Das Narrativ vom Holodomor

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Inhalt

1. Einleitung

Im Zusam­men­hang mit der west­li­chen Kriegs­pro­pa­gan­da gegen Russ­land taucht das Nar­ra­tiv vom Völ­ker­mord auf, den Putin in der Ukrai­ne bege­hen wür­de. Eva­ku­ie­run­gen der Zivil­be­völ­ke­rung aus den Don­bass-Repu­bli­ken, aber auch aus Mariu­pol nach Russ­land, um sie vor dem Krieg in Sicher­heit zu brin­gen, wer­den in der gif­ti­gen west­li­chen Pro­pa­gan­da als Kriegs­ver­bre­chen, als Depor­ta­tio­nen und Geno­zid geframt. Damit begrün­det die His­to­ri­ke­rin Anne App­le­baum im angeb­lich libe­ra­len Maga­zin The Atlan­tic, dass der Wes­ten alles, aber auch wirk­lich alles dafür tun müs­se, damit die Ukrai­ne den Krieg gegen Russ­land gewän­ne1. Das impli­ziert logi­scher­wei­se auch das direk­te Ein­grei­fen der NATO in den Krieg, der damit zu einem Drit­ten Welt­krieg eska­lie­ren würde.

App­le­baum setzt das heu­ti­ge kapi­ta­lis­ti­sche Russ­land umstands­los mit der Sowjet­uni­on unter Sta­lin gleich. Putin gelüs­te es eben­so wie Sta­lin nach einem Geno­zid am ukrai­ni­schen Volk. Hier kippt der viru­len­te Anti­kom­mu­nis­mus des Wes­tens end­gül­tig in eine faschis­ti­sche Ideo­lo­gie um. Die Not­wen­dig­keit, Russ­land und die Rus­sen zu bekämp­fen, wird nun nicht mehr mit einer fal­schen und blut­rüns­ti­gen Ideo­lo­gie, dem »Kom­mu­nis­mus« begrün­det, son­dern mit dem rus­si­schen Volks­cha­rak­ter. Die Rus­sen sei­en gar kei­ne rich­ti­gen Men­schen, son­dern Unter­men­schen – Orks – wie sie die Ukrai­ner und immer mehr Deut­sche nicht zufäl­lig nen­nen. Eine deut­sche Pro­fes­so­rin spricht den Rus­sen im Grun­de genom­men eben­falls das Mensch­sein ab, da sie eine ande­re Ein­stel­lung zu Schmerz und Leid hät­ten.2

Hin­ter­grund die­ser maß­lo­sen, durch­aus ras­sis­ti­schen Het­ze ist das Nar­ra­tiv vom Holo­do­mor, des Hun­ger­ho­lo­causts am ukrai­ni­schen Volk. Die Geschich­te geht so: Sta­lin habe einen Geno­zid durch Hun­ger ange­ord­net, der in den Jah­ren 1932/33 in den öst­li­chen Gebie­ten der Ukrai­ne und der angren­zen­den Regi­on Kuban, im Nord­kau­ka­sus und im Wol­ga­ge­biet ereig­ne­te, wo über­wie­gend eth­ni­sche Ukrai­ner3 gelebt hät­ten. Er woll­te damit angeb­lich den Wider­stand der länd­li­chen ukrai­ni­schen Bevöl­ke­rung gegen die Kol­lek­ti­vie­rung bre­chen und das kul­tu­rel­le und reli­giö­se Leben der Ukrai­ner zer­stö­ren. Die­sem Hun­ger­ho­lo­caust sei­en 7 bis 10 Mil­lio­nen Ukrai­ner zum Opfer gefallen.

Das Nar­ra­tiv vom Hun­ger als Waf­fe, die Sta­lin gegen das ukrai­ni­sche Volk ein­ge­setzt haben, lässt sich bis auf Ver­öf­fent­li­chun­gen im deut­schen Faschis­mus zurück­füh­ren. Ein gewis­ser Dr. Ewald Ammen­de ver­öf­fent­lich­te 1935 ein Buch mit dem Titel »Muss Russ­land hun­gern?« Es ent­hielt zahl­rei­che offen­sicht­lich gefälsch­te Fotos von angeb­li­chen Hun­ger­op­fern und wei­te­re von höchst dubio­ser Her­kunft, die in der US-Ame­ri­ka­ni­schen Aus­ga­be noch ver­mehrt wur­den.4

Der ame­ri­ka­ni­sche Pres­se­ma­gnat und Hit­ler­ver­eh­rer Wil­liam Hearst, Begrün­der der Regen­bo­gen­pres­se, setz­te sein Medi­en­im­pe­ri­um in Bewe­gung, um Gräu­el­pro­pa­gan­da gegen die Sowjet­uni­on unter den Ame­ri­ka­nern zu ver­brei­ten. Nach einem Besuch bei Hit­ler im Jahr 1934 waren Hearsts Zei­tun­gen voll mit Hor­ror­ge­schich­ten über die Sowjet­uni­on, dar­un­ter war bereits das Nar­ra­tiv vom Hun­ger­ho­lo­caust in der Ukrai­ne. Das Mate­ri­al stamm­te von dubio­sen Lohn­schrei­bern, die in der US-Ame­ri­ka­ni­schen Öffent­lich­keit alle­samt als unglaub­wür­dig gal­ten.5

In der Nach­kriegs­zeit wur­de das Nar­ra­tiv vom Holo­do­mor von ukrai­ni­schen faschis­ti­schen Kol­la­bo­ra­teu­ren in den USA reak­ti­viert, unter akti­ver Mit­ar­beit der CIA. Der Begriff selbst stammt erst aus den 70er Jah­ren. Holo­do­mor setzt sich aus den ukrai­ni­schen Wör­tern Holod für Hun­ger und Mory­ty, was für Tötung/​Vernichtung steht, zusam­men.6

Die Ähn­lich­keit zum Wort Holo­caust ist nicht zufäl­lig. Sie kam erst auf, als sich die­ser Name lang­sam als Bezeich­nung für die faschis­ti­sche Juden­ver­nich­tung durch­setz­te. In den 70er und 80er Jah­ren gab es zahl­rei­che Wort­bil­dun­gen mit dem Begriff Holo­caust, wodurch ein Ver­gleich mit der Juden­ver­nich­tung impli­ziert wur­de. Bei­spie­le hier­für sind ato­ma­rer Holo­caust für einen Atom­krieg, Baby-Holo­caust für die Abtrei­bung und Frau­en-Holo­caust für die Hexen­ver­fol­gun­gen in der Frü­hen Neu­zeit, der hun­dert­tau­sen­de Frau­en zum Opfer gefal­len sind. Die Anti­fa hat sol­che Wort­bil­dun­gen auf das Schärfs­te als Ver­harm­lo­sung der Juden­ver­nich­tung ver­ur­teilt, jedoch gegen den Begriff Holo­do­mor offen­bar kei­ne Ein­wän­de erhoben.

Die Behaup­tung, dass 7 bis 10 Mil­lio­nen Men­schen im Holo­do­mor umge­kom­men sein, impli­zit, dass er ein schlim­me­res Ver­bre­chen sei als der Holo­caust mit sei­nen 5,6 bis 6,3 Mil­lio­nen Opfern. Das zei­ge, dass der »Kom­mu­nis­mus« ein schlim­me­res Mensch­heits­ver­bre­chen gewe­sen sei als der Faschismus.

Wei­ter aus­ge­ar­bei­tet wur­de das Nar­ra­tiv vom Holo­do­mor von akti­vis­ti­schen west­li­chen His­to­ri­kern wie Anne App­le­baum ihrem Buch »Roter Hun­ger« und Timo­thy Sny­der in sei­nem »Bloo­d­lands«. Die­se Bücher haben in der Fach­welt kei­ne güns­ti­ge Auf­nah­me gefun­den. Dafür wur­den sie in den Medi­en in den höchs­ten Tönen gelobt. Bei­de Autoren sind in zahl­rei­che trans­at­lan­ti­sche Think­tanks ein­ge­bun­den und wer­ben seit Jahr­zehn­ten uner­müd­lich für einen har­ten anti­rus­si­schen Kurs.

Nach der Oran­gen Revo­lu­ti­on von 2004 kam in der Ukrai­ne Vic­tor Juscht­schen­ko an die Macht. Er setz­te durch, dass die Ukrai­ni­sche Rada im Jahr 2006 den Holo­do­mor als Völ­ker­mord aner­kann­te und sei­ne »Leug­nung« unter Stra­fe stell­te. Kein ande­res Nar­ra­tiv hat Bezie­hun­gen zwi­schen Ukrai­nern und Rus­sen in der Ukrai­ne so sehr ver­gif­tet wie die­ses. Kei­ne ande­re Erzäh­lung hat so stark zum Wachs­tum des Faschis­mus in der Ukrai­ne bei­getra­gen.7

Die Jour­na­lis­tin Dag­mar Henn weist zurecht dar­auf hin, dass der Wes­ten, indem er die Ver­bre­chen der ukrai­ni­schen Faschis­ten leug­net und/​oder recht­fer­tigt, sei­nem Vor­bild immer ähn­li­cher wird.8 Das gilt auch für das Nar­ra­tiv vom Holo­do­mor. Inzwi­schen haben ihn 23 Län­der offi­zi­ell als Mas­sen­mord aner­kannt, dar­un­ter die USA, Groß­bri­tan­ni­en, die bal­ti­schen Staa­ten und Polen.

Die Grü­ne Marie­lui­se Beck trom­melt uner­müd­lich in der Bun­des­re­pu­blik für die Aner­ken­nung des Holo­do­mor. Noch 2017 und 2020 wur­de die­ses Ansin­nen abge­lehnt.9 Es ist jedoch zu befürch­ten, dass der Bun­des­tag allein aus Soli­da­ri­tät mit der Ukrai­ne und Hass auf Russ­land den Holo­do­mor in Kür­ze aner­ken­nen wird. Dies natür­lich ver­bun­den mit einem Ver­bot sei­ner »Leug­nung«. Damit wür­de das faschis­to­ide Geschichts­bild der Ukrai­ne auch in Deutsch­land mit Hil­fe der Staats­ge­walt bra­chi­al durch­ge­setzt. Dies wie­der­um wür­de ein Ver­bot kom­mu­nis­ti­scher Sym­bo­le wie der rote Fah­ne oder Ham­mer und Sichel nach sich ziehen.

Bereits heu­te wird das Zei­gen der Flag­ge der Sowjet­uni­on aus »Soli­da­ri­tät« mit der Ukrai­ne in Deutsch­land teil­wei­se per Ver­ord­nung durch Ver­samm­lungs­be­hör­den ver­bo­ten. Hin­ter­grund ist, dass Prä­si­dent Putin unter­stellt wird, er wol­le die Ukrai­ne genau­so erobern und unter­drü­cken, wie sie in der Zeit der Sowjet­uni­on »unter­drückt« gewe­sen sei. Kern die­ser maß­lo­sen Anschul­di­gung ist wie­der das Lügen­nar­ra­tiv vom ukrai­ni­schen Hunger-Holocaust.

Es geht gegen­wär­tig um das Über­le­ben der Mensch­heit, ein Atom­krieg wird immer wahr­schein­li­cher. Höchs­te Zeit, sich mit dem Nar­ra­tiv des Holo­do­mor als der Basis­ideo­lo­gie des Rus­sen­has­ses zu beschäftigen.

Um die Fak­ten zu ken­nen und rich­tig ein­ord­nen zu kön­nen, müs­sen wir bis in die Zeit des Zaris­mus zurückgehen.

2. Agrarverhältnisse in Russland vor 1917

Die unge­rech­te Land­ver­tei­lung und die archai­sche Agrar­struk­tur war der Haupt­schwach­punkt des Zaren­reichs. Erst 1861 wur­de in Russ­land die Leib­ei­gen­schaft auf­ge­ho­ben, mehr als 51 Jah­re nach Preu­ßen. Die als »Kom­pen­sa­ti­on« hier­für an die ehe­ma­li­gen Feu­dal­her­ren zu leis­ten­den hohen Ablö­se­zah­lun­gen und Land­ab­tre­tun­gen bewirk­ten, dass sich in der Pra­xis nicht viel änder­te und das Leben der Bau­ern eher noch elen­der wurde.

Die Dorf­ge­mein­de war Basis für den bru­ta­len feu­dal­herr­li­chen Des­po­tis­mus. Pri­vat­ei­gen­tum an Grund und Boden war unter den Bau­ern unbe­kannt. Statt­des­sen wur­de das Land eines Dor­fes peri­odisch unter allen Fami­li­en umver­teilt. Die Sozia­lis­tin Vera Sas­su­litsch kor­re­spon­dier­te 1881 mit Karl Marx über die Fra­ge, ob die­se Dorf­ge­mein­den die Grund­la­ge für einen zukünf­ti­gen Sozia­lis­mus bil­den können.

Am Vor­abend des Ers­ten Welt­krie­ges leb­ten von den rund 150 Mil­lio­nen Ein­woh­nern Russ­lands noch 82% auf dem Lan­de. Die Land­wirt­schaft erzeug­te 58% des Gesamt­pro­duk­tes, Indus­trie und Dienst­leis­tun­gen zusam­men nur 42%. Das zaris­ti­sche Russ­land war also ein rück­stän­di­ges Agrar­land.10

Von der land­wirt­schaft­li­chen Nutz­flä­che waren 1913 in den Hän­den:11

des Adels, der Guts­be­sit­zer und der Klöster

41,7%

der Groß­bau­ern (Kula­ken)

21,8%

der Mit­tel- und Kleinbauern

36,5%

Im euro­päi­schen Russ­land war die Land­ver­tei­lung beson­ders unge­recht. Hier ver­füg­ten 30.000 Groß­grund­be­sit­zer über mehr Land als 10,5 Mil­lio­nen Bau­ern­wirt­schaf­ten. 30% der Bau­ern­wirt­schaf­ten besa­ßen kein Pferd und 34% kei­ne land­wirt­schaft­li­chen Geräte.

Trotz­ki stellt zu Recht fest: »Die­se Boden­sta­tis­tik bil­de­te das fer­ti­ge Pro­gramm des Bau­ern­krie­ges.»12

Bereits die Rus­si­sche Revo­lu­ti­on von 1905 war auch eine Agrar­re­vo­lu­ti­on. Unru­hen auf dem Lan­de flamm­ten auch in den fol­gen­den Jah­ren immer wie­der auf.

Mit sei­nen Agrar­re­for­men von 1906 woll­te der rus­si­sche Minis­ter­prä­si­dent Sto­lypin das tau­meln­de Zaren­reich sta­bi­li­sie­ren. Bau­ern beka­men nun Recht, auch gegen den Wil­len der Dorf­ge­mein­de aus der­sel­ben aus­zu­tre­ten und ihren Anteil an Grund und Boden als Pri­vat­be­sitz zu bean­spru­chen. Bis zum 1. Janu­ar 1916 nutz­ten 2,5 Mil­lio­nen Hof­be­sit­zer13 mit 17 Mil­lio­nen Dess­ja­ti­nen14 die­se Mög­lich­keit. 2 wei­te­re Mil­lio­nen hat­ten für 14 Mil­lio­nen Dess­ja­ti­nen einen ent­spre­chen­den Antrag gestellt, der in Bear­bei­tung war.

Sto­lypin woll­te mit sei­nen Refor­men eine kon­ser­va­ti­ve Schicht von Par­zel­len­bau­ern schaf­fen als Basis für den zaris­ti­schen Des­po­tis­mus. Dabei dach­te er an die Ver­hält­nis­se in Frank­reich. Nach­dem ihre Ansprü­che in der gro­ßen Revo­lu­ti­on von 1789 befrie­digt wor­den waren, bil­de­te die fran­zö­si­sche Bau­ern­schaft die Basis für auto­kra­ti­sche Herr­schaft der Fami­lie Bonaparte.

In Russ­land jedoch ging die­ses Kal­kül nicht auf. Bis 1914 muss­ten von den 2,5 Mil­lio­nen Aus­sied­lern bereits eine Mil­li­on ihr Land­ei­gen­tum ver­kau­fen. Auch vie­le Ade­li­ge gin­gen plei­te und ver­kauf­ten ihr Land. In der Vor­kriegs­zeit kam es zum Auf­stieg einer klei­nen Schicht von Groß­bau­ern, der Kula­ken, die immer mehr Getrei­de auf den natio­na­len und inter­na­tio­na­len Markt war­fen. Spie­gel­bild­lich zum Auf­stieg einer Bau­ern­bour­geoi­sie ver­arm­ten brei­te Bau­ern­mas­sen umso schnel­ler. Es kam also zu einer extre­men Pola­ri­sie­rung auf dem Lan­de. Anstatt dass die Ein­zel­bau­ern eine Stüt­ze der Selbst­herr­schaft bil­den wür­den, muss­ten sie nun ihrer­seits gegen die Ansprü­che der armen Bau­ern geschützt wer­den. Nach wie vor las­te­te auch der feu­da­le Groß­grund­be­sitz auf der Bau­ern­schaft.15

Für vie­le Beob­ach­ter war klar, dass die extrem unge­rech­ten Boden­be­sitz­ver­hält­nis­se in Russ­land so nicht blei­ben konn­ten. Ander­seits war weder die sich auf den Adel stüt­zen­de zaris­ti­sche Büro­kra­tie noch die auf­stre­ben­de Bour­geoi­sie zu durch­grei­fen­den Refor­men bereit. Also blieb alles so, wie es war. Die Regie­rung des letz­ten Zaren Niko­laus II. ver­mied ängst­lich jede Ver­än­de­rung. Inso­fern muss­te es als Mene­te­kel erschei­nen, wenn ein Bau­ern­de­le­gier­ter ange­sichts der frucht­lo­sen Debat­ten in der Duma erklär­te: »Soviel ihr auch dis­ku­tie­ren mögt, einen ande­ren Erd­ball wer­det ihr nicht schaf­fen. Folg­lich wird man uns die­se Erde geben müs­sen.»16

Mit dem Kriegs­be­ginn 1914 ende­ten die Unru­hen auf dem Lan­de zunächst völ­lig. Die Regie­rung führ­te 2 Mil­lio­nen Men­schen und den größ­ten Teil der Pfer­de weg. Das Leben der meis­ten Bau­ern wur­de noch elen­der. Die schwa­chen Wirt­schaf­ten wur­den noch schwä­cher. Die Zahl der nicht bestel­len­den Bau­ern wuchs.17

Trotz­ki kom­men­tier­te: »Die besit­zen­den Klas­sen konn­ten nicht über­se­hen, dass das Dorf sei­ne Rech­nung prä­sen­tie­ren wer­de, aber sie ver­scheuch­ten die düs­te­ren Gedan­ken in der Hoff­nung, irgend­wie doch her­aus­zu­kom­men.»18

3. Die Bauernschaft in der Russischen Revolution von 1917

Nach der Febru­ar­re­vo­lu­ti­on blieb das Dorf zunächst ruhig. Die aktivs­ten Ele­men­te der Bau­er­schaft waren an der Front und die übri­gen ver­trau­ten zunächst der Pro­vi­so­ri­schen Regie­rung und ihrer Par­tei, den Sozialrevolutionären.

For­de­run­gen aus der Bau­ern­schaft nach einer Land­um­ver­tei­lung wur­de sei­tens der Regie­rung ent­geg­net, dass nur die Ver­fas­sungs­ge­ben­de Ver­samm­lung hier­zu befugt sei. Aller­dings ver­zö­ger­te die Regie­rung die Ein­be­ru­fung einer sol­chen Ver­samm­lung nach Kräf­ten, so dass erneut alles beim Alten blieb.

Guts­be­sit­zer began­nen, ihre Län­de­rei­en zu ver­kau­fen, teil­wei­se auch nur an fik­ti­ve Käu­fer, um eine erwar­te­ten Land­re­form zu unter­lau­fen. For­de­run­gen der Bau­ern, die­se Prak­ti­ken zu unter­bin­den, stie­ßen bei der bür­ger­li­chen Pro­vi­so­ri­schen Regie­rung auf tau­be Ohren.

Im April 1917 fing die Bau­ern­schaft lang­sam an, sich zu regen. Da das ver­lang­te Dekret über das Ver­bot von Land­ver­käu­fen nicht zustan­de kam, ver­hin­der­ten die Bau­ern den Aus­ver­kauf der Besit­zun­gen auf eige­ne Faust, indem sie Land­ver­mes­sun­gen nicht mehr zuließen.

Im glei­chen Monat ver­haf­te­ten Bezirks- und Dorf­ko­mi­tees bereits Grund­be­sit­zer, wie­sen sie aus dem Gou­ver­ne­ment aus, beschlag­nahm­ten den Boden und bestimm­ten eigen­mäch­tig den Pachtzins.

Im Gou­ver­ne­ment Kursk began­nen Ver­fol­gun­gen gegen Aus­sied­ler, die sich wei­ger­ten, in die Dorf­ge­mein­schaft zurückzukehren.

Unter dem Ein­fluss eini­ger Bol­sche­wi­ki mäh­ten Bau­ern im Gou­ver­ne­ment Orel im Mai 1917 die Wie­sen der Groß­grund­be­sit­zer ab und ver­teil­ten das Heu unter den Haus­hal­ten.19

»Im Schlüs­sel­bur­ger Kreis unter­sagt das Gemein­de­ko­mi­tee den Boden­be­sit­zern, ihren eige­nen Wald zu fäl­len. Der Gedan­ke der Bau­ern ist ein­fach: Kei­ne Kon­sti­tu­ie­ren­de Ver­samm­lung wird aus den Baum­stümp­fen die abge­schla­ge­nen Bäu­me wie­der auf­le­ben las­sen kön­nen.»20

Im Juni 1917 began­nen Bau­ern den Wald der Groß­grund­be­sit­zer nun selbst mas­sen­haft abzu­hol­zen. »Dör­fer brann­ten häu­fig bis auf den Boden nie­der. Bau­holz wur­de stark bewacht und teu­er ver­kauft. Der Bau­er war aus­ge­hun­gert nach Holz. Über­dies nah­te die Zeit, Holz­vor­rä­te für den Win­ter zu sichern. Aus den Gou­ver­ne­ments Mos­kau, Nische­go­rod, Petro­grad, Orel, Wol­hy­ni­en, von allen Enden des Lan­des kom­men Kla­gen über Wald­plün­de­run­gen und gewalt­sa­men Raub fer­ti­ger Holz­vor­rä­te.»21

In die­ser ers­ten Peri­ode von März bis Juli 1917 ent­hiel­ten sich die Bau­ern über­wie­gend noch der Gewalt­an­wen­dung gegen die Gutsbesitzer.

Für Lenin war noch nicht klar, auf wel­che Sei­te sich die Bau­ern­schaft schla­gen wür­de. Wür­de sie mit der Bour­geoi­sie gegen das Pro­le­ta­ri­at oder mit dem Pro­le­ta­ri­at gegen die Bour­geoi­sie gehen? Des­halb hielt er im Juli die Zeit für die Mach­über­nah­me des Pro­le­ta­ri­ats noch nicht gekom­men. Vehe­men­te For­de­run­gen in die­se Rich­tung vor allem durch die Ange­hö­ri­gen der Petro­gra­der Regi­men­ter und der Roten Matro­sen der Bal­ti­schen Flot­te lehn­te er zunächst ab.

Dies geschah aus der Über­le­gung her­aus, dass die Bol­sche­wi­ki die Macht in Petro­grad zwar leicht über­neh­men, sich aber nicht hal­ten könn­ten, wenn sich die Bau­ern mit der Bour­geoi­sie ver­bün­den wür­den. Die »schwe­re Artil­le­rie« der Revo­lu­ti­on, also die Bau­ern­schaft, sei noch nicht an ihrem Platz, sag­te Lenin.

Indem die Bau­ern­schaft ihren Kampf im Lau­fe der Mona­te lang­sam stei­ger­te, näher­te sie sich im Som­mer immer mehr dem offe­nen Bür­ger­krieg und über­schritt ihn vielfach.

Im Sep­tem­ber und Okto­ber 1917 wur­de in vie­len Dör­fern der ade­li­ge Boden umver­teilt und die Adels­nes­ter geplün­dert. Man­che Bau­ern schlu­gen vor, das Inven­tar gere­gelt unter die Bevöl­ke­rung zu ver­tei­len und die Gebäu­de selbst für Kul­tur­zwe­cke zu erhal­ten. In fast allen Fäl­len for­der­te die Mehr­heit jedoch, den Guts­hof nie­der­zu­bren­nen, damit kein Stein auf dem ande­ren bleibt. Das pas­sier­te dann meis­tens auch. Dahin­ter stand die Berech­nung aller Bau­ern­krie­ge, dass man die die befes­tig­ten Posi­tio­nen des Fein­des ver­nich­ten müs­se und kei­nen Platz übrig­las­sen dür­fe, wo er sein Haupt hin­le­gen könn­te.22

Die Aneig­nung der Habe der Groß­grund­be­sit­zer begrün­det ein Bau­er wie folgt: »Das war unser Guts­be­sit­zer, wir haben für ihn gear­bei­tet, und das Ver­mö­gen, das er hat­te, muss uns allein gehö­ren.»23

Man ging teil­wei­se sogar noch wei­ter. Trotz­ki berich­te­te: »Die Sol­da­ten sag­ten, wenn man die Wolfs­höh­len aus­hebt, muss man auch den Wöl­fen den Gar­aus machen.»24 Zum Glück pas­sier­te das äußerst sel­ten, denn die Guts­be­sit­zer waren meis­tens vor­her geflohen.

Erst als Lenin in sei­nem Ver­steck in Finn­land von der Fahrt auf­neh­men­den Agrar­re­vo­lu­ti­on erfuhr, dräng­te er das Zen­tral­ko­mi­tee im Sep­tem­ber 1917 vehe­ment dazu, end­lich die Macht zu übernehmen.

Die Agrar­fra­ge war in Russ­land bis Ende Okto­ber im Wesent­li­chen gelöst und der Groß­grund­be­sitz auf­ge­teilt. Der nach der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on tagen­de zwei­te Sowjet­kon­gress hat mit sei­nem am 26. Okto­ber 1917 (alten Stils) ver­ab­schie­de­ten Dekret über den Boden die­se Rea­li­tä­ten nur noch nachvollzogen.

Die­ses his­to­ri­sche Dekret bestimm­te: »1. Das Eigen­tum der Guts­be­sit­zer am Grund und Boden wird unver­züg­lich ohne jede Ent­schä­di­gung aufgehoben.«

2. Die Güter der Guts­be­sit­zer sowie alle Apanage‑, Klos­ter- und Kir­chen­län­de­rei­en mit ihrem gesam­ten leben­den und toten Inven­tar, ihren Wirt­schafts­ge­bäu­den und allem Zube­hör gehen bis zur Kon­sti­tu­ie­ren­den Ver­samm­lung in die Ver­fü­gungs­ge­walt der Amts­be­zirks-Boden­ko­mi­tees und der Kreis­so­wjets der Bau­ern­de­pu­tier­ten über. […]»25

Der drit­te Sowjet­kon­gress ver­ab­schie­de­te im Juli 1918 die Ver­fas­sung der Rus­si­schen Sozia­lis­ti­schen Föde­ra­ti­ven Sowjet­re­pu­blik, die damals noch das gesam­te Ter­ri­to­ri­um der spä­te­ren Sowjet­uni­on umfass­te. Sie bestimm­te in Arti­kel 3, Absatz a): »Zur Ver­wirk­li­chung der Sozia­li­sie­rung des Bodens wird das Pri­vat­ei­gen­tum am Boden auf­ge­ho­ben. Der gesam­te Boden wird zum Eigen­tum des gan­zen Vol­kes erklärt und den Werk­tä­ti­gen ohne jede Ablö­sung auf der Grund­la­ge einer aus­glei­chen­den Boden­nut­zung über­ge­ben.»26

Von bür­ger­li­chen His­to­ri­kern wird die Grau­sam­keit des Bau­ern­krie­ges beklagt und Lenin und Trotz­ki dafür ver­ant­wort­lich gemacht. Aller­dings läuft jeder Bau­ern­krieg nach die­sem Sche­ma ab. Die Befrei­ungs­tra­di­ti­on sogar der heu­te beschau­li­chen Schweiz berich­tet von einem Bur­gen­bruch. Dem­nach zer­stör­ten die Bau­ern der Urkan­to­ne Uri, Schwyz und Unter­wal­den nach dem Rüt­li­schwur 1291 oder 1307 alle erreich­ba­ren Bur­gen und Adels­sit­ze, dar­un­ter auch das berüch­tig­te Zwing-Uri.

Auch die deut­schen Bau­ern zer­stör­ten im Gro­ßen Deut­schen Bau­ern­krieg von 1525 alle Bur­gen und Schlös­ser, wo ihnen das mög­lich war.

»Mit Hil­fe der revo­lu­tio­nä­ren Bar­ba­rei rot­te­te der Bau­er die Bar­ba­rei des Mit­tel­al­ters aus«, sagt Trotz­ki.27 Das die­se revo­lu­tio­nä­re Bar­ba­rei nötig war, lag auch dar­an, dass weder der Bau­er selbst; noch sei­ne Groß­vä­ter und Urgroß­vä­ter jemals Gna­de oder Nach­sicht durch den Adel erfah­ren hät­ten. Wenn Mil­ju­kow Lenin und Trotz­ki vor­wirft, dass sie eher dem rus­si­schen Bau­ern­füh­rer Pugat­schow als moder­nen Sozia­lis­ten gli­chen, dann rich­tet sich die­se Aus­sa­ge – unab­hän­gig davon, ob sie stimmt – eher gegen sei­ne eige­ne Klas­se, die rus­si­sche Bour­geoi­sie, die eine Bau­ern­be­frei­ung nicht zustan­de brach­te. Die Bol­sche­wi­ki muss­ten im 20. Jahr­hun­dert das zu Ende zu füh­ren, was im 17., 18. und 19. Jahr­hun­dert nicht zu Ende geführt oder über­haupt nicht unter­nom­men wor­den war, so Trotz­ki.28

3. Bürgerkrieg und Neue Ökonomische Politik

Die Bau­ern unter­stütz­ten im Rus­si­schen Bür­ger­krieg (1917 bis 1921) mehr­heit­lich die Roten gegen die Wei­ßen, da sie von die­sen Land bekom­men hat­ten, das ihnen die Wei­ßen wie­der weg­neh­men woll­ten.29 Das Bünd­nis von Arbei­tern und Bau­ern war die Grund­la­ge für den Sieg der gro­ßen­teils aus Bau­ern bes­ten­den Roten Armee über die kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren Wei­ßen Arme­en und der aus­län­di­schen Inter­ven­ten, der Trup­pen Deutsch­lands, der USA, Groß­bri­tan­ni­ens, Polens und ande­rer Länder.

Das öko­no­mi­sche Sys­tem die­ser Zeit wird als Kriegs­kom­mu­nis­mus bezeich­net. Die Sowjet­re­gie­rung ver­such­te, die Kriegs­in­dus­trien instand zu hal­ten und die und die aus der Ver­gan­gen­heit übrig geblie­be­nen arm­se­li­gen Vor­rä­te für den Krieg und zur Ret­tung der städ­ti­schen Bevöl­ke­rung vor dem Ver­der­ben zu ver­wer­ten.30

Trotz­ki: »Der Kriegs­kom­mu­nis­mus war im Grun­de ein Sys­tem zur Regle­men­tie­rung des Ver­brauchs in einer bela­ger­ten Fes­tung.»31 Die Sowjet­re­gie­rung hoff­te jedoch, all­mäh­lich zu einem ech­ten Kom­mu­nis­mus über­zu­ge­hen und zwar ohne Waren­pro­duk­ti­on und pri­va­tem Han­del. Da die­ser die Basis für eine erneu­te Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on lie­fert, war er am 21. Novem­ber 1918 ver­bo­ten wor­den.32

Die Wirk­lich­keit zeig­te jedoch, dass das Pro­gramm des Kriegs­kom­mu­nis­mus, also des unmit­tel­ba­ren Über­gangs zum Kom­mu­nis­mus, nicht durch­führ­bar war. Die Pro­duk­ti­on ging stän­dig zurück und zwar nicht nur wegen der Kriegs­ein­wir­kun­gen, son­dern auch, weil der Anreiz des per­sön­li­chen Inter­es­ses bei den Pro­du­zen­ten erlo­schen war.

»Der Staat beschlag­nahm­te von den Bau­ern Getrei­de, aber gab ihm nur wert­lo­ses Papier­geld. Der Bau­er ver­grub sei­ne Vor­rä­te. Die Regie­rung sand­te bewaff­ne­te Arbei­ter­ab­tei­lun­gen aus, die Getrei­de her­bei­schaf­fen soll­te. Die Bau­ern säten wei­ni­ger ein.«

Es kam im gan­zen Land zu einem star­ken Ver­fall der Pro­duk­tiv­kräf­te. Aller­dings wur­de der Kriegs­kom­mu­nis­mus als vor­über­ge­hen­de Maß­nah­me in der Erwar­tung einer Revo­lu­ti­on im Wes­ten, beson­ders in Deutsch­land ein­ge­führt. »Man hielt es für selbst­ver­ständ­lich, dass das sieg­rei­che deut­sche Pro­le­ta­ri­at, gegen künf­ti­ge Lie­fe­run­gen von Nah­rungs­mit­teln und Roh­stof­fen, Sowjet­russ­land nicht nur mit Maschi­nen und Fer­tig­wa­ren, son­dern auch mit Zehn­tau­sen­den hoch­qua­li­fi­zier­ten Arbei­tern, Tech­ni­kern und Orga­ni­sa­to­ren ver­sor­gen wür­de. Und zwei­fel­los hät­te im Fal­le einer pro­le­ta­ri­schen Revo­lu­ti­on in Deutsch­land […] die Wirt­schafts­ent­wick­lung der Sowjet­uni­on wie auch Deutsch­lands sol­che Rie­sen­schrit­te gemacht, dass das Schick­sal Euro­pas und der Welt heu­te viel güns­ti­ger aussähe.«

Aber selbst in die­sem güns­ti­gen Fall wäre eine unmit­tel­ba­re staat­li­che Ver­tei­lung zunächst noch nicht mög­lich gewe­sen und man hät­te auch dann auf den pri­va­ten Han­del zurück­grei­fen müs­sen. Die­se Not­wen­dig­keit ergab sich auf­grund der Mil­lio­nen iso­lier­ter Bauernwirtschaften.

Der pri­va­te Han­del war ab 1921 wie­der erlaubt. Er soll­te so ablau­fen, dass die staat­li­che Indus­trie dem Dorf die not­wen­di­gen Waren zu sol­chen Prei­sen über­las­sen kann, so dass eine Beschlag­nah­me der bäu­er­li­chen Arbeits­pro­duk­te nicht not­wen­dig ist. Das lief unter der Bezeich­nung »Smytsch­ka«. Die Getrei­de­ab­lie­fe­rungs­pflicht wur­de in eine nied­ri­ge Natu­ral­steu­er umge­wan­delt. Alle dar­über hin­aus erzeug­ten Pro­duk­te durf­ten die Bau­ern auf dem frei­en Markt ver­kau­fen. Das war der Kern­ge­dan­ke der Neu­en Öko­no­mi­schen Poli­tik (NEP).

Bin­nen kur­zem nach Ein­füh­rung der NEP begann sich die Indus­trie zu bele­ben. Ihre Pro­duk­ti­on ver­dop­pel­te sich zwi­schen 1922 und 23 und erreich­te 1926 das Vor­kriegs­ni­veau. Gleich­zei­tig, wenn auch nur in beschei­de­nem Tem­po, nah­men die Ern­ten zu.33

Im Jahr 1923 kamen ange­sichts die­ser Pro­ble­me inner­halb der Par­tei­füh­rung Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten dar­über auf, wel­che Stra­te­gie des Wirt­schaft­auf­baus ver­folgt wer­den sollte:

Leo Trotz­ki und die Lin­ken schlu­gen einen mög­lichst schnel­len und plan­mä­ßi­gen Auf­bau der Indus­trie in den rich­ti­gen Pro­por­tio­nen von Schwer- und Leicht­in­dus­trie vor. Die­ser soll­te die öko­no­mi­sche Basis für das Wachs­tum der Arbei­ter­klas­se, die Fes­ti­gung der Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats, für die Ver­wirk­li­chung des Bünd­nis­ses von Arbei­ter­klas­se und Bau­ern­schaft sowie der Ent­wick­lung der Land­wirt­schaft bil­den. Es soll­te ein schnel­ler Über­gang zu einer gesamt­staat­li­chen Pla­nung erfol­gen. Die Plan­kom­mis­si­on soll­te mit den erfor­der­li­chen Voll­mach­ten aus­ge­stat­tet wer­den.34

Trotz­kis Kern­aus­sa­ge war: »Die Arbei­ter­klas­se kann ihre füh­ren­de Rol­le nicht in ers­ter Linie durch den Staats­ap­pa­rat oder die Armee son­dern nur durch die Indus­trie, die das Pro­le­ta­ri­at selbst repro­du­ziert, behal­ten und fes­ti­gen.»35

Die erwei­ter­te Repro­duk­ti­on der staat­li­chen Indus­trie konn­te man­gels ande­rer Quel­len vor­erst nur durch Mehr­wert­trans­fer aus der Land­wirt­schaft erfol­gen (soge­nann­te Ursprüng­li­che Sozia­lis­ti­sche Akku­mu­la­ti­on). Die­ser soll­te vor allem durch eine höhe­re Besteue­rung der Kula­ken erfolgen.

Die mate­ri­el­le Situa­ti­on der Arbei­ter­klas­se hat­te sich beim Über­gang zur NEP wesent­lich ver­schlech­tert. Sie soll­te wie­der ver­bes­sert wer­den durch:

  • Star­ke Lohnerhöhungen
  • Rück­nah­me der beson­de­ren Lohn­sen­kun­gen für Frau­en und Jugendliche
  • Wie­der­her­stel­lung der sozia­len Sicherungssysteme
  • Aus­wei­tung des Wohnungsbaus
  • Abschaf­fung der hohen indi­rek­ten Steuern

Erst die­se sozia­len Ver­bes­se­run­gen schaf­fen die mate­ri­el­len Vor­aus­set­zun­gen, dass die Arbei­ter­klas­se ihre Macht in Par­tei und Staat tat­säch­lich aus­üben kann und sie nicht an eine Büro­kra­tie dele­gie­ren muss.36

Die Bau­ern­schaft soll­te lang­fris­tig in Land­wirt­schafts­kom­mu­nen orga­ni­siert wer­den auf der Basis strik­tes­ter Frei­wil­lig­keit. Hier­für sind sofort die poli­ti­schen Vor­aus­set­zun­gen zu schaf­fen durch Auf­klä­rung beson­ders der armen Bau­ern über die Vor­tei­le des gemein­sa­men Wirt­schaf­tens, die Schaf­fung von Mus­ter­kom­mu­nen, deren bevor­zug­te Aus­stat­tung mit Land­ma­schi­nen und der Aus­ar­bei­tung von Mus­ter­sta­tu­ten für die­se Kommunen.

Trotz­ki: »Durch die Staats­in­dus­trie geht daher der Weg zur sozia­lis­ti­schen Gesell­schafts­ord­nung.»37

Die so genann­ten Rech­ten um Bucha­rin, Rykow und Tom­ski sahen in der För­de­rung der land­wirt­schaft­li­chen Pro­duk­ti­on die wich­tigs­te Auf­ga­be. Eine for­cier­te Indus­tria­li­sie­rung sei nicht anzu­stre­ben. Mit­tels Genos­sen­schaf­ten soll­ten die Bau­ern in die sozia­lis­ti­sche Wirt­schaft ein­be­zo­gen wer­den und so – im Schne­cken­tem­po (Bucha­rin) – der Sozia­lis­mus auf­ge­baut wer­den. Doch die­se Genos­sen­schaf­ten waren kei­ne Produktions‑, son­dern Ein­kaufs- und Ver­kaufs­ge­nos­sen­schaf­ten. Sie ver­blie­ben in der Zir­ku­la­ti­ons­sphä­re. Die hohe Nach­fra­ge beson­ders der rei­chen Bau­ern (Kula­ken) wür­de letzt­lich auch die Indus­trie­pro­duk­ti­on sti­mu­lie­ren. Eine Kol­lek­ti­vie­rung der Land­wirt­schaft wird erst in fer­ner Zukunft mög­lich sein.38

Lenin konn­te sich an die­ser Debat­te nicht mehr betei­li­gen, denn er erlitt bereits im Mai 1922 einen Schlag­an­fall. Wei­te­re Schlag­an­fäl­le folg­ten und mach­ten ihn zuneh­mend arbeits­un­fä­hig. Bereits vor sei­nem Tode im Janu­ar 1924 ver­bün­de­ten sich Sta­lin mit Lenins ehe­ma­li­gen Mit­ar­bei­tern Sino­wjew und Kamenew. Ihnen gelang es, Trotz­ki zuneh­mend zu iso­lie­ren und schließ­lich aus der Par­tei­füh­rung zu drän­gen. Sta­lin erlang­te in die­ser Zeit als Gene­ral­se­kre­tär die nahe­zu voll­stän­di­ge Kon­trol­le über den Par­tei­ap­pa­rat. Von Wirt­schaft hat­te er kei­ne gro­ße Ahnung. Aber er unter­stütz­te allein aus Anti­pa­thie gegen­über Trotz­ki39 und aus ande­ren Kal­kü­len zunächst den Wirt­schafts­kurs von Bucharin.

Die Fol­gen der Buchar­in­schen Poli­tik zeig­ten sich sehr bald: Bereits im Jahr 1923 begann die so genann­te Sche­ren­kri­se. Die Prei­se für Indus­trie­er­zeug­nis­se und für Agrar­pro­duk­te klaff­ten immer wei­ter aus­ein­an­der. Ins­be­son­de­re die Indus­trie­prei­se stie­gen rapi­de an, da die Indus­trie die Bedürf­nis­se der Land­wirt­schaft nicht voll­stän­dig erfül­len konn­te. Die Prei­se für Agrar­pro­duk­te nah­men dage­gen nur unwe­sent­lich zu.

Als Fol­ge der Agrar­re­vo­lu­ti­on stieg die Zahl der selb­stän­di­gen Bau­ern­hö­fe von 16 Mil­lio­nen auf 25 Mil­lio­nen, was zu einer Ver­stär­kung der Natu­ral­wirt­schaft führ­te. Das war eine der Ursa­chen für die Knapp­heit der Agrar­pro­duk­te.40

Nach 1921 erstark­te die Groß­bau­ern (Kula­ken) schnel­ler als die Bau­ern­schaft all­ge­mein. Die Natu­ral­steu­er las­te­te auf dem armen Bau­ern schwe­rer als auf dem wohl­ha­ben­den. Der Getrei­de­über­schuss wur­de fast aus­schließ­lich von die­sen Kula­ken erzielt. Er ermög­lich­te es ihnen, mit Getrei­de zu spe­ku­lie­ren und sich zu berei­chern, wäh­rend die klei­nen und mitt­le­ren Bau­ern zumin­dest rela­tiv ver­arm­ten.41

Die Regie­rung ist vor den For­de­run­gen der Kula­ken Schritt für Schritt zurück­ge­wi­chen. Bucha­rin rief ihnen 1925 zu: »Berei­chert euch!»42

In die­sem Jahr wur­den in der Land­wirt­schaft die Beschäf­ti­gung von Arbeits­kräf­ten und die Ver­pach­tung des Bodens lega­li­siert. Sta­lin plan­te sogar, die Natio­na­li­sie­rung des Bodens rück­gän­gig zu machen.

Im Früh­jahr 1926 befan­den sich 60% des für den Ver­kauf bestimm­ten Getrei­des in den Hän­den von nur 6% der Bau­ern­wirt­schaf­ten. Dem Staat man­gel­te es zuneh­mend an Getrei­de, nicht nur für den Außen­han­del, son­dern auch für den inne­ren Bedarf.43

Die Bau­ern­schaft pola­ri­sier­te sich in weni­gen Jah­ren zwi­schen dem Klein­ka­pi­ta­lis­ten auf der einen und dem Knecht auf der ande­ren Sei­te. Das waren die unver­meid­li­chen Fol­gen der Ent­fes­se­lung der Markt­kräf­te. Nur die rei­che­ren, bes­ser mit Zug­vieh und Gerä­ten aus­ge­stat­te­ten Bau­ern konn­ten Getrei­de für den Markt lie­fern, wäh­rend die ärme­ren Bau­ern über­wie­gend nur ihren Eigen­be­darf decken konn­ten. Die hier­durch zu erzie­len­den Ein­künf­te ermög­lich­ten es den Kula­ken, zusätz­li­ches Land zu pach­ten und Lohn­ar­bei­ter aus­zu­beu­ten, obwohl das in der Sowjet­ver­fas­sung eigent­lich ver­bo­ten war. Sie konn­ten zudem ihre Ein­künf­te ver­grö­ßern, in dem sie an arme Bau­ern, die kein Zug­vieh besa­ßen, Pfer­de und Maschi­nen gegen Ent­gelt aus­lie­hen. Die rei­chen Bau­ern wur­den immer rei­cher, die Mit­tel­bau­ern und die Klein­bau­ern immer ärmer.44

Die Kula­ken such­ten nach neu­en Mög­lich­kei­ten, das akku­mu­lier­te Kapi­tal pro­duk­tiv anzu­le­gen. Sie ver­bün­de­ten sich mit der eben­falls neu auf­ge­kom­me­nen Han­dels­bour­geoi­sie (»NEP-Leu­te«) und berei­cher­ten sich an der Spe­ku­la­ti­on mit Getreide.

Trotz­ki berich­tet: »Über­all war die kapi­ta­lis­ti­sche Bran­dung zu ver­spü­ren.»45 Die Fol­gen blie­ben nicht aus: »Außer­or­dent­li­che Hebung des Selbst­be­wusst­seins des Klein­bür­ger­tums von Stadt und Land; Erobe­rung vie­ler loka­ler Sowjets durch die­ses; Zunah­me der Kraft und der Selbst­si­cher­heit bei der Büro­kra­tie; wach­sen­der Druck auf die Arbei­ter; völ­li­ge Tötung der Par­tei- und Sowjet­de­mo­kra­tie.»46

Ins­be­son­de­re auf dem Dor­fe gewan­nen die Kula­ken auf­grund ihrer öko­no­mi­schen Stär­ke immer grö­ße­ren poli­ti­schen und ideo­lo­gi­schen Einfluss.

Bucharins Annah­me, dass grö­ße­rer Reich­tum der Bau­ern durch ver­mehr­te Nach­fra­ge auch die Ent­wick­lung der Indus­trie beschleu­ni­gen wür­de, erwies sich als falsch. Denn die bei den Kula­ken akku­mu­lier­ten Geld­mit­tel gelang­ten nicht über den Han­del in den Staats­haus­halt, son­dern wur­den für aller­lei Spe­ku­la­ti­ons­ge­schäf­te genutzt.47

Im Jahr 1926 for­der­te die Lin­ke Oppo­si­ti­on, der sich Sino­wjew und Kamenew ange­schlos­sen hat­ten, erneut eine beschleu­nig­te Indus­tria­li­sie­rung, um so dem Dorf die Indus­trie­wa­ren zu geben, die es drin­gend benö­tig­te. Zu die­sem Zweck soll­ten die Kula­ken stär­ker besteu­ert wer­den. Die herr­schen­de Frak­ti­on um Sta­lin und Bucha­rin lehn­te die­sen Vor­schlag jedoch ab.48

Sta­lin schmet­ter­te damals noch das Ver­lan­gen nach einer schnel­len Indus­tria­li­sie­rung mit einem lau­ni­gen Ver­gleich ab: »Der Bau eines Was­ser­kraft­werks am Dnjepr wäre das­sel­be, als wenn sich ein Bau­er ein Gram­mo­phon statt einer Kuh kau­fen wür­de.»49

4. Liquidierung des Kulakentums als Klasse, Kollektivierung und Industrialisierung

1927 beant­wor­te­ten die Kula­ken den Man­gel an Indus­trie­wa­ren mit einem hart­nä­cki­gen Belie­fe­rungs­streik. Sie fuh­ren das Getrei­de nicht auf den Markt und ver­grö­ßer­ten die Aus­saat nicht.50

Im Jahr 1928 gewan­nen die Kula­ken die Mit­tel­bau­ern für sich und ver­häng­ten über die Stadt eine Getrei­de­blo­cka­de. Die Arbei­ter­klas­se sah sich einer dro­hen­den Hun­gers­not gegen­über. Sta­lin und Bucha­rin behaup­ten, dass der Korn­streik durch die Feind­se­lig­keit der Kula­ken gegen­über der Sowjet­macht aus­ge­löst wur­de.51

»Aber zu sol­chem Idea­lis­mus neigt der Kulak wenig. Wenn er sein Getrei­de ver­steck­te, so des­halb, weil es unvor­teil­haft war, es zu ver­kau­fen. Aus dem­sel­ben Grun­de gelang es ihm, brei­te Krei­se des Dor­fes unter sei­nen Ein­fluss zu brin­gen. Blo­ße Repres­sa­li­en gegen die Kula­ken­sa­bo­ta­ge waren daher sicht­lich unzu­läng­lich: Not­wen­dig war eine Ände­rung der Poli­tik.»52

Kam­pa­gnen zur gewalt­sa­men Getrei­de­be­schaf­fung wie im Bür­ger­krieg blie­ben ohne durch­grei­fen­den Erfolg. Ganz im Gegen­teil: Als Reak­ti­on dar­auf ver­wei­ger­ten die Kula­ken im Herbst 1928 die Aus­saat. Land­ar­bei­ter und Klein­bau­ern waren ohne Arbeit. Die sowje­ti­sche Land­wirt­schaft geriet in eine tie­fe Kri­se.53

Unter der Dro­hung einer gro­ßen Hun­gers­not gab Sta­lin im Okto­ber 1928 die Losung der Liqui­die­rung des Kula­ken­tums als Klas­se aus und for­der­te nun die sofor­ti­ge Kol­lek­ti­vie­rung der Land­wirt­schaft. Hier­durch soll­ten einer­seits die Kula­ken aus­ge­schal­tet wer­den, von denen in abseh­ba­rer Zeit kein Getrei­de mehr zu bekom­men war. Ande­rer­seits soll­te auch in der Sowjet­uni­on eine mecha­ni­sier­te Groß­raum­land­wirt­schaft eta­bliert wer­den, wie sie in den USA bereits üblich war. Dadurch soll­te die land­wirt­schaft­li­che Arbeits­pro­duk­ti­vi­tät wesent­lich gestei­gert und die Ernäh­rung der Bevöl­ke­rung end­lich sicher­ge­stellt werden.

Denn zwi­schen 1917 und 1930 gab es zahl­rei­che Hun­gers­nö­te in Russ­land und der Sowjet­uni­on. Der Erfolg der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on war zumin­dest teil­wei­se Resul­tat eines zuneh­men­den Man­gels an Lebens­mit­teln. Die­ser wur­de durch den Ers­ten Welt­krieg und die Unfä­hig­keit des Zaris­mus sowie der Pro­vi­so­ri­schen Regie­rung her­vor­ge­ru­fen, die Lebens­mit­tel gerecht zu ver­tei­len. Wei­te­re Hun­gers­nö­te gab es 1921, 1922 bis 23 und 1924 bis 25. Wich­tigs­te Ursa­chen waren Dür­ren und ande­re Natur­ka­ta­stro­phen. Ernäh­rungs­un­si­cher­heit war ende­misch und ent­ge­gen einer west­li­chen Legen­de war auch NEP-Zeit von ihr geprägt. Die Zusam­men­fas­sung des stark par­zel­lier­ten Bodens zu grö­ße­ren Ein­hei­ten war zu einer Über­le­bens­fra­ge gewor­den.54

Eine Groß­raum­land­wirt­schaft mit Pferd und Haken­p­flug konn­te es nicht geben. Des­halb wur­de jetzt rasch eine moder­ne tech­ni­sche Aus­stat­tung benö­tigt, und dazu muss­ten vie­le neue Indus­trie­be­trie­be geschaf­fen wer­den. Kol­lek­ti­vie­rung und beschleu­nig­te Indus­tria­li­sie­rung beding­ten ein­an­der.55

Der 1927 end­lich fer­tig­ge­stell­te Ent­wurf für den ers­ten Fünf­jah­res­plan sah noch Wachs­tums­ra­ten von 9 bis 4% pro Jahr vor.56 Im Okto­ber 1928 riss Sta­lin das Ruder um 180% her­um und ver­lang­te nun die Indus­tria­li­sie­rung in kür­zes­ter Frist. Der neue Fünf­jah­res­plan sah 20% jähr­li­ches Wachs­tum vor, die das Polit­bü­ro kur­zer­hand auf 30% her­auf­setz­te und dabei die wech­sel­sei­ti­ge Abhän­gig­keit der Wirt­schafts­zwei­ge aus dem Auge ver­lor.57

Mit dem ers­ten Fünf­jahr­plan soll­ten also unter ande­rem die­je­ni­gen Indus­trie­zwei­ge geschaf­fen wer­den, die die drin­gend not­wen­di­gen Land­ma­schi­nen für eine Groß­raum­land­wirt­schaft pro­du­zie­ren konnten.

Liqui­die­rung des Kula­ken­tums als Klas­se, Kol­lek­ti­vie­rung und Indus­tria­li­sie­rung in kür­zes­ter Frist ent­spran­gen kei­nes­falls einer irra­tio­na­len, ideo­lo­gie­ge­trie­be­nen Poli­tik, wie der Wes­ten behaup­tet. Ganz im Gegen­teil hat­te sie ihre objek­ti­ve Grund­la­ge in den mate­ri­el­len, öko­no­mi­schen und sozia­len Ent­wick­lun­gen der vor­an­ge­gan­ge­nen Jah­re. Sta­lin befand sich in einer Zwangs­la­ge, die sei­ne frü­he­re Poli­tik erzeugt hat­te. Ihm blieb also nur die Flucht nach vor­ne, obwohl auch sie kata­stro­pha­le Neben­wir­kun­gen nach sich zie­hen konn­te.58

Die Kula­ken wur­den ent­eig­net, aus den Dör­fern aus­ge­sie­delt und in gerin­ger Zahl auch erschos­sen. Das Dorf wur­de damit ent­ku­la­ki­siert. Ins­ge­samt waren nach Archiv­un­ter­la­gen 381.026 Bau­ern von den Maß­nah­men betrof­fen.59

Im Wes­ten wird behaup­tet, die Ent­ku­la­ki­sie­rung sei eine rei­ne Will­kür­maß­nah­me gewe­sen. Es ist zwar zutref­fend, dass es kei­ne Klas­se der Kula­ken gab. Viel­mehr han­del­te es sich bei den Groß­bau­ern um eine rea­le sozia­le Schicht inner­halb der Klas­se der Bau­ern. Die­se hat­te sich in der NEP-Peri­ode in weni­gen Jah­ren her­aus­ge­bil­det und war durch die grund­fal­sche Poli­tik von Sta­lin und Bucha­rin der Sowjet­macht nach­hal­tig ent­frem­det wor­den. Von ihnen war im Guten kein Getrei­de mehr zu bekom­men, das die Sowjet­uni­on aber drin­gend brauchte.

Die Ent­wick­lung der kol­lek­ti­vier­ten Höfe gibt fol­gen­de Tabel­le wie­der:60

Jahr

Pro­zent

Vor 1928

1,7%

1929

3,9%

1930

23,6%

1931

52,7%

1932

61,5%

Die mate­ri­el­len Mög­lich­kei­ten für die Kol­lek­ti­vie­rung waren jedoch zunächst noch gar nicht gege­ben. Die hier­für erfor­der­li­che Aus­rüs­tung mit moder­nen Trak­to­ren, Mäh­dre­schern und ande­ren Land­wirt­schafts­ma­schi­nen für die Bewirt­schaf­tung gro­ßer Anbau­flä­chen exis­tier­te noch nicht. Man ver­säum­te völ­lig auch nur die ele­men­tars­ten poli­ti­schen Vor­be­rei­tun­gen für den neu­en Kurs.61

Sta­lins For­de­rung einer sofor­ti­gen Kol­lek­ti­vie­rung führ­te zu Panik auf dem Lan­de. Die Bau­ern wuss­ten häu­fig gar nicht, was von ihnen ver­langt wur­de. Wil­de Gerüch­te mach­ten die Run­de. Weder gab es funk­tio­nie­ren­de, erfolg­rei­che Kol­lek­tiv­wirt­schaf­ten als Mus­ter­be­trie­be, noch exis­tier­ten Mus­ter­sta­tu­ten und Anwei­sun­gen, wel­che Pro­duk­ti­ons­mit­tel in wel­cher Wei­se ver­ge­sell­schaf­tet wer­den soll­ten.62

Auch die Fra­ge, ob Bau­ern eine klei­ne pri­va­te Neben­wirt­schaft zur Eigen­ver­sor­gung haben durf­ten, war nicht geklärt. In man­chen Fäl­len wur­den auch das Haus­vieh und die Haus­ge­rä­te kol­lek­ti­viert. Ale Reak­ti­on dar­auf schlach­te­ten man­che Bau­ern ihr Vieh und ver­steck­ten ihre Getrei­de­vor­rä­te, um ihre eige­ne Ver­sor­gung zu sichern. Dar­auf­hin schritt die Staats­macht ein. Es kam in eini­gen Regio­nen zu bür­ger­kriegs­ähn­li­chen Zustän­den. Letzt­lich wur­de die Kol­lek­ti­vie­rung unter Zwang durch­ge­setzt.63

Die Zahl der Pfer­de sank um 55% von 34,6 Mil­lio­nen im Jahr 1929 auf 15,6 Mil­lio­nen im Jahr 1934; die Rin­der gin­gen um 40% von 30,7 auf 19,5 Mil­lio­nen zurück.64

Erst lang­sam, im Ver­lauf von meh­re­ren Jah­ren began­nen sich die neu­en Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se ein­zu­spie­len. Erst ab 1932 konn­ten Trak­to­ren und Land­ma­schi­nen in grö­ße­rer Zahl gelie­fert wer­den, die das abge­schlach­te­te Zug­vieh erset­zen konn­ten. Auch wur­den die größ­ten Miss­stän­de abge­stellt und unfä­hi­ge Lei­ter abgelöst.

Der Kurs auf die for­cier­te Kol­lek­ti­vie­rung war auf­grund der Not­wen­dig­keit ent­stan­den, die Poli­tik der Jah­re 1923 bis 28 in kur­zer Zeit kor­ri­gie­ren zu müs­sen. »Den­noch hät­te die Kol­lek­ti­vie­rung in ver­nünf­ti­ge­rem Tem­po und plan­mä­ßi­ge­ren For­men gesche­hen kön­nen und sol­len. Als Her­rin der Macht und der Indus­trie hät­te die Büro­kra­tie den Kol­lek­ti­vie­rungs­pro­zess so regu­lie­ren kön­nen, dass das Land nicht an den Rand der Kata­stro­phe gebracht wor­den wäre. Man konn­te und muss­te ein Tem­po wäh­len, das den mate­ri­el­len und mora­li­schen Res­sour­cen des Lan­des bes­ser ent­spro­chen hät­te.»65

Wie wir oben gese­hen haben, hat sich die Kol­lek­ti­vie­rung von 1928 bis 1932 erstreckt. Es wäre zum Bei­spiel denk­bar gewe­sen, die Kol­lek­ti­vie­rung in den­je­ni­gen Lan­des­tei­len zu begin­nen, die bereits mit Trak­to­ren und ande­ren Land­ma­schi­nen ver­sorgt wer­den konn­ten. Die Zeit bis dahin hät­te in den ande­ren Lan­des­tei­len für eine inten­si­ve pro­pa­gan­dis­ti­sche Vor­be­rei­tung der Kol­lek­ti­vie­rung genutzt wer­den können.

Der ers­te Fünf­jahr­plan war ein Ereig­nis von welt­his­to­ri­scher Bedeu­tung. Zum ers­ten Mal in der Geschich­te der Mensch­heit wur­de der Ver­such unter­nom­men, die Wirt­schafts­ent­wick­lung eines rie­si­gen Lan­des nach einem Gesamt­plan zu orga­ni­sie­ren und zu lei­ten. Er wur­de aus­ge­ar­bei­tet, um die Sowjet­uni­on in for­cier­tem Tem­po aus einem Agrar­land in ein Indus­trie­land zu ver­wan­deln. Dabei wur­de weit­ge­hend, wenn auch still­schwei­gend auf die Vor­schlä­ge von Trotz­ki, Sino­wjew und Kamen­jew zurückgegriffen.

Das erfor­der­te auch eine rie­si­ge Arbeit auf dem Gebiet der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, der Pla­nungs- und Bilanz­me­tho­dik, sowie der Lei­tungs­me­cha­nis­men der Volks­wirt­schaft. Vor­bil­der im Kapi­ta­lis­mus gab es keine.

Es gab aber auch Pro­ble­me. Die Arbei­ter waren mit den neu­en Maschi­nen nicht ver­traut und mach­ten Bedie­nungs­feh­ler. Über­eif­ri­ge Funk­tio­nä­re wit­ter­ten dar­in Schäd­lings­tä­tig­keit beson­ders der Spe­zia­lis­ten, die dadurch ein­ge­schüch­tert wur­den und nur noch Dienst nach Vor­schrift mach­ten. Anstatt durch eine bes­se­re Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on und Aus­bil­dung such­te man die Arbeits­pro­duk­ti­vi­tät vor allem durch eine Erhö­hung der Arbeits­in­ten­si­tät zu stei­gern, wofür die Stach­a­now-Bewe­gung steht. Tat­säch­lich aber ist die Stei­ge­rung der Arbeits­pro­duk­ti­vi­tät in ers­ter Linie von der Tech­nik, guter Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on, vom Qua­li­fi­ka­ti­ons­ni­veau der Arbei­ter, ihrer Moti­va­ti­on und mate­ri­el­len Inter­es­siert­heit abhängig.

In kur­zer Zeit ent­stand in einem rie­si­gen Kraft­akt eine gro­ße Zahl neu­er Wer­ke der Eisen­hüt­ten- und Stahl­in­dus­trie, völ­lig neu geschaf­fen wur­den die Auto­mo­bil­in­dus­trie, die Trak­to­ren­in­dus­trie, die Che­mie­in­dus­trie, ein leis­tungs­fä­hi­ger Schwer­ma­schi­nen­bau und Land­ma­schi­nen­bau sowie eine Rei­he wei­te­rer Indus­trie­zwei­ge. So wur­de aus dem rück­stän­di­gen Russ­land mit vor­wie­gen­der Land­wirt­schaft in kur­zer Zeit ein mäch­ti­ges Indus­trie­land. Zugleich wur­de damit auch der prak­ti­sche Beweis für die Über­le­gen­heit der sozia­lis­ti­schen Plan­wirt­schaft gegen­über der kapi­ta­lis­ti­schen Markt­wirt­schaft mit ihren stän­di­gen Kri­sen erbracht.66

Mit den bei­den Fünf­jahr­plä­nen erhielt die Sowjet­uni­on die moder­ne indus­tri­el­le Basis, die für den Auf­bau einer sozia­lis­ti­schen Gesell­schaft uner­läss­lich ist, aller­dings mit einer erheb­li­chen Ver­spä­tung, die nicht erfor­der­lich gewe­sen wäre, wenn es eine Füh­rung gege­ben hät­te, die sich mehr von sach­li­chen Erwä­gun­gen und Erkennt­nis­sen als von macht­po­li­ti­schen Ambi­tio­nen, künst­lich erzeug­ten ideo­lo­gi­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen und per­sön­li­chen Aver­sio­nen hät­te lei­ten las­sen.67

5. Die Hungersnot der Jahre 1932 und 33

Im die­sem Kon­text auf dem Höhe­punkt der Über­gangs­kri­se von der indi­vi­du­el­len Par­zel­len­wirt­schaft zur Kol­lek­tiv­wirt­schaft ereig­ne­te sich die gro­ße Hun­ger­not der Jah­re 1932 und 33, die vom Wes­ten als Hun­ger­ho­lo­caust geframt wird. Tat­säch­lich fan­den ent­spre­chen­de The­sen der wis­sen­schaft­li­chen Akti­vis­ten App­le­baum und Sny­der in der Geschichts­wis­sen­schaft kei­ne güns­ti­ge Auf­nah­me. Es gibt immer noch eine Rei­he von libe­ra­len Wis­sen­schaft­lern, die ernst­haft um die Erfor­schung der Wahr­heit bemüht sind und es kei­nes­falls gou­tie­ren, dass die Geschich­te infol­ge post­mo­der­ner Belie­big­keit zu einem Stein­bruch für die tages­ak­tu­el­len pro­pa­gan­dis­ti­schen Bedürf­nis­se der Regie­run­gen degra­diert wird. Einer von ihnen ist der ame­ri­ka­ni­sche His­to­ri­ker Mark B. Tau­ger. Nach aus­gie­bi­gen Quel­len­stu­di­en kam er zu der Schluss­fol­ge­rung, dass das Nar­ra­tiv vom Hun­ger als Waf­fe gegen die Ukrai­ne grund­falsch ist. Dar­über hin­aus stell­te er fest, dass die gro­ße Hun­gers­not über­wie­gend – aber nicht aus­schließ­lich – auf natür­li­che Ursa­chen zurück­zu­füh­ren ist. Es han­del­te sich um eine Natur­ka­ta­stro­phe, die durch eine fal­sche Poli­tik ver­schlim­mert wurde.

Zahl­rei­che Ori­gi­nal­do­ku­men­te und Stu­di­en zei­gen, dass die Hun­gers­not kei­nes­falls auf die Ukrai­ne beschränkt war. Sie betraf viel­mehr länd­li­che und städ­ti­sche Regio­nen in der gesam­ten Sowjet­uni­on und auch das Mili­tär. Letz­te­res wäre nicht vor­ge­kom­men, wenn die Hun­gers­not von Sta­lin künst­lich ver­hängt wor­den wäre.68

Die ein­zig plau­si­ble Erklä­rung ist, dass die Ern­ten von 1931 und 1932 viel gerin­ger gewe­sen sein muss­te, als die offi­zi­el­len Sta­tis­ti­ken ange­ge­ben hat­ten. Denn die­se hat­ten tat­säch­lich eine durch­schnitt­li­che Ern­te ver­zeich­net. Aller­dings stan­den 1932 nur 13,7 Mil­lio­nen Ton­nen für die Ernäh­rung der Men­schen außer­halb der Land­wirt­schaft zur Ver­fü­gung. Im Jahr 1931 waren es noch 18,8 Mil­lio­nen Ton­nen gewe­sen. Die­ser Rück­gang muss auf eine gerin­ge­re Ern­te zurück­ge­führt wer­den. Die Ern­te von 1932 kann dem­nach nur bei 50 bis 55 Mil­lio­nen Ton­nen gele­gen haben. Sie muss um 20% nied­ri­ger gewe­sen sein als die offi­zi­ell ange­ge­be­nen 70 Mil­lio­nen Ton­nen.69

Die Regie­rung expor­tier­te auch noch auf dem Höhe­punkt der Hun­gers­not zu Beginn des Jah­res 1933 Getrei­de. Aller­dings nur 220.000 Ton­nen, weni­ger als 1 Pro­zent der Ern­te ent­spre­chend den nied­rigs­ten Schät­zun­gen.70 Der Rest wur­de voll­stän­dig für die Ernäh­rung der Bevöl­ke­rung und die Wie­der­aus­saat genutzt. Der Getrei­de­ex­port kann dem­nach nicht für die Hun­gers­not ver­ant­wort­lich gemacht werden.

Wie kommt die­se Dis­kre­panz zwi­schen offi­zi­el­len Zah­len und tat­säch­li­chen Ern­te­er­trä­gen zustan­de? Hier­zu muss man wis­sen, dass das Sys­tem zur Erfas­sung der tat­säch­li­chen Ern­te in den 30er Jah­ren in der Sowjet­uni­on noch unent­wi­ckelt und feh­ler­an­fäl­lig war. Die sowje­ti­schen Land­wirt­schafts­be­hör­den miss­trau­ten aus gutem Grund den ten­den­zi­ell zu gerin­gen Ern­te­an­ga­ben der Bau­ern. Denn davon hing die Höhe der Natu­ral­steu­er ab. In den frü­hen 30er Jah­ren ent­wi­ckel­te man des­halb ein Sys­tem der Ern­te­schät­zung auf dem Halm (so genann­te »bio­lo­gi­sche Ern­te«). Von einer rei­nen Beob­ach­tung und Abschät­zung ging man bald zur Aus­zäh­lung der Pflan­zen in 1x1-Meter Pro­be­flä­chen über. Mit die­ser Metho­de war es zwar mög­lich, eini­ge natür­li­che Fak­to­ren wie Dür­re zu erken­nen, die zu gerin­gen Ern­ten füh­ren, aber eben nicht alle.71

Wie oben gezeigt, kamen in den 20er Jah­ren in der Sowjet­uni­on häu­fi­ger Hun­gers­nö­te vor. Aber auch die sons­ti­gen Welt war zu Beginn der 30er Jah­ren von zahl­rei­chen Hun­gers­nö­ten geplagt: Die USA erleb­ten 1931 bis 32 die gro­ße Dür­re in den Süd­staa­ten. In Chi­na ver­ur­sach­ten kata­stro­pha­le Über­schwem­mun­gen 1931 und 1932 Mil­lio­nen Tote. Fran­zö­sisch-West­afri­ka erleb­te auf­grund einer Dür­re und einer Heu­schre­cken­pla­ge 1931 bis 32 die größ­te jemals ver­zeich­ne­te Hun­gers­not.72 Über­haupt waren noch in der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts Miss­ern­ten gar nicht so sel­ten. Die Land­wirt­schaft war deut­lich anfäl­li­ger und die Ern­ten pro Hekt­ar gerin­ger als nach der so genann­ten Grü­nen Revo­lu­ti­on, die in den 60er Jah­ren statt­fand. Die­se Grü­ne Revo­lu­ti­on war geprägt durch neue Hoch­er­trags­sor­ten und den zuneh­men­den Ein­satz von Insek­ti­zi­den, Fun­gi­zi­den und Her­bi­zi­den. Dadurch konn­ten die Erträ­ge wesent­lich gestei­gert und die meis­ten Pflan­zen­krank­hei­ten zurück­ge­dränt werden.

1932 war in der Sowjet­uni­on kein beson­ders tro­cke­nes Jahr. Der Regen fiel früh und reich­lich, was nor­ma­ler­wei­se hohe Enten ver­spricht. Aber Regen kann auch güns­ti­ge Bedin­gun­gen für die Aus­brei­tung von Pflan­zen­krank­hei­ten, Unkräu­tern und tie­ri­schen Schäd­lin­gen schaffen.

Bis­her nicht aus­ge­wer­te­te Doku­men­te bele­gen, dass die sowje­ti­sche Land­wirt­schaft 1932 unter einer außer­or­dent­lich schwe­ren Kom­bi­na­ti­on von Pflan­zen­krank­hei­ten und Schäd­lin­gen litt. Die wich­tigs­te Pflan­zen­krank­heit war der Befall mit Rost­pil­zen. Meis­tens sehen die Ähren ganz nor­mal aus, aber sie sind taub und leer, wenn die Pflan­zen befal­len sind. Das merkt man jedoch erst bei der Ern­te, soweit kei­ne Spe­zia­lis­ten die Pflan­zen begut­ach­ten. Die Erträ­ge kön­nen um bis zu 60% gerin­ger aus­fal­len als nor­mal.73

Rost­pil­ze waren die destruk­tivs­te und am stärks­ten ver­brei­te­te Pflan­zen­krank­heit. Sie sind auch heu­te noch ein gewis­ses Pro­blem. Star­ker Rost­pilz­be­fall mit ent­spre­chen­den Ern­te­aus­fäl­len kam in den USA 1935, 1940 und 1954 vor. Rost­pilz­spo­ren wur­den von der US-Armee sogar als bio­lo­gi­sche Waf­fe betrach­tet und des­halb ein­ge­la­gert. Rost­pilz ist schwie­rig zu bekämp­fen. Die wich­tigs­ten Metho­den sind das Auf­brin­gen von Fun­gi­zi­den und die Züch­tung von resis­ten­ten Sor­ten. Die­se Hoch­er­trags­sor­ten der Grü­nen Revo­lu­ti­on und wirk­sa­me Fun­gi­zi­de stan­den jedoch in den 30er Jah­ren noch nicht zur Ver­fü­gung.74

1932 berei­te­te sich Rost­pilz­be­fall über ganz Ost­eu­ro­pa aus. Gewit­ter trie­ben rote Spo­ren­wol­ken vor sich her, die gro­ße Flä­chen in Deutsch­land, Rumä­ni­en, den Bal­kan, die Tsche­cho­slo­wa­ki­sche Repu­blik und Polen ver­seuch­ten, mit ent­spre­chen­den Ern­te­ver­lus­ten. Der Wind trieb die Spo­ren­wol­ken auch in die Sowjet­uni­on, wo Rost­pil­ze gro­ße Ern­te­aus­fäl­le aus­lös­ten. Die US-Agro­no­men Cairns und Schil­ler bemerk­ten 1932 bei ihren Rei­sen durch die Sowjet­uni­on weit­ver­brei­te­ten Rost­pilz­be­fall, auch auf der Sow­cho­se Gigant.75

Dass eine Rost­pilz­in­fek­ti­on für Nicht­fach­leu­te nur schwer zu erken­nen ist, kann erklä­ren, war­um zahl­rei­che Erin­ne­run­gen und Zeu­gen­aus­sa­gen von einer guten Ern­te berich­te­ten. Auch die Mit­ar­bei­ter der OGPU, dem dama­li­gen Staats­si­cher­heits­or­gan, waren kei­ne Agrar­spe­zia­lis­ten und berich­te­ten des­halb von einer guten Ern­te. Mit­ar­bei­ter des Volks­kom­mis­sa­ri­ats für Land­wirt­schaft (im Fol­gen­den abge­kürzt: VoKo­Land), die für Pflan­zen­krank­hei­ten zustän­dig waren, berich­te­ten jedoch von Ern­te­aus­fäl­len von 50% bis zu 70% in eini­gen Regio­nen infol­ge Rost­pilz­be­falls. Beson­ders stark betrof­fen waren 1932 der Nord­kau­ka­sus und die Ukrai­ne.76

Der Rost­pilz­be­fall wur­de 1932 in sei­nen Aus­ma­ßen nicht völ­lig ver­stan­den. Erst gegen Ende der 30er Jah­re demons­trier­te der Pflan­zen­pa­tho­lo­ge N.A. Naumow, dass der Rost­pilz 1932 eine Mas­sen­ver­meh­rung durch­mach­te. Er infi­zier­te ganz Ost­eu­ro­pa und sogar die gan­ze nörd­li­che Hemi­sphä­re.77

Gro­ße Aus­brü­che von Getrei­de­brand ver­ur­sach­ten eben­falls sub­stan­zi­el­le Ern­te­ver­lus­te. Wie bei Rost­pilz­be­fall ver­än­dert auch Getrei­de­brand nicht das Aus­se­hen der Pflan­ze. Die Getrei­de­kör­ner sind jedoch mit einer schlam­mi­gen oder stau­bi­gen Sub­stanz gefüllt, die Pilz­spo­ren ent­hält. Die­se Sub­stanz kann auch gesun­des Getrei­de kon­ta­mi­nie­ren, das dann eine dunk­le Fär­bung annimmt und schlecht riecht. Getrei­de­brand war ein gro­ßes Pro­blem in der Sowjet­uni­on wäh­rend der NEP-Peri­ode.78

Nach sowje­ti­schen Anga­ben von 1933 ver­ur­sach­ten Rost­pilz­be­fall und Getrei­de­brand 1932 einen Ern­te­aus­fall von 9 Mil­lio­nen Ton­nen. Das sind 13% der offi­zi­el­len Ern­te und 20% der nied­ri­gen Schätzung.

Eine wei­te­re weit ver­brei­te­te Pflan­zen­krank­heit war das Mut­ter­korn.79 Die von ihm her­vor­ge­ru­fe­ne Krank­heit wird Veits­tanz oder Anto­ni­us­feu­er genannt.

Das war­me, humi­de Wet­ter führ­te auch zu einem enor­men Insek­ten­be­fall, vor allem von Heu­schre­cken und Mot­ten. Eine agro­no­mi­sche Zeit­schrift berich­te­te über eine Mas­sen­ver­meh­rung der asia­ti­schen Heu­schre­cke in Dage­stan, der unte­rem Wol­ga, im Uraldel­ta, dem Nord­kau­ka­sus und dem Kal­my­ki­schen Oblast. Auch zahl­rei­che OGPU-Berich­te erwäh­nen die­se Mas­sen­in­fek­tio­nen.80

Gleich­zei­tig galt die Abtei­lung des VoKo­Land, die sich mit der Insek­ten­be­kämp­fung beschäf­tigt, als über­ar­bei­tet, unef­fek­tiv und unfä­hig. Ins­be­son­de­re ihre loka­len Mit­ar­bei­ter waren stark von der Hun­gers­not betrof­fen und konn­ten so ihren Auf­ga­ben nur unzu­rei­chend nach­ge­hen.81

Hin­zu kamen 1932 eine Mas­sen­ver­meh­rung von Mäu­sen und eine mas­sen­haf­te Aus­brei­tung von Getrei­deun­kräu­tern.82

Auch mensch­li­che Fak­to­ren spiel­ten bei der Hun­gers­not von 1932 und 33 eine Rol­le. Ein wich­ti­ger Fak­tor war die stark zurück­ge­hen­de Anzahl der Zug­tie­re. Vie­le Bau­ern ver­kauf­ten oder schlach­te­ten ihren Vieh­be­stand, ent­we­der aus Pro­test gegen die Kol­lek­ti­vie­rung, weil sie ihre Tie­re nicht den Kol­cho­sen über­las­sen woll­ten oder wegen unrea­lis­ti­scher Ver­spre­chun­gen der Behör­den über die Mecha­ni­sie­rung. Zug­tie­re wur­den auch Opfer der gerin­gen Ern­ten zu Beginn der 30er Jah­re. Sie konn­ten häu­fig nicht mehr durch­ge­füt­tert wer­den.83

Das allein kann jedoch die Hun­gers­not nicht aus­ge­löst haben. Denn der Tief­punkt an Pfer­de­stär­ken (kom­bi­niert Tie­re und Trak­to­ren) wur­de 1933 erreicht. Die Ern­te die­ses Jah­res war aber bedeu­tend höher als in den bei­den Vor­jah­ren.84

Auf­grund der Ent­ku­la­ki­sie­rung wur­den zusam­men mit den Ange­hö­ri­gen 1,8 Mil­lio­nen Men­schen aus den Dör­fern aus­ge­sie­delt. Zusätz­lich flo­hen mehr als 1 Mil­li­on Bau­ern aus den Dör­fern in die sich rasch ent­wi­ckeln­den Indus­trie­städ­te, weil sie befürch­te­ten, als Kulak ein­ge­stuft zu wer­den (»Selbstent­ku­la­ki­sie­rung«). Mit ihren Ange­hö­ri­gen waren das 9 bis 12 Mil­lio­nen Men­schen. Hier­durch ver­schlech­ter­te sich die länd­li­che Arbeits­kräf­te­si­tua­ti­on beträcht­lich.85

Wider­stand der Bau­ern gegen die Kol­lek­ti­vie­rung exis­tier­te, aber er kann nicht die Haupt­ur­sa­che für gerin­ge Ern­ten und die fol­gen­de Hun­gers­not gewe­sen sein. Denn das wür­de bedeu­ten, dass eine gro­ße Anzahl der Bau­ern ihre Fami­li­en und Nach­barn ohne sub­stan­zi­el­le Nah­rung bis zur nächs­ten Ern­te gelas­sen hät­te. Das Argu­ment kann auch nicht erklä­ren, war­um der Wider­stand gegen die Kol­lek­ti­vie­rung 1932 bedeu­tend grö­ßer gewe­sen sein soll­te als 1931 und 1933.86

Die OGPU berich­te­te in eini­gen Regio­nen zwar von akti­ven Wider­stands­hand­lun­gen der Bau­ern gegen die Kol­lek­ti­vie­rung wie zum Bei­spiel Brand­stif­tun­gen. Aber die­se kamen längst nicht über­all vor.87

Viel schwer­wie­gen­der war, dass in den ers­ten Jah­ren der Kol­lek­ti­vie­rung den Kol­cho­sen nur unzu­rei­chend Maschi­nen, Trans­port­mit­tel, Fach­per­so­nal, Nah­rungs­mit­tel und Treib­stof­fe bereit gestellt wer­den konn­ten. Durch die Hun­gers­not ging auch die Indus­trie­pro­duk­ti­on zeit­wei­se zurück. Fabri­ken sand­ten zum Bei­spiel defek­te Maschi­nen wie Mäh­dre­scher ohne Moto­ren, oder wei­ger­ten sich, Bestel­lun­gen für Ersatz­tei­le anzu­neh­men, was die Repa­ra­tur­ka­pa­zi­tät zum Zusam­men­bruch brach­te. Lie­fe­run­gen wur­den häu­fig fehl­ge­lei­tet, was dazu führ­te, dass eini­ge Regio­nen einen Über­fluss an Land­ma­schi­nen hat­ten, die in ande­ren völ­lig fehl­ten.88

Die von der Par­tei ein­ge­setz­ten Lei­ter der Kol­cho­sen hat­ten zunächst unge­naue und unzu­rei­chen­de Infor­ma­tio­nen über die loka­len Bedin­gun­gen. Sie hat­ten häu­fig auch Schwie­rig­kei­ten mit der Ver­wal­tung der land­wirt­schaft­li­chen Arbei­ten des Kol­chos. So lie­ßen sie zum Bei­spiel Getrei­de an Stel­len aus­sä­en, die unge­eig­net waren. Sie lie­ßen das Saat­gut auch nicht gegen Getrei­de­brand behan­deln. Man­che waren Alko­ho­li­ker und miss­han­del­ten die Bau­ern. Ande­re wie­der­um blie­ben in ihren Büros in den Bezirks­städ­ten und ver­mie­den es, Ver­ant­wor­tung für die Arbei­ten vor Ort zu über­neh­men.89

In vie­len Fäl­len wei­ger­ten sich die Bau­ern zu arbei­ten oder sie arbei­te­ten lang­sam. Die Begrün­dung hier­für war, dass der Kol­chos die Bau­ern nicht bezahlt hat­te und sie des­halb kei­ne Nah­rungs­mit­tel hat­ten. Über­haupt schwäch­te der Hun­ger die Menschen.

Die OGPU berich­te­te über zahl­rei­che feind­se­li­ge Äuße­run­gen der Bau­ern gegen­über der Sowjet­macht.90

Die­se Pro­ble­me plag­ten gro­ße Tei­le der Kol­cho­sen bereits im Jahr 1931. Die Miss­ern­te ver­schlim­mer­te sie im fol­gen­den Jahr. Ande­rer­seits war die Ern­te 1933 beträcht­lich höher als in den bei­den Vor­jah­ren. Dies kann nur dadurch erklärt wer­den, dass die von der Hun­ger­not geplag­ten Bau­ern nun doch beson­ders hart arbei­te­ten, um sie zu über­win­den.91

Mensch­ge­mach­te Fak­to­ren tru­gen also zur gerin­gen Ern­te 1932 bei. Knapp­heit an Zug­tie­ren, Man­gel an Arbeits­kräf­ten, all­ge­mei­ne öko­no­mi­sche Pro­ble­me, Miss­ma­nage­ment und Bau­ern­wi­der­stand ver­schärf­ten die durch Natur­ka­ta­stro­phen her­vor­ge­ru­fe­nen Ernteausfälle.

Zudem trat 1932 eine Erschöp­fung der Boden­frucht­bar­keit auf als Fol­ge des feh­len­den Frucht­wech­sels. Dies führ­te zu abneh­men­den Ern­te­er­trä­gen. In eini­gen Regio­nen der Wol­ga und im Nord­kau­kaus wur­den die­sel­ben Fel­der fünf bis 9 Jah­re lang mit Getrei­de bebaut. VoKo­Land-Mit­ar­bei­ter stie­ßen bei ihren Ver­su­chen, einen Frucht­wech­sel in der Wol­ga­re­gi­on ein­zu­füh­ren, auf gro­ße Schwie­rig­kei­ten. Nicht zuletzt war kein zusätz­li­ches Land hier­für vor­han­den.92

Die wich­tigs­ten Quel­len für die Ver­hält­nis­se in der Land­wirt­schaf­ten waren die OGPU-Berich­te. Die OGPU-Mit­ar­bei­ter konn­ten aber, die sie kei­ne Agrar­spe­zia­lis­ten waren, die Pflan­zen­krank­hei­ten wie Rost­pilz­be­fall, Getrei­de­brand und auch die Mäu­se­pla­ge nicht erken­nen. Die OGPU kon­zen­trier­te sich auf die sicht­bars­ten Ereig­nis­se wie Insek­ten­pla­gen und Ver­su­che der Dekol­lek­ti­vie­rung.93

Selbst wenn alle Pflan­zen­krank­hei­ten und Pagen kor­rekt berich­tet wor­den wären, wären die­se Infor­ma­tio­nen durch das schie­re Volu­men ande­rer Berich­te über die zahl­rei­chen Kri­sen in der Sowjet­uni­on zur Zeit des ers­ten Fünf­jahr­pla­nes bei­sei­te gedrängt wor­den. Vie­len Lan­des­tei­le droh­ten in Cha­os zu ver­sin­ken. Es gab einen rie­si­gen Arbeits­kräf­te­man­gel, Lebens­mit­tel­knapp­heit, Arbei­ter­pro­tes­te und Pro­duk­ti­ons­rück­gän­ge. Alle die­ser schwer lös­ba­ren Pro­ble­me ver­lang­ten die Auf­merk­sam­keit der Füh­rung. Rat der Volks­kom­mis­sa­re, Zen­tral­ko­mi­tee und Polit­bü­ro wur­den mit Berich­ten gera­de­zu über­schwemmt, die häu­fig lang­wie­ri­ge Dis­kus­sio­nen nach sich zogen.

Die Mit­glie­der der Füh­rung waren alle­samt kei­ne Land­wirt­schafts­spe­zia­lis­ten und haben wohl die Bri­sanz eini­ger doch ein­ge­hen­den Berich­te über Pilz­be­fall und zuneh­men­der Unkraut­ver­seu­chung nicht voll ver­stan­den. Für sie war vor allem Dür­re wich­tigs­te natür­lich Ursa­che von Hun­gers­nö­ten. Von Pflan­zen­krank­hei­ten und der Dyna­mik von Pla­gen ver­stan­den sie wenig. Da das Jahr 1932 recht feucht war, sahen sie kei­ne Gefahr für die Ern­te. Hin­zu kamen die oben erwähn­ten feh­ler­haf­ten Ern­te­schät­zun­gen.94

Erst im Juli 1932 erließ das Polit­bü­ro eine Rei­he von Dekre­ten, die die Schäd­lings­be­kämp­fung inten­si­vier­te. Das aber war in jedem Fall schwie­rig. Denn effek­ti­ve Insek­ti­zi­de stan­den damals noch nicht zur Ver­fü­gung.95 Im August 1932 unter­nahm die Füh­rung ener­gi­sche Schrit­te zur Bekämp­fung von Unkräu­tern und zur Stei­ge­rung der Ern­te. Erst jetzt merk­te sie, dass die Ern­te sehr gering aus­fal­len könn­te. Für Sta­lin war vor allem schlech­te Pla­nung und Miss­ma­nage­ment im VoKo­Land die Haupt­ur­sa­che der Kri­se. Die sowje­ti­sche Füh­rung glaub­te jedoch immer noch nicht, dass es zu einer Hun­gers­not kom­men wür­de, weil es kei­ne Dür­re gab. Die Ern­te schien nicht signi­fi­kant gerin­ger als 1931. Sie war mit zahl­rei­chen Fäl­len von Miss­ma­nage­ment auf jeder Ebe­ne der Regie­rung kon­fron­tiert. Des­halb war für Sta­lin der Wider­stand der Bau­ern gegen die Kol­lek­ti­vie­rung die wich­tigs­te Ursa­che des Wider­spruchs zwi­schen den hohen Ern­te­schät­zun­gen und den gerin­gen Beschaf­fungs­quo­ten.96

Erst im Sep­tem­ber 1932 scheint die Füh­rung erkannt zu haben, dass es gro­ße Pro­ble­me in der Land­wirt­schaft gab, die die Ern­te stark ver­min­dert hat­ten obwohl kei­ne gro­ße Dür­re auf­ge­tre­ten ist. Dar­auf deu­ten die Dekre­te zur Unkraut­be­kämp­fung und zur Ver­bes­se­rung der Frucht­fol­ge hin. Bereits im Som­mer 1932 wur­den die Beschaf­fungs­zie­le für bestimm­te Regio­nen und sogar die gesam­te Ukrai­ni­sche SSR redu­ziert. Offen­bar war der Füh­rung bereits zu die­sem Zeit­punkt bekannt, dass die Ern­te in bestimm­ten Regio­nen gering aus­fal­len wür­de.97

Um die Nut­zung der Land­ma­schi­nen zu ver­bes­sern, wur­den 1933 staat­li­che Maschi­nen-Trak­tor-Sta­tio­nen ein­ge­rich­tet und dem­nach die Nut­zung der Land­ma­schi­nen den Kol­cho­sen ent­zo­gen. Zudem wur­den vie­le unfä­hi­ge Kol­chos­vor­sit­zen­de abge­setzt.98

Die Hun­ger­not von 1932/33 ist nur ver­ständ­lich im Kon­text der chro­ni­schen Land­wirt­schafts­kri­se der frü­hen Sowjet­uni­on und der Inter­ak­ti­on zwi­schen Umwelt­fak­to­ren und mensch­li­chen Hand­lun­gen. Haupt­ur­sa­che der Hun­gers­not von 1932 war eine unge­wöhn­li­che Kom­bi­na­ti­on von Natur­ka­ta­stro­phen in einem Land, das hier­für sehr anfäl­lig war.

Der Sowjet­uni­on gelang es durch ihr Ratio­nie­rungs­sys­tem, 50 Mil­lio­nen Men­schen zu ver­sor­gen, wenn auch unzu­rei­chend. Dies ermög­lich­te es den Bau­ern im Jahr 1933 mit grö­ße­rer Inten­si­tät zu arbei­ten und so die Ern­te zu sichern.

6. Fazit

Bei der Behaup­tung eines Hun­ger­ho­lo­causts, der von Sta­lin bewusst als Waf­fe ein­ge­setzt wur­de, han­delt es sich um eine bewusst in die Welt gesetz­te Lüge, die mit der Rea­li­tät nichts zu tun hat. Dies gilt auch dann, wenn man die über­zeu­gen­den Schluss­fol­ge­run­gen von Mark B. Tau­ger über die Hun­gers­not als Natur­ka­ta­stro­phe, die durch mensch­li­che Hand­lun­gen ver­schlim­mert wur­de, nicht teilt.

Das Nar­ra­tiv vom »Holo­do­mor« dient im All­ge­mei­nen dazu, den »Kom­mu­nis­mus« als mas­sen­mör­de­ri­sche Ideo­lo­gie abzu­stem­peln und in der Bevöl­ke­rung jeden Gedan­ken an eine Alter­na­ti­ve zum Kapi­ta­lis­mus zu ersticken.

Es dient aber heu­te im Spe­zi­el­len dazu, genu­in faschis­ti­sches Gedan­ken­gut auch im Wes­ten wie­der salon­fä­hig zu machen. Dies ist offen­bar ange­sichts des als Ver­nich­tungs­krie­ges geplan­ten Wirt­schafts­krie­ges des Wes­tens gegen Russ­land aus­drück­lich erwünscht. Ange­sichts der dama­li­gen und heu­ti­gen angeb­li­chen mons­trö­sen Ver­bre­chen an den Ukrai­nern gewin­nen dor­ti­ge For­de­run­gen, die rus­si­sche Staat­lich­keit zu ver­nich­ten und die rus­si­sche Bevöl­ke­rung aus­zu­rot­ten, auch im Wes­ten zuneh­mend an Sym­pa­thie. Durch das Nar­ra­tiv vom Holo­do­mor wird der deut­sche Faschis­mus reha­bi­li­tiert. Sein Aggres­si­ons­krieg gegen die Sowjet­uni­on, dem 27 Mil­lio­nen Men­schen zum Opfert fie­len, erscheint als Befrei­ungs­krieg der Ukrai­ne und die Nazi-Kol­la­bo­ra­teu­re wie Ste­phan Ban­de­ra als Hel­den und Befreier.

Mit der Wirk­lich­keit hat das Nar­ra­tiv vom Holo­do­mor nichts zu tun. Dabei ist unbe­strit­ten, dass Sta­lin schwe­re poli­ti­sche Feh­ler und auch Ver­bre­chen began­gen hat. Aber das, was ihm unter­stellt wird – gan­ze Völ­ker aus­zu­rot­ten und Hun­ger als Waf­fe zu ver­wen­den – hat der deut­sche Faschis­mus aus­gie­big selbst prak­ti­ziert. Und heu­te prak­ti­ziert der Wes­ten die glei­che Stra­te­gie. Wenn Anna­le­na Baer­bock die rus­si­sche Wirt­schaft rui­nie­ren will, bedeu­tet das, dass die Rus­sen auch einer Hun­gers­not aus­ge­setzt wer­den sol­len, um deren Poli­tik zu ändern. So ist der Wes­ten bereits im Irak und in Syri­en vor­ge­gan­gen. Russ­land dage­gen lie­fert nach wie vor sei­ne Ener­gie­roh­stof­fe an sei­ne Feinde.

Dass eine Kol­lek­tiv­land­wirt­schaft kei­nes­falls Rück­schritt und nied­ri­ge Ern­ten bedeu­ten muss, bele­gen die Ver­hält­nis­se in der DDR. Zwar wur­de auch dort zu Beginn der 60er Jah­re auf Groß­bau­ern Druck aus­ge­übt, den LPGs bei­zu­tre­ten. Aller­dings wur­den die­se Groß­bau­ern spä­ter häu­fig selbst zu LPG-Vor­sit­zen­den gewählt, da sie viel von Land­wirt­schaft ver­stan­den. In den 80er Jah­ren erreich­te die DDR-Land­wirt­schaft 90% der Ern­te­er­geb­nis­se der BRD und konn­te das Land sta­bil mit Lebens­mit­teln ver­sor­gen. Im Ver­gleich dazu konn­te die Arbeits­pro­duk­ti­vi­tät in der DDR-Indus­trie nur 50% der­je­ni­gen der BRD errei­chen. Inso­fern war die Land­wirt­schaft eine der größ­ten Erfol­ge der DDR. Im Unter­schied zu den über­ar­bei­te­ten Klein­bau­ern der BRD hat­ten die Genos­sen­schafts­bau­ern der DDR gere­gel­te Arbeits­zei­ten, einen Anspruch auf Jah­res­ur­laub und leb­ten in gro­ßer sozia­ler Sicherheit.

7. Verwendete Literatur

Verweise

2 Vgl. Dag­mar Henn: »Rus­sen sind kei­ne Euro­pä­er« – Aus Flo­rence Gaub spricht die NATO, RT, 22.04.2022, im Inter­net: https://​de​.rt​.com/​m​e​i​n​u​n​g​/​1​3​6​7​1​3​-​r​u​s​s​e​n​-​s​i​n​d​-​k​e​i​n​e​-​e​u​r​o​p​a​e​r​-​a​us/, abge­ru­fen am 04.05.2022.

3 Allein die­se Behaup­tung ist eine unver­schäm­te Lüge. In den öst­li­chen Oblas­ten der Ukrai­ne leben haupt­säch­lich eth­ni­sche Rus­sen, nicht etwa Ukrai­ner noch wei­ter im Osten.

4 Vgl. Dou­glas Tott­le: Fraud, Fami­ne and Fascism, Toron­to 1987, S. 31ff.

5 Vgl. Tott­le a.a.O., S. 21ff

7 Vgl. San­kin 2020, a.a.O.

8 Vgl. Dag­mar Henn: Der Brand, der die Welt bedroht, wur­de in Odes­sa gelegt, 02.05.2022, RT, im Inter­net: https://​de​.rt​.com/​m​e​i​n​u​n​g​/​1​3​7​4​8​3​-​b​r​a​n​d​-​w​e​l​t​-​b​e​d​r​o​h​t​-​w​u​r​d​e​-​in/, abge­ru­fen am 04.05.2022.

9 Vgl. San­kin 2020, a.a.O.

10 Vgl. Jens Uwe Ger­loff / Alfred Zimm: Öko­no­mi­sche Geo­gra­phie der Sowjet­uni­on, Gotha / Leip­zig 1978, S. 39.

11 Ger­loff / Zimm 1978, a.a.O., S. 42

12 Leo Trotz­ki: Geschich­te der Rus­si­schen Revo­lu­ti­on, Band 1: Febru­ar­re­vo­lu­ti­on, Kapi­tel 3: Pro­le­ta­ri­at und Bau­ern­schaft, 1930, E‑Buchversion

13 von ins­ge­samt 16 Mil­lio­nen Wirtschaften

14 Eine Dess­ja­ti­ne ent­spricht 1,1 Hektar.

15 Vgl. Trotz­ki 1930, Kapi­tel 3, a.a.O.

16 Trotz­ki 1930, Band 1, Kapi­tel 3, a.a.O.

17 Vgl. Trotz­ki 1930, Band 1, Kapi­tel 3, a.a.O.

18 Trotz­ki 1930, Band 1, Kapi­tel 3, a.a.O.

19 Vgl. Trotz­ki 1930, Band 1, Kapi­tel 20, a.a.O.

20 Trotz­ki 1930, Band 1, Kapi­tel 20, a.a.O.

21 Trotz­ki 1930, Band 1, Kapi­tel 20, a.a.O.

22 Vgl. Trotz­ki 1930, Band 2, Kapi­tel 15, a.a.O.

23 Leo Trotz­ki: Geschich­te der Rus­si­schen Revo­lu­ti­on, Band 2: Okto­ber­re­vo­lu­ti­on, 1930, Kapi­tel 15, a.a.O.

24 Trotz­ki 1930, Band 2, Kapi­tel 15, a.a.O.

25 Trotz­ki 1930, Band 2, Kapi­tel 24, a.a.O.

26 Grund­ge­setz der Rus­si­schen Sozia­lis­ti­schen Föde­ra­ti­ven Sowjet­re­pu­blik (RSFSR) vom 10. Juli 1918, im Inter­net: http://www.verfassungen.net/rus/verf18‑i.htm, abge­ru­fen am 04.05.2022.

27 Trotz­ki 1930, Band 2, Kapi­tel 15, a.a.O

28 Trotz­ki 1930, Band 1, Kapi­tel 20, a.a.O.

29 Vgl. Leo Trotz­ki: Ver­ra­te­ne Revo­lu­ti­on, Essen 1990 (Erst­aus­ga­be 1936), S. 42

30 Vgl. Trotz­ki 1990, a.a.O., S. 39

31 Trotz­ki 1990, a.a.O., S. 39

32 Vgl. Leo N. Kritz­man: Die heroi­sche Peri­ode der gro­ßen rus­si­schen Revo­lu­ti­on, Frank­furt am Main 1971 (Deut­sche Erst­aus­ga­be 1929), S. 98

33 Vgl. Trotz­ki 1990, a.a.O., S. 40f

34 Alfred Kosing: Auf­stieg und Unter­gang des rea­len Sozia­lis­mus, Ber­lin 2017, S. 140

35 Zitiert nach: Kosing a.a.O., S. 140

36 Vgl. Kosing a.a.O., S. 159f

37 Zitiert nach: Kosing a.a.O., S. 140

38 Vgl. Kosing a.a.O., S. 148

39 Im Bür­ger­krieg sah sich Trotz­ki als Kriegs­kom­mis­sar gezwun­gen, Sta­lin und sei­ner Cli­que in Zari­zyn, dem heu­ti­gen Wol­go­grad, auf die »Hüh­ner­au­gen« zu tre­ten, da letz­te­rer als Lei­ter der Ver­tei­di­gung der Stadt die Befeh­le des Gene­ral­stabs der Roten Armee wie­der­holt miss­ach­tet hat­te, vgl. Leo Trotz­ki: Mein Leben, Frank­furt am Main 1974 (deut­sche Erst­aus­ga­be 1929), S. 375ff

40 Vgl. Trotz­ki 1990, a.a.O., S. 42

41 Vgl. Trotz­ki 1990, a.a.O., S. 42

42 Vgl. Trotz­ki 1990, a.a.O., S. 43

43 Vgl. Trotz­ki 1990, a.a.O., S. 44

44 Vgl. Trotz­ki 1990, a.a.O., S. 43, Kosing a.a.O., S. 148

45 Trotz­ki 1990, a.a.O., S. 43

46 Trotz­ki 1990, a.a.O., S. 44

47 Vgl. Kosing a.a.O., S. 148

48 Vgl. Kosing a.a.O., S. 156

49 Trotz­ki 1990, a.a.O., S. 45

50 Vgl. Trotz­ki 1990, a.a.O., S. 46

51 Vgl. Trotz­ki 1990, a.a.O., S. 49

52 Trotz­ki 1990, a.a.O., S. 49

53 Vgl. Trotz­ki 1990, a.a.O., S. 49

54 Vgl. Mark B. Tau­ger: Natu­ral Dis­as­ter and Human Actions in the Soviet Fami­ne of 1931 – 1933, The Carl Beck Papers, Num­ber 1506, Juni 2001, im Inter­net: https://​carl​beck​pa​pers​.pitt​.edu/​o​j​s​/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​/​c​b​p​/​a​r​t​i​c​l​e​/​v​i​e​w​/89, abge­ru­fen am 04.05.2022.

55 Kosing a.a.O., S. 185

56 Vgl. Trotz­ki 1990, a.a.O., S. 48

57 Vgl. Trotz­ki 1990, a.a.O., S. 49

58 Vgl. Kosing a.a.O., S. 175

59 Vgl. Tau­ger a.a.O., S. 23

60 Trotz­ki 1990, a.a.O., S. 53

61 Vgl. Trotz­ki 1990, a.a.O., S. 54

62 Vgl. Kosing a.a.O., S. 176

63 Vgl. Kosing a.a.O., S. 177

64 Vgl. Trotz­ki 1990, a.a.O., S. 55

65 Trotz­ki 1990, a.a.O., S. 55

66 Vgl. Kosing a.a.O., S. 184ff.

67 Vgl. Kosing a.a.O., S. 191

68 Vgl. Tau­ger a.a.O., S. 1

69 Vgl. Tau­ger a.a.O., S. 3

70 Vgl. Tau­ger a.a.O., S. 4

71 Vgl. Tau­ger a.a.O., S. 40

72 Vgl. Tau­ger a.a.O., S. 8

73 Vgl. Tau­ger a.a.O., S. 13

74 Vgl. Tau­ger a.a.O., S. 13

75 Vgl. Tau­ger a.a.O., S. 14f

76 Vgl. Tau­ger a.a.O., S. 15

77 Vgl. Tau­ger a.a.O., S. 16

78 Vgl. Tau­ger a.a.O., S. 16

79 Vgl. Tau­ger a.a.O., S. 17

80 Vgl. Tau­ger a.a.O., S. 18

81 Vgl. Tau­ger a.a.O., S. 38f

82 Vgl. Tau­ger a.a.O., S. 38

83 Vgl. Tau­ger a.a.O., S. 21

84 Vgl. Tau­ger a.a.O., S. 21

85 Vgl. Tau­ger a.a.O., S. 23

86 Vgl. Tau­ger a.a.O., S. 26

87 Vgl. Tau­ger a.a.O., S. 31

88 Vgl. Tau­ger a.a.O., S. 29

89 Vgl. Tau­ger a.a.O., S. 30

90 Vgl. Tau­ger a.a.O., S. 31

91 Vgl. Tau­ger a.a.O., S. 31

92 Vgl. Tau­ger a.a.O., S. 36

93 Vgl. Tau­ger a.a.O., S. 40

94 Vgl. Tau­ger a.a.O., S. 41

95 Vgl. Tau­ger a.a.O., S. 18

96 Vgl. Tau­ger a.a.O., S. 44

97 Vgl. Tau­ger a.a.O., S. 44

98 Vgl. Tau­ger a.a.O., S. 46

Bild: Pole­ta­evs­ka­ya MTS 1942. MTS-Direk­tor Sokolov und der bes­te Vor­ar­bei­ter Akse­nov über­prü­fen den Zustand des Traktors

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