Ukraine: Kritik an den Thesen von Winfried Wolf

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Ich hal­te die Erklä­rung von Win­fried Wolf für ein fak­ten­wid­ri­ges, dem­ago­gi­sches, ja lügen­haf­tes Kon­strukt. Die­ses har­te Urteil scheint mir gerecht­fer­tigt, denn Win­fried Wolf als pro­mo­vier­ter Wis­sen­schaft­ler, Ex-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter und jah­re­lan­ger Chef­re­dak­teur einer anspruchs­vol­len Zeit­schrift ver­fügt über ein weit über­durch­schnitt­lich hohes Poten­ti­al, sei­ne Aus­sa­gen einem Wahr­heits-Check zu unterwerfen.

Die­se har­te kri­ti­sche Beur­tei­lung gilt aller­dings nicht für alle Dar­stel­lun­gen, son­dern für die ent­schei­den­de Dia­gno­se im ers­ten Teil der Erklä­rung; der zwei­te Teil zur Vor­ge­schich­te des Kon­flikts und der Ver­hält­nis­se in der Ukrai­ne ent­hält vie­le wich­ti­ge und zutref­fen­de Punk­te. Die­ser zwei­te Teil wird aber durch den ers­ten Teil ent­wer­tet. Die Erklä­rung hat zudem die­sel­be Struk­tur wie die von Win­fried Wolf mit­in­iti­ier­te Erklä­rung »Zero Covid«: Zu Beginn wird die herr­schen­de Pan­de­mie-Dia­gno­se der Bun­des­re­gie­rung, der EU usw. voll­stän­dig über­nom­men, dann fol­gen im 2. Teil hoch­kri­ti­sche anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Aus­sa­gen. So auch in der Erklä­rung zur Ukraine.

Eini­ge Kri­tik­punk­te zu Wolfs Dia­gno­se des Ukraine-Konflikts:

1. »Die Ukraine ist ein souveräner Staat«

Die Ukrai­ne ist kein sou­ve­rä­ner Staat, son­dern ist im Gegen­teil mehr­di­men­sio­nal von aus­län­di­schen Akteu­ren abhängig:

  • Die »Far­ben-Revo­lu­ti­on« von 2014/​Maidan war ein typisch west­lich mit-orga­ni­sier­ter Umsturz: West­li­che Sub­ven­tio­nie­rung und Finan­zie­rung von poli­ti­schen Akti­vis­ten, Jour­na­lis­ten, Grün­dung von Medi­en. Der dann instal­lier­te Minis­ter­prä­si­dent Jaze­ni­uk und sein Umkreis waren jah­re­lang von der Pri­vat­stif­tung des US-Mil­li­ar­därs Soros, von der Kom­munka­ti­ons­ab­tei­lung der NATO usw. finan­ziert worden.
  • Haupt­spon­sor des jet­zi­gen Prä­si­den­ten Selen­sky ist der Groß-Olig­arch Ihor Kolo­mois­ky, der auch die Staats­bür­ger­schaft Zyperns und Isra­els hat und in Tel Aviv wohnt.
  • Aus dem Wes­ten – ins­be­son­ders aus den USA, Kana­da, Deutsch­land (Mün­chen) – kamen die dort seit 1945 staat­lich geför­der­ten NS-Kol­la­bo­ra­teu­re nach 1990 schritt­wei­se in die Ukrai­ne zurück. Sie waren die best­or­ga­ni­sier­ten Kräf­te des Mai­dan 2014. Sie bil­de­ten danach in der Ukrai­ne eige­ne mili­tä­ri­sche For­ma­tio­nen, die inzwi­schen teil­wei­se in das regu­lä­re ukrai­ni­sche Mili­tär inte­griert sind und Füh­rungs­funk­tio­nen aus­üben. Der füh­ren­de NS-Kom­pli­ze, Vor­sit­zen­der der Par­tei OUN, betei­ligt an zahl­rei­chen Juden­mor­den wäh­rend des Welt­kriegs, Ban­de­ra, agier­te nach 1945 von Mün­chen aus im Kon­takt mit CIA, BND und MI6. Sein Grab auf dem Mün­che­ner Wald­fried­hof ist seit Jah­ren eine Pil­ger­stät­te der ukrai­ni­schen Natio­na­lis­ten. Auch der lang­jäh­ri­ge ukrai­ni­sche Bot­schaf­ter in Deutsch­land, Mel­nyk, fand sich zum ehren­den Geden­ken an Ban­de­ras Grab ein.
  • Die USA haben schon vor dem Mai­dan eine Alli­anz NATO-Ukrai­ne auf­ge­baut. Sol­che Alli­an­zen mit Nicht-Mit­glie­dern und »prin­zi­pi­ell« neu­tra­len Staa­ten wur­den von der NATO ver­stärkt auf­ge­baut, auch etwa mit der Schweiz und Öster­reich, aus denen dann Mili­tär an US- und NATO-Krie­gen teil­neh­men, so in Afgha­ni­stan. Seit dem Mai­dan sind die USA zudem mit Mili­tär­be­ra­tern in der Ukrai­ne prä­sent, lie­fer­ten immer schwe­re­re Waf­fen, auch Rake­ten, für die Beschie­ßung der unab­hän­gi­gen bei­den Repu­bli­ken im Don­bas. Mit Zustim­mung der USA und der EU haben die ukrain. Regie­run­gen das Mins­ker Abkom­men ver­letzt und die ver­ein­bar­ten Auto­no­mien der bei­den Don­bas-Repu­bli­ken ver­hin­dert, sie im Gegen­teil mili­tä­risch bekämpft, mit ca. 14.000 Getöteten.
  • Die Welt­bank ver­gab an die über­schul­de­te und ver­arm­te Ukrai­ne Kre­di­te, die zu die­sen Kon­di­tio­nen kei­nem nor­ma­len Schuld­ner gewährt werden.
  • Ein gro­ßer Teil der beson­ders frucht­ba­ren, wich­ti­gen und wert­vol­len Böden (»Schwarz­er­de«) gehö­ren ins­be­son­de­re US-Agrar­kon­zer­nen, eben­falls sind alle wich­ti­gen US-Agrar­aus­rüs­ter wie Car­gill in der Ukrai­ne vertreten.
  • Die Ukrai­ne ist auch des­halb kein sou­ve­rä­ner Staat, weil er vie­le Mil­lio­nen sei­ner Bür­ger nicht ernäh­ren kann, son­dern zur Emi­gra­ti­on bzw. zur wie­der­hol­ten migran­ti­schen Arbeit in ande­ren Staa­ten zwingt. Etwa 1,5 Mil­lio­nen Ukrai­ner arbei­ten seit Jah­ren, teil­wei­se als Pend­ler, in Nied­rig­lohn­sek­to­ren Polens. Ukrai­ne­rin­nen arbei­ten als Nied­rig­lohn-Pro­sti­tu­ier­te und ‑Pri­vat­pfle­ge­rin­nen in West­eu­ro­pa, ver­mit­telt v.a durch pol­ni­sche Agen­tu­ren. Etwa 3 Mil­lio­nen sind in die Sowjet­uni­on und ande­re Staa­ten aus­ge­wan­dert. Mit dem Ukrai­ne-Kon­flikt zeig­te sich, ein­zel­nes Bei­spiel: Den LkW-Spe­di­tio­nen in der EU, z. B. mit Sitz in Litau­en, feh­len plötz­lich etwa 50.000 LKW-Fah­rer: Ukrainer.

2. »Nach dem Staatssozialismus der Sowjetunion wurde in Russland eine neuer Kapitalismus eingerichtet. Er ist auch eine Ursache für die Aggressivität Putins.«

Wolf über­spielt hier eine eigent­lich welt­be­kann­te, ein­fa­che Tat­sa­che: Nach 1990 wur­de mit mas­si­ver west­li­cher »Hil­fe« in Russ­land der Kapi­ta­lis­mus ein­ge­führt, ein Olig­ar­chen-Kapi­ta­lis­mus, wie stan­dard­mä­ßig auch in den meis­ten ande­ren ex-sozia­lis­ti­schen Staa­ten. Am bekann­tes­ten ist der Olig­arch Cho­dor­kow­ski. Sie plün­der­ten zusam­men mit west­li­chen Inves­to­ren und auch mit­hil­fe von Brief­kas­ten­fir­men in Finan­z­oa­sen die Volks­wirt­schaft aus, ver­arm­ten die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung. Die bekann­te Füh­rungs­fi­gur war Jel­zin: Mit Fami­li­en­mit­glie­dern besaß er zahl­rei­che Schmier­geld­kon­ten in der Schweiz, die west­li­che Bera­ter ein­rich­ten hal­fen. Der Har­vard-Öko­nom Jef­frey Sachs gab »wis­sen­schaft­li­chen« Bei­stand. US-Prä­si­dent Clin­ton plat­zier­te sei­ne eige­ne Wahl­kampf­trup­pe in Mos­kau, um Jel­zins zwei­ten Wahl­kampf zu organisieren.

  • Dann aber kam der Bruch: Die­ser kor­rup­ti­ve Aus­ver­kauf wur­de durch Putin been­det, auch wenn er wegen deren wirt­schaft­li­cher Macht­stel­lung nicht alle Olig­ar­chen los­wer­den konn­te. Der Kapi­ta­lis­mus blieb, aber der wesent­li­che Bruch war: Putin stopp­te den Aus­ver­kauf. Gera­de des­halb wird er seit­dem immer mehr als Feind, Dik­ta­tor, Irra­tio­na­ler, Macht­be­ses­se­ner angeprangert.

2. »Russland wird autoritär regiert«

Das kann sein. Es gibt vie­le Vari­an­ten auto­ri­tä­ren Regie­rens. Auch das kor­rup­te Zwei-Par­tei­en­sys­tem der USA mit dem »tie­fen Staat« ist eine bekann­te Vari­an­te auto­ri­tä­ren Regie­rens. Auch die EU ist eine auto­ri­tä­re Vari­an­te, die aus­drück­lich prio­ri­tär die Inter­es­sen von Pri­vat­un­ter­neh­men ver­tritt, wäh­rend das Par­la­ment kei­ne Haus­halts­ho­heit hat und kei­ne Regie­rung wäh­len darf. Die Golf-Staa­ten sind eine ande­re Vari­an­te. Die EU-Olig­ar­chen-Staa­ten Ungarn, Polen, Litau­en, Tsche­chi­en usw. wer­den auto­ri­tär regiert. Auch die Pan­de­mie-Poli­tik in Deutsch­land, die für Wolfs »Zero-Covid«-Erklärung aber noch nicht auto­ri­tär genug ist (weil z. B. die Unter­neh­men nicht geschlos­sen wer­den), ist eine Vari­an­te auto­ri­tä­ren Regierens.

Davon abge­se­hen, wäre in bestimm­ten exis­ten­zi­el­len Fra­gen das auto­ri­tä­re Auf­tre­ten demo­kra­ti­scher Staa­ten etwa gegen die sys­te­mi­sche Groß-Steu­er­flucht der Super­rei­chen und Groß­kon­zer­ne, beim Ver­bot der Nut­zung von Finan­z­oa­sen, bei der Bestra­fung der Nicht­be­zah­lung des Min­dest­lohns, beim Ver­bot rechts­ra­di­ka­ler bis neo­fa­schis­ti­scher Bewe­gun­gen usw. sehr sinnvoll.

Auch Jel­zin war auto­ri­tär, zudem besof­fen und kor­rupt – aber die­se Form des auto­ri­tä­ren Regie­rens war offen­sicht­lich (für den US-geführ­ten) Wes­ten gut.

Inso­fern ist die Cha­rak­te­ri­sie­rung Putins als auto­ri­tär, selbst wenn sie irgend­wie zutrifft, ers­tens kein wesent­li­ches Unter­schei­dungs­merk­mal und zwei­tens hier v.a. kei­ne Erklä­rung für das Ver­hal­ten gegen­über der Ukraine.

4. »Putin = irrational, der Westen = rational«

Wolf bezeich­net Putin als »irra­tio­nal«, den US-geführ­ten Wes­ten dage­gen als »ratio­nal«. Natür­lich ist das wirt­schaft­li­che, poli­ti­sche, mili­tä­ri­sche, geheim­dienst­li­che, media­le Vor­ge­hen der USA in vie­ler, for­ma­ler Hin­sicht ratio­nal, sehr ratio­nal. Z. B. haben die bekann­ten pri­va­ten US-Eli­te-Uni­ver­si­tä­ten wie Stan­ford, Yale, Johns Hop­kins und Har­vard hoch­pro­fes­sio­nel­le, ratio­na­le Metho­den des Regie­rens, auch des gewinn­brin­gen­den pri­va­ten Inves­tie­rens, des Schwä­chens und Bekämp­fens und Ver­nich­tens von Fein­den ent­wi­ckelt. Auch so wur­den die USA zur »ein­zi­gen Super­macht« auf- und ausgebaut.

Zu die­ser Ratio­na­li­tät gehö­ren aber bekannt­lich die tie­fe Ver­ar­mung, Erkran­kung und Ver­dum­mung der Mehr­heit der eige­nen US-Bevöl­ke­rung, die Auf­recht­erhal­tung von Ras­sis­mus, völ­ker­rechts­wid­ri­ge Krie­ge, regime chan­ges, Ein­set­zung von Dik­ta­to­ren, fai­led sta­tes usw.

5. »Putin droht mit Atomkrieg«

Selbst der in den ARD-Extras zur Ukrai­ne mehr­fach inter­view­te Mili­tär­ex­per­te der Bun­des­wehr­hoch­schu­le Mün­chen, Prof. Casa­ls, bezeich­net die von Putin cha­rak­te­ri­sier­te Sicher­heits­stu­fe als die 2. in einer Vierer-Skala.

6. »Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine verursacht eine weltweite Aufrüstung«

Nein, die Auf­rüs­tung begann mit der Grün­dungs­lü­ge der NATO 1949 – gut, das kön­nen wir »ver­ges­sen«. Aber seit 1990 expan­diert die NATO in Rich­tung Russ­land, obwohl die Grün­dungs-Begrün­dung weg­ge­fal­len ist (»kom­mu­nis­ti­sche Gefahr«). Zudem wur­den in Rich­tung Russ­land mehr als ein Dut­zend neue Staa­ten a) in die NATO auf­ge­nom­men, b) mit zusätz­li­chen US-Mili­tär­stütz­punk­ten ver­se­hen (Polen, Litau­en, Rumä­ni­en, Koso­vo und mit Offen­siv­waf­fen (Kurz­stre­cken-Rake­ten) aus­ge­stat­tet; c) bil­de­ten die USA mit den beson­ders rechts­ra­di­ka­len und regio­nal Russ­land-nahen Staa­ten Kroa­ti­en, Ungarn, Polen, Litau­en, Lett­land, Est­land die beson­ders aggres­si­ve »Ost-NATO«.

Seit Oba­ma, von Trump und Biden for­ciert, ver­lan­gen die USA die zusätz­li­che Auf­rüs­tung mit der 2 Prozent-Forderung.

Seit eini­gen Jah­ren wer­den jähr­lich mit nach Euro­pa zusätz­lich ver­leg­ten US-Trup­pen an der Gren­ze zu Russ­land die »Defender«-Manöver durchgeführt.

Wie im SIPRI-Bericht vom März 2022 aus­ge­führt: von 2015 bis 2020 hat kei­ne Regi­on der Erde die Waf­fen­im­por­te (aus den USA) so gestei­gert wie die EU.

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