Großer Sprung nach vorne, Bruch mit der Sowjetunion und Kulturrevolution: Der Hochmaoismus (1958 – 69) – Artikelserie zu China Teil VIII

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Dies ist der ach­te Teil einer umfas­sen­den auf meh­re­re Tei­le ange­leg­ten Arti­kel­se­rie von Jan Mül­ler über Chi­na. Beinhal­ten wird die Serie fol­gen­de Teile:

  1. Das alte Chi­na (plus Einleitung)
  2. Die Ent­ste­hung des Kapi­ta­lis­mus in Chi­na und die Ers­te Chi­ne­si­sche Revolution
  3. Die Zwei­te Chi­ne­si­sche Revo­lu­ti­on (1925 – 27)
  4. Die KPCh wird Gue­ril­la­be­we­gung (1928 – 1945)
  5. Der Chi­ne­si­sche Bür­ger­krieg und die Drit­te Chi­ne­si­sche Revo­lu­ti­on (1945 – 49)
  6. Von der »neu­de­mo­kra­ti­schen« zur sozia­lis­ti­schen Revolution
  7. Im Bünd­nis mit der Sowjet­uni­on (1949 – 60)
  8. Gro­ßer Sprung nach vor­ne, Bruch mit der Sowjet­uni­on und Kul­tur­re­vo­lu­ti­on: Der Hoch­mao­is­mus (1958 – 69)
  9. Umkehr der Alli­an­zen und Drei-Wel­ten-Theo­rie: Der Spät­mao­is­mus (1969 – 78)
  10. Ers­te Etap­pe der Wirt­schafts­re­for­men und Putsch­ver­such (1978 – 89)
  11. Chi­na im Zeit­al­ter des Neo­li­be­ra­lis­mus (1989 – 2008)
  12. Klei­ner Wohl­stand und neue Sei­den­stra­ße (ab 2008)
  13. Chi­na und Corona
  14. Chi­na und der Ukrainekrieg
  15. Schluss­fol­ge­run­gen über den Cha­rak­ter Chinas

Die Arti­kel­se­rie als Bro­schü­re mit wei­te­ren Anhän­gen, Lite­ra­tur­ver­zeich­nis und wei­ter­füh­ren­der Lite­ra­tur kann man unter fol­gen­dem Link her­un­ter­la­den: Chi­na: Ein lan­ger Weg – wohin?

Großer Sprung nach vorne, Bruch mit der Sowjetunion und Kulturrevolution: Der Hochmaoismus (1958 – 69)

Bis 1958 ent­sprach die chi­ne­si­sche Indus­tria­li­sie­rung noch im Wesent­li­chen dem sowje­ti­schen Modell. Danach jedoch wähl­te Chi­na unter Mao Tse-tung einen eigen­stän­di­gen Weg.

Der zwei­te Fünf­jahr­plan von 1958 bis 62 war zwar sehr ehr­gei­zig, aber im Gro­ßen und Gan­zen rea­lis­tisch. Er sah fol­gen­de Pro­duk­ti­ons­stei­ge­run­gen gegen­über 1957 vor:

  • Bei Stahl von 5,3 auf 10,5 bis 12 Mil­lio­nen Ton­nen, also auf das 2,2 fache
  • Bei Elek­tro­en­er­gie von 19,6 auf 40 bis 43 Mil­lio­nen Kilowattstunden
  • Bei Koh­le von 130 auf 190 bis 210 Mil­lio­nen Tonnen
  • Bei Erd­öl von 1,5 auf 5 bis 6 Mil­lio­nen Tonnen
  • Bei Mine­ral­dün­ger von 0,63 auf 3 bis 3,2 Mil­lio­nen Tonnen
  • Bei Baum­woll­ge­we­ben von 5 auf 7,2 bis 8 Mil­li­ar­den Meter
  • Bei Baum­wol­le von 1,6 auf 2,4 Mil­lio­nen Tonnen
  • Bei Getrei­de von 185 auf 220 Mil­lio­nen Tonnen

Mit dem zwei­ten Fünf­jahr­plan soll­te das Ent­wick­lungs­tem­po der Land­wirt­schaft und eini­ger Zwei­ge der Leicht­in­dus­trie beschleu­nigt wer­den. Es waren Maß­nah­men zur Anglei­chung des Lebens­stan­dards von Stadt und Land geplant. Der Ent­wick­lung der orga­ni­schen Syn­thes­e­che­mie sowie der Erzeu­gung von Mine­ral­dün­ger wur­de gro­ße Bedeu­tung zuge­mes­sen.[1]

Die­se beträcht­li­che Stei­ge­rung bei den meis­ten wich­tigs­ten Indus­trie­gü­tern und in der Land­wirt­schaft hielt Mao Tse-tung jedoch noch viel zu gering. Mit einer ein­zi­gen Kraft­an­stren­gung woll­te er in kür­zes­ter Frist zum Kom­mu­nis­mus vor­sto­ßen. Mao: »Im Lau­fe von 22 Jah­ren bewaff­ne­ten Kamp­fes haben wir immer gesiegt. War­um sol­len wir beim kom­mu­nis­ti­schen Auf­bau nicht auf die­sel­be Wei­se vor­ge­hen?«[2]

In meh­re­ren Bera­tun­gen des Polit­bü­ros im Lau­fe des Jah­res 1958 wur­de der gro­ße Sprung nach Vor­ne vor­be­rei­tet. Die wich­tigs­te war die erwei­ter­te Sit­zung des Polit­bü­ros der KP Chi­nas vom 17. bis 30. August 1958 in Beid­ai­he.[3]

Die Poli­tik des gro­ßen Sprun­ges nach Vor­ne beruh­te auf drei Säu­len, die als die drei Roten Ban­ner bezeich­net wurden:

  • Star­ke Beschleu­ni­gung beim Auf­bau der Großindustrie
  • Schaf­fung einer ein­fa­chen, länd­li­chen Industrie
  • Errich­tung der Volkskommunen

Großindustrie

In die­sem Bereich kam es zunächst zu Lohn­kür­zun­gen für die städ­ti­schen Arbei­ter. Der bis­her an drei Arbei­ter gezahl­te Lohn soll­te nun an fünf Arbei­ter aus­ge­zahlt wer­den. Das ent­sprach einer Lohn­kür­zung von 40%. Die hier ein­ge­spar­ten Mit­tel soll­ten für den Akku­mu­la­ti­ons­fonds ver­wen­det wer­den.[4]

Im Juni/​Juli 1958 arbei­te­te die Plan­kom­mis­si­on auf Wei­sung Maos eine neue Vari­an­te des zwei­ten Fünf­jahr­pla­nes aus. 1962 soll­ten 6,5 mal so viel Indus­trie­gü­ter und 2,5 mal so viel land­wirt­schaft­li­che Pro­duk­te wie 1958 erzeugt wer­den. Das bedeu­te­te einen durch­schnitt­li­chen Jah­res­zu­wachs von 45% in der Indus­trie und 20 % in der Landwirtschaft.

Als Vor­aus­set­zung dafür soll­te die Stahl­er­zeu­gung gestei­gert wer­den und zwar einer­seits durch Erhö­hung der Stahl­pro­duk­ti­on in den Groß­be­trie­ben, aber auch durch ein­fa­che »ein­hei­mi­sche Metho­den«.[5]

In der Indus­trie nah­men die Dis­pro­por­tio­nen schnell zu. Der Anteil unvoll­ende­ter Erzeug­nis­se am Gesamt­um­fang der Pro­duk­ti­on wuchs. Die Aus­schuss­pro­duk­ti­on und Maschi­nen­schä­den schnell­ten in die Höhe.[6]

Dass es nicht schon 1958 und 59 zu beträcht­li­chen Pro­duk­ti­ons­rück­gän­gen in der Groß­in­dus­trie kam, lag an der erhöh­ten Lie­fe­rung von Aus­rüs­tun­gen und kom­plet­ten Indus­trie­an­la­gen durch die Sowjet­uni­on und ande­rer sozia­lis­ti­scher Län­der.[7]

Ländliche Industrie

Durch Mas­sen­ak­tio­nen soll­te zusätz­lich zur Groß­in­dus­trie eine länd­li­che dezen­tra­le Indus­trie geschaf­fen wer­den, um die sai­so­nal im Win­ter brach­lie­gen­de Arbeits­kraft der Bau­ern in ört­li­chen Klein­be­trie­ben zu nut­zen.[8]

In einer vom Sep­tem­ber bis Dezem­ber 1958 lau­fen­den Mas­sen­kam­pa­gne wur­den die Men­schen in Stadt und Land mit der Paro­le »Das gan­ze Volk kämpft um Stahl« auf­ge­for­dert, Stahl mit ein­fa­chen Metho­den zu erzeu­gen. Über­all im Land ent­stan­den pri­mi­ti­ve Schmelz­öfen und Geblä­se. In den letz­ten Mona­ten des Jah­res 1958 war der Him­mel über den chi­ne­si­schen Städ­ten nachts gerö­tet, denn es wur­de in meh­re­ren Schich­ten gear­bei­tet.[9]

Nur ein klei­ner Teil des ein­fa­chen Roh­ei­sens konn­te spä­ter noch ver­wen­det wer­den. Der mit ein­fa­chen Metho­den erzeug­te Stahl war fast über­haupt nicht nutz­bar. Haupt­ur­sa­che hier­für war die gerin­ge Erfah­rung der Men­schen. Fach­ar­bei­ter in die­sem Bereich gab es nur weni­ge.[10]

Des Wei­te­ren wur­den im länd­li­chen Bereich auch Koke­rei­en, Zement­fa­bri­ken, Schmie­den und Repa­ra­tur­werk­stät­ten auf­ge­baut, in denen nach ein­fa­chen, hand­werk­li­chen Metho­den gear­bei­tet wur­de.[11]

90 Mil­lio­nen Arbeits­kräf­te, vor allem Bau­ern, wur­den von ihrer eigent­li­chen Beschäf­ti­gung abge­zo­gen und zum Stahl­schmel­zen, zum Koh­len­ab­bau, zum Wege­bau, zum Was­ser­bau und für ande­re Pro­jek­te ein­ge­setzt.[12]

Volkskommunen

In den Volks­kom­mu­nen waren die poli­ti­sche, öko­no­mi­sche und mili­tä­ri­sche Ver­wal­tung von der Grö­ße eines Land­krei­ses ver­eint. Die bis­he­ri­gen klei­ne­ren land­wirt­schaft­li­chen Pro­duk­ti­ons­ge­nos­sen­schaf­ten von der Grö­ße eines Dor­fes wur­den zu einer ein­zi­gen Land­wirt­schafts­kom­mu­ne zusam­men­ge­fasst. Die Volks­kom­mu­nen soll­ten ab jetzt die Grund­ein­heit von Staat, Gesell­schaft, Armee und Par­tei bil­den. Es soll­te zu einer engen Ver­bin­dung zwi­schen Indus­trie, Land­wirt­schaft, Han­del, Bil­dung und Armee kom­men.[13]

Der Boden und alle ande­ren Pro­duk­ti­ons­mit­tel der Bau­ern sowie auch das Hof­land der ein­zel­nen Bau­ern wur­den nun Kom­mune­eigen­tum. Die ehe­ma­li­gen Genos­sen­schaf­ten wur­den zu Produktionsbrigaden.

Es wur­de kos­ten­lo­se Ver­pfle­gung in Gemein­schafts­kan­ti­nen ein­ge­führt. Die Kin­der gin­gen in Kin­der­gär­ten und Kin­der­krip­pe, die Alten wur­den in Alters­hei­men mit leich­ten Arbei­ten beschäf­tigt.[14]

Die Ent­loh­nung der Mit­glie­der der Volks­kom­mu­ne soll­te durch eine Ver­bin­dung des Prin­zips »Jedem nach sei­ner Leis­tung« mit dem Prin­zip »Jedem nach sei­nen Bedürf­nis­sen« erfol­gen. Eini­ge Pro­duk­te wie Ernäh­rung, Klei­dung, Woh­nung, ärzt­li­che Ver­sor­gung waren kos­ten­los. Zusätz­lich soll­te noch ein Lohn ent­spre­chend der Arbeits­zeit aus­ge­zahlt wer­den. Dazu kam es aber in den ers­ten Jah­ren meis­tens nicht. Denn die Abfüh­run­gen an die Fonds für Akku­mu­la­ti­on, Ver­wal­tung und ähn­li­ches mach­ten viel­fach 60 – 70% der Gesamt­ein­nah­men der Kom­mu­ne aus. Nur mit die­ser hohen Akku­mu­la­ti­ons­ra­te konn­te in kür­zes­ter Frist die von Mao gefor­der­te länd­li­che Indus­trie auf­ge­baut wer­den. Das Ent­gelt für die geleis­te­te Arbeit bestand also im Wesent­li­chen zunächst nur aus kos­ten­lo­sen Lebens­mit­tel­zu­tei­lun­gen.[15]

Die Volks­kom­mu­nen waren auch mili­tä­ri­sche Ein­hei­ten. Ihre arbeits­fä­hi­ge Bevöl­ke­rung gehör­te der Volks­mi­liz an. Die­ser Aspekt hat zu beson­ders vie­len Miss­bräu­chen geführt. Man­che Lei­ter ver­wan­del­ten ihre Volks­kom­mu­ne in ein rie­si­ges Miliz­la­ger. Dann wur­den die Bau­ern in Reih und Glied und im Gleich­schritt zur Arbeit auf den Fel­dern geführt. Aus den kör­per­lich kräf­tigs­ten jun­gen Bau­ern wur­den Stoß­ar­me­en für die Pro­duk­ti­on for­miert. Die­se Pra­xis wur­de aller­dings spä­ter durch einen ZK-Beschluss unter­sagt.[16]

Nach der Polit­bü­ro­sit­zung in Beid­ai­he im August 1958 wur­den inner­halb von weni­gen Mona­ten aus 740.000 Genos­sen­schaf­ten 26.000 Volks­kom­mu­nen gebil­det.[17] Bei der jetzt not­wen­di­gen Umor­ga­ni­sa­ti­on aller Lebens­be­rei­che waren die meis­ten loka­len Füh­rungs­kräf­te über­for­dert.[18]

Durch die Bil­dung der Volks­kom­mu­nen soll­te der Kom­mu­nis­mus in kür­zes­ter Frist erreicht wer­den. Selbst Grei­se von 70 und sogar 80 Jah­ren glaub­ten dar­an, dass sie noch im Kom­mu­nis­mus leben wür­den.[19]

Selbst­ver­ständ­lich waren die­se Hoff­nun­gen illu­sio­när. Ände­run­gen der den Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­sen allein rei­chen hier­für nicht aus, wenn die Pro­duk­tiv­kräf­te ihnen nicht ent­spre­chen. Der Kom­mu­nis­mus setz­te in der Land­wirt­schaft min­des­tens eine Voll­me­cha­ni­sie­rung und Che­mi­sie­rung vor­aus. Davon war die VR Chi­na am Ende der 50er Jah­re noch weit entfernt.

Die Poli­tik des gro­ßen Sprungs, beson­ders die zahl­rei­chen Kam­pa­gnen und die Des­or­ga­ni­sa­ti­on auf dem Lan­de als Fol­ge der über­stürz­ten Bil­dung der Volks­kom­mu­nen führ­te dazu, dass die rei­che Ern­te von 1958 viel­fach nur mit Ver­lus­ten ein­ge­bracht wer­den konn­te. Ursa­che hier­für war vor allem ein Arbeits­kräf­te­man­gel in der Land­wirt­schaft.[20]

Der staat­li­che Auf­kauf­plan für Nah­rungs­mit­tel konn­te nicht erfüllt wer­den. Es kam zu Sto­ckun­gen bei der Ver­sor­gung der Städ­te mit Lebens­mit­teln und bei der Bereit­stel­lung von Roh­stof­fen für die Leicht- und Nahrungsmittelindustrie.

Bereits auf der 6. Sit­zung des ZK der KPCh im November/​Dezember 1958 wur­den eini­ge Aspek­te des Gro­ßen Sprun­ges zurück­ge­nom­men. Die Inan­spruch­nah­me der der Res­sour­cen der Volks­kom­mu­nen für die ört­li­chen Auf­bau­plä­ne wur­de begrenzt und betont, dass die Pro­duk­ti­ons­bri­ga­de die wich­tigs­te Ein­heit bei der Land­ar­beit ist. Der Über­gang zum Kom­mu­nis­mus sei kurz­fris­tig nicht zu errei­chen, son­dern ein lang­wie­ri­ger Pro­zess.[21]

Auf die­ser Tagung kün­dig­te Mao Tse-tung an, nicht mehr für die Posi­ti­on des Vor­sit­zen­den der VR Chi­na zu kan­di­die­ren. Er wur­de 1959 durch Liu Shao­qui ersetzt.

Die Getrei­de­ern­te fiel im Jahr 1959 auf 168 Mil­lio­nen Ton­nen und damit erheb­lich unter den Stand von 1957. Die immer noch hohen Ziel­stel­lun­gen führ­ten dazu, dass der Akku­mu­la­ti­ons­fonds der Volks­kom­mu­nen wei­ter erhöht und damit der Lebens­stan­dard der Bau­ern erneut unter Druck geriet. Zusam­men mit einer Dür­re bewirk­te dies einen wei­te­ren Ern­te­rück­gang. Die Getrei­de­ern­te 1960 ging auf 165 Mil­lio­nen Ton­nen und damit auf den Stand von 1954 zurück.[22]

1961 kam es auch auf­grund der Erschöp­fung von Res­sour­cen, Mate­ri­al und Lebens­mit­teln zu einem ein­schnei­den­den Rück­gang der Indus­trie­pro­duk­ti­on und zwar um fast 50% gegen­über 1959. Die Pro­duk­ti­on von Stahl ging um 46%, Koh­le um 48%, Eisen­erz um zwei Drit­tel, Koks um 70% und Zement um 40% zurück. Das aber lag nicht nur an den Fol­gen des gro­ßen Sprun­ges nach Vor­ne, son­dern auch dar­an, dass die Sowjet­uni­on 1960 nach dem chi­ne­sisch-sowje­ti­schen Streit ihre gesam­te Wirt­schafts­hil­fe mit einem Mal ein­stell­te (sie­he unten).

Der Kurs des Gro­ßen Sprun­ges nach Vor­ne stürz­te die VR Chi­na in eine tie­fe öko­no­mi­sche und poli­ti­sche Kri­se.[23]

Dass der Gro­ße Sprung nach Vor­ne ein schwe­rer Feh­ler war, ist all­ge­mei­ner Kon­sens und wird heu­te auch von der KPCh so gese­hen. Nie­mand befür­wor­tet gegen­wär­tig eine ver­gleich­ba­re Poli­tik. Den­noch wird gera­de die­ses Ereig­nis dazu genutzt, den »Kom­mu­nis­mus« im All­ge­mei­nen zu dis­kre­di­tie­ren und ihn zu einer mas­sen­mör­de­ri­schen Ideo­lo­gie zu stem­peln. Dabei wer­den auch die­je­ni­gen mar­xis­ti­schen Rich­tun­gen in Mit­haf­tung genom­men, die die­se Poli­tik Maos von Anfang an abge­lehnt haben.

Gera­de der gro­ße Sprung nach Vor­ne spielt dabei eine zen­tra­le Rol­le. Mao wird als der größ­te Mas­sen­mör­der der Welt geschmäht. So sag­te zum Bei­spiel der aus­tra­li­sche Arzt Dr. Augus­to Zim­mer­mann in der 83. Sit­zung des Coro­na-Aus­schus­ses am 17.12.2021, Mao habe 40 Mil­lio­nen Todes­ur­tei­le voll­stre­cken las­sen. Die­se Zahl bezieht sich offen­sicht­lich auf die angeb­li­chen Todes­op­fer, die durch den Gro­ßen Sprung nach vor­ne ver­ur­sacht wor­den sein sollen.

Joseph Ball hat die Beschul­di­gun­gen gegen Mao ein­ge­hend unter­sucht.[24]

In den 50er und 60er Jah­ren zir­ku­lier­ten im Wes­ten stän­dig Behaup­tun­gen über angeb­li­che Hun­gers­nö­te in Chi­na. Ver­brei­tet wur­den sie unter ande­ren von der US-Zeit­schrift Chi­na Quar­ter­ly, die von der CIA finan­ziert wurde.

Ernst genom­men wur­den die­se Vor­wür­fe erst in den 80er Jah­ren. Eine Reso­lu­ti­on zur Par­tei­ge­schich­te von 1981 sprach von ernst­haf­ten Ver­lus­ten zwi­schen 1959 und 61. Dar­auf­hin bezif­fer­ten eini­ge chi­ne­si­sche Wis­sen­schaft­ler die Anzahl der Über­schuss­to­ten in die­sem Zeit­raum mit 16,5 Mil­lio­nen.[25]

Die­se Atta­cken auf Mao ste­hen offen­bar in einem Zusam­men­hang mit Frak­ti­ons­aus­ein­an­der­set­zun­gen inner­halb der KPCh. Damals waren die Mao­is­ten durch­aus noch nicht voll­stän­dig besiegt.[26] Deng Xiao-ping muss­te sich nach 1978 für die Abset­zung von Hua Guo-feng, dem desi­gnier­ten Nach­fol­ger von Mao, recht­fer­ti­gen. Die Atta­cken auf Mao hal­fen Deng zudem dabei, nicht nur die über­di­men­sio­nier­ten Volks­kom­mu­nen, son­dern jede Form der Genos­sen­schaf­ten auf den Lan­de auf­zu­lö­sen und damit die sozia­le Sicher­heit der Bau­ern­schaft zu besei­ti­gen. Frei­er Zugang zu Gesund­heits­dienst­leis­tun­gen und zu Bil­dung gab es in den 80er Jah­ren nicht mehr. Das war durch­aus unpopulär.

US-ame­ri­ka­ni­sche Demo­gra­phen wie Ans­ley Cole, John Aird und Judy Ban­nis­ter setz­ten die Zahl der Toten des Gro­ßen Sprungs durch Simu­la­tio­nen und Com­pu­ter­be­rech­nun­gen von 16,5 zuerst auf 30 Mil­lio­nen und dann auf 38 Mil­lio­nen Men­schen her­auf. Alle drei sind Ange­stell­te der US-Zen­sus­be­hör­de und aus­ge­spro­che­ne Antikommunisten.

John Halli­day geht sogar noch wei­ter: Sei­ner Mei­nung nach habe Mao 70 Mil­lio­nen umge­bracht, davon 38 Mil­lio­nen im Gro­ßen Sprung nach Vor­ne. Er kommt auf die­se hor­ren­den Zah­len, in dem er Mao offen­bar für die Opfer aller Krie­ge, Revo­lu­tio­nen und Wet­ter­ka­prio­len nach 1911 ver­ant­wort­lich macht, dar­un­ter die Mas­sa­ker der Kuomintang und der Japa­ner an Arbei­tern, die eine Mil­lio­nen abge­schlach­te­ter Bau­ern nach der Wie­der­erobe­rung der Räte­ge­bie­te durch die Wei­ßen 1934/35 und die Hun­gers­not in Hen­an 1942/43, die durch exor­bi­tant hohe Pacht­for­de­run­gen der Grund­her­ren aus­ge­löst wurde.

Angeb­li­che Par­tei­do­ku­men­te, die eine Hun­gers­not in den 60er Jah­ren bele­gen sol­len, tauch­ten erst in den 90er Jah­ren in den USA auf. Sie sei­en von Dis­si­den­ten aus dem Land geschmug­gelt wor­den, heißt es. Wie die­se Dis­si­den­ten über­haupt an Par­tei­do­ku­men­te gekom­men sein kön­nen, die ein 30 Jah­re zurück­lie­gen­des Ereig­nis beschrei­ben, wird nicht erklärt.

Es gibt auch kei­ne zeit­ge­nös­si­schen Bele­ge für eine Hun­gers­not gro­ßen Aus­ma­ßes, wie sie zum Bei­spiel in Ban­gla­desch, im Sahel, in Äthio­pi­en oder frü­her in Chi­na selbst statt­ge­fun­den haben. Das hät­te kaum ver­bor­gen wer­den kön­nen. Aber auch west­li­che Rei­sen­de durch die angeb­lich am stärks­ten betrof­fe­nen Pro­vin­zen wie Anhui bemerk­ten in die­ser Zeit zwar eine stren­ge Lebens­mit­tel­ra­tio­nie­rung, aber kei­ne aus­ge­spro­che­ne Hun­gers­not.[27]

Die gro­ße Hun­gers­not in Ban­gla­desch von 1975 gilt als eine der schlimms­ten Hun­ger­nö­te der Welt. Sie führ­te zu offi­zi­ell 30.000 und inof­fi­zi­ell 100.000 Toten bei einer Bevöl­ke­rung von 76 Mil­lio­nen Men­schen. Die chi­ne­si­sche Hun­gers­not soll angeb­lich 30 Mil­lio­nen Men­schen bei einer Bevöl­ke­rung von damals 660 bis 670 Mil­lio­nen getö­tet haben. Das wären mehr als 35 mal so viel wie bei der gro­ßen ban­gla­de­schi­schen Hun­gers­not. Ohne dass das irgend­je­mand bemerkt haben soll. Das ist extrem unwahr­schein­lich.[28]

Den­noch dürf­te der Gro­ße Sprung nach vor­ne Aus­wir­kun­gen gehabt haben. Zwar gab es ver­mut­lich kei­ne aku­te Hun­gers­not, aber die stren­ge Lebens­mit­tel­ra­tio­nie­rung führ­te wohl zu einer höhe­ren Sterb­lich­keit in den Jah­ren 1960 und 61, wobei ins­be­son­de­re älte­re und vor­ge­schä­dig­te Per­so­nen häu­fi­ger gestor­ben sind, als es in nor­ma­len Zei­ten der Fall gewe­sen wäre. Die chi­ne­si­schen Ereig­nis­se sind dem­nach wohl eher mit dem Steck­rü­ben­win­ter im Deut­schen Reich von 1916/17 zu ver­glei­chen, der eben­falls zu einer erhöh­ten Sterb­lich­keit führ­te. Das ist frei­lich schlimm genug.

Die höhe­re Sterb­lich­keit ist auf eine fal­sche Poli­tik Maos zurück­zu­füh­ren, nicht aber auf Absicht. Eine fal­sche Poli­tik hat aber auch in kapi­ta­lis­ti­schen Län­dern viel­fach Hun­gers­nö­te her­vor­ge­ru­fen oder ver­schlim­mert, ohne dass der Kapi­ta­lis­mus zu einer mas­sen­mör­de­ri­schen Ideo­lo­gie erklärt oder die jeweils ver­ant­wort­li­chen Poli­ti­ker wie John Rus­sel, bri­ti­scher Pre­mier­mi­nis­ter zur Zeit der gro­ßen iri­schen Hun­gers­not, als Mas­sen­mör­der geschmäht wor­den sind.

Gegen die Schmä­hung von Mao als Mas­sen­mör­der spricht auch, dass die die Lebens­er­war­tung in Chi­na unter sei­ner Herr­schaft von 35 Jah­ren 1949 auf 65 Jah­re 1976 gestie­gen ist. In die­ser Zeit ist die Getrei­de­pro­duk­ti­on stark ange­stie­gen, sehr wohl auch die Getrei­de­pro­duk­ti­on pro Kopf, was west­li­che Demo­gra­phen bestrit­ten. Tat­säch­lich stieg sie von 204 auf 328 Kilo­gramm, was ange­sichts des star­ken Bevöl­ke­rungs­wachs­tums und der ohne­hin gro­ßen Bevöl­ke­rungs­dich­te durch­aus beträcht­lich ist. Nur in fünf Jah­ren kam es auf­grund von natür­li­chen und men­schen­ge­mach­ten Fak­to­ren zu Ern­te­rück­gän­gen. Ein Ereig­nis wie der Gro­ße Sprung hat sich nach 1961 nicht mehr wie­der­holt.[29]

Im Jahr 1960 kam es zum Bruch der VR Chi­nas mit der Sowjet­uni­on. Die­ser kam zustan­de nach erbit­ter­ten Dis­kus­sio­nen um die Gene­ral­li­nie der inter­na­tio­na­len kom­mu­nis­ti­schen Bewe­gung. Bestand sie aus der fried­li­chen Koexis­tenz mit dem Impe­ria­lis­mus und dem fried­li­chen wirt­schaft­li­chen Wett­be­werb, was die Sowjet­uni­on unter Chruscht­schow ver­trat oder muss­te es dar­um gehen, die Welt­re­vo­lu­ti­on zu Ende zu füh­ren, also den Kapi­ta­lis­mus auf der gan­zen Welt durch loka­le Revo­lu­tio­nen zu stür­zen? Das war die Posi­ti­on der VR Chi­na.[30]

Die­se Dis­kus­si­on kön­nen wir nur ver­ste­hen, wenn wir die hier auf­ge­wor­fe­nen Fra­gen his­to­risch betrach­ten. Nach der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on nahm der Klas­sen­kampf im Welt­maß­stab eine dop­pel­te Gestalt an: Der Kampf zwi­schen den Gesell­schafts­klas­sen in jedem Lan­de und der Kampf zwi­schen der Sowjet­uni­on und ande­ren Arbei­ter­staa­ten einer­seits und den bür­ger­li­chen Staa­ten ande­rer­seits.[31]

Die Ver­tei­di­gung des Sowjet­staa­tes gegen aus­län­di­sche Inter­ven­ti­on war von Anfang an eine wich­ti­ge Ver­pflich­tung für alle Par­tei­en der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le. Aber in der Zeit Lenins waren die für die Ver­tei­di­gung der Sowjet­uni­on vor­ge­schla­ge­nen Mit­tel allein Mit­tel des revo­lu­tio­nä­ren Klas­sen­kamp­fes: Demons­tra­tio­nen, Streiks bestimm­ter Grup­pen der Arbei­ter­klas­se (Hafen‑, Eisen­bahn­ar­bei­ter, Arbei­ter in Muni­ti­ons­fa­bri­ken) oder Gene­ral­streiks. Auf die­se Wei­se har­mo­nier­te die revo­lu­tio­nä­re Ver­tei­di­gung Sowjet­russ­lands mit der Schaf­fung güns­ti­ger Vor­aus­set­zun­gen für die Aus­brei­tung der Revo­lu­ti­on in jedem Land.[32]

Solan­ge die Welt­re­vo­lu­ti­on in den meis­ten Län­dern noch nicht gesiegt hat, muss der Arbei­ter­staat län­ge­re Peri­oden des Waf­fen­still­stands mit den bür­ger­li­chen Staa­ten schlie­ßen und zwi­schen­staat­li­che Bezie­hun­gen zur Stär­kung sei­ner eige­nen Posi­ti­on nut­zen. Aber die­se fried­li­che Koexis­tenz kann nicht zur Gene­ral­li­nie der Arbei­ter­staa­ten oder der revo­lu­tio­nä­ren Welt­be­we­gung all­ge­mein wer­den. Sie ist ein vor­über­ge­hen­der Waf­fen­still­stand an einer Front des inter­na­tio­na­len Klas­sen­kamp­fes. Die­ser Kampf geht aber wei­ter an ande­ren Fron­ten. Zum Bei­spiel als Klas­sen­kampf inner­halb der kapi­ta­lis­ti­schen Länder.

Als Sta­lin die Macht in der Sowjet­uni­on und der Kom­in­tern über­nahm, ließ er zahl­rei­che Revo­lu­tio­nen abwür­gen, dar­un­ter die Chi­ne­si­sche Revo­lu­ti­on 1925 – 27 und die Spa­ni­sche Revo­lu­ti­on. Nach sei­ner Theo­rie des Sozia­lis­mus in einem Lan­de kön­ne der Sozia­lis­mus und sogar der Kom­mu­nis­mus in einem ein­zi­gen Land auf­ge­baut wer­den. Ande­re Län­der waren angeb­lich dazu nicht mehr erfor­der­lich. Sta­lin setz­te nun auch auf die Bour­geoi­sie zur Ver­tei­di­gung der Sowjet­uni­on. Er glaub­te zum Bei­spiel, dass Chiang Kai-scheck in Chi­na ein bes­se­rer Ver­bün­de­ter gegen die Japa­ner sei als die damals noch schwa­che Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei. Also ver­lang­te er deren Unter­ord­nung unter die Kuomintang.[33]

In Spa­ni­en ließ Sta­lin unter dem Vor­wand, zuerst den Krieg gegen Fran­co zu gewin­nen, die dor­ti­ge Revo­lu­ti­on 1937 abwür­gen, denn er setz­te auf ein Bünd­nis mit der bri­ti­schen und fran­zö­si­schen Bour­geoi­sie gegen Hitler.

Aller­dings hat­te die­se fata­le Stra­te­gie zur Fol­ge, dass der Spa­ni­sche Bür­ger­krieg ver­lo­ren ging. Eine erfolg­rei­che spa­ni­sche Revo­lu­ti­on zum Bei­spiel hät­te 1937 die Welt­bour­geoi­sie und ins­be­son­de­re die faschis­ti­schen Regime geschwächt und eine Aggres­si­on gegen die Sowjet­uni­on erschwert. So aber ist die Welt­bour­geoi­sie gestärkt wor­den und die Inva­si­on der Sowjet­uni­on rück­te näher.

Auch wird der Impe­ria­lis­mus nicht allein durch die Aus­brei­tung der Revo­lu­ti­on »pro­vo­ziert«, son­dern durch ihr blo­ßes Vor­han­den­sein. Bereits die Exis­tenz eines oder meh­re­rer Arbei­ter­staa­ten ist für ihn lang­fris­tig nicht hin­nehm­bar.[34] Dies zeigt die Geschich­te des Kal­ten Krie­ges von 1945 bis 1989 im Nach­hin­ein zur Genüge.

Sta­lins Hoff­nung, dass sich die Anti­hit­ler-Koali­ti­on in die Nach­kriegs­zeit hin­über­ret­ten las­sen wür­de, wur­de bereits 1945 auf der Pots­da­mer Kon­fe­renz durch die Dro­hun­gen Tru­mans gegen ihn mit der Atom­bom­be ent­täuscht. Auch ver­such­ten die USA schon 1947, die Sowjet­uni­on aus ihren Posi­tio­nen in Ost­eu­ro­pa zu ver­drän­gen. Sie bedien­ten sich dabei vor allem der Bour­geoi­si­en die­ser Län­der, die des­halb ent­eig­net wer­den muss­ten. Das hat­te Sta­lin ursprüng­lich durch­aus nicht vor­ge­se­hen.[35]

Der Sieg der chi­ne­si­schen Revo­lu­ti­on 1949 und die Errich­tung der Volks­re­pu­blik Chi­na durch­brach die kapi­ta­lis­ti­sche Ein­krei­sung der Sowjet­uni­on und schuf eine völ­lig neue stra­te­gi­sche Welt­la­ge, wo der die Arbei­ter­staa­ten zunächst eine enor­me Über­le­gen­heit bei den kon­ven­tio­nel­len Arme­en besa­ßen. Der sehr schnel­le Fort­schritt der UdSSR im Bereich der Atom­for­schung besei­tig­te das ame­ri­ka­ni­sche Atom­waf­fen­mo­no­pol und damit die Illu­si­on der USA, dank der Atom­di­plo­ma­tie die Vor­tei­le des sozia­lis­ti­schen Lagers durch die Andro­hung der ato­ma­ren Ver­nich­tung der Sowjet­uni­on aus­glei­chen zu können.

Der Sieg der chi­ne­si­schen Revo­lu­ti­on ver­lieh auch der Kolo­ni­al­re­vo­lu­ti­on mäch­ti­gen Auf­trieb. Aber die neu ent­stan­den Staa­ten waren vol­ler sozia­ler Wider­sprü­che. Damit wur­den sie nicht zu einer Puf­fer­zo­ne zwi­schen »Frei­er Welt« und Sozia­lis­mus, wie dies die Füh­rer der Sowjet­uni­on, aber auch bür­ger­li­che Expo­nen­ten der Drit­ten Welt wie Neh­ru, Sukar­no und Ken­yat­ta erwar­te­ten, son­dern zu einem Gebiet hef­ti­ger gesell­schaft­li­cher und sozia­ler Pola­ri­sie­rung, wo die Zusam­men­stö­ße und Bür­ger­krie­ge stän­dig zunah­men. Auf der Tages­ord­nung stand nicht eine irgend­wie gear­te­te »Neue Demo­kra­tie«, son­dern ein Kampf zwi­schen bür­ger­li­chen Staa­ten und ver­arm­ten Mas­sen, die danach streb­ten, pro­le­ta­ri­sche Staa­ten zu errich­ten.[36]

Auch in und um Chi­na war der Kal­te Krieg die gan­zen 50er Jah­re pha­sen­wei­se ein hei­ßer Krieg. Der US-Impe­ria­lis­mus ver­häng­te eine tota­le Wirt­schafts­blo­cka­de über Chi­na und finan­zier­te das Mario­net­ten­re­gime Chiang Kai-Scheks auf For­mo­sa. Er hat zudem Chi­na mit Raketen‑, Flug­zeug- und Flot­ten­stütz­punk­ten eingekreist.

Im Korea­krieg dran­gen im Novem­ber 1950 US-Ame­ri­ka­ni­sche Trup­pen bis zum chi­ne­si­schen Grenz­fluss Yalu vor. Dar­auf­hin grif­fen chi­ne­si­sche Volks­frei­wil­li­ge auf Sei­ten der KDVR in den Krieg ein. Zusam­men mit der Korea­ni­schen Volks­ar­mee ver­nich­te­ten sie die ame­ri­ka­ni­sche 8. Armee am Tschongtschongang.

In die­ser Situa­ti­on for­der­te der US-ame­ri­ka­ni­sche Ober­be­fehls­ha­ber Dou­glas MacAr­thur, den Korea­krieg zu einem all­ge­mei­nen Krieg gegen den Kom­mu­nis­mus eska­lie­ren zu las­sen. Unter ande­rem soll­ten auch Nukle­ar­waf­fen gegen Chi­na und die Sowjet­uni­on ein­ge­setzt werden.

Die Ver­ei­nig­ten Stabs­chefs ana­ly­sier­ten die­se Plä­ne und kamen schließ­lich zu dem Schluss, dass sie undurch­führ­bar waren. Zwar wäre es mög­lich gewe­sen, gro­ße Tei­le Chi­na zu ver­wüs­ten, aber die Kräf­te der USA wür­den in die­sem Fall nicht mehr aus­ge­reicht haben, um auch in Euro­pa die UdSSR in Schach zu hal­ten. Wenn die USA gro­ße Tei­le ihrer Streit­kräf­te in Ost­asi­en ein­setz­ten, wür­de die Sowjet­uni­on ver­mut­lich eine Offen­si­ve in Euro­pa star­ten und den Kapi­ta­lis­mus dort been­den. Dies war allein des­we­gen zu erwar­ten, weil die USA West­deutsch­land, Frank­reich, die Bene­lux-Län­der, Ita­li­en und Groß­bri­tan­ni­en gera­de­zu mit Luft­stütz­punk­ten gespickt hat­ten, von denen aus Bom­ber Nukle­ar­waf­fen in das Gebiet der Sowjet­uni­on tra­gen soll­ten. Bal­lis­ti­sche Rake­ten als Atom­waf­fen­trä­ger gab es ja noch nicht.[37]

Nach 1949 hiel­ten die Kuomintang-Trup­pen nicht nur Tai­wan besetzt, son­dern auch ein­zel­ne Inseln in der For­mo­sa­stra­ße in der Nähe des chi­ne­si­schen Fest­lan­des, dar­un­ter Que­moy und Matsu. Die hier sta­tio­nier­ten Streit­kräf­te blo­ckier­ten nicht nur die wich­ti­gen Häfen Amoy und Futschou, son­dern auch den gesam­ten rot­chi­ne­si­schen Schiffs­ver­kehr durch die For­mo­sa­stra­ße ent­lang der chi­ne­si­schen Küste.

Bereits wäh­rend des Korea­krie­ges waren die Inseln Aus­gangs­punkt für Geheimdienst‑, Sabo­ta­ge- und Spio­na­ge­ak­tio­nen gegen die VR China.

Zudem unter­hielt Chiang Kai-scheck auch in Bur­ma (heu­te Myan­mar) mit Hil­fe der CIA eine Armee von min­des­tens 12.000 Mann. Dabei han­del­te es sich um die Über­res­te einer Wei­ßen Armee, die sich 1949 nach dort abge­setzt hatte.

Im Mai 1954 kam es zu Luft­ge­fech­ten zwi­schen Rot­chi­ne­si­schen und Tai­wa­ne­si­schen Flug­zeu­gen über der Formosastraße.

Im Som­mer 1954 wur­den in den USA erneut Plä­ne für einen Groß­an­griff auf die VR Chi­na erwo­gen, in des­sen Ver­lauf auch Nukle­ar­waf­fen ein­ge­setzt wer­den soll­ten. Die­ser Angriff soll­te von meh­re­ren Posi­tio­nen aus erfol­gen: Von Bur­ma, durch eine amphi­bi­sche Lan­dungs­ope­ra­ti­on auf die Insel Hai­n­an, von den Inseln in der For­mo­sa­stra­ße und von Korea aus.

Im Spät­som­mer 1954 ver­leg­te Tschiang fast 100.000 Mann der natio­nal­chi­ne­si­schen Armee auf die Inseln, vor allem auf Que­moy. Als Reak­ti­on zog die Volks­be­frei­ungs­ar­mee mehr als 150.000 Mann vor den Inseln zusam­men und begann am 3. Sep­tem­ber 1954 mit einem Artilleriebombardement.

Die USA schreck­ten vor der Aus­lö­sung eines Drit­ten Welt­krie­ges letzt­lich doch zurück und Tschiang muss­te sei­ne Trup­pen im April 1955 abzie­hen. Damit ende­te die ers­te Que­moy-Kri­se.[38]

Im Som­mer 1958 ver­leg­te Chiang Kai-scheck erneut 100.000 Sol­da­ten, ein Drit­tel sei­ner gan­zen Armee, auf die Inseln in der For­mo­sa-Stra­ße. Als Reak­ti­on dar­auf eröff­ne­ten die Fest­lands­bat­te­rien am 23. August 1958 das Feu­er auf Quemoy.

Wie schon im Gefol­ge der ers­ten Que­moy-Kri­se kam es noch ein­mal zu Ver­hand­lun­gen. Die Kuomintang-Sol­da­ten wur­den gro­ßen­teils nach Tai­wan zurück­ge­führt und ab dem 25. Okto­ber 1958 wur­de Que­moy nur noch an unge­ra­den Tagen beschos­sen, damit die Gar­ni­son an gera­den Tagen Nach­schub erhal­ten konn­te. Damit wur­de die Kri­se zu einem Ope­ret­ten­krieg und in den 70er Jah­ren stell­te die VBA die Beschie­ßun­gen ganz ein.[39]

Ange­sichts die­ser aku­ten Bedro­hungs­la­ge ist der chi­ne­si­sche Wunsch nach Nukle­ar­waf­fen zur Abschre­ckung der USA ver­ständ­lich. Ein ent­spre­chen­des »Abkom­men über neue Tech­no­lo­gien im Ver­tei­di­gungs­be­reich« wur­de mit der Sowjet­uni­on im Jahr 1957 geschlossen.

Ende 1958 arbei­te­ten nach unbe­stä­tig­ten Berich­ten 111 sowje­ti­sche Phy­si­ker und Inge­nieu­re, 43 Geo­lo­gen, 13 hoch­ran­gi­ge KGB-Mit­ar­bei­ter sowie 340 Mili­tär­spe­zia­lis­ten in Chi­na und hal­fen bei der Ent­wick­lung von Nuklearwaffen.

Am 15. Okto­ber 1957 kamen Anfra­gen aus Chi­na, ob die Sowjet­uni­on das Land auch bei der Ent­wick­lung von Atom-U-Boo­ten unter­stüt­zen wür­de. Chruscht­schow lehn­te dies jedoch strikt ab. Er ant­wor­te­te mit einem Gegen­vor­schlag, eine gemein­sa­me Flot­te auf­zu­bau­en, in der die UdSSR das letz­te Wort hät­te. Die Sowjets waren auch an Lang­wel­len­ra­dio­sta­tio­nen in Chi­na zur Kom­mu­ni­ka­ti­on mit ihren U‑Booten inter­es­siert. Sie schlu­gen vor, die­se mit Chi­na gemein­sam zu betrei­ben. Mao Tse-tung lehn­te bei­de Vor­schlä­ge ab, denn sie erin­ner­ten sei­ner Mei­nung nach stark an unglei­che Verträge.

Chruscht­schow woll­te Chi­na auch in die 1955 gegrün­de­te War­schau­er Ver­trags­or­ga­ni­sa­ti­on ein­be­zie­hen. Das hät­te sich ange­bo­ten, denn es gab ja bila­te­ra­le mili­tä­ri­sche Bei­stands­pak­te zwi­schen den bei­den Län­dern. Aber nach den oben genann­ten Irri­ta­tio­nen im sino-sowje­ti­schen Ver­hält­nis kam es nicht mehr dazu. Hier­zu gehör­te auch der chi­ne­si­sche Ein­druck, dass die Sowjet­uni­on die Poli­tik der Fried­li­chen Koexis­tenz immer stär­ker zur Gene­ral­li­nie ihrer Poli­tik erhob.[40]

Am 20. Juni 1959 stopp­te Chruscht­schow die Hil­fe zur Ent­wick­lung von Nukle­ar­waf­fen für Chi­na und zog alle sowje­ti­schen Exper­ten in die­sem Bereich ab. Die Sowjet­uni­on war damit offen­bar in Vor­leis­tung getre­ten für die in Kür­ze statt­fin­den­den Ver­hand­lun­gen mit den USA und Groß­bri­tan­ni­en über eine Atom­test­stopp und die Nicht­wei­ter­ver­brei­tung von Atomwaffen.

Chruscht­schow ver­such­te nach 1957 mit dem US-Impe­ria­lis­mus zu einer Über­ein­kunft auf der Basis der fried­li­chen Koexis­tenz zu gelan­gen und war zu beträcht­li­chen Kon­zes­sio­nen auf Kos­ten Chi­nas bereit. Denn vom 15. bis 27. Sep­tem­ber 1959 besuch­te er die USA mit dem aus­drück­li­chen Ziel, den Kal­ten Krieg zu been­den. Offen­bar wur­de in den Ver­hand­lun­gen in Camp David dahin­ge­hend Ein­ver­neh­men erzielt, dass kei­ne der Mäch­te ihre Tech­no­lo­gie der Atom­waf­fen an ande­re wei­ter­gibt. Die Sowjet­uni­on hat­te dies bereits ver­wirk­licht. Chruscht­schow erreich­te wohl, dass die USA auch an die BRD kei­ne Infor­ma­tio­nen zu Atom­waf­fen wei­ter­ge­ben wür­den. Ob sie das jemals geplant hat­ten, ist frei­lich eine ganz ande­re Frage.

Unge­ach­tet der Ver­wei­ge­rung von wei­te­rer Hil­fe bei der Ent­wick­lung von Nukle­ar­waf­fen durch die Sowjet­uni­on wur­de die ers­te Atom­bom­be in Chi­na am 16. Okto­ber 1964 gezün­det, die ers­te Was­ser­stoff­bom­be am 17. Juni 1967.

Die rela­tiv kur­ze Frist von fünf Jah­ren zwi­schen dem Abzug der sowje­ti­schen Exper­ten und der Zün­dung der ers­ten Atom­bom­be deu­tet dar­auf hin, dass die­se in den 50er Jah­ren die Grund­la­gen für das chi­ne­si­sche Nukle­ar­waf­fen­pro­gramm gelegt haben.

Der US-Impe­ria­lis­mus übte also mas­si­ven Druck auf die VR Chi­na aus, erwog stän­dig Angrif­fe mit Nukle­ar­waf­fen, finan­zier­te und unter­stütz­te das Mario­net­ten­re­gime von Chiang Kai-schek auf Tai­wan, hat­te eine tota­le Wirt­schafts­blo­cka­de ver­hängt und ließ das Land nicht in die UNO. Dage­gen waren die diplo­ma­ti­schen Bezie­hun­gen zwi­schen den USA und der Sowjet­uni­on freundlicher.

Die unter­schied­li­chen Posi­tio­nen der KPCh und der KPdSU in den Fra­gen der Stra­te­gie hat­ten also mate­ri­el­le Ursa­chen. Dass hier­aus auch ein Zer­würf­nis zwi­schen den Staa­ten wur­de, hat­te aber einen ande­ren Grund. Nach Sta­lins Tod war Mao Tse-tung unzwei­fel­haft eine der füh­ren­den Per­sön­lich­kei­ten in der kom­mu­nis­ti­schen Welt­be­we­gung. Auf jeden Fall war er Chruscht­schow intel­lek­tu­ell weit über­le­gen. Sogar sei­ne Ana­ly­se der sta­lin­schen Feh­ler und Ver­bre­chen zum Bei­spiel in sei­nem Text »Die his­to­ri­schen Erfah­run­gen der Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats«[41] waren weit anspruchs­vol­ler als Chruscht­schows Theo­rie vom »Per­so­nen­kult«.

Chi­na bemüh­te sich, die 1956 auf­kom­men­den Kon­flik­te in Ungarn und Polen fried­lich bei­zu­le­gen, was der KPCh in ganz Ost­eu­ro­pa gro­ße Sym­pa­thien ein­brach­te. In die­ser Zeit gab es wohl in den meis­ten kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en Ost­eu­ro­pas mao­is­ti­sche Ten­den­zen. Umge­kehrt gab es in der KPCh auch star­ke Sym­pa­thien für die Sowjet­uni­on. Ein Bei­spiel hier­für ist der von Mao abge­setz­ten Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Peng Te-huai.

Die­sen Poly­zen­tris­mus konn­ten weder Mao noch Chruscht­schow dul­den. Ins­be­son­de­re letz­ter sah dar­in wohl eine gro­ße Gefahr für das Macht­mo­no­pol der Büro­kra­tie und für sei­ne eige­ne Macht. Durch Druck ver­such­te er die chi­ne­si­sche Füh­rung auf Linie zu brin­gen.[42]

Am 16. Juli 1960 zog die Sowjet­uni­on ihre Exper­ten aus Chi­na ab und stopp­te alle Hilfs­lie­fe­run­gen. Damit ver­letz­te die Sowjet­uni­on zahl­rei­che bila­te­ra­le Ver­trä­ge mit der VR Chi­na.[43]

In die­ser Situa­ti­on hat die Sowjet­bü­ro­kra­tie de fac­to die Blo­cka­de Chi­nas durch den US-Impe­ria­lis­mus unter­stützt. Ernest Man­del kom­men­tiert die­sen Schritt wie folgt:

Nach 1960 schnitt Mos­kau den Chi­ne­sen ihre gesam­te Wirt­schafts­hil­fe ab, in einem Zeit­punkt, als die chi­ne­si­sche Wirt­schaft unter der außer­or­dent­li­chen Belas­tung des Fehl­schlags der zwei­ten Pha­se des ›gro­ßen Sprungs nach vor­ne‹ litt. Dadurch wur­de die indus­tri­el­le Ent­wick­lung Chi­nas in meh­re­ren Schlüs­sel­in­dus­trien bru­tal gestoppt.[44]

Die Ver­wei­ge­rung der Unter­stüt­zung bei der Ent­wick­lung von Nukle­ar­waf­fen trug objek­tiv zur ato­ma­ren Erpres­sung Chi­nas durch den Impe­ria­lis­mus bei.

Wie oben gezeigt, befrie­det ein Zurück­wei­chen der Arbei­ter­staa­ten den Impe­ria­lis­mus nicht und macht ganz im Gegen­teil einen gro­ßen Krieg wahrscheinlicher.

Ernest Man­del:

Die Anhäng­lich­keit der Büro­kra­tie an das Mär­chen der ‚Fried­li­chen Koexis­tenz‘ kann nur durch ihre spe­zi­el­len gesell­schaft­li­chen Inter­es­sen, ihren tief­ge­hen­den Kon­ser­va­tis­mus erklärt wer­den. Sie sind nicht nur mit den Inter­es­sen der Welt­re­vo­lu­ti­on, son­dern auch mit denen der Sowjet­völ­ker und der Sowjet­uni­on selbst unver­ein­bar. Erfolg­rei­che Revo­lu­tio­nen, beson­ders in den ent­wi­ckel­ten Län­dern, könn­ten die Akti­vi­tät der Arbei­ter­klas­se auch in der Sowjet­uni­on stei­gern und damit die Macht der Büro­kra­tie ein­schrän­ken.[45]

Der Sino-Sowje­ti­sche Bruch hat wesent­lich zur welt­wei­ten Nie­der­la­ge des Sozia­lis­mus 1989 bei­getra­gen. Auch wenn sich die chi­ne­si­sche Sei­te teil­wei­se eben­falls dog­ma­tisch ver­hal­ten hat, so trägt doch die sowje­ti­sche Füh­rung unter Chruscht­schow die Haupt­schuld an die­ser Entwicklung.

In den Jah­ren von 1961 bis 65 bestand die wich­tigs­te Akti­vi­tät der chi­ne­si­schen Poli­tik dar­in, die Fol­gen des Gro­ßen Sprun­ges zu besei­ti­gen. Die­se Zeit wird des­halb als Regu­lie­rungs­pe­ri­ode bezeichnet.

Die Volks­kom­mu­nen wur­den umge­stal­tet. Es wur­de fest­ge­legt, dass die Pro­duk­ti­ons­bri­ga­de die Grund­ein­heit der wirt­schaft­li­chen Rech­nungs­füh­rung ist. Es kam zu einer weit­ge­hen­den Wie­der­ein­füh­rung der Ent­loh­nung nach Arbeits­leis­tung und zur Abschaf­fung der gemein­sa­men Essen.

70% des Kon­sump­ti­ons­fonds einer Bri­ga­de soll­te nach Anzahl der Arbeits­ta­ge aus­ge­zahlt und 30% nach der Zahl der Esser in Natu­ral­form abge­ge­ben wer­den. Dadurch soll­te ein Min­dest­ni­veau der Ernäh­rung für die ärms­ten Schich­ten des Dor­fes, die Arbeits­un­fä­hi­gen und die gro­ßen Fami­li­en gesi­chert werden.

Die Bau­ern durf­ten ihr Hof­land wie­der zum Neben­er­werb nut­zen, zum Bei­spiel zur Geflü­gel- und Schwei­ne­zucht. Bau­ern­märk­te ent­stan­den erneut.

Durch die­se Maß­nah­men hör­ten die Volks­kom­mu­nen auf, als ein­heit­li­che Wirt­schafts­or­ga­ni­sa­ti­on zu bestehen und wur­den zu unte­ren Staats­or­ga­nen. Sie ent­spra­chen damit den frü­he­ren Kreisen.

In eini­gen Tei­len des Lan­des wur­den sogar die Oblie­gen­hei­ten der Pro­duk­ti­ons­bri­ga­den Ein­zel­fa­mi­li­en über­tra­gen und die Bri­ga­den damit auf­ge­löst. Bereits 1962 for­der­te der ZK-Sekre­tär Deng Xiao-ping, die­se Maß­nah­men zu ver­all­ge­mei­nern. Er schlug also die völ­li­ge Abschaf­fung der Kol­lek­tiv­wirt­schaf­ten und die Wie­der­her­stel­lung der Ein­zel­bau­ern­wirt­schaf­ten vor. Deng konn­te sich damals aber nicht gegen die Mao­is­ten durch­set­zen.[46]

Die­se Maß­nah­men bewirk­ten, dass 1963 das frü­he­re Niveau in der Pro­duk­ti­on von Getrei­de erreicht und in den Fol­ge­jah­ren über­schrit­ten wur­de. Auch das Ange­bot an Schwei­ne­fleisch, Geflü­gel und Eiern nahm beträcht­lich zu.[47]

Hand­werks- und Han­dels­ge­nos­sen­schaf­ten wur­den erneut geför­dert. Auch Ein­zel­hand­wer­ker durf­ten wie­der arbei­ten.[48]

In der Indus­trie wur­den vie­le Betrie­be geschlos­sen oder zweit­wei­se still­ge­legt, Bau­vor­ha­ben auf­ge­ge­ben und der Invest­bau stark ein­ge­schränkt. In den Jah­ren 1961/62 wur­den 30 Mil­lio­nen Men­schen von den Städ­ten in die Dör­fer geschickt, da es in den Städ­ten nicht mehr genug Arbeits­plät­ze gab.[49]

In den fol­gen­den Jah­ren wur­den Inves­ti­tio­nen im Bereich des Berg­baus und der Schwer­indus­trie bedeu­tend gekürzt, die Ent­wick­lung der che­mi­schen Indus­trie, beson­ders der Dün­ge­mit­tel­pro­duk­ti­on, der Erd­öl­för­de­rung sowie der Erzeu­gung von Elek­tro­en­er­gie durch den Bau klei­ner und mitt­le­rer Kraft­wer­ke vor­an­ge­trie­ben. Die Pro­duk­ti­on von Trak­to­ren und Kraft­fahr­zeu­gen wuchs über den Stand von 1959 hinaus.

Die Kür­zung der zen­tra­len Inves­ti­tio­nen in die Groß­in­dus­trie soll­te durch den Aus­bau der ört­li­chen, auf hand­werk­li­cher Basis arbei­ten­den Mit­tel- und Klein­be­trie­be kom­pen­siert wer­den. Die von Mao im Zusam­men­hang mit dem Gro­ßen Sprung nach vor­ne pro­pa­gier­te länd­li­che Indus­tria­li­sie­rung hat sich durch­aus als sinn­voll erwie­sen. Aber erst in den fol­gen­den Jah­ren, als sie nicht kam­pa­gnen­haft, son­dern lang­fris­tig geplant und unter Berück­sich­ti­gung der land­wirt­schaft­li­chen Erfor­der­nis­se durch­ge­führt wur­de. Die länd­li­che Indus­trie wur­de nur in dem Maße aus­ge­baut, in dem die Stei­ge­rung der Arbeits­pro­duk­ti­vi­tät in der Land­wirt­schaft die Frei­set­zung von Arbeits­kräf­ten ermög­lich­te.[50]

1965 ent­fie­len auf die Mit­tel- und Klein­be­trie­be 60% der Pro­duk­ti­on ein­fa­cher land­wirt­schaft­li­cher Gerä­te, 40% der Kunst­dün­ger­pro­duk­ti­on, 60% der Koh­len­ge­win­nung und 70% der Zemen­ter­zeu­gung.[51]

Ande­rer­seits konn­te sie zur Durch­in­dus­tria­li­sie­rung des Lan­des nur wenig bei­tra­gen und war wohl eher ein Notbehelf.

Zwar wuchs die Wirt­schaft ab 1963 wie­der. Aber der durch­schnitt­li­che Jah­res­zu­wachs betrug in den fol­gen­den Jah­ren nur ein Drit­tel des ers­ten Fünf­jah­pla­nes und nur die Hälf­te des­sen, was für den zwei­ten Fünf­jahr­plan vor­ge­se­hen war. Erst 1964 konn­ten im Lan­des­maß­stab über­haupt wie­der Wirt­schafts­plä­ne aus­ge­ar­bei­tet wer­den, die eine unge­fäh­re Vor­stel­lung von dem Umfang, den Quel­len und der Ver­tei­lung der Ein­nah­men und Aus­ga­ben vermittelten.

1964 und 1965 wur­den die Löh­ne der Arbei­ter beträcht­lich erhöht, auch die Ein­künf­te der Bau­ern stie­gen an. Aller­dings blieb die mate­ri­el­le Lage für die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung nach wie vor unbe­frie­di­gend. Es konn­ten nur die Ver­schlech­te­run­gen des Gro­ßen Sprun­ges rück­gän­gig gemacht werden.

1964 führ­te Deng Xiao-ping unter dem Mot­to »Sowohl Arbei­ter als auch Bau­er« das Sys­tem der Wan­der­ar­bei­ter ein. Die­se wur­den ver­stärkt bei Arbei­ten ein­ge­setzt, die kei­ne Qua­li­fi­ka­ti­on erfor­der­ten und gerin­ger bezahlt als regu­lä­re Arbei­ter. Damit wur­de eine beson­de­re Kate­go­rie von Arbei­tern mit weni­ger Rech­ten geschaf­fen.[52]

Der zah­len­mä­ßi­ge Umfang der chi­ne­si­schen Arbei­ter­klas­se (der Stamm­be­leg­schaf­ten) ent­sprach am Ende der 60er Jah­re mit 11 bis 12 Mil­lio­nen Men­schen etwa dem Stand von 1957. Gleich­zei­tig war die Zahl der Wan­der­ar­bei­ter stark ange­stie­gen.[53]

Bis 1966 sank der Waren­um­satz im Han­del mit den sozia­lis­ti­schen Län­dern gegen­über 1959 um 55%, mit der Sowjet­uni­on um mehr als 80%.[54]

Der Import kom­plet­ter Anla­gen und die wis­sen­schaft­lich-tech­ni­sche Zusam­men­ar­beit gin­gen spür­bar zurück. Des­halb war Chi­na gezwun­gen, vie­le Maschi­nen­ty­pen selbst zu ent­wi­ckeln, die es bereits in der Sowjet­uni­on und den ande­ren sozia­lis­ti­schen Län­dern gab.

Die chi­ne­si­sche Füh­rung bau­te als Alter­na­ti­ve zum Han­del mit den sozia­lis­ti­schen Staa­ten die wirt­schaft­li­chen Bezie­hun­gen zu klei­ne­ren kapi­ta­lis­ti­schen Län­dern wie Japan und der BRD aus. Aller­dings muss­te Chi­na den Import von Anla­gen mit har­ter Wäh­rung bezah­len, die sehr knapp war.[55]

Nach 1960 wur­de der Plan für einen gemein­sa­men sino-sowje­ti­schen Wirt­schafts­raum auf­ge­ge­ben. Neue Indus­trie­be­trie­be ent­stan­den jetzt vor allem in den Küs­ten­städ­ten. Denn der Außen­han­del mit den kapi­ta­lis­ti­schen Län­dern wur­de fast aus­schließ­lich per Schiff abge­wi­ckelt. Auch die Erschlie­ßung der Ölfel­der von Daqing in der Pro­vinz Hei­long­jiang ab 1959 wirk­te in die­se Rich­tung. Der Wirt­schafts­schwer­punkt des Lan­des ver­la­ger­te sich zurück in die Küs­ten­ge­bie­te. Die Bedro­hung die­ser Regi­on durch die US-Flot­ten wur­de in den 60er Jah­ren nicht mehr als beson­ders hoch ein­ge­schätzt.[56]

Der Gro­ße Sprung ver­kom­pli­zier­te die Lösung vie­ler sozia­ler und gesell­schaft­li­cher Pro­ble­me: Die Zahl der Stu­den­ten ging von 695.000 im Jahr 1960 auf 250.000 im Jahr 1964 zurück. Gleich­zei­tig ver­rin­ger­te sich auch die Zahl der Schü­ler an den Grund- und Mit­tel­schu­len. Haupt­ur­sa­che war, dass die rela­tiv hohen Schul­gel­der nicht – wie geplant – in den 60er Jah­ren abge­schafft wer­den konn­ten. In den Jah­ren 1964 und 65 erhiel­ten etwa 30 Mil­lio­nen Kin­der im Schul­al­ter kei­nen Unterricht.

Nur etwa 50% der Absol­ven­ten der ver­blie­be­nen Mit­tel­schu­len konn­ten an eine Hoch­schu­le gelan­gen. Die Absol­ven­ten der Mit­tel­schu­len und Hoch­schu­len hat­ten beträcht­li­che Schwie­rig­kei­ten, einen ange­mes­se­nen Arbeits­platz zu fin­den. Denn das Wirt­schafts­wachs­tum war gerin­ger als in den 50er Jah­ren geplant. Vie­le Schü­ler und Stu­den­ten stan­den vor der Aus­sicht, zu den Kom­mu­nen auf das Land geschickt zu wer­den. Das führ­te zu wach­sen­der Unzu­frie­den­heit unter den Jugend­li­chen.[57]

Die Poli­tik der Regu­lie­rungs­pe­ri­ode hat­te zwar die Wirt­schaft sta­bi­li­sie­ren kön­nen, aber es waren neue Wider­sprü­che auf­ge­kom­men. Ins­be­son­de­re die sozia­le Ungleich­heit war im Ver­gleich zu den 50er Jah­ren stark ange­wach­sen. Die Wider­sprü­che zeig­ten zeig­te sich ins­be­son­de­re in fol­gen­den Sektoren:

  • Unter­schie­de zwi­schen armen und rei­chen Bauern.
  • Unter­schie­de zwi­schen Stamm­be­leg­schaf­ten und Wan­der­ar­bei­tern. Immer noch ver­gleichs­wei­se gerin­ge Löh­ne für alle Arbeiter.
  • Unzu­läng­lich­kei­ten des Bil­dungs­we­sens. Nicht genug Arbeits­plät­ze für die gebil­de­te Jugend.[58]

Die­se Wider­sprü­che soll­ten in der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on eine bedeu­ten­de Rol­le spielen.

Auf­grund der kri­sen­haf­ten Ent­wick­lung sah sich Mao Tse-tung in den Jah­ren nach 1960 gezwun­gen, Liu Shao­qi und Deng Xiao-ping gro­ße Hand­lungs­frei­heit bei der Besei­ti­gung der Fol­gen des Gro­ßen Sprun­ges einzuräumen.

Er ver­leg­te sei­ne Akti­vi­tä­ten vor allem in den Bereich der Kul­tur und Ideo­lo­gie. Aber auch hier fan­den hef­ti­ge Angrif­fe auf ihn statt.

Im Jahr 1961 ver­öf­fent­lich­te der stell­ver­tre­ten­de Ober­bür­ger­meis­ter von Peking, der Schrift­stel­ler und His­to­ri­ker Wu Han das Dra­ma »Die Abset­zung des Hai Rui«. Dar­in wur­de Hai Rui, ein Heer­füh­rer aus der Ming-Zeit (1386 – 1644) gerühmt, weil er sich nicht scheu­te, den Kai­ser zu kritisieren.

Die­ser Hai Rui sag­te zum Kai­ser: »Frü­her hast du noch man­ches Gute getan, aber was machst du jetzt? Berich­ti­ge die Feh­ler und lass das Volk in Glück leben. Du hast zu vie­le Feh­ler gemacht, meinst aber, dass du in allem Recht hast und lehnst des­halb Kri­tik ab.«

Mit Recht erbli­cke man im Thea­ter­stück eine Anspie­lung auf Mao Tse-tung und sei­ne Abrech­nung mit dem dama­li­gen Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Peng Te-hui nach dem Gro­ßen Sprung. Die­ser hat­te es gewagt, Mao wegen des öko­no­mi­schen Desas­ters offen zu kri­ti­sie­ren und war abge­setzt wor­den. 1961/62 lief das Thea­ter­stück in vie­len Thea­tern des Lan­des.[59]

Im August 1962 erschien eine Neu­auf­la­ge des 1939 ver­fass­ten Buches von Liu Shao­qi mit dem Titel »Wie man ein guter Kom­mu­nist wird«. Dar­in wur­de Mao Tse-tung nicht als Schü­ler von Marx und Lenin erwähnt. Völ­lig unmiss­ver­ständ­lich war die Pas­sa­ge über die Hal­tung »eini­ger Genossen«:

Ein sol­cher Mensch wuss­te abso­lut nichts vom Mar­xis­mus-Leni­nis­mus und ver­moch­te ledig­lich mar­xis­tisch-leni­nis­ti­sche Phra­sen daher­zu­plap­pern, betrach­te­te sich aber selbst als einen chi­ne­si­schen Marx oder einen chi­ne­si­schen Lenin, trat als sol­cher in der Par­tei auf und hat­te die Unver­schämt­heit, von den Mit­glie­dern unse­rer Par­tei zu ver­lan­gen, dass sie ihm eben­sol­che Ehr­er­bie­tung ent­ge­gen­brin­gen, wie sie Marx und Lenin zuteil gewor­den war, dass sie ihn als den Füh­rer unter­stüt­zen und ihm ihre Treue und Erge­ben­heit bezeu­gen.[60]

1939 war Mao zwar nicht gemeint gewe­sen, aber 1962 sehr wohl. In vie­len Par­tei­or­ga­ni­sa­tio­nen an der Basis wur­de 1961/62 im brei­ten Aus­maß Unzu­frie­den­heit und Kri­tik geäußert.

Mao Tse-tung erklär­te 1962, dass er den Sinn der »äso­pi­schen Äuße­run­gen« in der Pres­se und die Mode »his­to­ri­sche Schau­spie­le und Roma­ne zu schrei­ben« durch­aus ver­ste­he und bezeich­ne­te die­se Erschei­nung als par­tei­feind­li­che Tätig­keit.[61]

Immer wenn Mao irgend­wel­che Vor­schlä­ge mach­te, zum Bei­spiel zur Säu­be­rung der unte­ren Ebe­nen der Par­tei­or­ga­ni­sa­tio­nen auf dem Lan­de, wur­de ihm im Polit­bü­ro zwar nicht offen wider­spro­chen. Aber anschlie­ßend for­mu­lier­te das ZK-Sekre­ta­ri­at »Aus­füh­rungs­be­stim­mun­gen«, die die­se Kam­pa­gnen neu­tra­li­sier­ten oder sogar in ihr Gegen­teil verkehrten.

Mao reagier­te dar­auf, in dem er zunächst sei­ne Kon­trol­le über die Volks­be­frei­ungs­ar­mee aus­bau­te. Wie gesagt, der Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Peng Te-hui wur­de abge­setzt und Maos Anhän­ger Lin Biao zum neu­en Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter ernannt.

Ab 1963 wur­de der Per­so­nen­kult um Mao Tse-tung durch zahl­rei­che Kam­pa­gnen ange­facht. Hier­mit woll­te er sei­ne Posi­ti­on im Kampf gegen die »Rech­ten« inner­halb der Par­tei verbessern.

1964 erschien in der Volks­be­frei­ungs­ar­mee das Rote Buch, offi­zi­ell »Wor­te des Vor­sit­zen­den Mao Tse-tung« eine Samm­lung von Zita­ten aus sei­nen Schrif­ten. Kurz dar­auf for­der­ten die Mao­is­ten, dass die­ses Buch auch außer­halb der Armee stu­diert wer­den sollte.

In dem von Lin Biao geschrie­be­nen Vor­wort zur zwei­ten Auf­la­ge des Roten Buches von 1966 heißt es:

Genos­se Mao Tse-tung ist der größ­te Mar­xist-Leni­nist unse­rer Zeit. In genia­ler, schöp­fe­ri­scher und all­sei­ti­ger Wei­se hat Genos­se Mao Tse-tung den Mar­xis­mus-Leni­nis­mus als Erbe über­nom­men, ihn ver­tei­digt und wei­ter­ent­wi­ckelt; er hat den Mar­xis­mus-Leni­nis­mus auf eine völ­lig neue Stu­fe gehoben.

Und: »Die Ideen Mao Tse-tungs sind das Leit­prin­zip für die gesam­te Tätig­keit der gan­zen Par­tei, der gan­zen Armee, des gan­zen Lan­des.«[62]

Damit wur­de der Per­so­nen­kult um Mao Tse-tung ins Uner­mess­li­che gestei­gert und es wur­de der Glau­ben an sei­ne Unfehl­bar­keit erzeugt. Maos Wei­sun­gen gal­ten als sakrosankt.

Im Okto­ber 1965 for­der­te Mao im Polit­bü­ro eine Kam­pa­gne gegen Wu Han, den Autor des Dra­mas »Die Abset­zung des Han Rui«. Die­se For­de­rung stieß erst­mals auf offe­nen Wider­stand. Mao hat­te offen­sicht­lich sei­ne Mehr­heit in Polit­bü­ro und Zen­tral­ko­mi­tee ver­lo­ren. Des­halb ver­ließ er im Novem­ber 1965 Peking und begab sich nach Schang­hai, um dort mit sei­nen Anhän­gern einen Gegen­an­griff auf die »Rech­ten« vor­zu­be­rei­ten. In der Schang­hai­er Zei­tung »Wen­hui Bao« erschie­nen nun Angrif­fe gegen Wu Han. Das war der Beginn der eigent­li­chen Kul­tur­re­vo­lu­ti­on.[63]

Mao behaup­te­te, dass eini­ge »Macht­ha­ber in der Par­tei« wie Deng Xiao-ping »den kapi­ta­lis­ti­schen Weg gehen«, also den Kapi­ta­lis­mus in Chi­na wie­der­her­stel­len woll­ten. Die Haupt­ur­sa­che die­ser Ent­wick­lung lie­ge im ideo­lo­gi­schen Bereich. Wenn der Revi­sio­nis­mus auf wis­sen­schaft­li­chem, künst­le­ri­schem, lite­ra­ri­schen Gebiet nicht been­det wird, müs­se die Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats zwangs­läu­fig schei­tern. Um den nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Ent­wick­lungs­weg dau­er­haft zu sichern, brau­che es eine Kul­tur­re­vo­lu­ti­on, in der die klas­sisch-chi­ne­si­sche Kul­tur und die kapi­ta­lis­tisch-west­li­che Kul­tur durch eine wahr­haft sozia­lis­ti­sche Kul­tur ersetzt wird.

Es ver­steht sich von selbst, dass die­se Auf­fas­sung mit dem Mar­xis­mus nichts mehr zu tun hat, son­dern eine idea­lis­ti­sche Theo­rie ist. Wie sich im Nach­hin­ein her­aus­stell­te, hat Mao die Ambi­tio­nen von Deng Xiao-ping und ande­ren »Macht­ha­bern« durch­aus rich­tig erkannt. Aber – wie Man­del schreibt – bedroh­te das Gewicht der bür­ger­li­chen und vor­bür­ger­li­chen Kul­tur, Reli­gi­on, Kunst, Lite­ra­tur und Ideo­lo­gie den chi­ne­si­schen Arbei­ter­staat viel weni­ger als ein ein­zi­ges Jahr des Über­le­bens der ein­fa­chen Waren­pro­duk­ti­on. Die Revo­lu­ti­on wur­de also nicht so sehr durch Über­bleib­sel der Ver­gan­gen­heit behin­dert, son­dern durch die unzu­rei­chen­de Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kräf­te.[64]

Im Mai 1966 kleb­te die Dozen­tin und Par­tei­se­kre­tä­rin der Phi­lo­so­phi­schen Fakul­tät an der Uni­ver­si­tät Bei­jing, Nie Yuan­zi, die ers­te kul­tur­re­vo­lu­tio­nä­ren Groß­schrift­wand­zei­tung. Das war der Beginn der Bewe­gung der Roten Gar­den. Sie bestan­den aus städ­ti­schen Schü­lern und Stu­den­ten, die sich mit den Zie­len der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on iden­ti­fi­zier­ten:[65]

Getra­gen vom jugend­li­chen Eifer und der Ver­eh­rung des Staats­grün­ders Mao und sei­ner Ideen pro­tes­tier­ten die Roten Gar­den gegen Leh­rer und Par­tei­ka­der und begehr­ten mit dem ›Klei­nen Roten Buch‹ gegen die Ord­nung auf.[66]

Im August 1966 ver­fass­te Mao eine eige­ne Groß­schrift­wand­zei­tung mit der bekann­ten Paro­le »Bom­bar­diert das Haupt­quar­tier!«. Am 18. August 1966 fand in Peking ein Mee­ting der Roten Gar­den statt, an dem 1,5 Mil­lio­nen Men­schen teil­nah­men. Mao Tse-tung, Lin Biao und ande­re füh­ren­de Mao­is­ten waren anwe­send. Im Namen Maos begrüß­te Lin Biao die Roten Gar­den als Avant­gar­de der Kulturrevolution.

Im glei­chen Monat tag­te das 11. Ple­num des 8. Zen­tral­ko­mi­tees. Hier hat­te sich Mao durch »Hin­zu­zie­hung« von Ver­tre­tern der Roten Gar­den eine Mehr­heit gesi­chert. Das Ple­num beschloss die soge­nann­ten 16 Punk­te, in denen gefor­dert wur­de, »die Macht­ha­ber, die den kapi­ta­lis­ti­schen Weg gehen«, zu stür­zen, die reak­tio­nä­ren wis­sen­schaft­li­chen Auto­ri­tä­ten der Bour­geoi­sie zu ver­ur­tei­len, Bil­dung sowie Lite­ra­tur und Kunst umzu­ge­stal­ten sowie jeg­li­chen Über­bau, der nicht der sozia­lis­ti­schen öko­no­mi­schen Basis ent­spricht, im Inter­es­se der Fes­ti­gung und Ent­wick­lung der sozia­lis­ti­schen Ord­nung umzu­ge­stal­ten‘.[67]

Die Grup­pe für Kul­tur­re­vo­lu­ti­on beim ZK der KPCh wur­de ursprüng­lich von den »Rech­ten« gegrün­det, um Maos Initia­ti­ven zu unter­lau­fen. Jetzt wur­de sie umge­bil­det und stand unter der Lei­tung des Mao­is­ten Chen Boda und von Maos Frau Jiang Qing.[68]

Die Auf­nah­me an die Hoch­schu­len wur­de um ein hal­bes Jahr ver­scho­ben, damit die Stu­den­ten an der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on teil­neh­men konn­ten.[69] Kurz dar­auf wur­den die Uni­ver­si­tä­ten geschlos­sen. Der Unter­richt soll­te für die Dau­er der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on nicht mehr auf­ge­nom­men werden.

Es wur­de den Roten Gar­den gestat­tet, unent­gelt­lich mit allen Ver­kehrs­mit­teln im Lan­de umher­zu­rei­sen. Aus Bestän­den der Armee wur­den Uni­for­men an sie aus­ge­ge­ben und sie erhiel­ten unent­gelt­lich Ver­pfle­gung.[70]

Ent­spre­chend der Theo­rie der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on ver­brann­ten die Rot­gar­dis­ten im Som­mer 1966 in Peking zahl­rei­che Wer­ke der Welt­li­te­ra­tur, aber auch chi­ne­si­sche Roma­ne und Bücher zu Phi­lo­so­phie und Geschich­te. Anschlie­ßend zogen sie durch ganz Chi­na und zer­stör­ten zahl­rei­che Kunst­wer­ke und Kul­tur­gü­ter.[71]

Maos Frau Jing Qing ver­such­te durch so genann­te Modell­schau­spie­le das in tra­di­tio­nel­len For­men erstarr­te Thea­ter umzu­ge­stal­ten. Wegen der gro­ßen mate­ri­el­len Armut waren Fern­se­hen und sogar Kino im Chi­na der 60er Jah­re noch rela­tiv wenig ver­brei­tet. Das Thea­ter war immer noch das wich­tigs­te audio­vi­su­el­le Medi­um und damit von sehr gro­ßer ideo­lo­gi­scher Bedeu­tung. Die neu­en Stü­cke, zum Bei­spiel die Oper »Der Osten ist Rot« ver­herr­lich­ten Mao und die Kulturrevolution.

In einem Arti­kel der Par­tei­zei­tung Ren­min Ribao hieß es, die Roten Gar­den hät­ten nicht nur das Recht, alle Par­tei­or­ga­ni­sa­tio­nen zu kri­ti­sie­ren, son­dern auch zu kor­ri­gie­ren, also ein­zel­ne Per­so­nen abzu­set­zen und zu ver­haf­ten. Die Aktio­nen der Rot­gar­dis­ten rich­te­ten sich nun mehr und mehr gegen »die Macht­ha­ber in der Par­tei, die den kapi­ta­lis­ti­schen Weg gehen«.[72]

»Ihr Agie­ren gegen­über Men­schen, die als Fein­de der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on und der sozia­lis­ti­schen Ent­wick­lung wahr­ge­nom­men wur­den, geriet immer gewalt­tä­ti­ger und for­der­te immer mehr Opfer.«[73]

Es war der Poli­zei aus­drück­lich ver­bo­ten gegen die Aktio­nen der Roten Gar­den einzuschreiten.

Die von Mao ange­grif­fe­nen »Par­tei­rech­ten« began­nen nun ihrer­seits die Arbei­ter­klas­se gegen die jugend­li­chen Rot­gar­dis­ten zu mobi­li­sie­ren. Zunächst kam es zu Streiks in vie­len Betrie­ben, die sich gegen die Angrif­fe der Rot­gar­dis­ten auf bestimm­te Per­so­nen rich­te­ten. Außer­dem for­der­ten die Arbei­ter häu­fig Lohnerhöhungen.

Am Ende des Jah­res 1966 tra­fen in Peking zahl­rei­che Arbei­ter­de­le­ga­tio­nen aus den ver­schie­dens­ten Städ­ten des Lan­des ein, die eine Ver­bes­se­rung ihrer mate­ri­el­len Lage for­der­ten. Die Lei­tun­gen der jewei­li­gen Betrie­be leg­ten die­sen Dele­ga­ti­ons­rei­sen nicht nur kei­ne Hin­der­nis­se in den Weg, son­dern begüns­tig­ten sie sogar, indem sie den Arbei­tern dafür Vor­schüs­se gaben und ihnen für die Zeit der Abwe­sen­heit ihren Lohn wei­ter zahl­ten.[74]

Die Mao­is­ten reagier­ten dar­auf, in dem sie ihrer­seits die Kul­tur­re­vo­lu­ti­on auf die Indus­trie­be­trie­be aus­dehn­ten. Den Roten Gar­den ent­spra­chen hier die so genann­ten Rebel­len-Orga­ni­sa­tio­nen. Mit­glie­der waren vor allem Ange­stell­te und Wanderarbeiter.

Im Jahr 1967 ent­glitt den Mao­is­ten zuneh­mend die Bewe­gung der Roten Gar­den und Rebel­len. In vie­len Lan­des­tei­len kam es zu chao­ti­schen Zustän­den. Inzwi­schen for­der­ten näm­lich auch die Rebel­len häu­fig Lohn­er­hö­hun­gen. So zum Bei­spiel das natio­na­le Rebel­len-Haupt­quar­tier der Roten Arbei­ter. Dabei han­del­te sich offen­bar um eine natio­na­le Orga­ni­sa­ti­on von Wan­der­ar­bei­tern, die in Peking eine gro­ße Demons­tra­ti­on orga­ni­siert hat­te, zu der Men­schen aus ganz Chi­na zusam­men­ström­ten. Sie for­der­ten höhe­re Löh­ne und die Ände­rung ihres Sta­tus, also eine Gleich­stel­lung mit den fest­an­ge­stell­ten Lohnarbeitern.

Da die­ses Haupt­quar­tier die Keim­zel­le einer neu­en Arbei­ter­par­tei bil­den konn­te, wur­de es von den Mao­is­ten als kon­ter­re­vo­lu­tio­när bezeich­net und auf­ge­löst.[75]

In ande­ren Lan­des­tei­len, beson­ders im Süden des Lan­des, rühr­ten sich unter dem Deck­man­tel von Kul­tur­re­vo­lu­ti­on und Roten Gar­den tat­säch­lich kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re Ele­men­te. Sie über­fie­len Kaser­nen der VBA, brach­ten Waf­fen an sich, raub­ten Ban­ken aus und plün­der­ten Maga­zi­ne. Es kam sogar zur Unter­bre­chung des Eisen­bahn­ver­kehrs nach Viet­nam. Nach­schub und Waf­fen für die Viet­na­me­si­sche Armee und die süd­viet­na­me­si­sche Befrei­ungs­be­we­gung FNL wur­den geraubt. Dies zu einer Zeit, wo sich der Viet­nam­krieg auf sei­nem Höhe­punkt befand.[76]

Als Reak­ti­on auf die­se Ent­wick­lung wur­den zu Beginn des Jah­res 1967 alle Rund­funk­sen­der, Fabri­ken, Wer­ke, Insti­tu­tio­nen und Behör­den der Mili­tär­kon­trol­le unter­stellt und in den fol­gen­den Mona­ten immer häu­fi­ger auch von Ein­hei­ten der Volks­be­frei­ungs­ar­mee besetzt.

Nach­dem Par­tei- und Staa­tap­pa­rat durch die Aktio­nen der Rot­gar­dis­ten weit­ge­hend gelähmt waren, for­der­ten die Mao­is­ten Ende Janu­ar 1967 dazu auf, Revo­lu­ti­ons­ko­mi­tees als neue Macht­or­ga­ne zu bil­den. Sie soll­ten eine Drei­er­ver­bin­dung dar­stel­len aus Ver­tre­tern der revo­lu­tio­nä­ren Mas­sen, also der Roten Gar­den und Rebel­len, der Mili­tärs und der revo­lu­tio­nä­ren Funk­tio­nä­re. Die­se drei Grup­pen soll­ten zu je einem Drit­tel ver­tre­ten sein.

In den Revo­lu­ti­ons­ko­mi­tees soll­te die Macht von Par­tei, Staat und Mili­tär ver­eint sein. Sie umfass­ten dem­nach Legis­la­ti­ve, Exe­ku­ti­ve und Judikative.

Tat­säch­lich dau­er­te es aber noch bis zum August 1968, bis die letz­ten Revo­lu­ti­ons­ko­mi­tees auf Pro­vin­zebe­ne gebil­det wer­den konn­ten.[77]

Aber bereits Sep­tem­ber 1967 sah sich Mao Tse-tung gezwun­gen, den Kampf der Roten Gar­den und Rebel­len zu dämp­fen. In die­sem Monat for­dert er, die »Front des Schla­gens zu ver­klei­nern und die Front der Erzie­hung zu ver­grö­ßern«. Über­haupt gäbe es nur ein win­zi­ges Häuf­lein an Funk­tio­nä­ren, die den kapi­ta­lis­ti­schen Weg gehen würden.

Das führ­te dazu, dass in eini­gen Revo­lu­ti­ons­ko­mi­tees die alten Funk­tio­nä­re und die Mili­tärs das Über­ge­wicht erlang­ten. Unter der Paro­le »Säu­be­rung der Klas­sen­rei­hen« for­der­te Mao Anfang 1968 die Säu­be­rung die­ser Revo­lu­ti­ons­ko­mi­tees. Damit fach­te er Aktio­nen der Roten Gar­den erneut an.[78]

Erst in der Mit­te des Jah­res 1968 hat­ten die Mao­is­ten ein so gro­ßes Über­ge­wicht über ihre Geg­ner erreicht, dass Mao Tse-tung am 28. Juli die­ses Jah­res den Roten Gar­den die Anwei­sung erteil­te, den bewaff­ne­ten Kampf ein­zu­stel­len. Der ideo­lo­gi­sche Kampf soll­te jetzt von Arbei­ter-Pro­pa­gan­da-Trupps geführt wer­den, die aber nicht mehr zustan­de kamen. Das bedeu­te­te de fac­to die Auf­lö­sung der Roten Gar­den, deren Mit­glie­der am 22. Dezem­ber 1968 zur »Umer­zie­hung« auf das Land geschickt wur­den. Mehr als 10 Mil­lio­nen Jugend­li­che wur­den im Win­ter 1968/69 in Dör­fer, in die Ber­ge und die Grenz­ge­bie­te des Lan­des ver­schickt.[79]

In den Revo­lu­ti­ons­ko­mi­tees spiel­te die Volks­be­frei­ungs­ar­mee als ein­zi­ge noch funk­tio­nie­ren­de Orga­ni­sa­ti­on eine immer grö­ße­re Rol­le. In den Mit­te 1968 gegrün­de­ten letz­ten Revo­lu­ti­ons­ko­mi­tees waren Rot­gar­dis­ten dage­gen kaum noch vertreten.

Der IX. Par­tei­tag der KPCh, der in Peking vom 1. bis 24. April 1969 statt­fand, bestä­tig­te den mao­is­ti­schen Kurs der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on, die Bil­dung von Revo­lu­ti­ons­ko­mi­tees und die Säu­be­run­gen der Partei.

Trotz sei­nes Sie­ges über sei­ne inner­par­tei­li­chen Wider­sa­cher konn­te sich Mao nicht dazu ent­schlie­ßen, erneut öko­no­mi­sche Kam­pa­gnen wie die des Gro­ßen Sprun­ges zu star­ten. Er beschränk­te sich auf ideo­lo­gi­sche Kam­pa­gnen zur Ver­herr­li­chung der Volks­kom­mu­ne Daz­hai, der Arbei­ter der Erd­öl­fel­der von Daqing, des Gro­ßen Sprun­ges und der Volks­kom­mu­nen all­ge­mein. Dar­aus folg­te aber kei­ne ande­re Wirt­schafts­po­li­tik. Des­halb blieb es bis zu Maos Tod 1976 bei den wirt­schafts­po­li­ti­schen Maß­nah­men der Regu­lie­rungs­pe­ri­ode.[80]

Mit dem IX. Par­tei­tag ende­te die akti­ve Pha­se der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on und damit der Hochmaoismus.

In einer Rei­he von Bran­chen kam es wegen der chao­ti­schen Zustän­de im Land in den Jah­ren 1967 und 68 zu Pro­duk­ti­ons­rück­gän­gen. Um die­se auf­zu­hal­ten, wur­den seit Beginn des Jah­res 1967 die wich­tigs­ten Betrie­be unter Mili­tär­kon­trol­le gestellt und teil­wei­se direkt von Armee­ein­hei­ten besetzt. Ins­ge­samt aber wuchs die Wirt­schaft wäh­rend der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on immer noch um 6% jähr­lich. Das war mehr als in vie­len kapi­ta­lis­ti­schen Ent­wick­lungs­län­dern wie Indo­ne­si­en.[81]

Trotz der gro­ßen Zer­stö­run­gen und Erschüt­te­run­gen der chi­ne­si­schen Gesell­schaft hat­te die Kul­tur­re­vo­lu­ti­on auch eini­ge posi­ti­ve Aspek­te, wie Han­nes A. Fell­ner hervorhebt:

  • Die chi­ne­si­sche Revo­lu­ti­on war vor allem eine Agrar­um­wäl­zung. Im Unter­schied zur Rus­si­schen Revo­lu­ti­on wur­de das chi­ne­si­sche Bil­dungs­we­sen nie grund­le­gend umge­stal­tet. Es war immer noch sehr auto­ri­tär struk­tu­riert und vom Kon­fu­zia­nis­mus geprägt. Das änder­te sich erst nach der Kulturrevolution.
  • Wei­te­re Fort­schrit­te gab es im Gesund­heits­sys­tem. Seit der Zeit der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on wur­den Bau­ern mit Kennt­nis­sen in der tra­di­tio­nel­len chi­ne­si­schen Medi­zin sowie tra­di­tio­nel­le Heb­am­men in Kurz­kur­sen auch in moder­ner west­li­cher Medi­zin aus­ge­bil­det. Durch die­se spä­ter so genann­ten Bar­fuß­ärz­te war im länd­li­chen Bereich trotz wei­ter­be­stehen­der Armut wenigs­tens eine rudi­men­tä­re Gesund­heits­ver­sor­gung gesi­chert.[82]
  • Um den Schul­be­such beson­ders in länd­li­chen Regio­nen zu erhö­hen, wur­de das Sys­tem vier-vier ein­ge­führt. Das heißt, anstatt Schul­geld zu bezah­len, soll­ten die Schü­ler vier Stun­den am Tag ler­nen und vier Stun­den arbei­ten. Das ist frei­lich nur als Not­lö­sung akzep­ta­bel. Denn bereits damals erkann­ten die meis­ten Bil­dungs­funk­tio­nä­re, dass ein sol­ches Sys­tem zu einer Ver­lang­sa­mung des Bil­dungs­pro­zes­ses und zu einer Ver­rin­ge­rung der Qua­li­tät der Bil­dung füh­ren muss­te.[83] Mit einer »poly­tech­ni­scher Prä­gung« des Bil­dungs­sys­tems, wie Hans A. Fell­ner behaup­tet, hat so etwas nichts zu tun.
  • Die gesell­schaft­li­che Stel­lung der Frau­en ver­bes­ser­te sich im Ver­lauf der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on wesent­lich. Sie spiel­ten in Poli­tik und Gesell­schaft eine viel grö­ße­re Rol­le als vor­her.[84]
  • Auf die außer­dem von Hans A. Fell­ner genann­te Moder­ni­sie­rung des Thea­ters als posi­ti­ver Aspekt der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on wur­de bereits hingewiesen.

Mao Tse-tung war in 60er Jah­ren nach dem geschei­ter­ten Gro­ßen Sprung nach vor­ne in den Füh­rungs­gre­mi­en der Par­tei zuneh­mend in die Min­der­heit gera­ten. In die­ser Situa­ti­on appel­lier­te er über die Par­tei­gre­mi­en hin­weg an die brei­ten Mas­sen, ins­be­son­de­re die Stu­den­ten und Oberschüler.

Dass die­ser Appell erfolg­reich war, lag auch an den sich ver­düs­tern­den Berufs­aus­sich­ten die­ser Grup­pe. Zudem war es ver­gleichs­wei­se ein­fach, sie im Sin­ne Maos zu indok­tri­nie­ren. Sie kann­ten die Geschich­te der chi­ne­si­schen Revo­lu­ti­on nicht aus eige­ner Anschau­ung und konn­ten des­halb leich­ter Beschul­di­gun­gen gegen füh­ren­de Funk­tio­nä­re übernehmen.

Trotz­dem wäre es falsch von einer fern­ge­steu­er­ten Bewe­gung aus­zu­ge­hen. Dage­gen spricht der chao­ti­sche Ver­lauf der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on, die Kämp­fe zwi­schen ein­zel­nen Roten Gar­den und Rebel­len-Grup­pen, sowie die Tat­sa­che, dass sich die Roten Gar­den nicht ein­fach »abschal­ten« ließen.

Mao hat an den revo­lu­tio­nä­ren Enthu­si­as­mus der Jugend appel­liert, der damals zwei­fel­los vor­han­den war. Die The­men der Mobi­li­sie­rung ent­spra­chen den wirk­li­chen Sor­gen die­ser Jugend­li­chen.[85]

Außer­dem bot die Kul­tur­re­vo­lu­ti­on den Jugend­li­chen eine Mög­lich­keit zum Expe­ri­men­tie­ren und zur anti­au­to­ri­tä­ren Auf­leh­nung gegen patri­ar­cha­le Auto­ri­tä­ten. Die Roten Gar­den wur­den des­halb nicht zufäl­lig zu einem Vor­bild für die euro­päi­sche 68er-Bewe­gung.[86]

Der in den 60er Jah­ren ange­fach­te Per­so­nen­kult um Mao Tse-tung ist zwar äußer­lich mit dem um Sta­lin ver­gleich­bar. Aber Sta­lin erlang­te sei­ne Macht in einem Pro­zess der schritt­wei­sen Kon­so­li­die­rung der Macht der Büro­kra­tie, die mit einer schritt­wei­sen Ver­drän­gung des Pro­le­ta­ri­ats von der Aus­übung der poli­ti­schen Macht ein­her­ging.[87]

Der Kult um Mao Tse-tung ent­sprach auch nicht wie der Sta­lin­kult den Erfor­der­nis­sen einer schritt­wei­sen Abschaf­fung der Räte­de­mo­kra­tie oder der inner­par­tei­li­chen Demo­kra­tie, da es in Chi­na sol­che For­men der Demo­kra­tie seit den 30er Jah­ren nicht mehr gege­ben hat­te. Er ent­sprach viel­mehr den Erfor­der­nis­sen eines Kamp­fes zwi­schen ver­schie­de­nen Grup­pen inner­halb der Parteiführung.

Die Mas­sen zeig­ten kei­nes­wegs voll­stän­di­ge Pas­si­vi­tät und schritt­wei­se Demo­ra­li­sie­rung, son­dern ein plötz­li­ches Erwa­chen, das für alle im Janu­ar 1967 für alle sicht­bar wur­de. Dies ist auch durch den völ­lig ande­ren inter­na­tio­na­len Kon­text begrün­det: Statt einer Fol­ge von Nie­der­la­gen wie 1923 bis 1933 gab es seit 1949 Fort­schrit­te der Welt­re­vo­lu­ti­on.[88]

Verweise

[1] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 260

[2] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 267

[3] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 267

[4] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 265

[5] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 265

[6] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 271

[7] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 277

[8] Vgl. Robert Fahr­le, Peter Schött­ler: Chi­nas Weg – Mar­xis­mus oder Mao­is­mus, Frank­furt am Main 1969, S. 73

[9] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 271

[10] Vgl. Fahr­le / Schött­ler a.a.O., S. 74

[11] Vgl. Fahr­le / Schött­ler a.a.O., S. 74

[12] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 271, Vgl. Fahr­le / Schött­ler a.a.O., 74

[13] Vgl. Fahr­le / Schött­ler a.a.O., S. 76

[14] Vgl. Fahr­le / Schött­ler a.a.O., S. 76

[15] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 272

[16] Vgl. Fahr­le / Schött­ler a.a.O., S. 78

[17] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 269

[18] Vgl. Fahr­le / Schött­ler a.a.O., S. 79

[19] Vgl. Fahr­le / Schött­ler a.a.O., S. 80

[20] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 272

[21] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 272

[22] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 277

[23] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 277

[24] Vgl. Ball 2006, a.a.O.

[25] Vgl. Ball 2006, a.a.O.

[26] Ein Par­tei­do­ku­ment vom 11. Okto­ber 1983 klag­te, dass es in der KPCh noch vie­le Anhän­ger von Lin Biao und Jiang Qings, also der Haupt­prot­ago­nis­ten der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on, gäbe. Vgl. Hel­mut Peters: Die VR Chi­na aus dem Mit­tel­al­ter zum Sozia­lis­mus – Auf der Suche nach der Furt, Essen 2009, S. 415

[27] Vgl. Ball 2006, a.a.O.

[28] Vgl. Ball 2006, a.a.O.

[29] Vgl. Ball 2006, a.a.O.

[30] Vgl. Ein Vor­schlag zur Gene­ral­li­nie der inter­na­tio­na­len kom­mu­nis­ti­schen Bewe­gung, in: Pole­mik über die Gene­ral­li­nie der inter­na­tio­na­len kom­mu­nis­ti­schen Bewe­gung, Bei­jing 1965, Nach­druck 2007 von www​.secrets​.org, S. 6.

[31] Vgl. Ernest Man­del: Fried­li­che Koexis­tenz und Welt­re­vo­lu­ti­on, ISP Theo­rie 1, Frank­furt am Main 1975, S. 5

[32] Vgl. Man­del 1975, S. 8

[33] Vgl. Man­del 1975, S. 11ff

[34] Vgl. Man­del 1975, S. 11ff

[35] Vgl. Hel­mut Wolf­gang Kahn: Der Kal­te Krieg, Band 1: Spal­tung und Wahn der Stär­ke 1945 – 1955, Köln 1986, S. 41ff

[36] Vgl. Man­del 1975, S. 27ff

[37] Vgl. Olaf Gro­eh­ler: Der Korea­krieg, Ber­lin 1980, S. 72

[38] Vgl. Kahn 1986 a.a.O., S. 322ff

[39] Vgl. Hel­mut Wolf­gang Kahn: Der Kal­te Krieg, Band 2: Ali­bi für das Rüs­tungs­ge­schäft 1955 – 73, Köln 1987, S. 36

[40] Vgl. Mori Kazu­ko: A Brief Ana­ly­sis of the Sino-Soviet Alli­an­ce: The Poli­ti­cal Pro­cess of 1957 – 1959, Par­al­lel Histo­ry Pro­ject on NATO and the War­saw Pact, 2005, S. 2ff, im Inter­net: https://​www​.php​.isn​.ethz​.ch/​l​o​r​y​1​.​e​t​h​z​.​c​h​/​p​u​b​l​i​c​a​t​i​o​n​s​/​a​r​e​a​s​t​u​d​i​e​s​/​d​o​c​u​m​e​n​t​s​/​s​i​n​o​s​o​v​/​M​o​r​i​.​pdf, abge­ru­fen am 05.03.2022.

[41] Vgl. Mao Tse-Tung: Über die his­to­ri­schen Erfah­run­gen der Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats, 1956, Nach­druck in: Doku­men­te des Kamp­fes der KP Chi­nas gegen den moder­nen Revi­sio­nis­mus 1956 – 66, Offen­bach 2002, im Inter­net: https://​www​.ver​lag​-ben​a​rio​-baum​.de/​W​e​b​R​o​o​t​/​H​o​s​t​E​u​r​o​p​e​/​S​h​o​p​s​/​e​s​1​5​1​1​7​5​/​M​e​d​i​a​G​a​l​l​e​r​y​/​P​D​F​-​D​a​t​e​i​e​n​/​D​o​k​u​m​e​n​t​e​_​d​e​s​_​K​a​m​p​f​e​s​_​d​e​r​_​K​P​_​C​h​i​n​a​s​_​B​a​n​d​_​1​a​.​pdf, abge­ru­fen am 05.03.2022.

[42] Vgl. Ernest Man­del: Revo­lu­tio­nä­rer Mar­xis­mus heu­te, Frank­furt am Main 1982, S. 208

[43] Vgl. Kahn 1987 a.a.O., S. 110ff

[44] Vgl. Man­del 1982 a.a.O., S. 213f

[45] Man­del 1982 a.a.O., S. 221

[46] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 280

[47] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 292

[48] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 280

[49] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 280

[50] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 292

[51] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 292

[52] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 299

[53] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 313

[54] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 295

[55] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 296

[56] Vgl. Schöl­ler a.a.O., S. 150f

[57] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 296

[58] Vgl. Man­del 1978 a.a.O., S. 160f

[59] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 283

[60] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 284

[61] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 290

[62] Wor­te des Vor­sit­zen­den Mao Tse-Tung, Vor­wort zur Zwei­ten Auf­la­ge von Lin Biao, im Inter­net: http://​www​.info​par​ti​san​.net/​a​r​c​h​i​v​e​/​m​a​o​b​i​b​e​l​/​m​a​o​b​i​b​e​l​.​h​tml, abge­ru­fen am 05.03.2022.

[63] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 316

[64] Vgl. Man­del 1978 a.a.O., S. 182

[65] Vgl. Hanns A. Fell­ner: „Rebel­li­on ist gerecht­fer­tigt“, jun­ge Welt, 14.05.2006, im Inter­net: http://​www​.jun​ge​welt​.de/​2​0​1​6​/05 – 14/076.php, abge­ru­fen am 05.03.2022.

[66] Vgl. Fell­ner 2006 a.a.O.

[67] Vgl. Fell­ner 2006 a.a.O.

[68] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 316 und 318

[69] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 318

[70] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 321

[71] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 318, Fell­ner 2006 a.a.O.

[72] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 321

[73] Vgl. Fell­ner 2006 a.a.O.

[74] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 323

[75] Vgl. Man­del 1978 a.a.O., S. 177

[76] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 333

[77] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 324ff, Fell­ner 2006 a.a.O.

[78] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 331

[79] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 334 und 336

[80] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 338

[81] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 336, Fell­ner II

[82] Vgl. Hanns A. Fell­ner: Ohne Sün­den­bock, 17.05.2006, im Inter­net: https://www.jungewelt.de/artikel/286383.ohne-sündenbock.html, abge­ru­fen am 05.03.2022.

[83] Vgl. Autoren­kol­lek­tiv 1979 a.a.O., S. 297

[84] Vgl. Fell­ner 2006a, a.a.O.

[85] Vgl. Man­del 1978, a.a.O., S. 172ff

[86] Vgl. Fell­ner 2006a, a.a.O.

[87] Vgl. Man­del 1978, a.a.O., S. 181

[88] Vgl. Man­del 1978, a.a.O., S. 181ff

Bild: 1967 nahm die Drei­und­zwan­zigs­te Mit­tel­schu­le in Peking »den Unter­richt wie­der auf und mach­te eine Revo­lu­ti­on«, mit dem Text »Beschwer­de und Kri­tik an der revi­sio­nis­ti­schen Erzie­hungs­li­nie« an der Tafel, ver­öf­fent­licht in People’s Pic­to­ri­al im Febru­ar 1968

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