Warum hat die Linke in der Coronakrise versagt?

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Vorbemerkung

Am 1. April 2022 erschien in der Mag­Ma ein Arti­kel von Wil­fried Schwetz mit dem Titel »Lin­ke und Coro­na: Wie konn­te das pas­sie­ren? Und was ist die Auf­ga­be einer Frei­en Lin­ken?«[1] Der Autor beklagt zu Recht ein kolos­sa­les Ver­sa­gen der Lin­ken in der »Coro­na-Pan­de­mie«. Indem sie die dik­ta­to­ri­schen Maß­nah­men fana­tisch ver­tei­dig­te, ist die Lin­ke nahe­zu voll­stän­dig auf die Sei­te des Finanz­ka­pi­tals und der west­li­chen Olig­ar­chen übergegangen.

Aber es stimmt nicht, dass sich vor ihm noch nie­mand über die Ursa­chen des Ver­sa­gens der Lin­ken Gedan­ken gemacht hät­te. Der hier erneut ver­öf­fent­lich­te Arti­kel erschien ursprüng­lich am 25. März 2021 im Frei­en Fun­ken, dem dama­li­gen Publi­ka­ti­ons­or­gan der Frei­en Lin­ken. Er sucht die Haupt­ur­sa­chen des Ver­sa­gens nicht in einer fal­schen Ideo­lo­gie, son­dern in eng zusam­men­hän­gen­den his­to­ri­schen, psy­cho­lo­gi­schen und sozio­lo­gi­schen Fakten.

In einem Anhang wird auf die Ent­wick­lung seit dem März 2021 und auf die Argu­men­te von Wil­fried Schwetz genau­er eingegangen.

Vorwort

Um die Fra­ge zu beant­wor­ten, war­um die bun­des­deut­sche Lin­ke in Coro­na-Kri­se zum gro­ßen Teil ver­sagt hat, muss zunächst geklärt wer­den, was die Lin­ke eigent­lich ist. Das geht nur durch einen Blick in die Geschich­te. Als Ver­sa­gen wird hier die nahe­zu flä­chen­de­cken­de Zustim­mung der Lin­ken zu den Coro­na-Zwangs­maß­nah­men ver­stan­den, die auf die Eta­blie­rung einer Dik­ta­tur der aggres­sivs­ten Tei­le des glo­ba­len Mono­pol­ka­pi­tals hinauslaufen.

Inhalt:

  1. Die bun­des­deut­sche Lin­ke bis 1989
  2. Die kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re Offensive
  3. Das Epo­chen­jahr 1989 und der Nie­der­gang der Linken
  4. Die neu­en Biedermenschen
  5. War­um hat die Lin­ke bei Coro­na versagt?
  6. Was tun?
  7. Neue­re Ent­wick­lun­gen und Ent­geg­nung auf Wil­fried Schwetz
  8. Ver­wen­de­te Lite­ra­tur und Filme

1. Die bundesdeutsche Linke bis 1989

In den Stän­de­ver­samm­lun­gen der frü­hen Neu­zeit saßen Adel und Kle­rus rechts vom König auf der bevor­zug­ten Sei­te, das Bür­ger­tum links vom König. Dar­aus ergab sich die Bedeu­tung, dass die Rech­te Pri­vi­le­gi­en der Geburt oder des Besit­zes ver­tei­digt, die Lin­ke dage­gen die­se infra­ge stell­te und eine mehr ega­li­tä­re Gesell­schaft anstrebt.

Als das Bür­ger­tum an die Macht kam, wur­de es selbst kon­ser­va­tiv. Die Lin­ke war in Deutsch­land nach 1871 weit­ge­hend mit der Arbei­ter­be­we­gung iden­tisch. In der Wei­ma­rer Repu­blik stan­den sich hier die Kom­mu­nis­ten, die eine sozia­le Revo­lu­ti­on befür­wor­te­ten und die Sozi­al­de­mo­kra­ten, die angeb­lich den Kapi­ta­lis­mus durch Refor­men über­win­den woll­ten, gegenüber.

Im Faschis­mus wur­den die Orga­ni­sa­tio­nen der Lin­ken ver­nich­tet. Nach des­sen Nie­der­rin­gung über­nahm in der sowje­ti­schen Besat­zungs­zo­ne bzw. der DDR die aus Kom­mu­nis­ten und Sozi­al­de­mo­kra­ten gebil­de­te SED die Macht. In der BRD wur­de die KPD 1956 ver­bo­ten und Kom­mu­nis­ten zu 10.000den ein­ge­ker­kert, häu­fig von den glei­chen Rich­tern, die sie bereits im Faschis­mus ver­ur­teilt hatten.

Die SPD gab 1959 im Godes­ber­ger Pro­gramm ihren Anspruch auf, den Kapi­ta­lis­mus durch Refor­men über­win­den zu wol­len und akzep­tier­te die­se Pro­duk­ti­ons­wei­se voll­stän­dig. Sie voll­zog damit ihre Poli­tik seit 1918 pro­gram­ma­tisch nach. Nun bezeich­ne­te sie sich nicht mehr als Arbei­ter­par­tei, son­dern als gro­ße Volks­par­tei der Mit­te. Zwar gelang es den Gewerk­schaf­ten noch bis 1989 in zum Teil har­ten Kämp­fen, den Arbei­tern einen Anteil am gestie­ge­nen gesell­schaft­li­chen Wohl­stand zu sichern, aber als poli­ti­scher Fak­tor spiel­te die tra­di­tio­nel­le Arbei­ter­be­we­gung seit 1956 kei­ne Rol­le mehr.

Das bedeu­te­te aber noch lan­ge nicht, dass die Lin­ke völ­lig von der Bild­flä­che ver­schwun­den wäre, auch wenn es viel­leicht ein Jahr­zehnt lang so aus­sah. Denn in den spä­ten 60er Jah­ren ent­stand aus der Stu­den­ten­be­we­gung die Neue Linke.

Zuerst sam­mel­te sie sich im SDS, dem Sozia­lis­ti­schen Deut­schen Stu­den­ten­bund. Er war ursprüng­lich die Stu­die­ren­den­or­ga­ni­sa­ti­on der SPD, aber sei­ne Mit­glie­der wur­den 1961 aus die­ser Par­tei aus­ge­schlos­sen. Der SDS führ­te zahl­rei­che Aktio­nen für eine fort­schritt­li­che Hoch­schul­re­form, zur Unter­stüt­zung der Befrei­ungs­be­we­gung in Viet­nam und gegen die Sprin­ger­pres­se durch. Er war wesent­lich für eine Renais­sance des gesell­schafts­kri­ti­schen Den­kens und des Mar­xis­mus verantwortlich.

Damit schuf er die Vor­aus­set­zung für die Grün­dung von mao­is­ti­schen Klein­par­tei­en wie dem KB, dem KBW und der KPD/ML[2]. Die­se wur­den aller­dings erst in den 70er Jah­ren, nach Auf­lö­sung des SDS, voll wirk­sam. Der Begriff Klein­par­tei bezieht sich hier auf den Ver­gleich mit den gro­ßen Volks­par­tei­en CDU/CSU und SPD, in denen damals mehr als 500.000 bzw. eine Mil­li­on Men­schen orga­ni­siert waren. Eine sol­che Klein­par­tei kann zu Beginn der 70er Jah­re durch­aus 10.000 akti­ve Mit­glie­der und Sym­pa­thi­san­ten umfasst haben.

Die­se in ihrem Kern aus Stu­die­ren­den bestehen­den Par­tei­en setz­ten sich das Ziel, die Arbei­ter­klas­se für ihr Pro­gramm zu gewin­nen. Trotz gewis­ser Anfangs­er­fol­ge etwa bei Kämp­fen gegen Fahr­preis­er­hö­hun­gen schei­ter­ten sie. Denn in die­ser Zeit stie­gen die Löh­ne merk­lich und der Sozi­al­staat wur­de aus­ge­baut. Des­halb war das poli­ti­sche Sys­tem der BRD sta­bil.[3] Immer­hin: Vie­le Stu­den­ten, die in die Betrie­be gegan­gen waren, um dort revo­lu­tio­nä­re Ideen zu ver­brei­ten, wur­den Betriebs­rä­te und beleb­ten den gewerk­schaft­li­chen Kampf.[4]

Nach dem deut­schen Herbst 1977 waren die mao­is­ti­schen Par­tei­en dis­kre­di­tiert, obwohl sie den Ter­ro­ris­mus ablehn­ten. Hier­zu trug auch bei, dass eini­ge von ihnen jede Wen­dung des spä­ten Mao­is­mus mit­mach­ten, dar­un­ter die umstrit­te­ne Drei-Wel­ten-Theo­rie, nach dem die Sowjet­uni­on und die USA glei­cher­ma­ßen impe­ria­lis­ti­sche Mäch­te sei­en. Dies führ­te dazu, dass zum Bei­spiel der KBW den Auf­rüs­tungs­kurs der BRD gegen die Staa­ten der WVO[5] unter­stütz­te. Außer­dem betrie­ben die Mao­is­ten häu­fig einen mas­si­ven »Kader­ver­schleiß«, in dem ihren Mit­glie­dern ein Enga­ge­ment bis an die kör­per­li­che Leis­tungs­gren­ze abver­langt wur­de. Das geht eini­ge Jah­re gut, wenn es die Hoff­nung gibt, dass die Revo­lu­ti­on kurz bevor steht. Bewahr­hei­ten sich ent­spre­chen­de Vor­her­sa­gen aber nicht, sind Frust und Mit­glie­der­schwund unvermeidlich.

Im Jahr 1968 tole­rier­te die Bun­des­re­gie­rung die Neu­grün­dung der 1956 ver­bo­te­nen KPD als Deut­sche Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei DKP. Das Par­tei­ver­bot der KPD wur­de aber nicht auf­ge­ho­ben. Das hat zur Fol­ge, dass die Bun­des­re­gie­rung die DKP und alle sozialistischen/​kommunistischen Par­tei­en und Orga­ni­sa­tio­nen jeder­zeit ohne ein wei­te­res auf­wen­di­ges Ver­fah­ren vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt allein per Rechts­ver­ord­nung als Nach­fol­ge­or­ga­ni­sa­ti­on der KPD ver­bie­ten und ihre Mit­glie­der erneut ein­ker­kern kann.

Die DKP gab das von der KPD ver­folg­te Ziel einer sozia­len Revo­lu­ti­on in West­deutsch­land auf und ori­en­tier­te dar­auf, den Kapi­ta­lis­mus durch Refor­men zu über­win­den. Sie nutz­te hier­zu das Schlag­wort der anti­mo­no­po­lis­ti­schen Demo­kra­tie. Die DKP nahm damit die Posi­ti­on im Par­tei­en­spek­trum ein, die die SPD 1959 auf­ge­ge­ben hat­te. Trotz eini­ger Anfangs­er­fol­ge gelang es der DKP genau­so wenig wie den K‑Gruppen, einen Mas­sen­an­hang zu gewinnen.

In den 80er Jah­ren begann die Hoch­zeit der Neu­en sozia­len Bewe­gun­gen. Dar­un­ter ver­steht man Ein-Punkt-Bewe­gun­gen wie die Frau­en­be­we­gung, die Schwu­len­/­Les­ben-Bewe­gung, die Umwelt­be­we­gung, die Anti-Atom-Bewe­gung und die Friedensbewegung.

Die sozia­le Fra­ge stand bei die­sen Bewe­gun­gen nicht mehr im Mit­tel­punkt des Inter­es­ses. Sie woll­ten viel­mehr die Situa­ti­on einer bestimm­ten Per­so­nen­grup­pe wie der Frau­en ver­bes­sern oder kon­kre­te Pro­ble­me lösen. Dabei stell­ten sie trotz teil­wei­se radi­ka­ler Rhe­to­rik den Kapi­ta­lis­mus im Grun­de genom­men nicht mehr in Frage.

Hier­zu muss betont wer­den, dass die Kri­tik­punk­te vie­ler die­ser Bewe­gun­gen gerecht­fer­tigt waren. So wur­den Frau­en noch in den 70er Jah­ren stark dis­kri­mi­niert und recht­lich benach­tei­ligt etwa durch Bestim­mun­gen im BGB, nach­dem der Ehe­mann das Haupt der Fami­lie ist. Abtrei­bung war verboten.

Bei dem star­ken Wirt­schafts­wachs­tum der 50er bis 70er Jah­re war der Umwelt­schutz ver­nach­läs­sigt wor­den. Nega­ti­ve Effek­te die­ses Wachs­tums auf die Umwelt zeig­ten sich prak­tisch aller­or­ten, etwa durch Ver­schmut­zung der Gewäs­ser, der Anrei­che­rung von gefähr­li­chen Che­mi­ka­li­en in der Umwelt wie DDT[6], dem sau­ren Regen, der das Wald­ster­ben aus­lös­te, der Zer­stö­rung der Ozon­schicht durch FCKW[7]s, der zuneh­men­den Zer­sied­lung, der Ver­bau­ung wert­vol­ler Bio­to­pe etwas beim Rhein-Main-Donau­ka­nal, der geplan­ten Zer­stö­rung der Donau­au­en bei Wien durch ein Was­ser­kraft­werk etc. Nicht zu über­se­hen ist aber, dass vie­le Aktio­nen der Umwelt­be­we­gung bereits schon damals Nim­by[8]-Cha­rak­ter tru­gen. So waren die Anwoh­ner der Gemein­den um den Frank­fur­ter Flug­ha­fen wegen des zuneh­men­den Flug­lärms strikt gegen die Start­bahn West. Aber gera­de die­se Anwoh­ner im wohl­ha­ben­den Speck­gür­tel Frank­furts wer­den den Flug­ha­fen durch­aus häu­fig genutzt haben, um in den Urlaub zu flie­gen oder um Geschäfts­rei­sen anzu­tre­ten. Mit der mas­si­ven Medi­en­kam­pa­gne zum Wald­ster­ben in den 80er Jah­ren sehen wir die ers­te bun­des­deut­sche media­le Angst­kam­pa­gne, bei der ein tat­säch­lich exis­tie­ren­des Pro­blem mit Hil­fe akti­vis­ti­scher Wis­sen­schaft­ler und hys­te­ri­scher Medi­en mas­siv auf­ge­bla­sen wur­de. Die Anti-Atom-Bewe­gung ver­brei­te­te häu­fig irra­tio­na­le, wis­sen­schaft­lich kei­nes­wegs gerecht­fer­tig­te Strah­len­angst. Dies steht in einem Zusam­men­hang mit der schwe­ren Wirt­schafts­kri­se von 1975, die eine lan­ge Wel­le mit depres­si­vem Grund­ton ein­lei­te­te. Der bis dahin domi­nie­ren­de Fort­schritts­op­ti­mis­mus wich einer stark pes­si­mis­ti­schen Stim­mung, in der ver­schie­de­ne For­men des Irra­tio­na­lis­mus aufblühten.

Die Auto­no­men spiel­ten unter den neu­en sozia­len Bewe­gun­gen eine ganz beson­de­re Rol­le. Der Begriff lei­tet sich ab vom ita­lie­ni­schen Auto­no­mia Ope­raio, also Arbei­ter­au­to­no­mie. Dar­un­ter ver­stand man Grup­pen, die links von der sozi­al­de­mo­kra­ti­sier­ten Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Ita­li­ens KPI stan­den. Sie streb­ten in den 70er Jah­ren die sozia­le Revo­lu­ti­on an. Die­se Grup­pen waren aber nicht per se anar­chis­tisch ori­en­tiert wie die spä­te­ren deut­schen Auto­no­men. Pote­re Ope­raio (»Arbei­ter­macht«) und Lot­ta Con­ti­nua (»Der Kampf geht wei­ter«) zum Bei­spiel waren mar­xis­ti­sche Arbeiterorganisationen.

In den 70er Jah­ren ver­such­ten eini­ge Lin­ke, die Theo­rie und Pra­xis des Ope­rais­mus auf die BRD zu über­tra­gen. Schwer­punk­te der bun­des­deut­schen Ope­rais­ten, nun Auto­no­me genannt, waren West­ber­lin und Frank­furt am Main.

In Frank­furt erlit­ten die Auto­no­men schon nach weni­gen Jah­ren weit­ge­hend Schiff­bruch. So ver­such­te die Grup­pe um Josch­ka Fischer die Arbei­ter der Opel­wer­ke in Rüs­sels­heim zur Revo­lu­ti­on zu über­re­den und schei­ter­te voll­kom­men. Besetz­te Häu­ser wur­den kon­se­quent geräumt und die meis­ten der ehe­ma­li­gen Auto­no­men nis­te­ten sich dann bei den Grü­nen ein. Aber das ist eine ande­re Geschichte.

In West­ber­lin dage­gen konn­ten sich die Auto­no­men wäh­rend der gan­zen 80er Jah­re gut ent­wi­ckeln und es ent­stand eine gro­ße Sze­ne, die in vie­ler­lei Hin­sicht maß­geb­lich wur­de für den Habi­tus der heu­ti­gen »Lin­ken«.

Dies hat mit der beson­de­ren poli­ti­schen Situa­ti­on zu tun. West­ber­lin war ein Teil der ehe­ma­li­gen deut­schen Reichs­haupt­stadt Ber­lin, das mit­ten in der DDR lag. Die Bun­des­re­pu­blik hat­te wegen der Vor­be­halts­rech­te der Alli­ier­ten kei­ne vol­le Kon­trol­le über das Ter­ri­to­ri­um. In den 60er und 70er Jah­ren schrumpf­te die Bevöl­ke­rung. Zahl­rei­che Men­schen zogen in die Bun­des­re­pu­blik. Des­halb stan­den in den Innen­stadt­be­zir­ken mit Miets­ka­ser­nen vie­le Häu­ser leer. Die­ser Leer­stand wur­de durch skru­pel­lo­se Boden­spe­ku­lan­ten verschlimmert.

Zu Beginn der 80er Jah­re gab es in West­ber­lin eine sehr gro­ße Wel­le an Haus­be­set­zun­gen, die im Unter­schied zu West­deutsch­land nicht geräumt wur­de. Dies lag einer­seits dar­an, dass sich die Haus­be­set­zer mili­tant gegen jede Räu­mung wehr­ten und so die Poli­zei lang­sam an ihre Gren­zen brach­ten, aber auch dar­an, dass Kapi­tal­in­ter­es­sen wegen der beson­de­ren Lage West­ber­lins nicht in dem Maße durch die­se Beset­zun­gen betrof­fen waren wie in der eigent­li­chen BRD. Beset­zer waren einer­seits Stu­die­ren­de, aber auch Sozi­al­hil­fe­be­zie­her, die hier ohne Mie­te rela­tiv gut leben konnten.

Die Ber­li­ner Auto­no­men waren in den 80er Jah­ren höchst aktiv. Stän­dig gab es mili­tan­te Demons­tra­tio­nen, die regel­mä­ßig zu Stra­ßen­schlach­ten mit der Poli­zei führ­ten. Sie reis­ten zum Bei­spiel nach Brock­dorf und Wackers­dorf und gaben der ursprüng­lich reak­tio­nä­ren, erz­bür­ger­li­chen Anti-Atom-Bewe­gung die not­wen­di­ge Durch­schlags­kraft, mit der sie das bun­des­deut­sche Atom­pro­gramm stop­pen konn­te. Eini­ge Grup­pen betä­tig­ten sich im so genann­ten Mikro­ter­ro­ris­mus. So wur­den in die­ser Zeit mas­sen­haft Strom­mas­ten gesprengt und Bank­fi­lia­len »abge­fa­ckelt«.

Um eine Infil­tra­ti­on der auto­no­men Sze­ne durch Geheim­diens­te zu ver­hin­dern, ver­zich­te­te man auf jede for­mel­le Orga­ni­sie­rung. Neu­lin­ge in der Sze­ne kamen nur durch per­sön­li­che Bekannt­schaf­ten, Lieb­schaf­ten und wenn sie sich bewährt hat­ten in die ent­schei­den­den Grup­pen, deren Exis­tenz in der Öffent­lich­keit noch nicht ein­mal bekannt war.

Die auto­no­me Sze­ne zog in den 80er Jah­ren wegen ihrer auf­re­gen­den Aktio­nen vie­le jun­ge Men­schen bei­der­lei Geschlechts an. Män­ner flo­hen vor dem Wehr­dienst nach West­ber­lin, Frau­en häu­fig aus der Enge ihrer hei­mat­li­chen Dör­fer und Klein­städ­te. Anzie­hend wirk­te nicht nur die aben­teu­er­li­che Lebens­wei­se der Auto­no­men oder die vie­len Par­tys, son­dern auch der unge­zwun­ge­ne, ega­li­tä­re und wert­schät­zen­de Umgang der Men­schen mit­ein­an­der, auch der bei­den Geschlech­ter. Das gilt ins­be­son­de­re für die ers­ten Jah­re.[9]

Im Lau­fe der Zeit eta­blier­ten sich jedoch eige­ne Nor­men und Bräu­che, die häu­fig eben­so ein­engend wirk­ten wie die­je­ni­gen, aus der die Men­schen geflo­hen waren. Dies hat fol­gen­den Hin­ter­grund: Wegen der feh­len­den for­mel­len Struk­tu­ren muss­te jeder, der in der Sze­ne mit­ma­chen woll­te, sozu­sa­gen eine inten­si­ve Lehr­zeit durch­ma­chen, wel­che durch Kon­kur­renz um Auf­merk­sam­keit zu einer neu­en Nor­mie­rung führ­te. Die­se Nor­mie­rung reich­te bis zur Klei­dung, zu bestimm­ten Sprech­wei­sen etc. Hier sind Ursprün­ge vie­ler Ver­hal­tens­wei­sen zu suchen, die die heu­ti­ge »Lin­ke« aus­ma­chen und die inzwi­schen längst zu einem Herr­schafts­in­stru­ment gewor­den sind:

  • Hyper­mo­ral
  • Strik­tes Ver­bot bestimm­ter Begrif­fe, Poli­ti­cal Correctness
  • Har­ter Kampf der Frau­en gegen die Männer.

Es wur­de eta­bliert: Wer der Lin­ken ange­hö­ren will, muss der Sze­ne ange­hö­ren. Alle, die das nicht tun, sind kei­ne Lin­ken, son­dern »Nor­ma­los«, die man bes­ten­falls igno­riert, aber meis­tens ver­ach­tet. Dar­un­ter natür­lich die Ange­hö­ri­gen der Arbei­ter­klas­se, die die Auto­no­men ja ursprüng­lich agi­tie­ren woll­ten.[10]

Hin­ter­grund der neu­en sozia­len Bewe­gun­gen waren Ver­än­de­run­gen in der Struk­tur des Kapi­ta­lis­mus. Noch Ende der 60er Jah­ren waren Bräu­che, Geset­ze, Sexu­al­mo­ral, Habi­tus und der psy­chi­sche Appa­rat des Men­schen an der kar­gen Zwi­schen- und unmit­tel­ba­ren Nach­kriegs­zeit ori­en­tiert. Inzwi­schen hat­te der Kon­sum jedoch stark zuge­nom­men. Er bil­de­te die Basis für ein erfüll­te­res Leben, das aber wegen des zurück­ge­blie­be­nen Über­baus und des eben­falls in den frü­hen Lebens­jah­ren aus­ge­präg­ten psy­chi­schen Appa­rats von den meis­ten Men­schen nicht wahr­ge­nom­men wer­den konn­te. Eine neue Genera­ti­on, die in der Nach­kriegs­zeit, also im Wohl­stand auf­ge­wach­sen war, rebel­lier­te gegen die­se Zumutungen.

Unter bestimm­ten Umstän­den kann die­se Rebel­li­on zu einer sozia­len Revo­lu­ti­on füh­ren. Dies geschieht dann, wenn sich die Stu­den­ten­re­vol­te mit den bis­her gewalt­sam zurück­ge­stau­ten sozia­len For­de­run­gen der Arbei­ter­klas­se ver­bin­det, wie im Mai 68 in Frank­reich. Der durch die Aktio­nen der Stu­den­ten aus­ge­lös­te Gene­ral­streik stell­te ernst­haft die Macht­fra­ge und er hät­te ver­mut­lich ohne den Ver­rat der KPF[11] zum Sturz der kapi­ta­lis­ti­schen Aus­beu­ter­ord­nung in Frank­reich geführt.

In der BRD waren die Ver­hält­nis­se nicht so weit fort­ge­schrit­ten. Aber auch hier gestal­te­te die sexu­el­le Revo­lu­ti­on in weni­gen Jah­ren das Sexu­al­le­ben der Men­schen gründ­lich um und ermög­lich­te den­je­ni­gen, die die neu­en Chan­cen wahr­neh­men konn­ten, ein wesent­lich glück­li­che­res Leben. Die Hip­pies wur­den zu Vor­rei­tern die­ser sexu­el­len Revolution.

Da mate­ri­el­ler Wohl­stand und sozia­le Sicher­heit gege­ben waren, rück­ten nun ande­re, bis­her ver­nach­läs­sig­te The­men ins Blick­feld wie die infe­rio­re Situa­ti­on der Frau­en, die Dis­kri­mi­nie­rung der Schwu­len und Les­ben sowie die viel­fäl­ti­gen For­men der Umweltzerstörung.

Die­se Ent­wick­lung fin­den wir nicht nur im Wes­ten. Da die DDR die kon­ser­va­ti­ve Wel­le der Ade­nau­er­ä­ra nicht mit­ge­macht hat­te, gab es kei­ne plötz­li­che sexu­el­le Revo­lu­ti­on, son­dern dort eher eine evo­lu­tio­nä­re Ent­wick­lung hin zu einer grö­ße­ren sexu­el­len Frei­heit. Aber auch in rea­len Sozia­lis­mus gab es eine beträcht­li­che Umwelt­ver­schmut­zung, die in den 80er Jah­re in das Blick­feld einer grö­ße­ren Anzahl von Men­schen geriet. Dass die Par­tei­füh­rung damit nicht umge­hen konn­te, hat ihr viel Legi­ti­mi­tät gekostet.

Auf jeden Fall wehr­ten sich kon­ser­va­ti­ve Kräf­te in den 70er und 80er Jah­ren mit Hän­den und Füßen gegen jede Libe­ra­li­sie­rung. Die­ser Streit wur­de auch in den Medi­en aus­ge­tra­gen und die 80er Jah­re waren für vie­le Jour­na­lis­ten der Höhe­punkt der Pres­se­frei­heit. Sie berich­ten schwär­me­risch, dass es damals – im Gegen­satz zum heu­ti­gen Ein­heits­brei – Zei­tun­gen mit völ­lig unter­schied­li­chen Redak­ti­ons­li­ni­en gab. Aller­dings bezo­gen sich die­se Dif­fe­ren­zen auf zweit­ran­gi­ge The­men wie sexu­el­le Frei­hei­ten. Bei The­men dage­gen, die die Inter­es­sen des Wes­tens direkt berühr­ten, waren sich bereits damals alle Medi­en von taz bis FAZ einig. So in der Ver­brei­tung von Gräu­el­pro­pa­gan­da gegen den rea­len Sozia­lis­mus (»Spiel­zeug­bom­ben« in Afgha­ni­stan, »Gel­ber Regen« in Laos, »Dorf­zer­stö­run­gen« in Rumä­ni­en etc.). Das unter­schei­det sich nicht sehr stark von den heu­ti­gen »Gift­gas­an­grif­fen« und »Fass­bom­ben« des »Dik­ta­tors Assad«.

2. Die konterrevolutionäre Offensive

Soweit die Ent­wick­lung der Lin­ken in der BRD bis 1989. In ande­ren Tei­len der Welt gab es jedoch Ent­wick­lun­gen, die sich auf die bun­des­deut­sche Lin­ke stark aus­wir­ken sollten.

In den 70er Jah­ren erlang­te der bereits mehr als 30 Jah­re frü­her von Karl Pop­per, Mil­ton Fried­man, Fried­rich August von Hayek und ande­ren aus­ge­ar­bei­te­te Neo­li­be­ra­lis­mus immer mehr Wir­kungs­macht. Die­se Leh­re rich­te­te sich schroff gegen Gewerk­schaf­ten, den Sozi­al­staat und eine keyne­sia­ni­sche Wirt­schafts­po­li­tik. Sie brach­te das Inter­es­se der Kapi­ta­lis­ten­klas­se nach einer schlag­ar­ti­gen Erhö­hung der Pro­fi­tra­te zum Ausdruck.

Der Neo­li­be­ra­lis­mus wur­de in der BRD bereits mit der »Geis­tig-Mora­li­schen Wen­de« unter Hel­mut Kohl ab 1982 wirk­sam und radi­ka­li­sier­te sich mit Rot-Grün unter Ger­hard Schrö­der ab 1998 immer stärker.

Im Lau­fe der Zeit wur­de aus einer Wirt­schafts­theo­rie eine tota­li­tä­re Welt­an­schau­ung, die in alle Poren der Gesell­schaft ein­ge­drun­gen ist. Arbei­ter bzw. Arbeit­neh­mer gäbe es nicht mehr. Jeder sei der Unter­neh­mer sei­ner eige­nen Arbeits­kraft. Der Markt sor­ge immer für die effi­zi­en­tes­te Koor­di­na­ti­on zwi­schen den indi­vi­du­el­len Pra­xen. Wer auf dem Markt ver­sagt, ist nach die­ser Leh­re selbst dar­an schuld und ver­dient im Grun­de genom­men kei­ner­lei Unter­stüt­zung, weil die­se nur einen Anreiz für Fehl­an­pas­sun­gen bie­ten würde.

Das neo­li­be­ra­le Den­ken wur­de ins­be­son­de­re in den letz­ten Jahr­zehn­ten in jedem Bereich der Gesell­schaft bru­tal durchgesetzt:

  • In der staat­li­chen Ver­wal­tung durch die Bewe­gung des New Public Management
  • Im Gesund­heits­we­sen durch das Fallpauschalensystem
  • In den Uni­ver­si­tä­ten durch den Bolognaprozess
  • In den Schu­len durch den bewusst her­bei geführ­ten Pisaschock.
  • In den Sozia­len Siche­rungs­sys­tem durch Hatz IV, das unter ande­rem das ver­hun­gern las­sen von Men­schen legalisiert.

Zugleich feg­te eine Wel­le von Pri­va­ti­sie­run­gen durch das Land, an der sich alle Par­tei­en von der Lin­ken bis zur CDU/CSU betei­ligt haben. Die Deut­sche Bahn ist das ein­zi­ge Staats­un­ter­neh­men, das bis­her auf­grund von Pro­tes­ten sei­ner Pri­va­ti­sie­rung ent­ge­hen konn­te. Dafür wird sie bewusst und absichts­voll an die Wand gefah­ren, um sie am Ende doch noch zu liqui­die­ren und damit den Kapi­tal­sam­mel­stel­len wie Black­rock zum Fraß vor­wer­fen zu können.

Hier­durch wur­den unwi­der­ruf­lich Fak­ten geschaf­fen. Sie machen die regie­ren­den Par­tei­en aus­tausch­bar. An der grund­le­gend neo­li­be­ra­len Aus­rich­tung der Gesell­schaft kann kei­ne Par­tei mehr etwas ändern.

Ursprüng­lich war der Neo­li­be­ra­lis­mus mit einer har­ten, kon­ser­va­ti­ven Gesell­schafts­po­li­tik ver­bun­den. Frau­en soll­ten wie­der an Heim und Herd zurück­ge­schickt wer­den. Denn sie sei­en angeb­lich, gelenkt durch staat­li­che Fehl­an­rei­ze, für die Ver­wahr­lo­sung der Kin­der, die Tra­gö­die der Fami­li­en und das Schei­tern der Ehen ver­ant­wort­lich. Wenn Frau­en arbei­ten, müs­sen die Kin­der von der Gesell­schaft betreut wer­den, was zu hohen und unnö­ti­gen Aus­ga­ben füh­re (Nor­bert Bolz 2003).

Staat­li­che Sozi­al­für­sor­ge, z.B. für älte­re Men­schen, ermu­ti­ge die Fami­li­en­mit­glie­der, sich emo­tio­nal von ihren Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen zu lösen. Sie sei somit für die Ero­si­on der Fami­lie ver­ant­wort­lich (Gary S. Becker 1982).

Staat­li­che Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­maß­nah­men, aber auch jede Form staat­li­cher Gleich­stel­lungs­po­li­tik wie der Mut­ter­schutz pro­du­zie­ren angeb­lich neue Unge­rech­tig­kei­ten und ver­hin­dern eine effek­ti­ve Res­sour­cen­al­lo­ka­ti­on. Denn jeder Unter­neh­mer muss sich zwi­schen sei­ner Nei­gung zur Dis­kri­mi­nie­rung bestimm­ter Min­der­hei­ten (Afro-Ame­ri­ka­ner, Frau­en, Homo­se­xu­el­le etc.) und den Kos­ten einer sol­chen Aus­wahl von Arbeits­kräf­ten ent­schei­den. Kommt es zur frei­en Preis­bil­dung auf dem Arbeits­markt, sinkt der Preis der Arbeits­kraft benach­tei­lig­ter Indi­vi­du­en. Die­se nied­ri­gen Lohn­kos­ten ver­an­las­sen den Unter­neh­mer, sei­ne Vor­ur­tei­le zurück­zu­stel­len, um in den Genuss der Kos­ten­ein­spa­rung zu gelan­gen. Wird die freie Preis­bil­dung der Ware Arbeits­kraft durch einen Min­dest­lohn unmög­lich gemacht, wer­den die benach­tei­lig­ten Grup­pen dar­an gehin­dert, ihre Arbeits­kraft preis­wer­ter als die ihrer nicht benach­tei­lig­ten Mit­be­wer­ber anzu­bie­ten. Dis­kri­mi­nie­ren­de Arbeit­ge­ber sehen des­halb kei­nen Anlass mehr, ihre Nei­gung zur Dis­kri­mi­nie­rung zu unter­drü­cken und die­se Per­so­nen anzu­stel­len, die so über­haupt nichts verdienen.

Dis­kri­mi­nie­rung ist auch für die Dis­kri­mi­nier­ten selbst von Vor­teil, denn sie lie­fert z.B. den wegen Unbil­dung, Kri­mi­na­li­tät, unge­ho­bel­tem Ver­hal­ten, gewerk­schaft­li­cher bzw. poli­ti­scher Betä­ti­gung Dis­kri­mi­nier­ten wir­kungs­vol­le Anrei­ze, gesell­schaft­lich wün­schens­wer­te Hand­lungs­wei­sen zu wäh­len (Harold Dem­setz 1964).[12]

In den 90er Jah­ren erle­ben wir mit Ger­hard Schrö­der und Tony Blair das Auf­kom­men eines lin­ken Neo­li­be­ra­lis­mus. Der kon­ser­va­ti­ve Neo­li­be­ra­lis­mus woll­te den Sozi­al­staat völ­lig schlei­fen und alle Funk­tio­nen der sozia­len Unter­stüt­zung auf die neu gefes­tig­te, patri­ar­cha­le Fami­lie ver­la­gern. Für eine sol­che Poli­tik steht zum Bei­spiel Geor­ge Bush der Jüngere.

Der lin­ke Neo­li­be­ra­lis­mus hin­ge­gen will den Sozi­al­staat erhal­ten, nicht etwa um Bedürf­ti­ge zu unter­stüt­zen, son­dern um sie durch bru­ta­le Sank­tio­nen und Schi­ka­nen fit für den Markt zu machen. Staat­li­che Kin­der­be­treu­ung wur­de aus­ge­baut, um Frau­en die Erwerbs­ar­beit zu ermög­li­chen. Hier­durch kön­nen die Löh­ne wei­ter abge­senkt wer­den, wäh­rend auf den Staat Kos­ten zukom­men. Für eine sol­che Poli­tik ste­hen Tony Blair, Ger­hard Schrö­der und Ange­la Merkel.

Da die neo­li­be­ra­le Poli­tik reich­lich unat­trak­tiv erscheint, wenn sie pur ver­kün­det wird, braucht sie eine ideo­lo­gi­sche Ver­brä­mung. Der rech­te Neo­li­be­ra­lis­mus kam unter dem Deck­man­tel des Evan­ge­li­ka­lis­mus daher, der in den USA sehr stark war und von ein­fluss­rei­chen Kapi­ta­lis­ten bewusst geför­dert wur­de. Der lin­ke Neo­li­be­ra­lis­mus bedien­te und bedient sich für sei­ne Legi­ti­ma­ti­on der poli­ti­schen Lin­ken, deren Evo­lu­ti­on wir jetzt betrach­ten müssen.

3. Das Epochenjahr 1989 und der Niedergang der Linken

Auf der theo­re­ti­schen Ebe­ne begann der Nie­der­gang der Lin­ken bereits in den 80er Jah­ren mit der Post­mo­der­ne. Die­se von den fran­zö­si­schen Phi­lo­so­phen Jean-Fran­çois Lyo­tard, Michel Fou­cault und ande­ren begrün­de­ten Denk­schu­le beschäf­tig­te sich vor allem mit der Dekon­struk­ti­on der so genann­ten Gro­ßen Erzäh­lun­gen. Dar­un­ter wer­den gesell­schafts­kri­ti­sche Wis­sens­be­stän­de wie der Mar­xis­mus, der radi­ka­le Femi­nis­mus mit der Matri­ar­chats­theo­rie und die Psy­cho­ana­ly­se ver­stan­den. Die­se Groß­theo­rien hät­ten sich angeb­lich völ­lig dis­kre­di­tiert. Es blei­be nichts ande­res übrig, als ein­zel­ne Erschei­nun­gen zu betrach­ten, die in kei­nem logi­schen Zusam­men­hang zuein­an­der stün­den. »Selt­sa­mer­wei­se« sind gesell­schaft­lich akzep­tier­te Groß­theo­rien wie der Neo­li­be­ra­lis­mus von die­ser Dekon­struk­ti­on voll­stän­dig aus­ge­nom­men worden.

Es wird immer wie­der gemun­kelt, dass der ame­ri­ka­ni­sche Geheim­dienst CIA bei der Durch­set­zung der Post­mo­der­ne nach­ge­hol­fen hat. Das wäre nichts Neu­es. Inzwi­schen ist bekannt, dass die CIA mit dem Kon­gress für Kul­tu­rel­le Frei­heit in den 50er und 60er Jah­ren in West­eu­ro­pa den Mar­xis­mus bekämpft hat, sowje­ti­sche »Dis­si­den­ten« wie Alex­an­der Sol­sche­ni­zyn mas­siv för­der­te und der abs­trak­ten Kunst im Wes­ten zum Durch­bruch ver­hol­fen hat. Letz­te­res aus dem ein­zi­gen Grund, weil sie von Sta­lin in der Sowjet­uni­on ver­bo­ten wor­den war.

Das Epo­chen­jahr 1989 mar­kiert eine kata­stro­pha­le Nie­der­la­ge des Sozia­lis­mus und der Arbei­ter­be­we­gung. Der von den USA ange­führ­te Wes­ten sieg­te im Kal­ten Krieg. Dies bewirk­te, dass der Sozia­lis­mus schein­bar für immer dis­kre­di­tiert war.

Das hat­te natür­lich mas­si­ve Aus­wir­kun­gen auf jede sozia­le Bewe­gung in der Bun­des­re­pu­blik. Radi­ka­le­re Grup­pen wie die Res­te der K‑Gruppen ver­schwan­den, die Trotz­kis­ten und die DKP gin­gen noch ein­mal stark zurück. Der Elan der Auto­no­men erlahmte.

Auch wenn vie­le Lin­ke die gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se in der Sowjet­uni­on kri­tisch sahen, so war sie eben doch eine Art Hin­ter­land für sie. Ihre Stra­te­gie basier­te letzt­lich auf der Exis­tenz einer Gegen­macht zum Kapitalismus.

Die Wir­kungs­be­din­gun­gen der Gewerk­schaf­ten ver­schlech­ter­ten sich nach 1989 rapi­de. Saß vor­her die DDR sozu­sa­gen unsicht­bar mit am Ver­hand­lungs­tisch, so fiel das Druck­mit­tel des Sozia­lis­mus plötz­lich weg. Das Kapi­tal hat­te es also nicht mehr nötig, durch hohe Lohn­ab­schlüs­se die gesell­schafts­po­li­ti­sche Über­le­gen­heit des Kapi­ta­lis­mus zu demons­trie­ren. Die Arbei­ter konn­ten nun zudem durch Betriebs­ver­la­ge­run­gen in die ehe­mals sozia­lis­ti­schen Staa­ten oder nach Chi­na erpresst wer­den. Außer­dem sorg­te die hohe Arbeits­lo­sig­keit nach der bewuss­ten Zer­stö­rung der DDR-Indus­trie für »Lohn­dis­zi­plin«. Als Fol­ge die­ser Ent­wick­lun­gen sank der Anteil der Löh­ne am Natio­nal­ein­kom­men. Lohn­er­hö­hun­gen über der Infla­ti­ons­ra­te konn­ten kaum noch durch­ge­setzt werden.

Die Nie­der­la­ge des Sozia­lis­mus hat­te auf die Neu­en sozia­len Bewe­gun­gen wider­sprüch­li­che Aus­wir­kun­gen. Man­che wie die Frie­dens­be­we­gung ver­schwan­den weitgehend.

Waren noch in den 80er Jah­ren auch radi­ka­le­re Expo­nen­tin­nen der Frau­en­be­we­gung wie die Matri­ar­chats­for­sche­rin Hei­de Gött­ner-Abend­roth durch Dozen­ten­stel­len und Pro­fes­su­ren geför­dert wor­den, allein schon um ein Gegen­ge­wicht zum Mar­xis­mus zu schaf­fen, so wur­de die­se Pra­xis nach 1989 schlag­ar­tig been­det. Die betrof­fe­nen Frau­en stan­den prak­tisch vor dem Nichts, wenn sie bis dahin kei­ne Pro­fes­sur erreicht hat­ten. Der rech­te, anpas­sungs­fä­hi­ge Flü­gel der Frau­en­be­we­gung wur­de in die neo­li­be­ra­le Bewe­gung des Gen­der Main­strea­ming trans­for­miert, die sich nun vor allem um Frau­en in Auf­sichts­rä­ten sorgte.

Die Umwelt­be­we­gung pro­fes­sio­na­li­sier­te sich. Smar­te jun­ge Umwelt­ma­na­ger trie­ben sich nun vor allem auf inter­na­tio­na­len Kon­fe­ren­zen her­um, wo sie die Eli­ten davon über­zeu­gen konn­ten, dass der Öko­lo­gis­mus für sie nütz­lich sein wür­de. Bei Umwelt­kam­pa­gnen spiel­ten zuneh­mend Mar­ke­ting­ge­sichts­punk­te eine Rol­le und weni­ger tat­säch­li­che Pro­ble­me. Obwohl sich der Zustand der Umwelt merk­lich ver­bes­ser­te, wur­den die­se Kam­pa­gnen immer hys­te­ri­scher, aber auch wir­kungs­vol­ler, da sie nun pro­fes­sio­nell gema­nagt wurden.

Die Auto­no­men beschäf­tig­ten sich seit Ende der 80er Jah­re zuneh­mend mit dem The­ma Anti­fa­schis­mus. Das war auch drin­gend not­wen­dig, denn seit Mit­te der 80er Jah­re tauch­ten mili­tan­te Faschis­ten in vie­len Städ­ten West­deutsch­lands auf und bedroh­ten lin­ke Struk­tu­ren. Nach der Kon­ter­re­vo­lu­ti­on von 1989 ent­stand eine gro­ße rechts­ex­tre­me Jugend­be­we­gung auch in der ehe­ma­li­gen DDR. Ihre Ange­hö­ri­gen ermor­de­ten in den fol­gen­den Jah­ren mehr als 100 Men­schen, Aus­län­der, Obdach­lo­se und Lin­ke. Eine anti­fa­schis­ti­sche Mili­tanz war also drin­gend not­wen­dig. Sie rich­te­te sich damals gegen tat­säch­li­che gewalt­be­rei­te Faschis­ten. Wie Unter­su­chun­gen im Zusam­men­hang mit dem NSU nach 2011 zeig­ten, haben bun­des­deut­sche Geheim­diens­te bei der Eta­blie­rung die­ser neo­fa­schis­ti­schen Jugend­be­we­gung mas­siv nach­ge­hol­fen, um das min­des­te zu sagen.

Aus der Auto­no­men ent­stand die Auto­no­me Anti­fa, die heu­te nur noch Anti­fa genannt wird. Inzwi­schen tum­meln sich in den Anti­fa-Grup­pen die Nach­kom­men der wohl­ha­ben­den Bobos und Hips­ter (sie­he fol­gen­des Kapitel).

In einem engen Zusam­men­hang mit die­ser Ent­wick­lung stand der Auf­stieg der Anti­deut­schen. Her­vor­ge­gan­gen aus der Demons­tra­ti­on »Nie wie­der Deutsch­land« von 1990 kurz vor der Wie­der­ver­ei­ni­gung schlos­sen die Anti­deut­schen aus dem zuneh­men­den Natio­na­lis­mus, der ver­stärk­ten Akti­vi­tät der rechts­ex­tre­men Jugend­be­we­gung und der impe­ria­lis­ti­schen deut­schen Poli­tik in Jugo­sla­wi­en, dass die Bun­des­re­gie­rung jetzt das Vier­te Reich errich­ten wol­le. Dass also eine faschis­ti­sche Macht­über­nah­me unmit­tel­bar bevorstehe.

Des­halb müs­se man jetzt die kapi­ta­lis­ti­sche Nor­ma­li­tät gegen die faschis­ti­sche Bar­ba­rei ver­tei­di­gen. Die Anti­deut­schen wähn­ten sich in einer Situa­ti­on wie im Zwei­ten Weltkrieg.

Im Lau­fe der 90er Jah­re stell­te sich her­aus, dass die Ana­ly­sen der Anti­deut­schen nicht zutra­fen. Wir wis­sen nicht genau, was die Kohl­re­gie­rung unmit­tel­bar nach 1990 eigent­lich geplant hat. Woll­te man auf Kos­ten Jugo­sla­wi­ens den Sprung zu einer neu­en Groß­macht wagen? Woll­te man mit den Faschis­ten die als bedroh­lich emp­fun­de­ne Lin­ke, ins­be­son­de­re die mili­tan­ten Auto­no­men aus­schal­ten? Wie auch immer, die­se mög­li­chen Plä­ne pass­ten auf jeden Fall nicht in das Kal­kül der USA und nach 1998, dem Amts­an­tritt der Schrö­der-Fischer-Regie­rung, waren sie Makulatur.

Die Kon­struk­te der Anti­deut­schen wur­den des­halb immer phan­tas­ti­scher und ent­fern­ten sich wei­ter von der Rea­li­tät. Bald soll­te nicht mehr das hypo­the­ti­sche Vier­te Reich, son­dern ein dubio­ser »Isla­mo­fa­schis­mus« eine töd­li­che Gefahr für die Welt sein, ver­gleich­bar mit dem Hit­ler­fa­schis­mus, gegen den eine neue Anti­hit­ler-Koali­ti­on gebil­det wer­den müs­se. Jür­gen Elsäs­ser, der damals füh­ren­de anti­deut­sche Publi­zist, brach­te dies mit der Paro­le »Fan­ta statt Fat­wa« auf den Punkt. Damit war der Anschluss an die kriegs­lüs­ter­nen US-Ame­ri­ka­ni­schen Neo­cons gege­ben. Die anti­deut­sche Ideo­lo­gie führ­te also zu einer Ver­söh­nung der Lin­ken mit dem neo­li­be­ra­len Kapi­ta­lis­mus, den man angeb­lich gegen Schlim­me­res ver­tei­di­gen müs­se. Mit den sozia­len Ver­än­de­run­gen der Gegen­wart beschäf­tig­te sich die Lin­ke nicht mehr. Statt­des­sen schwelg­te sie in der Vergangenheit.

Die Anti­deut­schen, häu­fig tot­ge­sagt, erreich­ten nach und nach die ideo­lo­gi­sche Hege­mo­nie über die Lin­ke und spä­ter über die Gesell­schaft ins­ge­samt. Ins­be­son­de­re in den Medi­en sind sie hege­mo­ni­al. Es wird immer wie­der ver­mu­tet, dass die bun­des­deut­schen Geheim­diens­te hier­bei nach­ge­hol­fen haben. Immer­hin cha­rak­te­ri­sier­te der Ver­fas­sungs­schutz­mit­ar­bei­ter und Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Rudolf van Hül­len die Anti­deut­schen als Licht­blick in der Ver­bre­chens­ge­schich­te der radi­ka­len Lin­ken.[13]

4. Die neuen Biedermenschen

Nach eini­gen auf­re­gen­den Jah­ren in der auto­no­men Sze­ne zum Bei­spiel führ­ten vie­le ehe­ma­li­ge mili­tan­te lin­ke Akti­vis­ten ihr Stu­di­um zu Ende und rück­ten ab den 90er Jah­ren in Schlüs­sel­po­si­tio­nen in Medi­en, Bil­dung und Staats­ap­pa­rat ein. Sie blie­ben häu­fig in den von ihnen besetz­ten Häu­sern woh­nen, lie­ßen die­se vom Staat lega­li­sie­ren und wur­den unter Umstän­den sogar zu Besit­zern die­ser Häu­ser, die sie nun ggf. selbst ver­mie­te­ten und dadurch hohe Pro­fi­te ein­stri­chen. Trotz ihres beträcht­li­chen gesell­schaft­li­chen Auf­stiegs behiel­ten sie eini­ge Habi­tus­merk­ma­le aus ihrer »Bewe­gungs­zeit« bei, was die heu­ti­ge Lin­ke heuch­le­risch und uner­träg­lich arro­gant erschei­nen lässt. Die ehe­ma­li­gen lin­ken Akti­vis­ten und ihre Nach­kom­men bil­den die Kern­grup­pe der links­neo­li­be­ra­len Milieus.

Der öster­rei­chi­sche Sozio­lo­ge Karl Koll­mann (nicht zu ver­wech­seln mit dem gleich­na­mi­gen deut­schen His­to­ri­ker) hat sich mit die­sem Milieu inten­siv beschäf­tigt.[14] Eben­so Sah­ra Wagen­knecht in ihrem Buch »Die Selbstgerechten«.

Nach sozio­lo­gi­schen Unter­su­chun­gen sind in der BRD unge­fähr ein Drit­tel har­te Post­ma­te­ria­lis­ten, ein Drit­tel wei­che Post­ma­te­ria­lis­ten und ein wei­te­res Drit­tel gehört tra­di­tio­nel­len Milieus an, für wel­che der mate­ri­el­le Kon­sum der wich­tigs­te Wert darstellt.

Wei­che Post­ma­te­ria­lis­ten haben bestimm­te Ideo­lo­ge­me des Post­ma­te­ria­lis­mus auf­ge­nom­men, wie zum Bei­spiel die Frau­en­eman­zi­pa­ti­on oder den Umwelt­schutz, ohne dass sie aus die­sen The­men eine geschlos­se­ne Welt­an­schau­ung gebas­telt hätten.

Aller­dings bedeu­tet die­se Unter­schei­dung nicht, dass für die Post­ma­te­ria­lis­ten der Kon­sum nicht wich­tig wäre. Die von ihnen hoch­ge­hal­te­nen Wer­te Indi­vi­dua­li­sie­rung, Selbst­ver­wirk­li­chung und Mit­be­stim­mung las­sen sich nur auf der Basis eines gesi­cher­ten mate­ri­el­len Wohl­stan­des leben, der ganz selbst­ver­ständ­lich genos­sen wird. Mate­ria­lis­ten gehö­ren meis­tens der Unter­schicht an, für die mate­ri­el­ler Kon­sum nicht selbst­ver­ständ­lich ist. Des­halb wird er von ihnen beson­ders geschätzt.

Die Post­ma­te­ria­lis­ten bil­den die moder­ne geho­be­ne Mit­tel­schicht. Sie sind im Jour­na­lis­mus, in der Wer­bung und PR, in Lehr­be­ru­fen (Kita, Schu­le, Uni­ver­si­tät), in der öffent­li­chen Ver­wal­tung, bei NGOs und in sozia­len Beru­fen tätig, mit ande­ren Wor­ten vor allem als Ideo­lo­gie­pro­du­zen­ten. Beschäf­ti­gung direkt in der Indus­trie etwa als Inge­nieur oder Buch­hal­ter wird ver­mie­den. Das ist die­sem Milieu nicht krea­tiv genug.

Den­noch haben Ange­hö­ri­ge die­ses Milieus hin­ter den Super­rei­chen die höchs­te gesell­schaft­li­che Durch­set­zungs­fä­hig­keit gezeigt. Hoch­qua­li­fi­zier­te Beschäf­tig­te in der Indus­trie, sogar Mana­ger, gera­ten zuneh­mend ins Abseits. Ihre Inter­es­sen, etwa nach guten Geschäfts­be­zie­hun­gen mit Chi­na und Russ­land wer­den inzwi­schen weit weni­ger berück­sich­tigt als die mora­li­sche Läu­te­rungs­agen­da der neo­li­be­ra­len Lin­ken, wenn sie mit den Inter­es­sen der weni­gen Super­rei­chen übereinstimmt.

Das Groß­mi­lieu der neu­en geho­be­nen Mit­tel­schicht, der etwa 25 bis 33% der Bevöl­ke­rung zuge­rech­net wer­den kön­nen, ist in zwei Sub­mi­lieus zerfallen:

  • Die Bobos, Bour­geois-Bohe­mi­en, stel­len den Kern der Links­neo­li­be­ra­len und die Kern­ziel­grup­pe der SPD und der Grü­nen. Sie sind Nach­kom­men einer selbst libe­ral und grü­nen Mit­tel­schicht und füh­ren nun die beruf­li­chen Kar­rie­ren ihrer Eltern fort. Sie sind nach eige­nem Ver­ständ­nis »kri­tisch«, welt­of­fen und multikulturell.
  • Die Hips­ter sind etwas weni­ger wohl­ha­bend. Es sind rus­ti­ka­le­re Typen. Immer etwas pun­kig, nerdig oder pro­le­ta­roid, teil­wei­se unge­ho­belt und mit tra­di­tio­nel­le­ren Hal­tun­gen ein­ge­mischt. Der Mann trägt hef­ti­ge Bär­te, gro­ße Bril­len und gibt sich teil­wei­se bereits der Main­stream-Kon­sum­kul­tur hin. Essen muss schme­cken anstatt tren­dig zu sein, die Klei­dung ist etwas ver­schlis­sen, sie darf pro­vin­zi­ell und anti­quiert aus­se­hen. Hips­ter sind die Kern­ziel­grup­pe der Linkspartei.

Nach ihrem Selbst­ver­ständ­nis sind Post­ma­te­ria­lis­ten kos­mo­po­li­tisch und mul­ti­kul­tu­rell, der Natio­nal­staat wird als eng, dumpf, ver­al­tet emp­fun­den. Hei­mat klingt auto­ri­tär und alt­ba­cken, die gro­ße, offe­ne, bun­te Welt ist eine will­kom­me­ne Alter­na­ti­ve. Sie befür­wor­ten das Empower­ment von unter­drück­ten Grup­pen wie Frau­en, Les­ben, Schwu­len, Trans­se­xu­el­len, Schwar­zen und Flücht­lin­gen. Umwelt­schutz, Öko­lo­gie und Tier­schutz haben einen hohen Stel­len­wert. Bio­land­wirt­schaft, eine vege­ta­ri­sche oder noch bes­ser vega­ne Ernäh­rung die­nen als demons­tra­ti­ve Alter­na­ti­ve zur Indus­trie­ge­sell­schaft, genau­so wie authen­ti­sche Kon­sum­gü­ter oder hand­werk­lich her­ge­stell­te Din­ge. Die Gro­ße Indus­trie wird abgelehnt.

Dis­kus­si­on, Empa­thie und demo­kra­ti­sches Aus­han­deln sind ihnen wich­tig. Die­se heh­ren Wer­te gel­ten aber nur inner­halb der eige­nen Grup­pe. Alle die­je­ni­gen, die nicht der eige­nen Grup­pe ange­hö­ren, die »gest­ri­gen« und lokal den­ken­den zum Bei­spiel, wer­den abge­wer­tet, abgrund­tief ver­ach­tet, gemaß­re­gelt, umer­zo­gen und sol­len am liebs­ten ganz von der Erde verschwinden.

Denn die Lin­ken haben die neo­li­be­ra­le meri­to­kra­ti­sche Leis­tungs­ideo­lo­gie, nach dem jeder sei­nes Glü­ckes Schmied sei, über­nom­men. Arbeits­lo­se gel­ten dem­nach als rechts, faul und sie sei­en selbst schuld an ihrem Schicksal.

Klas­sisch links ist die­se Mit­tel­schicht nicht, auch wenn sie die­sen Anspruch erhebt. Die sozia­le Fra­ge hat für die Post­ma­te­ria­lis­ten und die sie ver­tre­ten­den Par­tei­en (SPD, Grü­ne, Lin­ke) de fac­to kei­ne Bedeu­tung mehr[15]. Des­halb wird die­se Lin­ke auch als Iden­ti­täts­lin­ke bezeich­net. Deren poli­ti­sches Ziel ist eine Läu­te­rungs­agen­da, die sich vor allem um die Her­stel­lung des mora­lisch Guten dreht.

Die Iden­ti­täts­po­li­tik ist der Kern­punkt der links­neo­li­be­ra­len Ideo­lo­gie. Sie besteht dar­in, dass Men­schen sich als immer klei­ne­re und skur­ri­le­re Min­der­hei­ten defi­nie­ren, die von der Mehr­heits­ge­sell­schaft unter­drückt sei­en. Wor­aus sich der Anspruch ablei­tet, ein Opfer zu sein. Hier­bei muss es sich aller­dings um indi­vi­du­el­le Merk­ma­le wie Geschlecht, sexu­el­le Ori­en­tie­rung, Haut­far­be oder Eth­nie han­deln. Sozio­öko­no­mi­sche Merk­ma­le wie Armut zäh­len nicht. Wer ein Mann, weiß und hete­ro ist, kann sei­ne »Opfer­rol­le« behelfs­wei­se aus sei­nem Lebens­stil ablei­ten, zum Bei­spiel als Vega­ner oder als Ange­hö­ri­ger einer Reli­gi­on, die nur von Min­der­hei­ten ver­tre­ten wird.

Mit­glie­der einer Opfer­grup­pe dür­fen nicht kri­ti­siert wer­den. »Das wird damit begrün­det, dass Mehr­heits­men­schen sich per se nicht in das Innen­le­ben und die Welt­sicht einer Min­der­heit hin­ein­ver­set­zen kön­nen, weil sie lebens­lang ganz ande­re Erfah­run­gen gemacht haben und daher zwi­schen ihrer Gefühls­welt und jener der diver­sen Min­der­hei­ten unüber­wind­ba­re Mau­ern exis­tie­ren.«[16]

Sol­che Kri­tik gilt als Mikro­ag­gres­si­on, die unbe­dingt zu ver­mei­den ist. Die Iden­ti­täts­po­li­tik ist inzwi­schen von den Uni­ver­si­tä­ten in Par­tei­en, Bewe­gun­gen, Kul­tur­ein­rich­tun­gen und Medi­en ein­ge­si­ckert. Heu­te bestimmt die­se Art des Den­kens den öffent­li­chen Dis­kurs. Wer kei­ner aner­kann­ten Min­der­heit ange­hört, muss seit­her tun­lichst dar­auf ach­ten, Fehl­trit­te zu umschif­fen. Hat man ein­mal nicht auf­ge­passt, hel­fen nur Selbst­kri­tik und Buße.

Der Links­neo­li­be­ra­lis­mus for­dert nicht etwa die recht­li­che Gleich­stel­lung von Min­der­hei­ten, son­dern ihre dau­er­haf­te Pri­vi­le­gie­rung. Die­ser Ansatz negiert lin­ke Vor­stel­lun­gen. Die Lin­ke ging davon aus, dass Men­schen ein Recht auf glei­che Lebens­chan­cen haben und die­se nicht durch Eltern­haus und Eth­nie vor­be­stimmt sein soll­ten. Gleich­heit vor dem Gesetz war nur ein ers­ter, unzu­rei­chen­den Schritt. Des­halb galt ihr Haupt­in­ter­es­se sozio­öko­no­mi­schen Struk­tu­ren und der Eigentumsverteilung.

Die Iden­ti­täts­po­li­tik bläst Unter­schie­de von Eth­ni­en und Geschlech­tern zu bom­bas­ti­schen Trenn­li­ni­en auf, die weder durch Ver­stän­di­gung noch durch Empa­thie über­brückt wer­den kön­nen. Nicht die Gleich­heit, son­dern die Unter­schied­lich­keit und Ungleich­heit der Men­schen wird damit zu einem Wert an sich, dem fort­an durch Quo­ten und Diver­si­ty Rech­nung zu tra­gen ist. Die Iden­ti­täts­po­li­tik lenkt die Auf­merk­sam­keit weg von gesell­schaft­li­chen Struk­tu­ren und Besitz­ver­hält­nis­sen und rich­tet sie auf indi­vi­du­el­le Eigen­schaf­ten wie Eth­nie, Haut­far­be oder sexu­el­le Ori­en­tie­rung.[17]

Stand die tra­di­tio­nel­le Lin­ke in der Tra­di­ti­on der Auf­klä­rung und setz­te auf die Kraft ratio­na­ler Argu­men­te, so behaup­tet die Iden­ti­täts­po­li­tik, dass eine ratio­na­le Debat­te nicht mög­lich sei. Sie über­höht dif­fu­se Emp­fin­dun­gen und mimo­sen­haf­tes Belei­digt­sein[18].

Damit macht der Links­neo­li­be­ra­lis­mus eine Orga­ni­sie­rung anhand von öko­no­mi­schen Kri­te­ri­en unmög­lich. Noch schlim­mer: Irgend­wann führt er bei der Mehr­heit, den viel­ge­schmäh­ten wei­ßen, alten Män­nern zu dem Gefühl, die eige­nen Inter­es­sen ihrer­seits gegen die der Min­der­hei­ten behaup­ten zu müs­sen. Dies ist Was­ser auf den Müh­len von rech­ten Parteien.

Lin­ke leben ihr Gut­men­schen­tum häu­fig durch Enga­ge­ment in NGOs etwa gegen die Kern­ener­gie, gegen das CO2 oder für Flücht­lin­ge aus. Die von ihnen durch­ge­setz­ten For­de­run­gen gehen heu­te meis­tens auf Kos­ten der weni­ger pri­vi­le­gier­ten Men­schen die­ser Gesell­schaft. Beispiele:

  1. Aus einer irra­tio­na­len Strah­len­angst her­aus haben die Lin­ken den Atom­aus­stieg und die Ener­gie­wen­de durch­ge­setzt. Aus der Abschal­tung der Kern­kraft­wer­ke folg­te der Aus­bau der so genann­ten erneu­er­ba­ren Ener­gien. Für jedes abge­schal­te­te Kern­kraft­werk müs­sen als Ersatz 5.000 (!) Wind­kraft­an­la­gen gebaut wer­den. So sieht die BRD an vie­len Stel­len inzwi­schen auch aus. Die Post­ma­te­ria­lis­ten haben also trotz ihres Öko­lo­gis­mus ein Natur­ver­nich­tungs­pro­gramm von his­to­ri­schen Aus­ma­ßen zu ver­ant­wor­ten und zugleich die höchs­ten Strom­preis in Euro­pa. Die nega­ti­ven Fol­gen bekommt die­se Grup­pe aber nicht mit, da sie sich im All­tag kaum jemals aus ihren Sze­ne­vier­teln der Groß­städ­te hin­aus­be­wegt und auch ihren Urlaub nie­mals in Inland ver­bringt, son­dern an exo­ti­schen Loca­ti­ons, wo es kei­ne Wind­kraft­an­la­gen gibt.
  2. Aus der kos­mo­po­li­ti­schen Grund­hal­tung der Post­ma­te­ri­el­len folgt die For­de­rung, dass die BRD mög­lichst vie­le Flücht­lin­ge auf­neh­men sol­le. Die BRD als rei­ches Land müs­se sich dies leis­ten. Sie habe als Indus­trie­land eine Ver­pflich­tung dazu. Nur: Der Zustrom an Flücht­lin­gen übt einen hohen Druck auf den Woh­nungs- und Arbeits­markt aus. Aller­dings nicht in den Seg­men­ten der Post­ma­te­ri­el­len. Allein schon die hohen Mie­ten in den Sze­ne­vier­teln ver­hin­dern zuver­läs­sig, dass dort Migran­ten ansäs­sig wer­den. Oder dass dort die eige­nen Kin­der all­zu häu­fig mit Migran­ten­kin­dern in Kon­takt kom­men oder etwa gemein­sam eine Schu­le besu­chen. Da hat Mul­ti-Kul­ti sehr schnell Gren­zen. Bei ihren Akti­vi­tä­ten igno­riert die­se Grup­pe auch voll­kom­men, dass die Ret­tung ein­zel­ner Men­schen an den unge­rech­ten Struk­tu­ren der neo­li­be­ral aus­ge­rich­te­ten Welt­wirt­schaft nicht das Gerings­te ändert. Ganz im Gegen­teil ver­schär­fen enthu­si­as­tisch gefei­er­te Orga­ni­sa­tio­nen wie die EU stän­dig die welt­wei­te Aus­beu­tung und damit auch die Fluchtbewegungen.
  3. Aus dem Kli­ma­wan­del folgt für die Post­ma­te­ri­el­len die CO2-Steu­er als All­heil­mit­tel. Die­se wird vor allem das Auto­fah­ren sehr ver­teu­ern. Davon ist die­se Schicht aber nur wenig betrof­fen, da man in Innen­stadt­vier­teln lebt und vie­le Zie­le zu Fuß oder mit dem ÖPNV errei­chen kann. Das Auto braucht man in Groß­städ­ten wie Ber­lin viel weni­ger als Men­schen, die in Klein­städ­ten oder auf dem Land leben und häu­fig lan­ge Stre­cken zu ihrem Arbeits­platz pen­deln müssen.

Die­se Leu­te ärgern sich immer stär­ker über die Arbei­ter­klas­se und die alte Mit­tel­schicht wegen ihrer angeb­li­chen Hals­star­rig­keit und Klein­ka­riert­heit, Bor­niert­heit und trä­gen Dumm­heit. Trotz aller Erzie­hung im Fern­se­hen, das zum Bei­spiel beharr­lich und mit­leids­voll über Flüch­ten­de berich­tet und dem all­täg­lich sich aus­brei­ten­den Spin der Tages­zei­tun­gen wol­len sie ein­fach nicht von ihren »Vor­ur­tei­len« lassen.

Grup­pen, die so sind wie man selbst ist, sind gut, jene, die nicht so sind, sind schlecht und sol­len dort­hin gehen, wo der Pfef­fer wächst. Klein­un­ter­neh­mer, Start-Ups, Künst­ler, Hand­wer­ker und NGOs sind gut, die Gro­ße Indus­trie, beson­ders die Che­mie­in­dus­trie und Kern­kraft­wer­ke und die dar­in beschäf­tig­ten Arbei­ter sind schlecht.

Es kom­men dann sol­che absur­den Zuord­nun­gen zustan­de wie folgt: »Gen­tech­nik ist rechts, Atom­ener­gie ist rechts, Arbeits­lo­sig­keit ist rechts, Homo­se­xua­li­tät ist links, Elek­tro­au­tos sind links, Die­sel­fahr­zeu­ge sind rechts, Bin­nen­flug­ver­kehr ist rechts, Inter­na­tio­na­ler Flug­ver­kehr ist links, Kli­ma­wan­del ist links, Vega­nis­mus ist links, Bier­trin­ken ist rechts, Rock­mu­sik ist rechts, Punk ist links.«

Der­ar­ti­ge Zuord­nun­gen erge­ben ein beacht­li­ches Schwarz-Weiß-Bild, das kei­ne Nuan­cen zulässt und den Dis­kurs mit anders­gläu­bi­gen Ein­hei­mi­schen von vor­ne her­ein unmög­lich macht. Die lin­ke Ideo­lo­gie ent­spricht in ihrer Rück­sichts­lo­sig­keit, Into­le­ranz, mora­li­scher Selbst­ge­fäl­lig­keit und Dis­kurs­ver­wei­ge­rung dem faschis­ti­schen Den­ken, so Kollmann.

Das links­neo­li­be­ra­le Schwarz-Weiß-Den­ken hat sich in den letz­ten Jah­ren noch ein­mal beträcht­lich radi­ka­li­siert. Die­ser Pro­zess begann schon vor Coro­na. Er hat sich aber im Epo­chen­jahr 2020 wei­ter beschleu­nigt: Inzwi­schen wer­den alle Kri­ti­ker der west­li­chen Poli­tik, sei es nun im Bereich der Außen- oder der Innen­po­li­tik als Rech­te, Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker, Anti­se­mi­ten und Holo­caust­leug­ner geframt.

Dies gilt zum Bei­spiel für kri­ti­sche, inves­ti­ga­ti­ve Jour­na­lis­ten wie Mat­thi­as Brö­ckers und Ken Jeb­sen, den mit Berufs­ver­bot beleg­ten Leh­rer und Wiki­pe­dia-Kri­ti­ker Mar­kus Fied­ler, die neue Frie­dens­be­we­gung und sämt­li­che Kri­ti­ker der Corona-Zwangsmaßnahmen.

Da nun alle Fein­de der kapi­ta­lis­ti­schen Eli­te als Rech­te geframt wur­den, dür­fen sie mit dem glei­chen Furor bekämpft wer­den, als sei­en sie tat­säch­lich gewalt­be­rei­te Faschis­ten. Der Staat tole­riert dies augenzwinkernd.

Die Arbei­ter­klas­se dage­gen hat jede Hoff­nung auf eine bes­se­re Welt auf­ge­ge­ben. Uto­pien sind nach der his­to­ri­schen Nie­der­la­ge des Sozia­lis­mus 1989 aus­ge­trock­net (wor­den). Vie­le Men­schen wün­schen sich nur noch, dass ihre Situa­ti­on nicht noch schlech­ter wird, als sie das ohne­hin schon ist. Sie kann sich gegen die Zumu­tun­gen der Post­ma­te­ria­lis­ten kaum mehr Gehör ver­schaf­fen. Ihre Ange­hö­ri­gen sind in den Wor­ten von Rai­ner Maus­feld Läm­mer und kei­ne poli­ti­schen Kampf­hun­de wie die Akti­vis­ten links­grü­ner Grup­pen und NGOs. Sie sind nicht ver­siert in Aus­ein­an­der­set­zun­gen, nicht beschä­di­gend, son­dern eher zag­haft, scheu und zurück­hal­tend, wenn es dar­um geht, die eige­ne Mei­nung zu äußern.[19] Das Arbei­ter­mi­lieu hat im Mei­nungs­kampf die schlech­te­ren Kar­ten, denn die Links­neo­li­be­ra­len haben längst die kul­tu­rel­le Hege­mo­nie übernommen.

Die Käl­te und Gleich­gül­tig­keit der Iden­ti­täts­lin­ken gegen­über den Inter­es­sen und Bedürf­nis­sen der Mehr­heits­be­völ­ke­rung führt dazu, dass die Anlie­gen der Links­neo­li­be­ra­len immer stär­ker dis­kre­di­tiert wer­den. Hier­zu gehö­ren zum Bei­spiel Äuße­run­gen, dass der klein­li­che Kampf um Arbeits­plät­ze und Lebens­stan­dard zurück­ste­hen muss, wenn es um die Zukunft des Pla­ne­ten geht. Die hyper­sen­si­ble Rück­sicht­nah­me in Sprach­fra­gen hin­dert die Links­neo­li­be­ra­len nicht dar­an, das Feind­bild der Boo­mer, der »wei­ßen, alten Män­ner«, der zwi­schen 1945 und 1970 gebo­re­nen, offen­siv zu pfle­gen. So wird eine gan­ze Genera­ti­on für den Kli­ma­wan­del ver­ant­wort­lich gemacht, völ­lig egal, ob es sich um einen Kapi­ta­lis­ten han­delt, der mit dem Pri­vat­jet um die Welt düst oder um einen ein­fa­chen Arbeiter.

Die neo­li­be­ra­le Kli­ma­be­we­gung Fri­days for Future hat den Kli­ma­schutz nicht etwa popu­lä­rer gemacht, son­dern er wird heu­te von weni­ger Men­schen unter­stützt als all die Jah­re zuvor. »Die Men­schen reagie­ren all­er­gisch, wenn sie das Gefühl bekom­men dass der Kli­ma­wan­del nur ein Ali­bi ist, um ihr Heiz­öl, ihren Strom und ihren Sprit noch teu­rer zu machen. Auch sind sie es leid, von pri­vi­le­gier­ten Zeit­ge­nos­sen für ihren Lebens­stil – ihre Die­sel-Autos, ihre Ölhei­zung oder ihr Aldi-Schnit­zel – mora­lisch deklas­siert zu wer­den. Und genau das war pas­siert: Fri­days for Future und der links­li­be­ra­le Main­stream hat­ten die Kli­ma­de­bat­te zu einer Life­style-Debat­te gemacht und die For­de­rung nach einer CO2-Steu­er in den Mit­tel­punkt gestellt.«[20]

Der Kliam­schutz belas­tet über­pro­por­tio­nal die ärme­ren Tei­le der Gesell­schaft sowie Men­schen, die in länd­li­chen Regio­nen leben. Fol­ge­rich­tig ist die­se Mehr­heit jetzt dage­gen, die Fri­days for Future-Bewe­gung wei­ter­hin Ein­fluss auf die Poli­tik hat.

Dies wie­der­um führt dazu, dass die Links­neo­li­be­ra­len im Inter­es­se der tat­säch­li­chen Kapi­tale­li­ten die auto­ri­tä­re For­mie­rung der Gesell­schaft umso stär­ker vor­an­trei­ben »Die Zei­chen, wo es hin­ge­hen soll, ste­hen ja schon an der Wand: Impf­plich­ten und ande­re Wohl­ver­hal­tens­vor­schrif­ten, mehr und mehr recht­lich durch­ge­setz­te poli­ti­sche Kor­rekt­heit, Bar­geld­ver­bot, lang­an­hal­ten­de und inten­si­vier­te finan­zi­el­le Repres­si­on, wirk­sa­me Bemau­tung im Stra­ßen­ver­kehr, hohe CO2-Steu­ern und ähn­li­che Din­ge.«[21]

Dies schrieb Koll­mann vor Corona.

Wie wir aus der Geschich­te gese­hen haben, waren die Anlie­gen der ab 1968 ent­stan­de­nen Neu­en Lin­ken ursprüng­lich pro­gres­siv. Sie sind aber unter den heu­ti­gen gesell­schaft­li­chen Bedin­gun­gen in ihr Gegen­teil umgeschlagen.

War 1968 der gesell­schaft­li­che Wohl­stand noch all­ge­mein vor­han­den, so schrumpf­te die­ser nach vier Jahr­zehn­ten Neo­li­be­ra­lis­mus zusam­men auf die schma­le Ober­schicht und das links­neo­li­be­ra­le Milieu, also auf ein Drit­tel der Gesell­schaft. Des­halb gera­ten die post­ma­te­ri­el­len Vor­stel­lun­gen und Wün­sche die­ses Milieus in einen immer schär­fe­ren Gegen­satz zu den mate­ri­el­len Bedürf­nis­sen der weni­ger pri­vi­le­gier­ten Tei­le der Gesell­schaft. Die heu­ti­gen post­ma­te­ri­el­len For­de­run­gen bewir­ken regel­mä­ßig wei­te­re Ver­ar­mungs­schü­be in den unte­ren Eta­gen (Bei­spiel: Flücht­lin­ge, Atom- und Koh­le­aus­stieg, CO2-Steu­er). Sie sind Teil des Klas­sen­kamp­fes von Oben.

Hat­te in den 70er Jah­ren die The­ma­ti­sie­rung von post­ma­te­ri­el­len Inter­es­sen wie Frau­en­eman­zi­pa­ti­on und Umwelt­schutz das Leben all­ge­mein ver­bes­sert, so führ­te die heu­ti­ge aus­schließ­li­che Kon­zen­tra­ti­on auf die­se The­men zu einer völ­li­gen Ver­drän­gung der immer wich­ti­ger wer­den­den sozia­len Fra­ge aus dem gesell­schaft­li­chen Diskurs.

Die lin­ke Ideo­lo­gie, der lin­ke Neo­li­be­ra­lis­mus mit sei­ner Iden­ti­täts­po­li­tik, Öko­lo­gie etc. ist zur wich­tigs­ten Stüt­ze des Kapi­ta­lis­mus gewor­den. Tei­le der neu­en sozia­len Bewe­gun­gen brach­ten ihr gan­zes Anse­hen, ihr Cha­ris­ma ein, um der erz­re­ak­tio­nä­ren, ver­staub­ten neo­li­be­ra­len Ideo­lo­gie ein hip­pes, moder­nes Gesicht zu geben. Die Eman­zi­pa­ti­ons­ver­spre­chen für unter­drück­te Grup­pen wur­den genutzt, um die bru­ta­le Umver­tei­lung von unten nach oben als legi­tim prä­sen­tie­ren zu kön­nen.[22]

5. Warum hat die Linke bei Corona versagt?

Nun müs­sen wir die Fra­ge beant­wor­ten, war­um die Lin­ke bei der Auf­rich­tung des Coro­na-Zwangs­re­gimes voll­stän­dig ver­sagt hat. Aus den obi­gen Kapi­teln ergibt sich, dass die Fra­ge fol­gen­der­ma­ßen gestellt wer­den muss: War­um haben sich die lin­ken, eigent­lich links-neo­li­be­ra­len Milieus und ihre Par­tei­en SPD, Grü­ne und Lin­ke als beson­ders emp­fäng­lich für die Coro­na-Pro­pa­gan­da erwiesen?

Bekannt­lich war das alte Klein­bür­ger­tum die Kern­ziel­grup­pe des his­to­ri­schen Faschis­mus. Es gelang der Bour­geoi­sie, die­ses Klein­bür­ger­tum ent­ge­gen sei­nen eige­nen Inter­es­sen als Ramm­bock gegen die Arbei­ter­be­we­gung zu instru­men­ta­li­sie­ren. Das Klein­bür­ger­tum war durch ein star­kes Übe­rich geprägt und damit beson­ders auto­ri­täts­hö­rig. Sei­ne Ange­hö­ri­gen han­del­ten häu­fig nach der Devi­se: Nach oben buckeln, nach unten tre­ten. Des­halb waren sie beson­ders emp­fäng­lich für eine Ideo­lo­gie, die Ehre, Pflicht, Treue, Auto­ri­tät und Vater­land beton­te.[23]

Die­se psy­chi­sche Kon­stel­la­ti­on gibt es in der heu­ti­gen geho­be­nen Mit­tel­schicht nicht mehr. Aber das bedeu­tet noch lan­ge nicht, dass die heu­ti­ge Genera­ti­on beson­ders Ich-Stark wäre, was nach Sig­mund Freud und Wil­helm Reich das wich­tigs­te Kri­te­ri­um der psy­chi­schen Gesund­heit ist. Wäh­rend durch die auto­ri­tä­re Erzie­hung zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts in den ihr unter­wor­fe­nen Kin­dern ein star­kes Über-Ich auf­ge­rich­tet wird, wird heu­te die Ich­stär­ke der jun­gen Genera­ti­on mög­lichst gering gehal­ten. Dies macht sie genau­so auto­ri­täts­hö­rig und pro­jek­ti­ons­ge­neigt wie ihre faschis­ti­schen Groß­vä­ter, auch ohne ein stren­ges Über-Ich.

Im Zeit­al­ter des klas­si­schen Impe­ria­lis­mus (1890 – 1945) kon­kur­rier­ten meh­re­re Natio­nal­staa­ten erbit­tert mit­ein­an­der. Spä­ter kon­kur­rier­te die von den USA domi­nier­te »Freie Welt« mit der Welt des Sozia­lis­mus im Ers­ten Kal­ten Krieg (1945 – 1989). Das hier­durch her­vor­ge­ru­fe­ne mör­de­ri­sche Wett­rüs­ten mit sei­nen zahl­rei­chen tech­no­lo­gi­schen Wett­läu­fen (zum Bei­spiel: Wett­lauf ins All, Nukle­ar­waf­fen, Inter­kon­ti­nen­tal­ra­ke­ten und Rake­ten­ab­wehr, U‑Boote und U‑Bootabwehr, Über­schall­flug­zeu­ge, Kern­tech­nik, Inte­grier­te Schalt­krei­se) erzwang einen hohen natur­wis­sen­schaft­li­chen Bil­dungs­stan­dard des Bür­ger­tums und teil­wei­se auch des Pro­le­ta­ri­ats (Fach­ar­bei­ter). Die­se Bil­dung bewirk­te auch eine ver­gleichs­wei­se hohe Ich-Stärke.

Um die Pro­fi­te hoch, den Kon­sum nied­rig und die Men­schen trotz eines star­ken Ich in Gehor­sam zu hal­ten, war eine sehr auto­ri­tä­re Erzie­hung im Inter­es­se des Bür­ger­tums und wur­de pro­pa­giert. Sie zeich­ne­te sich durch den exzes­si­ven Ein­satz von Kör­per­stra­fen, eine frü­he Rein­lich­keits­er­zie­hung und Sexu­al­un­ter­drü­ckung aus. In allen impe­ria­lis­ti­schen Län­dern wur­de die spä­ter so genann­te Schwar­ze Päd­ago­gik prak­ti­ziert. Das Über-Ich war stark aus­ge­prägt und das Span­nungs­ge­fäl­le inner­halb der Indi­vi­du­en war hoch.

Bereits in der Nach­kriegs­zeit ver­lor die­se auto­ri­tä­re Erzie­hung im Zusam­men­hang mit dem aus Kon­kur­renz­grün­den zum Sozia­lis­mus gewähr­ten Mas­sen­kon­sum teil­wei­se ihre Funk­ti­on. Die hier­durch aus­ge­lös­te Über­gangs­kri­se brach­te den Kapi­ta­lis­mus um 1968 in ein­zel­nen Län­dern wie Frank­reich an den Rand des Zusammenbruchs.

Nach 1989 waren die USA die ein­zi­ge Super­macht. Die meis­ten der tech­no­lo­gi­schen Wett­läu­fe kamen zum Erlie­gen. Eine gedie­ge­ne natur­wis­sen­schaft­li­che Bil­dung ist seit­dem nur noch für eine klei­ne Eli­te not­wen­dig. Seit die­ser Zeit wird das Bil­dungs­ni­veau im Wes­ten bewusst her­un­ter­ge­fah­ren.[24] Um einen wei­te­ren Sozia­lis­mus­ver­such zu ver­hin­dern, wer­den an Schu­le und Hoch­schu­le Übun­gen im logi­schen und his­to­ri­schen Den­ken sehr redu­ziert. Auch die Natur­wis­sen­schaf­ten wur­den zurück­ge­fah­ren. Statt­des­sen greift nach den neo­li­be­ra­len Pisa- und Bolo­gna­re­for­men stu­pi­des Aus­wen­dig­ler­nen gro­ßer Stoff­men­gen immer mehr Raum.

Dies bewirkt, dass ein star­kes Ich gar nicht mehr ent­ste­hen kann, denn »Wis­sen und kumu­la­ti­ves Ler­nen stel­len die Ich­stär­ke ja erst her…«[25] Die zu Zei­ten Freuds und Reichs sehr wich­ti­ge Sexu­al­un­ter­drü­ckung hat ihre Funk­ti­on bei der Erzeu­gung von Unter­ta­nen teil­wei­se ver­lo­ren. Genau­so wie im Mit­tel­al­ter ent­steht ein star­kes Ich nicht mehr massenhaft.

Des­halb bedarf es zur Erzeu­gung der nöti­gen Pro­jek­ti­ons­be­reit­schaft kei­ner auf­wen­di­gen und dras­ti­schen Ein­grif­fe mehr. Das Span­nungs­ver­hält­nis inner­halb der Indi­vi­du­en ist gerin­ger gewor­den. Die Men­schen las­sen sich stär­ker als bis­her durch unver­stan­de­ne Wün­sche, Impul­se, Emo­tio­nen etc. lei­ten. Dies bedingt natür­lich völ­lig ande­re Pro­pa­gan­da­tech­ni­ken als zu Zei­ten des klas­si­schen Faschis­mus.[26]

Vie­le Maß­nah­men­kri­ti­ker wie Kai Struth behaup­ten, sie hät­ten intui­tiv erkannt, dass die Maß­nah­men falsch sei­en, wäh­rend die Maß­nah­men­be­für­wor­ter einer kal­ten Wis­sen­schaft anhän­gen wür­den. Das ist eine sehr ein­sei­ti­ge Sicht­wei­se. Tat­säch­lich wur­den die Post­ma­te­ri­el­len durch Pro­pa­gan­da­tech­ni­ken in den Lock­down getrickst, die vor allem auf Emo­tio­nen set­zen. So brann­ten sich die Bil­der von den Sär­gen in Ber­ga­mo in das Bewusst­sein der Men­schen ein. Dage­gen kam dann kei­ne noch so wis­sen­schaft­li­che Argu­men­ta­ti­on, etwa von Wolf­gang Wodarg und Sucha­rit Bhak­di mehr an.

30 Jah­re Neo­li­be­ra­lis­mus haben auch in psy­chi­scher Hin­sicht bei vie­len Men­schen Ver­wüs­tun­gen ange­rich­tet. Der bel­gi­sche Psy­cho­ana­ly­ti­ker Mat­ti­as Des­met, Pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät Gent, nennt vier Vor­be­din­gun­gen, für eine, wie er es nennt, tota­li­tä­re Massenformierung:

  1. Iso­la­ti­on und Ver­ein­sa­mung der Menschen.
  2. Kein Sinn im Leben. Über­for­de­rung und Bur­nout im Beruf.
  3. Frei flot­tie­ren­de Ängste.
  4. Frei flot­tie­ren­de Unzu­frie­den­heit.[27]

Die Ängs­te und die Unzu­frie­den­heit sind durch die sich ver­düs­tern­de sozia­le Situa­ti­on der Men­schen, die zuneh­men­de sozia­le Unsi­cher­heit, die Käl­te im Umgang mit­ein­an­der und die Befürch­tung, dass es die eige­nen Kin­der ein­mal schlech­ter haben wer­den, als man selbst, her­vor­ge­ru­fen worden.

Die tat­säch­li­chen Hin­ter­grün­de die­ser Ängs­te kom­men den Men­schen jedoch kaum zu Bewusst­sein, denn sie wer­den von den Mas­sen­me­di­en nicht arti­ku­liert, son­dern auf Ersatz­ob­jek­te abge­lenkt. Das waren in den Jah­ren vor 2019 die radio­ak­ti­ve Strah­lung aus Kern­kraft­wer­ken, die »uns alle ver­gif­ten« wür­de, die auf­ge­bausch­ten Lebens­mit­tel­skan­da­le und das »Ultra­gift« Gly­pho­sat[28]. 2019 ist es das CO2, also die Gro­ße Indus­trie ins­ge­samt und »unse­re sün­di­ge, wol­lüs­ti­ge Lebens­wei­se«. Ab 2020 ist es natür­lich das Coronavirus.

Die Men­schen sind durch Stress und die all­ge­mei­ne Unsi­cher­heit des Lebens so stark ent­nervt wor­den, dass sie weder die Zeit noch die Mög­lich­keit haben, die Medi­en oder die Regie­rung kri­tisch zu hinterfragen.

Zugleich stieg das Bedürf­nis nach phy­si­scher Sicher­heit. Dies zeig­te sich bereits in den Vor­jah­ren in der immer stär­ke­ren Aus­brei­tung einer per­sön­li­chen Schutz­aus­rüs­tung (Ski‑, Fahr­rad­hel­me) und in der gefor­der­ten Här­te gegen das Ver­bre­chen[29].

Das heißt, die Initia­to­ren der Coro­na­hys­te­rie aus dem Umkreis des World Eco­no­mic Forums haben gezielt und unter Nut­zung psy­cho­lo­gi­scher Exper­ti­se die Schwä­chen der neo­li­be­ra­len Ver­ge­sell­schaf­tung aus­ge­nutzt und sie in eine Stär­ke verwandelt.

Auch aus sozia­len Grün­den sind die »Lin­ken«, also die Ange­hö­ri­gen der geho­be­nen Mit­tel­schich­ten dazu prä­de­sti­niert, das Coronanar­ra­tiv beson­ders nach­drück­lich zu vertreten:

  • Die Medi­en sind ins­be­son­de­re auf die­se zah­lungs­kräf­ti­ge Ziel­grup­pe zuge­schnit­ten wor­den. Jour­na­lis­ten kom­men zu mehr 70% selbst aus die­ser Gruppe.
  • Die »Lin­ken« glau­ben fana­tisch dar­an, dass die Main­stream­m­edi­en die rei­ne Wahr­heit berich­ten. Medi­en­kri­tik ist für sie rechts.
  • Der wohl­ha­ben­de Mit­tel­stand, das obers­te Drit­tel der Gesell­schaft lebt in gro­ßen Häu­sern und Woh­nun­gen. Sie haben eine gute tech­ni­sche Aus­stat­tung und sie sind, da es sich um Beam­te und höhe­re Ange­stell­te han­delt, nicht von den öko­no­mi­schen Ver­wer­fun­gen des Lock­downs betrof­fen. In einem sol­chen Lebens­um­feld lässt sich auch ein Dau­er­lock­down gut aushalten.
  • Die Post­ma­te­ri­el­len sind über­wie­gend im Sek­tor der Ideo­lo­gie­pro­duk­ti­on (Medi­en, Schu­le, Uni­ver­si­tät) tätig. Sie leben also haupt­säch­lich davon, die staat­li­chen Ent­schei­dun­gen nach unten durch­zu­rei­chen und sie dabei gut zu ver­kau­fen.[30]
  • Die Post­ma­te­ri­el­len zeig­ten bereits vor 2020 eine zuneh­men­de Into­le­ranz gegen­über den »ver­stock­ten« Unter­klas­sen, die trotz einer inten­si­ven Pro­pa­gan­da ein­fach nicht ein­se­hen woll­ten, dass man zum Bei­spiel die Gren­zen für alle öff­nen soll oder dass sie wegen des CO2 ihren ohne­hin spär­li­chen Kon­sum wei­ter zurück­fah­ren müs­sen. Dar­aus folg­te die Sehn­sucht nach einer Dik­ta­tur, die sich bereits 2019 in der Aus­ru­fung von damals noch weit­ge­hend sym­bo­li­schen Kli­ma­not­stän­den zeig­te. Bei die­ser Aus­ru­fung waren die lin­ken Par­tei­en SPD, Grü­ne und Lin­ke am aktivsten.
  • Auch den Post­ma­te­ri­el­len ist der breit­flä­chi­ge Nie­der­gang der Gesell­schaft bereits vor 2020 nicht ent­gan­gen. Sie erhoff­ten sich, dass durch den Lock­down end­lich ein Ruck durch die Gesell­schaft gehen und hier­durch eine Wen­de zum Bes­se­ren gelin­ge wür­de. Das ist natür­lich völ­lig irre­al. Genau so irre­al wie die Kriegs­be­geis­te­rung ihrer Vor­gän­ger 1914.

Die­se Anfäl­lig­keit erklärt das Ver­hal­ten der offi­zi­el­len lin­ken Par­tei­en SPD, Grü­ne und Lin­ke. Die angeb­lich radi­ka­le­ren klei­ne­ren Orga­ni­sa­tio­nen der Kom­mu­nis­ten wie die DKP und die KO (Kom­mu­nis­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on), der Trotz­kis­ten der Vier­ten oder Fünf­ten Inter­na­tio­na­len und was es sonst noch so gibt, tei­len die oben genann­ten Prä­mis­sen und radi­ka­li­sie­ren sie gele­gent­lich noch.

So besetz­ten Akti­vis­ten der neo­li­be­ra­len Kli­ma­be­we­gung im Novem­ber 2019 den Tage­bau Jänsch­wal­de. Das vom die­sem ver­sorg­te Kraft­werk Jänsch­wal­de belie­fert auch die Groß­stadt Cott­bus mit Fern­wär­me. Hät­ten die Beset­zer ihr Ziel erreicht und das Kraft­werk still­ge­legt, dann wäre die Hei­zung und Warm­was­ser­ver­sor­gung von Cott­bus (100.000 Ein­woh­ner) mit­ten in der Heiz­pe­ri­ode zusam­men­ge­bro­chen und dies womög­lich für Wochen, da man ein Kraft­werk die­ser Grö­ßen­ord­nung nicht ein­fach wie­der hoch­fah­ren kann. Bes­ser kann die Men­schen­ver­ach­tung der Post­ma­te­ri­el­len nicht demons­triert werden.

Der von die­sen radi­ka­le­ren Grup­pen angeb­lich ange­streb­te Sozia­lis­mus hat in der neo­li­be­ra­len Pra­xis zum Bei­spiel bei der Kli­ma­be­we­gung kei­ner­lei Bedeu­tung und ist nur schmü­cken­des Bei­werk, das nach Belie­ben abge­wor­fen wer­den kann.

6. Was tun?

Die post­ma­te­ri­el­le Ideo­lo­gie ist die Haupt­stüt­ze des Neo­li­be­ra­lis­mus gewor­den. Dane­ben hält das Kapi­tal auch noch ande­re Vari­an­ten in Reser­ve etwa den rech­ten Neo­li­be­ra­lis­mus, den die AfD ver­tritt. Aber er ist gegen­wär­tig deut­lich schwä­cher als der Linksneoliberalismus.

Es dürf­te sehr schwie­rig wer­den, die Post­ma­te­ri­el­len zu über­zeu­gen. Sie sind gegen­wär­tig die ein­zi­ge grö­ße­re Grup­pe, die noch von dem Wirt­schafts­sys­tem pro­fi­tie­ren und sie wer­den es des­halb mit Zäh­nen und Klau­en verteidigen.

Statt­des­sen muss es unser Ziel sein, die­je­ni­gen Grup­pen zu über­zeu­gen, die schon vor 2020 zu den Ver­lie­rern des Neo­li­be­ra­lis­mus gehört haben und zwar Arbei­ter, Pre­kä­re und Arme. Die Chan­cen dafür sind bes­ser als je zuvor. Einer­seits trans­for­miert sich die Links­par­tei, die bis­her noch zumin­dest ver­bal den Anspruch hat­te, die Armen und Arbei­ter zu ver­tre­ten, nach ihrem Par­tei­tag vom März 2021 immer schnel­ler in einer öko­li­ber­tä­re Hip­ster­par­tei. Ande­rer­seits hat auch die AfD, die bis­her als Pro­test­par­tei von vie­len Arbei­tern gewählt wur­de, an Glaub­wür­dig­keit in der Coro­na-Kri­se verloren.

Bern­hard Hainzlmai­er erklärt die­se Kon­stel­la­ti­on wie folgt: »Bis­her gal­ten die Ober­schich­ten als deut­lich frei­heits­sen­si­bler als die unte­ren Sozi­al­schich­ten. Wäh­rend die unte­ren Schich­ten über­wie­gend an mate­ri­el­len The­men wie der Höhe der Ver­brau­cher­prei­se, Steu­er­po­li­tik, Höhe der Mie­ten, Ben­zin­prei­sen, Fami­li­en­bei­hil­fe, Arbeits­lo­sen­geld etc. inter­es­siert waren, stan­den für die Ober- und Mit­tel­schich­ten post­ma­te­ria­lis­ti­sche The­men wie Umwelt­schutz, Mit­be­stim­mung, Demo­kra­tie­po­li­tik, aber auch Gesell­schafts- und Poli­tik­kri­tik im Mit­tel­punkt des Interesses.

Das Blatt hat sich gewen­det. Die Men­schen aus den nie­de­ren und mitt­le­ren Bil­dungs­mi­lieus, die das Ver­trau­en in die Poli­tik ver­lo­ren haben, hal­ten die herr­schen­de Regie­rung für eine Regie­rung der bil­dungs­na­hen Schich­ten, die die Inter­es­sen der ein­fa­chen Men­schen nicht mehr ver­tritt und zudem ver­sucht, mehr Kon­trol­le über das Volk aus­zu­üben.«[31]

Die­se für Öster­reich aus­ge­spro­che­ne Ana­ly­se gilt auch für die BRD. Einer­seits bre­chen der neo­li­be­ra­len Links­par­tei flä­chen­de­ckend ihre Struk­tu­ren weg, wie zum Bei­spiel in Sach­sen. Ande­rer­seits kann die AfD hier­von nur unzu­rei­chend pro­fi­tie­ren, da sie in der Hal­tung zu den Coro­na-Zwangs­maß­nah­men her­um­ei­ert und den Men­schen im sozia­len Bereich auch nichts anzu­bie­ten hat.

Eine tat­säch­lich sozia­le Lin­ke hat gegen­wär­tig so gute Chan­cen wie schon seit Jahr­zehn­ten nicht mehr. Die pro­gram­ma­ti­sche Her­aus­for­de­rung wird es sein, im Rah­men der Kri­tik an den Coro­na-Zwangs­maß­nah­men eine Kom­bi­na­ti­on aus sozia­len und poli­ti­schen (Frei­heits) For­de­run­gen glaub­wür­dig zu for­mu­lie­ren. Sie muss sich scharf von der neo­li­be­ra­len Lin­ken abgren­zen. Dabei müs­sen ihre Ver­schro­ben­hei­ten ver­nehm­lich kri­ti­siert wer­den, frei­lich ohne die von ihr ange­sto­ße­nen pro­gres­si­ven Ent­wick­lun­gen wie die Frau­en­eman­zi­pa­ti­on oder den Umwelt­schutz zu verwerfen.

7. Neuere Entwicklungen und Entgegnung auf Wilfried Schwetz

Das letz­te Jahr hat die im März 2021 gestell­te Dia­gno­se lei­der bestä­tigt. Mit dem Wech­sel vom Coro­na- und Russ­land-Nar­ra­tiv wur­den die gesam­te Gesell­schaft und auch die Lin­ke noch weit­aus auto­ri­tä­rer und hysterischer.

Die Poli­tik zen­siert inzwi­schen ganz offen rus­si­sche Medi­en und sch… damit auf das Grund­ge­setz[32]. Die Men­schen wer­den mit einem pro­u­krai­ni­schen Pro­pa­gan­daor­kan rich­tig­ge­hend erdrückt. Eine neue »Frie­dens­be­we­gung« for­dert Waf­fen für die Ukrai­ne. Lin­ken­po­li­ti­ker loben die NATO, begrü­ßen die Kriegs­re­de von Selen­ski im Bun­des­tag mit ste­hen­den Ova­tio­nen und wol­len die Wehr­pflicht wie­der ein­füh­ren. Die Grü­ne Außen­mi­nis­te­rin Anna­le­na Baer­bock möch­te Russ­land mit bru­ta­len Wirt­schafts­sank­tio­nen zer­stö­ren. Aber sie ist in ihrem bel­li­zis­ti­schen Über­ei­fer gera­de dabei, die deut­sche Wirt­schaft an die Wand zu fah­ren und das nach­hal­tig. Leip­zi­ger Anti­fas loben das faschis­ti­sche Asow­ba­tail­lon. Wäh­rend die Anti­fa Rech­te bei den Coro­na-Pro­tes­ten mit der Lupe sucht, kann sie sol­che in der Ukrai­ne auch dann nicht ent­de­cken, wenn sie im Don­bass 14.000 Men­schen ermor­det haben.

Schwetz trägt vie­le wich­ti­ge Beob­ach­tun­gen über das Ver­sa­gen der Lin­ken zusam­men und ihm ist auch zuzu­stim­men, dass die Ideo­lo­gien der Iden­ti­täts­po­li­tik und der Wokeis­mus fata­le Aus­wir­kun­gen gezei­tigt haben. Auch die Ver­dam­mung von Hei­mat­lie­be durch ein kos­mo­po­li­ti­sches Jet­set zeigt die tota­le Abge­ho­ben­heit der neo­li­be­ra­len Identitätslinken.

Offen­bar ist für Schwetz die Haupt­ur­sa­che für das Ver­sa­gen der Lin­ken eine fal­sche Ideo­lo­gie, vor allem der im Mar­xis­mus ent­hal­te­ne Mate­ria­lis­mus. Dar­un­ter ver­steht man die Ansicht, dass die Mate­rie das Pri­mä­re und geis­ti­ge Erschei­nun­gen wie Ideo­lo­gien hier­von nur abge­lei­tet sind.

Schwetz ver­tritt wohl die gegen­tei­li­ge Ansicht. Das Ver­sa­gen der Lin­ken wäre dann haupt­säch­lich ein ideo­lo­gi­sches Pro­blem, das sich mit einer ande­ren Ideo­lo­gie behe­ben lässt. Hier befin­det sich der Autor mei­ner Mei­nung nach auf dem Holz­weg. Wie im obi­gen Arti­kel gezeigt wur­de, reflek­tiert die Iden­ti­täts­po­li­tik die geho­be­ne öko­no­mi­sche Stel­lung der heu­ti­gen Links­neo­li­be­ra­len. Da sie ein mate­ri­el­les Inter­es­se an einem Wei­ter-So haben, wird man sie mit ratio­nel­len Argu­men­ten auch nicht von ihrer Ideo­lo­gie abbrin­gen können.

Tat­säch­lich ist nicht zu viel Ratio­na­li­tät und Wis­sen­schaft­lich­keit bei der Lin­ken das Pro­blem, son­der zu wenig. Lin­ke las­sen sich durch staat­li­che Pro­pa­gan­da leicht ent­flam­men und plap­pern gedan­ken­los die von ARD und ZDF vor­ge­ge­be­nen Phra­sen nach. Sie tra­gen zwar ihre angeb­li­che Wis­sen­schaft­lich­keit wie eine Mons­tranz vor sich her, tat­säch­lich aber sind sie nicht in der Lage, die wis­sen­schaft­lich gut begrün­de­te Kri­tik von zahl­rei­chen Medi­zi­nern, Psy­cho­lo­gen, Phi­lo­so­phen, Sta­tis­ti­kern, Sozio­lo­gen etc. an den Coro­na-Maß­nah­men auch nur zur Kennt­nis zu neh­men (zu den Ursa­chen sie­he Kapi­tel 5). Wis­sen­schaft bedeu­tet für sie den Glau­ben an eini­ge medi­al auf­ge­bau­te Star­wis­sen­schaft­ler wie Chris­ti­an Drosten.

Es ver­steht sich von selbst, dass es unter den heu­ti­gen Lin­ken kaum noch Mar­xis­ten gibt. Und die weni­gen, die es noch gibt, gou­tie­ren nur all­zu häu­fig, wenn eine angeb­lich mar­xis­ti­sche Tages­zei­tung Lenin zu einem Befür­wor­ter der Paro­le »Gren­zen auf für alle« macht, die deut­sche Arbei­ter­klas­se in ihrer Gesamt­heit als Arbei­ter­aris­to­kra­tie schmäht und der angeb­lich mar­xis­ti­sche Fri­days for Future-Able­ger Chan­ge for Future aus Fried­rich Engels einen öko­lo­gis­ti­schen Ver­zichts­pre­di­ger macht. Anstatt sel­ber zu den­ken, plap­pern sogar die meis­ten Mar­xis­ten gedan­ken­los vor­ge­kau­te Paro­len nach, wenn sie nur irgend­wie mar­xis­tisch klingen.

Auch von Kon­sum­kri­tik haben wir gegen­wär­tig ein­deu­tig zu viel und nicht zu wenig, wie Schwetz denkt. So for­dert Fri­days for Future zum Bei­spiel auch ein Ener­gie­em­bar­go gegen Russ­land. Damit wür­de Deutsch­land mit einem Schlag 55% sei­ner Erd­gas­zu­fuhr und 40% sei­nes Erd­öls ver­lie­ren. Letzt­lich führt das zu einem Zusam­men­bruch unse­rer indus­tri­el­len Zivi­li­sa­ti­on. Bleibt nur zu hof­fen, dass die­se Wahn­sinns­for­de­rung nicht erfüllt wird. Es könn­te kaum deut­li­cher wer­den, dass die Rezep­te der neo­li­be­ra­len Kli­ma­ju­gend­be­we­gung die Mensch­heit schnur­stracks in Rich­tung Mit­tel­al­ter führen.

8. Verwendete Literatur und Filme

Verweise

[1] Wil­fried Schwetz: Lin­ke und Coro­na: Wie konn­te das pas­sie­ren? Und was ist die Auf­ga­be einer Frei­en Lin­ken?, im Inter­net: https://​mag​ma​-maga​zin​.su/​m​a​g​m​a​/​2​0​2​2​/​0​4​/​l​i​n​k​e​-​u​n​d​-​c​o​r​o​n​a​-​w​i​e​-​k​o​n​n​t​e​-​d​a​s​-​p​a​s​s​i​e​r​e​n​-​u​n​d​-​w​a​s​-​i​s​t​-​d​i​e​-​a​u​f​g​a​b​e​-​e​i​n​e​r​-​f​r​e​i​e​n​-​l​i​n​ken, abge­ru­fen am 03.04.2022.

[2] KB = Kom­mu­nis­ti­scher Bund, KBW = Kom­mu­nis­ti­scher Bund West­deutsch­lands, KPD/ML = Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei Deutsch­lands – Mar­xis­ten-Leni­nis­ten. Es gab mit der GIM, der Grup­pe Inter­na­tio­na­ler Mar­xis­ten, eine nur unwe­sent­lich klei­ne­re trotz­kis­ti­sche Partei.

[3] Mar­ga­reth Kuckuck: Stu­dent und Klas­sen­kampf, Ham­burg 1977

[4] Mit­tei­lung des Genos­sen Wal­ter Grobe.

[5] WVO = War­schau­er Ver­trags­or­ga­ni­sa­ti­on, das als Reak­ti­on auf die NATO gegrün­de­te Ver­tei­di­gungs­bünd­nis der sozia­lis­ti­schen Staa­ten; im Wes­ten gewöhn­lich War­schau­er Pakt genannt.

[6] DDT = Dichlor­di­phe­nyl­tri­chlor­ethan, ein Insek­ti­zid mit Chlorverbindungen.

[7] FCKWs = Flu­or­chlor­koh­len­was­ser­stof­fe. Als Kühl­mit­tel ein­ge­setz­te Stof­fe, die die Ozon­schicht der Erde schädigen.

[8] NIM­BY: Not in my Backy­ard. Bewe­gun­gen, die heuch­le­risch bestimm­te Bau­ten oder Ent­wick­lun­gen in unmit­tel­ba­rer Nähe der Pro­tes­tie­ren­den ableh­nen, aber deren Mit­glie­der die­se doch ger­ne und häu­fig nut­zen, wenn ande­re als man selbst hier­durch belas­tet werden.

[9] A.G. Grau­wa­cke: Auto­no­me in Bewe­gung, Ber­lin Ham­burg Göt­tin­gen 2004.

[10] Wer das Lebens­ge­fühl der Ber­li­ner Auto­no­men in den 80er Jah­ren nach­voll­zie­hen will, kann sich den Film „Die Rit­te­rin­nen“, Regie Bar­ba­ra Teu­fel, anse­hen. Der hier ange­ge­be­ne Link führt aber nur zu einem rela­tiv nichts­sa­gen­den Trai­ler: https://​www​.you​tube​.com/​w​a​t​c​h​?​v​=​r​B​D​6​6​p​Q​7​G0E

[11] KPF = Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei Frankreichs.

[12] Zita­te aus Mario Cand­ei­as: Neo­li­be­ra­lis­mus, Hoch­tech­no­lo­gie, Hege­mo­nie, Ham­burg 2004, S. 90 und 95.

[13] Rudolf van Hül­len: „Anti­im­pe­ria­lis­ti­sche“ und „anti­deut­sche“ Strö­mun­gen im deut­schen Links­ex­tre­mis­mus, 5.1.2015, bpb, im Inter­net: https://​www​.bpb​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​e​x​t​r​e​m​i​s​m​u​s​/​l​i​n​k​s​e​x​t​r​e​m​i​s​m​u​s​/​3​3​6​2​6​/​a​n​t​i​d​e​u​t​s​c​h​e​-​u​n​d​-​a​n​t​i​i​m​p​e​r​i​a​l​i​s​ten, abge­ru­fen am 19.03.2021.

[14] Karl Koll­mann: Die Neu­en Bie­der­men­schen, Wien 2020.

[15] Obwohl ent­spre­chen­de For­de­run­gen in den Par­tei­pro­gram­men noch ent­hal­ten sind. Aber sie blei­ben totes Papier.

[16] Sah­ra Wagen­knecht: Die Selbst­ge­rech­ten, Kapi­tel: Aner­kann­te Opfer­grup­pen, zitiert nach der E‑Book-Aus­ga­be. Des­halb gibt es hier kei­ne Seiten‑, son­dern nur Kapitalangaben.

[17] Vgl. Sah­ra Wagen­knecht: Die Selbst­ge­rech­ten, Kapi­tel: Eth­nie statt Eigentumsverteilung

[18] Vgl. Sah­ra Wagen­knecht: Die Selbst­ge­rech­ten, Kapi­tel: Mimo­sen­haf­tes Beleidigtsein

[19] Karl Koll­mann, a.a.o., S. 202.

[20] Sah­ra Wagen­knecht: Die Selbst­ge­rech­ten, Kapi­tel: Kli­ma­wan­del als Alibi

[21] Karl Koll­mann, a.a.o., S. 205.

[22] Nan­cy Fra­ser: Vom pro­gres­si­ven Neo­li­be­ra­lis­mus zu Trump, ada­mag, im Inter­net: https://​ada​mag​.de/​n​a​n​c​y​-​f​r​a​s​e​r​-​p​r​o​g​r​e​s​s​i​v​e​r​-​n​e​o​l​i​b​e​r​a​l​i​s​m​u​s​-​t​r​ump, abge­ru­fen am 19.03.2021.

[23] Rein­hard Kühnl: Faschis­mus­theo­rien, Heil­bronn 1990, S. 121ff

[24] Vgl. Fritz Erik Hoevels: Wil­helm Reichs Bei­trag zur Psy­cho­ana­ly­se, Frei­burg im Breis­gau 2001, S. 321.

[25] Hoevels a.a.O., S. 321.

[26] Vgl. Hoevels a.a.O., S. 321.

[27] Vgl. Mat­ti­as Des­met, Aus­sa­ge vor dem Coro­na-Aus­schuss 63 vom 30. Juli 2021, ab 3:41:00. Video von You­Tube gelöscht. Des­met trägt aller­dings mit der von ihm ver­tre­te­nen extre­men Vari­an­te der Tota­li­ta­ris­mus­theo­rie zu dem beklag­ten Sinn­ver­lust im Leben der Men­schen bei. Wenn jeder Ver­such, den Kapi­ta­lis­mus durch eine ratio­nel­le­re Gesell­schafts­form zu erset­zen, zum Tota­li­ta­ris­mus führt, wie er behaup­tet, braucht er sich über gras­sie­ren­den Sinn­ver­lust und Resi­gna­ti­on der Men­schen nicht zu wun­dern. Des­met will sogar die Okto­ber­re­vo­lu­ti­on durch frei flot­tie­ren­de Ängs­te erklä­ren! Dabei abs­tra­hiert er völ­lig von der damals gro­ßen Armut der rus­si­schen Arbei­ter­klas­se und dem 1917 toben­den mör­de­ri­schen Welt­krieg. Inso­fern war das Han­deln der rus­si­schen Arbei­ter in höchs­tem Maße ratio­nal und – wie Hoevels zurecht fest­stellt – durch eine gro­ße Ich­stär­ke geprägt, die auch von den Bol­sche­wi­ki geför­dert wurde.

[28] Wal­ter Krä­mer: Die Angst der Woche, Mün­chen 2011, Dirk Maxei­ner, Micha­el Miersch: Bio­kost & Öko­kult, Mün­chen 2009, Dirk Maxei­ner, Micha­el Miersch: Alles Grün und Gut?, Mün­chen 2014

[29] Die­se Här­te kann natür­lich mit der Iden­ti­täts­po­li­tik in Kon­flikt gera­ten. De fac­to wird die­ser Kon­flikt dann so gelöst, dass der Ver­fol­gungs­druck der Poli­zei dann her­un­ter­ge­fah­ren wird, wenn die Ver­bre­cher einer »Min­der­heit« ange­hö­ren, wie zum Bei­spiel ara­bi­sche Clans in Berlin.

[30] Das ent­spricht zwar nicht der Ideo­lo­gie von den Medi­en als vier­ter Gewalt und der Erzie­hung zu mün­di­gen Staats­bür­gern, aber de fac­to funk­tio­nie­ren die hier genann­ten Insti­tu­tio­nen schon seit Jah­ren in die­sem Sinne.

[31] Bernd Heinzlmai­er: Jugend­li­che als Betrof­fe­ne der Coro­na-Pan­de­mie, in: Han­nes Hof­bau­er / Ste­fan Kraft (Hg.): Lock­down 2020, Wien 2020, S. 244

[32] GG Arti­kel 5: »Eine Zen­sur fin­det nicht statt.«

2 thoughts on “Warum hat die Linke in der Coronakrise versagt?

  1. »Links« ist so ver­wäs­sert und ver­wa­schen, und lebt der­art von blos­sen his­to­ri­schen Remi­nis­zen­zen (als etwas dem Anschein nach Ver­al­te­tes), dass es schon im Aus­gang schwie­rig wird, die Fra­ge über­haupt zu stel­len: Wor­in denn die SCHWÄ­CHE die­ser Lin­ken besteht. Oder bestand. War DIE LIN­KE bis­lang über­haupt je »stark«, KONN­TE sie das (selbst nach ihren eige­nen, etwa mar­xis­ti­schen, Kri­te­ri­en) über­haupt sein? – wor­in hät­te eine »Stär­ke« denn bestehen sol­len? Was den Mar­xis­mus aus­zeich­ne­te, war sein MATE­RIA­LIS­MUS, und das begann damit, dass – wie unvoll­kom­men im ein­zel­nen auch immer – eine kol­lek­ti­ve PRA­XIS ent­lang der für sie mass­geb­li­chen Kate­go­rien in allen wesent­li­chen Hin­sich­ten ver­stan­den wer­den soll­te; also eine, in die der Ver­ste­hens­wil­li­ge ver­strickt war, mit sei­ner gan­zen Exis­tenz, was (neben unend­lich viel ande­rem, eben­falls Wich­ti­gem) mit zu beden­ken war.
    Ver­ste­hen, Begrei­fen schliesst zum min­des­ten ein, dass man sagen kann, was an dem zu Begrei­fen­den WESENT­LICH und wich­tig ist, aber für was, und wel­che Zwe­cke? Nun ja, sol­che, die sich womög­lich mit fort­schrei­ten­dem Ein­drin­gen in die Ver­hält­nis­se, in denen man steht, ändern. Die Fra­ge, wer fängt von woher an mit dem Begrei­fen­wol­len, ist für das Beden­ken der eig­nen Stel­lung, auch zu der der andern in dem gemein­sam bewohn­ten gros­sen Gan­zen, also eine recht »wesent­li­che«, sie muss stän­dig mit­ge­führt wer­den bei der Betrach­tung (wie die im Arti­kel), wel­che Grün­de ande­re Han­deln­de haben, und wie das zu den eig­nen steht: So ent­steht eine »Theo­rie«, die impli­zit stän­dig einen vir­tu­el­len Dia­log skiz­ziert – oder aber Erklä­run­gen, war­um der (noch) nicht (oder nie) zustan­de­kom­men kann. In einer Pra­xis ist nicht alles begrün­det; vie­les erweist sich als kor­rek­tur­be­dürf­tig, nicht nur von aus­sen, son­dern für die Akteu­re selbst – sie ler­nen dazu; dies Ler­nen heisst, ganz abs­trakt, GESCHICH­TE, der aktu­el­le Zustand ist sein höchst vor­läu­fi­ges Resul­tat; Tag für Tag ist er das.
    Jan Mül­ler hat somit recht, wenn er DIE LIN­KE über­haupt the­ma­ti­sie­ren will, und den Blick auf DIE GESCHICH­TE (spe­zi­ell die­ser Lin­ken) rich­tet. Ich den­ke, dass er dazu auch infor­mier­te und durch­dach­te Stand­punk­te hat, bloss: Sie stel­len allent­hal­ben, in die­sem Text, eine Art Lein­wand dar, auf die die Betrach­tun­gen des Arti­kels, wie aus einem Pro­jek­tor, gewor­fen wer­den müs­sen, um über­haupt sicht­bar zu sein. Die­se Lein­wand ist frei­lich ihrer­seits über­sät mit, sagen wir: Vor­aus­set­zun­gen, die in die Bild­ge­bung mit ein­ge­hen, indem sie qua­si mit-beleuch­tet wer­den, frei­lich ohne dass das gesagt wird; obwohl die­ser Hin­ter­grund immer wie­der mal her­vor­tritt. Jan Mül­ler redet aber nicht von die­sem Wesent­li­chen, weil die vor­geb­li­che »Lin­ke«, von der er spricht, es nicht tut. Von daher kann man sich fra­gen, wie weit man sich die­ser »Lin­ken« über­haupt noch zuwen­den soll; oder wor­in denn das Inven­tar an Gemein­sam­kei­ten noch bestehen soll, um die Anwen­dung des Begriffs zu recht­fer­ti­gen, die Nazis etwa nann­ten sich sel­ber auch »Sozia­lis­ten«, dar­an erin­nert durch­aus die Aneig­nung des Wor­tes ANTI­FA durch Coro­na-Gegen­de­mons­tran­ten. Das wäre also noch ent­schuld­bar durch die The­men­wahl, man muss von die­ser neo­li­be­ral ver­kom­me­nen Lin­ken und dem Eti­ket­ten­schwin­del, den sie ver­kör­pert. irgend­wann auch mal reden. Aber auch von PAR­TEI? Ohne von Staat und Staa­ten und ihrer impe­ria­len Gewalt-Kon­kur­renz, Klas­sen, fort­ge­schrit­te­ner Indus­trie­pro­duk­ti­on und ihrer pre­kä­ren Glo­ba­li­sie­rung, Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on dies- und jen­seits der Gren­zen, Stel­lung diver­ser Bevöl­ke­rungs­grup­pen (sie erschei­nen hier sozia­lo­gisch als BERUFS­GRUP­PEN, ihre Inter­es­sen als sol­che von MILIEUS) dar­in, und dem, was zum aktu­el­len Welt­zu­stand noch so gehört, mehr als andeu­tungs­wei­se, wie hier, gespro­chen zu haben?
    Nun weiss ich ja, dass Jan Mül­ler zu die­sen The­men aller­hand zu bie­ten hat. Der Appell geht also nicht so sehr an ihn, als an die Lesen­den und Schrei­ben­den die­ses Por­tals, und der gesam­ten Strö­mun­gen der frei-lin­ken Samm­lungs­be­we­gung, sich end­lich zu dem zu äus­sern, was wesent­lich ist. Wenn man sich da nicht einigt, wird das mit der PRA­XIS näm­lich nichts.
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    PS: In der kur­zen Skiz­ze zur Theo­rie­ge­schich­te feh­len, aus wel­chem Grund auch immer, zwei, wei ich mei­ne, in West­deutsch­land durch­aus bedeut­sa­me Grup­pen, ein­mal die Mar­xis­ti­sche Grup­pe, heu­te Gegen­stand­punkt (in vie­lem abstrah­lend auf nach wie vor bestehen­de Grup­pen wie Ums­Gan­ze­Bünd­nis, Grup­pen gegen Kapi­tal ud Naton ua), die zum bür­ger­li­chen Staat und infol­ge­des­sen zum Impe­ria­lis­mus eini­ges zu sagen hat­te, und auf­grund Mit­glie­der­an­zahl (>10T), theo­re­ti­schem Gehalt, und Prä­senz an, vor und in Uni­ver­si­tä­ten UND Betrie­ben hät­te erwähnt wer­den sol­len; dazu, als theo­re­ti­sches Gebil­de, die Wert­kri­tik (Robert Kurz ua), die eini­ge erwä­gens­wer­te Kate­go­rien in die immer­hin von ihrer Sei­te durch­aus mar­xis­tisch gedach­te Gesell­schafts­ana­ly­se ein­ge­bracht hat.

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