech­ter­dings die neo­li­be­ra­len Pro­pa­gan­da­wör­ter unter deren Ägi­de sich Mil­lio­nen Selbst­stän­di­ge in Eigen­ver­ant­wor­tung selbst­be­stimmt selbst aus­beu­ten, womit der gesell­schaft­li­che Cha­rak­ter die­ser Aus­beu­tung schlicht­weg nicht begrif­fen wer­den kann. Der Gedan­ke, dass die­ses Gegen­über­tre­ten als Pri­vat­pro­du­zen­ten auf dem Markt selbst ein gesell­schaft­li­cher Umstand ist, der den schein­ba­ren Pri­vat­cha­rak­ter die­ser Arbeit erst ermög­licht, kann den Leu­ten gar nicht kom­men, solan­ge sie nicht ver­ste­hen, war­um sie sich als Indi­vi­du­en über­haupt ent­ge­gen­tre­ten statt zusam­men direkt für die Gesell­schaft zu arbei­ten. Als sol­che Indi­vi­du­en sind sie selbst nur All­ge­mei­nes, um auf dem Markt han­del- und aus­tausch­bar zu sein. Hin­ter die­ser schlech­ten Indi­vi­dua­li­tät ver­birgt sich der rei­ne Äqui­va­len­ten­tausch A=A oder die Tau­to­lo­gie Ich=Ich oder der markt­kon­for­me Mensch einer markt­kon­for­men Demo­kra­tie: die Ware Mensch, nicht aber der wah­re Mensch.

Die­se Denk­wei­se stellt, mag man mei­nen, eine der­ar­ti­ge Poten­zie­rung der herr­schen­den Ideo­lo­ge dar, dass sie durch den Fla­schen­hals des Gre­at Reset gedrückt durch­aus umstürz­le­ri­sches Poten­ti­al ent­wi­ckeln kann, weil, wir wer­den kurz dar­auf zurück­kom­men, sie die Ideo­lo­ge­me als bare Mün­ze neh­men und also höchst­gra­dig ent­täuscht wur­den, jetzt wo sie sich als Trug ent­pup­pen, als Schein­selbst­stän­dig­keit und Schein­frei­heit. Wer aber betro­gen wur­de und das merkt, der will die ech­te Selbst­stän­dig­keit und die ech­te Frei­heit. Dass die west­li­che Frei­heits­ideo­lo­gie eines Tages beim Wort genom­men wür­de, hier­in lag immer eine gewis­se Gefahr für die Herrschenden.

Aller­dings bie­ten das Schwär­mer­tum und geläu­fi­ge bür­ger­li­che Irra­tio­na­lis­men nicht gerin­ger Tei­le der Wider­stands­be­we­gung Grund zur Vor­sicht, dass sie sich gera­de des­halb Hals über Kopf in die Sire­nen­ge­sän­ge dem­ago­gi­scher Pseu­do­ge­mein­schafts­pre­di­ger ver­narrt, weil hier zwei schlech­te unver­mit­tel­te, unre­flek­tier­te All­ge­mei­ne inein­an­der Fal­len: Pseu­do­in­di­vi­du­um und Pseudogemeinschaft.

Die schlech­te All­ge­mein­heit des libe­ra­len Indi­vi­dua­lis­mus droht sich aller­or­ten in der schlech­ten All­ge­mein­heit eines natio­na­lis­ti­schen, völ­ki­schen oder jeden­falls unver­mit­tel­ten Pseu­dog­an­zen zu ver­lie­ren. Die­ser fin­det sei­ne eige­ne unbe­stimm­te Lee­re und unver­mit­tel­te Unre­flek­tiert­heit als schlech­tes All­ge­mei­nes, sprich als Indi­vi­du­um in sei­ner blo­ßen All­ge­mein­heit wie­der, das also Indi­vi­du­um ist wie jedes ande­re, ohne um die gesell­schaft­li­che Bedingt­heit des Indi­vi­du­ums als All­ge­mei­nem zu wis­sen, womit es gera­de nichts Ein­zig­ar­ti­ges ist, son­dern höchs­tens arti­ges ein­zel­nes All­ge­mei­nes und als sol­ches die Ten­denz hat sich unver­mit­telt mit einem wei­te­ren schlech­tem All­ge­mei­nen zu iden­ti­fi­zie­ren: der Ras­se, der Nati­on, dem Stamm, dem auto­no­men Zen­trum oder sonst wel­cher Abge­schmackt­hei­ten. Die Klas­se frei­lich gehört nicht dazu, denn sie ist eine Kate­go­rie, die kei­ner Mys­ti­fi­zie­rung Vor­schub leis­tet, da sie ein­ge­bet­tet in den his­to­ri­schen Mate­ria­lis­mus um ihre gesell­schaft­li­che Ver­mit­teltheit und his­to­ri­sche Bedingt­heit weiß.

Das gera­de ange­ris­se­ne ist gewiss eine Gefahr. Kri­ti­ker der Quer­den­ke­r­ideo­lo­gie aber machen es sich zu ein­fach das alles als Mani­fes­ta­ti­on über­dreh­ter reak­tio­nä­rer neo­li­be­ra­ler Ideo­lo­gis­men abzu­tun. Sie ver­ges­sen dabei, dass die Mehr­heit der Mas­se nicht in den Genuss einer mar­xis­tisch-leni­nis­ti­schen Kader­schu­lung kam und eben in den Begrif­fen denkt, die die der herr­schen­den Ideo­lo­gie sind. Eine Arti­ku­la­ti­on kann mit­hin zugleich den Anschein abso­lu­ter Abge­schmackt­heit an sich haben und den­noch einen ganz dar­über hin­aus gehen­den Sinn erhal­ten, der nur denen ver­bor­gen blei­ben kann, denen der Faden der Zeit aus den Hän­den glitt, die kei­ne Berüh­rung mehr mit der Mas­se haben, die schlicht­weg nicht auf der Höhe der gegen­wär­ti­gen Kämp­fe sind. Über­dies ist es eine Bin­sen­weis­heit, dass manch umwäl­zen­de Bewe­gung sich auf alt­her­ge­brach­te, von den Mäch­ti­gen oft längst ver­ges­se­ne Grün­dungs­my­then oder Doku­men­te wie das Grund­ge­setz, das anti­ke Rom oder der­glei­chen beru­fen haben, nur um dabei etwas ganz ande­rem zur Geburt zu ver­hel­fen. Auf ein Mar­x­zi­tat sei hier verzichtet.

Glei­ches mag für den bür­ger­li­chen Indi­vi­dua­lis­mus wie auch die all­ge­mei­nen Men­schen­rech­te gel­ten, die das Bür­ger­tum nach sei­ner Macht­er­grei­fung 1789, 1848 oder spä­ter ver­ges­sen hat oder ver­ges­sen machen woll­te. Es ist auch hier wie­der eine Bin­sen­weis­heit in lin­ken Krei­sen, dass der Kom­mu­nis­mus in ideo­lo­gi­scher Hin­sicht durch­aus auf den Men­schen- und Bür­ger­rech­ten auf­baut, aber deren Gel­tung auf alle Men­schen aus­wei­ten will und dabei fest­stel­len muss, dass der Uni­ver­sa­li­sie­rung der Men­schen­rech­te die bür­ger­li­che Eigen­tums­ord­nung entgegensteht.

Kurz­um: es wird immer inter­es­sant, wenn man beginnt die­se ver­meint­lich obso­le­ten Kon­zep­te beim Wort zu neh­men. Damit will ich sagen, dass neben der oben skiz­zier­ten Gefahr des Abglei­tens in anti­in­di­vi­dua­lis­ti­sche Pseu­do­ge­mein­schaf­ten durch­aus die Chan­ce besteht, dass der unre­flek­tier­te Indi­vi­dua­lis­mus unter den gege­be­nen Bedin­gun­gen bei­na­he zwangs­läu­fig an den Punkt kom­men muss, wo er auf sich selbst reflek­tie­ren und sich als gesell­schaft­lich ver­mit­tel­tes erken­nen muss.

Der Unter­schied zum rein pas­si­ven ato­mis­ti­schen Indi­vi­dua­lis­mus des kapi­ta­lis­ti­schen Sub­jekts ist näm­lich der, dass die Quer­den­ker oder der­art den­ken­den Tei­le der Wider­stands­be­we­gung ja nicht nur stän­dig Gemein­schaf­ten for­men und über gesell­schaft­li­che Fra­gen nach­den­ken, son­dern sich teils schon selbst­stän­dig orga­ni­sie­ren. Mar­xens Ide­al war das einer frei­en Asso­zia­ti­on von Indi­vi­du­en. Da wei­te Tei­le der Bewe­gung die­sen Weg in der Pra­xis also schon beschrei­ten, ist es zumin­dest mög­lich, womög­lich wahr­schein­lich, dass sie sich auch theo­re­tisch immer bewuss­ter dar­über wer­den und so die gesell­schaft­li­che Bedingt­heit des­sen reflek­tie­ren, was es heißt ein Indi­vi­du­um zu sein.

Dazu gehört nun ein­mal sich über die Funk­ti­ons­wei­se der bür­ger­li­chen Gesell­schaft Klar­heit zu ver­schaf­fen, über die des Kapi­ta­lis­mus, über die Natur der Ware, des Gel­des, der Arbeit. Vor allem aber gehört dazu, zu begrei­fen, dass der heu­ti­ge Indi­vi­dua­lis­mus aufs Engs­te mit die­ser Gesell­schafts­for­ma­ti­on ver­knüpft ist, wah­rer Indi­vi­dua­lis­mus als Asso­zia­ti­on frei­er Indi­vi­du­en nur bestehen kann, gera­de wenn man sich nicht mehr als Pri­vat­pro­du­zent, Käu­fer und Ver­käu­fer von Arbeits­kraft ver­mit­telt durch den Mark gegen­über­steht, son­dern in frei­er demo­kra­ti­scher Art direkt und bewusst die Gesell­schaft selbst formt. Dazu unten mehr.

Zur erhofften Funktion der Programmdebatte

Wor­auf will ich hin­aus? Dar­auf, dass die Pro­gramm­de­bat­te durch­aus als Aus­druck eines Reflek­ti­ons­pro­zes­ses auf­ge­fasst wer­den kann. Die­ser Pro­zess aber nötig ist, um hin­ter den apo­li­ti­schen Ansatz der Quer­den­ke­r­ideo­lo­gie zu sto­ßen und mit­tels einer Pro­gramm­de­bat­te die Fra­ge einer nach­ka­pi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft über­haupt auf­zu­wer­fen, was ja von Anfang an das Ziel der Frei­en Lin­ken war: den Mas­sen klar zu machen, dass die gan­ze Schwei­ne­rei, die wir in den letz­ten zwei Jah­ren erlei­den muss­ten, durch­aus etwas mit der Funk­ti­ons­wei­se kapi­ta­lis­ti­scher Gesell­schaft zu tun hat. Das ist bis­her sicher nur bedingt gelun­gen und wie das bes­ser wer­den soll, ist zu diskutieren.

Die Pro­gramm­de­bat­te fin­det nicht im abge­schlos­se­nen Raum statt. Sie wirkt nach innen wie nach außen. In der Innen­wir­kung geht es dar­um, den Reflek­ti­ons­pro­zess der Gesell­schaft zu anti­zi­pie­ren und dann mög­lichst umso effek­ti­ver zu unter­stüt­zen, indem man ein­fach schär­fer und kla­rer in die gesell­schaft­li­chen Debat­ten ein­greift und sie so beein­flus­sen kann. In der Außen­wir­kung ist es durch­aus wich­tig zu zei­gen, dass wir hier nicht ein­fach alte Staub­sauger, Bit­coins oder Heil­was­ser ver­kau­fen wol­len, son­dern aus der Bewe­gung her­aus und zurück­ge­bun­den an die aktu­el­le Lage uns Gedan­ken machen und dies auch trans­pa­rent kom­mu­ni­zie­ren, zumal wir Kom­mu­nis­ten, wie Marx sag­te, unse­re Ansich­ten eben in ihrem Kern nicht ver­ber­gen müs­sen, weil wir die ein­zi­gen sind, die nicht die Mehr­heit zuguns­ten einer Min­der­heit täu­schen und ver­ar­schen will.

Neben dem Punkt, nicht in der Quer­den­ker­men­ta­li­tät zu ver­sump­fen, ist ein wei­te­rer Grund, war­um die Debat­te geführt wer­den muss, der, dass wir nolens volens in einer von klein­bür­ger­li­chen Ideo­lo­ge­men (und dazu zäh­le ich den argen Anti­kom­mu­nis­mus inner­halb der Frei­en Lin­ken) gepräg­ten Bewe­gung aktiv sind und natür­lich aktiv sein müs­sen. Wir müs­sen kei­ne Kom­mu­nis­ten vom Kom­mu­nis­mus über­zeu­gen, son­dern Nicht­kom­mu­nis­ten, wenn mög­lich auch Anti­kom­mu­nis­ten. Sprich: es gibt kei­ne Abkür­zung in der Agi­ta­ti­on, auch nicht in der Selbstvergewisserung.

Wir kön­nen uns auf die unsicht­ba­re Kir­che des Kom­mu­nis­mus beru­fen oder mit Bor­di­ga auf die »Inva­ri­anz des Mar­xis­mus« oder auch mei­net­we­gen mit Pla­to auf die unsterb­li­che Idee des Kom­mu­nis­mus. Nur wenn die Kir­che unsicht­bar ist, der Kate­chis­mus nicht gekannt, das Dog­ma nicht bekannt ist, die Pries­ter nicht unter den Men­schen, dann bringt uns das kei­nen Deut wei­ter. Als Bor­di­ga schrieb, war die Tra­di­ti­on der Arbei­ter­be­we­gung noch in Takt, die Tra­die­rung durch­aus effek­tiv – trotz Hit­ler und alle­dem. Heu­te ist der Keim der Blu­me der Frei­heit unter Ton­nen anti­kom­mu­nist­scher Lügen­gül­le ver­schüt­tet. Um die­sen Keim wie­der frei­zu­le­gen aber müs­sen wir selbst die stin­ken­de Gül­le Schau­fel für Schau­fel abtra­gen und der Bour­geoi­sie wie­der in den Rachen zurück schüt­ten. Eine Tra­di­ti­on, die nicht gelebt wird, ist kei­ne, son­dern Museumsmüll.

Der Punkt ist hof­fent­lich klar. Auch wenn die klas­si­schen Pro­gram­me der mar­xis­ti­schen Tra­di­ti­on im Grun­de noch vali­de sind, solan­ge der Kapi­ta­lis­mus herrscht, so müs­sen sie, um bei Pla­ton zu blei­ben, wie­der erin­nert wer­den, in Kon­takt mit der aktu­el­len gesell­schaft­li­chen Debat­te tre­ten und sich dort bewäh­ren, eben über­haupt erst wie­der zu Bewusst­sein kom­men. Wenn dies aber nicht ein­mal im Umfeld der Frei­en Lin­ken geschieht, die­se ein loses Aggre­gat blei­ben will, dann hät­te die Ver­an­stal­tung ihren Zweck ver­fehlt und wür­de zurück­fal­len oder auf­ge­hen im ahis­to­ri­schen Indif­fe­ren­tis­mus der Quer­den­ke­r­ideo­lo­gie. Das wür­de nur die Herr­schen­den freuen.

Genau sowe­nig ist zu ver­ges­sen, dass der gegen­wär­ti­ge kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re Angriff der Bour­geoi­sie zunächst direkt nur dem Klein­bür­ger­tum galt, das er somit weit­ge­hend erfolg­reich von der ohne­hin demo­bi­li­sier­ten Arbei­ter­klas­se iso­liert hat, indem letz­te­re eben vor­läu­fig finan­zi­ell ver­schont blieb, zumin­dest hier­zu­lan­de. Dem Klein­bür­ger­tum aber droht die Pro­le­ta­ri­sie­rung, wes­halb es momen­tan viel emp­fäng­li­cher für neue Ansich­ten ist als je zuvor. Indem man aber eine Pro­gramm­de­bat­te führt und sich ver­sucht ein offe­nes Pro­gramm zu geben, das als Richt­schnur gel­ten kann, ist man auto­ma­tisch viel seriö­ser als sol­che Orga­ni­sa­tio­nen, die eher an Spen­den­ein­nah­men ori­en­tiert sind oder die Schwar­min­tel­li­genz in ihr Pro­gramm schrei­ben, um dann ledig­lich ohne Intel­li­genz zu schwärmen.

Offen­sicht­lich aber kann nur eine gesell­schaft­li­che Lin­ke dafür prä­de­sti­niert sein ein Pro­gramm für das Pro­le­ta­ri­at und die ins Pro­le­ta­ri­at glei­ten­den klein­bür­ger­li­chen Schich­ten anzu­bie­ten. Nur, wenn man es nicht ein­mal schafft sich selbst zu einem Pro­gramm hin zu pro­fi­lie­ren, wie will man denn dann über­haupt der Gesell­schaft klar machen, dass aus­ge­rech­net man selbst meint die rich­ti­gen Ansät­ze parat zu haben. Vie­le schei­nen den Ernst der Lage noch nicht ganz begrif­fen zu haben. Es ist außer uns nie­mand da, der es wird machen oder rich­ten kön­nen. Das Gros der Lin­ken ist bekannt­lich aus­ge­fal­len und hat sich bis heu­te nicht berap­pelt. Die bür­ger­li­chen Tei­le der Bewe­gung haben kei­ne ernst­haf­ten Rezep­te anzu­bie­ten, von den gefähr­li­chen Irrun­gen der noch rech­te­ren Dem­ago­gen ganz zu schweigen.

Wir dür­fen nicht ver­ges­sen, dass uns eine Ver­ant­wor­tung zukommt. Das Wedeln mit Fähn­chen im bür­ger­li­chen Stall allein tut es nicht. Als nächs­tes wird sich der Bour­geois dran gewöh­nen, dass wir ihm die Demo­büh­nen auf­bau­en und Geträn­ke ser­vie­ren. So lang man nicht selbst aktiv inhalt­li­che Akzen­te setzt, ist frag­lich, was das Rum­lau­fen auf die­sen Demos mit den immer glei­chen seich­ten Reden eigent­lich brin­gen soll. Das soll mit­nich­ten hei­ßen, wir müs­sen mit der Demo­kra­tie­be­we­gung bre­chen. Über­haupt nicht. Aber wenn wir da sind, müs­sen wir uns bemerk­bar machen und mehr dar­stel­len als blo­ße Staffage.

Zur Programmdebatte: Demokratisierung von Gesellschaft und Wirtschaft

In gewis­ser Hin­sicht sind die fol­gen­den kur­zen Bemer­kun­gen durch­aus teils eine Bestä­ti­gung der Posi­tio­nen, die oben einer Kri­tik unter­zo­gen wor­den sind. Das ist aber kein Wider­spruch, denn ich sage ja nichts ande­res, als dass die Debat­te um ein Pro­gramm vor­nehm­lich den Zweck hat das Anknüp­fen an die ver­lo­ren gegan­ge­ne Tra­di­ti­on zu ermög­li­chen. Die­se auf die heu­ti­ge Zeit hin zuzu­schnei­den und auch die didak­ti­sche oder pro­pa­gan­dis­ti­sche und agi­ta­to­ri­sche Arbeit auf den spe­zi­el­len Kon­text an ein Milieu anzu­pas­sen, dass die­se Tra­di­ti­on ent­we­der ver­ges­sen hat oder ihr vor­der­grün­dig sehr skep­tisch gegen­über­steht. Dann sind die Aus­füh­run­gen auch ein teil­wei­ses Ein­ge­ständ­nis an den Ein­wand der Anar­chis­ten, dass ein zu hoher Grad an inhalt­li­cher Bestimmt­heit hin­sicht­lich gewis­ser The­men zumin­dest momen­tan noch zu früh und fehl am Plat­ze ist, um den hete­ro­ge­nen Zusam­men­hang nicht zu star­ken Rei­bun­gen aus­zu­set­zen und vor allem, um sich auf das Wesent­li­che zu begren­zen: die­ses aber ist das The­ma Demokratisierung.

Die bür­ger­li­che Demo­kra­tie­be­we­gung zeich­net sich dadurch als sol­che aus, dass sie Demo­kra­ti­sie­rung höchs­tens auf die gesell­schaft­li­che, meist gar nur auf die poli­ti­sche Ebe­ne pro­ji­ziert und dabei gemäß der bür­ger­li­chen Ideo­lo­gie die Wirt­schaft von die­ser Sphä­re abtrennt. Dadurch ent­steht ihre Blind­heit für grö­ße­re Gesamt­zu­sam­men­hän­ge und die Ver­kürzt­heit ihrer Lösungs­an­sät­ze. Weil nun aber die Tren­nung von Wirt­schaft und Poli­tik unser Den­ken beherrscht, ist, auch wenn es uns offen­sicht­lich nur um das Ein­rei­ßen die­ser mys­ti­fi­zie­ren­den Tren­nung gehen kann, mit Nach­druck neben der poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Demo­kra­ti­sie­rung jene auch der Wirt­schaft zu for­dern und klar zu machen, dass jene über­haupt erst die Vor­aus­set­zung für eine gesell­schaft­li­che Demo­kra­ti­sie­rung darstellt.

Damit wird einer­seits der Man­gel der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie­be­we­gung demas­kiert und ande­rer­seits das Tor zum Ein­tritt in wesent­li­che The­men der kom­mu­nis­ti­schen Gedan­ken­welt auf­ge­sto­ßen. Damit ist fer­ner eine Furt gefun­den, die den Über­tritt aus dem mys­ti­schen Sumpf bür­ger­li­chen Den­kens an das Ufer der Ver­nunft der kom­mu­nis­ti­schen Wis­sen­schaft­lich­keit ermög­licht, da sie am Haupt­the­ma der Bewe­gung anschließt und nicht als künst­li­ches äuße­res in apo­dik­ti­scher bes­ser­wis­se­ri­scher Manier in die Bewe­gung rein getra­gen wird. Viel­mehr ist der Demo­kra­tie­keim dort schon aus­ge­prägt, ver­bleibt aber noch ohne Hege und Pfle­ge unter der mit anti­kom­mu­nis­ti­scher Gül­le gedüng­ten Erde in der Dun­kel­heit unkla­rer Vor­stel­lun­gen über die gesell­schaft­li­chen Verhältnisse.

Ohne die Demo­kra­ti­sie­rung der Wirt­schaft wird es kei­ne ech­te Demo­kra­tie geben. Letz­te­re wür­de das Kau­tschuk­wort blei­ben, das es seit lan­gem ist. Heut­zu­ta­ge meint es im Mund der Herr­schen­den nichts ande­res als »unse­re Macht mit­samt der Zwangs­zu­stim­mung dazu«. In groß­bür­ger­li­chen libe­ral­kon­ser­va­ti­ven Wider­stands­krei­sen wie bei stark rechts den­ken­den soge­nann­ten »Patrio­ten« meint es mit­hin meist nur einen Eli­ten­wech­sel mit ihnen an der Spit­ze, wäh­rend die kapi­ta­lis­ti­sche Wirt­schafts­form unan­ge­tas­tet blei­ben soll.

Eine Demo­kra­ti­sie­rung der Wirt­schaft aber bedeu­tet die gesell­schaft­li­che Ver­füg­bar­keit über die Pro­duk­ti­ons­mit­tel als Mit­tel der gesell­schaft­li­chen Repro­duk­ti­on. Die Auf­he­bung des Pri­vat­ei­gen­tums an Pro­duk­ti­ons­mit­teln und deren Über­füh­rung an die Gesell­schaft ist völ­lig unzwei­fel­haft die zen­tra­le Vor­aus­set­zung für eine ech­te wirt­schaft­li­che, ergo gesell­schaft­li­che Demo­kra­ti­sie­rung, die über­haupt erst den Spiel­raum für wah­re demo­kra­ti­sche Ent­schei­dungs­fin­dungs­pro­zes­se eröffnet.

Erst dann, wenn die Arbeit direkt gesell­schaft­li­che Arbeit ist, kann die sich des­sen bewuss­te Gesell­schaft wirk­lich sich selbst bestim­mend wirt­schaf­ten und leben. Dazu aber ist eine Plan­wirt­schaft unab­ding­bar. Die­ser Punkt muss erklärt und aus­ge­ar­bei­tet wer­den, aber er kann nicht in Fra­ge gestellt wer­den, wenn man es ernst meint mit Demo­kra­ti­sie­rung. Natür­lich müs­sen Plan­wirt­schaft und ihre Grund­la­gen dis­ku­tiert und ent­wi­ckelt wer­den, nicht zuletzt wie sie in echt demo­kra­ti­sche Ent­schei­dungs­fin­dung und Kon­troll­pro­zes­se ein­ge­bun­den wer­den. Momen­tan sehe ich des­halb, dass der Demo­kra­ti­sie­rungs­ge­dan­ke als Art regu­la­ti­ves Prin­zip zu die­nen hat, der die Debat­te anlei­tet. Sprich, dass es jen­seits der Arti­ku­la­ti­on bestimm­ter inhalt­li­cher Fra­gen vor­nehm­lich ein­mal nur dar­um gehen kann, wie die all­ge­mei­ne Demo­kra­ti­sie­rung aus­se­hen kann und vor allem wie die gesell­schaft­li­che mit der wirt­schaft­li­chen ver­schränkt wer­den kann, um die Tren­nung bei­der Berei­che aufzuheben.

Damit ein­her geht die einst­wei­li­ge Zurück­stel­lung par­ti­el­ler inhalt­li­cher Fra­gen, wie der nach dem Ener­gie­trä­ger, der Kul­tur­po­li­tik oder gene­rell von Streit­the­men, die eher das Poten­ti­al haben die Klas­se der Lohn­ab­hän­gi­gen anhand von unwe­sent­li­chen Unter­schei­dun­gen zu spal­ten. Das will nicht hei­ßen, das man gleich­zei­tig sehr wohl ganz kon­kre­te und spe­zi­fi­sche Pro­gram­me für eine Über­gangs­re­gie­rung ent­wer­fen kann und sogar muss; auch nicht, dass man die­se Fra­gen nicht dis­ku­tie­ren soll, son­dern ledig­lich, dass die pro­gram­ma­ti­sche Haupt­ach­se den Fokus auf all­um­fas­sen­de Demo­kra­ti­sie­rung legen soll­te mit dem Fokus auf deren voll­stän­di­ger Vor­aus­set­zun­gen. Zudem wür­de ein Vor­grei­fen in ener­gie- oder gesell­schafts­po­li­ti­schen Grund­satz­fra­gen das Pro­gramm letzt­lich dem Vor­wurf aus­set­zen, dass es sich am Demo­kra­tie­ge­dan­ken ver­sün­di­ge. Eine zu star­ke Pro­fi­lie­rung in Detail­fra­gen wür­de in Zei­ten enor­mer und schnel­ler gesell­schaft­li­cher Umbruchs­pro­zes­se womög­lich auch Gefahr lau­fen aus der Zeit zu fal­len und das Wesent­li­che zu ver­pas­sen oder den Kapi­ta­lis­mus vor lau­ter Geld nicht zu sehen.

Letzt­lich müs­sen Vor­aus­set­zun­gen für ech­te Demo­kra­tie und demo­kra­ti­sche Ent­schei­dungs­fin­dungs­pro­zes­se geschaf­fen wer­den, in deren Zuge eine demo­kra­ti­sche Kul­tur wie eine freie gesell­schaft­li­che Aneig­nung und Orga­ni­sa­ti­on des Wis­sens erst ent­ste­hen muss. Bekannt­lich braucht es Genera­tio­nen bis der bour­geoi­se Bull­shit aus den Köp­fen ist (nur um dann als Bana­nen­trieb die Ver­nunft hin­ter­rücks zu über­rum­peln). Dar­auf kann man frei­lich nicht war­ten. Wie gehabt: das Pro­gramm einer Über­gangs­re­gie­rung kann, ja muss sehr kon­kret aus­for­mu­liert wer­den. Das­je­ni­ge für eine Neu­ge­stal­tung der Gesell­schaft hin­ge­gen soll­te sich vor allem auf Grund­satz­fra­gen und Haupt­ach­sen fokus­sie­ren, die dann in wei­te­ren Arbei­ten gesell­schaft­lich aus­for­mu­liert und dis­ku­tiert wer­den. Je grö­ßer der gesell­schaft­li­che Ein­fluss, des­to kon­kre­ter soll­te das Pro­gramm sein.

Des wei­te­ren darf bei der Fra­ge Bestimmtheit/​Unbestimmtheit nicht ver­ges­sen wer­den, dass im Zuge einer grund­sätz­li­chen gesell­schaft­li­chen Umwäl­zung wäh­rend ihres Voll­zugs zwangs­läu­fig gewis­se Über­bau­erschei­nun­gen ideo­lo­gi­scher Natur in den Hin­ter­grund tre­ten bezie­hungs­wei­se sich mit dem Wan­del der mate­ri­el­len Ver­hält­nis­se ändern wer­den. Des­halb soll­ten Fra­gen des von der herr­schen­den Klas­se ger­ne pro­pa­gier­ten Kul­tur­kamp­fes von rechts oder links, also zum Bei­spiel Eth­nop­lu­ra­lis­mus und Iden­ti­täts­po­li­tik, nicht im Vor­der­grund ste­hen. Es ist völ­lig klar, dass sowohl Nati­on, Regi­on, Fami­lie, Reli­gi­on oder die Natur­ro­man­tik alle­samt die Funk­ti­on haben die Här­ten des Kon­kur­renz­ka­pi­ta­lis­mus mate­ri­ell oder ideell aus­zu­glei­chen und abzumildern.

Das bedeu­tet aber über­haupt nicht, dass man die­se als ver­meint­li­che oder rea­le Abwehr­kräf­te gegen den welt­wei­ten Kapi­tal­mo­loch zu den Keim­zel­len oder Orga­ni­sa­ti­ons­ein­hei­ten der neu­en demo­kra­ti­schen Welt ver­klä­ren muss. Damit begin­ge man einen gro­ben Feh­ler. Genau­so begin­ge man aber einen gro­ben Feh­ler, alle in Reak­ti­on auf den Kapi­ta­lis­mus sich for­mie­ren­den Gegen­kräf­te als reak­tio­när und pro­to­fa­schis­tisch abzu­tun, zumal auf lin­ker Sei­te genau­so klei­ne Gemein­schaf­ten und »Schutz­räu­me« gebil­det wer­den, die in der Regel nicht weni­ger bor­niert oder vor faschis­ti­schen Ten­den­zen gefeit sind als die erstgenannten.

Um abschlie­ßend auf die ein­gangs erwähn­ten Rich­tun­gen ein­zu­ge­hen, sei den Bor­di­gis­ten gesagt: »Ja, es braucht ein Dog­ma, eine Par­tei und ein Pro­gramm, näm­lich das des Mar­xis­mus«. Den Mar­xis­ten-Leni­nis­ten sei gesagt: »Ja, das ist im Grun­de unser Pro­gramm, es muss nicht alles neu erfun­den wer­den und auch Sta­lin hat das Pro­gramm, anders als Bor­di­ga behaup­tet, nicht verraten.«

Zu den Anar­chis­ten muss ich dage­gen doch noch aus­ho­len, und zwar des­halb, weil es unklar ist, ob sie tat­säch­lich nur ideo­lo­gi­scher Aus­druck der klein­bür­ger­li­chen Pro­duk­ti­ons­form sind, das Dasein kapi­ta­lis­ti­scher Pri­vat­pro­du­zen­ten ideo­lo­gisch auf die Spit­ze trei­ben, sich ledig­lich mit Proud­hon in die Uto­pie einer anti­mo­no­po­lis­ti­schen Klein­pro­duk­ti­on ver­bei­ßen oder eben doch die bis­he­ri­gen Gesell­schafts­form über­win­den wol­len und mit ihr das Pri­vat­ei­gen­tum, die Waren­form und den Kapi­ta­lis­mus. Ist ers­te­res der Fall, dann ist es offen­sicht­lich unmög­lich auf einen grü­nen Zweig zu kom­men. Ist hin­ge­gen zwei­te­res der Fall, dann soll­te eine Zustim­mung der Anar­chis­ten zu den Vor­aus­set­zun­gen der Ver­ge­sell­schaf­tung der Pro­duk­ti­ons­mit­tel und der Demo­kra­ti­sie­rung der Wirt­schaft kein Streit­grund sein, zumal die­se ja auch Vor­aus­set­zung für die Stär­kung anar­chis­ti­scher Gesell­schafts­vor­stel­lun­gen ist.

Der Sen­si­bi­li­tät für will­kür­li­che Herr­schafts­struk­tu­ren sei­tens der Anar­chis­ten kann zwei­fel­los eine wich­ti­ge Rol­le beim Vor­an­trei­ben gesell­schaft­li­cher Demo­kra­ti­sie­rungs­pro­zes­se in allen Berei­chen zukom­men und auch beim Aus­ar­bei­ten demo­kra­ti­scher Model­le und Kon­troll­struk­tu­ren bie­tet der Anar­chis­mus einen rei­chen Theo­rie­schatz, den man nie ein­fach rund­her­aus ableh­nen sollte.

Ande­rer­seits droht der Anar­chis­mus Gefahr zu lau­fen zu einem unfrei­wil­li­gen Hilfs­trupp der Herr­schen­den zu wer­den, wenn er den Auf­bau star­ker Gegen­macht­struk­tu­ren durch sei­ne bis­wei­len puber­tär anmu­ten­de Pho­bie gegen die Bil­dung star­ker Arbei­ter­par­tei­en ins Schäd­li­che treibt. Eine Kri­tik und Selbst­kri­tik des gegen­wär­ti­gen Anar­chis­mus steht des­halb drin­gend auf der Tages­ord­nung. Mei­ner Kennt­nis nach gibt es anders als unter Kom­mu­nis­ten kei­ne Selbst­re­flek­ti­on über das Schei­tern des Anar­chis­mus, immer­hin gleich alt wie Kon­ser­va­tis­mus oder Kom­mu­nis­mus. Das lässt die Ver­mu­tung zu, dass mehr als spon­ta­ne Rebel­li­on dann doch nicht ange­strebt wird.

Wirk­lich wenig kon­struk­tiv im Hin­blick auf eine ech­te Ver­än­de­rung der Ver­hält­nis­se ist zudem, dass der Anar­chis­mus in sei­ner Pho­bie gegen­über dem Sozia­lis­mus meis­tens die anti­kom­mu­nis­ti­sche bür­ger­li­che Lügen­pro­pa­gan­da eins zu eins schluckt und sie mit Anar­chofolk­lo­re wie­der­ge­käut noch­mals aus­spuckt, ja über­haupt eine Obses­si­on mit ver­meint­li­chen kom­mu­nis­ti­schen Ver­bre­chen hat, kaum aber mit den ech­ten des Bür­ger­tums, was dann eben doch auch die Skep­sis unter Kom­mu­nis­ten nährt. Ein übri­ges tun dann mehr oder weni­ger aktu­el­le Bei­spie­le der Koope­ra­ti­on zwi­schen Impe­ria­lis­ten und Anar­chis­ten hin­zu: von Hong Kong über Roja­va zur Ukrai­ne oder den diver­sen Far­ben­re­vo­lu­tio­nen ist eine ganz unglück­li­che Rol­le des zeit­ge­nös­si­schen Anar­chis­mus bes­tens doku­men­tiert. Zuge­ge­be­ner­ma­ßen gilt das lei­der auch für nicht weni­ge sich kom­mu­nis­tisch hei­ßen­de Klein- und Großgruppen.

Natür­lich gibt es auch umge­kehrt durch­aus eini­ge Grün­de, die Anar­chis­ten nega­tiv gegen Kom­mu­nis­ten ein­stel­len, das sei zuge­stan­den, gilt aber vice ver­sa. Den­noch müs­sen Anar­chis­ten sich ein­ge­ste­hen, dass sie so gut wie kei­ne Erfol­ge vor­zu­wei­sen haben, was das Gro­ße und Gan­ze angeht. Sie soll­ten zur Kennt­nis neh­men, dass der Klas­sen­kampf kein Tages­werk ist und auch nach einer erfolg­rei­chen Revo­lu­ti­on wei­ter tobt, wie die rus­si­sche oder chi­ne­si­sche Geschich­te gelehrt haben. Auch dass der Impe­ria­lis­mus nicht ein­fach einem sozia­lis­ti­schen Staat wohl­wol­lend ent­ge­gen­tritt, sprich, dass es Not­wen­dig­kei­ten gibt, star­ke und teil­wei­se auch hier­ar­chi­sche Struk­tu­ren wie das Mili­tär oder Geheim­diens­te auf­zu­bau­en, soll­te bedacht wer­den, wenn man wirk­lich an einer lang­fris­ti­gen Ver­än­de­rung der Ver­hält­nis­se inter­es­siert ist und die Aus­beu­tung des Men­schen durch den Men­schen been­den will. Der Anar­chis­mus bleibt ansons­ten rei­ne Uto­pie und wird nicht zur Wis­sen­schaft, hät­te Engels gesagt.

Die Kom­mu­nis­ten soll­ten also durch­aus bei den Anar­chis­ten in die Schu­le gehen, damit es nicht noch ein­mal zu einer anti­de­mo­kra­ti­schen büro­kra­tis­ti­schen Ver­krus­tung kommt. Umge­kehrt, soll­ten die Anar­chis­ten von Kom­mu­nis­ten ler­nen, dass es durch­aus Struk­tur und star­ke Orga­ni­sa­tio­nen braucht, um den Kapi­ta­lis­mus über­haupt ernst­haft her­aus­for­dern zu kön­nen; dass es einen lan­gen Atem braucht, meh­re­re Genera­tio­nen, die Revo­lu­ti­on mehr ist als ein Rausch zwi­schen Fei­er­abend und Lohn­skla­ve­rei oder Selbstausbeutung.

Stellt man aber nun bei­de oder meh­re­re Grup­pie­run­gen und Rich­tun­gen unver­mit­telt neben­ein­an­der ohne zu einer pro­gram­ma­ti­schen und stra­te­gi­schen Dis­kus­si­on vor­an­zu­schrei­ten, dann kann auch der oben ange­mahn­te gegen­sei­ti­ger Lern- und Ent­wick­lungs­pro­zess nicht statt­fin­den. Die­ser aber ist Vor­aus­set­zung, dass die Freie Lin­ke mehr wird als ein blo­ßes Aggre­gat von Ansich­ten und Indi­vi­du­en oder Quer­den­ken mit lin­kem Vor­zei­chen. Des­halb hat sich die Freie Lin­ke Zukunft zu die­ser offe­nen Pro­gramm­de­bat­te ent­schlos­sen. Nicht um die Idee der Frei­en Lin­ken zu beer­di­gen, son­dern die­ser Form gebend sie zur Zukunft zu wenden.

7 thoughts on “Allumfassende Demokratisierung – ein Zwischenruf in die Programmdebatte

  1. >dass die Pro­gramm­de­bat­te durch­aus als Aus­druck eines Reflek­ti­ons­pro­zes­ses auf­ge­fasst wer­den kann.

    ich bin nicht sicher, ob man den reflek­ti­ons­pro­zess anstar­ten muss, ob er nicht schon – eben mit mal mehr mal weni­ger erloes – von anfang an dort im gan­ge ist, wo ein­zel­ne, von dort, dort und dort aus­ge­schie­den, grup­pen- und bezugs­los neu zusam­men­fin­den und ueber­le­gen, war­um gera­de sie jetzt sich in der neu­en lage wie­der­fin­den: das erken­nen die­ser lage ist schon der in gang gekom­me­ne pro­zess der reflek­ti­on nach innen, der dann, nach aus­sen ange­wandt, als metho­de der selbst­er­ken­nung der gan­zen bewe­gung her­hal­ten kann.

    >den Mas­sen klar zu machen, dass die gan­ze Schwei­ne­rei, die wir in den letz­ten zwei Jah­ren erlei­den muss­ten, durch­aus etwas mit der Funk­ti­ons­wei­se kapi­ta­lis­ti­scher Gesell­schaft zu tun hat.

    hier dann: sich sel­ber auf­schluss geben, mit­tels kri­tik, war­um und wie die­ses und jenes mit­ein­an­der zu tun hat, das ist erst­mal das pro­gramm, das was zu tun ist. die kon­se­quen­zen aus die­sen erkennt­nis­mo­men­ten zu zie­hen, liegt wie immer in der hand derer, mit denen man so gut man kann, die­se erkennt­nis­mo­men­te teilt (bevor es jemand ande­res in ent­ge­gen­ge­setz­te rich­tung tut)

    >son­dern aus der Bewe­gung her­aus und zurück­ge­bun­den an die aktu­el­le Lage uns Gedan­ken machen

    die bewe­gung kommt von sich aus zu – wie dir auch auf­fa­ellt, oft fal­schen – schlues­sen ueber sich selbst und die welt in der sie sich abspielt, pro­gramm ist, die bewe­gung dar­in zu unters­tuet­zen, sich ueber sich selbst und den gan­zen rest rich­tig aus­kunft zu geben, anstatt wei­ter­hin auf sei­ne eige­nen lebens­lue­gen hereinzufallen.

    >Wir müs­sen kei­ne Kom­mu­nis­ten vom Kom­mu­nis­mus über­zeu­gen, son­dern Nicht­kom­mu­nis­ten, wenn mög­lich auch Antikommunisten.

    stimmt.

    >Bor­di­ga

    ich ver­steh den tra­die­rungs­ge­dan­ken – her­me­neu­tik der kon­ti­nui­ta­et, sagen die theo­lo­gen – aber der ist genau­so­viel und gen­aus­we­nig wert wie er uns hilft, die lage zu begrei­fen und begreif­bar zu machen. ob du dafu­er eine alte sache aus­gra­ebst oder eine neue erfin­dest bleibt am mas­stab der hilf­rei­chig­keit die­ser sache gemessen.

  2. Anar­chis­ten die die Ver­ge­sell­schaf­tung von Pro­duk­ti­ons­mit­tel wol­len sind Sozia­lis­ten. Klar muß ihnen sein daß Kapi­ta­lis­ten nie auf­ge­ben wer­den und sich auch jeder­zeit neu bil­den kön­nen. Dazu wird nun mal eine Obrig­keit benö­tigt die die­se Aus­beu­ter unten und das Pro­le­ta­ri­at hoch hält. Dazu ist der Mar­xis­mus-Leni­nis­mus da.

    Antistalinisten+Trotzkisten sind Anti­kom­mu­nis­ten, sie sind ahnungs­los und auf kapi­ta­lis­ti­sche Pro­pa­gan­da her­ein­ge­fal­len. Abhil­fe schaf­fen geht nur mit Infor­mie­ren und Lesen – und zwar nichts von kapitalistischen/​trotzkistischen Authoren.

    Zur Demo­kra­ti­sie­rung der Wirt­schaft gehört auch die Demo­kra­ti­sie­rung der Pol­tiik, denn im Kapi­ta­lis­mus ist keins von bei­den demo­kra­tisch son­dern es wird das getan was das Kapi­tal will. Was auch kein Wun­der ist denn mit Geld kann man sich alles kau­fen, auch Poli­tik und damit die Macht. Daher muß auch ein Ver­bot kapi­ta­lis­ti­scher Par­tei­en gefor­dert wer­den denn letzt­end­lich ver­tre­ten die­se nur die 0,1% und das kann nie demo­kra­tisch sein. »Letzt­end­lich«, weil im Kapi­ta­lis­mus nur die »stärks­te« Fir­ma über­lebt, also die­je­ni­ge Fir­ma die am meis­ten Pro­fit macht, egal ob mit Skla­ve­rei, tota­ler Aus­beu­tung, Umwelt­zer­stö­rung, gekauf­ter Poli­tik. Es bleibt am Ende immer nur ein Monopol/​Oligopol übrig was Wirtschaft/​Politik beherr­schen wird. Par­tei­en die den Kapi­ta­lis­mus nicht abschaf­fen wol­len kön­nen also nie demo­kra­tisch sein.

  3. >Die Angst, dass Pro­fi­lie­rung und Über­win­dung der Indif­fe­renz zu Spal­tung … führt, ist wie erwähnt unbe­grün­det, viel­mehr scheint das Gegen­teil der Fall

    Spal­tung (je nach­dem Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten bis orga­ni­sa­to­ri­sche Spal­tung) ent­steht dann, wenn Aus­sa­gen für eine Gesamt­heit gemacht wer­den sol­len, die die Gesamt­heit nicht trägt. Das ist kei­ne Angst­fra­ge, son­dern eine Zweck­fra­ge: Zu wel­chem genau­en Zweck soll eine Aus­sa­ge X für eine Gesamt­heit gemacht wer­den, die die Gesamt­heit nicht trägt?

    — — — -

    Bei­spiel:

    Eine Unter­grup­pe A will für die Gesamt­heit einen Krieg in Land X ver­ur­tei­len und Kriegs­par­tei Y als »die Guten« hin­stel­len, womit eini­ge Betei­lig­te der Gesamt­heit nicht ein­ver­stan­den sind.

    Unter­grup­pe A soll­te, bevor sie Akti­vi­tä­ten in die­se Rich­tung star­tet, für sich selbst und die Gesamt­heit beant­wor­ten: Wor­in besteht der beobachtbare/​überprüfbare Nut­zen, (a) die Gesamt­heit über die­se Fra­ge zu ent­zwei­en, (b) Res­sour­cen der Gesamt­heit für Dis­kus­sio­nen über die­se Fra­ge zu ver­brau­chen? Hat die Gesamt­heit z.B. über­haupt so viel Ein­fluss, dass sich, was immer in ihrem Namen gefor­dert wird, prak­tisch auf den Krieg in Land X aus­wirkt? Wel­chen Nut­zen könn­te das Vor­ha­ben einer Aus­sa­ge für die Gesamt­heit, die die Gesamt­heit nicht trägt, sonst haben? Wel­cher Scha­den ent­steht? Über­wiegt der Nut­zen den Scha­den? Wes­halb kommt eine Aus­sa­ge zum Krieg in Land X, die die Gesamt­heit trägt, nicht in Fra­ge? Wes­halb soll­te die Aus­sa­ge nicht ent­hal­ten: eini­ge von uns mei­nen dies, ande­re das? Was wäre der Schaden?

    Argu­men­tiert Unter­grup­pe A, statt sol­che Fra­gen zu stel­len und zu beant­wor­ten, so: »Der Krieg in Land X ist zu ver­ur­tei­len und Kriegs­par­tei Y sind ›die Guten‹, weil … – und daher muss eine Aus­sa­ge für die Gesamt­heit gemacht wer­den, obschon nicht alle ein­ver­stan­den sind.« ist das papis­ti­scher Blöd­sinn. (Lei­der die Norm in lin­ken Zusam­men­hän­gen, der eine gewal­ti­ge Über­schät­zung der Bedeu­tung der eige­nen Aus­sa­gen zugrun­de liegt.)

    — — — -

    Ana­log wäre mit allen Aus­sa­gen zu ver­fah­ren, auch z.B. mit einer For­de­rung »Sozia­lis­mus«, wenn Betei­lig­te der Gesamt­heit lie­ber »Anar­chie« wol­len. Hier soll­ten sich »Sozialismus«-Befürwortende zusätz­lich für sich selbst fra­gen: Wel­cher beobachtbare/​überprüfbare Nut­zen ent­steht hin­sicht­lich der Errei­chung des Ziels des Sozia­lis­mus, wenn wir unter den gege­be­nen Bedin­gun­gen (a) die Gesamt­heit über die­se Fra­ge ent­zwei­en, (b) Res­sour­cen der Gesamt­heit für Dis­kus­sio­nen über die­se Fra­ge ver­brau­chen? Wel­cher Scha­den ent­steht? Gibt es bes­se­re Mög­lich­kei­ten, dem Sozia­lis­mus näher zu kommen? 

    Bei eini­gen Aus­sa­gen kann (je nach den Bedin­gun­gen jetzt oder spä­ter) durch­aus her­aus­kom­men: Spal­tung hat einen höhe­ren Nut­zen als Schaden.
    Genau sol­che Aus­sa­gen gehö­ren in ein Pro­gramm. Die­se Aus­sa­gen gilt es zu finden.

    Zual­ler­erst gehö­ren aber sol­che Aus­sa­gen in ein Pro­gramm, die die Gesamt­heit trägt. Die­se Aus­sa­gen gilt es zu finden.
    Gute Jobs in die­se Rich­tung sind: der FL-Grün­dungs­auf­ruf https://​frei​elin​ke​.net/ (das ist ein Pro­gramm), Stra­te­gi­sche For­de­rungs­kom­ple­xe https://​freie​-lin​ke​.de/​l​a​r​i​s​s​a​/​2​0​2​1​/​1​0​/​4​554, Ber­lin https://​freie​-lin​ke​-ber​lin​.de/​w​o​f​u​e​r​-​w​i​r​-​s​t​e​h​en/. Seit Grün­dung der FL hat erkenn­bar eine Kon­kre­ti­sie­rung des Pro­gramms stattgefunden.

  4. >Die Angst, dass Pro­fi­lie­rung und Über­win­dung der Indif­fe­renz zu Spal­tung … führt, ist wie erwähnt unbe­grün­det, viel­mehr scheint das Gegen­teil der Fall

    Spal­tung (je nach­dem Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten bis orga­ni­sa­to­ri­sche Spal­tung) ent­steht dann, wenn Aus­sa­gen für eine Gesamt­heit gemacht wer­den sol­len, die die Gesamt­heit nicht trägt. Das ist kei­ne Angst­fra­ge, son­dern eine Zweck­fra­ge: Zu wel­chem genau­en Zweck soll eine Aus­sa­ge X für eine Gesamt­heit gemacht wer­den, die die Gesamt­heit nicht trägt?

    — — — -

    Bei­spiel:

    Eine Unter­grup­pe A will für die Gesamt­heit einen Krieg in Land X ver­ur­tei­len und Kriegs­par­tei Y als »die Guten« hin­stel­len, womit eini­ge Betei­lig­te der Gesamt­heit nicht ein­ver­stan­den sind.

    Unter­grup­pe A soll­te, bevor sie Akti­vi­tä­ten in die­se Rich­tung star­tet, für sich selbst und die Gesamt­heit beant­wor­ten: Wor­in besteht der beobachtbare/​überprüfbare Nut­zen, (a) die Gesamt­heit über die­se Fra­ge zu ent­zwei­en, (b) Res­sour­cen der Gesamt­heit für Dis­kus­sio­nen über die­se Fra­ge zu ver­brau­chen? Hat die Gesamt­heit z.B. über­haupt so viel Ein­fluss, dass sich, was immer in ihrem Namen gefor­dert wird, prak­tisch auf den Krieg in Land X aus­wirkt? Wel­chen Nut­zen könn­te das Vor­ha­ben einer Aus­sa­ge für die Gesamt­heit, die die Gesamt­heit nicht trägt, sonst haben? Wel­cher Scha­den ent­steht? Über­wiegt der Nut­zen den Scha­den? Wes­halb kommt eine Aus­sa­ge zum Krieg in Land X, die die Gesamt­heit trägt, nicht in Fra­ge? Wes­halb soll­te die Aus­sa­ge nicht ent­hal­ten: eini­ge von uns mei­nen dies, ande­re das? Was wäre der Schaden?

    Argu­men­tiert Unter­grup­pe A, statt sol­che Fra­gen zu stel­len und zu beant­wor­ten, so: »Der Krieg in Land X ist zu ver­ur­tei­len und Kriegs­par­tei Y sind ›die Guten‹, weil … – und daher muss eine Aus­sa­ge für die Gesamt­heit gemacht wer­den, obschon nicht alle ein­ver­stan­den sind.« ist das papis­ti­scher Blöd­sinn. (Lei­der die Norm in lin­ken Zusam­men­hän­gen, der eine gewal­ti­ge Über­schät­zung der Bedeu­tung der eige­nen Aus­sa­gen zugrun­de liegt.)

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    Ana­log wäre mit allen Aus­sa­gen zu ver­fah­ren, auch z.B. mit einer For­de­rung »Sozia­lis­mus«, wenn Betei­lig­te der Gesamt­heit lie­ber »Anar­chie« wol­len. Hier soll­ten sich »Sozialismus«-Befürwortende zusätz­lich für sich selbst fra­gen: Wel­cher beobachtbare/​überprüfbare Nut­zen ent­steht hin­sicht­lich der Errei­chung des Ziels des Sozia­lis­mus, wenn wir unter den gege­be­nen Bedin­gun­gen (a) die Gesamt­heit über die­se Fra­ge ent­zwei­en, (b) Res­sour­cen der Gesamt­heit für Dis­kus­sio­nen über die­se Fra­ge ver­brau­chen? Wel­cher Scha­den ent­steht? Gibt es bes­se­re Mög­lich­kei­ten, dem Sozia­lis­mus näher zu kommen? 

    Bei eini­gen Aus­sa­gen kann (je nach den Bedin­gun­gen jetzt oder spä­ter) durch­aus her­aus­kom­men: Spal­tung hat einen höhe­ren Nut­zen als Schaden.
    Genau sol­che Aus­sa­gen gehö­ren in ein Pro­gramm. Die­se Aus­sa­gen gilt es zu finden.

    Zual­ler­erst gehö­ren aber sol­che Aus­sa­gen in ein Pro­gramm, die die Gesamt­heit trägt. Die­se Aus­sa­gen gilt es zu finden.
    Gute Jobs in die­se Rich­tung sind: der FL-Grün­dungs­auf­ruf https://​frei​elin​ke​.net/ (das ist ein Pro­gramm), Stra­te­gi­sche For­de­rungs­kom­ple­xe https://​freie​-lin​ke​.de/​l​a​r​i​s​s​a​/​2​0​2​1​/​1​0​/​4​554, Ber­lin https://​freie​-lin​ke​-ber​lin​.de/​w​o​f​u​e​r​-​w​i​r​-​s​t​e​h​en/. Seit Grün­dung der FL hat erkenn­bar eine Kon­kre­ti­sie­rung des Pro­gramms stattgefunden.

  5. Ein gut­ge­sinn­ter Text, der auf Kon­sens aus ist und ihn in der For­de­rung nach Demo­kra­ti­sie­rung fin­det. Ob orga­ni­sier­te Anhän­ger Bor­di­gas zustim­men wür­den, wenn es sie in Deutsch­land gäbe? – bei­na­he eine aka­de­mi­sche Frage…

    Es hat etwas Bizar­res: Wäh­rend auf der Sei­te der Frei­en Lin­ken Ber­lin sich recht abfäl­lig über eine Ver­an­stal­tung geäu­ßert wird, auf der der lin­ke Jour­na­list P. Novak einen covid­skep­ti­schen Vor­trag gehal­ten hat, der irgend­wann auf den Links­kom­mu­nis­mus kam – der ver­schnit­te­nen Fas­sung nach fand er ihn ver­mut­lich beim Con­tai­nern in den Hin­ter­hö­fen haup­städ­ti­scher Intel­lek­tu­el­len­cli­quen – , wird sich hier recht tole­rant zu ihm gestellt.

    Man braucht aber kein Bor­di­gist zu sein, um zu der Ein­schät­zung zu kom­men, dass es eben­falls kei­ne Per­spek­ti­ve für eine ech­te Mit­ar­beit von Links­kom­mu­nis­ten wel­cher Rich­tung auch immer in der FLZ geben kann; nicht mit den Mar­xis­ten-Leni­nis­ten und nicht mit dem liber­tä­ren Clübchen.

    Es wäre aller­dings wün­schens­wert, dass die bestehen­den Gegen­sät­ze dar­ge­legt und erklärt wer­den. Und da böte der »Zwi­schen­ruf« beson­ders mit sei­nem Exkurs zur Pro­test­ideo­lo­gie von Quer­den­ken erfreu­li­cher­wei­se eine gute Gelegenheit.

    Was die For­de­rung nach umfas­sen­der Demo­kra­ti­sie­rung angeht aber möch­te man bei­na­he anmer­ken, dass die Kri­tik der Gül­le die Kri­tik durch die Gül­le nicht erset­zen kann…

  6. Im gro­ßen und gan­zen gefiel mir der Arti­kel. Da es mich alte klei­ne Pro­le­ta­rie­rin schon seit eini­gen Jah­ren fuchst, dass sich die Ant­ka­pi­ta­lis­ten eher selbst zer­flei­schen und damit die Arbeit der Scher­gen ihres Geg­ners über­neh­men, als dass sie ihm ent­ge­gen­ge­tre­ten, freue ich mich über jeden Ver­such, hier auf­ein­an­der zuzugehen.

    Hier hät­te ich einen Vor­schlag. Wie wäre es, statt schon am Anfang die Dif­fe­ren­zen zu beto­nen, erst ein­mal bei den Über­ein­stim­mun­gen zu begin­nen und sich qua­si von die­sem Kern nach außen zu den unter­schied­li­chen Sicht­wei­sen vorzuarbeiten. 

    Viel­leicht auch noch­mal die Ent­wick­lung des Kapi­ta­lis­mus betrach­ten, der hat­te lan­ge vor der poli­ti­schen Revo­lu­ti­on sei­ne öko­no­mi­sche Ent­wick­lung im alten Sys­tem begon­nen. Es wird wahr­schein­lich auch auf dem Weg in die nach­ka­pi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­on und Gesell­schaft nicht die allein­gül­ti­ge one size fits all Lösung geben. Das ein­zig unab­ding­ba­re wird wohl sein müs­sen, reaktionäre/​konterrevolutionäre Kräf­te zu erken­nen und unschäd­lich zu machen. Und das ist eine Auf­ga­be, die per­ma­nent besteht.
    Jetzt bin ich noch gespannt, was dar­aus wird. Ich hat­te mich aus der offi­zi­el­len Debat­te ver­ab­schie­det, da ich die Ernst­haf­tig­keit anzu­zwei­feln begann.

  7. Ich fan­ge, auch in Anbe­tracht der Kom­men­ta­re, mal SO an:
    Die radi­kallin­ke (Sammlungs?)Bewegung ist und war ein­mal eine Bewe­gung – etwas von selbst Zustan­de­kom­men­des bei vie­len Leu­ten. Zum andern gab es da auch eine Theo­rie, Bewusst­ma­chung, die prak­tisch einen Unter­schied mach­te, das hiess: Wenn man die Theo­rie kann­te, ver­folg­te man das allen gemein­sa­me (und sowie­so ver­tre­te­ne) Bewe­gungs­ziel auf ande­re Wei­se als ohne, oder womög­lich gleich ein bes­se­res, bes­ser durch­dach­tes Ziel.
    Was aber das Ziel war, oder die Ziel-Rei­hen­fol­ge, der Plan, Nah­zie­le und Fern­zie­le, war schon in der Bewe­gung viel­fäl­tig. In der Theo­rie erst recht.
    Bei­des: das von selbst bei vie­len Ein­zel­nen Statt­fin­den, und das auf­klä­rend, agi­tie­rend Über­zeu­gen und dadurch (mit wenigs­tens sub­jek­tiv guten Grün­den) Len­ken, Gestal­ten fand immer zugleich statt, wenn auch höchst unter­schied­lich gewich­tet, es gab spon­ta­nes, aus uner­träg­li­chen Lagen her­aus erzwun­gen Dis­rup­ti­ves, eben­so wie rei­fe Über­le­gung und orga­ni­sier­te Ver­mitt­lung; und alles mög­li­che zwischendrin.

    Die prak­ti­sche Auf­ga­be nun, die »Demokrati(si)e(rung« lösen will, ist eine Bestim­mung kol­lek­ti­ven Han­delns durch ein Maxi­mum an (wenn auch nicht von allen) geteil­ten Wil­lens­in­hal­ten und Mei­nun­gen. Das alles unter­lag und unter­liegt meist bei­den genann­ten Ein­flüs­sen zugleich, dem spon­tan Mit­ge­brach­ten und unter Lei­dens-Druck gera­te­nen VON SELBST, und der von einem oder meh­re­ren über­le­gen­den Zen­tren per »Ver­öf­fent­li­chung« in eine unbe­stimm­te Mas­se (eben die bestimm­te »Öffent­lich­keit«) aus­strah­len­den Agi­ta­ti­on und Aufklärung.

    Die­se Auf­ga­be ist aber zu ein­fach gestellt, und genau dar­um stellt sie sich in den fort­ge­schrit­te­nen Ver­hält­nis­sen heu­te so nicht mehr, oder nur noch in einer sehr abge­lei­te­ten Form.
    Die prak­tisch zu lösen­de Fra­ge lau­tet viel­mehr: Wie kön­nen immer grös­se­re Grup­pen sach­ge­recht (!) kol­lek­tiv ler­nen, dh unter Umstän­den kom­ple­xe Sach­ver­hal­te sach­ge­recht kol­lek­tiv, gemein­sam beur­tei­len und ihr dar­aus abge­lei­te­tes (das womög­lich erst­mal im sei­ner­seits »sach­ge­rech­ten« Ver­brei­ten die­ser Urtei­le besteht) koordinieren?

    Ich erin­ne­re hier an die ein­zig kor­rek­te und dar­um REVO­LU­TIO­NÄ­RE Kom­mu­nis­mus-For­mel, die Marx uns gege­ben hat (natür­lich mei­ne Wie­der­ga­be des Gedan­kens von Marx, schon klar): K herrscht im Mass und dort, wie und wo der Kennt­nis­fort­schritt jedes ein­zel­nen Betei­lig­ten das Mass der Fort­ge­schrit­ten­heit dar­stellt, das die Grup­pe als gan­ze erreicht. Anders gesagt: Arbeits-TEI­LUNG (iSv ‑auf­tei­ung) hört beim Wis­sen alles fürs kol­lek­ti­ve Han­deln Rele­van­ten auf; Wissens‑, Kennt­nis- und Erkennt­nis-TEI­LEN muss aller ver­nünf­ti­gen Arbeits­tei­lung vor­aus­ge­gan­gen sein und ihr zugrundeliegen.

    Zwei­er­lei hal­te ich fest: Ers­tens, es han­delt sich um KENNT­NIS­SE auch Erkennt­nis­se; nicht um MEINUNGEN.
    Zwei­tens, das Mass an K wird an der Fähig­keit fest­ge­macht, sol­che Kennt­nis­se über­haupt zu tei­len und gemein­sam zu haben. Da geteil­te Ein­schät­zun­gen heu­te fast immer Mei­nungs­cha­rak­ter haben (der Unter­schied Meinung/​Urteil (Kennt­nis, Erkennt­nis usw) wäre zu erläu­tern), und wenn nicht, von nur ganz weni­gen in höhe­rem Mas­se geteilt wer­den, gibt es heut­zu­ta­ge kei­nen K. Nirgendwo.
    Die Fra­ge bleibt, ob er sich spon­tan her­stellt, oder was sei­ner Her­stel­lung von selbst, spon­tan, ent­ge­gen­kommt. Oder ob es ein Erkennt­nis­pro­zess, womög­lich auhc ein von aus­sen (immer wie­der?) ange­stos­se­ner sol­cher, ist, der ihn bei immer mehr, in immer grös­se­ren Grup­pen, erzeugt.
    Unbe­wie­se­ne The­se: Wenn das Zustan­de­kom­men von K in die­sem Sinn nicht gelingt, lösen wir, Mensch­heit, die am Ende der bür­ger­li­chen Moder­ne ange­häuf­ten Pro­ble­me nicht, und gehen unter. K ist das Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis, das dem zu die­sem End­zeit-Punkt erreich­ten (durch­aus auch trau­ri­gen. destruk­ti­ven) Stand der Pro­duk­tiv­kraft­ent­wick­lung einzg ange­mes­sen ist.
    Er ist kei­ne Uto­pie, son­dern BIT­TER NOTWENDIG.

    PS: Und das war nur der EINE von vier ver­meintt­li­chen Neben­wi­der­sprü­chen, Kopf/​Hand, die – wie ich behaup­te – gelöst sein müs­sen, um die Eigen­tums- und Macht­fra­ge end­gül­tig ange­hen (dh auf­lö­sen) zu kön­nen (so dass sie sich nicht mehr stellt; das unrei­fe bür­ger­li­che Ver­hält­nis zwi­schen Leu­ten Geschich­te ist).
    Für die andern: Mann/​Frau, Stadt/​Land, Zentrum/​Peripherie gilt das­sel­be, sage ich. Und da soll­te klar sein, dass es sich in allen vier Fäl­len um Chif­fren han­delt für über­aus bedrü­cken­de »Ver­hält­nis­se« – in und zwi­schen Ein­zel­nen, und mehr oder weni­ger gros­sen Grup­pen von ihnen.

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