Wohin des Wegs? Zur Perspektive der Freien Linken

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Es sind fast immer äuße­re Anstö­ße, wel­che die Lin­ke und die Arbei­ter­be­we­gung durch­schüt­teln und ihre poli­ti­sche Aus­rich­tung und orga­ni­sa­to­ri­schen Struk­tu­ren ver­än­dern. So ent­stand etwa die kom­mu­nis­ti­sche Bewe­gung einer­seits als Fol­ge der Ers­ten Welt­kriegs und der reak­tio­nä­ren Poli­tik der Sozi­al­de­mo­kra­tie und ande­rer­seits durch den Impuls der Revo­lu­ti­on in Russland.

In jün­ge­rer Zeit erfolg­te die mas­sen­haf­te Abwen­dung von der SPD infol­ge deren offen neo­li­be­ra­ler Wen­de mit der rot/​grünen Schrö­der-Regie­rung und der Ein­füh­rung der Hartz-Refor­men. Die­ser Pro­zess kul­mi­nier­te dann 2005 in den Mon­tags­de­mos und in der Ent­ste­hung der WASG. Letzt­lich schei­ter­te die WASG dann aber, weil sie a) zwar in Oppo­si­ti­on zur SPD stand, aber trotz­dem nicht metho­disch mit dem Refor­mis­mus gebro­chen hat­te und b), weil die Refor­mis­ten auch die WASG poli­tisch domi­nier­ten, sie in die Arme der PDS führ­ten und mit der LIN­KEN die zwei­te refor­mis­ti­sche Par­tei in Deutsch­land stärk­ten. Der dreibei­ni­ge Gaul bekam mehr Futter.

Auch die Coro­na-Kri­se war ein Ereig­nis, das die Gesell­schaft und die Lin­ke vor neue Her­aus­for­de­run­gen stell­te. Das gesam­te poli­ti­sche Spek­trum, der Staat und die Groß­me­di­en ord­ne­ten sich der Lock­down-Poli­tik mehr oder weni­ger unter und ver­leum­de­ten und ver­hin­der­ten weit­ge­hend jeden kri­ti­schen Dis­kurs. Das betraf auch den größ­ten Teil der Lin­ken, ja die Lin­ken gerier­ten sich oft sogar als beson­ders »maß­nah­men­treu«. So for­der­ten ver­schie­de­ne Grup­pen gene­rel­le Schul­schlie­ßun­gen und ver­leum­de­ten die von den Lock­downs beson­ders betrof­fe­nen Berei­che (Klein­ge­wer­be, Kul­tur u. a.), die Klein­un­ter­neh­mer (und damit auch ihre Ange­stell­ten) pau­schal als reak­tio­nä­re Ego­is­ten und als rechts. Die­se Lin­ken unter­lie­ßen alles, was not­wen­dig gewe­sen wäre, die über­trie­be­ne, wis­sen­schaft­lich halt­lo­se, unde­mo­kra­ti­sche Poli­tik und die ihr fast skla­visch fol­gen­den Groß­me­di­en und sog. Exper­ten zu kri­ti­sie­ren oder auch nur zu hinterfragen.

Linke Kritiker

Es ist des­halb bemer­kens­wert, dass es wenigs­tens einen klei­nen Teil der Lin­ken gab, der dazu eine kri­ti­sche und grund­le­gen­de lin­ke Posi­tio­nen ver­tei­di­gen­de Hal­tung ein­nahm. Ein Teil davon bil­de­te die »Freie Lin­ke« (FL). Sie ver­stand sich als lin­ke Coro­na-Maß­nah­men-Kri­ti­ke­rin und bil­de­ten in der Coro­na-kri­ti­schen Bewe­gung einen lin­ken Pol. Völ­lig rich­tig ver­such­te die FL, in die­se Bewe­gung zu inter­ve­nie­ren, um dort lin­ke Posi­tio­nen kennt­lich zu machen. Das ist umso aner­ken­nens­wer­ter, als die »Staats­me­di­en«, die Poli­tik und das Gros der Lin­ken die Bewe­gung ins­ge­samt als rechts, ver­schwö­rungs­theo­re­tisch und irgend­wie gaga dar­stell­ten. Die Rech­ten, die in der Bewe­gung nur ein klei­ner Teil waren, der die Gesamt­be­we­gung – die immer­hin Mas­sen mobi­li­sie­ren konn­te und trotz der Hetz­kam­pa­gne Woche für Woche Zehn- und Hun­dert­tau­sen­de auf die Stra­ße brach­te – nie domi­niert hat, wur­de zu deren Wesen sti­li­siert. Zwar räum­te man auch von offi­zi­el­ler Sei­te bald ein, dass die Bewe­gung die »Mit­te der Gesell­schaft« reprä­sen­tie­re und die Rech­ten ein Rand­phä­no­men wären, doch das ficht die Coro­na-affi­ne Lin­ke nicht an. Sie beschimpf­te die Demons­tran­ten wei­ter als Nazis und »rechts­of­fen«. Beson­ders tat sich dabei die Anti­fa her­vor. Sie bringt zwar sonst poli­tisch nie mehr zustan­de, als einen Klein­krieg mit den Bul­len anzu­zetelln, aber als Spal­ter der Lin­ken, als nütz­li­che Idio­ten des Staa­tes zu agie­ren, befrie­digt sie offenbar.

Die völ­lig ein­sei­ti­ge Ein­schät­zung der Coro­na-Poli­tik und der Coro­na-kri­ti­schen Bewe­gung ist nur ein wei­te­rer Aus­druck der weit­ge­hen­den Unfä­hig­keit der Lin­ken, die Rea­li­tät zu ana­ly­sie­ren und in Bewe­gun­gen und Kon­flik­te ein­zu­grei­fen. Wäh­rend sie abstru­se Kräf­te wie »Die letz­te Genera­ti­on«, »Ende Gelän­de« und die hüp­fen­den Klein­bür­ger­töch­ter von Fri­days for Future als links und unter­stüt­zens­wert anse­hen, sind ihnen die berech­tig­ten sozia­len Sor­gen von Mil­lio­nen »nor­ma­len« Leu­ten offen­bar egal. Die grund­le­gen­de Auf­ga­be der Arbei­ter­be­we­gung, eine akti­ve Bünd­nis­po­li­tik zu betrei­ben, inter­es­siert die heu­ti­ge Milieu-Lin­ke nicht. Hät­te die Lin­ke selbst die Initia­ti­ve in Sachen Coro­na ergrif­fen, wäre es ihr evtl. mög­lich gewe­sen, der Bewe­gung einen ande­ren, lin­ke­ren Cha­rak­ter zu geben. Sie war dazu zu sek­tie­re­risch – und poli­tisch zu dumm. Selbst heu­te – über zwei Jah­re nach dem Beginn von Coro­na – sucht man bei lin­ken Orga­ni­sa­tio­nen ver­geb­lich nach einer objek­ti­ven, die Daten und Fak­ten berück­sich­ti­gen­de Ana­ly­se und Aufarbeitung.

Es ist mit­un­ter schwie­rig, den Cha­rak­ter und die Aus­rich­tung klas­sen­über­grei­fen­der Bewe­gun­gen, wie es die Coro­na-Bewe­gung oder die Gelb­wes­ten sind, genau zu bestim­men. Das liegt in der Natur der Sache. Es ist daher für Lin­ke auch nicht immer mög­lich, Feh­ler zu ver­mei­den (das ist in der Poli­tik ohne­dies unmög­lich). Sicher­lich agier­te die FL nicht immer opti­mal und umgab sich mit­un­ter mit etwas »dubio­sen Leu­ten«, dar­aus jedoch einen Gene­ral­vor­wurf an die FL zu kon­stru­ie­ren, wie Tei­le der Lin­ken es machen, ist absurd. Zudem die FL bis­her weder ein Pro­gramm, noch kla­re Struk­tu­ren hat­te und haben konn­te. Die Ange­bo­te der FL, das Pro­blem der »Rechts­of­fen­heit« mit ande­ren Lin­ken zu dis­ku­tie­ren, wur­de von die­sen meist abge­lehnt. Umso mehr befass­te sich die FL intern sehr ernst­haft damit. Auch die­ses Ver­hal­ten des Gros der lin­ken Sze­ne zeigt die Igno­ranz, Dis­kus­si­ons­un­fä­hig­keit und die von ihr ver­in­ner­lich­te Can­cel culture.

Wie weiter?

Bis­her agier­te die FL v. a als Teil der Coro­na-kri­ti­schen Bewe­gung (und wird dies viel­leicht auch wei­ter tun müs­sen). Neu­er­dings ist sie auch ein Teil der Oppo­si­ti­on gegen den Krieg in der Ukrai­ne. Hier ver­tritt sie ins­ge­samt eine rich­ti­ge Stoß­rich­tung, indem sie sich weder mit Kiew noch mit Putin gemein macht und v. a die aggres­si­ve Stra­te­gie der Nato und der BRD kri­ti­siert und für eine mög­lichst schnel­le Been­di­gung des Kon­flikts durch Ver­hand­lun­gen ein­tritt. Es ist bezeich­nend, dass ande­re lin­ke Struk­tu­ren, die in der Ukrai­ne­fra­ge eine ähn­li­che Aus­rich­tung haben, die FL (bis­her) nicht in einer anti-impe­ria­lis­ti­schen Anti­kriegs­be­we­gung dabei­ha­ben möch­ten, weil die FL »rechts­of­fen« wäre oder eine fal­sche Posi­ti­on zu Coro­na ein­neh­men wür­de. Die­se völ­lig absur­den Vor­wür­fe zeu­gen jedoch nur von der ana­ly­ti­schen Schwä­che der Lin­ken und ihrem Unver­ständ­nis der Einheitsfrontmethode.

Will die FL über­haupt eine Per­spek­ti­ve haben, müss­te sie eine akti­ve­re Rol­le dabei spie­len, die gegen­wär­ti­ge – gleich­wohl aber schon sehr lan­ge bestehen­de – Kala­mi­tät der Lin­ken und der Arbei­ter­be­we­gung zu über­win­den. Das bedeu­tet kon­kret: Auf­bau einer neu­en anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Arbei­ter­par­tei. Nur die­se kann einen rele­van­ten Ein­fluss in der Gesell­schaft erlan­gen und eine Alter­na­ti­ve zu SPD, Links­par­tei und der DGB-Büro­kra­tie u. a bür­ger­li­chen Kräf­ten sein. Eine Par­tei ist nicht alles, aber ohne sie ist alles nichts! Sicher brau­chen wir dane­ben auch eine Gewerk­schafts­op­po­si­ti­on sowie eine Genos­sen­schafts- und Selbst­ver­wal­tungs­be­we­gung, doch die­se kön­nen eine Par­tei nicht erset­zen (was natür­lich auch umge­kehrt gilt). Auf­ga­be der FL wäre es also, für die­se Zie­le zu wer­ben, kon­kre­te Vor­schlä­ge zu machen und Initia­ti­ven zu star­ten. Sie müss­te dafür Mit­strei­ter suchen und eine Art Akti­ven-Struk­tur bil­den, wie etwa 2006 mit der NAO im Zuge der WASG. Natür­lich kann die FL die­se Auf­ga­be nur meis­tern, wenn sie selbst Klar­heit dazu hat, d.h. über eine Pro­gram­ma­tik ver­fügt. Vor allem muss die FL defi­nie­ren, auf wel­ches his­to­ri­sche Sub­jekt sie sich bezieht: auf die Arbei­ter­klas­se oder …?

Die­se Pro­gram­ma­tik zu ent­wi­ckeln ist gegen­wär­tig das A und O. Das bedeu­tet u. a auch, die­se Auf­ga­be nicht auf die lan­ge Bank zu schieben.

Kei­ne der gegen­wär­ti­gen Tei­le der FL ver­fügt selbst in Ansät­zen über eine sol­che pro­gram­ma­ti­sche Grund­la­ge. Die bis­he­ri­gen Ent­wür­fe (z.B. der FL) sind dafür weit­ge­hend unbrauch­bar. War­um? Ers­tens sind sie rei­ne Wunsch­ka­ta­lo­ge und ent­hal­ten fast kei­ne orga­ni­sie­ren­den Losun­gen und Tak­ti­ken. Zwei­tens umge­hen sie die Fra­ge der Gesell­schafts­ord­nung, d.h. der his­to­risch-stra­te­gi­schen Aus­rich­tung. Drit­tens fehlt ein kla­re Aus­sa­ge dazu, auf wel­ches sozia­le Sub­jekt (Klas­se) man sich bezieht.

Für die not­wen­di­ge poli­ti­sche Klä­rung ist es auch kon­tra­pro­duk­tiv und unse­ri­ös, »Frak­tio­nen« zu eta­blie­ren, die kei­ne inhalt­li­che Basis haben. Anstatt sich zu sepa­rie­ren und in Gra­ben­kämp­fen zu blo­ckie­ren, soll­ten alle Tei­le der FL sich in einen gemein­sa­men (!) Klä­rungs­pro­zess einbringen!

Die FL wird vom Gros der Lin­ken aus­ge­grenzt. Die Ant­wort dar­auf kann nur sein, mit der lin­ken Sze­ne (aus­ge­nom­men die beson­ders »blö­den« Tei­le wie die »Atlan­ti­fa«, mit denen jede Koope­ra­ti­on unmög­lich und unpro­duk­tiv ist) Kon­takt auf­zu­neh­men und eine prak­ti­sche Koope­ra­ti­on zu ent­wi­ckeln. Der­zeit ist das v. a in der Kriegs­fra­ge sowie beim Kampf gegen die Infla­ti­on nötig und auch möglich.

Wel­che Fra­gen müss­ten in ers­ter Linie in der FL geklärt wer­den? Dazu zählt v. a eine kla­re Aus­sa­ge zum stra­te­gisch-his­to­ri­schen Ziel. Refor­mier­ter Kapi­ta­lis­mus oder Kom­mu­nis­mus? Damit ver­bun­den: Was ver­ste­hen wir unter Kommunismus/​Sozialismus? In die­sem Zusam­men­hang muss eine klar anti-sta­li­nis­ti­sche Aus­rich­tung erkenn­bar sein. Wei­ter muss das Ver­hält­nis zwi­schen Revo­lu­ti­on und Reform geklärt wer­den. Weder ein vol­un­ta­ris­ti­scher »Revo­lu­tio­nis­mus« à la Lenin (der nur in einer his­to­ri­schen Aus­nah­me­si­tua­ti­on funk­tio­nie­ren konn­te) ist die Lösung, noch ein Refor­mis­mus, der den qua­li­ta­ti­ven, revo­lu­tio­nä­ren Umschlag aus­klam­mert. Was sind die wich­tigs­ten metho­disch-tak­ti­schen Fra­gen (Ein­heits­front­po­li­tik, pro­le­ta­ri­sche Selbst­ver­wal­tung usw.), wo wir kla­re Aus­sa­gen brau­chen? Das sind sicher nur eini­ge Aspek­te der Agenda.

Wir konn­ten immer wie­der beob­ach­ten, dass poli­ti­sche Bewe­gun­gen schon nach kur­zer Zeit wie­der in der Ver­sen­kung ver­schwan­den, ohne einen blei­ben­den Effekt gehabt zu haben. Das liegt v. a dar­an, dass sie kei­ne Pro­gram­ma­tik hat­ten (bzw. als Bewe­gung haben konn­ten), sie ver­füg­ten nicht über eine all­ge­mei­ne his­to­risch-gesell­schaft­li­che Per­spek­ti­ve. Dadurch waren sie nicht in der Lage, auch in ande­ren Kon­flik­ten attrak­tiv zu erschei­nen und für brei­te­re Mas­sen rele­vant zu sein. Die letz­ten bei­den Erfah­run­gen damit hier­zu­lan­de waren die WASG 2005 und jüngst Auf­ste­hen. Bei­de waren von Beginn von Refor­mis­ten domi­niert und hat­ten eine rein refor­mis­ti­sche Grund­la­ge. Die­se rich­te­te sich zwar gegen ein­zel­ne Aus­prä­gun­gen des Refor­mis­mus (v. a die SPD-Poli­tik), aber nicht gegen den Refor­mis­mus all­ge­mein. Was war das Ergeb­nis die­ser Bewe­gun­gen? Bei­de zer­fie­len bzw. wur­den wie­der in den refor­mis­ti­schen Main­stream ein­ge­bun­den (Fusi­on von PDS und WASG zur LINKEN).

Auch die FL muss sich die­ser Fra­ge stel­len. Ent­we­der sie ver­steht sich (immer noch) nur als lin­ker Flü­gel der Anti-Coro­na-Bewe­gung – dann wird sie schei­tern und zer­split­tern (ganz unab­hän­gig davon, wie es mit Coro­na wei­ter­geht). Oder aber sie ver­steht sich als Teil einer noch auf­zu­bau­en­den Kraft zur Erneue­rung der Lin­ken und der Arbei­ter­be­we­gung – das wäre ihre ein­zi­ge Erfolgs­chan­ce und ihr ein­zi­ger his­to­ri­scher Zweck. Noch ist alles im Flie­ßen – wer nicht unter­ge­hen will, muss das Schwim­men lernen!

Zuerst erschie­nen bei auf​ruhr​ge​biet​.de

Bild: Flag­ge der Frei­en Lin­ken Österreich

11 thoughts on “Wohin des Wegs? Zur Perspektive der Freien Linken

  1. Kur­ze Anmer­kung: FLZ steht nicht auf dem Stand­punkt der Äquis­danz in punc­to USA-Russ­land-Kon­flikt. Die FL-Ber­lin soweit in Ern­in­ne­rung, auch nicht wirk­lich. Ob ande­re Tei­le der FL dazu über­haupt einen dezi­dier­ten Stand­punkt aus­ge­ar­bei­tet haben, eher nicht, aber Posi­tio­nie­rung scheint impli­zit, wie in gro­ßen Tei­len des C‑Widerstands, ten­den­zi­ell pro-russisch.

  2. Zum The­ma Antis­ta­li­nis­mus eine Fra­ge: Ist es ein Zufall, dass die vom Autor kon­sta­tier­te »Dege­ne­ra­ti­on« der Lin­ken seit Jahr­zehn­ten mit einem völ­lig bor­nier­ten und unwiss­chen­schaft­li­chem Antis­ta­li­nis­mus ein­her­ging, der gera­de­zu zu einem Bekennt­nis­zwang wur­de, auf­ok­troy­iert von gera­de den Tei­len der Lin­ken, die ihren Frie­den mit der Bour­goi­sie bereits geschlos­sen hat­ten und mit­hil­fe des bür­ger­li­chen Anti­kom­mu­nis­mus den Kom­mu­nis­mus von innen her­aus aus­zu­höh­len began­nen? Gibt es da wirk­lich kei­nen Zusammenhang?

    Scheint mir ein blin­der Fleck zu sein.

  3. Ers­tens ist und war das Gros der deut­schen Lin­ken mehr oder weni­ger sta­li­nis­tisch ori­en­tiert (KPD, DKP, die Mao­is­ten u.v.a.). Die Kri­se der Lin­ken ist zum gro­ßen Teil deren Kri­se. Zwei­tens geht es bei der Posi­ti­on zum Sta­li­nis­mus weni­ger um irgend­wel­che tat­säch­li­chen oder ver­meint­li­chen bür­ger­li­chen Ansich­ten. Es geht dar­um, dass der Sta­li­nis­mus (unter Sta­lin selbst und unter sei­nen Nach­fah­ren) in allen (!) Klas­sen­kämp­fen nur Nie­der­la­gen erzeugt hat – das sind objek­ti­ve Fak­ten, die für jeden Mate­ria­lis­ten maß­ge­bend sein soll­ten. Die Rei­he der durch sta­li­nis­ti­sche Poli­tik erzeug­ten Kata­stro­phen ist unend­lich lang: in der SU die kata­stro­pha­le Zwangs­kol­lek­ti­vie­rung, der mil­lio­nen­fa­che Ter­ror und die mas­si­ve Büro­kra­ti­sie­rung usw., Spa­ni­en ab 1936, Chi­na in den 1920ern, 1933, 1944/45 usw. usw. Ich kom­me zudem aus der DDR und habe selbst erlebt, was »Sozia­lis­mus« a la Sta­lin bedeutet.

  4. Bevor man solch einen Arti­kel schreibt soll­te man sich schon mal Bücher von Marx, Engels, Lenin und Sta­lin vor­neh­men. Anti­kom­mu­nis­ti­sche Het­ze hier im Arti­kel wie zB »antis­ta­li­nis­ti­sche Aus­rich­tung« macht doch nur offen­sicht­lich daß ihr NICHTS kapiert habt. Ihr seid Opfer von kapi­ta­lis­ti­scher Pro­pa­gan­da die hier in der BRD bekannt­lich schon mit Schu­le und Eltern beginnt. Arbei­tet an euch! Bis dahin braucht ihr euch nicht als Lin­ke bezeichnen.

  5. War­um wohl ist das Sta­lin-Sys­tem über­all geschei­tert – weil es so gut war?! Und kei­ne Angst: Marx und Co. lese ich schon seit 50 Jah­ren. Wer wie Du, Sta­lin und Marx auf einer Sei­te der Bar­ri­ka­de sieht, hat zumin­dest Marx nicht verstanden.

    1. Was ist das »Sta­lin-Sys­tem«?

      Nach wel­chen Kri­te­ri­en kann man von einem Schei­tern spre­chen. Sieg über Hit­ler, Auf­bau der Indus­trie, des Sozia­lis­mus, der Sowjet­uni­on, Ent­wick­lung von Wis­sen­schaft und Tech­nik usw. 

      Klar ist Sta­lin in vie­lem geschei­tert, die Erfol­ge konn­ten nach sei­ner Zeit nicht vor­ge­setzt wer­den, die Kon­ter­re­vo­lu­ti­on nahm lang­sam aber sicher Oberhand.

      Sei­ne Vor­stel­lun­gen zu Demo­kra­ti­sie­rung und Kamp gegen Büro­kra­tis­mus kamen nicht zur Blüte. 

      Alles in allem kann man sich nur wün­schen, man hät­te wie­der sol­cher Kali­ber und wür­de auf so einem Niveau scheitern!!

      Den Zer­fall dann Sta­lin anzu­rech­nen, das geht sicher auch in Tei­len, aber das muss dan spe­zi­fi­ziert werden.

      So, das ist doch ein­fach kei­ne Ana­ly­se, eine his­to­ri­sche schon gar nicht. Es ist die Erset­zung einer Ana­ly­se durch die Ver­rats­mys­tik eines Trotz­ki, eines eit­len, von Eifer­sucht zu Hass getrie­be­nen Mannes. 

      Das sind kei­ne Kate­go­rien einer Ana­ly­se. Das ist das Mys­ti­fi­zie­ren der Geschichte.

      Man soll­te da ersrmal die Fak­ten­ba­sis sau­ber erar­bei­ten bevor man zum Bsp. zu so. Aus­sa­gen wie »Zwangs­kol­lek­ti­vie­rung« gelangt. Das ist Einwortpropaganda. 

      Es fällt ent­spre­chend schwer das ganz Ernst zu neh­men. Es fällt ein­fach hin­ter den aktu­el­len Erkennt­nis­stand zurück. Es ist auch kei­ne Ana­ly­se. Oh die bösen Ver­bre­chen, die man blind glaubt. Das ist nicht wis­sen­schaft­lich, das unter­schei­det sich wenig von der kapi­ta­lis­ti­schen mora­li­sie­ren­den Kritik.

      Nun ja, man soll­te ein­fach mal die Fak­ten her­aus­ar­bei­ten bevor man sowas behauptet.

      So ist das nur die alte Num­mer, das ist so uner­gie­big. Wer­de zu die­sem The­ma auch nix mehr kom­men­tie­ren. Es gibt auch wich­ti­ge­re Fra­gen. Trotz­dem gehört ein ande­rer boden­stän­di­ge­rer Ton­fall in die Debat­te, wenn man an einer Erneue­rung der Lin­ken inter­es­siert ist. Dazu gehört auch die Bring­schuld sich all­sei­tig zu infor­mie­ren. Mit einem ande­ren Geist macht dien­De­bat­te Sinn, aber auf dem Level kon­zen­trie­ren wir und lie­ber auf aktu­el­le Themen.

      Grü­ße vom zwangs­lohn­ab­hän­gi­gen Zwangs­mie­ter und Zwangsindividualisiertem

      1. Ich möch­te hier noch ein­mal dar­auf ver­wei­sen, dass sich mein Arti­kel sich nicht mit dem Sta­li­nis­mus befasst. Inso­fern stellt er auch kei­ne Ana­ly­se des­sen dar. Ich habe das Fass nicht auf­ge­macht. Wer aller­dings wie Du bestrei­tet, dass es so etwas wie Sta­li­nis­mus als Ideo­lo­gie und Gesell­schafts­sys­tem über­haupt geben wür­de, wer so eine dum­me und ver­bre­che­ri­sche Maß­nah­me wie die Zwangs­kol­lek­ti­vie­rung ver­tei­digt und jede grund­le­gen­de Kri­tik an Sta­lins Poli­tik nur für anti­kom­mu­nis­ti­sche Pro­pa­gan­da hält, dem ist schwer­lich zu helfen.

        Du schreibst u.a.: »Sei­ne Vor­stel­lun­gen zu Demo­kra­ti­sie­rung und Kampf gegen Büro­kra­tis­mus kamen nicht zur Blü­te.« Es gab neben den faschis­ti­schen Län­dern wohl kaum ein Sys­tem, in dem jede (!) Form von Demo­kra­tie so unter­drückt war wie in der SU Sta­lins. Und da maßt Du Dir an, ande­ren Leu­ten Man­gel an Ana­ly­se vor­zu­wer­fen? Es ist ein­fach nur grotesk!

        1. Emp­feh­le Micha­el Kubi zur Sowjet­de­mo­kra­tie und Gro­ver Furr zur Sta­lins Kampf für demo­krs­ti­sche Refor­men, natür­lich hab ich dem Arri­keln nicht das vor­ge­wor­fen, was er nicht macht. 

          Bezieht sich auf Kom­men­ta­re. Emp­feh­le wirk­lich mal die Lite­ra­tur zum The­ma zu lesen bevor man ein­fach unnö­tig und v.a. I’m Kon­text einer Neu­for­mie­rung ein­fach mit bil­li­gen Invek­ti­ven gegen die SU schießt, wozu denn?

          1. Anstatt Lite­ra­tur­emp­feh­lun­gen zu geben – so als ob ande­re Leu­te nichts lesen wür­den -, soll­test Du ver­ste­hen, dass es ein Unmen­ge von lin­ken, links-bür­ger­li­chen und auch mar­xis­ti­schen Autoren gibt, die die UdSSR vor, wäh­rend und nach der Sta­lin-Zeit ana­ly­siert haben, tw. aus eige­nem Erle­ben und nicht nur aus dem Stu­di­um von Lite­ra­tur von Leu­ten, die immer nur im Nach­hin­ein und ohne Kennt­nis der Rea­li­tät urtei­len. V.a. kann man sich über­haupt nicht auf Sta­lins Schrif­ten ab den 1920ern bezie­hen, weil er dort nur noch schön »fabu­liert«, wäh­rend sei­ne Pra­xis oft eine ganz ande­re war – davon abge­se­hen, dass die theo­re­ti­sche Qua­li­tät gen Null geht.

            Zudem geht es dar­um, gera­de bei einer Neu­for­mie­rung, grund­le­gen­de Fra­gen zur Pro­gram­ma­tik und zur Gesell­schafts­vor­stel­lung auf­zu­wer­fen. Und – sor­ry – wer da nicht zwi­schen Sta­lins Poli­tik und Gesell­schafts­mo­dell und den Auf­fas­sun­gen von Marx einen grund­le­gen­den Unter­schied sieht, soll­te sich nicht Mar­xist nen­nen. Hier­bei spielt auch über­haupt kei­ne Rol­le, wel­che Absicht die (mit­un­ter bür­ger­li­chen) Kri­ti­ker Sta­lins ver­fol­gen, rele­vant ist aus­schließ­lich, ob ihre Kri­tik mit den his­to­ri­schen Fak­ten über­ein stimmt. So han­delt auch jede Natur­wis­sens­haft, nur in den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten ist es oft üblich, rein ideo­lo­gisch vor­zu­ge­hen. Ein Bei­spiel: Sta­lins Zwangs­kol­lek­ti­vie­rung hat enor­me wirt­schaft­li­che Schä­den ange­rich­tet, die etwa so groß waren wie der Zuwachs des BIP durch die par­al­le­le Indus­tria­li­sie­rung. Das alles ist empi­risch belegt. Wie kann man dann trotz­dem behaup­ten, dass Sta­lins Agrar-Poli­tik erfolg­reich war?! Es ist außer­dem klar, dass die Zwangs­kol­lek­ti­vie­rung metho­disch gegen Lenins kor­rek­tes Prin­zip der Frei­wil­lig­keit bei der Genos­sen­schaft­lich­keit ver­stieß. Russ­land war um 1900 der welt­größ­te Agrar­ex­por­teur, durch Sta­lins strunz­dum­me Hasard­po­li­tik wur­de die rus­si­sche Land­wirt­schaft für Jahr­zehn­te rui­niert. Das­sel­be Bild zeigt sich z.B. bei der Woh­nungs­po­li­tik, wobei der Ver­staat­li­chungs­wahn schon 1917 unter Lenin begann.

            Ein Grund­pro­blem Dei­ner Anschau­ung ist offen­bar, dass Du glaubst, dass Ver­staat­li­chung gleich Ver­ge­sell­schaf­tung wäre. Lies, was Marx zu den Genos­sen­schaf­ten geschrie­ben hat, ist nicht viel, aber lehr­reich – und ein­deu­tig. Ich habe das in etli­chen Arti­keln (www​.auf​ruhr​ge​biet​.de) und in mei­nen Bro­schü­ren ausgeführt.

  6. Nun, das weiß ich, bringt mich aber nicht dazu die SU in Bausch und Bogen zu ver­wer­fen eben ganz wie die Ein­heits­front von Faschis­ten über Bür­ger­li­che hin zu manch west­li­chem Marxisten.

    Wer behaup­tet Sowjet­uni­on sei (fast) so schlimm gewe­sen wie Faschis­mus, darf sich über gut gemein­te Lite­ra­tur­emp­feh­lun­gen nicht beklagen. 

    Vor allem, da vie­le der ver­meint­li­chen Ver­bre­chen längst wider­legt oder kon­tex­tua­li­siert wur­den. Man kann das nicht igno­rie­ren, man kann sich die Arbeit nicht nicht machen aber den­noch beleh­ren wol­len. Man muss das dann zur Kenn­tis neh­men und sich drauf ein­las­sen und damit arbeiten.

    Kubi zeigt übri­gens wie es einen so gro­ßen Andrang gab bei der Kol­lek­ti­vie­rung (frei­wil­lig!), dass man ihn brem­sen musste.

    Aber was sind schon Mil­lio­nen Sowjets gegen ein paar enntäusch­te Schriftsteller?

    1. Hier eini­ge Anmer­kun­gen zu Dei­nem letz­ten Kommentar.
      1. ich ver­wer­fe die UdSSR nicht „in Bausch und Bogen“, son­dern bemü­he mich um eine Ein­ord­nung und Bewer­tung. Ich habe ich kei­nes­wegs behaup­tet, die UdSSR „sei (fast) so schlimm gewe­sen wie Faschis­mus“. Ich bezog mich aus­schließ­lich auf die Fra­ge der Demo­kra­tie – und da trifft mei­ne Kri­tik voll zu. Ein Bei­spiel: Die Nazis ver­folg­ten poli­ti­sche Geg­ner (von den ras­sisch Ver­folg­ten abge­se­hen). Die Ver­hö­re und Fol­te­run­gen dien­ten ihnen dazu, wirk­lich etwas über ihre Geg­ner zu erfah­ren. Nicht so bei Sta­lins KGB-Cher­gen, die meist genau wuss­ten, dass die Anschul­di­gun­gen absurd und kon­stru­iert waren. Es ist doch wohl ein Unding, dass fast alle füh­ren­den Bol­sche­wi­ken umge­bracht wor­den sind, weil sie angeb­lich Fein­de, Agen­ten, Nazis usw. waren. Wenn das auch nur in Ansät­zen stimmt, wür­de das bedeu­ten, dass die gesam­te Par­tei immer schon begeis­tert die­sen Ver­bre­chern gefolgt wäre. Und Lenin und Sta­lin, die Par­tei-Chefs, wären aus­ge­mach­te Idio­ten oder selbst Ver­bre­cher gewe­sen, weil sie sich mit sol­chen Sub­jek­ten umga­ben. Es gibt genü­gend Ana­ly­sen der Mos­kau­er Pro­zes­se, die deren aber­wit­zi­ge Lügen ent­larvt haben.
      Du schreibst: „da vie­le der ver­meint­li­chen Ver­bre­chen längst wider­legt oder kon­tex­tua­li­siert wur­den“. Ja eben. Des­halb ist es ja auch kor­rekt, den unde­mo­kra­ti­schen, lüg­ne­ri­schen und ter­ro­ris­ti­schen Cha­rak­ter der Sta­lin-UdSSR anzuprangern.
      2. Der Maß­stab für die Ein­schät­zung einer „sozia­lis­ti­schen“ Gesell­schaft kann natür­lich auch nicht der Ver­gleich mit dem Faschis­mus sein, son­dern mit des­sen his­to­ri­schen Zie­len, um deret­we­gen die Revo­lu­ti­on über­haupt durch­ge­führt wur­de. Eines die­ser Zie­le war frag­lich die Eta­blie­rung von mög­lichst viel Demo­kra­tie – wohl­ge­merkt Räte­de­mo­kra­tie. Das wur­de in beschei­de­nen Ansät­zen 1917 begon­nen. Unter sehr schwie­ri­gen Bedin­gun­gen (Bür­ger­krieg, Hun­ger, Kri­se) kol­la­bier­te das Räte­sys­tem. Die Par­tei war gezwun­gen, ein durch­aus sehr zen­tra­li­sier­tes, büro­kra­ti­sches Not­sys­tem zu eta­blie­ren, um die Revo­lu­ti­on zu ret­ten. Doch nach dem Sieg 1921 ‑Stich­wort X. Par­tei­tag – gal­ten objek­tiv ande­re Bedin­gun­gen. Das hät­te bedeu­ten müs­sen, das Not­re­gime zuguns­ten der Arbei­ter-Räte-Demo­kra­tie zu mini­mie­ren, die Büro­kra­tie und deren Gel­tungs­be­reich zu beschnei­den. Das Gegen­teil ist pas­siert: Frak­ti­ons­ver­bot, Ein­schrän­kung der Struk­tu­ren und Rech­te der Gewerk­schaf­ten und Betriebs­ko­mi­tees. Letz­te­re sind die pro­le­ta­ri­sche Basis des Räte­sys­tems und v.a. die ein­zi­ge kon­kre­te Mög­lich­keit für die Arbei­ter, die Pro­duk­ti­ons­mit­tel zu ver­wal­ten und direkt (!) zu kon­trol­lie­ren. Eine „Klas­se an sich“ kann näm­lich die „PM an sich“ gar nicht ver­wal­ten. In den 1920ern wur­den die Mög­lich­kei­ten der direk­ten Ver­wal­tung auf Null redu­ziert – das war die Kehr­sei­te des Fünf-Jahr-Plans. Zwar bewirk­te die­ser durch­aus viel Posi­ti­ves, aber eben auf Kos­ten der Ent­mach­tung und Ent­eig­nung des Pro­le­ta­ri­ats als des Sub­jekts des sozia­lis­ti­schen Auf­baus. Kurz­fris­tig ist das als „Not­va­ri­an­te“ viel­leicht mach­bar, lang­fris­tig ist es kata­stro­phal. Das ist der tie­fe­re Grund des kom­plet­ten Schei­terns des Mos­kau­er Modells. Ein wesent­li­ches Ele­ment des Sta­lin-Sys­tems – das Kom­mis­s­ar­we­sen, d.h. Ernen­nung von oben – wur­de nie in Fra­ge gestellt, obwohl jeder dar­um wuss­te. Allein das bedeu­te­te Aus­he­be­lung jeder Rätedemokratie.
      3. Zur Kol­lek­ti­vie­rung. Mei­ne The­se: es gab (abge­se­hen von Maos Gro­ßem Sprung) noch nie in der Welt­ge­schich­te eine sol­che kata­stro­pha­le und kom­plett dum­me Wirt­schafts­maß­nah­me wie Sta­lins Zwangskollektivierung.
      Zunächst zu Dei­nem (Kubis) Argu­ment „es (gab) einen so gro­ßen Andrang … bei der Kol­lek­ti­vie­rung (frei­wil­lig!), dass man ihn brem­sen muss­te“. Selt­sa­mer­wei­se gab es bis 1929 kei­ne Dyna­mik für die Bil­dung von Genos­sen­schaf­ten, obwohl das zum Pro­gramm der Bol­sche­wi­ki gehör­te. War­um nicht? 1. hat­ten die Bol­sche­wi­ki auf dem Land struk­tu­rell (!) kei­nen Ein­fluss, 2. waren daher die Dorf­so­wjets nie wirk­lich revo­lu­tio­nä­re Orga­ne, son­dern wider­spie­gel­ten v.a. Augen­blicks- und Par­ti­al­in­ter­es­sen der Bau­ern (Land, Frie­den). 3. exis­tier­ten über­haupt kei­ne mate­ri­el­len Bedin­gun­gen für ein Genos­sen­schafts­we­sen. Es wären zunächst Mus­ter­gü­ter erfor­der­lich gewe­sen, eine leis­tungs­fä­hi­ge Indus­trie und agra­ri­sches Know how. Das fehl­te – weit­ge­hend auch 1929. Das wäre kein gro­ßes Pro­blem gewe­sen, wenn man die Agrar­struk­tu­ren nach und nach geän­dert hät­te. Statt einer ver­nünf­ti­gen Wirt­schafts­po­li­tik wur­de jedoch – ent­ge­gen der durch­aus erfolg­rei­chen Poli­tik in der Peri­ode der NÖP – ein Hasard­kurs ein­ge­schla­gen. Die­ser ver­geu­de­te enor­me Res­sour­cen, erzeug­te rie­si­ge Dis­pro­por­tio­nen und ver­stärk­te noch bestimm­te Pro­ble­me (man­gel­haf­te Qua­li­tät, viel Aus­schuss, Man­gel an Fachleuten).
      Genau­so aber­wit­zig war die Begrün­dung der Hyper­in­dus­tria­li­sie­rung. Es gäbe eine aku­te mili­tä­ri­sche Bedro­hung. Woher soll­te die­se in den 1920ern kom­men? Vom demi­li­ta­ri­sier­ten Deutsch­land? Von den kriegs­mü­den Län­dern Bri­tan­ni­en und Frank­reich? Vom klei­nen Polen? Von den USA, die damals einem Iso­la­ti­ons­kurs folg­ten? Zudem waren die west­li­chen Impe­ria­lis­men von Infla­ti­on oder Sta­gna­ti­on gebeu­telt und stürz­ten 1929 in eine ver­hee­ren­de Kri­se. Die­se Bedro­hung – und die all­ge­gen­wär­ti­ge Spio­na­ge­ma­nie – hat­ten nichts mit der Rea­li­tät zu tun, waren aber gut geeig­net als Vor­wand für Ter­ror, Ein­schrän­kung der Demo­kra­tie und aller­lei Zick­zacks in der Politik.

      Die Indus­tria­li­sie­rung kam v.a. der Schwer­indus­trie zugu­te (Stahl für den Bau von Stahl­wer­ken) und ent­sprach nicht den Bedürf­nis­sen der Gesell­schaft, die v.a. Agrar­tech­nik brauch­te und Güter der Leicht­in­dus­trie. Vor allem erfolg­te eine aber­wit­zi­ge Auf­rüs­tung. Die Rote Armee war 1941 der Wehr­macht bei der tech­ni­schen Aus­rüs­tung um ein Mehr­fa­ches über­le­gen. Das nütz­te ihr aber wenig, da Sta­lins ver­bre­che­ri­sche und dum­me Mili­tär­po­li­tik die UdSSR fast in die Nie­der­la­ge geführt hat (wie übri­gens Sta­lin schon für die Nie­der­la­ge 1920 vor War­schau haupt­ver­ant­wort­lich war).
      3. 1929 also eine mas­sen­haf­te Kam­pa­gne für Genos­sen­schaf­ten vom Zaun zu bre­chen, ist dumm – und ange­sichts der Fol­gen (Hunger,Vernichtung enor­mer agra­ri­scher Pro­duk­ti­ons­mit­tel) ver­bre­che­risch. Wie zu erwar­ten war (und dafür brauch­te man kein Öko­no­mie­stu­di­um) funk­tio­nier­ten die Genos­sen­schaf­ten nicht. Nur die armen Bau­ern woll­ten bzw. muss­ten in die Genos­sen­schaft. Das waren aber gera­de die unge­bil­dets­ten und am schlech­tes­ten wirt­schaf­ten­den Bau­ern. Alle, die etwas besa­ßen (und wenn es auch nur eine Kuh und ein Pferd war) wur­den als Kula­ken beschimpft. Die­se Bezeich­nung ist kei­ne sozio­lo­gi­sche Kate­go­rie und für jeden Mar­xis­ten eine Lach­num­mer. Sie war aber gut geeig­net, jeden zu ent­eig­nen, zu ver­trei­ben, zu ver­haf­ten oder zu töten, der dem jewei­li­gen Funk­tio­när nicht passt. Die obe­re Schicht der Bau­ern­schaft mach­te nur ca. 10 – 20% der Höfe aus. Sie hat­ten sich wäh­rend der NÖP berei­chert. Wer hat sie dazu ermun­tert? Der mit Sta­lin damals ver­bün­de­te Bucha­rin (Berei­chert Euch!). Die­se Berei­che­rung erfolg­te aber kaum durch Mehr­pro­duk­ti­on, denn die Beschäf­ti­gung von mehr Lohn­ar­bei­tern und der Ankauf von mehr Land waren ihnen unter­sagt. Was taten sie also? Sie ver­pach­te­ten Ihr Land, ver­lie­hen Tech­nik, Zug­vieh usw. zu Wucher­prei­sen. Anstatt nun aber die­ses Trei­ben ein­zu­däm­men und wenigs­tens eine Pro­gres­siv­steu­er ein­zu­füh­ren, ver­säum­te man das. Rand­be­mer­kung: ein paar Jah­re lang kam man auf die Schnaps­idee, die Steu­er nach der Zahl der Getrei­de­kör­ner pro Qua­drat­me­ter fest­zu­le­gen. Das pas­siert, wenn Büro­kra­ten­hir­ne sich etwas aus­den­ken. Man schaue sich die Mit­glie­der des dama­li­gen Polit­bü­ros an: fast nur welt- und fach­frem­de Poli­ti­kas­ter. Wie heu­te die Grü­nen und die ande­ren Poli­ti­ker und Parlamentarier.
      Das war die Poli­tik der Sta­lin-Admi­nis­tra­ti­on. Es war Trotz­ki, der genau die­se Ent­wick­lung vor­aus­ge­sagt und kri­ti­siert hat­te. Man muss eben nur die rich­ti­gen Bücher lesen.
      4. Wei­ter durch den Sumpf der Poli­tik des gro­ßen Füh­rers. Bei der Bekämp­fung der Kula­ken mach­te man den Rie­sen­feh­ler, auch die Mit­tel­bau­ern zu bekämp­fen. Damit rui­nier­te man den größ­ten und pro­duk­tivs­ten Teil der Land­wirt­schaft. Der Kampf gegen die Mit­tel­bau­ern­schaft war indes kei­ne Idee Sta­lins, son­dern im Bol­sche­wis­mus immer schon ange­legt. Er war ein, aller­dings nicht der wich­tigs­te Grund, für die enor­men Pro­ble­me in der Land­wirt­schaft ab 1917. Mit der NÖP kam es zu einer schnel­len Ver­bes­se­rung der Ver­sor­gungs­la­ge, auch die Bau­ern­re­vol­ten hör­ten fast ganz auf. Es wäre also öko­no­misch ange­zeigt gewe­sen, die NÖP noch wei­ter zu füh­ren, aller­dings nicht so wie Sta­lin und Bucharin.
      5. Als sich das Cha­os durch die Kol­lek­ti­vie­rung zeig­te, schon Sta­lin alle Schuld auf die unte­ren Funk­tio­nä­re, die über­trie­ben hät­ten. Anstatt Feh­ler ein­zu­ge­ste­hen und zu über­win­den, wur­den Sün­den­bö­cke gesucht (und nicht sel­ten umge­bracht). Die­ses Ver­hal­ten Sta­lins zeigt auch, wel­ches Cha­rak­ter­schwein er war.
      6. Man ver­glei­che das Vor­ge­hen der Bol­sche­wi­ki und Sta­lins mit dem der Anar­chis­ten, der POUM u.a. in den repu­bli­ka­ni­schen Gebie­ten in Spa­ni­en ab 1936. Sie hat­ten dort eine Mas­sen­ver­an­ke­rung, es ent­stand bin­nen kur­zer Zeit ein gro­ßes Genos­sen­schafts­we­sen, das Mil­lio­nen umfass­te. Es hat nicht nur funk­tio­niert, es hat sogar deut­lich pro­duk­ti­ver gear­bei­tet als die Struk­tu­ren vor­her. Die Mit­tel­bau­ern wur­den nie bekämpft, son­dern ein­ge­bun­den. Alles erfolg­te ohne Zwang. Eine Erfolgsgeschichte!
      War­um war das so, obwohl die Bedin­gun­gen in Spa­ni­en ab 1936 denen in Russ­land ab 1917 sehr ähn­lich waren – außer dass die CNT nicht die Macht auf Lan­des­ebe­ne hat­te. a) die Anar­chis­ten sahen zwar auch die Arbei­ter­klas­se als „ein­zig kon­se­quent revo­lu­tio­nä­re Klas­se“ (Marx) an, ver­stan­den aber auch die Dorfar­mut als revo­lu­tio­när und nicht nur als Bünd­nis­part­ner wie Bol­sche­wi­ki. Des­halb bau­ten sie auch auf dem Land Struk­tu­ren auf und nicht nur beim Indus­trie­pro­le­ta­ri­at. Das gelang den Bol­sche­wi­ki nicht – weil sie es auch nicht vor­hat­ten. Die Fol­ge war, dass die Bol­sche­wi­ki auf dem Land nicht ver­tre­ten waren und für ihre Land-Poli­tik nicht auf brauch­ba­re Struk­tu­ren zurück­grei­fen konn­ten. Ein Bei­spiel war der kom­plet­te Flop der „Komi­tees der Dorfar­mut“. Die Anar­chis­ten ver­mie­den es, eta­blier­te öko­no­mi­sche und Sozi­al­struk­tu­ren ein­fach zu zer­schla­gen, wie es tw. die Bol­sche­wi­ki mach­ten (Ver­bot des frei­en Han­dels tw. schon 1917). Sie ver­folg­ten rich­ti­ger­wei­se einen Kurs der Reform der Ver­hält­nis­se. Natür­lich „ver­zich­te­ten“ sie auf die Staats­macht und (unter)stützten die Volks­front (genau wie die KP auf Anord­nung Sta­lin), so konn­te das Genos­sen­schafts­sys­tem natür­lich letzt­lich nur schei­tern, aber das ist eine ande­re Frage.
      6. Ich weiß nicht, was Dein letz­ter Satz hei­ßen soll? „Aber was sind schon Mil­lio­nen Sowjets gegen ein paar ent­täusch­te Schriftsteller?“
      1928 gab es zwar der Form nach noch Sowjets, jedoch hat­ten die mit wirk­li­chen Sowjets nichts mehr gemein. Eine Sowjet­de­mo­kra­tie ohne Presse‑, Ver­samm­lungs- und Orga­ni­sa­ti­ons­frei­heit unter der Knu­te des Geheim­diens­tes, nach­dem die Geschich­te umge­schrie­ben wur­de? Unmöglich!

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